Schachtelsätze.
Der Schachtelsatz wehrt sich gegen die Gewalt der behaupteten Einfachheit, die stets moralisch-religiös und meist monotheistisch konnotiert ist; er vertritt dagegen das Vielgestaltige Komplexe. In seiner Form schützt er die zahllosen Einzelnen wie eine mehrfach gefaltete Decke, in deren Schlupfe sie sich nun einschmiegen können, ohne daß irgend ein logischer und/oder dogmatischer Prokrustes sie auf das Bett der Eineindeutigkeit zurechtstutzen könnte. Insofern ist der Schachtelsatz heidnisch: ihm widerstrebt jegliches Dogma, und wie die Wirklichkeit ist er g e f a l t e t, nicht gerichtet. Es geht ihm immer sowohl um Ambivalenz als auch um Beleuchtung der verschiedenen Aspekte eines Inhalts als Substanzen-selbst. Er verneint die Behauptung, es gebe das Akzidentielle, sondern noch das Blatt ist ihm Wesen und nicht Funktion eines Astes; so wenig er diesen für eine Funktion des Baumes durchgehen läßt. Die moralische Botschaft des Schachtelsatzes schützt das Einzelne, wie er es doch zugleich in den Zusammenhang mit allem anderen stellt und es nicht vivisezierend daraus löst. Hiergegen sind der ‚einfache Satz’ und seine ‚einfache Aussage’ das Skalpell, das aus dem Organischen das Organ hinausschneiden will und es damit zu toter Materie macht. Der ‚einfache Satz’ steht für die Äquivalenzform - im Terminus der Ökonomie: für das nur bei Tauschbarkeit funktionierende Geld -, der komplizierte komplexe für die Unaustauschbarkeit. Er emanzipiert seine Inhalte.
[Poetologie.]
(CCCLXXV).albannikolaiherbst - 10. Mrz, 08:54- Rubrik: Paralipomena
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