Das Weblog als Dichtung. (2).
Denn die in Weblogs kommentierenden, sich also selbst einbeziehenden Leser treten - ob anonym oder nicht - als Avatare ihrer selbst auf; oft, so schrieb ich an anderer Stelle, tanzen im Netz die IchIdeale; auch sie sind letztlich Literatur. >>>> So daß sich dem bloggenden Romancier nicht selten die Romanfiguren selber zuspielen: gewissermaßen >>>> kybernetisieren sich die Leser und treten als ideale Figuren aus ihrer persönlichen Realität in die Netz-Erzählung... sie treten in einen Roman ein: so läßt sich das formulieren. Analytisch gesprochen, machen sie sich ebenso zu einer Projektionsfläche, wie für sie der bloggende Dichter eine ist. Und zwar um so leidenschaftlicher, je stärkere Zustimmung oder stärkeren Widerspruch seine Netz-Repräsentanz in ihnen bewirkt. Denn er selbst macht sich im Netz zu einem Avatar, zu einer Romanfigur – und dies je nachdrücklicher, je intimer er sich in seinem Weblog darstellt. In den vergangenen zwei Jahren, während der ich mein Literarisches Weblog DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT entwickelt und betrieben habe, wurde mir dieser Sachverhalt allmählich klar. Hatte ich mich anfangs noch gegen persönliche Offenbarungen in Form eines Tagebuches gewehrt, so ist das Tagebuch heute eine der tragenden Säulen Der Dschungel geworden. Hierbei ist es - und genau darauf kommt es erkenntnis- und kunsttheoretisch an - restlos unwesentlich, ob die in dem Tagebuch erzählten Inhalte tatsächlich auf realen Entsprechungen beruhen; das genau ist für Leser so wenig nachprüfbar wie der autobiografische Gehalt von Büchern. Deshalb meine heutige Hauptthese, derzufolge sich im Kommunikationsraum des Internets Literatur realisiert.
albannikolaiherbst - Mittwoch, 2. November 2005, 13:33- Rubrik: Arbeitsjournal
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