Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
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„Und auch ein Name tut nichts mehr zur Sache“. Nave onirica, amerina (3). PP214, 22. August 2014: Freitag.


(12.14 Uhr, Kaminraum.)
Ich muß mich durchringen, ein PP zu schreiben; gestern gelang es mir nicht. Doch >>>> etwas aus dem Traumschiff stellte ich ein. Da indessen Ihre Links fast alle auf >>>> Arbeitsjournal gebookmarked/t sind, wird ohne, daß ich hier aufmerksam mache, dergleichen nur wenig gelesen. Das macht aber nichts, denn es entsteht doch alles erst. Aber und wie! Und darum möchte ich in andere Texte gar nicht mehr rein, momentan, so sehr bin ich jetzt wieder auf See. Und jetzt wirklich. Eine Romansee ist das, ein narrativer Südatlantik zur Zeit. Ich hatte ganz die Schwalben vergessen, in die ich mich sofort verguckt hatte, als wir vor St. Helena lagen. Aber Lanmeister hat sie jetzt wiedergesehen, das „wieder“ für mich. Und heute habe ich ihnen eine Liebeserklärung geschrieben. Nicht alles indes mag und kann ich, und darf‘s wohl auch nicht, in Die Dschungel geben; Sie sollen ja auch das Buch dann erstehen, wenn es herausist. Außerdem war es vorgestern nacht so spät, nämlich früh, und derart viel Grappe zum Wein war geflossen, daß ich erst gegen acht Uhr aus dem Bett kam, dann aber langsam – wie immer hier schreibe ich langsam, bedächtig, nur manchmal sprudeln die Finger über – in den Text fand und bis zum Abend abermals sehr weiterkam.
Das ist ein Zustand, der unsozial macht; man mag nicht reden, weil es zu einem im Kopf spricht und man zuhören muß, damit einem keines der Wörter emtgeht. Ein jedes könnte weiterführen und eine nächste Wendung verraten, die mich selbst überrascht wie schon jetzt ganz viel an diesem Buch. Dieses Viele war nicht geplant. Wobei ich dem Freund gestern abend erzählte – wir gingen aber früh ins Bett, gegen halb zwölf, und ich kam vorhin um halb sechs wirklich hoch –, daß ich jetzt erst begriffen, wie recht ich gehabt hatte, seinerzeit, mich vor dem Sterbebuch zu fürchten. Ich habe ja alles durchlebt, und nur deshalb, >>>> in diesem Moment der Zusammenreißung, da ich mich entschloß, den Strich darunter zu ziehen, laufe die Erzählung nun quasi von selbst. Gefragt ist nur noch Profession, also Handwerk. Auf mich selbst kommt‘s nicht mehr an. Ich kann sogar, was deutlich neu ist, meine Arbeit unterbrechen, um an den Ortsrand zu fahren, wo dienstags und freitags frischer Fisch verkauft wird, und tat das vorhin: Moscardini, das sind Calamaretti, Cozze und Scampi wird es nun desabends geben, in einem Sugo zur Pasta, gehackter Prezzemolo darübergestreut, und eine Spigola als Secondo, die mit grüner Paprika, in Olivenöl und Knoblauch gedünstet, gereicht wird. Dazu weißes Brot mit ganz weiten Löchern. Nur besteht der Freund für den Wein auf einer Abwechslung, die mir mißfällt. Ich hänge zu sehr an Mauros ungeklärtem Weißen, den ich in Deutschland nicht mehr bekomme. Vielleicht sind S i e so gut und sagen mal was? Bitte bereden Sie ihn, überzeugen Sie ihn. Daß ich doch Mauro trinken muß, geradezu auf inneren Vorrat, wie es nur geht. In Flaschen abgefüllt, kriege ich Wein auch daheim.
Ich komme tatsächlich kaum raus, versucht immerhin gestern, mich zum Mittag in die Sonne zu legen, aber die Stimmen im Kopf trieben mich schnell wieder hoch und an den Laptop zurück. Und wenn wir einkaufen waren oder nur mal eben die Neffen in den Berg gegebenüber zum Kellnern, lasse ich auf keinen Fall mein Notizbuch zurück und kritzle tatsächlich gegen das Ruckeln des Autos, so gut ich vermag, den schon wieder nächsten Einfall und/oder das, woran ich noch zu denken habe, damit die Konstruktion gelingt. Was sich außerdem jetzt herausgestellt hat, ist, wie gut es war, die vielen Fotos zu machen, nicht einmal, weil ich direkt aus ihnen abschreibe, sondern weil mir immer wieder etwas Erlebtes einfällt, nach dem das Buch verlangt. Es geht gerade in einem Traumbuch um höchste Konkretion. Wie sah die Tür aus? Welche Farbe haben die Handläufe? Wie weit entfernt von der Mole haben wir geankert? Kann man die Jakobsleiter wirklich sehen von da? Anders als ich getan, verläßt Gregor Lanmeister das Schiff nie, hat also auf alles einen anderen Blick, den ich ihm durch mein Erlebtes nicht auffüllen darf. Zum Beispiel kann er nie die Augen einer >>>> Gygis Alba gesehen haben. Gygis Alban Anima:Es flutete mich wieder. So sprangen die Delphine drunten, und sausten. So die Feen droben, und umschwärmten einander in weiten Ellipsen und riefen und riefen, als wenn sie der Kinder Echo wären, das rechts der Vulkanfels zurückwarf, den ganz die Jakobsleiter hinaufführt. Die ich zweidrei Gestaltchen hochklimmen sah. Aber das war bestimmt niemand vom Traumschiff, kein Passagier jedenfalls. Sie ist viel zu steil. Aber vielleicht von der Crew. Es kommt ja sonst kaum jemand her. Aber wie ich so in die Sonne sah über dem Meer, sah ich mich selbst da kraxeln, und das war ganz leicht, weil auch diese Schwalben bis in den Himmel an ihr hinaufflogen und von ihm wieder herab, um mich anzuspornen. Das waren aber nur die Kinder wieder, die im Schwimmbad auf den Bänken saßen und riefen und klatschten, damit ihre Freunde schneller schwammen und noch immer schneller und schneller. Wer dann als erster ankam, den empfing ein solches Jubeln, daß mir davon kurz etwas schwindelig wurde. Obwohl die Entfernung bis dort alles so dämpfte, als lauschte man in eine Muschel hinein. (***)
*

Hören Sie dem Wind zu. Aus dem Typoskript (1). Traumschiff (11).

(...)

32'30S/7'30''O

Das war überraschend. Eben setzte sich jemand zu mir, nahm meine Hand und gab vor, mich zu kennen. Das Meer ist heute völlig glatt, obwohl der Himmel bedeckt ist. Er leuchtet aber, ich habe meine Sonnenbrille in der Kabine vergessen. Und obwohl so ein böiger Wind geht und wir ziemlich rollen. Aber nicht eine einzige Schaumkrone glänzt auf der See. Aber daß sie doch meine Frau sei, sagte diese Person. Was sollte ich tun? Ich wollte nicht abweisend wirken. Nur deshalb ließ ich meine Hand in ihrer, zog sie nicht weg. Für ein Gespräch ist so etwas aber keine Grundlage. Darum schwieg ich weiter und reagierte auch nicht, als die Frau zu weinen anfing. Was ja ein Zeichen dafür ist, daß sie nicht das Bewußtsein hat und wir uns schon deshalb nicht verständigen können. Am liebsten hätte ich ihr aber gesagt, daß sie doch bitte still sein möchte. Hören Sie dem Wind zu, hätte ich sagen können. Und daß es doch eigentümlich sei, so viel Wind und gar keine Wellen. So vieles Reden und gar kein Bewußtsein. Daß man darüber dann weint, ist allerdings verständlich.

Bei Monsieur Bayoun hatte ich immer das Gefühl, ihn schon seit langem zu kennen. So, wie man jemandem nach Jahrzehnten wiederbegegnet. Wie man sich der Jugend wiedererinnert. Das war natürlich schon deshalb nicht möglich, weil er zeit seines Lebens in Algerien gewohnt hat und tatsächlich in Tanger an Bord kam. Wir lagen so gut, daß ich zur Kasbah hinaufschauen und doch die Passagiere beobachten konnte, wenn sie von der Stadt zurückkamen. Da sah Monsieur Bayoun zu mir hoch.
Ich hatte den Impuls, ihm entgegenzugehen, aber fürchtete, daß ich mich täuschte. Deshalb war er es, der das erste Wort zwischen uns sprach. Es waren zwei Wörter, Vous aussi, was eine Frage hätte sein können. Aber es war eine Feststellung. Ich versuchte, mich meines Französischs zu entsinnen. Ich erinnere mich auch immer sofort, aber nur so, daß ich alles verstehe, auch Sprachen, die ich gar nie gesprochen habe. Aber das Sprechen ist das Problem. Man versteht, aber kann nicht antworten, jedenfalls nicht sofort. Und ich wußte, daß meine Antwort kompliziert sein würde. Trotzdem versuchte ich es mit dem Französisch, brach mittendrin ab, ich weiß noch genau, und gab die Antwort auf Deutsch.
Es war ein ziemliches Gedränge, weil es immer, wenn wir einen Hafen wieder verlassen, auf dem Achterdeck eine Good-bye-Party gibt, für die das gesamte Entertainment anrückt. Es wird dann gesungen und getanzt, der immer kleiner werdenden Stadt zu- und den Passagieren vorgesungen, nachgetanzt und vorgehampelt, und die Passagiere singen dann mit und klatschen im Takt in die Hände. Aber bei diesen Gelegenheiten erscheinen die silbernen Mädchen nicht. Die sind immer nur zur ersten Begrüßung da. Sondern die Kellnerinnen und Kellner, die uns auch sonst bedienen, tragen die Tabletts. Meistens stammen sie aus Osteuropa, oft aus Moldawien, wo man auch kleinen Lohn nimmt und trotzdem dankbar ist, eine Arbeit zu haben. Jedenfalls dröhnte und blechte aus allen Boxen der Schlager, während wir uns Richtung Osten stampfend zurück in die Meerenge schoben, Ägypten zu, wenn ich mich richtig erinnere.
Ich habe befürchtet, daß ich allein bin, sagte ich. Was hieß befürchtet auf Französisch? Avoir peur, sagte er. Ich entsinne mich genau. Vous aviez peur que vous étiez seul. Aber das sind Sie nicht. Dennoch, den letzten Schritt tun wir alle ohne einander. Durch diese Tür gehen auch wir ein jedes für sich. Aber uns verbindet, daß wir es wissen und, und das alles sagte er auf Deutsch, wollen. Dabei war die Situation schon surreal genug. Aber damit begann unsere Freundschaft. Darf ich so nennen, was zwischen uns war?

(...)

Traumschiff 10 <<<<

Pankower Kreuzung. (Mariae Heimsuchung).

1

Jetzige Pankower Stunde, letzte
abendliche Sitzung beim Wein
an der Kreuzung, Maria, im
falben Sommer licht sein,
da falbe Busse heimwärts fahren,
gelbe, gefolgt von gelben Trams:
Wie plumpe Insekten die Autos
und daß mich Frauen erwarten,
den Wunden, dessen Melancholie
grauschwarze Krähen nach jedem Ampelgrün
auf die geleerte Fahrbahn hüpfen läßt
vor jedem nächsten Rot -


2

Wie oft noch die rosenlippigen Wolken
Schamrosenlippig Mit einem Mal
gestern abend
erschreckend leise das Niemehr
über Beine, von Frauen, gesprochen,
den schmalen Wie oft noch Wie
plötzlich das Nu,
wie allerletzt von Begehren
Oh hohler Geist ohne Körper
Oh Leib, den Wunden nicht ehren
Oh Irrtum:

Diese Straße in einem Gedicht


3

Wein trinken statt in Italien beim
Italiener an der Kreuzung Schlechte
Malerei doch groß
an der rosanen Wand gegenüber
und daß „rosan“ kein Wort ist, indes
ein erlaubtes Genaues dem Raucher,
dem Furcht vor Karzinomen
eher, Maria, den Tod ruft als sie

Drüben das schräge
eklektizistische Dach
ist reine, zu Leere gesäubert,
Seele

...

Nebel sinkt in die Täler
Wölfe lecken schwarzes Wasser
Von weit her bellen Hunde einen unsichtbaren Mond an

Ricarda Junge, Die letzten warmen Tage.


James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (19): Das neunzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XIX.

Be not sad because all men
Prefer a lying clamour before you:
Sweetheart, be at peace again -- -
Can they dishonour you?

They are sadder than all tears;
Their lives ascend as a continual sigh.
Proudly answer to their tears:
As they deny, deny.




Chamber Music 18 <<<<

Zu Kraggerud & Wesseltoft: Last Spring.

>>>> D o r t.

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (18): Das achtzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XVIII.

O Sweetheart, hear you
Your lover's tale;
A man shall have sorrow
When friends him fail.

For he shall know then
Friends be untrue
And a little ashes
Their words come to.

But one unto him
Will softly move
And softly woo him
In ways of love.

His hand is under
Her smooth round breast;
So he who has sorrow
Shall have rest.




Chamber Music 17<<<<

V o r   K a p s t a d t. Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen, 4: Aus den O-Ton-Protokollen.

Filo 33 Vor KAPSTADT Wind
0.01 Einrichten der Mikros.
0.25 Begrüßung. Tür. Fernes Tuten: Verwenden!
0.50 "Sun is there": Kurzer Dialog. Abermals Tuten. Erzählung über die Wale.
1.27 Zum Wind Gespräche, abermals die Schiffshörner. Treppen, Schritte, Signalklingeln.
2.02 Schiffshörner. Tür. "Morning" "Morning", Lachen im Hintergrund, "Thank you".
2.34 Hinaus und wieder und wieder Hörner.
3.03 Nächstes Horn. Nase schneuzen, Sprechen, Schritte auf dem Brückendeck.
3.33 Wieder Horn.
4.03 Schniefen und entfernteres Horn. Jetzt auch Meer.
4.27 Tonwechsel. "Good morning", Schiffsrauschen, fernere Schiffshörner.
5.05 Nächstes Horn.
5.24 elektronisches Signal (sehr leise).
6.00 Tür kurz, Reden, Treppesteigen außen.
6.25 Huster, entfernt. Fast nicht hörbares weiteres Hornhupen. Maschine, eher aber als Rauschen.
6.54 Helles Männersprechen, Hupe fern.
7.22 elektronisches, abermalig leises Signal, Rauschen, fernes Hupen.
8.24 Anderes (leises) elektronisches Signal. Schiffsrauschen.
8.53 Husten, meines.
Filo 34 Vor KAPSTADT mit Ansage
0.02 Starkes (Maschinen-)Rauschen mit Stimmen.
0.38 Tonwechsel, kurzer ferner Dialog, Signal, Tür, etwas quietscht, Schritte (Treppe). Gespräche nähern sich. Abermals das Dreiersignal.
1.31 Tuten (Horn ff).
2.21 Signal und Ansage Walkie Talkie. Frau im Gespräch. Deutlicheres Signal.
3.00 Wind auf den Mikros. Fernes Tuten ff. Signal.
3.30 Verhaltenes Gespräch und Walkie Talkie von der Brücke. Signal.
3.55 Kurzer Austausch mit mir, ich über Johannesburg. "Ob das noch klarer wird?": wegen des dichten Nebels. Immer wieder Hörner und das Signal. Verhaltenes Sprechen.
5.00 Lachen, kurz. Gruppe.
5.25 Sehr schönes Horn. Um 5.38 noch einmal, ein anderes. Ständige Horn-Kommunikation, dazu immer wieder die Elektroniksignale und Sprechen.
6.26 Lachen und Good morning und Raucherhusten.
Verhaltene Gespräche etc. Dazwischen immer mal wieder (m)ein Schniefer.
8.04 Ich ins Mikro: "Die Stadt schält sich aus dem Dunst."
8.30 Rauschen und leises Reden. Hantieren am Mikro. Lachen, Reden.
9.12 Möven. Reden. Weitere Seevögelstimmen.
9.41 Tonwechsel, Wind auf den Mikros. Möven.

Die Gille-Exzerpte.

>>>> Dort.

Selbstverzehrung. Über den Mittag des 2. Augusts 2014.

Irgendwann, nachdem ich mich zum Mittagsschlaf gelegt, erwachte ich und griff, einen leichten Hunger verpürend, neben mich, wo auf dem großen Mitteltisch mein langes Opinel lag, das in der Küche nicht nur hier mein Grundmesser ist, sondern daß ich, weil es sich zusammenklappen und deshalb im Gepäck sehr einfach verstauen, zumal sich an beliebigen Steinen einfach – und sehr - schärfen läßt, auch auf Reisen immer mit mir führe, - griff nach ihm und begann, weiterhin ruhig auf dem Rücken ausgestreckt, von meinem Bauch zu schneiden, gute, bißgerechte Streifen, die ich mir nach und nach in den Mund schob, an denen ich kaute, die ich dann schluckte. Der ganze untere Oberkörper, unterhalb des Brustkastens, war bereits offen. Es tat nicht weh, und, auch wenn ich mich nicht mehr erinnere, schmeckte es auch. Nur daß ich irgendwann dachte: Was tust du da eigentlich? Da müssen doch langsam die Organe kommen, und du magst doch keine Innereien! Es war tatsächlich dies, diese meine kulinarische Abneigung, was mich endlich fast schon einhalten ließ. Denn die Fleischkonsistenz, die ich an mir sah, veränderte sich, wurde verdächtig dunkel, und als ich am schon wieder nächsten Bissen kaute, schmeckte ich Leber. So daß ich das Stückchen zwar noch hinunterschluckte, ohne Ekel, übrigens, aber doch wirklich zu denken anfing: mir bewußt zu machen, was geschah und was die Folgen wären. Das wird sich doch entzünden, dachte ich, ohne Ausrufezeichen aber. Das kann doch nicht „normal“ sein, du gefährdest dich. Immer noch ohne Ausrufezeichen, sondern als eine in ihrer Distanz geradezu pure Feststellung. Daran wirst du sterben, dachte ich, legte das Messer auf den Mitteltisch zurück und erwachte, wonach ich mit einer so leichten, daß sie fast schwebte, Beruhigung auf meinen nahezu heilen, unterhalb des Nabels noch immer unbehaarten Bauch und auf das breite weiße Wundpflaster sah, das >>>> die Narbe noch verdeckt.

Zu: Christopher Ecker, Die letzte Kränkung.


Siehe >>>> dort .

Zu: Christopher Ecker, Fahlmann, Roman.

>>>> Dort.

Die schlichte Form des Realismus. Einkreisen: Michael Hametner im Gespräch mit Sighard Gille.


In der deutschen Gegenwartsliteratur grassiert die schlichte Form des
Realismus. Möglichst dicht ran an die Lebenswelt des Lesers. Damit
der Leser möglichst wenig in seine Realität übersetzen muß.
>>>> S. 67.

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (3).

(...)

Sprecher 1     Wie durch vorzeitliche Traumstätten fremdartigster Ungeheuer, an die zudem unausgesetzt die Gischt schlug, glitt das Schiff da entlang,

Sprecher 2     Kurs schon neu aufs Hohe Meer,

Sprecher 1     das weithin, so weit die Augen sahen, alles überzog.

Sprecher 2     Die alte schwere Dichterin sitzt stumm vor dem Fenster und sieht nur hinaus, sieht nur die Zeit

Sprecher 1     Indessen in der Astor Lounge Sinatra erklang.

Lanmeister     Wer ein Herz hat, macht sich schuldig.

Sprecher 1     Der junge Mann war zu sauber dafür.

Sprecher 2     Sinatra braucht Sünde und Rauch.

Sprecher 1     Das scherte aber das Publikum nicht.

Lanmeister     Was hören die Menschen?

Sprecher 1     Und der Reisende notierte zu Zarah Leander:

Sprecher 2     Wenn mir auf dieser Reise etwas klar geworden ist, dann, daß mein Sterbebuch ein Gesang für das Leben sein muß. Die Utopie eines menschlichen Davongehens, das mir von Anfang an im Sinn lag, ist aus der Bereitschaft zum Abschied nicht zu gewinnen, sondern allein aus lebendigstem Leben.

(...)

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (2).

(...)

Musik: O-Ton Schubert mit Stimmgeräuschen. Und das dann „zurück“ ins Meer fließen lassen.

Sprecher 2     Ich will im Licht sein und an der Luft. Zurück in die Vergangenheit meines Schreibens: Bleistift und Notizbuch. Es ist so warm geworden, daß ich mein Hemd übern Kopf ziehe. „Don‘t do it!“ rufen mir von ihren Liegestühlen drei alte Damen zu, und amüsieren sich. Indessen Lanmeister, denke ich mir, vor der direkten Anstrahlung auf der Hut ist,

Sprecher 1     der ihm, ohne daß er oder wer andres es sah, am Bootsdeck im Rücken saß, genau dort, wo die drei Damen immer noch weiter kicherten.

Sprecher 2     Die Wolken hängen als eine Flotte dunkler, aneinandergerückter Zeppeline über der See; die Sonne lassen sie nur manchmal zu uns herunterblicken und immer nur kurz: eine Seeblockade zur Luft.

Lanmeister     In die Strukturen der Wogen versinken.

Sprecher 2     Es gibt Rutschen gleich gestraffter Seide, hochpolierte, wie glattes Metall. Dazu über Strecken sich erhebende Bergzüge, nicht eine einzige krisslige Unruh auf den Pässen. Dann wieder Wogen aus einem mit Silber bedampften Blei, über dem der Gischtschnee wirbelt. Auf Hunderte Seemeilen Krönchen dahinter. Und wenn wir uns

Sprecher 1     dachte Gregor Lanmeister

Atmo: O-Ton Meeressirren

Lanmeister      gehoben von einem Wogenpflug, wieder hinabsenken, schäumt es unweit vom Berg weg:

Sprecher 2     dann hebt ein ungeheures Sirren an, wieder und wieder, das sich aufs Gleichmaß des Brandungsrauschens senkt - oder sich aus ihm erhebt, es ist nicht zu sagen -. Das wiederum Ton in Ton mit dem unendwegten Stampfen des Motors.

Atmo: Meeressirren und Schiffsmotor

Sprecherin          Schweigen, ständig
                         in schweigendem Deutsch.

Sprecher 1     Wer dem Meer und dem Motor lange genug lauscht, vernimmt ein immer gewaltigeres Tosen

Sprecher 2     auf der Fahrt in Gregor Lanmeisters zufrieden stillen Tod.

Lanmeister     Ich liebe dieses sanfte hohe Wiegen.

Sprecher 2     Immer hat er gedacht, daß sie einander erkennten.

(…)

Akustische Keuzfahrt 1 <<<<

„Am Ende fallen Tränen aus Titan.“ Götze im Kyffhäuser ODER Erweckte deutsche Töne. Unheimliches Notat zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Da kann schon erschrecken, wer einen deutschen Namen trägt und seine Geschichte überwunden hoffte. Die „Tränen aus Titan“ entstammen ausgerechnet der online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“. Ferner dürfen wir dort lesen: „Deutschland ist hart (…)“, ja von einem „Potpourri aus Blut und Wut“. Und in der FAZ aufersteht mit Götze der „Erlöser“, indessen als, f ü r dessen wohl, „Blutkrieger“ der Herr Schweinsteiger gilt: so in Die Welt. Als wäre alles vergessen. Das Unheil bleibt, doch profaniert. „Fußball ist längst Pop“, schreibt ebenfalls Die Zeit, und Pop ist die Ästhetik des Kapitalismus. So schrieb ich es an >>>> anderer Stelle. Der hat die Leute absolut im Griff und macht nun fröhlich Party, von „Trümmer“ bis „zerschmettert“.
Daß die „Weltpresse“ locker da mittanzt, beschlägt das Bild mit Eisen aus Jubel. Auf in die nächsten tausend Jahre. Ich erkenn sie an den Worten. So schreibt denn auch die Washington Post vom „erweckten (!) Nationalstolz der Deutschen“. Und Götze zieht in den >>>> Kyffhäuser ein, um das Reich zu retten.

 

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