The apparition of these faces in the crowd;
Petals on a wet, black bough. (12/7)
Die Gesichter in der Masse: Kronblätter am
verschmutzten Zweig, ganz nasse.* (12/7)
Nach den bisherigen, teils berechtigten >>>> Einwänden gegen meinen Vorschlag und nach den bisherigen ‚Gegen’vorschlägen, dichte ich jetzt s o nach:
Die Gesichter in der Masse: nasse Blüten
an regenschwarzem Geäst.** 12/7
*) Das ist sehr frei übersetzt, aber wirkt im Deutschen sinnlicher als Beilharz’ gegenüber dem englischen, lautlich satten ‚apparition’ verwendetes, arg kopfdürres ‚Erscheinen’, zumal „die Gesichter in der Menge“ als genannte ohnedies bereits ‚erscheinen’; das muß nicht wiederholt werden. Dafür wird meine Version mit „Kronblätter“ genauer, weil s i e es sind, was die Umgangssprache mit ‚Blütenblätter’ meint und nicht auch die zu diesen gehörenden Frucht- und Staubblätter. Zudem ‚kronen’ nun die Gesichter mitgemeint auf der Masse. Da, wenn der Zweig naß ist, es auch die Blüten sind, darf „wet“ auf sie verschoben werden. Damit läßt sich ein weiteres Bedeutungsspiel in die zwei Zeilen streicheln: ‚black’ bedeutet im Englischen nämlich nicht nur ‚schwarz’, sondern auch ‚schmutzig’. Das nutzend, bekommt Pounds ‚nasser, schwarzer Zweig’ unversehens die Unmittelbarkeit eines Naturbilds. Die Konstruktion eines angedeuteten Reimes („Masse“/„nasse“) zurrt das Gedicht z u d e m noch zusammen. Außerdem haben die Gesichter jetzt erst die (wahrscheinlich) gemeinte Zärtlichkeit des Individuellen, das sich vom schwarzen Zweig abhebt. Und sind zugleich ebenso vergeblich.
**) „Geäst“, weil ein einziger Zweig nicht mit „Menge“, bzw. „Masse“ korrespondiert; außerdem ist „bough“ nicht nur der Zweig, sondern auch der Ast. Nun sitzen Blüten nicht auf Ästen, im Geäst aber sehr wohl.
inwiefern "apparition" satter klingt als "erscheinen", vermag ich mangels tieferer verwurzelung im englischen nicht zu entscheiden. dennoch "erscheinen" die engel und sonstige wesen, die man sonst nicht sieht, allüberall im schriftgut. also "kopfdürr" ist es nicht. die gesichter in der menge erscheinen durchaus, weil eine menge zumeist gesichtslos ist für den, der sie auf sich zukommen sieht. da sind durchaus keine gesichter, nur schemen wie strichmännchen. das bewußte hinsehen erst zeichnet die gesichter und läßt sie auf diese weise erscheinen. darum ist dieser umstand zu betonen. zu "petals" werden sie dem bewußten blick, denn sie blühen auf im genaueren hinsehen, während der regen sonst grau von schwarzen zweigen tropft, und man bei regen oft versucht ist, eben nur das grau in grau zu sehen. schau genauer hin, sagt pound: dann wird auch ein gesicht zur blüte, die sich öffnet. darum ist die wahl der "kronblätter" irreführend: es soll ja keine botanische genauigkeit angestrebt werden. auch die assoziation von "black" zu "schmutzig" leuchtet nicht ein. von schmutz ist nicht die rede. denn genauso könnte man das deutsche "schwarz" etwa zu einem "wer fürchtet sich vorm schwarzen mann?" assoziieren (so jagte man mir als kind mal angst vorm schornsteinfeger ein). daß das gedicht "gezurrt" werden müsse, steht der form des haiku entgegen: es bleibt ein offener spielraum, ein zusammenklingen, eine dialektik. ein haiku ist nie explizit.
gesichter in der
menge: blüten im regen
am schwarzen gezweig
Nur hat Pound bewußt einen Zweizeiler schreiben wollen; auch ich war anfangs versucht, am japanischen Haiku (5-7-5) orientiert, in einen Dreizeiler zu transponieren. Hingegen ist mir der "schwarze Zweig" in Verbindung mit Masse/Menge schwerer nachvollziehbar, als das Schmutzige daran, Schmierige... wer über nasse Zweige mit dem Finger streicht, bekommt oft einen schmutzigen Daumen. Darauf assoziiert meine Version.
Das Problem in "Erscheinung" ist nicht Erscheinung selbst, sondern die Verbindung von "D i e Erscheinung" mit dem folgenden Genitiv; d a s macht die Formulierung kopfdürr, also abstrakt. Gemeint ist aber Erscheinung in Deinem Engel-Sinn. Da etwas, das ich sehe, ohnedies erschienen ist, lasse ich's bei "Gesichter in der Masse" bewenden. Schon Gesicht ist dann Erscheinung; sie noch extra zu benennen, verdoppelt bloß. Genau in diesem Sinn, daß eben g e n a u e r hingesehen werden soll, wird meine Wahl von Kronblätter geradezu gestützt.
Womit ich Dir recht gebe, ist der angespielte Reim. Da das Deutsche im Gegensatz zum Japanischen keine >>>> Moren kennt, sondern sich völlig anders strukturiert (wobei in unserer Sprache die Anzahl der Silben - nicht etwa Takten - ebenfalls kaum lyrisch-sinnvoll dienlich ist), wandte ich mich an ein anderes Mittel. Da aber stimmt es, daß zu sehr geschlossen wird. Deshalb formuliere ich um: Die Gesichter in der Masse: Kronblätter am
verschmutzten Zweig, ganz naß.
das muster 5-7-5 ist mir mit der zeit sehr lieb geworden: es diszipliniert. daß es nicht so sein muß, ist mir bekannt. ansonsten schätze ich die haiku-form wegen der verknappung, was dazu zwingt, worte zu sparen, aber dafür signifikantere worte zu wählen.
mit den worten "masse" (vielleicht wegen einer assoziation zu den "massen", die einst meinethalben den KBW wählten, was dann 0,0001 % entsprach oder so), "kronblätter" (das geht keinem leser wirklich ein) und "verschmutzt" (siehe meinen kommentar weiter oben) bin ich nach wie vor nicht einverstanden.
weitere variante:
gesichter in der menge: wie blüten
an naßschwarzen zweigen
(ich sammle gerade die walnüsse ein, die tag für tag fallen: o der schwarzen fingernägel! ich empfinde das aber nicht als schmutz. schmutz wäre ruß, oder industriepartikel. auch erde macht schwarze fingernägel, wenn man im garten arbeitet. und wenn man dann noch harziges holz sägen will: lieber handschuhe tragen!)
auf das wort "apparition" wird sehr viel von dem gelegt, was den text tragen hilft, vgl. hier: http://www.english.uiuc.edu/maps/poets/m_r/pound/metro.htm . "erscheinen" und "auftauchen" wollen da in der tat nicht sehr gut funktionieren. eher käme dem text eine gleichung wie gesichter=gesichte auf die spur. ich hab's selbst noch mal versuchen wollen:
aus der menge die
gesichter : blüten
im naßtrüben gezweig
Prunier meinte am 26. Okt, 17:37:
Ein Vorschlag auf französisch
Ces visages surgissant de la foule;
Pétales sur un rameau humide et noir
Eigentlich. Aber "Tau" geht nun in eine g a n z andere Richtung. Bei Pound ö f f n e n sich die Blüten (Gesichter) ja sozusagen dem, der sie sieht. "Tau" wäre da schon zu nah und entweder, wenn der Nektar gemeint ist, schon berührt oder, wenn Tau auf Blütenblättern gemeint ist, auf eine weitere MetaEbene verschoben; denn: was wären dann die Blüten selbst?
@sumuze. Es wäre dann aber, nutzte man das, ein "Ankommen in der Masse".
Bekäme man es irgendwie hin, dieses Ankommen sich auf eines in der Métro-Station beziehen zu lassen (auch aufs Ankommen der Métro-Züge), wäre das allerdings sehr sehr fein. Leider haben Stationen der Untergrundbahnen meist nur z w e i Gleise und nicht, wie das Vorfeld eines Eisenbahn-Bahnhofs, ein Ast(!)werk vieler.
u-bahn-netz = astwerk geäst baum; station = bough;
faces, crowd = petals; rails, platform = black and wet , hier wet als klebrig, nässend, schleimig?; tube = black bough; apparition = vielleicht auch im Sinne von anspringen, anmuten?
Nur mal so als materialsammlung
"Ankommen in der Masse" ist falsche Fährte, nicht der Betrachter kommt in der Masse an, die Masse kommt auf ihn zu, vielleicht noch die ankommende Masse, Erwartung des Ankommens, das aber dann schon sehr enfernt
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albannikolaiherbst - 29. Aug, 15:54 Arbeitsjournal. Freitag, der 29. ...
5.25 Uhr:
[Arbeitswohnung. Bach, Kunst der Fuge (Orgelfassung), Glenn Gould (Cass.-„Projekt“, Nr. 8).]
Latte ...
read An - 29. Aug, 15:05 @Barnabas H. Knitl
Sagen Sie mal, sind Sie tatsächlich der, der ich glaube dass Sie das sind?
Hat was mit der Benutzung ...
Melville - 29. Aug, 06:50 Ich hingegen hatte es verstanden, ...
Es hätte keinen Sinn gehabt, sie einfach nur abzuschiessen, schon gar nicht aus solcher Nähe. Zumal sich ...
albannikolaiherbst - 29. Aug, 06:24 Der Arbeitsfortschritt vom 26. bis ...
DER ENGEL ORDNUNGEN, Revisionen ff.
>>>> horen– Themenband zu Anderswelt: Titelfindung, ...
ist seit 1539 Tagen online,
zuletzt aktualisiert am 29. Aug, 18:33
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