Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
________________________________


 

Der Schlüpfer im Nichtwind: Nave onirica, amerina (2). PP213, 20. August 2014: Mittwoch. Am Abend Mah Jongg und die Seelen von Guf: Spatzen.

Nachts wurde er eingeholt

und morgens wieder gehißt.


13.03 Uhr, Kaminraum.
Amelia.
Verehrte Freundin,
die drei Gedichte habe ich nach allem Zaudern >>>> nun doch eingestellt, weil sich nämlich gestern nacht, nachdem ich sie, zugegeben angetrunken, vorgelesen, der Freund fast unmittelbar von seinem Stuhl erhob und nicht nur klatschte, nein, er verbeugte sich sogar – eine Geste, die meine Eitelkeit zutiefst bewegt hat. “Jetzt sprichst endlich du!” rief er, doch leise, aus und ließ mich durch all sein Zugestimmes ein Mißtrauen gegen mein Formalistisches spüren. Man hätte den Eindruck haben können, daß sein Applaus einer kleinen Befreiung galt, denn wirklich besonders sind diese Verse wohl kaum.
Ich las, um meinen Eindruck zu überprüfen, noch ein andres Gedicht hinterher, aus Neapel, und wieder applaudierte er, wenngleich nun dieses streng metrisch gebaut war, was aber mein Vortrag listig übertünchte. In jedem Fall hat es aber eine Veränderung gegeben, das spüre auch ich.
Doch nicht von den Gedichten, eigentlich, will ich Ihnen schreiben. Sondern davon, daß die – so nannte ich‘s vorhin in dem Antwortbrief an eine Leserin – „Rechnung“ aufgegangen sei, und das am allerersten Tag schon. Zwar erwachte ich gestern mit der Idee eines Katers, es war kein wirklicher, aber im Blut kreiste noch immer der Grappa, und stand auch um eine Stunde später als vorgehabt auf. Doch immerhin, von sieben Uhr morgens bis abends halb sechs schrieb ich am Traumschiff und geriet unversehens auf eine Spur, die ich überhaupt noch niemals gedacht hatte, um von bedacht zu schweigen. Es war eine Art Erkenntnis von der Wucht einer leisen, freilich etwas unheimlichen Erleuchtung: derjenigen einer Möglichkeit, den Roman zu interpretieren.
Ich lege jetzt die ersten Fährten direkt, muß sehen, ob es sich auch als Konstruktion erfüllt, deshalb erkläre ich mich besser noch nicht, nicht hier und gleich in Der Dschungel. Doch etwas, das ich vorher noch nicht auszubalanzieren wußte, steht nun horizontal. Es steht aber nicht, sondern schwebt. So daß das „onirica“ wahrwird.
Nahezu sechs einzeilige Typoskriptseiten bekam ich bis zum Abend zuwege, das sind im Buch etwa zwölf. Für einen ersten Tag nach derart viel Pausieren ist das glückhaft zufriedenstellend. Vor allem aber klingt nun Lanmeisters Stimme in mir. Um die hatte ich bislang nur getastet. Wie also gut, daß ich >>>> den Bart wieder abnahm! Und heute morgen bin ich mit >>>> Google Earth unterwegs und beginne, die Route festzulegen, die das Traumschiff nimmt. Und die erste Begegnung mit M. Bayoun wird geschildert. Wahrscheinlich können Sie schon morgen früh einen ersten Auszug in Der Dschungel lesen, heute bleibe es beim Gedicht – abgesehen vom >>>> PP, das ich hier in Umbrien aber immer erst zum Mittag schreiben will, einfach, um als allererstes nach dem Aufstehn den Klangraum des Traumschiffs in mich zu rufen. Nicht also, wie früher in Amelia stets, morgendliches >>>> Lesen auf den zwei hohen Stufen zum Cortile, und auch kein in des Nachmittags Sonne Draußenliegen. Um Urlaub zu machen, bin ich nicht hier, sondern, dank dem Freund ist sie möglich, in der Klausur des Erzählers.
Geblieben sind die Rituale, die den Arbeitstag schließen und die langen Gesprächsnächte öffnen. Fast genau um fünf, jedesmal, wird der erste Wein eingeschenkt. Nicht von mir, aber auch für mich. Die ersten beiden Gläser, jeweils, werden geleert. Dann wird eingekauft, und ich, meistens, koche. Meistens zuviel, so daß wir für zwei Tage haben:
Schulze ist da bestimmter, hat für Mengen den besseren Blick. Heute verzehren wir also noch einmal, was es schon gestern gab. Morgen indessen wird ein Risotto gereicht, con Funghi – auch dafür ist der Freund ausgesucht, ich aber werde lernen – , und übermorgen Fisch. Dann werde ich nur noch dreimal schlafen müssen, und die Löwin kommt her. Also übe ich, was sowieso nur ich hier tue, auch für sie schon mal vor. Ich übe das jedes Jahr mindestens einmal, nicht nur Sie, liebe Freundin, wissen das. Und weil ich es jedes Jahr mindestens einmal dokumentiere, wollte ich auch gestern ein Bild davon haben:
Nachdem es aufgenommen war, kam, wie dann meistens, Musik dran, und fast immer folgen dazu Gedichte. Aber nicht Montale hat sie gestern geschrieben, sondern Sylvia Plath. Die deutschen Übersetzungen, die da Laut wurden, stammen von Schulze selbst, niedergeschrieben finden Sie sie >>>> dort bei parallalie (da auch, für weitere, „Sylvia Plath“ in die Suchmaske tippen).

Aber dann, liebe Freundin! Sie werden es nicht fassen. Ich habe meine Cigarillos in Berlin gelassen, konstatierte das selbst völlig verständnislos. Also kam der Freund mit Havannas, die er aus Jamaica mitgebracht bekommen hatte: ehrliche Zigarren, Alltagszigarren, kommod gefertigt, weder das betonfest gestopfte noch ein zu „Cohibas“ hochgechicktes Zeug, sondern solche, denen man die Oberschenkel noch ansieht, auf denen sie gerollt wurden; die Unebenheiten des Deckblatts haben ihre Cellulitis konserviert wie ein Schweißtuch. Tatsächlich kann man diesen, den Schweiß, doch wirklich nur beim ersten Zug, auch mitschmecken, der während der Arbeit in der tropischen Hitze von der naßbeperlten Stirn auf das vegane Werkstück tropfte. Ich mag das, Freundin, wie Sie wissen. Und mir fällt ein, daß auch Lanmeister Zigarrenraucher ist, aber seines Herzens wegen aufgehört hat. Drei Zigarren indes, für seine letzten Stunden, hält er in seiner Kabine verwahrt. Von denen er aber nicht weiß, wann, nur eben, d a ß sie anbrechen werden, und bald. Außerdem habe ich im Netz >>>> Traumstadt aufgetrieben; urheberrechtlich ist das bedenklich, aber ich bin zu gespannt, ob meine Erinnerung hält. Tut sie das, würde ich versuchen, das Drehbuch zu bekommen und nachdrücklich-leise zweidrei Zitate im Roman plazieren, als Hommage. Selbstverständlich muß das Sterbebuch dafür erst einmal fertig sein; man tut dergleichen bei einer Überarbeitung. Ist auch nur für Eingeweihte, als, sagen wir, Boni.

Jetzt möchte ich gern weiterschreiben, soeben war ich in Tanger und sah aus Lanmeisters Augen zur Kasbah hoch. Deshalb grüß ich Sie gleichfalls von dort, innig Ihnen gewogen.

Per ora amerino:
ANH

***

(19.50 Uhr.)
Und die nächste Traumschiffsspur:
Das „chinesische Domino“, Mah Jongg, besteht aus 144 Steinen. „Mah Jongg“ bedeutet „Sperlingsspiel“. Sperlinge sind es, die die aus >>>> Guf Seelen sehen können, die in die neuen Empfangenen fahren. Vielleicht bringen sie die gestorbenen auch wieder hinauf. Das wäre ein Austausch, der ohne Erlöser auskommt. Lanmeister: „Es gibt in der See keine Seele. Sondern sie ist sie.“

Abendessen. Erneut ein guter Tag.
*

Pankower Kreuzung. (Mariae Heimsuchung).

1

Jetzige Pankower Stunde, letzte
abendliche Sitzung beim Wein
an der Kreuzung, Maria, im
falben Sommer licht sein,
da falbe Busse heimwärts fahren,
gelbe, gefolgt von gelben Trams:
Wie plumpe Insekten die Autos
und daß mich Frauen erwarten,
den Wunden, dessen Melancholie
grauschwarze Krähen nach jedem Ampelgrün
auf die geleerte Fahrbahn hüpfen läßt
vor jedem nächsten Rot -


2

Wie oft noch die rosenlippigen Wolken
Schamrosenlippig Mit einem Mal
gestern abend
erschreckend leise das Niemehr
über Beine, von Frauen, gesprochen,
den schmalen Wie oft noch Wie
plötzlich das Nu,
wie allerletzt von Begehren
Oh hohler Geist ohne Körper
Oh Leib, den Wunden nicht ehren
Oh Irrtum:

Diese Straße in einem Gedicht


3

Wein trinken statt in Italien beim
Italiener an der Kreuzung Schlechte
Malerei doch groß
an der rosanen Wand gegenüber
und daß „rosan“ kein Wort ist, indes
ein erlaubtes Genaues dem Raucher,
dem Furcht vor Karzinomen
eher, Maria, den Tod ruft als sie

Drüben das schräge
eklektizistische Dach
ist reine, zu Leere gesäubert,
Seele

...

Nebel sinkt in die Täler
Wölfe lecken schwarzes Wasser
Von weit her bellen Hunde einen unsichtbaren Mond an

Ricarda Junge, Die letzten warmen Tage.


James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (19): Das neunzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XIX.

Be not sad because all men
Prefer a lying clamour before you:
Sweetheart, be at peace again -- -
Can they dishonour you?

They are sadder than all tears;
Their lives ascend as a continual sigh.
Proudly answer to their tears:
As they deny, deny.




Chamber Music 18 <<<<

Zu Kraggerud & Wesseltoft: Last Spring.

>>>> D o r t.

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (18): Das achtzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XVIII.

O Sweetheart, hear you
Your lover's tale;
A man shall have sorrow
When friends him fail.

For he shall know then
Friends be untrue
And a little ashes
Their words come to.

But one unto him
Will softly move
And softly woo him
In ways of love.

His hand is under
Her smooth round breast;
So he who has sorrow
Shall have rest.




Chamber Music 17<<<<

V o r   K a p s t a d t. Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen, 4: Aus den O-Ton-Protokollen.

Filo 33 Vor KAPSTADT Wind
0.01 Einrichten der Mikros.
0.25 Begrüßung. Tür. Fernes Tuten: Verwenden!
0.50 "Sun is there": Kurzer Dialog. Abermals Tuten. Erzählung über die Wale.
1.27 Zum Wind Gespräche, abermals die Schiffshörner. Treppen, Schritte, Signalklingeln.
2.02 Schiffshörner. Tür. "Morning" "Morning", Lachen im Hintergrund, "Thank you".
2.34 Hinaus und wieder und wieder Hörner.
3.03 Nächstes Horn. Nase schneuzen, Sprechen, Schritte auf dem Brückendeck.
3.33 Wieder Horn.
4.03 Schniefen und entfernteres Horn. Jetzt auch Meer.
4.27 Tonwechsel. "Good morning", Schiffsrauschen, fernere Schiffshörner.
5.05 Nächstes Horn.
5.24 elektronisches Signal (sehr leise).
6.00 Tür kurz, Reden, Treppesteigen außen.
6.25 Huster, entfernt. Fast nicht hörbares weiteres Hornhupen. Maschine, eher aber als Rauschen.
6.54 Helles Männersprechen, Hupe fern.
7.22 elektronisches, abermalig leises Signal, Rauschen, fernes Hupen.
8.24 Anderes (leises) elektronisches Signal. Schiffsrauschen.
8.53 Husten, meines.
Filo 34 Vor KAPSTADT mit Ansage
0.02 Starkes (Maschinen-)Rauschen mit Stimmen.
0.38 Tonwechsel, kurzer ferner Dialog, Signal, Tür, etwas quietscht, Schritte (Treppe). Gespräche nähern sich. Abermals das Dreiersignal.
1.31 Tuten (Horn ff).
2.21 Signal und Ansage Walkie Talkie. Frau im Gespräch. Deutlicheres Signal.
3.00 Wind auf den Mikros. Fernes Tuten ff. Signal.
3.30 Verhaltenes Gespräch und Walkie Talkie von der Brücke. Signal.
3.55 Kurzer Austausch mit mir, ich über Johannesburg. "Ob das noch klarer wird?": wegen des dichten Nebels. Immer wieder Hörner und das Signal. Verhaltenes Sprechen.
5.00 Lachen, kurz. Gruppe.
5.25 Sehr schönes Horn. Um 5.38 noch einmal, ein anderes. Ständige Horn-Kommunikation, dazu immer wieder die Elektroniksignale und Sprechen.
6.26 Lachen und Good morning und Raucherhusten.
Verhaltene Gespräche etc. Dazwischen immer mal wieder (m)ein Schniefer.
8.04 Ich ins Mikro: "Die Stadt schält sich aus dem Dunst."
8.30 Rauschen und leises Reden. Hantieren am Mikro. Lachen, Reden.
9.12 Möven. Reden. Weitere Seevögelstimmen.
9.41 Tonwechsel, Wind auf den Mikros. Möven.

Die Gille-Exzerpte.

>>>> Dort.

Selbstverzehrung. Über den Mittag des 2. Augusts 2014.

Irgendwann, nachdem ich mich zum Mittagsschlaf gelegt, erwachte ich und griff, einen leichten Hunger verpürend, neben mich, wo auf dem großen Mitteltisch mein langes Opinel lag, das in der Küche nicht nur hier mein Grundmesser ist, sondern daß ich, weil es sich zusammenklappen und deshalb im Gepäck sehr einfach verstauen, zumal sich an beliebigen Steinen einfach – und sehr - schärfen läßt, auch auf Reisen immer mit mir führe, - griff nach ihm und begann, weiterhin ruhig auf dem Rücken ausgestreckt, von meinem Bauch zu schneiden, gute, bißgerechte Streifen, die ich mir nach und nach in den Mund schob, an denen ich kaute, die ich dann schluckte. Der ganze untere Oberkörper, unterhalb des Brustkastens, war bereits offen. Es tat nicht weh, und, auch wenn ich mich nicht mehr erinnere, schmeckte es auch. Nur daß ich irgendwann dachte: Was tust du da eigentlich? Da müssen doch langsam die Organe kommen, und du magst doch keine Innereien! Es war tatsächlich dies, diese meine kulinarische Abneigung, was mich endlich fast schon einhalten ließ. Denn die Fleischkonsistenz, die ich an mir sah, veränderte sich, wurde verdächtig dunkel, und als ich am schon wieder nächsten Bissen kaute, schmeckte ich Leber. So daß ich das Stückchen zwar noch hinunterschluckte, ohne Ekel, übrigens, aber doch wirklich zu denken anfing: mir bewußt zu machen, was geschah und was die Folgen wären. Das wird sich doch entzünden, dachte ich, ohne Ausrufezeichen aber. Das kann doch nicht „normal“ sein, du gefährdest dich. Immer noch ohne Ausrufezeichen, sondern als eine in ihrer Distanz geradezu pure Feststellung. Daran wirst du sterben, dachte ich, legte das Messer auf den Mitteltisch zurück und erwachte, wonach ich mit einer so leichten, daß sie fast schwebte, Beruhigung auf meinen nahezu heilen, unterhalb des Nabels noch immer unbehaarten Bauch und auf das breite weiße Wundpflaster sah, das >>>> die Narbe noch verdeckt.

Zu: Christopher Ecker, Die letzte Kränkung.


Siehe >>>> dort .

Zu: Christopher Ecker, Fahlmann, Roman.

>>>> Dort.

Die schlichte Form des Realismus. Einkreisen: Michael Hametner im Gespräch mit Sighard Gille.


In der deutschen Gegenwartsliteratur grassiert die schlichte Form des
Realismus. Möglichst dicht ran an die Lebenswelt des Lesers. Damit
der Leser möglichst wenig in seine Realität übersetzen muß.
>>>> S. 67.

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (3).

(...)

Sprecher 1     Wie durch vorzeitliche Traumstätten fremdartigster Ungeheuer, an die zudem unausgesetzt die Gischt schlug, glitt das Schiff da entlang,

Sprecher 2     Kurs schon neu aufs Hohe Meer,

Sprecher 1     das weithin, so weit die Augen sahen, alles überzog.

Sprecher 2     Die alte schwere Dichterin sitzt stumm vor dem Fenster und sieht nur hinaus, sieht nur die Zeit

Sprecher 1     Indessen in der Astor Lounge Sinatra erklang.

Lanmeister     Wer ein Herz hat, macht sich schuldig.

Sprecher 1     Der junge Mann war zu sauber dafür.

Sprecher 2     Sinatra braucht Sünde und Rauch.

Sprecher 1     Das scherte aber das Publikum nicht.

Lanmeister     Was hören die Menschen?

Sprecher 1     Und der Reisende notierte zu Zarah Leander:

Sprecher 2     Wenn mir auf dieser Reise etwas klar geworden ist, dann, daß mein Sterbebuch ein Gesang für das Leben sein muß. Die Utopie eines menschlichen Davongehens, das mir von Anfang an im Sinn lag, ist aus der Bereitschaft zum Abschied nicht zu gewinnen, sondern allein aus lebendigstem Leben.

(...)

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (2).

(...)

Musik: O-Ton Schubert mit Stimmgeräuschen. Und das dann „zurück“ ins Meer fließen lassen.

Sprecher 2     Ich will im Licht sein und an der Luft. Zurück in die Vergangenheit meines Schreibens: Bleistift und Notizbuch. Es ist so warm geworden, daß ich mein Hemd übern Kopf ziehe. „Don‘t do it!“ rufen mir von ihren Liegestühlen drei alte Damen zu, und amüsieren sich. Indessen Lanmeister, denke ich mir, vor der direkten Anstrahlung auf der Hut ist,

Sprecher 1     der ihm, ohne daß er oder wer andres es sah, am Bootsdeck im Rücken saß, genau dort, wo die drei Damen immer noch weiter kicherten.

Sprecher 2     Die Wolken hängen als eine Flotte dunkler, aneinandergerückter Zeppeline über der See; die Sonne lassen sie nur manchmal zu uns herunterblicken und immer nur kurz: eine Seeblockade zur Luft.

Lanmeister     In die Strukturen der Wogen versinken.

Sprecher 2     Es gibt Rutschen gleich gestraffter Seide, hochpolierte, wie glattes Metall. Dazu über Strecken sich erhebende Bergzüge, nicht eine einzige krisslige Unruh auf den Pässen. Dann wieder Wogen aus einem mit Silber bedampften Blei, über dem der Gischtschnee wirbelt. Auf Hunderte Seemeilen Krönchen dahinter. Und wenn wir uns

Sprecher 1     dachte Gregor Lanmeister

Atmo: O-Ton Meeressirren

Lanmeister      gehoben von einem Wogenpflug, wieder hinabsenken, schäumt es unweit vom Berg weg:

Sprecher 2     dann hebt ein ungeheures Sirren an, wieder und wieder, das sich aufs Gleichmaß des Brandungsrauschens senkt - oder sich aus ihm erhebt, es ist nicht zu sagen -. Das wiederum Ton in Ton mit dem unendwegten Stampfen des Motors.

Atmo: Meeressirren und Schiffsmotor

Sprecherin          Schweigen, ständig
                         in schweigendem Deutsch.

Sprecher 1     Wer dem Meer und dem Motor lange genug lauscht, vernimmt ein immer gewaltigeres Tosen

Sprecher 2     auf der Fahrt in Gregor Lanmeisters zufrieden stillen Tod.

Lanmeister     Ich liebe dieses sanfte hohe Wiegen.

Sprecher 2     Immer hat er gedacht, daß sie einander erkennten.

(…)

Akustische Keuzfahrt 1 <<<<

„Am Ende fallen Tränen aus Titan.“ Götze im Kyffhäuser ODER Erweckte deutsche Töne. Unheimliches Notat zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Da kann schon erschrecken, wer einen deutschen Namen trägt und seine Geschichte überwunden hoffte. Die „Tränen aus Titan“ entstammen ausgerechnet der online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“. Ferner dürfen wir dort lesen: „Deutschland ist hart (…)“, ja von einem „Potpourri aus Blut und Wut“. Und in der FAZ aufersteht mit Götze der „Erlöser“, indessen als, f ü r dessen wohl, „Blutkrieger“ der Herr Schweinsteiger gilt: so in Die Welt. Als wäre alles vergessen. Das Unheil bleibt, doch profaniert. „Fußball ist längst Pop“, schreibt ebenfalls Die Zeit, und Pop ist die Ästhetik des Kapitalismus. So schrieb ich es an >>>> anderer Stelle. Der hat die Leute absolut im Griff und macht nun fröhlich Party, von „Trümmer“ bis „zerschmettert“.
Daß die „Weltpresse“ locker da mittanzt, beschlägt das Bild mit Eisen aus Jubel. Auf in die nächsten tausend Jahre. Ich erkenn sie an den Worten. So schreibt denn auch die Washington Post vom „erweckten (!) Nationalstolz der Deutschen“. Und Götze zieht in den >>>> Kyffhäuser ein, um das Reich zu retten.

Wo du aufhörst, fange ich an (nach einem Gespräch mit L., Station **)

Ich bin hier oben in den Wolken.
Nicht dort, wo die Sprachen gesprochen werden,
wo Schirme mein Ohrmuschelmeer bedecken.

Wo ich aufhöre, fängst du an.
Inmitten der Sprachen hörst du mich werden:
Hier bin ich. Hier fange ich an.

Am Himmel hängen Schirme. Umgedreht. Aus aller Welt.
Eine Ohrmuschel, die im Wolkenmeer versank, ist meine.
Hier oben. Hier höre ich mich. Sprechen:

G a n g a. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 2014. (Auch zu, leider, Fifty Shades of Grey).

Wir hatten uns in der Wohngarage einer Hippie-Gruppe zusammengefunden; ich war durch eine Frau hingebracht worden, die wiederum lockere Freundin eines dort lebenden Literatur-, glaube ich, -wissenschaftlers war. Unsere, der Frau und meine, Gespräche drehten sich aber um ihre Vorliebe für devoten Sex; vielleicht wollte sie auch von mir zur Dienerin abgerichtet werden. Irgend so etwas jedenfalls, die Situation war erotisch ziemlich aufgeladen. Was wir da allerdings bei den vor allem jungen Männern wollten, kann ich im Wachen gar nicht begreifen. Dennoch war diese Bewegung traum/logisch rein, ja organisch vollkommen und vollkommen organisch, dazu hochgradig schwül.
Ich wurde mit dem jungen Literaturwissenschaftler bekannt gemacht, der einiges von meiner Arbeit schon gehört, aber nichts von mir gelesen hatte; allerdings war er positiv präjudiziert und freute sich von deutlich ganzem Herzen, mich kennenzulernen. Auch mit „meiner“ jungen Dame, ich nenn sie mal Mademoiselle Hepburn, hatte ich einige Zeit über Literatur gesprochen und speziell über meine >>>> Melusine Walser, wie besonders darüber, daß mir die Löwin mit Recht ausgeredet hat, diesen Roman als den einer devoten Frau, sondern ihn vielmehr aus der Sicht eines dominanten Mannes zu schreiben: nämlich, was eben d i e s e n treibt, in eine Erzählung zu bringen. Unweigerlich kamen wir auf >>>> E.L.James' gräßliches, weil für die Zusammenhänge billig banales Buch zu sprechen und daß es aber gerade die innere Billigkeit (die nicht den Ladenpreis des Buches meint) sei, was seinen Erfolg begründet hat: Letztlich handelt es sich um eine sehr bewußt auf den Markt zugeschnittene Profanierung, während dominant/submissive Inszenierungen interessanterweise am schärfsten funktionieren, wenn man sie von Kirchenmusik begleiten läßt, etwa Pergolesis Stabat mater, aber auch – O Haupt voll Blut und Wunden - von Bachs Passionen. Will sagen, daß die treibenden und wirkenden Zusammenhänge die Metaphysik nicht nur streifen; ohne sie kann es gar keine Übertretungen g e b e n.
So das, im Traum!, vorhergegangene Gespräch, das sich nun mit dem jungen Literaturwissenschaftler fortsetzte, auch wenn jetzt >>>> Anderswelt ins Zentrum geriet. Um eine Formklammer zu schaffen, wies ich auf >>>> Die Fenster von Sainte Chapelle hin, das der junge Mann – im wachen Nachhinein erinnert er mich ziemlich an einen allerdings sehr bärtigen Brad Pitt, einen, sagen wir, D.H.Lawrence-Pitt –, aber auch nicht kannte. So ging das hin und her. Ich wandte mich wieder der kleinen Audrey Hepburn zu, der junge Mann stand abseits im Gespräch mit seinen Freunden. Irgendwann kam er wieder zu mir. „Ich verstehe gar nicht“, sagte er, „weshalb du so einen schlechten Ruf hast, auch hier, bei meinen Leuten. Das sind alles hochgebildete Menschen, aber sie lassen nicht mit sich reden. Sie mögen >>>> Krausser, sogar >>>> Kunkel, dich aber lehnen sie mit einer Entschiedenheit ab, die mich ganz sprachlos macht.“
So packte ich die Gelegenheit an der Rute und fragte selbst. Die Antwort, die ich bekam, frappiert mich noch jetzt: „Wie flach Sie in Ihrer Erzählung Ganga über Foucault hinweggehen, wie Sie ihn banalisieren, ist einfach grauenhaft.“ Ich war wirklich vor den Kopf gestoßen, denn diese Erzählung hatte ich, wollte ich ausrufen und tat es auch, niemals geschrieben. „Selbstverständlich haben Sie das. Das ist geradezu lächerlich, daß Sie das jetzt leugnen. Sie sind nicht nur ein schlechter Autor, sondern auch noch ein Lügner also und ein Feigling.“
Ich wurde immer verwirrter. Ganga, Ganga, ich konnte mich wirklich nicht erinnern. Aber mir dämmerte etwas, irgend etwas, ein Ungeheures, Schlimmes, ja Böses. Bis in mir eine Art Geständnis aufstieg, ein Selbstgeständnis, diese Erzählung tatsächlich geschrieben zu haben, nur daß ich sie in überhaupt keinen Zusammenhang mit Foucault bringen konnte. Ich hatte auch keine Ahnung mehr, was in der Erzählung eigentlich drinstand, nur, daß sie irgendwann vor Jahren in den >>>> Horen erschienen war, zu >>>> Johann P. Tammens Zeiten natürlich noch.
Ganga. Das mußte ein „indisches“ Sujet gewesen sein, und wenn ich jetzt drüber nachsinne, ist, abgesehen von meinem Bombay-Hörstück und einer vor anderthalb Jahrzehnten tatsächlich in den Horen erschienenen „Bombay-Rhapsody“, welches der Nukleus eines damals geplanten Mumbai-Romanes war, ein solches, aber auch nur indirekt, in der Erstfassung von >>>> Meere tatsächlich realisiert worden, nämlich allein in der Figur Irene Adhanaris. So daß jedenfalls die scharfe Auseinandersetzung, zu dem sich mein Taum nunmehr auswuchs, ganz offenbar abermals seinen Grund in diesem meinem umstrittensten Buch hatte. Aber das kapierte ich im Traum noch nicht, sonst hätte ich anders reagiert, besonnener und eingedenk, daß ich Tabus berührt hatte, deren Verletzung die Menschen mir übelnahmen und nach wie vor -nehmen. Ich wäre denn auf ihre Prägungen zu sprechen gekommen und hätte den politischen Zusammenhang von internalisierter Moral und ökonomischen Interessen deutlich gemacht. So indes, mit „Ganga“, blieb ich hilflos und in einer gegen die Wand gedrückten Verteidigungsstellung verohnmachtet.
Mit diesem lähmenden Gefühl und dem des Abgelehntwerdens und hilflos auch, weil sich der junge Literaturwissenschaftler mit einem Mal in einem Loyalitätskonflikt befand, aus dem er nur durch Rückzug von mir herauskommen konnte, wachte ich auf – hatte aber immer noch die im Traum aufgestiegene Gewißheit, die in ihm strittige Erzählung „Ganga“ tatsächlich geschrieben zu haben. Und daß an ihr etwas objektiv Unrechtes sei, das mich ein- für allemal disqualifiziert habe.

Was ich jetzt, im Wachen, anders sehe. Vielmehr denke ich, „Ganga“ nunmehr schreiben zu müssen. Als wäre es ein Auftrag, den mein Traum mir erteilt hat – etwas, das in meinem Unbewußten eine Forderung stellt, deren Erfüllung es bewußt machen soll. Nicht aber >>>> „Wo Es ist, soll Ich werden“, sondern ein geradezu ichloses Licht ist vonnöten. (Dagegen allerdings Bloch: „Nicht nur Verbre­chern ist ja das Dun­kel tauglich, auch Liebende wissen mit ihm etwas anzufangen.“)
*

Die Fenster von Sainte Chapelle.


Kulturmaschinen Berlin
Paperback, 180 Seiten
14,80 Euro
ISBN-10: 3940274348
ISBN-13: 978-3940274342



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