Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009 d e

 
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At the high temple of fashion

Die Lebenden sind schon Vergangenheit.
Nur die Toten haben Zukunft.

„Der aus der Kälte kam”. Über Giacinto Scelsi. Von Alban Nikolai Herbst.

>>>> In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.Cover-s
Scelsi-Variationen <<<<

Ernst Křenek: Orpheus & Eurydike. Das Ungeheuer Muse (18). Alle Kapitel, die Synopsis und Zitate.

ALBAN NIKOLAI HERBST, DAS UNGEHEUER MUSE.
Die Erzählung einer Inszenierung.
_____________________________
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3
Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6
Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9
Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12
Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15
Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18 || DIE PREMIERE


FR 05.02.10 | 20.00 Uhr | Großer Saal
SA 06.02.10 | 20.00 Uhr | Großer Saal
 
19.00 Uhr Konzerteinführung
 
Ernst Křenek "Orpheus und Eurydike"
Oper in drei Akten (Konzertante Aufführung mit Szene)
 
Konzerthausorchester Berlin
Ernst Senff Chor
Lothar Zagrosek
Maxim Heller Kodirigent
Steffen Schubert Choreinstudierung
Daniel Kirch Tenor (Orpheus)
Brigitte Pinter Sopran (Eurydike)
Claudia Barainsky Sopran (Psyche)
Barbara Senator Mezzosopran (Erste Furie)
Christa Mayer Mezzosopran (Zweite Furie)
Kismara Pessatti Mezzosopran (Dritte Furie)
Christoph Schröter Tenor (Ein Matrose)
Christian Immler Bariton (Ein Krieger, Der Narr)
Tye Maurice Thomas Bass (Ein Betrunkener)
Christian Koerner Schauspieler
Karsten Wiegand Inszenierung
Annemarie Türckheim Regieassistenz
Franck Evin Licht
Jan Speckenbach Video
Jens Crull Videotechnik
Andreas Deinert Kamera

>>>> SYNOPSIS mit Zitaten: Orpheus-Synopsis-mit-Zitaten (pdf, 88 KB)
>>>> PROGRAMMHEFT


>>>> DIE PREMIERE, Das Ungeheuer Muse (19)
Das Ungeheuer Muse (17), DIE GENERALPROBE <<<<

Nachspiel: Dietmar Sievers. „im land da wo wir blutrot sind”, (14). Daniela Danz. An Der Freitag, Ingo Arend, Kulturredakteur.

Lieber Ingo,
unter dem Pseudonym Hadie hat >>>> Dietmar Sievers auf einem von Euch verantworteten Blog >>>> zu meinem letzten Hörstück eine Kritik geschrieben und >>>> in einem Kommentar in meiner Dschungel darauf verlinkt. Die Kritik Sievers ist voll auch persönlich diffamierender Äußerungen, unter anderem nennt er die WDR-Redakteurin Imke Wallefeld "eine grausame Obertussi". Zwar kürzt er sie wohlweislich als I.W. ab, indem er aber auf Die Dschungel verlinkt, worin Frau Wallefeld mit Klarnamen genannt ist, wird die Identität offenbart, so daß Sievers' Formulierung de facto den Tatbestand der Beleidigung erfüllt. Des weiteren behauptet er, in meiner Sendung werde von Halle gesagt, daß dort "der Osten noch blutrot sei, animalisch und brühwarm mit Körperflüssigkeiten herumsplattere". Das ist völliger Unfug, aber - meinethalben, wenn er das so so sieht... Übrigens kommentiert Herr Sievers bereits seit Jahren immer wieder, unter dem Anonym Stulli, in Der Dschungel, und immer wieder entgleiten ihm Formulierungen in Richtung Diffamierung; ich habe seine Kommentare deshalb schon des öfteren löschen müssen.
Ich bitte Dich nun, die persönlichen Beleidigungen aus Sievers' Text herausnehmen zu lassen, bzw., um unangenehme Rechtsfolgen für Euch zu vermeiden, meine Email an die zuständige Stelle weiterzuleiten, damit das von dorther vorgenommen wird; eine Kopie meiner Email geht an Frau Wallefeld sowie an meinen Anwalt.
In einem neuen Kommentar >>>> habe ich mich heute morgen öffentlich zu Sievers' Text in Der Dschungel geäußert. Daß es Herrn Sievers letztlich um eine politische Gegen-Stellungsnahme geht, habe ich bei alledem durchaus verstanden und finde das auch absolut legitim; politisch dienen Sievers' Anliegen diffamierende und beleidigende Formulierungen - eine letztlich bloß suggestive, agitierende Rhetorik - allerdings wenig. Schon insofern sollte gerade >>>> Der Freitag hier eingreifen, dessen gelegentlicher Mitarbeiter ja auch ich war.
Herzlich, Dein
Alban

Danz 13 <<<<

Geheimnisvolle Post.

An >>>> fiktionäres Kontaktformular.
Von untertasse@gmx.de
Betreff: Endlösung


1.51 Uhr:
g* hatte so eine andeutung gemacht. die links, also keiner bei ihm zu dir. was was aussagte. dann die nähe - dabei - zu >>>>> steppenhund. wieauchimmer. schlussendlich habt ihr euch gruendlichst verrechnet. pech gehabt, also. oder so nich, sagte ich. und hier überwölbte die fiktionale realität der psychosen das gutmenschenpardon - schlussendlich. ich verstehe es nicht. schlieslich war mein verlangen nach ruhe... naja, so der richtung nach ist die anlage ja gegeben. es macht mich nur nicht unbedingt glücklicher, in dem sumpf nun zu wa(h)ten, der für 2013 tatsächliche erfolge verspräche – pervers ist das doch. du weisst also, es rechnet sich nicht, beginne ich bei meiner kritik mit dem nesthäkechen!
1.52 Uhr:
...war doch absehbar, die zeitungen - nzz hat meinen zweck tatsächlich erfüllt - grass und all das. wozu? ein hauch von elaerfahren noch verdauen. da ist so vieles so schief und das band quasi nicht mehr vorhanden zu dem ort, an den sich die rosanna manövrieren liess. aber vielleicht hat mein engagement ja gepasst; und sie mailt - ganz ohne flitter und tand. du weisst doch - schliesslich einer deiner großbeiträge ja - merkel ist das putzigverzuckerte atom- und waffengirly tatsächlich.
1.53 Uhr:
symbolisch lebst du so hiermit jetz(t) irgendwie also. aber ich vermute eine grosse gefahr bei dir, dich erneut um kopf und kragen zu schreiben - etwas annners als bei der herta, aber akut - und du hast vielleicht noch ein bischen besseres umfeld. mein grinsen ist also nicht gar so eisig wie bei schwester rut-maria, aber g. hat von mir das mandat erhalten - ist auch egal, dass ich das hier schreibe: O
die woche les ich noch >>>> dein tagebuch hier - vielleicht fällt ja von deiner seite was passendes, dass ich mich nochmal melde. zuhaus, daheim bei mir deinstal(l)iere ich die eule und mach die startseite google. in dem sinn, alles liebe dir, Sathi

So ließe sich ein Verschwörungsroman beginnen, vielleicht auch ein literarisches MysterySerial. Unterschrieben hat n a c h jener O, gleich der Sathi, ein Stephan, was einige Vermutungen zuläßt, die aber alle nach Psychose riechen. Freilich wär eben das der Garant eines phantastischer Sujets, das auch geschlossen werden könnte.

[Poetologie.]
ANH, morgens.
(Die Nachricht verdient, schon wegen der
Formulierung grass und all das auf-
bewahrt zu werden. Poetisch ist auch der Satz
symbolisch lebst du so hiermit jetz irgendwie also
nicht ohne Reiz. Allerdings ist der Betreff ge-
schmacklos.)


Macho.

„Was bist du für ein M a n n ?!” (Südeuropäerin, Südamerikanerin; es war am Akzent nicht zu erkennen).
„Ein Mann.”
„Aber kein Deutscher.”
„Doch.”
„Das gibt es??: deutsche Männer
?”
Ich hätte mit der Schweiz kontern können. Doch ging ich lieber heim statt zu antworten..Ich gebe aber zu, daß ich auf dem Nachhauseweg noch sehr viel Fleisch aß.

ANH, Schöne Literatur muß grausam sein. Schriften und Reden zur Literatur. Überarbeitung des Typoskripts (3): Das konstruierte Chaos (Auszug).

In der Kunst aber gilt, daß die wirklich interessanten Texte zweideu­tig sind. Den Monteur treibt das perfide Verlangen, alles, was eindeutig ist, zweideutig zu formen: Die Zweideutigkeit dieses Satzes ist selbst schon kon­struiert. Eben deshalb trat die Montage im Hochka­pitalismus auf: Wenn die Ökonomie identifiziert, tut die Kunst, indem sie das Prinzip pervertiert, das Gegenteil. Die Zahnpastenreklame ersetzt die Frau mit den schönen Zähnen, weil die Zahnpaste es auch tun soll. Mittlerweile folgt man nicht schimäri­schen Frauen wie irr durch die Straßen, sondern eben den Zahnpastenreklamen, auf denen schimä­rische Frauen abgebildet sind. Das ist an sich ja nicht schlimm, nur sollte man es wissen.


Schöne Literatur muß grausam sein (2) <<<<

Der Landsitz (Erste Fassung).

Geparden schlichen um die Füße mir
und durch die untere Etage;
sie stiegen aus der Süße Brand
des Holzes aller drei Kamine

als gelbe, hochtoxine Wolken auf.
Von Ruß gefleckt, der schwarzen
Schlacke sexueller Rage,
strichen sie los, den Lauf gestreckt,

entwolkt nun gänzlich Tier geworden.
Dann, den vordern Leib am Boden,
verharrten sie erzitternd bei der Wand,
als sie den fremden Mann gewahrten

am aufgedeckten Tisch, und knurrten.
Doch der vertrauten Frauenhand
nahten sie witternd ihre Nasen
und schnurrten und schlichen

um Stuhl und Bein, gefleckt das Fell
und gelb, und lederblank und prall
das Samt der Bällchen ihrer Hoden:
so schwarz wie ihr Blick.

Die Augen schwarz, so saß die Frau,
als sich die beiden Tiere legten:
wie wenn die Täfelungen surrten
des ganzen Hauses, klang’s.

Da bot die Frau mit ihrer linken Hand
von dem, was dann in meinen Becher
floß, bevor sie ihre Zähne blößte
und ihren unfaßbaren Tieren

(die niemals schliefen, sagte sie,
als ob mich das erlöste: sanft)
vom Rot in beide Näpfe goß:
ein wenig nur, zum schieren Wasser.

Das fing jetzt an zu leuchten,
und die gelockten Tiere tranken
die Glut aus den Kaminen aus,
bis durch der feuchten Fenster Riß,

Verhalln des letzten Schnurrgesangs,
das Raunen von Maschinen drang:
der beiden Autobahnen unentwegter
Morgensang im leeren Haus.

UBahns Frauenduft.

Die UBahn betreten, und >>>> Mille liegt in der Luft. Der schnelle Jägermännersblick durch den Waggon: wer trägt’s? (Gibt es einen Zusammenhang zwischen Parfum und Schönheit? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Parfum und Intelligenz? Gibt es einen Zusammenhang zwischen schöner Intelligenz und jener Lockung, die wir ein Versprechen nennen?)

Man schreitet beglückt wieder hinaus. Ohne Beute. Als hätte man sie.

[Mille war B’s Parfum, einer Geliebten von vor 29 Jahren. Bis heute ist sein Zauber wirksam.]

Auf- und Niedergänge. Ein Gespräch (2)

Ein am 6. Januar 2010 begonnener Austausch zum Verhältnis von Klassik und Romantik, zu Konservativität und Moderne, zu Wolf von Niebelschütz und Peter Hacks; zu allem, bloß nicht zu Autos.

Das Gespräch wird parallel hier und auf der >>>>> Peter Hacks Seite veröffentlicht. Den vorherigen Beitrag finden Sie >>>> hier.

Und wenn er lebend noch zu etwas Nutze wäre, der Vater? Denn das ist doch das, was jeder Sohn aus bloß biologischen Gegebenheiten denkt: dass Vati unnütz ist und weg soll. Das ist sozusagen die prästabilierte Harmonie des Jungseins, zu glauben, man sei per se wichtiger. Es ist aber auf eine sehr eigene Weise jeder Vater wichtiger als jeder Sohn. Habent sua Vater, möchte man sagen. In dem Moment, in dem er erkennt, wie wichtig der Vater ist, wird der Sohn wert, den Vater, wie Sie sagen, zu töten; aber dann tut ers nicht mehr.

Prometheus, der Elvis Presley der Antike, gibt es denn einen langweiligeren unter all den langweiligen Göttern? So sehr wir in der Pflicht sind, die Antike zu kennen und zu schätzen, ihre Theologie war nun wirklich hohl. Es ist verständlich, dass Thomas von Aquin angesichts der Zustände auf dem Parnassos keinen Unterschied zwischen „Heide“ und „Idiot“ macht. Ich stimme Ihnen aber in jedem Falle zu, die Moderne nimmt das Alte nicht mehr als Prüfstein des Neuen, sondern beweist das Neue durch das Töten des Alten. Für die Moderne soll das Neue qua Neusein dem Alten vorzuziehen sein. Die Klassik hält dem Samba von Bewegung, Revolte und Aufbruch indes in aller Gelassenheit zwei Maximen entgegen: „Das zu Ändernde werde geändert.“ „Wahr ist, was zutrifft.“ - Wenn ein Anhänger der Klassik von einem ungebetenen Prometheus belästigt wird, dann hat der für diesen einen simplen Hinweis parat: „Stellen sie sich gefälligst hinten an!“ Ich finde deswegen auch, dass Sie dem Pop gegenüber ungerecht sind. Pop, das ist tönende Moderne. Pop, das ist Prometheus am Synthesizer.

Sie sehen, wir haben schon jetzt ein Gespräch, das es wert ist: Zwei reden zueinander, höchst beteiligt und gewillt, keiner versteht auch nur im Ansatz, was der andere sagt, der Spaß ist erheblich und hinterher sind alle klüger.

Sie verwenden das Wort Emanzipation als sei Emanzipation ein Ideal. Aber man muss doch fragen, Emanzipation wovon? Von der Wahrheit zum Beispiel?, von der Folgerichtigkeit?, von der Nächstenliebe? Emanzipation von der Emanzipation, das wäre mal ein interessantes Thema. Die Klassik ist in diesen Fragen wesentlich weniger statisch, als Sie zu denken scheinen. Sie strebt nach Kritik im Sinne Kants, nach dem umfassenden Verstehen einer Sache in all ihren Aspekten. Emanzipation von der Einseitigkeit, das ist Klassik. Das mag altväterlich wirken, aber es ist es nicht; das Altväterliche lobt das Alte, weil es das Alte ist, und ist damit nur die Umkehrung der Haltung der Moderne, die das Neue lobt weil es das Neue ist. Die Klassik lobt das, was das Bessere ist. Epoche und Herkunft spielen für sie dabei keine Rolle. Sie kennt insofern, Hegel und Nietzsche zum Trotze, keine Zeitgebundenheit, wenigstens in ihrer Haltung nicht.

Napoleons von Ihnen „Prozeß“ genannte Politik war auf ein Ziel in Raum und Zeit gerichtet. Ohne dieses Ziel war sie bedeutungslos. Und es war dieses Ziel tatsächlich die Herstellung einer Harmonie. Jede Harmonie ist ein System, anders kriegt man die nicht. Harmonie im Politischen ist nichts anderes als das System der Praxis des Allgemeinen. Das ist, was die Klassik im Politischen will; wobei ihre Anhänger oft und gern dem subjektiven Laster fröhnen, von Politik nicht viel zu halten. Klassik und Konservatismus zum Beispiel unterscheiden sich in der einen zentralen Frage, der nach dem Staat. Konservative sind hier tief gespalten; die Anhänger der Klassik halten den Staat für die Bühne, auf der die Frage nach dem Gesamt entschieden wird, und bejahen ihn darum um seiner selbst willen; die Romantiker verneinen ihn aus genau denselben Gründen, denn sie wollen, dass nur der Einzelne und das Seine vulgo sein Eigentum eine Bühne finden sollen.

Sie beschreiben eine Regel, der historisch immer und immer wieder bestätigt wird: Nachdem ohnedies einmal alles umgeworfen ist, stellt sich einer dem Vorgang voran, hebt auf, was aufzuheben ist, und schreibt den neuen Zustand der Weltkarte ein, bis er festgesetzt wird. Das, was die Dinge umwirft, ist entweder eine Revolution, eine von oben oder von unten, meistens ersteres, oder, seit neuestem, ein Weltkrieg. Und damit sind wir wieder bei unserem gemeinsamen Freund Wolf von Niebelschütz: Der hat, wem sage ich das, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Romane vorgelegt, „Die Kinder der Finsternis“, im 12. Jahrhundert spielend, und „Der blaue Kammerherr“, im 18. Jahrhundert spielend. Es sind im Grunde zwei Teile eines Gesamtwerks, das man nennen könnte „Roman der Staatskunst“, wäre der Titel nicht von Ludwig Reiners okkupiert. „Die Kinder der Finsternis“ sagt uns, wie ein neuer Staat gemacht wird, man könnte den auch nennen den Richelieu-, Robespierre- oder Lenin-Roman; „Der blaue Kammerherr“ sagt uns, wie ein Staat Dauer bekommt, man könnte den auch nennen den Friedrich-, Napoleon- oder Bismarck-Roman.

Was ich unbedingt mit Ihnen teile, das ist der Abscheu vor der Weltgeschichte. Ich weiß nicht, ob ich Ihre Beispiele für Verbrechen am Menschen stehen lassen würde, aber I get the drift. Meine Sorge ist nur, dass Abscheu nichts besser macht. Die Weltgeschichte, soweit ich sie verstanden habe, hat sich von Abscheu noch nie beeindruckt gezeigt.

Siebter bis neunter Januar 2010.

System-neu-aufsetzen

Auf- und Niedergänge. Ein Gespräch (1)

Von Napoleon gibt es einen Witz: Mitten in einer Schlacht kommt ein
vorgeschobener Franctireur zu ihm und meldet, dass man den gegnerischen Feldherren im Visier habe und jederzeit abschießen könne. „Schreckliche Vorstellung!“, entgegnet Napoleon entsetzt. „Wie soll ich denn dann die Bataille gewinnen? Heerführer haben weiß Gott wichtigeres zu tun, als aufeinander zu schießen!“

Alban Nikolai Herbst wurde eine der Führungsfiguren der literarischen Postmoderne“ genannt. Zwar hat noch niemand André Thiele „eine der Führungsfiguren der literarischen Vormoderne“ genannt, aber es gibt gewisse Momente, da hätte er nichts dagegen, wenn es geschähe.
Beide Herren vertreten also ziemlich entgegengesetzte Positionen im
Spektrum der geistig-literarischen Möglichkeiten. In einem kurzen,
heftigen Austausch fochten sie 2007 gegeneinander, begannen aber auch,
einander zu lesen. Auf Vermittlung des Redakteurs Ulrich Faure trafen
sie sich auf der Frankfurter Buchmesse 2009 persönlich und entdeckten
kurz darauf, dass sie eine Liebe teilen: Die zu Wolf von Niebelschütz.

Beide beschlossen, sich an Napoleons Vorschlag zu halten und statt aufeinander zu schießen lieber ein Gespräch zu führen; zum Verhältnis von Klassik und Romantik, zu Konservativität und Moderne, zu Wolf von Niebelschütz und Peter Hacks; zu allem, bloß nicht zu Autos.

Das Gespräch wird parallel hier und >>>> auf der Peter Hacks Seite veröffentlicht.

AT
Während eines netten Beisammenseins wurde ich neulich gefragt, was der Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne sei. Ich dachte nach, kam aber auf keinen vernünftigen Gedanken. Nur, irgendetwas musste ich ja sagen, also erwiderte ich: „Die Moderne zerfällt in drei Phasen. Die frühe Niedergangsphase, diese nennen wir die Romantik; die mittlere Niedergangsphase, diese nennen wir die Moderne; und die späte Niedergangsphase, diese nennen wir die Postmoderne. Die Romantik heißt so, weil sie besonders langweilige Romane hervorbringt. Die Moderne heißt so, weil sie schwer in Mode ist. Die Postmoderne heißt so, weil sie nicht mehr mit der Post, sondern mit dem Internet verbreitet wird; Kenner nennen die neueste Form der Moderne deswegen auch die Elektropostmoderne. Wären ihre Betreiber nicht entlang der Zeitachse gestorben, gäbe es keine soliden Kriterien, anhand derer man die verschiedenen Phasen der Moderne auseinanderhalten könnte. Die Geisteshaltung zum Beispiel von E. T. A. Hoffmann und Franz Kafka ist dieselbe, einmal mit, einmal ohne Feen; einmal mit, einmal ohne Schnaps. Die Konstanten aller Formen der Moderne sind in der Ästhetik die Ablehnung des Allgemeinen, in der Politik die Angst vor dem Staat und in der Theorie die Flucht vor dem System. Die wahrscheinlich zutreffende Definition lautet: „Moderne ist das, was modern gesinnte Menschen tun. Modern gesinnt ist ein Mensch, der, wenn ihm übel zumute ist, der Welt die Schuld gibt.“ Sie sehen, es war ein fröhlicher Abend. - Hätten Sie eine bessere Antwort auf die Frage gewusst?

ANH, Schöne Literatur muß grausam sein. Schriften und Reden zur Literatur. Überarbeitung des Typoskripts (2): Das Flirren im Sprachraum (Auszug).

In dem Moment, in dem ich mich subjektiviere, mache ich aus mir ein Objekt. Ich erkenne mich in der handelnden Figur eines Romans, ich will mich erkennen und trete in ein Subjekt-Objekt-Verhältnis mit mir selbst: ich objektiviere mich, verdingliche mich. Damit falle ich genau in das zurück, was den Subjekten – in den letzten Jahren den Körpern – geschah und wovon mich Subjektivierung gerade suspendieren wollte. Kitsch ist gepiercte Seele.


>>>> Schöne Literatur muß grasam sein (3)
Schöne Literatur muß grausam sein (1) <<<<

ANH, Schöne Literatur muß grausam sein. Schriften und Reden zur Literatur. Überarbeitung des Typoskripts (1): Dieser phantastische Raum (der Anfang).

Die Seele der Fantastischen Literatur ist anders als ihre Manier konservativ, ihr kaltes Herz glaubt nicht an Entwicklung. „Die Alten waren, die Alten sind und die Alten werden sein.“1 Das hat sie anfällig gemacht für die politische Rechte, auch für Rassismus, und diese Ferse wird ihr, wie Achilles, bleiben. Es beschreibt aber auch ihre Wahrheit. Denn ihr heißes Herz beharrt auf Widerstand. Sie gehorcht nicht, - nicht einmal ihren eigenen Bewegungsgesetzen, geschweige denn Konventionen. Darum eignet sie sich besser als jede andere Dichtung zum Instrument poetischer Er­kenntnis. Sie ist die „geworfenste“ aller belletristischen Künste und schon ihrer Su­jets wegen stets in Gefahr, daß sie scheitert. Da gibt es kaum eine Absicherung, nur sinnliche Bildkraft, Sprachklang und intellektuelle Spekulation. Die Fantasie schweift scheinbar ungebunden, die Gesetze des logischen Handelns scheinen aufgehoben zu sein und die des Sozialen nun überhaupt. Aber alles ist sich-einlassen-Müssen. Der offene Raum fordert ja mehr als der zwischen Wänden. Man segelt übers Meer, ohne die Küsten zu kennen, ohne sie oft sogar wissen zu können. Nach unten geht es zu Gräben hinab. Gräben der Seele, die die Rückseiten der fliegenden Fantasien sind. Wehe, wenn da ein Sturm kommt. Der uns dann packt... „damit steige ich in die Re­gionen des Eisgebirges und verliere mich auf Nimmerwiedersehen.“2
Die Fantastische Literatur
ruft den Sturm, der Realismus möchte sich vor ihm schützen. Deshalb seine Liaison mit der Arbeitswelt und dem sogenannten einfachen Leser. Auch der zieht es vor zu ankern und die Elemente abzuwarten, indes Phantas­tik mitten hineinsteuern, sich ihnen aussetzen will... und uns dabei ihnen aussetzt. Denn sie sind ja nicht draußen, sondern in uns. Nach draußen werden sie „nur“ pro­jeziert. Es sind unsere eigenen Dämonen, die von der Phantastik aus den Kategori­en des normalen Alltags, unserem euklidischen Raum, entbunden werden.
Wohl wahr, der Realismus kommt öfter heil im Heimathafen an. Aber er blieb ja imgrunde immer darin oder hielt sich ans Fahrtwasser, weshalb er nichts anderes zu berichten weiß, als daß die Ware sich mit Mehrwert erwartungsgemäß absetzen ließ oder daß er unter die Matrosen nicht so ungerecht verteilt werden solle. Schafft es hingegen die andere, segelt phantastische Kunst in den Hafen, da rennen die Leute aber was an den Kai! Denn
die war weit draußen. Selbst Daland gibt da die Tochter daran.

1) Lovecraft, Das Grauen von Dunwich, in: Ctulhu,
Geistergeschichten, dtsch. von H.C.Artmann,
Frankfurt am Main 1972, S. 148.

2) Kafka, Der Kübelreiter, in:
Sämtliche Erzählungen, hrsg. von Paul Raabe,
Frankfurt am Main 1971, S. 196.

>>>> Schöne Literatur muß grausam sein (2)

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Feuerzangenbowle-2009