Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 d e

 
Jetzt >>>> dort.

Und ebenfalls dort, >>>> aber d a, von Mario Scalla, eine zweite.

Wo aber bleibt es, das bleibende Tier? Ging‘s wie Ozon
uns und der Erde verloren, gewesenes Tier, das zum Sterben
kauert... die schmerzenden Bindehäute verkrustet... so siecht es?
Floh es, weil wir es vertrieben? Es hockt nun versteckt - und es lauert?
Wenn uns der Geist von den Körpern so ablöst, wo bleibt sie, die Welt, dann -
wo bleiben w i r? Zweiwertig ist er und kennt nur die lichten
Schatten. Denn gegen die dunkelen trat er, die Leidenschaft scheuend
wie einen Irrtum von Irren, grad an und korrigierte
die Emotion ins politisch Korrekte, damit es, das Tier, nichts
reißt. Doch Vereinen heißt immer auch Nehmen. Ein Fortnehmen heißt es,
niederzureißen das Ich, ab- und es wegzuzerreißen.
Ach, mein nomadischer Leib! Geist ist Monade, er zeugt nicht,
sondern geht ganz auf die Kosten der Schöpfung, sieht nur noch Moral;
lauwarm gedämpft will er Ausgleich – ein schales Ersticken, das blaß
zwischen den Koordinaten verweht, vegetarischen Gittern
einwertig wohldefinierter Zivilheit von Anstand, an dem
Berber, wie Tiere verhungern, müd eingehen: klaglos den Blick
um spätre Rente gebrochen, um Futter zu Fütterungszeiten,
denen man zusieht, belustigt die Kinder, die Fingerchen zeigen -
plötzlich ein Schatten auf einem Gesicht
der huscht von einer Erinnerung her
die mehr weiß als er
doch weiß sich nicht mehr
und sucht -
( - Die ganze Elegie >>>> d o r t. Mit den laufenden Kommentaren.)

GHelbigs Kritik >>>> h i e r.

schwingenschläge in leichterer luft
zeit und rauch
kein hauch, kein duft
auf deinen roten lippen any more

dein zartes hirn - schon wieder entwirrt
und alles ist fort
kein wort das noch irrt
auf deinen nachtblauen lippen

versiegelt im nichts bist du jetzt
kein rauch, keine zeit
nicht mehr bereit und unverletzt
in der großen idiotischen ewigkeit

ich bin das letzte reservoir
das nichts mehr enthällt
die welt war so wahr
wie nie and probably never will be.

Ortega-Titel
(>>>> Daraus).

>>>>Und da zählen die wahnwitzigen Fantastereien des Ribbentrop Enkels Alban Nikolai Herbst noch beileibe nicht dazu.<<<<So lebt die Recherche >>>> in Einem fort. Schlecht steht`s zumal um die kommunistische Zukunft in Österreich, wenn sie sich >>>> hinter Thomas Mann versteckt, weil nur noch bürgerliche Rücken breit genug sind. So gönnen wir dem Mann besser das Pech, wirklich ein Mindernickel zu heißen.

Es ist nicht zu fassen, aber die deutsche BewältigungsSchuldIndustrie setzt der Verlogenheit immer noch eins drauf. Nach der florierenden Verdinglichung, die nach wie vor prosperiert, sind wir nunmehr beim beauftragten Kitsch angelangt. Ganz offen, quasi* überm verdeckten Führerbunker. Man könnte ihn einen begrabenen nennen.
[Weiter >>>> d a. Mit den Kommentaren.]

An >>>> Fritzpunkt.
buero@fritzpunkt.at
Wien
UND ALSO ES GESCHAH. Näherungen an Marianne Fritz. WDR 3, 22. Mai, 22 Uhr.
Sehr verehrte Damen,
sehr geehrte Herren,
am 22. Mai wird der WDR 3 um 22 Uhr mein Hörstück UND ALSO ES GESCHAH ausstrahlen. Falls Ihnen möglich, wär's fein, Sie kommunizierten das ein bisserl herum.
Es grüßt aus Berlin nach Wien:
ANH
www.albannikolaiherbst.de


NACHTRAG (am 10.5.):142Nun ist auch diese Produktion im Kasten; es war ja im Vorfeld eine schwierige Geburt, bis ich also einen Produktionstermin bekam; 3 ½ Jahre (!!!) hat das gedauert – die Produktion selbst aber gehört sicher zu den gezieltesten, bei der ich je Regie geführt habe; es gab rein gar kein Suchen und kaum mal ein Ausprobieren; alles stand, nachdem ich ein paar Tage vor dem und am letzten Wochenende selbst die Ustvolskaja-Musiken, und daß es n u r solche würden, festgelegt und geschnitten hatte, imgrunde schon fest: wir mußten nur noch ausführen, sauberschneiden; da war das Ohr des Toningenieurs Meinetsberger maßgeblich. Neben der Interpretationsleistung meiner Sprecher, selbstverständlich; ich selbst hatte ein bißchen was zu dirigieren, das war es dann aber auch schon... gut gut, ein wenig „Inspiration“ war s c h o n vonnöten, aber die ergibt sich immer aus der Kenntnis und der Erfahrung. Es ging diesmal vor allem um – Sorgfalt; sie war es, worauf wir unsere Zeit verwenden mußten. Maßgeblich war zu Marianne Fritzens Dichtung, dem Klang dieser Dichtung, vor allem Ustvolskajas Musik. Weshalb ich zu einem leisen Schrecken meiner Regieassistentin, die ganz hervorragend gearbeitet hat, mit einem on fait des WDRs brach, - verwendete Musik nämlich nur dann zu nennen, wenn sie eigens für ein Stück komponiert wurde, und es ansonsten bei der genauen GEMA-Meldung zu belassen. Es so zu halten, widerstrebte mir sehr; daß mein Hörstück jetzt diese Kraft entfaltet, liegt zu ganz großen Teilen an der Musik; also gehört sie an besonders herausgehobener Stelle auch genannt. Ich hab ja sogar noch ins Stück selbst eine Passage hinzugeschrieben, die sich auf die Musik bezieht; einen Brief Leukerts zitiert, in dem er sich für Ustvlskaja ausspricht. Es wäre absolut unlauter, eine solche Kondition zu verschweigen. Meine Arbeit beschränkte sich rein auf die Montage, ich mußte die Musiken genau kennen (manchmal geht es nur um Zehntelsekunden), um ihnen die richtigen Einsätze unter, zu und nach den Textpassagen zuordnen und sie genau, auf die Viertelnote, plazieren zu können. Und ich mußte, das ist aber, meine ich, für einen Regisseur ganz selbstverständlich, mein Team von meinem Typoskript überzeugen, und zwar nicht, indem ich bequassel und argumentiere, sondern indem ich zeige, indem ich sinnlich erfahrbar mache. Für die Arbeit mit den Sprechern, die ja unsichtbare Schauspieler, nämlich solche sind, die ihre, bzw. die Präsenz der Dichtung, rein in die Stimme legen und über die Stimme kommunizieren müssen, kann es auch nichts schaden, wenn man als Regisseur vorzumachen, sogar vorzus p r e c h e n versteht. Das muß und kann nicht die Klasse der dann lebendig werdenden Interpretation haben, aber deren Aura schon einmal vorwegzitieren.152Gut, ich bin zufrieden. Alles weitere werden wir sehen. Die Sendung wird am 22. Mai um 22 Uhr vom WDR ausgestrahlt werden. Ich werd sie in Der Dschungel einzwei Tage vorher noch eigens annoncieren und auch den Link auf den „Teaser“ legen, den der WDR als Hörprobe >>>> auf seine Website stellen will.CD-Cover

Um halb zehn am Studio gewesen, da stand der kleine BMW des Toningenieurs noch vorn an der Schranke. Wir grüßten winkend, ich radelte – es war bereits warm – übers Gelände, sommerlich floß die Spree. „An sich könnte man da einen guten Anleger montieren“, sagte ich mit Blick auf den Fluß. „Ja“, sagte er. Und wie immer, auf die Minute pünktlich, eine Minute vor zehn Tina Schimanski, unsere Regie-Assistentin, von deren Professionalität Meinetsberger mit Recht nur so schwärmt.
Kleines Gespräch am Anfang, ich kau noch mein mitgebrachtes Brötchen zuende, wie rauchen, dann geht es los: Wieder ganz von Beginn, Minute für Minute, von >>>> der Morgenarbeit hab ich meine Anmerkungen in grüner Schrift ins Typoskript geschrieben, „hier bitte Take 29, kann ich da bitte mal reinhören“; insgesamt sind bis zum Abend viereinhalb Minuten dazugewonnen, wir liegen jetzt bei 55'03''; das ist fast perfekt. Mehr will ich aber nicht hineinnehmen, sonst zerdehnt sich die Dynamik des Hörstücks. Wir werden morgen früh hören, ob nicht auch das jetzt schon zu viel war. Meint die Assistentin allerdings nicht. „Wann immer ich denke, das klingt jetzt ausgezeichnet, stellen Sie beide n o c h feiner ein...“ Meinetsberger, unterdessen sind wir denn d o c h beim Du, bessert bisweilen klammheimlich aus, wir hören, er stoppt den Lauf und richtet irgend etwas, hört, nimmt die Kopfhörer, hört abermals; dann wieder ich, will hier noch mal, da noch mal; nachmittags wird die Stimmung angespannt, unser beider, Meinetsbergers und meine, Nerven sind ein wenig bloß; aber wir haben's im Griff; jeder hält an sich; „jetzt wird’s aber Zeit für eine Zigarette“, aber es fällt ihm was ein, und er schiebt weitere fünfzehn Minuten zwischen die Zigarette und sich. So im Stück ist auch er. Ganz nah. Ganz daran. Immer Ustvolskaja, immer Fritz. Es stellt sich eine enorme Balance zwischen Musik und Sprache her: was ich seit je intendiert hab. Ich gehe unterdessen dazu über, schon mal nur einen einzigen Ton in das Hörstück einzumontieren – aus dem Zusammenhang eines ganzen Stückes genommen und, im Sinn dieses Stückes, dann wieder aufgenommen. Und ich merke: ich bin jetzt da, wo ich von allem Hörstück-Anfang an hinwollte:: Musik und Dichtung verschmelzen. Einen ersten Höhepunkt hatte das in dem >>>> San-Michele-Stück, jetzt aber bin ich n o c h einen Schritt weiter, auch (oder vielleicht: vor allem), weil ich mich auf eine einzige Komponistin konzentriere, es also kein Ausweichen gibt. Bei San Michele konnte ich noch zwischen Dallapiccola, Mascagni und Schubert „springen“, hier hingegen beharre ich auf einer einzigen Musikästhetik. Man kann in einer solchen Situation kaum noch schummeln. Und schon gar nicht bei Ustvolskaja, und schon gar nicht bei Fritz.

Und also es geschah 6 <<<<

Hört alle Kunst a u f.

(CDXLXXI).

[Arbeitswohnung, Ustvolskaja: Trio für Violine, Klarinette und Klavier.]
Die Fuge spielt gerade, die ich unter die beiden Sprechfugen des Stückes legen, mit der ich sie überhaupt erst bauen will. Das wird die erste Aufgabe für heute sein, erst einmal mit den Sprechern, später dann die musikalische Anlage; vielleicht werden wir genaue Positionen auch für die Musikeinsätze hörbar machen müssen. Und wir werden anfangs wieder mit dem Metronom arbeiten, uns dann davon lösen, aber den Grundschlag im Herzen der Ohren behalten.123
Jedenfalls: die beiden Fugen zuerst, ab 11 Uhr. Vorher, von zehn bis elf, das Stück im vorgesehenen Ablauf weiter- und vielleicht zuendeschneiden. Wär fein, wenn das klappte. Danach will ich, daß sich alle Sprecher einen ganzen Durchgang einmal anhören und von sich aus sagen, wo sie gerne etwas noch einmal sprechen möchten; sie brauchen dazu aber diese Übersicht; an sich möchte ich verstärkt dazu übergehen, „meine“ Sprecher in die künstlerische Arbeit mit einzubinden, die Identifikation mit dem künstlerischen Konzept festziehen, dann reagieren, um die Funken zu nutzen und ins Stück zu binden, die aus der Interaktion geschlagen werden. Das ist insofern heikel, als mir mit dem Voranschreiten des Hörstücks zunehmend klarwird, welch eine Depression Antrieb des fritzschen Welt-Kosmos gewesen ist; wir sitzen ja nicht etwa am Lagerfeuer und singen gemeinsam aufhellende Gospels...
Abends sollte das Hörstück dann einmal komplett „angelegt“ sein, so daß ab morgen die Feinarbeit losgehen kann. Mit etwas Glück gibt es heute um 17 Uhr schon mal einen Durchlauf, bei dem ich - logischerweise noch vor der Mischung - ein DAT-Band mitlaufen lassen kann, um das morgen früh hier über die Kopfhörer vorbereitend zweimal hintereinander abzuhören.

NACHTRÄGE (8.5.):132
Fugen sprechen.

Die Sprecher kamen teils vorpünktlich, besonders Schaale, der schon um zehn erschien und seines Geburtstages wegen Kuchen und Rotkäppchen-Sekt mitbrachte, dem dann erst keiner zusprechen mochte, weil man ja sprechen mußte, dem man aber schließlich einigermaßen d o c h zusprach, vor allem ich, nachdem wir einen ganzen Durchlauf des Rohschnitts gemeinsam angehört hatten und sich unter den Beteiligten eine Art Betroffenheit ausgebreitet hatte, Berührtheit, „das ist ja richtig ergreifend!“ sagte Peggy Lukac und wollte überhaupt keine Kritik lautwerden lassen; Mellies: „Das hätte ich nie geglaubt, daß das so dicht wird, daß das so berührt...“ Und, nachdem wir gehört hatten, fragte er mich auf dem Weg zum Gang, wo man rauchen darf: „Wer hat denn diese Musik ausgesucht?“ Heidrun Bartolomäus hatte einige kleine, sehr fachprofessionelle Einwürfe, dazu Mellies immer wieder: „Nein! Nein!“ Dennoch hat sie in zweidrei Punkten recht; wir hörten dann abermals zusammen hinein, überprüften, schmeckten ab.
Der Morgen b e g a n n aber schon gut: die beiden Fugen flutschten geradezu, wir brauchten kaum ein Anprechen und überhaupt keine Probe mehr; das Ganze hatte sich über den einen freien Tag in den Sprechern gesetzt und wurde mit Engagement, vor allem aber einer Energie vorgetragen, die einem jetzt, im Stück, wie vor den Kopf schlägt, ohne daß irgendwie überzogen wird. Tatsächlich behält alles die Ausstrahlung höchster Konzentration. Daß ich soviel Wert darauf lege, für dieAufnahmen immer alle Sprecher dabeizuhaben (das ist unüblich geworden, es wird unterdessen meist in Modulen gerabeitet, die dann am Schneidetisch zusammengesetzt werden), hat sich abermals enorm bezahlt gemacht: Die Schauspieler untereinander, egal, ob Star, ob Sternchen, hochkollegial, ja freundschaftlich, viel wird gelacht, viel wird erzählt, von früher, aus DDR-Zeiten, von jetzt; gegenseitige Achtung beherrscht das Feld – und so sprechen sie denn auch völlig gleichberechtigt, bei einigen muß man etwas heben, bei anderen etwas wegdämpfen oder umleiten, etwa, daß Mellies' Baß naturgemäß schnell in die Führungsrolle läuft, was hier aber nicht sein darf, zumal es das Stück über eine Frau ist... und sie ließen sich auch lenken, locker, wobei... als ich die Schnitte hörte, als wir schnitten, und dann mich selbst hörte, wie ich übers Mikro Sprachregie-Anweisungen gab, da zuckte ich denn doch zusammen, weil es ungemein autoritär klang. Das wurde akzeptiert, zu meiner nachträglichen Überaschung, und nachdem wir gemeinsam den Rohschnitt gehört hatte, wurde es auch berechtigt, bekam Grund, Erde, Sinn. Mellies, mit einer leisen Ironie, nannte mich hinterher ein paarmal „unsren Principalen“ und nannte das Stück einmal ein „Requiem“. Woran etwas ist, und nun ist es mein >>>> zweites, das ich für Künstler geschrieben, deren Konsequenz ich, ja: verehre..
Hübsch ist noch d i e s e Geschichte: Ein weiteres Mal verdanke ich mein herrliches Sprecher-Team dem Einsatz Antje von der Ahes: „Rufen Sie Heidrun Bartolomäus an, rufen Sie Peggy Lukac an... aber ich ruf vorher an und erzähle von Ihnen.“ Und dann kommt heraus, daß Sie letzterer erzählt hat, da sei ein ganz toller jüdischer Regisseur.... Also erzählte ich die Ribbentrop-Geschichte noch. Lukac: „Das stimmt, das ist wahr, als ein Ribbentrop hätten Sie nie etwas veröffentlichen können...“ „Ich hab wirklich gedacht, daß Sie jüdisch sind“, so von der Ahe, die jetzt ganz ganz leicht von den Socken war. Woraufhin dann das Thema nahelag, wie einen der Name in bestimmten sozialen Zusammenhängen tatsächlich bestimme, der Schein das Sein verbiege... sie hat selbst zu DDR-Zeiten einiges mit ihrem Namen zu tun gehabt, dieses - und sei es vorgebliche - Aristokratentum in einem Kleinbürgerstaat... entsprechend die Sanktionen.
Wir trennten uns am Nachmittag schon, ich gab von der Ahe meine „Undine“ mit und den beiden anderen Damen, die vortags geklagt hatten, daß es kaum Rollen für Schauspielerinnen um die 50 gebe, mein Nicht-Sirius Stück; dieses ebenso Otto Mellies.
Schimanski, die sich als Regie-Assistentin mehr als nur bewährt, die wirklich perfekt ist, sowohl in der Organisation als auch vor allem beim Schnitt (sie hat nicht nur jeden einzelnen protokolliert, sondern hört ihn, innerlich, wenn ich nach Versionen frage), sowie Andreas Meinetsberger und ich blieben noch dort, um ein paar Kleinigkeiten zu revidieren – aber imgrunde war die Luft jetzt erstmal raus. So ließen wir denn nochmal einen Durchlauf starten, aber nur, damit ich mein DAT-Band für >>>> die heutige Früharbeit bekommen konnte. Danach ging's heim, und bei mir gab es Am Terrarium einen Riesenberg Spargel.

Und also es geschah 5 <<<<

102Kurz nach halb zehn Uhr morgens war ich bereits wieder am Studio; Meinetsberger saß bereits vor der offenstehenden Studiotür, trank einen Kaffee, rauchte und sah durch die Scheiben auf das kleine Rasenstück mit dem außer Betrieb genommenen Springbrunnen, der es einmal geziert hatte, bis jemand das Männeken Piß zur Anzeige brachte, das dort aufgestellt gewesen war; das war dann fortgeschafft worden, dann legte man den Brunnen still. Hübsch auch die Geschichte von den beiden Interims-Intendanten zur Wendezeit, als der DDR-Rundfunk abgewickelt wurde. Man produzierte ein Hörspiel über jugendlichen Rechtsradikalismus und hatte dafür eine ganze Menge Kleindarsteller engagiert, die draußen „Deutschland den Deutschen! Deutschland den Deutschen!“ skandieren sollten, was sie denn auch taten. Das drang bis hoch in den „Turm“, worin ganz oben die Intendanz sah. Die zuckte nun zusammen und kam überhaupt nicht auf den Gedanken, sich vielleicht mal einen Produktionsplan anzuschauen... nein, man zuckte zusammen und wählte 110. Woraufhin sich das Rundfunkgelände mit einer ganzen Flotte von Polizeiwagen flutete, die Kleindarsteller verhaftet wurden und und und. Der Regisseur des Stücks und Meinetsberger hätten den Teufel getan, da was richtig zu stellen, sondern nur noch gelacht. Und gelacht. Und gelacht.
Man muß wohl nicht eigens erwähnen, daß es sich bei den beiden Zwischenintendanten um Westdeutsche gehandelt hat; einen von beiden fand man mit einer Million ab, damit er seinen Posten klaglos verließ. Ob es dem anderen ähnlich dreckig erging, und was aus den verhafteten Kleindarstellern geworden, entzieht sich meiner Kenntnis; ich hab allerdings auch nicht nachgefragt.

Ab zehn saßen wir dann an den Schnitten. Ich wollte an sich bis zum Ende kommen, >>>> wie ich heute morgen schrieb, die Sprechfugen ausgenommen, und auch nur grob. Aber wir gelangten nur zur TS-Seite 21 – womit wir, unterm Strich gesehen, immer noch gut in der Zeit liegen, sehr gut sogar; ich hätte halt bloß gern gehabt, daß die Sprecher, wenn sie morgen um elf Uhr wieder kommen, das Bisherige einmal auch selbst durchhören können. Mal sehen, was wir von zehn bis elf erreichen...
Die Ustvolskaja-Musiken zu verwenden, war der beste Einfall, den ich haben konnte, und sehr gut, daß Leukert mich darin besonders bestärkt hat. Sie dienen teils für die Legati der Szenen, teils aber, und das ist ein Vor/allem, geben sie einiges von der gedrückten Zähigkeit wieder, mit der die Fritz ihr Werk durchgedrückt hat, auch einiges von dem Leid, das ganz sicher dahinterstand.
Nachsprechen müssen wir morgen kaum etwas. Um 17.50 Uhr schloß ich die Sitzung; Meinetsberger fuhr noch den Backup.
Vor der Tür saß rauchend >>>> Dieter Mann und wartete geduldig, daß das Studio freiwürde, damit er sein Hörbuch weitersprechen könne; mit ihm saß, wohl, die Regisseurin. Grüße, Viel Spaß, und ab ging's heimwärts.117Und also es geschah 4 <<<<

92Das HörfunkStudio II befindet sich auf dem alten Rundfunkgelände des aufgelassenen Rundfunks der DDR ganz am Anfang Köpenicks: ein riesiger Komplex direkt an der Spree, so gut wie kaum genutzt, vieles zerfällt, ein paar kleine Privatstudios sind vorhanden, einzwei große Hörspielstudios, die bisweilen die ARD-Anstalten nutzen; ansonsten leerer Raum, verlassene Gebäude, die Rasen zu Wiesen, ungemähten, geworden, verwunschen stehen die Bäume.82Alles voll der Poesie, die eine Verlassenheit gibt, die wächst, wo Biotope gedeihen und wieder Elfen im Halbschatten spielen, während außen herum Replikanten sprießen. Die Privatstudios sind bisweilen von Stars heimgesucht, die schattig aus den Gängen treten; Sting war vorgestern da, man treffe, erzählte mein Toningenieur Meinetsberger, schon mal Roman Polanski; bis vor kurzem wurde der große Musiksaal, der nun ebenfalls allmählich verwaist, vom Filmorchester Babelsbergs bespielt.73
Gerade mal eine halbe Fahrradstunde von der Arbeitswohnung entfernt... man findet dergleichen im Westen nicht, und Berlin dürfte die einzige Großstadt Deutschlands sein, die solch einen Schatz noch birgt – eben weil man ihn ebenso mißwirtschaftend brachliegend läßt, wie uns Bausubstanzen alleine deshalb erhalten blieben, weil die DDR kein Geld hatte, sie abzureißen.116Hier nun, in Block B - dem „Künstlerblock“, sagt Meinetsberger -, dieses Studio, in dem – und in dem gleich nebenan gelegenen größeren Hörspielstudio >>>> Otto Mellies manche Nacht durchproduziert hat... hier nun treffen wir uns; um 10 Uhr bereits >>>> Gerald Schaale, mit dem die Kaffeehaus-Szenen vor-aufgenommen werden, und um 11 Uhr kommen die anderen hinzu: >>>> Antje von der Ahe, >>>> Heidrun Bartholomeus, >>>> Peggy Lukac; Tina Schimansky, die Regieassistentin, und Meinetsberger sind selbstverständlich schon vorher da. Schaale klagt erst ein wenig, das tat er schon bei der >>>> San-Michele-Produktion, „das schaff ich nicht, das zu sprechen“, ich beruhige ihn, lächelnd, und dann wird er auch wirklich gut; es geht gerade bei meinen Texten oft nur erst einmal darum, in ihren Ton zu finden; bei Marianne Fritz gilt das nur um so mehr.53Die Schauspieler kennen einander, haben manchen Topf zusammen aus den Bretterfeuern geholt, das hilft. Schnell ist man sowieso, auch unter Unbekannten, per Du; ich halte auf Distanz, sehr freundlich, sehr verbindlich, so fühle ich auch, aber per Sie. Und tatsächlich läuft das Stück ganz wunderbar, ich muß selten trietzen, lasse die Sprecher ganz zu Anfang in die Musik hineinhören, damit sie einen Eindruck haben, damit ihr Stimmduktus ihn aufnimmt. 63Was tadellos, ja fast zu reibungslos funktioniert, so daß ich sie wieder etwas lockern, etwas agiler sein lassen muß. Es geht um sehr genaues Hören, es geht darum, Passagen abzuhorchen, gerade bei der Fritz muß aus dem Sprachklang heraus gefunden werden, was sie eigentlich erzählt.
Wir arbeiten mit ein paar, aber immer nur sehr kurzen Pausen, fast die ganzen acht Stunden durch; mal muß ein Brot gegessen werden, aber imgrunde wollen alle immer nur weitermachen.43Auch das kenn ich von meiner Arbeit nun, daß so gut wie alle immer hoch engagiert sind, so gut wie nie war einer genervt – unter der Voraussetzung, daß ich die Sprecher selbst zusammengesucht und ihnen vor allem habe das Typoskript rechtzeitig zukommen lassen. Manchmal gelingt ein Satz, der mir einen Schauer über den Unterarm jagt, manchmal gelingt es, fast weinen zu können, obwohl ich dieses Stück ja nun aus dem ff kenne. Gegen 16 Uhr sind wir mit dem gesamten Typoskript durch, wie können sogar schon mit den beiden Sprechfugen beginnen... sie einzustudieren beginnen. Um 17.20 Uhr entlasse ich die Sprecher bis zum Mittwoch morgen um elf. Schimansky, Meinetsberger und ich bleiben noch und legen für die ersten fünfsechs Minuten bereits den Ton an... nur die Kaffeehaus-O-Töne werden wir morgen tauschen müssen, weil ich eine CD in der Arbeitswohnung vergessen hatte.212


Und also es geschah 3 <<<<

Findet man hier nicht – auch wenn Google >>>> etwas anderes behauptet.

[Sti(e)lblütenreferrer.]

Ustvolskaya ... ist keine Musik, die einem was zulieb tun will, sehr schwer verdaulich, und man kann sie auch nicht oft hören... Ich finde sie aber mit dieser fast sturen Beharrlichkeit, der bis ins Extreme getriebenen Kraft und Energie, einzigartig ..., mit diesen wuchtigen Schlägen auf den Holzblock ...
... versteinerte Vorgeschichte und eingeschlossene Erzlager; die Geschichte der Festung selbst wie die Geschichte ihrer Verteidiger und Belagerer; vor allem natürlich die nicht endende Abfolge von Haß und Krieg, von Tod und Gewalt. Nicht zuletzt stecken in den Sedimentschichten der Festung die verlorenen Geschichten jener Dörfer, die „vom Militär ausgehoben (...) und zum Verschwinden gebracht worden sind“.


Und also es geschah 2 <<<<

Robert Merle, Der Tod ist mein Beruf. Robert-Merle4Jonathan Littell, Die Wohlgesinnten. 9783827007384Littell 6 <<<<

Ustvolskaja-FritzThe music of Galina Ustvolskaya is not 'avantgarde' in the commonly accepted sense of the word and for this reason was not openly censured in the USSR. However, she was accused of being unwilling to communicate and of ‘narrowness’ and ‘obstinacy’. It is only in the recent past that her critics have begun to realize that these supposed deficiencies are in fact the distinguishing qualities of her music. The composer Boris Tishchenko has aptly compared the ‘narrowness’ of her style with the concentrated light of a laser beam that is able to pierce through metal.
Galina Ustvolskaya’s works of the 1940s and 1950s sometimes sound as if they had been written today. Her specific idealism is informed by an almost fanatical determination; this should be construed not only as a typically Russian trait, but also – in terms of Dostoyevsky – as a 'St. Petersburgian' one. Shostakovich wrote to her. „It is not you who are influenced by me; rather, it is I who am influenced by you.“ People quote Ustvolskaya; she does not quote them.
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Sprecher 1 Ähm, Sie... Sie verfolgen, denke ich, eine bestimmte Strategie. Würden Sie unseren Hörern etwas dazu sagen?
Marianne Fritz (schweigt).

Kaffeehaus-O-Ton weg. Tzigane bleibt stehen, etwas in der Präsenz angehoben. Aber Vorsicht.
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Und also es geschah 1 <<<<

Es ist eine heilige Nacht, die man den Neurechten noch weniger als der „Kultur“industrie überlassen darf. Beider Interessen sind reaktionär. Und beider Ziele.

Jetzt >>>> d o r t.