Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008 d e

 

Winde/Vulkane (AEOLIA-GESÄNGE 27). Fortsetzung. Stromboli (39).

(...)
als ihr kleines Gesicht, der Gestorbnen, verfiel - eine Kaper,
bevor man sie faltig in Bottiche legt und in Töpfchen
und feilhält jahrdrauf, d a, auf der Bank vorm Alimentari:
zu Tausenden, salzige, neben getrockneten Mandeln, Seelen
die zu jenen die Lust sind, den Blüten die Knospen
(auf Salina beging man heute die Hochzeit; Junimädchen wählen
dabei schon die nächsten – sie ahnen es nicht, aber kosten
auch vom Auferstehn, dem nicht bewußten, bereits
Wenn das Feuerwerk böllert -)

nüchtern, dachte ich, das Gerechne am Abend
nüchterne Einkunft gegen nüchterne Kosten und Steuer,
nüchtern die Mama am Gasherd
nüchtern selbst die Tomaten
nüchtern der Rezeptionist
nüchtern der Fischer, sein „molto mare“
nüchtern wie ein Tourist banal ist, der seine Rechnung prüft
nüchtern jeden Espresso auf dem vom Obst leeren Teller zweimal gedreht-

„Posso?“ - ich probierte, die grüne Clitoris platzte
über der Zunge weinrot das Meer*

erst nüchtern die Kauffrau, nicht karg
wie einst, als es allein, nach dem Winter,
Bauern von den Nachbarinseln waren,
die den Flanken den Stein terrassierten
und setzten, die Weite herübergerudert
herübergesegelt Setzlinge ein, ihnen
von selber weiterzuwachsen, ungewässert
am wasserlosen Berg und abgeerntet,
die weiters unkultivierten, wenn's Zeit war;
karg und in Furcht auf den Lavastarren
standen für den Raccolto die Hütten
unter der Kaper, die aufbrach;
volle Schütten kamen, auch Oliven,
der kollektiven bitteren Arbeit ins Boot;
manch Kentern, manches Tod war auf See;
der Kaper Orchidee strahlt nur für einmal
morgens bis mittags ins ewige Haus,
vor dem die Klagenden gehn**

Noch blieb ich stehn – betäubt von dem Kapernfeuer
Die Frau aber, wie wenn s i e gekostet, schmatzte
zwei Mal, ihr brachen die kargen Lider vor Wissen
Sie schlug sie neu auf, fragte „Vuole?... Nicht teuer...“
Aus ihrer Pupille lachte spöttisch die Dohle

Als würd sie mich küssen -
Ich floh hinweg, floh zur Mole hinab -

[*) Bei Homer ist das Meer weinrot, nicht blau.
Siehe >>>> auch ARGO.
**) Nach Kohelet (Prediger), 12,5: „(...) die Kaper bricht auf,
denn der Mensch geht hin zu seinem ewigen Haus
und auf der Straße gehen die Klagenden umher.“]

>>>> AEOLIA-GESÄNGE 28/Stromboli 40
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