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Es war ganz eigenartig. Trost fand sie, wenn sie Jochens Cello spielte; sie spielte es nicht so gut wie die Bratsche, aber in dieser Zeit gelangen ihr seltsame Klänge. Sie fragte sich: Was ist das, Trost? Und gab sich die Antwort, als sie Zimmermann spielte. Jochen hatte dessen Suite zuletzt geübt. Und Dallapiccolas Ciacconna, das eines seiner Lieblingsstücke war. Dabei geriet ihr in die ersten Takte immer ein wenig Wut von sich selbst. Dennoch, dachte sie, spreche so, obwohl er nicht da war, der Vater allezeit weiter zu seinem ungeborenen Kind, ganz nah der Klangkörper am Bauch: Du bist nicht verlassen. Sie merkte gar nicht, wie männlich ihr Griff dabei wurde.
albannikolaiherbst - 15. Jun, 21:06- Rubrik: Arbeitsjournal
“Ist Ihnen bewußt,daß Sie dasselbe Thema zum dritten Mal spielen?”
“Leider.”
[Dialogpartikel auf der Probe des Ensembles Modern am 3. Mai 2005. Aus dem Notizbuch.]
albannikolaiherbst - 15. Jun, 19:15- Rubrik: NOTATE
Müde sah sie auf, sehr müde und sehr konzentriert. Sie hatte einen langen Weg hinter sich. Es waren immer die Celli, die sie geliebt hatte, die schweren samtenen wellenartigen Tonböen. Und ein Cello hörte sie jetzt. Als ob die Mutter riefe. Da sie nun selber Mutter wurde. Das Leben weitergeben, dachte sie. Es war sein Cello, das sie geliebt hatte, die schweren samtenen wellenartigen Tonböen. Und ein Cello h ö r t e sie jetzt. Als ob er riefe. Da sie nun Mutter wurde. Dennoch dachte sie: ihn weitergeben, uns weitergeben. Sie war sehr entschlossen.
Sie saß auf der Bank und sah in den immer wieder vom Boden hochgeblasenen späten Frühling. Ihr Bauch war sehr schwer geworden, der Rücken tat weh. Doch war das ein guter Schmerz. Es war später Mai, deshalb umschwärmte sie ein Schnee aus ganz lose samenflockiger Watte, der bisweilen die Nase reizte. Jochen war schon seit Monaten fort. Ich schaffe es nicht, hatte er ihr geschrieben, sie hatte vor lauter Schrecken ganz gleichmütig reagiert. Ich schaffe es nicht, verzeih, hörte sie, hörte seine Stimme, ein wenig rauh, mit dieser Spur Verzweiflung darin, die sich nicht zeigen ließ, sondern wie eine Resonanzsaite mitschwang. Und nun Handlung geworden war. Sie nahm ihm diese Flucht nicht einmal übel, liebte ihn einfach weiter. Die Leute verstanden nicht. Ihn nicht. Sie nicht.
albannikolaiherbst - 15. Jun, 17:09- Rubrik: Arbeitsjournal
Ist ein militärischer Begriff. Insoweit Die Dschungel und auch die ANDERSWELT-Romane Avantgarde s i n d, stehen sie im Krieg. D a s (u.a.) ist es, was die Leute an ihnen nicht mögen, vor allem in dieser partisanigen (synkretistischen) Form, vor der man sich seit Baader-Meinhoff so sehr fürchtet und die sich nach einer Zeit verhältnismäßiger Ruhe abermals nicht wieder nur noch in Nahost abspielt, sondern zurückgekehrt ist. In Den Dschungeln und in ANDERSWELT geht die moralische Bewegung nun nämlich in die Ästhetik über. Nichts ist einer restaurativen Zeit unangenehmer, wenn sie zugleich davon wegdenken will und zuliebe herkömmlicher Identitätsmuster auch m u ß, daß sie tatsächlich (technologisch und seelisch) eine revolutionäre ist. Man will, daß sich diese Revolution vollzieht, ohne daß man sie merkt. Man will sich bewahren und ist doch - und zwar eben damit - zugleich das Gefäß dieser Revolution.
[Hier wird sie anthropologische Kehre genannt, wiewohl sie bekannter als Globalisierung daherkommt: Es ist eine Globalisierung sowohl der äußeren als eben auch der inneren Räume.
albannikolaiherbst - 15. Jun, 16:24- Rubrik: NOTATE
Verhüllen. Enthüllen. Das Enthüllte schützend wiederverhüllen,darunter aber weitergraben. Und oben beiseiteschlagen. Und das Ausgegrabene Beiseitegeschlagene darunter Verborgene verhüllen (damit es dem Regen standhält, es war ja nicht grundlos versteckt). Weitergraben. Neuerlich verhüllen. Aber bewußt jetzt. Neuerlich beiseiteschlagen. Und neuerlich graben, neuerlich entblößen. Schicht für Schicht. Und wenn man g a n z unten angekommen ist, die Welt nicht ordnen, sondern konstellieren: So, daß durch die Hülle das Enthüllte immer s c he i n t, ja zu einem notwendigen Teil des Enthüllten wird: zu dem Teil, der es überleben ließ. Nun aber steht es - egal, wie tief unten es sich im Dunklen verbarg - im Hellen. Und darf die Sonne genießen.
[Poetologie. Ohne Verhüllung wäre es umgekommen, mit der Verhüllung blieb es fast ohne Atem. “Sie wollen das Unvereinbare.” Ja.]
albannikolaiherbst - 15. Jun, 13:20- Rubrik: Arbeitsjournal
Die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre verkennt die besonders in der medial zubereiteten Welt eben auch gesellschaftliche Konstruktion des Ichs. Das Private will etwas objektiv von der übrigen Welt trennen, das über diese ‘übrige’ Welt, die ja nun m e h r ist, geschaffen wurde: sei es genetisch, sei es sozial per Normwert (also Moral). Mit Beginn und in dem sich jetzt geradezu sturmflutartig sein Recht verschaffenden medialen Netz, das sich, etwa im Internet, nahezu nahtlos mit dem Ganglion zu verschalten scheint, ist eine Konstitution des Privaten ebenso unmöglich, wie sie zugleich fetischisiert wird. Der Tabuierung des Privaten im Öffentlichen (die man aus Prozessen wie dem um mein verbotenes Buch ablesen kann) geht eine radikale Vergesellschaftung des Privaten parallel (Container, Weblogs), die sehr viel genauer der Wirklichkeit folgt. Ja, die sie i s t. Wie in der Architektur, so ist auch in der Ich-Konstitution proliferation das Leitwort. Nationen lösen sich ebenso auf wie Familienverbände und gehen in ein flüssiges Miteinander über, gegen das sich freilich einerseits das ökonomische Interesse der führenden Wirtschaftsstaaten richtet wie andererseits die moralische Identität der interessanterweise so genannten ‘Schwellen’länder. Deshalb grenzt sich der Westen gegen den Osten in gleicher Weise ab, wie er den Osten wirtschaftlich übernimmt. Daß der Osten hiergegen – wenn auch aus falschen, weil ‘identischen’ Gründen - aufsteht, ist für den Westen der eigentliche Skandal an 9/11. Er ist für den Westen schon insofern ein Trauma, weil es keinen (zum Beispiel staatlich) fest definierten Gegner mehr gibt, allenfalls Gegnerverbände, die sich immer schon entziehen, wenn man sie zu treffen meint. (I s t Afghanistan ein Gegner? Sind es die Taliban? Bezogen auf 9/11 sind sie es gerade n i c h t, ganz unabhängig von ihrer innerreligiösen Mordtyrannei.)
Diese Bewegung spiegelt sich auch in der Privatsphäre. Insoweit Kohut u.a. also am Privaten als Bedingung der Möglichkeit einer erfolgreichen Psychoanalyse festhalten, verdinglichen sie sie und müssen deshalb auch therapeutisch gegen die sich verflüssigende “Welt” verlieren. Sie stellen eine Einheit wieder her, die zumindest in Teilbereichen monadisch gedacht wird, wo doch gerade die Monade längst ersetzt, nämlich durchlässig ist. Darauf spielt in ARGO die >>>> N e b e l k a m m e r nicht nur a n. Wäre nun dieses Ich das Ziel einer psychoanalytischen Therapie, setzte sie ihre Patienten gerade in d e r Fiktion ab, die doch durch einen ‘wahren’ Zugang zu sich selbst ersetzt werden soll.
[Daß das Private politisch sei, womit ‘gesellschaftlich’ gemeint war, ist ein verdächtig schnell untergegangener Leitsatz der insoweit faglos emanzipativen 68er gewesen. Heute gehen die 68er ja gern als identische (abgeschlossene) Persönlichkeiten beim Bundeskanzler Häppchen essen.]
albannikolaiherbst - 15. Jun, 12:07- Rubrik: Arbeitsjournal
Mütterspiele.
Das Wort geträumt. Wieder und wieder.
albannikolaiherbst - 15. Jun, 10:03- Rubrik: Traumprotokolle
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Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop,
meinen Sohn.
Achtung Archive!
DIE DSCHUNGEL. ANDERSWELT wird im Rahmen eines Projektes der Universität Innsbruck beforscht und über >>>> DILIMAG, sowie durch das >>>> deutsche literatur archiv Marbach archiviert und der Öffentlichkeit auch andernorts zugänglich gemacht. Mitschreiber Der Dschungel erklären, indem sie sie mitschreiben, ihr Einverständnis.
Neu erschienen August 2008
Herbst & Deters - Fiktionäre
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