Ich hatte dann also
>>>> d o c h geduscht und mich pfleglich gekleidet, sodann sah ich mir die Wegbeschreibung beim
>>>> deutschen Stadtplandienst an und radelte nach Verlassen der Villa los. Der Stephansberg ist, besonders wenn man die enge Straße "Oberer Stephansberg" nimmt, eine Herausforderung für die Oberschenkel, und es versetzte mich in eine leicht berauschte Stimmung, daß ich sie bestand. Oben ward's dann so leicht mit dem Bergauf'chen und Bergab'chen, daß ich vor lauter Freude an der linken Einmündung der gesuchten Straße vorbeifuhr und erst einmal am Wald ankam. So daß ich umkehren mußte. Aber ich hatte viel Zeit, die Luft war diesig-frisch, der Verkehr mäßig und der Handwerker, der gerade in einer Siedlung seinen Kasten-Renault belud und den ich nach dem Weg fragte, ausgesprochen freundlich. So kam ich denn immer noch viel zu früh bei dem Gerichtsvollzieher an.
Er hat seine Amtsstube im ersten Stock eines Zweifamilienhauses und öffnete, nachdem mein Fahrrad in der Auffahrt geparkt und angeschlossen war, nach einer Verzögerung von vielleicht anderthalb Minuten - - zum Betätigen der Wohnungschelle gerechnet. Ich schritt die enge Holztreppe hinauf, Herr *. stand in der Tür, hochgewachsen, aber vorgebeugt, das lange, doch schüttere Haar hinten zu einem Schwanz gebunden, wie coupierte Pferde ihn haben, unrasiert, in einer Jeans, deren Gesäßpartie bis drittels in den Oberschenkel hängt; einen Pullover hatte er, glaube ich, an, vielleicht noch eine Weste darüber. Eine große schmale, gebogene Nase, die markant wäre, vermittelte nicht auch sie den Eindruck von eben so großer Taurigkeit wie der Mann selbst. Man möchte gar nicht laut reden, um ihm nicht wehzutun; so gestoßen wirkt der Mensch, so melancholisch und, ja, eigentlich
erschüttert. Ich hätte, wäre alles nicht von so existentieller Dringlichkeit gewesen, annehmen können, es sei er, nicht ich, der nun den Offenbarungseid zu leisten habe. Anders ausgedrückt, war ich für ihn, für seinen Character und für die Situation, viel zu guter Laune.
Ich reichte ihm die Hand. Weich legte sich die seine hinein. Dann führte er mich in jene Amtsstube, die eine Seitenkammer der Privatwohnung ist: Schreibtisch, ein Kopierer, kein Computer - seltsam, dachte ich - und die vielen vielen Regale vollgestopft mit Stoß auf Stoß abgelegten Papieren und handbeschrifteten Leitz-Ordnern. Es war, als wäre ich aus der Welt in eine Vergangenheit aus Amtsstücken hineingetreten, der selbst Kafkas überhöhende Fantastik fehlt, sondern die rein nüchtern ist und zugleich in einen selbstvergessenen Schlummer gefallen, worin Herr *. als mindestens ebenso vergessener Archivar unbemerkt vor sich hinlebt.
Er wies mir den Holzstuhl an, der neben die rechte Schmalseite des Schreibtisches gestellt ist und auf der zum Raum schauenden Sitzfläche ein flaches Kiss'chen hat. Dann ging er mit mir das vorbereitete Formular durch, Punkt für Punkt, wobei er stand (es gibt ja nur den einen Stuhl in der Kammer) und ich deshalb begriff, weshalb sich seine Gestalt immer so vorbeugt. Das liegt gar nicht an der Körpergröße, sondern ist aus seiner Arbeit in ihn hineingewachsen.
Während wir nun die Punkte besprachen, sog ich den staubigen Raum für immer in meine Eidetik. Herr *. wollte wissen, was die
>>> KSK ist, und ihre Anschrift nachtragen; außerdem interessierten ihn meine Rentenansprüche bei der BfA; doch konnte ich ihm darüber aus Gründen des Desinteresses keine Auskunft geben. Die letzten beiden Fragebogen, die man mir von dort zugeschickt hat, habe ich weggeworfen, weil ich für solchen Formularkram wirklich keine Zeit erübrigen mag und sowieso füglich annehmen darf, daß ich von da kaum was bekommen werde. Das habe ich Herrn *. so auch gesagt und: daß ich mich überhaupt weigere, Formulare auszufüllen, weil sie einen nämlich depressiv machen (eine gemeine Bemerkung ihm gegenüber, aber er hat es, glaub ich, sowieso nicht verstanden) und die Produktivität stören. Das hier sei, sagte ich, die absolute Ausnahme, und ich käme ihr auch nur nach, weil ich nicht verhaftet werden wolle, Haft sei tatsächlich n o c h schlimmer, als Formulare auszufüllen; damit sei ich, sagte ich, erpreßbar. Aber wirklich nur damit. Deswegen müsse ich ja auch gleich noch zum Stadtkämmerer, weil der einen Beuge-Haftbefehl gegen mich habe.
Kann sein, daß ich Herrn *.'s Weltbild nicht entsprach. Andererseits war er wirklich sensibel, auch wenn er versuchte, die ihm innewohnende Amtsgewalt doch wenigstens ansatzweise ins falbe Licht der Kammer zu rücken. Außerdem hat er ungewöhnlich schöne Hände, das machte mich ihm sowieso gewogen. Als ich darüber so hinsonn, öffnete sich die Tür und - wahrscheinlich - seine Frau - oder Mutter - schaute mit dem tragbaren Telefon herein, weil jemand eine Kontoauskunft brauche und sie, die Frau, den Zettel verlegt habe, auf dem die Nummer stehe.
Herrn *. gefiel diese Störung nicht, aber was sollte er tun? Nun begann er, das Telefon in der Hand, abgeheftete Kontoauszüge aus den Akten zu ziehen, sie zu durchblättern, wobei er "Moment" ins Telefon sagte und das Gerätchen beiseitelegte, um weiterzublättern. Woraufhin wieder die Frau erschien und mitteilte, sie habe den Zettel nun d o c h gefunden. Einen Augenblick flog über Herrn M.'s Melancholie der schnelle Schatten der Grantigigkeit sowie resignativer Ergebung.
"Entschuldigen Sie", sagte er, als die Frau unter Mitnahme des tragbaren Telefons die Tür wieder geschlossen hatte. "Aber das macht doch nichts", sagte ich, weil ich diese Unterbrechung tatsächlich genoß; schließlich erlaubte sie mir, Einblicke in fremder Leute Sozialstrukturen zu nehmen.
So schafften wir es langsam auf Punkt 23, in dem es um gepfändete und zur Sicherheit abgetretene Ansprüche geht und gingen dann zu dem Fragebogen für Gewerebetreibende über. Nun b i n ich fiskalisch sowas nicht, aber an Freiberufler, vor allem an Künstler hat das Gesetz nicht gedacht; deshalb hatte ich d e n ausgefüllt. Das mit der Büroeinrichtung wird Herrn *. vertraut vorgekommen sein, da hatte er keine Fragen. Aber wegen der
>>>> Lesungen im März.
"Das müssen Sie mir genau spezifizieren, wer Ihnen den Auftrag erteilt hat und unter welcher Anschrift er zu erreichen ist." "Ähm", sagte ich, "also das etwa mit der Rotarier-Lesung..." "Die haben Ihren Sitz in Fankfurt." "Sie machen sich da ein falsches Bild. Sehen Sie, die Lesung findet vor den Rotariern in der Villa Concordia statt, und bezahlt wird man sozusagen aus der Clubkasse, die für gemeinsame Unternehmungen wie z.B. Ausflüge in die Würzburger Residenz zusammengesammelt wird, nicht etwa aus dem Vermögen des Clubs. Sondern jeder, der an der Lesung teilnimmt, gibt sozusagen 10 Euro... und das wollen Sie jetzt jedem dieser armen Leute - und noch v o r der Lesung - wegpfänden?" "Ja, dann sind da aber doch gar keine regelmäßigen Einnahmen." "Selbstverständlich sind sie das nicht. Das gibt es nicht für Künstler: regelmäßige Einnahmen." In einer Form irritiert, von der ich fürchte, daß sie ihn dauerhaft traumautisieren könnte, sah er mich da an; ich hoffe tief, nicht der Grund einer zukünftigen Psychosomatose geworden zu sein. "Ja-und-wovon
leben Sie?" "Das sehen Sie doch.. hier, schaun Sie. Deshalb doch die dauernd geplatzten Kredite."
Dieses Argument überzeugte ihn derart tief, daß er insgesamt von weiteren Fragen absah. Und mich bat, nunmehr zu unterzeichnen. Was ich, wie Sie hier sehen können, tat.
[In der Amtsstube. Unterschrift. Das Bild ist nicht gefaket. Allerdings habe ich es selbst aufgenommen, weil ich plötzlich dachte, es sei pietätlos, Herrn *. um diesen kleinen Liebesdienst zu bitten.]
Wohlgemut verabschiedeten wir uns; allerdings bat ich vorher noch darum, eine Kopie zu bekommen. Die fertigte er mir "gerne", wie er sagte, und, muß i c h sagen,
sorgsam an. Ich zog mir wieder den Mantel über, gab ihm die Hand und vondannte.
Das Leben als Roman 5 <<<<