Arbeitsjournal. Donnerstag, der 14. Dezember 2006.
5.29 Uhr:
[Villa Concordia Bamberg.]
Abermals zum Mißbrauch. Und zu seinen lebenslangen Folgen, auch und gerade in seiner meist unbewußten, bisweilen allerdings auch bewußten Umkehrung. Für dieses "Bisweilen" könnten BDSM-Szenarien stehen (stehen sie aber meist nicht; doch haben sie die Chance). Allmählich formt sich in meiner Vorstellung, sowie aus weiteren Skizzen, eine nahezu Kulturtheorie daraus. Ich kann aber - wegen ARGO - derzeit nicht mehr dafür leisten, als immer mal wieder eines der entsprechenden Notate in Die Dschungel zu stellen und zu schauen, vielleicht auch drauf zu erwidern, welche Reaktionen es auslöst, diese dann festzuhalten und auch etwaige Diskussionen in die Skizzen zu kopieren, um sie dann später thesisch/antithesich mit hineinzubauen oder sogar eines Tages zur Grundlage weiteren, dann eines ausgeführten Denkens zu machen. Von hieraus - so habe ich den Eindruck: in dieser Art Psychodynamik - beginnt ein ganz anderes Verständnis dessen sowohl, was Kunst, als auch was zivilisierte Gesellschaft-insgesamt sei. Manches freilich veröffentliche ich in Der Dschungel noch nicht, aus persönlichen Gründen, aus Rücksichtnahme, aus Liebe usw.; meinem Naturell entspricht dieses Verschweigen nicht, aber es geht ja nicht nur noch um mein Naturell. Also werd ich es mir angewöhnen, derartiges abseits festzuhalten und dann später entweder in diese mögliche Theorie des Perversen oder aber in Romanszenen einzubinden oder auch, beides zu tun. Manches m u ß auch gar nicht notiert werden, es frißt sich in den Kopf, Erlebnisse ritzen sich ein, über die man im selben Moment schon nachdenkt und deren Bedeutung, mögliche Bedeutung, auch durchgesprochen wird. Etwa kam mir gestern in einem Gespräch die ausgesprochen starke Vermutung, daß etwa das, was als Mißbrauch, vornehmlich von Mädchen, öffentlich als verbrecherische Ausnahme hingestellt wird, weshalb es - berechtigterweise - immer wieder für Empörung sorgt… daß eben genau das n i c h t Ausnahme, sondern nahezu Normalfall ist, jedenfalls sehr viel weiter verbreitet, als diese auf Privatheit und Intimität-als-Nur-Eigenes (Eigentum!) angelegte Gesellschaft zulassen will. So fällt mir heute morgen der Satz ein:
Mißbrauch ist immer von äußerer Macht umgeleiteter, umgezwungener Trieb.
Wenn man den Satz ernst nimmt, geht er weit über sexuellen Mißbrauch hinaus, und zwar gerade in seiner (berechtigten) Umkehrung. Wobei diese Umleitung grundsätzlich Umformung bedeutet: Er bleibt völlig erhalten (auch für die Psyche gilt ein Energieerhaltungssatz), bekommt aber - zum Beispiel durch Traumatisierung - eine andere Richtung. Schon landet man wieder bei der Sublimation, aber auch kathartischen Modellen von Kunst, wie sie in der Antike erschienen: einer völlig gegensätzlichen Auffassung zu der, die die humanistische Klassik vertrat und die unser demokratisches Grundverständnis trägt. Etwa wäre, aus meiner jetzigen Sicht, eine solche Theorie der Perversion mit dem Satz zu beginnen:
Alle Kultur stammt aus mit Geist verschnittenem Leid und setzt dieses Leid umgebogen fort. Kultur ist ein Akt der Perversion.
Das ist jetzt alles sehr ungefähr, aber zeigt in die Richtung.
Mit ARGO s e h r gut weitergekommen; der ganze Teil II ist in einem ersten Durchlauf durchkorrigiert. Jetzt geh ich an Teil III. Nachdem auch Teil IV soweit fertigsein wird, werde ich anfangen, die Hunderte Notate, Arbeitsfußnoten und >>>> Überarbeitungsnotizen über das Gesamt-TS hin abzuarbeiten. Dann muß ich sämtliche Korrekturen aus der EF ins zur ZF umzubauende Typoskript übertragen. Ich hoffe, damit bis zwischen den Jahren fertigzusein; falls nicht, muß ich umdisponieren, weil ich den Roman ja sowohl für das Berlin-Stipendium als auch für den Döblinpreis einreichen will und für die entsprechende Typoskriptfassung nur bis zum 15. bzw. 31. Januar Zeit habe. Dafür muß es notfalls auch ohne den letzten Arbeitsschritt gehen, also notfalls muß eine sozusagen halbe ZF eingereicht werden. Das schmeckte mir nicht, wäre aber erst- (und leider letzt-)mal nicht zu ändern. „Im Zweifel für die Tatsachen“, sagt Hegel – ein Satz, den meine Poetik g a r nicht mag.
So, all’arma!
19.55 Uhr:
Schon witzig, daß mich >>>> Lus SMS ausgerechnet >>>> nach pausenbrots erneutem Stalking erreichte und daß sich dann herausstellt, sie sei fehlgeschickt worden, nämlich für jemanden ganz anderes bestimmt gewesen. Wir haben eben darüber telefoniert. Ich hab Lu jetzt die Links auf den Sachverhalt hinübergeschickt, damit sie nachlesen kann, weshalb ich so empfindlich reagiert habe. Andererseits will ich wegen der danach angestoßenen >>>> Diskussion mit rostschleifer den entsprechenden Beitrag aus Der Dschungel nicht mehr löschen.
Insgesamt hat mich die in den Kommentaren unter diesem heutigen Arbeitsjournals-Eintrag deutlich werdende Mißbrauchsdiskussion etwa einen halben Tag Denken und Arbeit gekostet; aber das ist ganz sicher kein Verlust, sondern hat weiterhin geklärt, womit sich - imgrunde seit dem >>>> Buchverbot - ein nicht unmaßgeblicher Teil meines Interesses nahezu unentwegt beschäftigt.
Dennoch, mit ARGO weitergekommen. Vielleicht korrigier ich auch jetzt noch etwas weiter. Wiewohl mir nach Ausruhen oder aber – Weiterstreiten ist.
[Villa Concordia Bamberg.]
Abermals zum Mißbrauch. Und zu seinen lebenslangen Folgen, auch und gerade in seiner meist unbewußten, bisweilen allerdings auch bewußten Umkehrung. Für dieses "Bisweilen" könnten BDSM-Szenarien stehen (stehen sie aber meist nicht; doch haben sie die Chance). Allmählich formt sich in meiner Vorstellung, sowie aus weiteren Skizzen, eine nahezu Kulturtheorie daraus. Ich kann aber - wegen ARGO - derzeit nicht mehr dafür leisten, als immer mal wieder eines der entsprechenden Notate in Die Dschungel zu stellen und zu schauen, vielleicht auch drauf zu erwidern, welche Reaktionen es auslöst, diese dann festzuhalten und auch etwaige Diskussionen in die Skizzen zu kopieren, um sie dann später thesisch/antithesich mit hineinzubauen oder sogar eines Tages zur Grundlage weiteren, dann eines ausgeführten Denkens zu machen. Von hieraus - so habe ich den Eindruck: in dieser Art Psychodynamik - beginnt ein ganz anderes Verständnis dessen sowohl, was Kunst, als auch was zivilisierte Gesellschaft-insgesamt sei. Manches freilich veröffentliche ich in Der Dschungel noch nicht, aus persönlichen Gründen, aus Rücksichtnahme, aus Liebe usw.; meinem Naturell entspricht dieses Verschweigen nicht, aber es geht ja nicht nur noch um mein Naturell. Also werd ich es mir angewöhnen, derartiges abseits festzuhalten und dann später entweder in diese mögliche Theorie des Perversen oder aber in Romanszenen einzubinden oder auch, beides zu tun. Manches m u ß auch gar nicht notiert werden, es frißt sich in den Kopf, Erlebnisse ritzen sich ein, über die man im selben Moment schon nachdenkt und deren Bedeutung, mögliche Bedeutung, auch durchgesprochen wird. Etwa kam mir gestern in einem Gespräch die ausgesprochen starke Vermutung, daß etwa das, was als Mißbrauch, vornehmlich von Mädchen, öffentlich als verbrecherische Ausnahme hingestellt wird, weshalb es - berechtigterweise - immer wieder für Empörung sorgt… daß eben genau das n i c h t Ausnahme, sondern nahezu Normalfall ist, jedenfalls sehr viel weiter verbreitet, als diese auf Privatheit und Intimität-als-Nur-Eigenes (Eigentum!) angelegte Gesellschaft zulassen will. So fällt mir heute morgen der Satz ein:
Wenn man den Satz ernst nimmt, geht er weit über sexuellen Mißbrauch hinaus, und zwar gerade in seiner (berechtigten) Umkehrung. Wobei diese Umleitung grundsätzlich Umformung bedeutet: Er bleibt völlig erhalten (auch für die Psyche gilt ein Energieerhaltungssatz), bekommt aber - zum Beispiel durch Traumatisierung - eine andere Richtung. Schon landet man wieder bei der Sublimation, aber auch kathartischen Modellen von Kunst, wie sie in der Antike erschienen: einer völlig gegensätzlichen Auffassung zu der, die die humanistische Klassik vertrat und die unser demokratisches Grundverständnis trägt. Etwa wäre, aus meiner jetzigen Sicht, eine solche Theorie der Perversion mit dem Satz zu beginnen:
Das ist jetzt alles sehr ungefähr, aber zeigt in die Richtung.
Mit ARGO s e h r gut weitergekommen; der ganze Teil II ist in einem ersten Durchlauf durchkorrigiert. Jetzt geh ich an Teil III. Nachdem auch Teil IV soweit fertigsein wird, werde ich anfangen, die Hunderte Notate, Arbeitsfußnoten und >>>> Überarbeitungsnotizen über das Gesamt-TS hin abzuarbeiten. Dann muß ich sämtliche Korrekturen aus der EF ins zur ZF umzubauende Typoskript übertragen. Ich hoffe, damit bis zwischen den Jahren fertigzusein; falls nicht, muß ich umdisponieren, weil ich den Roman ja sowohl für das Berlin-Stipendium als auch für den Döblinpreis einreichen will und für die entsprechende Typoskriptfassung nur bis zum 15. bzw. 31. Januar Zeit habe. Dafür muß es notfalls auch ohne den letzten Arbeitsschritt gehen, also notfalls muß eine sozusagen halbe ZF eingereicht werden. Das schmeckte mir nicht, wäre aber erst- (und leider letzt-)mal nicht zu ändern. „Im Zweifel für die Tatsachen“, sagt Hegel – ein Satz, den meine Poetik g a r nicht mag.
So, all’arma!
19.55 Uhr:
Schon witzig, daß mich >>>> Lus SMS ausgerechnet >>>> nach pausenbrots erneutem Stalking erreichte und daß sich dann herausstellt, sie sei fehlgeschickt worden, nämlich für jemanden ganz anderes bestimmt gewesen. Wir haben eben darüber telefoniert. Ich hab Lu jetzt die Links auf den Sachverhalt hinübergeschickt, damit sie nachlesen kann, weshalb ich so empfindlich reagiert habe. Andererseits will ich wegen der danach angestoßenen >>>> Diskussion mit rostschleifer den entsprechenden Beitrag aus Der Dschungel nicht mehr löschen.
Insgesamt hat mich die in den Kommentaren unter diesem heutigen Arbeitsjournals-Eintrag deutlich werdende Mißbrauchsdiskussion etwa einen halben Tag Denken und Arbeit gekostet; aber das ist ganz sicher kein Verlust, sondern hat weiterhin geklärt, womit sich - imgrunde seit dem >>>> Buchverbot - ein nicht unmaßgeblicher Teil meines Interesses nahezu unentwegt beschäftigt.
Dennoch, mit ARGO weitergekommen. Vielleicht korrigier ich auch jetzt noch etwas weiter. Wiewohl mir nach Ausruhen oder aber – Weiterstreiten ist.
albannikolaiherbst - Donnerstag, 14. Dezember 2006, 06:11- Rubrik: Arbeitsjournal
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