montgelas meinte am 2006/01/26 09:19:
Guten Morgen
Guten Morgen Herr Herbst, ich habe Ihren Hilferuf gelesen.
Mehr als zwei Napoleon d'Or hat Montgelas im Moment nicht übrig.
Armut ist relativ ! Lassen Sie sich von dummen Kommentaren anonymer Schreiber nicht irritieren, ich jedenfalls bestaune ihre Offenheit und lerne von ihr.
Mit spitzwegischen Grüßen
Montgelas
P.s. Die Borgesarbeiten sind für mich ein echter Gewinn.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1468591
albannikolaiherbst antwortete am 2006/01/26 10:08:
@montgelas.
Danke. (Wegen Borges).Die Einwände und Anwürfe, die Sie dumm nennen, zeigen wahrscheinlich bloß, daß nicht genau nachgedacht wird. Deshalb kommentiere ich sie nicht.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1468762
mario (Gast) antwortete am 2006/01/26 15:48:
Die Meinung anderer dumm zu nennen, weil anderslautend als die eigene , ist dumm.
Auch, ihnen zu unterstellen, sie hätten nicht genug nachgedacht.
Herbsts Auffassung ist nachvollziehbar, unterscheidet sich aber sehr von anderer Leute Art, sich den Lebensunterhalt zu "verdienen". Auch andere Menschen haben Träume und Begabungen, sie stellen aber - sicher mit Enttäuschung - fest, daß sie mit der Verwirklichung dieser Träume sich nicht das tägliche Überleben sichern können. Sie suchen andere Wege.
Herbst tut das auf seine Weise, muß aber mit Kommentaren von Zeitgenossen rechnen, die sich auf vielleicht nicht sehr angenehme Weise den Lebensunterhalt für sich und - gegebenenfalls - für eine Familie zu verdienen.
Die Abschied nehmen von Träumen, zumindest teilweise.
Daß die Leser die Dschungel frequentieren, ist ja teil seines Konzepts. Daß s i e dann auch dafür bezahlen sollen, ist schon eine gewagte Rechnung.
Ob die Beschäftigten des Innenministeriums auch so gedacht haben, als sie sich ihre monetäre Lebensplanung vorstellten?
Oder muß es solche "Dummen" , die brav für ihre Moneten schuften und sich noch dafür belächeln lassen müssen, geben, um Künstler zu subventionieren?
Sich als verkanntes Genie zu gerieren, das erst später zu verdienten Ehren kommt, ist zumindest eine gewagte Rechnung.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1470516
montgelas antwortete am 2006/01/26 16:19:
@mario
In den Dschungeln gibt es offenbar "glattes Parkett". Es ist wahr, das Adjektiv ist einfach zu schnell in die Tasten gerannt, es ließ sich nicht aufhalten...
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1470663
albannikolaiherbst antwortete am 2006/01/26 16:38:
@mario. Wer spricht von "verkannt"?
>>>> siehe. Nicht gewollt, weil nicht passend, scheint mir es treffender auszudrücken.Was nun die "normal" Beschäftigten anbelangt, so maße ich mir da kein Urteil zu. Das muß jeder selbst wissen, inwieweit er mit entfremdeten Verhältnissen zu Rande kommt. Ich weiß auch nicht, woher Sie das nehmen, daß diese Menschen hier belächelt würden. Außerdem gibt es viele Berufe, die von denen, die ihnen nachgehen, g e r n ausgefüllt werden; es sind Wunschberufe, vom Handwerker bis zum Wissenschaftler oder auch Gärtner. Das Problem des Künstlers ist ein anderes insoweit, als das, was Kunst i m m e r getragen hat, nämlich ein Mäzenatentum, nicht mehr gibt, sei es privater Natur (dafür haben wir hierzulande seit Ende des Feudalismus kaum eine Tradition), sei es öffentlicher Natur (hier sind die Gelder nicht mehr da - wohl aber dafür, wie ich heute früh hörte, möglicherweise die Bundeswehr atomar zu bewaffnen (Scholz).
Ein Drittes ist die V i s i o n, ist die Besessenheit von einer künstlerischen Idee. Es mag sein, daß man damit scheitert, es mag aber auch nicht sein. Um nicht zu scheitern, sucht man Wege. Der meines Newsletter-Aufrufs i s t so ein Weg, und seit vorhin muß gesagt sein: einer, der erfolgreich war. Dank der Leser nämlich.
Übrigens m ü s s e n die Leser Die Dschungel nicht bezahlen, nicht einmal dann, wenn sie ganz offensichtlich viel von der Lektüre haben. Sie k ö n n e n aber, und ich sage dann nicht nein, sondern bin sehr gücklich, Ihnen allen weitere Lektüre bieten zu können. (Meine Arbeitszeit an Den Dschungeln liegt bei täglich ungefähr vier Stunden; manchmal sind es mehr. Mir ist unverständlich, wieso Sie meinen, daß dem keine Gegengabe gebührt. Bei Ihrem Bäcker, dort die Brötchen umsonst zu nehmen, Pardon, aber da kämen Sie erst gar nicht auf die I d e e.)
Zur Arbeitszeit: Ich schreibe ungefähr zehn Stunden, manchmal zwölf und mehr täglich; dazu gehören auch die Wochenenden, allerdings mit viellecht fünfsechs Stunden da, weil mein Junge bei mir ist. Auf Die Dschungel entfallen, wie gesagt, etwa vier, fünf auf den Roman, die übrigen auf die anderen Projekte. Die meist etwas Geld bringen. Ginge ich einem Brotberuf nach, bliebe weder für den Roman noch für Die Dschungel a l s Dschungel Zeit. Und ein normales Weblog zu führen interessiert mich nicht, aus verschiedenen Gründen, die sehr oft dargestellt wurden. Im übrigen werde ich nächste Woche 51; bitte erzählen Sie, was ich denn beruflich machen sollte? Ich könnte in ein call-center, sicher, 6 Euro die Stunde; rechnen Sie ma durch. Ich könnte auch im Service einer Kneipe arbeiten, sicher all das. Mit nicht sehr viel höherem Lohn. Für alle anderen - verantwortungsvolleren - Berufe mit entsprechender Entlohnung gelte ich als nicht mehr vermittelbar. Dasselbe gilt, insbesondere nach dem neuen Hochschulgesetz, für die Universitäten. Gut, ich könnte wieder Broker werden und müßte nach einmal die Series 3 und 7 ablegen; das müßte indes von einem Brokerage Unternehmen finanziert werden, ich bekäme sonst gar keine Zulassung. Und eben diese Finanzierung wird abermals an meinen 51 Jahren scheitern.
Dabei habe ich jetzt mein Werk völlig außer acht gelassen. Und... ja... ich w e r d e eines - ein großes - hinterlassen. Ob dem Markt das paßt oder nicht.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1470758
albannikolaiherbst antwortete am 2006/01/26 16:55:
@montgelas.
Für so etwas ist die Registierung bei Twoday gut. Dann können Sie Ihren Kommentar nämlich auch noch bearbeiten, nachdem er eingestellt ist.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1470881
mario (Gast) antwortete am 2006/01/27 08:50:
Zum Thema "Entfremdete Arbeit":Ein weites Feld. Und in der Geschichte schon weidlich durchdiskutiert und durchgelebt und durchlitten.
Aber durch diese -auch- entfremdete Arbeit l e b t der Arbeitende, und mit ihm seine Angehörigen.
Und : es lebt das Gemeinwesen. Es fallen nämlich Steuern ab, ohne die , man mag es nun mögen oder nicht, ein Staat und seine Infrastruktur nicht funktionieren. Und dieser Staat bezahlt damit nicht - wie Sie polemisieren- Atombomben, sondern u.a. Straßen, auf denen Sie fahren, Schulen, auf die Ihr Kind gehen kann, Lehrer, die ihm Bildung vermitteln, Krankenhäuser, auf die Sie, oder Ihr Kind, vielleicht auch einmal angewiesen sein werden, u. v m.
Daß Sie v i e l arbeiten sehe und achte ich. Auch gefällt mir Ihre Sprache . Aber daß Sie für sich eine solche Sonderstellung in unserer Gesellschaft beanspruchen kann ich schwer akzeptieren.
Viele arbeiten schwer . Und viele leisten gute Arbeit.
Aber trotzdem: ich bin (meist) ein Fan.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1473391
albannikolaiherbst antwortete am 2006/01/27 10:00:
@mario. Entfremdete Arbeit.
Zwei Argumente.1) Künstlerische Arbeiten schaffen oft mehr Bruttosozialprodukt, als eine ganze Firma zusammen. Nur eben zeitversetzt. Die Arbeitsplätze, die aufgrund der Sinfonien Beethovens, der Bilder des schon entsetzlich armen van Goghs usw. usf., gesichert worden sind, kann niemand zählen. Hinzu tritt, daß eine Gesellschaft ihre kulturelle Identität - etwas, das gar nicht genug zu schätzen ist - eben vor allem aufgrund künstlerischer Arbeiten bezieht. Dieses sollte längst genug gewußt und erfahren sein, um nicht abermals auf den Rücken Verkannter hinterher zu genießen: Wie w i s s e n, wie die Dynamiken funktionieren, wie w i s s e n, daß sich sehr oft - signifikant oft - diese Identität, die ein Teil unserer Seele ist, auf den physischen und psychischen Kosten derer hergestellt hat, die man fallen ließ, verhöhnte, verlachte oder in anderer Weise erniedrigt hat. Es ist insofern eine Verpflichtung des kulturellen Gemeinwesens, auf jene zu achten, die m ö g l i c h e r w e i s e den nächsten Generationen das Gefühl geben, daß sie s i n d - anders sind als nur Produzenten, Konsumenten, kurz: R ä d c h e n. Jeder, der Kunst erfahren hat, weiß darum, was sie in ihm bewirkt, weiß aber auch, daß dieselbe Kunst ein- zweihundert Jahre zuvor eben das n i c h t bewirkte und wahrscheinlich auch gar nicht bewirken k o n n t e. Wenn staatliche Stellen für die Tradierung N e u e r Kunst nicht mehr wirken können, ist der Einzelne, der darum weiß, gefordert.
2) Man w ä h l t seine Arbeit. Und in ihr zeigt sich, was einem wert ist. Künstlerisch zu arbeiten, und zwar in n e u e r Kunst (das heißt auch: Experimente mit Neuem unternehmen, die ganz bewußt riskieren, nicht erkannt oder abgelehnt zu werden), ist hart. Man verzichtet auf sehr viel, das denen, die 'entfremdet' arbeiten, ganz selbstverständlich ist. Ich lebe in Verhältnissen, unter denen 'normale' 50jährige, die einen Brotberuf h a b e n, unerträglich wären. Mich interessiert das aber nicht. Ich will kein Haus, keine Eigentumswohnung, ich will keine 'schöne Wohnungseinrichtung', als ich noch nicht zur Toilette in der Wohnung wegen einer Zwangssanierung verdonnert worden war, lebte ich gerne mit der Toilette auf halbem Stock; so etwas ist mir restlos wurscht. Ich habe keinen Fernseher, ich habe kein Hobby, ich will keinen Garten, ich habe kaum Schmuck (meine Reversperle, meinen Familienring, der vom Vater ererbt ist; es gibt keine andere Erbschaft); ich habe des weiteren weder ein Auto noch einen kostenträchtigen Bastelkeller undsofort. In der Kinderwohnung lebe ich in der gemeinsam von mir und dem anderen Vater sowie unserer beide Kinder benutzten Küche. Mir reicht das alles aber, ich will gar nicht mehr. Meine luxuriösen Bedürfnisse sind geringe: ich liebe ein gutes Parfum, aber ich trinke bereits Wein zu 99 cent. Dabei weiß ich gute Weine zu schätzen; bringt mir einer einen mit, so genieße ich das. Im übrigen gebe ich das wenige Geld, das da ist, für meinen Sohn und für Kultur aus: Theater, Kino, Konzerte (in die Oper komme ich, da ich Kritiken schreibe, unterdessen weltweit umsonst; sonst ginge das gar nicht). Lange Jahre hindurch liebte ich auch elegante Kleidung;man schloß immer daraus, wie gut es mir ökonomisch gehe. Tatsächlich bezog ich sie aber aus Italien, wenn ich dort war, in Neapel; die Anzüge um 200 Mark trage ich noch heute bisweilen. Seit meiner Trennung ist imgrunde aber auch diese luxuriöse 'Notwendigkeit' vorbei. Nein, ich klage nicht über meine - sozial am Wohlfahrtsstaat gemessene - 'Armut'; da kenne ich weißGöttin anderes aus der Dritten Welt. Und tatsächlich bin ich ja reich, unermeßlich reich, privilegiert durch Lusterlebnisse und Kunst. Nicht viele können sagen, daß Musik zu ihnen spricht. Meine Forderung indes, bei dem Arbeitspensum, das ich schaffe, besteht: die Grundlagen will ich haben. Und trete dafür stolz und berechtigt ein.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1473691
mario (Gast) antwortete am 2006/01/27 13:26:
chapeau.Ein gutes Plädoyer.
Nur: die Krankenhäuser etc. Wer bezahlt die?
Gruß
Fan Mario
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1474962
albannikolaiherbst antwortete am 2006/01/27 13:36:
Auch die Krankenhäuser.
Beziehen ihren Unterhalt unter anderem aus dem von dem Werk oft armselig verstorbener Künstler heute erwirtschafteten Bruttosozialprodukt. Wie aus der Arbeit heutiger, 'normal' Beschäftigter. Ich kann da keinen Unterschied außer demjenigen erkennen, von dem mein Plädoyer sprach.
http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/1463400/#1475011





















