Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
________________________________


 

Schubladen:

...

Zur Schublade kann ich dir ja mal was erklären: Die „unterste“ ist sicher nicht immer die vorzeigbarste, aber sie ist, im Gegensatz zu den darüber liegenden, mitunter die Schublade, in der man am meisten menschliches findet.

...

Notiz

-1Der Zauber ist zerschnitten.
Was vorlag, war eine Offensive.
-repetetiv verfahren-

Ich bin ein Clown, der auf seinem
gläsernen Thron nie Platz nimmt,
den Adlerblick zu proben.

Bring mir das nicht bei! Zu blau
sind meine Augen.

Still stehen, um mich herum, meine
anlauflauten Akrobaten im Wind.

Ich bin wieder schwach geworden
Ich bin ein Schwein
Ich bin unnütz


: schrieb irgendeiner irgendwann.

Und ich dachte: Ja, genau! Ich bin
irgendwo wild aufgeschlagen.

A n g e l e g t. PP227, 11. September 2014: Donnerstag.

(Arbeitswohnung, 13.59 Uhr.)
Dem Mittagsschlaf abgebrochen. Zu aufgekratzt, um zu schlafen. Denn das Traumschiff ist fertiggeworden. Da war es fast pünktlich zwölf Uhr mittag. Nach Meeressatzspiegel 282, dem dem Satzspiegel von Junges, bei S. Fischer, Letzten warmen Tagen 273 Buchseiten. Damit ist mein Ziel, auf jeden Fall unter 300 Seiten zu bleiben, erreicht – auch wenn jetzt über Umbrüche sowie, weil ich Kapitel einziehen werde, noch einige Seiten hinzukommen werden; möglicherweise werde ich auch einiges wieder streichen. Ob, das wird die Lektüre ergeben, die ich nach Verankerung noch zu lockerer Motive als nächstes vor mir habe, weil zum Beispiel eines erst auf der Seite 150 auftaucht und an einer früheren Stelle des Romans schon mal eine Vorausnennung braucht. Handwerksfragen also. Wobei sich das erzählerische Hauptproblem, von dem ich Ihnen vorgestern schrieb, geradezu um Nebenbei durch den Verlauf des letzten Kapitels gelöst hat. Jetzt muß ich weiter vorne nur noch dreivier Sätze streichen oder umformulieren.
Unter dem gesamten Typoskript steht jetzt____________________________
Für die Niederschrift des Rohlings:
Amelia in Umbrien, 19. August bis 2. September 2014
Berlin, 3. bis 11. September 2014.
ANH.
Und als beschließende Koordinate wird 47°39'N/ 9°28'E angegeben. Sie ist imgrunde der Schlüssel für den Hintergrund des Romans und wird im Buch selbstverständlich nicht erklärt. Wer aber wissen will („Sicherheit braucht“), bekommt sie.

Unruhe auch, weil es wegen der Verzögerung des Kreuzfahrt-Hörstücks finanziell mal wieder eng zu werden droht. Aber ich habe schon riskantere Zeiten durchschifft.

Heute abend wieder das erste Konzert: >>>> Cleveland mit Widmann. Morgen abend noch einmal für mich, dann jeden Tag gleich zwei Konzerte dieses Berliner Musikfests. Worüber ich in der nunmehr kommenden Woche in Der Dschungel schreiben werde. Aber fast ist es mir ein wenig schade, daß die „wilde“ Zeit des Erzählens nun erst einmal wieder vorüber und durch die der Betrachtung, der narrativen Organisation und Abwägungen ersetzt werden muß. Auch die Formulierungen müssen jede für sich sowie in ihren Zusammenhängen abgewogen werden, und mancher Satz ist, denke ich, radikal zu kürzen. Immerhin wird am Sonntag abend die Löwin herkommen, um ein paar Tage zu bleiben. Dem wird, daß ich etwas Luft habe, guttun, wobei freilich nicht zu sagen ist, ob nicht das Hörstück noch einmal eine gesonderte Anstrengung braucht.

Nein, ich schreibe von Lanmeisters letzten Sätzen nicht einen hier hinein, schon, damit nicht wieder irgend ein „Frauke“ meint, mir die Freude vermiesen zu müssen und schließlich ein Kommentarbaum völlig entgleist, so daß das Schiff, in den Schlamm gerammt, aufläuft.
*******

Die Strecke Zeit

Schlag zu, sonst merk´ ich´s nicht mehr,
diesen schwachen Moment auszulöschen.
Kann doch besser bluten als zappelnd
in der Luft hängen. Diesen Gurt durch-
schneiden ist das, was ich will. Nur so rast
der Boden unter mir zu mir herauf. Ihn
wieder spüren. Vor mir die Strecke Zeit.
Sie gehen zu können. Denn noch kommt
es mir nicht lang genug her vor.

Wer, sag´ mir, versteht das schon?! Ich
weiß nur um wenige. Ich kenne keinen.

Mr. Grey

Ich bin ihm begegnet.
Heute habe ich ihn gesehen: Mr. Grey.

Diesen Schutt-und-Asche-Vogel.
Dieses Seelensynonym, das von der
Blutlache eines Menschen trank.

Wieso nicht darin schreiben,
dachte ich, wie er wusste.

Es zerfällt ein Ort an einem anderen.

Noch einmal über die eigene
Blutlache springen. Es können.
Den Bordstein erreichen.

Dort ging er in die Knie, hinein:
in diese Hinrichtungsmetapher.

Abschied von Amelia. Nave onirica, amerina (8). Für Amelia: Traumschiff (17), Aus dem Typoskript (6) als ein Dank an Helmut Schulze. PP219: Dienstag, der 2. September 2014.


(Die letzte hier bei >>>> parallalie, nämlich am
Abend des ersten Septembers geschriebene Szene,
Buchseite 152, ungefähr:)
(...) Zwischen diesen Wogenbergen strudelten tiefe Kessel von einer in ihrer Rundheit fast mathematischen Reinheit, wozu das tiefstes Montagmittagsblau die von Krönchen aus Scheinschnee geschmückten Seiden spannte. Als etwas zu mir heraufrief, ein Stimmchen, wahrhaftiges Stimmchen. Ich konnte aber nicht aufstehen allein ohne Hilfe, nur mich ein wenig recken, aber doch, erinnerte ich mich, doch, du kannst das jetzt, hast doch nun diesen Stuhl. So daß ich ihn ganz an die Reling rollte und die kleine Reiterin wirklich sah, wie sie einer der Wogen die Sporen gab und sich hinauftragen ließ, wobei sie mir winkte, so daß ich sofort dachte, die kann nur ich alleine sehen, weil sie möchte, daß ich zu ihr komme. Und momentlang meinte ich, das vielleicht auch zu schaffen. Ich müßte mich nur an der Reling festhalten und dann ihr hochziehen, dazu bräuchte ich gar nicht die Beine. Und wäre ich erst einmal oben, die Reiterin winkte und winkte, müßte ich nur noch die Brust ein ganz klein bißchen nach vorne schieben. Den Rest dann besorgt schon das Meer. Aber damit es das kann, braucht diese Reise, dachte ich, eine Art Weisheit, die den Schmerz, den Verlust, die Getrenntheit und aber auch jedes unerreichte Wollen in einer in sich selbst ruhenden Zuversicht auflöst, ohne jedoch den Schmerz und Verlust zu verleugnen, und auch die Erfüllungen nicht, die uns zuteil geworden sind wie Petras und mein erster Kuß und wie immer weiter, wenn ich, Lastotschka, Dich spielen höre, zum Beispiel. Und weil ich nun aber sitzenblieb und schon wieder nur nachdachte, anstelle es wirklich zu versuchen, wirklich dem Meer entgegenzukommen, ward es die kleine Meerjungfrau leid. Meines Zögerns ward sie leid, auch meines Jammers, so daß sie einfach nicht weiterwinkte und ich sie gar nicht mehr sah, nur die Wellen. Die Wellen sah ich, die Sprühgischt. Darauf aber immer nur weiter die Regenbögen, die nichts als hellichte Irrlichter waren.

(...)
>>>> Traumschiff 16
*****************

Des Flughafens Fiumicino Traumschiff, 10.40 Uhr.
(18.04 Uhr, Arbeitswohnung.
Erwin Schulhoff, Dritte Sinfonie.)

Zurück. Ich habe tatsächlich am Flughafen am Roman gearbeitet und abermals und weiter während des Fluges. Nicht so viel wie in den zwei Wochen zuvor, aber immerhin fiel ich nicht raus. Hier dann sofort die Romandatei neuerlich geöffnet. Aber es war erst einmal die WiederNormalität zu besorgen, auspacken, Post, mein Sohn, der in einem irre schicken Jackett erschien. Jetzt aber wenigstens noch ein Stunde etwas auf das Traumschiff zurück:

Tolstois Frau ODER Die biegsame Schlange. Aus dem Typoskript (4). Traumschiff 15.

(...)

Der Clochard füllt ein Kreuzworträtselheft nach dem anderen, ich eine Kladde nach der anderen. Was schreiben Sie eigentlich dauernd? hat Mister Gilburn eben gefragt, so daß ich mich jetzt ein bißchen geniere, weil das irgendwas mit den Fotografien zu tun hat, von denen die normalen Passagiere geradezu besessen sind, wovon mir schon der Vergleich peinlich ist. Jedenfalls sind sie auf sie versessen, und weil ich Mister Gilburn wegen dieser Lächerlichkeit wirklich von Dir nichts erzählen wollte. Zusätzlich scherzte Frau Gailint in unser noch gar nicht begonnenes Gespräch, daß ich das zugeben solle, daß ich in Wirklichkeit ein Schriftsteller war in, sagte sie, einem unserer früheren Leben, und jetzt kommen Sie von der Gewohnheit nicht los. Ebensowenig mochte ich davon erzählen, wie ich anders mein Schweigen nicht mehr ausgehalten hätte, nachdem ich in Kapstadt die Wale vernommen, denn sie hätten beide gedacht, jetzt ist er, kein Zweifel, verkalkt, wenn er schon seine Selbstgespräche festhalten muß, um sie nicht zu vergessen. Denn das sind meine Aufzeichnungen durchaus, Selbstgespräche, und auch am Vergessen ist ein bißchen was dran, weil ich das Gefühl habe, daß in den Kladden wenigstens von mir die Rinne, wenn ich mich ins Meer ausfließe, zurückbleibt, und eine andere Spur hinterlasse ich nicht, daß ich mal war. Was die sogar vierte Lächerlichkeit an diesen Kladden gewesen wäre, die ich hätte zugeben und mir auch selber hätte eingestehen müssen. Aber selbst diese, die Spur, bleibt dann nur erhalten, wenn ich es über mich bringe, Patrick tatsächlich um den Gefallen zu bitten, ohne es allein bei dem Gedanken zu belassen. Denn noch habe ich mir den Ruck nicht geben können, auch wenn ich mir einrede, was eine Ausrede ist, daß ich ihn seit meinem Entschluß nicht wiedergesehen und ihn alleine deshalb noch nicht drauf angesprochen habe. Als hätte mich nun sogar mein Schicksal überführen wollen, erschien er, ja, Patrick, in genau in dem Moment, wo wir uns achtern, aber noch vor den Liegestühlen hingesetzt hatten, aus dem Überseeclub, in den man über den kleinen Swimmingpool hinweg durch die langen Scheiben Einblick hat, aber die mittige Glastür zum Beispiel war zu, so daß er die schräge Steuerbordtür unter dem vorgezogenen Dach nahm, das auf dem darüberen Sonnendeck für abends die Parties der Tanzboden ist. Übrigens saß Frau Gailint noch nicht, sondern stand und sah von unter der breiten Sonnenhutskrempe auf uns herunter, allerdings auch ein wenig auf uns herab, weil sie nämlich nur mich fixierte, so daß ich ganz besonders unruhig wurde und ganz besonders auch schwieg. Aber ihr Blick ließ nicht los, weshalb von meiner rechten Hand, die auf der auf meinem Schenkel aufgeschlagenen Kladde lag, und eben von ihrer feuchten Nervosität sich das Papier so zunehmend dunkler wellte, daß ich auch von den fliegenden Rochen nichts erzählte. Dabei wären die die Ausrede gewesen, denn daß man so etwas aufschreiben muß, wenn man sie schon nicht mit einer Kamera aufnehmen kann, ist jedem sofort einsichtig zu machen, auch wenn Tatiana sagen würde, das kommt von der Hitze, bestimmt haben Sie sich wieder nicht die Mütze auf den Kopf gesetzt. Denn das war heute ein wirklich wieder heißer Tag, so nahe dem Äquator, und so vollkommen windstill, wie als in den Fässern das Wasser faulte und täglich, da war Tolstois Frau noch dieses plietsche Dirnchen, einer über Bord ging. Das gleich aber hinter Patrick ebenfalls herauskam und schäkernd sogar einen Arm um ihn gelegt hatte, der nämlich half, Tolstoi in seinem Rollstuhl über das Brett hinüberzurollen, das den flachen hochgeschweißten Bodensims zu einer genau für einen solchen Zweck befahrbaren Rampe macht. Für jemanden, der sich zum Beispiel auf eine Gehhilfe stützt, die Rollen hat, ist das indessen schwierig, weil auch hier die Tür immer zuschlägt. Aber gegen den Lärm ist in Höhe der Klinke ein schmales Polster aus Leder zwischen draußen und drinnen die Haken gehängt. Das könnte man freilich auch bei den Türen tun, die auf das Bootsdeck führen, aber niemand scheint drauf zu kommen, weder von der Besatzung, die von der ständigen Türknallerei aber wahrscheinlich gar nicht gestört wird, noch von den Passagieren, die mir allerdings nicht nur deshalb zunehmend abgestumpft vorkommen, während ich selbst mit keinem von denen, die das Bewußtsein nicht haben, überhaupt sprechen will, ja auch sprechen nicht darf, weil meine Strategie sonst nicht aufgeht und sie deshalb, die Türknallerei, werde weiterhin über mich ergehen lassen müssen. Eine Ausnahme hat, wegen der ersten meiner Kladden, lediglich Herr Steward gemacht, doch muß das die Ausnahme bleiben, wenn ich die Tarnung wahren will. Jedenfalls war es sehr heiß und Patrick hatte, woher auch immer, meine Mütze wirklich dabei und sogar meine Sonnenbrille. Also entweder hat er sich heimlich Einlaß in meine Kabine verschafft, oder Tatiana steckt dahinter, deren es leid Sein dann ebenfalls nur Tarnung wäre, oder sagen wir, sie hat dann vorhin, aber nur auf sehr wenig Zeit, einen Waffenstillstand mit mir gechlossen. In dieser seiner Funktion aber jetzt als wenn nicht sogar gegnerischer Kundschafter, so doch Parlamentär der feindlichen Front konnte ich ihn wegen meiner Kladden nun wirklich um nichts bitten, auch wenn er, wie ich beobachtete, Tolstois, hätt ich jetzt fast geschrieben, Weib von seiner Taille, also den Arm und die Hand, wie eine Kette aus Kletten ablöste und jedenfalls jene mit dem einen der Führungsgriffe des Rollstuhls wiederverband, damit sie dessen Führung zurückübernähme. Mit ihrer anderen aber, zugleich und um sich zu bedanken, warf sie Patrick den Kuß ihrer zum Lutschen vorgestülpten Schnute zu, worauf auch Senhora Gailint und Mister Gilburn aufmerksam wurden, vielleicht, weil ich so starrte, aber wohl mehr, weil diese Schnute die schamlose Röte einer glühendweichen Bordellampe hatte, wenn außenrum alles dämmert. Was nicht der Fall war, denn heller als in diesem Moment kann es auch nicht in einem Hochofen sein, in den das tolstoische Weib ihren Lot jetzt mitten hineinschob, anstatt den greisen Mann im Schatten abzustellen. Für einen wie Patrick hätte sie ihn, kein Zweifel, und sowieso aus Rache, nur zu gerne erstarren lassen. Sein weißer ganzer riesiger Bart war schon jetzt ein einziger salziger Marmor, denn das mit Patrick hatte er natürlich mitbekommen, egal, ob es nur in seinem Rücken vor sich gegangen war. Zumindest das mit der Schnute hatte er gesehen, weil sich die Frau währenddem über ihn beugte, wie eine furchtbar, und das in ihrem Alter, biegsame Schlange einmal halb rum um den Stuhl und dann zwischen seinem Schoß und halb seiner Brust los. Woraufhin Patrick lediglich lachte, sich kurz verbeugte, vor Tolstoi sogar salutierte und dann schon, als er uns sah, zu uns herüberkam. Für einen, der das Bewußtsein hat, tat er das ziemlich gewandt, slalomte sozusagen zwischen den vor ihrem Eis und den Bieren Sitzenden hindurch. Hier Ihre Mütze. Aber die Sonnenbrille gehörte ihm selbst. Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten, fragte Mister Gilburn. Nicht hier, das wissen Sie doch, erwiderte Patrick. Denn weil er auf dem Traumschiff angestellt ist, darf er die Vorschriften nicht wie Mister Gilburn nur interpretieren. Doch zum Rauchen bin ich tatsächlich hier und natürlich, um nach meinem Patienten zu schauen. Womit er natürlich mich gemeint hat. Um davon aber abzulenken, sagte er schnell: Wenn Sie Lust haben, dann begleiten Sie mich einfach. So daß es zu meinem ersten Gespräch mit dem Clochard kam.

(...)
>>>> Traumschiff 16
Traumschiff 14 <<<<

Signalruf, unformatiert: Nur der Roman. (PP 215: Traumschiff 14).

(Aber freundlich, wenn auch bestimmt: Laßt mich in Ruhe. Arbeiten.)

(Ich mag mich und darf mich nicht ablenken lassen, auch nicht von Der Dschungel. Dennoch habe ich Zeichen und Seiten eben überschlagen. Neunzig wären es, jetzt schon, als Buch. Ich hatte nicht mehr geglaubt, daß ich noch einmal so etwas kann.)

(Fünf Arbeitstage bleiben. In Italien.)

(ANH
auf dem Traumschiff).


>>>> Traumschiff 15
Traumschiff 13 <<<<

Mobile Park

Wir sind in der Villa Mobile Park.
Es regnet die ganze Nacht.
Die Grenze ist ganz in der Nähe.
Die Straßen sind voller Polizeiautos.

Jim war auf der Suche nach seiner Mutter.
Jetzt erklärt er sich zu einem Findelkind.
Seine Mutter war eine wunderschöne Frau.
Sie hatte eine sehr zarte Haut.

Das Zeug, das wir nahmen
verdreht uns vollkommen den Kopf.
Aber das waren nicht die Orginalfelgen.
Wir mussten sie auswechseln.

Ein Engel lief vor uns her und zeigte uns,
was nicht zu entschuldigen war.
Bleiben sie nicht zu lange, sagte das Kind:
Das Séparée kostet nur hundert Mäuse.

I am so tired of America.

Unter der sich bäumenden Stute: ‏سرة الفرس‎. Traumschiff 13. Aus dem Typoskript (3).



Daß der Schmerz aber weiter, will ich betonen, wirkt, das bleibt mir bewußt. Daß etwas in mir ist, das mich zerfällt. Wogegen ich nichts tun kann, aber auch nicht mehr möchte. Es zerfällt mich: Darum schreibe ich über ihn nicht. Er geschieht, das ist alles. Also stieg ich, immer gut auf Frau Seiferts Gehstock gestützt, die Treppe zum Promenadendeck hoch und noch eine höher innen im Schiff. Erst dann drückte ich backbords die Tür auf, die auf das äußere Bootsdeck führt, wo ich jetzt wieder sitze, gegen die der Wind aber nachts so sehr seine Böen preßte, daß es nicht leicht war, sie aufzubekommen, vor allem nicht, wenn man den Gehstock braucht. Ich mußte zweifach nachdrücken, das dritte Mal nahm ich die Schulter. Da fuhr er mir schon in den Bademantel und ließ ihn an mir flattern, riß ihn mir unter den Schultern fast ganz vom Leib weg, was ich nicht mehr verstehe, denn ich war vom Konzert doch noch richtig bekleidet. Aber nicht einmal mehr Schuhe hatte ich an, auch keine Socken. Ich habe vielleicht nicht gewollt, daß jemand mein Auftreten hörte. Anders läßt sich das jetzt nicht erklären. Trotzdem hört man das Tappen des Gehstocks. Aber in diesem Moment vergaß ich ihn. Denn da ging es nur noch darum, schnell wieder den Bademantel um mich herumzubekommen, als ich so flatternd im Freien stand, weil es mehr als sie selbst, diese stürmische Kälte, eine kalte Einsamkeit war, was ich empfand, atlantischer Böen der Tiefsee, die das Konzert in mir hochgewühlt hatte. Obwohl es hätte warm sein müssen so nahe dem Äquator. Das war es aber nicht, so nahe meinem Herzen. Woran ich deshalb besser nicht dachte, nicht nachdenken wollte, nicht sollte, wie über die Schmerzen erst recht nicht, weil sie doch über mich die Herrschaft längst verloren haben. Denn das Spiel wird eigentlich anders gespielt. Aber dazu muß man zu viert sein. Wir aber waren immer nur zwei, Monsieur Bayoun und ich, doch wenn ich nachdenke, jeder nur einer, so daß wir es spielten, wie man Patience spielt, aber gegeneinander. Damit die Zahl stabil bleibt.
Deshalb fiel mir die Insel Mauritius ein, Île Maurice hat Monsieur Bayoun sie genannt. Wann haben wir vor dieser Insel gelegen? Jetzt lag sie unter dem Schwanz des Ungeheuers. Denn obwohl es so blies, war der Himmel vollkommen klar, und ich erkannte sofort Deneb und Vega, und schräg entsproß dem Horizont aus kurz vor ein Uhr die Milchstaße und blühte, legte ich meinen Kopf in den Nacken, hoch über mir links im Zenith. Aber erloschen der Stab des Orion, der uns so lange begleitet hatte. Dafür, fast ganz, war die Stute zu sehen, ich erkannte sogar ihren Nabel. Denn sie bäumte sich auf. Der Wind war ihr Wiehern, verstand ich, nachdem ich die schmale Außentreppe zum Sonnendeck auch noch erstiegen hatte, das, hätte er geschienen, für den Mond nun ein Deck war, über das ich, gegen das Wiehern fast waagrecht gebeugt, zum Bug hin weiterschritt, das letzte Fünftel des Joggingpfades lang, der schmal und ganz den Sportbereich lang hinten den hohen Aufbau der Schlote umrundet und vorne um das Radar führt, zu dem es hoch in den Verspannungen heulte und weiter hoch bis zum Altair. Was es, das Wiehern, einklagen wollte, fing zu verstehen ich aber erst an. Denn noch lag der Polarstern unter der Welt. Er überstiege erst jenseits des Äquators die Kimm.

(...)
>>>> Traumschiff 14
Traumschiff 12 <<<<

Hören Sie dem Wind zu. Aus dem Typoskript (1). Traumschiff (11).

(...)

32'30S/7'30''O

Das war überraschend. Eben setzte sich jemand zu mir, nahm meine Hand und gab vor, mich zu kennen. Das Meer ist heute völlig glatt, obwohl der Himmel bedeckt ist. Er leuchtet aber, ich habe meine Sonnenbrille in der Kabine vergessen. Und obwohl so ein böiger Wind geht und wir ziemlich rollen. Aber nicht eine einzige Schaumkrone glänzt auf der See. Aber daß sie doch meine Frau sei, sagte diese Person. Was sollte ich tun? Ich wollte nicht abweisend wirken. Nur deshalb ließ ich meine Hand in ihrer, zog sie nicht weg. Für ein Gespräch ist so etwas aber keine Grundlage. Darum schwieg ich weiter und reagierte auch nicht, als die Frau zu weinen anfing. Was ja ein Zeichen dafür ist, daß sie nicht das Bewußtsein hat und wir uns schon deshalb nicht verständigen können. Am liebsten hätte ich ihr aber gesagt, daß sie doch bitte still sein möchte. Hören Sie dem Wind zu, hätte ich sagen können. Und daß es doch eigentümlich sei, so viel Wind und gar keine Wellen. So vieles Reden und gar kein Bewußtsein. Daß man darüber dann weint, ist allerdings verständlich.

Bei Monsieur Bayoun hatte ich immer das Gefühl, ihn schon seit langem zu kennen. So, wie man jemandem nach Jahrzehnten wiederbegegnet. Wie man sich der Jugend wiedererinnert. Das war natürlich schon deshalb nicht möglich, weil er zeit seines Lebens in Algerien gewohnt hat und tatsächlich in Tanger an Bord kam. Wir lagen so gut, daß ich zur Kasbah hinaufschauen und doch die Passagiere beobachten konnte, wenn sie von der Stadt zurückkamen. Da sah Monsieur Bayoun zu mir hoch.
Ich hatte den Impuls, ihm entgegenzugehen, aber fürchtete, daß ich mich täuschte. Deshalb war er es, der das erste Wort zwischen uns sprach. Es waren zwei Wörter, Vous aussi, was eine Frage hätte sein können. Aber es war eine Feststellung. Ich versuchte, mich meines Französischs zu entsinnen. Ich erinnere mich auch immer sofort, aber nur so, daß ich alles verstehe, auch Sprachen, die ich gar nie gesprochen habe. Aber das Sprechen ist das Problem. Man versteht, aber kann nicht antworten, jedenfalls nicht sofort. Und ich wußte, daß meine Antwort kompliziert sein würde. Trotzdem versuchte ich es mit dem Französisch, brach mittendrin ab, ich weiß noch genau, und gab die Antwort auf Deutsch.
Es war ein ziemliches Gedränge, weil es immer, wenn wir einen Hafen wieder verlassen, auf dem Achterdeck eine Good-bye-Party gibt, für die das gesamte Entertainment anrückt. Es wird dann gesungen und getanzt, der immer kleiner werdenden Stadt zu- und den Passagieren vorgesungen, nachgetanzt und vorgehampelt, und die Passagiere singen dann mit und klatschen im Takt in die Hände. Aber bei diesen Gelegenheiten erscheinen die silbernen Mädchen nicht. Die sind immer nur zur ersten Begrüßung da. Sondern die Kellnerinnen und Kellner, die uns auch sonst bedienen, tragen die Tabletts. Meistens stammen sie aus Osteuropa, oft aus Moldawien, wo man auch kleinen Lohn nimmt und trotzdem dankbar ist, eine Arbeit zu haben. Jedenfalls dröhnte und blechte aus allen Boxen der Schlager, während wir uns Richtung Osten stampfend zurück in die Meerenge schoben, Ägypten zu, wenn ich mich richtig erinnere.
Ich habe befürchtet, daß ich allein bin, sagte ich. Was hieß befürchtet auf Französisch? Avoir peur, sagte er. Ich entsinne mich genau. Vous aviez peur que vous étiez seul. Aber das sind Sie nicht. Dennoch, den letzten Schritt tun wir alle ohne einander. Durch diese Tür gehen auch wir ein jedes für sich. Aber uns verbindet, daß wir es wissen und, und das alles sagte er auf Deutsch, wollen. Dabei war die Situation schon surreal genug. Aber damit begann unsere Freundschaft. Darf ich so nennen, was zwischen uns war?

(...)

>>>> Traumschiff 12 (mit einer Quelle im Kommentar)
Traumschiff 10 <<<<

Pankower Kreuzung. (Mariae Heimsuchung).

1

Jetzige Pankower Stunde, letzte
abendliche Sitzung beim Wein
an der Kreuzung, Maria, im
falben Sommer licht sein,
da falbe Busse heimwärts fahren,
gelbe, gefolgt von gelben Trams:
Wie plumpe Insekten die Autos
und daß mich Frauen erwarten,
den Wunden, dessen Melancholie
grauschwarze Krähen nach jedem Ampelgrün
auf die geleerte Fahrbahn hüpfen läßt
vor jedem nächsten Rot -


2

Wie oft noch die rosenlippigen Wolken
Schamrosenlippig Mit einem Mal
gestern abend
erschreckend leise das Niemehr
über Beine, von Frauen, gesprochen,
den schmalen Wie oft noch Wie
plötzlich das Nu,
wie allerletzt von Begehren
Oh hohler Geist ohne Körper
Oh Leib, den Wunden nicht ehren
Oh Irrtum:

Diese Straße in einem Gedicht


3

Wein trinken statt in Italien beim
Italiener an der Kreuzung Schlechte
Malerei doch groß
an der rosanen Wand gegenüber
und daß „rosan“ kein Wort ist, indes
ein erlaubtes Genaues dem Raucher,
dem Furcht vor Karzinomen
eher, Maria, den Tod ruft als sie

Drüben das schräge
eklektizistische Dach
ist reine, zu Leere gesäubert,
Seele

...

Nebel sinkt in die Täler
Wölfe lecken schwarzes Wasser
Von weit her bellen Hunde einen unsichtbaren Mond an

Ricarda Junge, Die letzten warmen Tage.


James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (19): Das neunzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XIX.

Be not sad because all men
Prefer a lying clamour before you:
Sweetheart, be at peace again -- -
Can they dishonour you?

They are sadder than all tears;
Their lives ascend as a continual sigh.
Proudly answer to their tears:
As they deny, deny.




Chamber Music 18 <<<<

Zu Kraggerud & Wesseltoft: Last Spring.

>>>> D o r t.

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (18): Das achtzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XVIII.

O Sweetheart, hear you
Your lover's tale;
A man shall have sorrow
When friends him fail.

For he shall know then
Friends be untrue
And a little ashes
Their words come to.

But one unto him
Will softly move
And softly woo him
In ways of love.

His hand is under
Her smooth round breast;
So he who has sorrow
Shall have rest.




Chamber Music 17<<<<

V o r   K a p s t a d t. Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen, 4: Aus den O-Ton-Protokollen.

Filo 33 Vor KAPSTADT Wind
0.01 Einrichten der Mikros.
0.25 Begrüßung. Tür. Fernes Tuten: Verwenden!
0.50 "Sun is there": Kurzer Dialog. Abermals Tuten. Erzählung über die Wale.
1.27 Zum Wind Gespräche, abermals die Schiffshörner. Treppen, Schritte, Signalklingeln.
2.02 Schiffshörner. Tür. "Morning" "Morning", Lachen im Hintergrund, "Thank you".
2.34 Hinaus und wieder und wieder Hörner.
3.03 Nächstes Horn. Nase schneuzen, Sprechen, Schritte auf dem Brückendeck.
3.33 Wieder Horn.
4.03 Schniefen und entfernteres Horn. Jetzt auch Meer.
4.27 Tonwechsel. "Good morning", Schiffsrauschen, fernere Schiffshörner.
5.05 Nächstes Horn.
5.24 elektronisches Signal (sehr leise).
6.00 Tür kurz, Reden, Treppesteigen außen.
6.25 Huster, entfernt. Fast nicht hörbares weiteres Hornhupen. Maschine, eher aber als Rauschen.
6.54 Helles Männersprechen, Hupe fern.
7.22 elektronisches, abermalig leises Signal, Rauschen, fernes Hupen.
8.24 Anderes (leises) elektronisches Signal. Schiffsrauschen.
8.53 Husten, meines.
Filo 34 Vor KAPSTADT mit Ansage
0.02 Starkes (Maschinen-)Rauschen mit Stimmen.
0.38 Tonwechsel, kurzer ferner Dialog, Signal, Tür, etwas quietscht, Schritte (Treppe). Gespräche nähern sich. Abermals das Dreiersignal.
1.31 Tuten (Horn ff).
2.21 Signal und Ansage Walkie Talkie. Frau im Gespräch. Deutlicheres Signal.
3.00 Wind auf den Mikros. Fernes Tuten ff. Signal.
3.30 Verhaltenes Gespräch und Walkie Talkie von der Brücke. Signal.
3.55 Kurzer Austausch mit mir, ich über Johannesburg. "Ob das noch klarer wird?": wegen des dichten Nebels. Immer wieder Hörner und das Signal. Verhaltenes Sprechen.
5.00 Lachen, kurz. Gruppe.
5.25 Sehr schönes Horn. Um 5.38 noch einmal, ein anderes. Ständige Horn-Kommunikation, dazu immer wieder die Elektroniksignale und Sprechen.
6.26 Lachen und Good morning und Raucherhusten.
Verhaltene Gespräche etc. Dazwischen immer mal wieder (m)ein Schniefer.
8.04 Ich ins Mikro: "Die Stadt schält sich aus dem Dunst."
8.30 Rauschen und leises Reden. Hantieren am Mikro. Lachen, Reden.
9.12 Möven. Reden. Weitere Seevögelstimmen.
9.41 Tonwechsel, Wind auf den Mikros. Möven.
 

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