Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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III, 271 - Peau de chagrin

Im Moment spiegelt sich nichts als die eigene Haut vorm inneren Spiegel, sie dorthin zu bannen, ohne sie noch auf dem Leibe zu tragen. Anders als Eckenpenn, der zwar auch ‘nur’ Spiegel ist, aber einer, der das wuselige Unlebendige reflektiert, er selbst ist der Spiegel, den das alles nicht wirklich angeht. Man liest zwar, er gehe durch einen frostigen Morgen, aber man spürt es nicht als Leser, es steht dort so geschrieben.
Ein solcher Blick gelingt mir im Moment nicht. Ich bin nicht der Spiegel, sondern sehe mich im Spiegel dessen, was außen seine Blicke auf mich wirft. Haut, in der ich bin, die zu verschwinden droht. Selbstverständlich bildlich gesprochen, aber doch auch wieder spiegelbildlich. Einzelne mich betreffende Episoden erscheinen mir kaum beschreibenswert. Etwa die Geste der Neffen-Mutter, die gestern Abend Karnevalsgebäck vorbeibrachte, um daran im Nachhinein die Bitte zu knüpfen, in den nächsten beiden Tagen nach der Katze zu schauen. Denn sie fahre mit ihren Söhnen wieder nach Rom, wo sie ja nun studieren und dort in der ihr gehörenden Wohnung leben. Das geht schon einen Monat so, daß sie immer mitfährt und dort ist. Dieses Kümmern.
Seit über einer Woche liegt auch die Forderung, 1200 Euro an Steuern für das Jahr 2012 nachzuzahlen, hier, ohne daß ich mich darum gekümmert hätte. Am Samstag verschob ich den Kauf einer neuen Gasflasche. Prompt gab die alte gestern vormittag ihren Geist auf, so daß der Stampfer schon ab zwölf Uhr herhalten mußte.
Spiegel und Spiel und Mißbrauch. Ein Motiv in den ersten Monaten (die Kapitel in Gurks Roman entsprechen den Monaten, die dort dahinfließen) ist ein blaues Heftchen mit Gedichten, auch die NÄHErin nahm’s damals mit. Am nächsten Tag brachte es eine Göre zurück, die NÄHErin sei abgehauen. Gedichte von ihm darin. Ein Schriftsteller-Beau bekommt’s in die Hände. Benutzt eines der Gedichte für eine eigene Publikation. Und dunkle Geschichten mit einem “Dorian Gray”. Gigolo. Glatt, glatter, am Glattesten.
Kurz, Eckenpenn wird gegen gute Bezahlung von letzteren gebeten, das blaue Heftchen mit seinen Gedichten zu einer reichen Bankierstochter zu bringen. Visitenkarte zwischen Seite 17 und 18. Man versteht nicht wirklich warum, aber das Fräulein versteht das Wort “Rauchen” auf der Visitenkarte und frißt die Seite auf. Und stirbt. Gewisse Hinweise darauf, es könne sich um Arsen gehandelt haben.
Eckenpenns Ekel vor der Stadt. Der Entschluß, wieder zur Natur zurückzufinden. Erinnerungen an die schlesische Kindheit. Raus aus der Stadt. Natur. Tippelt einfach los. Aber es gelingt ihm nicht. Sie, die Stadt, verfolgt ihn mit Jungvolk und Musike, ratternden Fahrzeugen, und als er sich dennoch ganz darin wähnt, wird ihm unheimlich, und er fährt zurück in die Stadt.
Der Buchtrödler fühlte beschämt, daß [ich merke erst jetzt, daß das Buch keine normalisierte Rechtschreibung hat: gut!] er der großen Mutter Landschaft verloren sei. Er, der ausgezogen war, um die Stille zu suchen und die einsame Seele der menschenlosen Natur klopfen zu fühlen, konnte das eingeborene Schweigen mit seinen tausend Tiefen, seinen dröhnend unhörbaren Geräuschen nicht mehr ertragen.
Pessimistische Melancholie. Wahrnehmen, um zu registrieren, ohne wirkliche Teilnahme, und wenn, dann eher zufällig. Es sei denn, es handelt sich um NÄHErinnen. Oder um einen NÄHer, einen junger Maler, den schon seit drei Morgen inmitten der Landschaft immer wieder eine Wolke in dem Moment stört, die einzig wahre Horizontlinie mit der aufgehenden Sonne einzufangen.


Eine zumindest für heutige Zeiten schwer vorstellbare Figur. Wie bei jedem Lesen: man muß sich darauf einlassen. Alle Sätze sind Spiegel, die sich mit jedem Satz anders verwinkeln.
Nur das Umdrehen ist schwierig. Die Rückenschau. Man verliert die Eurydike, die geliebte Vorstellung vom eigenen Körper, und verdammt ihn zum Hades. Pardon, zum Hadern mit sich selbst.

III,270 <<<<

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (31): Das einunddreißigste Gedicht. (Entwürfe).


XXXI.

O, it was out by Donnycarney
When the bat flew from tree to tree
My love and I did walk together;
And sweet were the words she said to me.

Along with us the summer wind
Went murmuring -- - O, happily! -- -
But softer than the breath of summer
Was the kiss she gave to me.




Chamber Music 30 <<<<

III, 270 - Trägerabgleich

Nehmen wir an, jemand wird unterdrückt, kommt dann meinetwegen nach New York und macht Kunst. Singen zum Beispiel. Das klingt dann in der Trägersteuerungsmodulation so: “Brückenschlag zwischen Unterdrückungserfahrung und Kunstgenuss”. So in der SZ gestern ein Plattenbesprecher. Und meinte eine Frau aus Tunesien. Würde vielleicht in der Tragfähigkeitsberechnung heißen: hie Unterdrückung, da Kunst und beides schlägt zueinander eine Brücke, wogegen nichts einzuwenden ist: paßt, wackelt, hat Luft. Leid und Kunst. Kein Dogma, aber eine Erfahrung. Woher kommt der Genuss? Wahrscheinlich liegt der beim Plattenbesprecher: “geile Stimme!”. Wie die vom Leid singt! Echt! Und schon ‘schlägt’ er, ganz Trägerstromkanal, eine Brücke, die ihn nicht einmal erschlägt, sondern Unterdrückung und Genuss miteinander verbindet. Er wird über genügend Trägersteuerungserfahrung verfügen. Die komischen Worte bis auf das letzte stammen aus dem ‘Großen Wörterbuch der Technik. Deutsch-Italienisch. Italienisch-Deutsch’, erschienen bei Hoepli, Mailand, und Brandstetter, Wiesbaden, 2000. Ich glaube, das letzte Wörterbuch, das ich mir in Buchform zugelegt.
Aber das Blättern dauert mittlerweile länger als das Eingeben eines Wortes in die Suchmaske. Zuweilen aber hilft’s noch. Auch wenn ich mir mal den großen Zeh verknackst habe, als ich nach einem Ehestreit gegen einen anderen Wörterbuchwälzer trat, der grad auf dem Boden lag. Entwickelte sich dann zu einer schmerzhaften Angelegenheit und mußte tatsächlich im Krankenhaus von Narni behandelt werden, wobei ich mich weigerte, mich dorthin fahren zu lassen: den Schmerz beim Treten der Pedale wollte ich alleine aushalten.
Eine Berliner Göre wie die sechzehnjährige Hermine würde da mit den Achseln zucken (und erlaub’ mir ein längeres Zitat aus Gurks ‘Berlin’):
Hermine trat in den dunklen Treppenaufgang nahe an ihn heran und tuschelte: “Der Alte ist erschossen worden.”
“Aber” - sagte Eckenpenn entsetzt - “wie war denn das möglich?”
“Na - das ging ganz schnell. Er war im Schumm, und da hat er immer eine Wut. So kriegte er seine alte Knarre zu packen, ging aufs Dach und ballerte immer runter, mitten mangs Militär - nachher suchten sie alle Häuser ab. Da steckte ihn die Alte ins Spinde, und es wär’ vielleicht so ohne abgegangen, als ausgerechnet eine Patronenhülse - kullau - kullau… unters Spinde vortrudelt. Na… denn haben sie’n auf’n Hof gestellt, dicht neben die Plumpe - und da ist er auch bald alle geworden.” -
[...]
Er sagte schwer: “Es war doch Ihr Vater, Hermine!”
Sie lächelte leichtsinnig und sagte schnippisch: “Weiß man’s? - Und wenn schon! - Er soff; und mit zwölf Jahren hat er mir auch schon nicht mehr in Ruhe gelassen! - Die ‘Alte’ hat schon einen ‘Neuen’. Er sauft auch, aber mehr Nordhäuser mit Odör!” Sie zuckte die Achsel. “Vorläufig stinkt er nicht so sehr. Und die Alte hält’s ja doch nicht länger als’n paar Tage aus!”


Gestern noch ‘Vaterland’ gehört von Konstantin Wecker, dann ‘Daddy’ von Sylvia Plath. Aber im Grunde steckt der Daddy nicht in der deutschen Geschichte, sondern eher(n) im Nordhäuser oder was auch immer. Insofern verlink’ ich weder das eine noch das andere, es stimmte nicht für mich. Sondern nur für einen imaginären, aus der Geschichtsschreibung hervorgegangenen Vater. Daddy-Land.
Und heute schon wieder gemobbt von einem, der mich regelmäßig auf meine geographische Herkunft reduziert.
E intanto si avvicina un temporale…

III,269 <<<<

III, 269 - Komplementärfarben

Du könntest den versunkenen Kiel sich entfernen hören ins weite Meer hinaus oder einer Möwe wütendes Einhacken auf den Spiegel nach dem Verlust der Beute. Wahrscheinlich der Spiegel des Meeres. Mit der Hand vorm Gesicht, die Brille hochgeschoben. Im Gegenlicht nur Gelb. Als Gast Amöbenrosa. Nein, wir sind oder waren dann nicht mehr in Berlin. “Terra”. Ungaretti. Jedenfalls der erste Satz anhand einer hingeklierten Mitschrift. Gestern abend.
Und zu Füßen tapfer welkender Rosen, ihrer Form noch immer eingedenk, welke grüne Rosenblätter auf der Zauberschrift des Tisches. Verborgen hinter schwarzbraunen Quadern (schwarzbraun ist die Haselnuss, auch). Ich mußte mich eigens darüber beugen. Welke leben besser im Verborgenen, sofern (und damit) sie nicht rot werden. Früher gab’s Negative und Komplementärfarben. Es raschelt im geheimen. Der Blick die Eidechse, die dazwischenfährt. Es zum Sprechen bringt.
Berliner Witz. Am Telefon einst im langen Flur der Moabiter Wohnung. Wieso ich im Flur stehe, wurde ich gefragt. “Damit ich besser rauf und runter gucken kann.” Am Telefon der, dem die Gurk-Ausgabe gewidmet.
Läuft nämlich ein junger Mann die Straße entlang, spärlich bekleidet. Leute auf Fahrrädern neben ihm, ihn rhythmisch einpeitschend mit ihren Stimmen, und er läuft hin und läuft die ganze Strecke zurück, im gleichmäßigen Tempo, vom Rhythmus des Marsches gezogen, die Stirn erhoben und stählern glänzend, kommt ein alter Mann hervor und ruft ihm nach: Mensch, renn’ nicht so! Du kommst immer noch früh genug nach die Irrenanstalt!”.


Selber gerannt heute. Riesige Büffelherden von Worten. Aber schon um sechzehn Uhr hatte ich sie alle erlegt. Das Glas Wein danach wie die rohe Büffelleber, in die der, der mit den Wölfen tanzte, biß. Und geglaubt, es könne aus all dem tatsächlich doch noch Irrsinn entstehen. Wie jetzt.
Solidarität mit den Sioux!

unsere eidechsenzungen

kaltblütiges harren
in praller sonne

raschelnde flucht

ein dieb
bleibt nicht stehen


III, 268 - Tamerlan

Des hommes rejoignaient les camps en armes, des cavaliers apparaissaient dans le champs déserts et les flammes trouaient les ténèbres. Dans ce champ de bataille plus vaste, l’entrée de Tamerlan était inévitable. - René de Obaldia, Tamerlan des coeurs
‘arebeit’, die Mühsal des Schwertschwingens, jedes Wort ein “Heads off!”, sobald es abgeha(c)kt. Gestern von 5 a.m. bis 7 p.m. Wie schrieb ich dann gestern privatim gegen halb achte: Lampe sei müde, es entlockten ihm grad noch Töne ein Text, eine Hommage an den Orgelkomponisten Reger ("Gabe und Gnade zugleich"), morgen abzuliefern, bleibt nur noch Suppe und Gurk (Stellen darin, die an Döblin erinnern) und ein Weilchen Ofen, während es tatsächlich orgelt aus Reger-Kompositionen. So blöd, so wahr, so gut.
Dennoch sieht Eckenpenn selbst im wüstesten Durcheinander Blumenzwiebeln aufgehen. Auch hier im Hof sprießen schon die Blätter, aus denen dann Osterglocken hervorgehen werden. Erinnerungen an meinen ersten Haiku (sei’s, ich weiß ihn noch auswendig: “Osterglockenstrauß, am Abend noch verschlossen, blühte er nachts auf” (ein Haiku, den oder das ich nicht mehr so genau weiß, beschäftigte sich mit Pantelleria, die Insel lag am unteren Rand der Europakarte, die in ihrem Zimmer hing, weil mich der Rand interessierte, von dem man aus der Welt fällt)), morgens im Zimmer einer Krankenschwester im Schwesternwohnheim in Wolfsburg.
Auch so eine NÄHErin, wie die, die neulich nach der Braut von Messina suchte. Er, Eckenpenn, der Buchtrödler, der sie ansah, wurde sichtlich rot. Nun beschreibt er sich als über 60jähriger (der Autor selbst war’s nicht, als er’s schrieb), und ein solcher liest es als ein solcher zumal (Zeigte sich das Jenseits der Sechzig schon so stark?). Ich nehme an, sie, die NÄHErin, wird sich als reiterierendes Motiv fortsetzen. Und sei’s einer vordergründigen Verwechslung wegen.


Es ging sehr lustig zu im Schwesternwohnheim. Eines abends stand alles am Flurfenster, von dem aus man in ein Zimmer des Seitenflügels schauen konnte. Wo sich eine zunächst eine Entkleidungs-, dann eine Kopulationsszene entwickelte.
Lediglich den Bioladen betrat ich gestern. Die Großäugige aus Noto saß da mit einem Paolo, den sie mir vorstellte, aber nur dem Namen nach. Seit ich einmal dort vor acht oder neun Jahren Gedichte vorgelesen (der Schönwetterbauer begleitete mich auf der Gitarre mit recht simplen Akkorden, die er allerdings durchzuhalten verstand), schaut sie mich immer an, als wäre ich ein Wunder. Hm, jetzt vielleicht doch ein bißchen weniger. Aber es ist doch immer noch der Gestus des großen Blicks da.
Aber Lampe mochte auf nichts mehr eingehen, redete außer “piacere!” nur Unzusammenhängendes von der Herkunft des Rohrzuckers, den er sich gekauft, und des dortigen Präsidenten, worauf natürlich niemand etwas antworten konnte. Wie das ja eh oft genug geschieht. Etwa, wenn ich davon anfange zu reden, wie schwierig es gewesen, die Übersetzung für ein bestimmtes Wort zu finden.
Darum schwenkten sich auch plötzlich wieder in den Erinnerungsblick die Panam-Flugzeuge, die ich damals vom Moabiter Fenster aus über dem Tiergarten die Kurve zum Flughafen Tegel nehmen sah. So setzt sich alles. Aber am Wochenende soll’s regnen und kälter werden. Es ist noch Holz da. Für eine Woche etwa.
Ein dröhnendes Stampfen kam die Straßen entlang. Es war, als fahre ein Streitwagen Tamerlans über eine Ebene, besät mit trockenen, krachenden Knochen. Ein eisernes Ungetüm, grau, aber mit farbigen Ringen und Flecken betupft wie eine bucklige Riesenkröte. Ein einziges Rohrauge drehte sich heraus und tastete die Luft ab, bereit, Feuer auszusprühen: - ein Panzerwagen! - Gurk, Berlin
Der Stampfer, klar. Noch.

III,267 <<<<

Bordun, morgens. (Entwurf).

Aus der schweren Decke, dem Kokon
sich wandeln, Motte, für den Kaffee
und die vergangnen Zeiten, die
voll stieren Muts sich Auswegs
Losigkeiten in die Lettern hieben
und den Atem schließlich hoben
täglich in die Lust des Privilegs
nicht bloß zu sein

Nun hört er morgens Palestrinas
Geistliche Motetten, wie
um bloß zu sein zu lernen

Es blauen licht die Fernen

Die Bamberger Elegien.

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Rote Fadenheftung, 152 Seiten, 20 Euro

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James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (30): Das dreißigste Gedicht. (Entwürfe).


XXX.

Love came to us in time gone by
When one at twilight shyly played
And one in fear was standing nigh -- -
For Love at first is all afraid.

We were grave lovers. Love is past
That had his sweet hours many a one;
Welcome to us now at the last
The ways that we shall go upon.




Chamber Music 29 <<<<

III, 267 - Messina

Von Messina habe ich überhaupt kein Bild im Kopf, nur die unangenehme Erinnerung an den Beginn einer Nachtfahrt im Zug nach Rom. Wir kamen am Ende unserer Hochzeitsreise dort irgendwann (am Nachmittag? am Abend?) an, waren auf der Fahrt von Palermo noch ein bißchen in Cefalù herumgelaufen. Da war noch alles normal. Dann begann aber eine ihrer schmerzhaften Monatsblutungen. Und die Nachtfahrt wurde zur Qual. Auch die habe ich verdrängt. Aber warum Messina?
Am Vormittag las ich in den >>>> ‘Frauen von Messina’ (Elio Vittorini, nicht wirklich spannend, mir kommen dauernd S/W-Bilder à la Neorealismus beim Lesen, sehr lange Einstellungen). Aber Messina kommt darin außer als Herkunftsort einiger Frauen dort aus dem Apennin so wenig vor wie in der Aussage des Mädchens, das in >>>> Paul Gurks ‘Berlin’ am Büchertisch des Buchhändlers Eckenpenn sich wünscht, ‘Die Braut von Messina’ zu finden:
”Es ist ja Torheit - Ich kann nichts kaufen. Es ist wenig diese Woche herausgekommen. Wenn man alles abzieht … Nur - ich bleibe manchmal stehen - und suche die Braut von Messina. Das rollt so - anders als meine Singer - Entschuldigen Sie!”.


Näherinnen usw., “lebendige Maschinen”. Vor einer Stunde mich hineingelesen. Wird jetzt wohl eine Zeitlang den Bernhard ersetzen. Allerdings stimmt die Verlagsanzeige nicht, was das Nachwort betrifft. Es ist ‘nur’ von Magnus Chrapkowski, und ihm, Michael Chrapkowski ‘nur’ gewidmet. Fill i pare. Immerhin dieses. Den Namen des Freundes, den ich einst in der Rostlaube in einem Seminar zu >>>> ‘Perrudja’ kennengelernt, gedruckt wiederzusehen: es ging im Grunde darum. Es haben sich über den Nexus Gurk im letzten Sommer merkwürdige Zusammenhänge ergeben, auf die ich hier nicht näher eingehen will und wohl auch nicht sollte. Eine Art geheimes Netz, das, als es da war, nicht umhin konnte, da zu sein.
Und darum wurde das Buch plötzlich so wichtig für mich.
Wer weiß, ob ich nicht nach Erledigung des Bücherberges doch noch ‘Perrudja’ bestelle. Damals hatte ich ein Exemplar aus der Amerika-Gedenkbibliothek. Neulich war ich schon drauf und dran. Nabelschnuren.
Und so kam ich auf Messina. Auf die in Messina beginnende Monatsblutungspanik am Ende der Hochzeitsreise.
Ich könnt’ auch von Auroren reden, die am Morgen am Himmel verbluten, um dann im Blau ein Denkmal sich zu setzen. Von der im Abendlicht leuchtenden Fassade der Kirche Sant’Agostino und ihres Campanile mit der schmuddeligen Dachziegelhaube, um dann im Schwarz mit einem Memento sich zu schmücken. Vom Ofenloch, aus dem es riecht nach: Bohnen. Und daß ich heute nur draußen war, um Holz hereinzuholen. Ganz zu schweigen von dem Brief gestern, den mir die Steuereintreibungsstelle geschickt, und die knapp eintausenddreihundert Euro von mir will. Eine Art Weihnachtsüberraschung so zwischen Heilje Drei Körnige und Karneval...
>>>> Und wie in die Ohren gebohrt, begleitet uns unser Vokabular.

III,266 <<<<

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (29): Das neunundzwanzigste Gedicht. (Entwürfe).


XXIX.

Dear heart, why will you use me so?
Dear eyes that gently me upbraid,
Still are you beautiful -- - but O,
How is your beauty raimented!

Through the clear mirror of your eyes,
Through the soft sigh of kiss to kiss,
Desolate winds assail with cries
The shadowy garden where love is.

And soon shall love dissolved be
When over us the wild winds blow -- -
But you, dear love, too dear to me,
Alas! why will you use me so?




Chamber Music 28 <<<<

III, 266 - Eitel

Endlich den Weihnachtsmann, der ich geworden, vom Kinn und von den Backen und von den Schläfen genommen. Ich hatte so nicht die Apotheke betreten wollen, bei deren letztem Besuch vor einem Monat die Erde bebte. Ein Monatsbluten, dieser sich wie ein Vollmond bemerkbar machende plötzliche Ordnungssinn. Und weil Sinn nicht so sehr Sinn Féin (auch wenn ich immer mal wieder recht “stupefiziert” (Raabe, Christoph Pechlin. Eine internationale Liebesgeschichte) in irisch-gälische (Gaeilge) Gesänge hineinhöre), sondern sich eher säxisch ein ‘sin’ angelt, könnte man auch von Ordnungssünde sprechen.
Insofern wäre die Unterteilung der Welt in Unter- und Oberstadt umgekehrt als in >>>> Degenhardts Schmuddelkinderlied. Hier gehört anders als dort die Oberstadt den Schmuddelkindern, nicht umgekehrt. Dieser mein Schmuddelfreiraum betrifft die kurzen Wege zum Tabaccaio und zum Bioladen Pianeta Verde, wo ich Sachen kaufe, die nicht von dieser Welt sind. Mein Lieblingsrohrzucker stammt von den Philippinen, wo jetzt ein Mörder Präsident ist. Einst sprach man von Tyrannen, dann von Diktatoren, jetzt heißen sie alle Präsidenten. Auch weil meine Greisinnen mich vor der Eigenscham beschützen. Wahrscheinlich ist das ihre eigentliche Funktion.
Dies auch der Grund, weshalb ich den Ort dessen, an dem alles Wissen um die beschränkte Allwissenheit sich in wohlbekannte Regale hineinschrumpft, nämlich den Coop-Supermarkt, vermeide und stattdessen einen etwas verborgenen und schmuddligeren Supermarkt aufsuche, der allerdings auch Coop-Produkte führt. So daß es dann doch wieder nicht soooo traumatisch wirkt. Oder sollte ich doch lieber öfter den Discounter aufsuchen? Um mich den Coop-Produkten zu entfremden? Um sie mir dann durch das Angewöhnen falscher Gewohnheiten noch begehrlicher zu machen.
Ich weiß, es ist die blöde Geste an der Kasse, sich einen Euro in die Hand zu schmuggeln, die dann in die Hand dessen wandert, der EWIG dort steht und IMMER ‘my friend’ sagt.
Immerhin entdeckte ich an dem bis heute wachsenden Bart, daß da immer noch ein rötlicher Schimmer im weißen Gewölk unter der Nase haust. Ich bin so eitel, wie alles eitel ist.

III,265 <<<<

Nun mag es Frühling werden. (Entwurf).

Lang warst du schleichend konfrontiert
und bist es plötzlich mit dem Ende
Die leisen Stimmen sanft im Ton
der Freunde, daß es anders sei

und habest doch was vorzuweisen,
ein ganzes Werk & Lebgeviert
Wie manches sich noch wenden werde:
Gleich's sprach auch der Propheten Volk

gestern zu dir am Telefon,
da du den Freund auf der Station
bis in sein Eingehn in die Erde
schon leiden sahst im Heim

Da stehst du weise da
(was ich vermeiden wollte)
und bist noch nicht vorbei
Nun mag es Frühling werden

III, 265 - Im Neunerquersummenklub

Dreimal der Greisin begegnet, die oft durch die Gassen schlurft, über den Platz, sich auch mal hinsetzt in die Sonne. “Die Sonne scheint.” sagte sie, als ich zum Auto ging. Setzte sich in die Sonne und schaute mir beim Manövrieren zu. Daß die Sonne scheine, sagte ich auch zur Tabaccaia, als sie sich die Hand vor den Kopf schlug, weil sie vergessen, außer den panisch gesuchten Geldscheinen zum Wechseln, die sie sich aus ihrem eigenen Portemonnaie fischen mußte, wobei sie ständig im Kopf rechnete, auch noch die Wechselmünzen hinzulegen. “La testa!”
Gestern hatte ich mehr Gedanken als heute. So eine Art Abendsterne vor einem noch kobaltblauen Himmel kurz vor der Düsternis. Sah auch einen, als ich neulich am Fenster stand mit dem Telefonhörer in der Hand. Man muß immer irgendwo hinschauen oder hin und her gehen, wenn man einen Telefonhörer in der Hand hat, um auch beschreiben zu können, was man sieht, weil das Hören der anderen Stimme, die plötzlich lebendig geworden, immer auch ein “Wegholen” ist. Darum schaute ich gebannt auf den einen Abendstern. Auch wenn der unbestimmte Artikel unangebracht ist. Es ist ja immer derselbe. Auch liegen genug weiße Zettel herum, um etwas darauf zu notieren.
Auf dieselbe Weise begegnete ich dem Mond: heute ein Mond, gestern ein Mond. Und je mehr ich zurückgehe in der Zeit, desto voller wird er. Wie ja auch die vergangenen Tage voll gewesen sind. Gestern ging die Konzentration bis an den Rand ihrer Möglichkeiten. Vorgestern erreichte die Kommunikation den Rand ihrer Möglichkeiten. Nämlich den Rand der Welt, in der einer aufgehoben. So am Ende die Empfindung. Nachdem ich am Morgen noch die Schultern gezuckt wegen der neuen Quersumme der Jahre, die lautlich einem “Nein” sehr nahe stand. Auch das steht auf keinem Zettel.
Tullias Besuch von vorvorgestern (ihr Sohn wahr dabei) kommt mir in den Sinn. Ob ich eine Putzfrau brauche. “Theoretisch ja.” Antwortete ich. Und sie fing an, ihre Tochter wegen ihres Ordnungssinns zu loben, und daß sie ja doch mal anfangen könne, sich etwas dazu zu verdienen. Was ich sehr merkwürdig fand. Nie könnte ich mir die noch nicht mal erwachsene Tochter als Putzfrau vorstellen. Die solle lieber schreiben, meinte ich. Denn neulich las ich einen feurigen Text von ihr, der ein Plädoyer für die Jugend gewesen.
Und so kommt die Greisin zum Mädchen, ganz ungewollt:
Wie es mir mit der Unsterblichkeit ergeht, so ergeht es mir mit der Ehe: Ich brauche sie augenblicklich nicht, aber der Tag wird kommen - falls ich alt werde -, da ich sie brauchen werde, und ich will mich nicht der Gefahr aussetzen, dass ich in dem Alter, da ich unsterblich sein will, ohne die Liebe einer Frau dastehe, so dass ich mich in ein Mädchen - oder eine Greisin - verlieben müsste, die die Ruhe gefährden würde, die mir in meinen letzten Tagen wohl bliebe. >>>> Pujols, Der Herbst in Barcelona
Es stimmt, daß ich sie augenblicklich nicht brauche, aber nicht, daß ich sie brauchen werde. (Und dauernd ist auch vom Tibidabo in Barcelona die Rede, ich aber wohne auf dem Tibidedi). Außer dem Mädchen und der Greisin stimmt nichts an dem Satz. Denn beide sind Chimären des Neunerquersummenklubs. Ich könnte dem Erzähler höchstens darin zustimmen, daß es ganz hübsch ist, über Selbstmord nachzudenken. Aber weil es so hübsch ist, daran zu denken, sollte man es nicht tun. Es sei denn, man tut es, um es hinterher (!) zu beschreiben, wie in diesem bzw. jenem Text. Man lese ansonsten Montaigne zu diesen Thematiken.

III,264 <<<<

Die zwei Augen. Im Arbeitsjournal des Montag, dem 13. Februar 2017.


[Arbeitswohnung, 6.58 Uhr
Isang Yun, Erstes Violinkonzert (1981)]
Wenn der ältere Freund, zusammengebrochen und unfähig, sich zu bewegen, am Boden seiner Wohnung aufgefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht, wo ihn die Ärzte, weil er an eine Lungenmaschine angeschlossen werden mußte, in ein künstliches Koma versetzten, aus dem er tagelang nicht erwacht, auch wenn du mit ihm sprichst und die Frau, die einst dein war, streichelt ihm die Stirn und das Haupt, derweilen du hilflos dabeistehst, als wäre seine Lage deine, während du dich an Alte Tage erinnerst und siehst ihn kraftvoll in kurzer Hose über muskelstrotzenden Waden, gedrungen, ein kleiner Bison von Mann, auf dem Stein sitzen, zwischen den Beinen die Flasche Wein, die er vorgebeugt mit beiden Pranken öffnet, den zerfransten Strohhut auf dem Kopf unter der prallenden Sonne des Südens, und wie er nachher mit dem Opinel auf dem Steintisch Tomaten schneidet, die er im wilden Feld hinter seiner Findlingshütte selbst gezogen, und du denkst, morgen bringe ich ihm Musik mit, Bach, gespielt von Glenn Gould, den er liebt, und tust es, stellst CD-Cassetten aus deiner Sammlung zusammen und bringst den alten tragbaren Player wieder zum Laufen, dann radelst du los durch den scharfen, doch weißlosen Winter und stehst erneut am Krankenbett, hältst ihm, dem hilflos weggesunkenen, von Schläuchen und Kabeln durchzogenen, kanülengespickten älteren Freund, die Hörerchen ans Ohr, minutenlang, so daß er plötzlich unwillig zuckt und du denkst, oh, es ist ihm zuviel, ist ihm unangenehm, und willst die Hörerchen wieder fortnehmen da, als er nochmals zuckt, gleich, denkst du, schimpft er, durchaus nicht hilflos, wieder auf dich ein, was du geflohen bist und hast ihn deshalb jahrlang gemieden – wenn er dann die Augen öffnet, hellwasserblaue, völlig ungetrübte, und sieht dich an und läßt dich nicht mehr aus dem Blick. Und lächelt. Wenn alles Verletztsein, das zwischen euch stand, plötzlich nicht mehr zählt. Wenn es seit gestern niemals war.
[Isang Yun, Drittes Violinkonzert (1992)
Arbeitswohnung, 7.36 Uhr]


James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (28): Das achtundzwanzigste Gedicht. (Entwürfe).


XXVIII.

Gentle lady, do not sing
Sad songs about the end of love;
Lay aside sadness and sing
How love that passes is enough.

Sing about the long deep sleep
Of lovers that are dead, and how
In the grave all love shall sleep:
Love is aweary now.




Chamber Music 27 <<<<

III, 263 - Hänselklein

Che famo? Ach, rutsch mir, Bernhard, den Buckel runter (“Allein die Tatsache, daß ich in dem riesigen Hochgobernitz das kleinste Zimmer bewohne, ist unheimlich.” Verstörung (wohinter sich die Tatsache verbirgt, daß das im einstigen Landhaus für mich tatsächlich der Fall war, das kleinste Zimmer für mich zu haben, und die Erwähnung des “kleinsten Zimmers” war Grund genug, auf! zu schrecken))). Oder dem Gewinner von >>>> Sanremo (der vorherige RAI-Link funktioniert nicht, also eine andere Interpretation) applaudieren, jedenfalls einen Moment lang, weil eher dem Meridione verhaftet mit seinen Intonationen und nicht den üblichen Kadenzen der ital. Schlagerindustrie. Ich glaub’, ich sitz grad neben meiner Mutter und guck’ mir Eiskunstlauf an. Denn sonst hab’ ich ja nichts verolkt von dem Schlagerwettbewerb. Und mich auch nicht vervolken lassen. Außer jetzt. Aber das war gestern, was oberhalb dieses Satzes steht. Ich hätte auch sagen können: neben meiner Ex und schau’ mir Sanremo an. Oft genug getan. Und meinetwegen gemeinsam essen vorm Fernseh’, weil wieder mal die eine Talkshow angesagt war.
Ob ich gehört hätte, was in Australien passiert ist. Gestern beim Gasflaschenhändler. Und was der Papst dazu gesagt. Sowas also beschäftigte ihn, nämlich Priester-Pädophilie. Fing gar an, es sich auszumalen. Mir fiel keine Replik dazu ein. Tatsächlich immer ein wohlfeiles Thema. Vor vielen Jahren hörte ich eine Neujahrsansprache der Immernochkanzlerin (das einzige Mal, daß ich sie hörte), weil ich gerade im ‘Dorf’ war, die genau mit diesem Thema anhub. Da war sie dann unten durch bei mir. Billige und unreflektierte Münze. Auch wenn ich jetzt nicht in der Lage bin, darüber etwas Besseres als eine instinktive innere Abwehr dagegen zu formulieren.
Kann auch daran liegen, daß ich in der Pubertät einmal nackt im Bett (autosexueller Anwandlungen halber) lag und meine Mutter mich morgens mit einem Zeitungsartikel in der Hand weckte, in dem von einem meiner Onkel, der einst aus der DDR geflohen und auf einem Bauernhof irgendwo im Landkreis Arbeit gefunden, die Rede war, der ein kleines Mädchen berührt (?) habe. Was mir tatsächlich auch noch Hänseleien eintrug. Meine Mutter schritt prompt bei der Mutter des Hänselnden ein. Der Onkel aber landete tatsächlich im Knast. Und was macht man dort? Man fertigt für den Neffen (mich) ein Briefmarkenalbum (ein Riesending und ziemlich sorgfältig, aber doch etwas protzig gearbeitet), dessen Ende mir jetzt entgeht und dessen Nichtmehrvorhandensein gewiß ist. Führte dann noch ein tristes Dasein im Emsland. Und die paar Mal, die ich ihn dann noch sah, erschien er mir immer bar jeder Intelligenz.
Und so vermischt sich immer alles.
Stattdessen suchte ich dann gestern lieber nach den Bedeutungsfacetten des englischen Reimworts “lump”.
And I will show you something different from either
Your shadow at morning striding behind you
Or your shadow at evening rising to meet you;
I will show you fear in a handful of dust.

     Frisch weht der Wind
     Der Heimat zu ...
T. S. Eliot, The Wasted Land

III,262 <<<<

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (27): Das siebenundzwanzigste Gedicht. (Entwürfe).


XXVII.

Though I thy Mithridates were,
Framed to defy the poison-dart,
Yet must thou fold me unaware
To know the rapture of thy heart,
And I but render and confess
The malice of thy tenderness.

For elegant and antique phrase,
Dearest, my lips wax all too wise;
Nor have I known a love whose praise
Our piping poets solemnize,
Neither a love where may not be
Ever so little falsity.




Chamber Music 26 <<<<

Lava verstehen. Isang Yun hören. Arbeitsnotat als Arbeitsjournal des Donnerstags, dem 9. Februar 2017. Zum Übersetzen. Zum politischen Widerstand.


[Arbeitswohnung, 8.32 Uhr
Yun, Zweites Violinkonzert]
Beobachtung zu >>>> Helmut Schulzes und meinen >>>> Nachdichtungen der frühen Joyce-Gedichte: Wir werden deutlich „freier“ in unseren Interpretationen, lösen uns zunehmend – bei aller strikten Beachtung sei‘s der Reimschemen (ich), sei‘s der Silbigkeit (er) – von des jungen Joyces doch ziemlich pubertären Blumigkeit; das führt zu sagen wir liebevollem >>>> Spott, der zugleich das ernsthafte Gefühl des jungen Mannes nicht entehrt, ihm aber stilistisch einen „erwachseneren“ Klang gibt. Freilich erfordert das hie und da eine gewisse Frechheit, die sich unter anderem in den Vergleichen findet, die wir Joyce unterschieben. Das ist nicht schlimm, nicht einmal bedenklich, weil das Buch, wenn es im kommenden Herbst erscheinen wird, zuallererst ja die originalen Texte druckt und die englische Sprache zumindest in ihren Grundzügen als bekannt unterdessen vorausgesetzt werden kann. Ja sozusagen ist unsere Interpretationsfreiheit nun sogar Pflicht, weil Übertragungen, denen sie fehlt, geradezu redundant wären.

Der Contessaroman dreht sich momentan (noch) in seinem Bisherigen selbst: Von meiner Auftraggeberin gewünschte Änderungen haben mich alles noch einmal überarbeiten lassen. Auf Buchseiten hochgerechnet, lagen bereits an die 200/250 Seiten vor. So bedeuten die Änderungen für den Roman-insgesamt, daß seine Entstehung zweidrei Monate länger brauchen wird als geplant. Ich schätze, daß er in Erster Fassung Ende Mai bis Mitte Juni vorliegen wird – vorausgesetzt, daß nicht noch weitere grundlegende Änderungen kommen. (Welche es waren, darf ich hier freilich abermals nicht schreiben.)

Immer wieder suche ich nebenbei nach zeitgenössischen Komponisten, die das sinfonische Erbe angetreten haben. Das, was die Konzertsäle füllt, lag ja quasi brach, bzw. stagnierte im hörenden Historismus; die dissonante Abstraktheit etwa der >>>> Darmstädter Schule ließ das Publikum allein, befremdete es und stieß es ab. Von Musik wird eben auch und besonders die Vermittlung von Gefühl (womit wir mal wieder beim >>>> Pathos wären) erwartet, und zwar mit Recht: Emotionalität. Jetzt habe ich, nach >>>> Pettersson, Isang Yun für mich entdeckt, nachdem mich vorher schon >>>> Eötvös ergriffen hat. Seine – dessen – >>>> Violinkonzerte sind hinreißend, ebenso ist es die Fünfte Sinfonie:



Die großen Musikkonzerne haben das Problem übrigens langsam erkannt – der „klassische“ „Klassik“markt um Beethoven und Co hat sich quasi ausverkauft – und hypen jetzt Komponisten, die aber direkt an die vorletzte Jahrhundertwende anknüpfen und jegliche Modernität seither negieren, bzw. sich am Pop orientieren. Das führt zu einer überkitschten, völlig verquasten sinfonischen Musik, die gleichwohl das Bedürfnis des Publikums erfüllt, bzw. erfüllen soll. Darüber müßte man nicht schreiben, würde so nicht gleichsam rückwirkend der nicht selten widerständige Impuls der „alten“ Kompositionen zugunsten eines Entertainments (damals erst des Adels, dann des Bürgertums) negiert. Ein Kandidat für so etwas ist zum Beispiel >>>> Christian Jost, aber auch >>>> Schiller, wie zum Beispiel fast insgesamt die von dem bezeichnenderweise „Berlin Classics“ (ich meine Classics) genannten Vertrieb herausgegebene Reihe „Neue Meister“ für einen Kniefall vorm Markt steht, jedenfalls soweit „neue“ Komponisten dort vorgestellt werden. Schon sie bei ihrer Vorstellung als Meister zu attributieren, zeigt den beabsichtigten Schein- und Täuschungscharakter. >>>> Dort habe ich darüber schon einmal geschrieben. Gegen so etwas war Yun nun wirklich ein Meister.

Die Entwicklung ist eine politische. Sie entspricht haarfein der gesellschaftlichen Regression, bzw. Neuen Restauration, die wir zur Zeit erleben – nur daß sie, anders als es die Anfangsjahre des 19. Jahrhunderts waren, nur bedingt eine „von oben“ ist; vielmehr macht sie das freilich nach wie vor gelenkte Volk – dem als Quote gefaßten – zum Handlungsträger. Das nennt sich dann Demokratie – was sowohl stimmt als auch nicht stimmt. Der Handlungsschlüssel hier ist verweigerte, bzw. abgeschaffte Bildung, der Umbau der Universitäten in Wirtschaftsunternehmen, die manipulative Schaffung gesellschaftlicher Konsense (Rauchverbot, „political correctness“ etc) und das Brot & Spiele des Mainstream-Pops; ebenso gehört das internalisierte Gewaltverbot dazu, das aus Demonstrationen soziale Wohlfühlparties Gleichgesinnter macht. Und daß wesentliche Werte der Humanität auch an den Universitäten unterdessen relativiert werden: Die Menschenrechte seien „eurozentristisch“. So erzählte es mir eine Freundin, die studiert. Auf Klardeutsch: In anderen Kulturen sei der Menschenhandel ebenso legitim wie die Steinigung von Frauen. Das hätten wir zu akzeptieren.
Übrigens gehört auch die Neue deutsche „Recht“schreibung dazu.

Daß Problem ist, daß, wer heute im Widerstand steht - etwa gegen CETA, gegen die Abschiebung Geflüchteter, gegen die AfD usw -, auf der kulturellen Seite genau die Mächte füttert, die er auf dieser bekämpft. Es ist dies eine um so perfidere Dynamik, als sie jede und jeden, die und der klarsieht, noch immer hilfloser macht. Wir sind wieder Geworfene in einer Neuen Dialektik der Aufklärung.

Weiter mit dem Ghostroman.

ANH

(„Lava verstehen“: Es hat etwas von sinnlicher Erkenntnis. Wenn ich die Asche aus dem Kohleofen leere. Wenn sie noch heiß ist. Sie ist dann nahezu flüssig. Jedesmal seh ich es mit Erstaunen an, und mit höchst ambivalenter Faszination. Was wir nur „wissen“, wird zu Erfahrung. Jede andere Form von Heizung verwehrt sie uns. Entfremdung. Man muß sie Verabstrahierung nennen. Schon dies ein Schritt )

 




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