ConAlma meinte am 2006/10/01 18:51:
sans plume
Nicht nach- und zurück-, sondern hinfühlen muss ich nur, an mir, um zu sagen: ja, die Wahrnehmung der Schönheit i s t mit Entfellung verbunden, vor allem die mir so wesentliche Wahrnehmung der eigenen (Mösen)Schönheit. Denn die nackte und zarte Haut ermöglicht ein auch für sich selbst so feines taktiles Erleben, dass das (eigene) Geschlecht nicht anders als s c h ö n empfunden werden kann, ungeachtet des tatsächlichen Anblicks. Und der Blick aufs andere Geschlecht: da war mir wohl immer die vorgegebene Seidenhäutigkeit des Phallus Grund für Schönheitsempfinden; jedoch, ich räume ein, es liegt auch an den Proportionen, die in sich stimmig dann ungeachtet absoluter Abmessung zu einer Wahrnehmung von mehr oder weniger schön führen.
Dass in einer Generation rund um die 50 (in der ich mich bewege) auch Männer zur Enthaarung sensibler Stellen schreiten, nahm ich zunächst mit Überraschung, dann aber mit Vergnügen zur Kenntnis. Und sie vermittelt, so muss ich beim Nachfühlen feststellen, eine gegenüber der früher eher wahrgenommenen animalischen Erregung tatsächlich eine ins Ästhetischere verschobene.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/2744890/#2746592
montgelas antwortete am 2006/10/01 19:29:
Ich sehe in der Verschiebung des Animalischen
ins ästhetisch Nackte eher eine modische Decadence, die Märkte erzeugt, um sie dann abschöpfen zu können. Heute war ich im Garten Eden, so heißt meine Sauna, wo ich mich gern entspanne und beobachte tatsächlich den Zuwachs genitaler Nacktheit bei über fünfzigjährigen Frauen und Männern. Parallel dazu entwickelt sich eine Tätowierungssucht bei dieser Altersgruppe, die ich so vor Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Die Einkommensverhältnisse der Nackten, ob Schein oder Real, können jetzt an der Größe und Perfektion des Tatoos abgelesen werden. Ich finde die Entwicklung bedauerlich, unabhängig davon, dass ich manches auch als ästhetisch schön empfinde. Dem Grunde nach bin ich ein Anhänger Courbets, der Gillette immer noch nicht für einen Maler halten kann.Ergänzung:
Erregend ist für mich der lebendige Blick, die Stimme, die samtne Haut. Die jetzt per Gillette hingemeißelten lebenden "griech. Statuen" bestaune ich zwar mitunter, als wäre ich bei einer Vernissage. Manche sind schön. Sicher. Aber sie leben irgendwie nicht, sondern sind ihr eigener Galerist und stellen sich aus.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/2744890/#2746753
parallalie antwortete am 2006/10/01 20:15:
Ich nahm einmal eine vollständige Enthaarung (also Kopf, Kinn, Schambein) vor, nachdem ich in einer kalten Frühjahrsnacht frierend auf dem Fußboden lag, in einer Art Zitter- und Ernüchterungszelle, in der es kein Echo gab für meine Schreie. Die Kälte tat mir weh. Ich begab mich ins Badezimmer, stellte den Heizlüfter an und begann mich kahlzuscheren und stellte mir vor, wie sich zwei einander kahlscheren, das war das Erotischste daran, diese Vorstellung. Im Morgengrauen dann stand ich vorm Fenster ohne Kleidung und ohne Haare und sah ein Auto zur Frühschicht fahren. Am folgenden Tag kam ich mir lächerlich vor. Der ungewohnte Anblick im Spiegel. Aber es war nicht mehr rückgängig zu machen. Es war ein Ritual gewesen. Irgendein Opfer, daß ich darbringen muße. Die Ästhetik hatte damit wenig zu tun.Was aber machen wir mit den Fingern und den Haaren, die durch sie hindurchgleiten, als wollten sie dem Gras aus der Erde heraus helfen. Haut ist glatt, aber Haarflaum ist auch weich, sehr weich. Ich lehne diese Glätte ab, sie erzeugt keinen Widerstand, sie verlangt kein Überwinden, sie präsentiert sich als "makellos" - und lasse dieses Wort provokatorisch stehen, weil es eine solche Glätte durchaus auch mit Aseptischem zusammenhängt. Wir sind rein, drum dürfen wir. Tatsächlich denke ich an Meister Propper jetzt.
Das soll nicht heißen, daß der Gedanke seine Berechtigung hat. Der nämlich, daß wir ohne Fell herumlaufen. Dennoch kann auch das formuliert werden: Das dennoch vorhandene Fell zieht uns an. Nämlich dort, wo ein gewisser Sprachgebrauch die "Scham" plaziert. "Uns", d.h. "Mich".
Das von montgelas angesprochene Tätowieren hat indes andere ästhetische Motive: es ist ein Sich-Brandmarken im Unterschied zum ursprünglichen Tätowieren. Der Körper wird nicht mehr als Symbol tätowiert, sondern als gängige Message, wie man ein T-Shirt trägt mit einer bestimmten Aufschrift, die signalisieren soll, daß wir cool sind und vor nichts zurückschrecken.
Courbet, ja, dieses Bild schließt auch "Inzest oder Die Entstehung der Welt" von Alban Nikolai Herbst und Barbara Bongartz ab.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/2744890/#2746991
montgelas antwortete am 2006/10/01 20:27:
Aseptisch.
Danke, ich kam einfach nicht auf den Begriff.Aseptisch - ja das ist mein Empfinden bei dem Anblick haarloser "scham -loser " (bitte nicht falsch verstehen !) Nacktheit.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/2744890/#2747045
montgelas antwortete am 2006/10/01 20:49:
Esau - Leider fällt mir im Moment keine weibliche Entsprechung ein.
Die aktuelle Ablehnung Esaus, dies nur zur Anregung, verweist in tiefe kulturgeschichliche Zusammenhänge über die sich auch nachzudenken lohnt.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/2744890/#2747123
parallalie antwortete am 2006/10/01 21:16:
Doch endlich die Stelle gefunden:"Wir sollen mit Jakob von den Tieren der Herde dem Vater ein stärkendes Essen bereiten und nicht mit Esau gehen, im Walde zu jagen, d.h. in jüdischer Art im Äußerlichen steckenbleiben." Abaelard: Sechster Brief, Heloisa an Abaelard
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/2744890/#2747206
ConAlma antwortete am 2006/10/02 07:30:
Haarflaum, weich
Wenn denn ...! Doch dicht-struppiges Gelocke, auf der Suche nach verborgenen Lippen darunter sich hart den tastenden Lippen entgegensetzend, vermittelt alles, nur nicht jene Ästhetik, der hier nachgefragt wurde.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/2744890/#2748152





















