Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 

Die Nacht auf den 26. Dezember.

Ich schlief ein gegen Viertel vor elf. Dann habe ich geheiratet. Ich war sehr gücklich. Dabei lehne ich die Ehe als Institution so sehr ab, daß ich sie bislang jeder geliebten Frau verweigert habe. Zur Strafe wohl habe ich heute nacht nicht ins Gesicht meiner Braut sehen, sie also in doppeltem Sinne nicht erkennen dürfen. Und wie aus Scham sah ich nicht direkt hin. Und zur weiteren Strafe war ich nach der Trauung nicht mit ihr zusammen, sondern mußte oder wollte gehen, ich weiß es nicht mehr. Ich habe meinen Wagen gesucht, der ein paar Meter unterhalb am Hang geparkt war.
Die Trauung wurde in einem der Gethsemane-Kirche sehr ähnlichen, aber nicht gleichen Gotteshaus vollzogen. Das weiß ich, weil ich am Heiligabend zu einem Krippenspiel dortgewesen bin, aber weil mein Junge nörgelte – es war ihm viel zu voll –, sind wir nach dem ersten Lied wieder gegangen. Jedenfalls gibt es ein sehr hohes, nicht so sehr langgestrecktes wie bauchiges Schiff mit zwei Emporen, die fast den gesamten Bau umschließen. Vorne der Eingang aber ist ein kleines Foyer, von dem je links und rechts die Treppen in überdachten Gängen hinaufführen. Hier stand ein Taufbecken aus Stein, etwa hüfthoch. Hier wurden wir getraut. Wir knieten nicht, meine Frau und ich, aber wir mußte uns entkleiden. Schöner läßt sich, daß man zusammengehört, tatsächlich nicht symbolisieren. Wir traten zusammen nackt an den Taufstein, wir knieten nicht, sondern standen stolz. Um uns stand die Traugesellschaft. Der Priester – auch sein Gesicht sah ich nicht – legte erst ihr, dann mir die Oblate auf die Zunge, dann, glaube ich, tranken wir von dem Taufwasser, das uns in einer Kelle gereicht wurde, die, das erfinde jch jetzt, denn ich weiß es nicht mehr, aus Holz war. Nunmehr tauschten wir die Ringe.
Ich kann mich nicht erinnern, wie und daß wir uns wieder bekleideten. Aber bekleidet verließ ich die Kirche, um nach dem Wagen zu sehen. Ich war restlos einig mit mir. „Jetzt“, dachte ich, „ist es gut.“ Und erwachte.

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