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Damit sich >>>> die Harmonisierung vollziehen kann, muß das Racheobjekt jemand sein, der unschuldig ist. Denn das mißbrauchte Mädchen will mit gleicher Münze heimzahlen können; nur dann wäre der Ausgleich geschaffen. Würde nun der tatsächliche Mißbraucher gestraft, träfe es einen Schuldigen: genau das stellt den ersehnten Ausgleich aber nicht her. Sondern der Mißbraucher „soll erfahren, wie das ist“. Dazu muß er selbst hilflos und unschuldig sein; als Schuldigen t r ä f e ihn nämlich dasselbe oder ein ähnliches Schicksal n i c h t, sondern seine Strafe bedeutete nur: man tut ihm etwas für etwas an, wofür er etwas kann. Also für eine Schuld, wie sie das mißhandelte Mädchen selber nicht hatte. Ihn zu strafen, widerspricht geradezu dem Gebot des erstrebten Ausgleichs nach Wiederholung. Deshalb eignet sich der wirkliche Täter gar nicht als Racheopfer. Denn damit einer „erfährt, wie das ist“, muß er ja ebenfalls unschuldig und hilflos sein.
Also wird die Rache an einem Unbeteiligten ausgetragen; es geht gar nicht anders. Damit sich das nun moralisch rechtfertigt, wählt dieser unbewußte Prozeß ein Opfer, dessen Konstitution sich für einen Statthalter e i g n e t – jemanden nämlich, der den Mißbrauch symbolisch zu repräsentieren weiß. In irgendeiner Weise wird er immer dominant sein – z. B. sozial besser gestellt oder älter, also ‚reifer’ -, und zusammen mit einer solchen Dominanz führt seine Unschuld-am-Fall-selbst zur Idealfiguration des wiederholenden Täters. So daß die Rache guten Gewissens exerziert werden kann: das Racheobjekt ist nun mächtig und hilflos zugleich, es erfüllt b e i d e Notwendigkeiten. Und zwar besser, als der eigentliche Mißbraucher selbst.
(An anderem freilich ‚darf’ das Racheopfer schuldig sein, das ist sogar - moralisch - der Rächerin nützlich. Denn es verbindet ihn objektiv mit dem wirklichen Täter.)
albannikolaiherbst - 16. Mai, 11:42- Rubrik:
Wer straft, macht sich schuldig. Nicht aber, wer das nicht weiß.
(CCCLXXXVIII).
albannikolaiherbst - 16. Mai, 10:58- Rubrik: Paralipomena
Also Eidelbek fuhr mit seinen verbliebenen Leuten nach Buenos Aires zurück und fand das zentrale Europa tatsächlich in Auflösung begriffen, und zwar ebenso einer inneren, die zu Vandalismus und Plünderung führte, zu einer so offenen wie restlos ungerichteten Revolte, wie einer objektiven, weil ganze Stadtteile durch die Digitalisierung verschwunden waren und es aussah, als hätte man riesige Gebiete nicht-metaphorisch aus der Erdkunde radiert. Von denen waren nur noch Flächen geblieben, die mittlerweile erschreckend dem computertechnischen Gitternetz des Weststadt glichen. Und in den verbliebenen Teilen tobte der Mob, so daß selbst die, die unverbrüchlich ihren Pflichten nachgehen wollten, gar keine Chance hatten, das auch zu tun. Die Unsterblichen Reichen, nahezu alle, waren davongeflogen in ihren Privatjets. Hatten verfügt. Oder, so weit denn die Banken noch handlungsfähig blieben, aus dem Ausland hatten verfügen wollen. Weshalb auch die privaten Wachschutzgesellschaften, die einen Großteil der modernen gesellschaftsordnenden Exekutive stellten, zunehmend verwahrlosten; die einfachen Leute, aus denen sich die Wachleute rekrutierten, waren nicht nur, da ohne direkte Führung, orientierungslos, sondern einige nutzten Waffen und neues Naturrecht für eigenen Machtzuwachs, was erst Kämpfe innerhalb der Organisationen-selbst provozierte, dann schon zivile Mißbrauchsakte gewaltsame Unterdrückung; man munkelte von Polizeibaronen, von sprichwörtlich Schlachten in den Präsidien, sowie, sowieso, von Schutzgelderpressung. Zudem strömten die in den Brachen internierten Kriminellen, weil kaum noch jemand an den Zugängen Dienst versah, nach Buenos Aires hinein. Es war, dachte Eidelbek, totale Anarchie, eine Entropie, dachte Cordes, gegen die von Zarczynskis und Fischers Frankfurtmainer zivile Gegenregierung, dachte ich, fast keine Chance hatte.
>>>> ARGO 236
ARGO 234 <<<<
albannikolaiherbst - 16. Mai, 10:08- Rubrik: ARGO-ANDERSWELT
Oft werden Männer, die an den traumatisierenden Geschehen gar keinen Anteil hatten, aber sich als Projektionsfiguren eignen, zu Opfern der (fehlgeleiteten) Rache. Und zwar gerade diejenigen, welche (deshalb?) der Rächerin tiefstes Liebesobjekt sind und also, nach deren Umarmung und Gegenwart und nach deren Schutz die einst mißhandelte Frau sich so sehnt: nach der sich das Mädchen in ihr sehnt. Denn >>>> in unseren frühen Verwundungen b l e i b e n wir Kind.
Nur bei den wirklich Geliebten ist nämlich jene Nähe da, deren die Rache um so mehr bedarf, als sie nichts anderes ist als ein ständig schmerzendes, in seiner Unbewußtheit unendliches Bedürfnis nach Ausgleich, mit anderen Worten: nach Harmonisierung. Diese Unbewußtheit ist eine Funktion des Rachebedürfnisses und damit eine Folge des vorhergegangenen Mißbrauchs, in ihr spiegelt sich die völlige Hilflosigkeit des Opfers wider. Damit sich Rache, also ein Ausgleich, vollziehen kann, muß die Hilflosigkeit noch und noch reinszeniert werden: denn das M ä d c h e n ist es doch, das sich wehren, das zurückschlagen will. Es ist mitnichten die Frau, als welche die Seele eben n i c h t hilflos wäre (oder im demokratischen Selbstverständnis der Emanzipation: nicht hilflos zu sein g l a u b t). Deshalb wird derjenige, der den unbewußten Prozeß in einen zu verwandeln sucht, der sich seiner bewußt wird, in einer solchen Konstellation zum entschiedensten Gegner – weil er ja, gelänge ihm sein Vorhaben, dem Opfer die Möglichkeit n i m m t, sich zu rächen. Jeder, der sprechen will - was ein anderes Wort für klären ist -, wird dann seinerseits als Mißbraucher wahrgenommen: Er mißbraucht, symbolisch, das Mädchen, weil er es abermals hilflos macht, da es sich dann nicht mehr rächen k a n n; dem bewußt gewordenen Prozeß wird die moralische Basis entzogen: So wird er als jemand wahrgenommen (und öffentlich bisweilen so hingestellt), als wiederholte e r den Mißbrauch. In ungünstigen Fällen steht er schließlich wirklich als Mißbraucher da, indes den tatsächlichen Mißbraucher das Sprechtabu schützt. Mit jenem und allen, die den einstigen Mißbrauch deckten oder die sogar seine Handlanger waren - etwa mit Müttern, die schwiegen - kann dagegen sogar nicht selten ein freundlichster (harmonischer) Umgang weiterhin gepflogen werden.
(Es gibt auch mißhandelte Jungen. Für die gilt, sehr wahrscheinlich, Ähnliches.)
albannikolaiherbst - 16. Mai, 09:35- Rubrik: Arbeitsjournal
Allegorien e n t w i c k e l n sich.
Auch die Muster unterliegen möglicherweise einem Prozeß, der ihr Überleben sichert und sie den jeweiligen psychischen und gesellschaftlichen Verhältnissen anpaßt, die uns Natur geworden sind oder die wir wie Natur e r l e b e n (i.e. Zweite Natur – die Dritte wäre der kybernetisch-imaginäre Raum). Das wäre der Grund dafür, daß sie nie identisch erscheinen, sondern immer nur ähnlich sind und von den Betroffenen - die wie von Nachtmaren befallen, bzw. teils von gleichsam intruders übernommen sind – derart selten erkannt werden können. (Dazu paßt, daß sie oft gar nicht erkannt werden sollen, weil die Verwundung selbst als Schändung, die man nicht zugeben darf, erlebt wird.)
Auch organische Parasiten passen sich evolutionär sich verändernden Bedingungen, also den Veränderungen ihrer Wirte an. Eine Allegorie kann, in ihrer ü b l e n Ausprägungen, ein Parasit der Seele sein: wie ein Schmarotzer ü b e r f ä l l t sie den Menschen und nährt sich an ihm.
Eine solche Entwicklung der AllergorienArten kann dann dazu führen, daß zum Beispiel das Muster „Medea“ scheinbar unversehens als ein, sagen wir, Muster „Elektra“ in Erscheinung tritt. Denn wenn der Grundgedanke einer Evolution auch der Wirkprozesse stimmt, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit - wenn auch viel seltener - Mutationen der Wirkprozesse geben: Evolution und Mutation psychischer und sozialer Stimuli sowie der (psychischen) Reaktionen auf sie.
(CCCLXXXVII).
albannikolaiherbst - 16. Mai, 08:27- Rubrik: Arbeitsjournal
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Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop,
meinen Sohn.
Achtung Archive!
DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT wird im Rahmen eines Projektes der Universität Innsbruck beforscht und über >>>> DILIMAG, sowie durch das >>>> deutsche literatur archiv Marbach archiviert und der Öffentlichkeit auch andernorts zugänglich gemacht. Mitschreiber Der Dschungel erklären, indem sie sie mitschreiben, ihr Einverständnis.
Neu erschienen August 2008
Herbst & Deters - Fiktionäre
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read An - 13. Okt, 15:50
eines möchte ich dir noch sagen, ...
eines möchte ich dir noch sagen, und das obwohl du noch drauftritst, danke das kenne ich schon. ich habe ... albannikolaiherbst - 13. Okt, 13:20
@Keuschnig.
Ja. Das gehört zu den sich weiterorganisierenden "Fein"griffen des Vorgangs. Meine Beispiele sind tatsächlich ... Gregor Keuschnig - 13. Okt, 12:22
Das "Vergessen" als "Machtmittel ...
Das "Vergessen" als "Machtmittel der Verfälschung" betreiben aber auch die ehemals Siegreichen, die später ... albannikolaiherbst - 13. Okt, 08:58
Die großen Vielleichts. Vergessen ...
Ein wesentliches Mittel der Ausübung politischer Macht besteht darin, ein Unrecht vergessen zu lassen, ... albannikolaiherbst - 13. Okt, 08:37
Arbeitsjournal. Montag, der 13. Oktober ...
5.24 Uhr:
[Am Terrarium.]
Es ist kaum zu fassen, aber ich lag bereits um 22.30 Uhr im Bett und schlief ...
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