Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 

Die Nichtgeborenen.


”Papa?”
“Ja, mein Sohn?”
„Als ich noch nicht war....“
Der kleine Junge stockt.
„Ja?“
„Wo... wo war ich da?“
„In den Büschen warst du. Im Wind warst Du. Auch in dieser Tischplatte.“
„In der Tischplatte?“
„Und in Meeren. Im Wasser. Der Papa hat ein Buch darüber geschrieben. “
„Auch in dem Stein hier?“
„Ja, auch in dem Stein.“
„Und wie bin ich dann ein Kind geworden?“
„Guck dich einmal um, Junior. Schließ die Augen. Hör mal hin.“
Er kneift die Augen zusammen.
„Was hörst du?“
„Autos.“
„Autos. Und was noch?“
„Wind. Und die Straßenbahn. Und Kinder.“
„Hör genauer hin.“
Er kneift die Lider fester auf die Augäpfel.
„Es ist fast nicht zu hören, mein Junge.“
„Was denn, Papa?“
„Dazwischen hört man manchmal ganz feine Stimmchen. Ganz ganz fein. Hörst du sie?“
Er strengt sich an, zweifelt etwas, dann sagt er: „Ich glaube ja.“
„Wenn es still ist, hört man sie besser. Zum Beispiel bei Nacht.“
„Jetzt, ja, wieder. – Und was ist das?“
„Das sind die Nichtgeborenen, die sich unterhalten. Die noch-nicht-Geborenen. Die noch-nicht-Wiedergeborenen. Sie schwatzen viel, sie lachen, sie kaspern herum. In den Steinen, den Blättern, oben von den Sternen herunter. In der Erde. In den Regenwürmern. Aber manchmal werden sie da herausgeholt. Denn plötzlich hören sie einen Ruf.“
„Was für einen Ruf?“
„Von einem Papa und einer Mama.“
„Von Mama und dir?“
„Den hast nur d u gehört.“
„Warum nur ich?“
„Es geht den Nichtgeborenen mit uns wie dir mit ihnen: Sie hören uns fast nicht. Für sie sind w i r zu leise. Sie müssen auf uns lauschen wie du jetzt auf sie. Rufen aber die Richtigen, rufen die, die sie wollen, dann hören sie das sofort.“
„Und wann rufen die?“
„Wenn Papa und Mama miteinander schlafen. Wenn ihre Körper sich lieben. Dann. Wenn sie ihr Schwänzchen und ihr Möschen verbinden. Wenn sie ineinander und eines sind. Und dann... sofern sie dann rufen... dann hören es i m m e r die Richtigen.“
„Die Nichtgeborenen? Und was tun die dann?“
„Das mußt du doch wissen, mein Junge. Du hast es doch gemacht. Du hast die Mama und mich rufen hören und bist aus deinem Stein oder deinem Busch oder aus dem Meer ganz schnell in Mamas Bauch geflogen. Das konntest du ja auch, weil du wählen konntest, ob du nun gerade in einem Stein oder einem Blatt oder in einer Katze oder in einer Welle sein möchtest. Oder eben in Mamas Bauch. Solange wir nicht geboren sind, können wir das alle.“
„Und wenn wir tot sind?“
„Wenn wir sterben, dann lösen wir uns wieder von unseren Körpern. Dann bekommen wir die Fähigkeit zurück, unsere Gestalt zu verändern oder Teil einer anderen Gestalt zu werden.“
„Bis dahin nicht?“
„Doch, aber nicht immer. Und nicht völlig. Nämlich dann, wenn eine Frau und ein Mann miteinander schlafen. Das ist das Allerschönste daran, daß ihre körperliche Liebe sie an die alte Fähigkeit erinnert.“
„Dann werde ich also wieder ein Stein?“
„Wenn du tot bist.“
„Oder eine Welle.“
„Oder ein Stern.“
Er lacht. „Oder eine Katze.“
„Oder alles zusammen.“

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