Es ist nämlich etwas anderes, ob jemand ein Weblog - sei es politischer, sei es ästhetischer Natur – f ü h r t, und zwar mit derselben Gewissenhaftigkeit, die er (sie), sagen wir, seinen Patienten angedeihen läßt (sofern er/sie Arzt ist), ja ob er/sie ein medizinisches Weblog unterhält, worin Diagnosen besprochen und therapeutische Überlegungen diskutiert werden, oder ob jemand „Blogger“ ist. Man kann das gar nicht scharf genug trennen, soll nicht abermals einer jener Vereinfachungen auf den Leim gegangen werden, der die Sachverhalte wie Vögel fängt, um sie dem schnellen Verzehr zuzuführen. Vorbei ist’s dann nämlich mit dem Gezwitscher, der - aus anderer Perspektive - Gesang war. Sehr wahrscheinlich rührt d a h e r mein prinzipielles Unbehagen, das jetzt sogar in meinen Traum ging, also unbewußt weiterarbeitet und dann sogar Bilder findet, um die innere Spannung ausgleichen zu können. Die allzu schnelle Handlichkeit des Begriffs, der das darunter Befaßte ideologisch zurichtet - ganz gleich, ob ablehnend oder zustimmend -, ist von reichlichem Übel. Man
ist nicht Blogger, sondern unter anderem damit befaßt, eine Ästhetik zu entwickeln, die traditionelle Literatur (also in Form des Buches oder, weiter, als Printmedium) mit den medialen Möglichkeiten des Netzes verbindet und zugleich über künstlerische Produktivitätsmodi und -notwendigkeiten nachdenkt. (Oder, das betrifft jetzt andere als mich, nämlich politische „Blogger“: man ist sehr bewußt dabei, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, die sich nicht in die Zwänge der Ökonomie einbinden lassen will und auch nicht die Filter politisch gebundener Chefredaktionen durchlaufen muß - eine für die neuere Zeit sehr wichtige Funktion dieses Mediums, und zwar auf allen Seiten der politischen Spektren. So würde ich den Teufel tun und
>>>> Henryk M. Broder, den ich so wenig mag wie ‚seine’
>>>>Achse des Guten“, einen Blogger nennen. Vielmehr ist er ein ernstzunehmender und nicht selten gefährlicher Journalist mit enorm spitzer Feder, der vermittels seiner Netzpräsenzen sehr genau und sehr klug Meinung zu machen versteht (und auch über einiges im klassischen Sinn ‚aufklärt’); ob mir diese Meinung nun gefällt, hat mit der Grundtatsache nichts zu tun. Die ist zu akzeptieren und nicht durch vereinfachende und verkleinernde Begriffsbildungen wie
Blogger zu vertuschen.
Tatsächlich läuft in dem Begriff „Blogger“ einiges Unprofessionelle, ja Pubertäres mit: als wären Erstsemester auf Professorenstellen losgelassen. Woran ja etwas ist, aber eben nicht in jedem Fall. Gerade dieses ‚nicht in jedem Fall’ wird im Begriff Blogger egalisiert, so wie schon die Begriffsbildung selbst eine Egalisierung darstellt, die aus dem Web-Logbuch - das sich durchaus als strenge Aufzeichnung darüber verstehen läßt, welche Gedankenkurse einer übers Webmeer kreuzt und wo er welches Land fand; eines der poetischsten Logbücher, übers Unbekannte der französischen Autobahn surfend,
>>>> hat Julio Cortázar mit seiner Frau Carol Dunlop geschrieben – etwas achtrangig Amateurhaftes macht, und viele „Blogger“ machen dabei auch mit, ihren persönlichen Wert aus etwas ziehend, das a n s i c h gar nichts ist – so, wie Kreti und Pleti, kaum daß der technische Umstand es hergibt, ihre Gedänkelchen zwischen Buchdeckel pressen lassen, wofür sie gerne Geld bezahlen, eine Art Blutzoll, der Eitelkeit zu entrichten… na gut, solln sie… womit sie aber andererseits die Flußbetten der Literatur verschlammen, und das sollen sie eigentlich n i c h t. Weil nun für den Blutzoll, den das Web erhebt, kaum mehr die Haut geritzt werden muß, ist solche Selbstverlegerei so außerordentlich wohlfeil, und gleichberechtigt stehen wenige Dichterinnen und Dichter, wenige Zeitanalysten und Innen, Außen wie Oben im strömenden Zeitgeist, werden dann allesamt „Blogger“ genannt, und schon ist der an sich revolutionären Entwicklung die Spitze weggebrochen.
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albannikolaiherbst - 29. Sep, 06:03- Rubrik: Litblog-THEORIE