Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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III,123 - Der Frage nachgehen wollend, ob es noch Kühe gibt

”Ho chiuso bottega”, wie man hier sagt, also den Laden dicht gemacht. Arbeitscomputer in Sicherheit gebracht. Jetzt bleibt für die nächste Zeit nur der Küchencomputer, den ich wohl auch mitnehmen werde morgen, wenn’s auf die Autobahn geht (Landstraßen nur ein kleiner residualer Teil). Morgen und übermorgen (Schützenfest) erscheint allerdings nichts von mir, danach ganz nach meinem Gusto. Es kann, aber es kann auch nicht passieren. Ab dem 16.8. sollte eigentlich wieder eine Regelmäßigkeit eintreten. Die Zeit zur Abfahrt ist tatsächlich hoch: Scheinwerfer wurden heute montiert, die Grillecke aufgebaut unten auf dem Platz. D.h., mit den Tischen auf dem Platz wird’s langsam ernst, wahrscheinlich dann wohl ab Freitag. Warum am Mittwoch der Platz gesperrt war, war nicht wirklich einsichtig, und die dennoch geparkten Autos schufen völlig entgegengesetzte Tatsachen. Nun ja, es trommelte ein Weilchen, während ich bis 10 meiner Vergasung entgegenarbeitete. Der “unabdingbaren”. Hat aber geholfen. Dem Kopf indes nicht unbedingt, denn der, ziemlich geschunden und dem Monde gleich zum Abnehmen geneigt, brummte in den Tag, und wollte nicht unbedingt der Sonne beipflichten. Schien die überhaupt? Irgendwie war Licht. Aber ohne daß die Lampe (Lampe) brennt, lassen sich im Halbdämmer der Küche selbst unscheinbare Bläschen nur ahnen, sobald das Teewasser zu simmen beginnt, aber eben doch nicht kochen soll. Küche im Halbdämmer, Kühe in Halbtrauer… Vor Jahren hatte mein Cousin noch eine Kuhhaltung, standen alle in einem Riesenstall (natürlich EU-etikettiert: gelber Ohrklipp). Gibt’s nicht mehr. Aber Kühe auf Weiden? Ok, das muß ich herausfinden, ob es da im Dorf noch Kühe auf Weiden gibt. (Die Elektrozäune damals ringsherum und die Mutprobe, die elektrisierten Drähte anzufassen: es ruckte merklich den Arm bis in die Muckis herauf. (Ich werde darüber selbstverständlich berichten, auch wenn ich skeptisch bin)).

III,122 <<<<

Der Steuerklärung (2019) Dritter Tag. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 27. Juli 2016.


[Arbeitswohnung, 6.30 Uhr
Latte macchiato]
Bereits bei den Reisekosten. Es besteht eine Chance, bereits heute fertigzuwerden; allerdings habe ich mittags einen Termin; danach will ich zum Finanzamt radeln, um mir die Formulare zu holen. Den Sport sollte ich möglicherweise bis morgen aussetzen. Probleme werden, wie bereits im vergangenen Jahr, die Umsatzsteuerformulare machen, weil es unterdessen eine Verpflichtung gibt, die entsprechende Anmeldung online zu tätigen. Ich habe mir aber schon einmal mein System zerschossen, als ich die >>>> Elsterprogramme installieren wollte. Sowas riskiere ich kein zweites Mal. Kann also sein, daß ich beim Finanzamt nachher werde herumsitzen und auf ein Gespräch warten müssen; letztes Jahr half es, der Beraterin zu sagen: „Gut, ich installiere es, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir schriftlich bestätigen, für etwaige Schäden die Verantwortung zu übernehmen und also aufzukommen.“ Das mochte man nicht tun.
Jedenfalls kann mich das den heute anstehenden Lauf im Friedrichshainpark kosten und auch die heutige Fertigstellung meiner Steuererklärungen verhindern.
Parallel ständige Kommunikation mit der Contessa; wir werden uns Mitte August, wenn ich für eine Woche zu >>>> Phyllis Kiehls Berliner Ausstellung zurück nach Berlin kommen werde, in Düsseldorf treffen und dort wohl auch die beiden Verträge unterzeichnen; fein ist, daß ich dort auch Freund Faure wiedersehen könnte, abends.

Übrigens hatte ich vor, zu den Münchener Ereignissen zu schreiben, werde es aber aus den genannten Gründen einstweilen nicht schaffen. Aber es ist wirklich nicht so, daß Die Dschungel nicht die Welt wahrnimmt und sich nicht ihre, und zwar sehr deutliche, Gedanken macht. Auch Bruno Lampe kam, wie er >>>> dort fast schon angekündigt hat, nicht an sein Tagebuch.

(Die >>>> Sperre für anonyme Gastkommentare bleibt bestehen, einstweilen nur, selbstverständlich. Daß es einige Leute gibt, die mir persönlich schaden wollen, ist bekannt; ich trage dieses Risiko, habe es über Jahre, nun schon Jahrzehnte getragen, muß es tragen aber auch können – also angemessen reagieren können. Das ist grad nicht der Fall.)


Noch sechs Tage bis Paris.

(Gestern tatsächlich, nach der Arabella-Phase, den Nibelungenring wiedergehört, jedenfalls die erste Hälfte des Rheingolds. Aber diese Oper ging wirklich nicht mehr an mich; einmal dachte ich sogar: „Meine Güte, was für eine Kindermusik!“ Und dachte an meine innere Weigerung, mir so gerissene wie grobe, bzw. gierige Tölpel als „Helden“ vorführn zu lassen. Welche Sensibilität dagegen sowohl in Arabella als auch in Mandryka; nun jà, Hofmannsthal.... - Also den Ring höre ich heute sicherlich nicht weiter. Vielleicht bleib ich bei Strauss. Oder wechsle zu >>>> >>>> Birtwistle, bei dem sich‘s allerdings nicht mitsingen läßt. Laut zu singen, während man an einer Steuererklärung sitzt, ist ein so inniges, zugleich absurdes Vergnügen, daß ich drauf nicht verzichten mag.
Es gibt noch eine Oper, die mir sehr nahe ist; das Problem ist die politische Einstellung ihres Komponisten, Hans Pfitzners nämlich. Ich spreche von seinem „Palestrina“:

Mit der deutschen Geschichte im Nacken fällt es mir, übrigens auch bei Strauss, immer wieder schwer, die geradezu Antonomien auszuhalten, die aber ein Werk-selbst möglicherweise grad in dieser seiner enormen Spannung halten. Doch wir alle möchten so gern uneingeschränkt zustimmen können, Ambivalenzen tun fast immer weh. Für einen Deutschen dazu sind sie belastend, zumal in der Kunst. Sofern er nicht absichtlich wegdenkt. Nun jà, die Franzosen tragen‘s an Céline, die US-Amerikaner an Pound.)

Und auf! und weiter geht‘s!

ANH!

Achtung!

Für die Zeit, in der ich >>>> wegen der Steuererklärung Die Dschungel nicht ständig beobachten kann, habe ich soeben, und zwar aus sehr gebotenem Anlaß, die anonyme Kommentarfunktion deaktivieren müssen. Den entsprechenden Kommentar habe ich gelöscht, aber vorher kopiert und werde zu gegebener Zeit sehr deutlich auf ihn zu sprechen kommen. Dazu ist jetzt nicht der Raum, weil ich eine amtliche Frist einhalten muß.

ANH, 26.7.2016

Das Arbeitsjournal des Dienstags, dem 26. Juli 2016: Der Steuererklärung (2015) Zweiter Tag.


[Arbeitswohnung, 8.57 Uhr]
Seit fünf am Schreibtisch, um halb fünf schon wach gewesen: Es war warm, ich schlief nur unter einem Leinenlaken, das mich morgens aber kühl werden ließ, so daß ich zu der zu meinen Füßen eingerollten „normalen“ Bettdecke griff, die mich dann aber sofort schwitzen ließ. Etwa eine Viertelstunde nachher sah ich ein, es sei aufzustehen geboten, sowieso, weil ich mit der Erklärung weiterkommen will: frisch voran!, wenn Sie so wollen.
Nachts noch kamen whatsup-Nachrichten von Frau v. N. wegen unseres Buchprojekts; die, also die Nachrichten, beantwortete ich dann gleich zum ersten Latte macchiato und bevor ich mit der Rechnerei weitermachte („Mathematik für Drittklässler“, schrieb ich). Als sie eingingen, hatte ich bereits tief geschlafen.

Jetzt bin ich mit den Einnahmen schon komplett fertig, incl. der verschiedenen Umsatzsteuersätze, hab nun mit den Ausgaben begonnen: auf zur Gewinn-/Verlustrechnung! Insgesamt kam einiges zusammen, das ich gar nicht mehr im Kopf hatte; ich hätte das Ergebnis übler prognostiziert. Nicht ohne Witz dabei ist, daß man im laufenden Jahr sich über jede Einnahme freut, sie ja auch dringend braucht, stellt man dann aber alles fürs Finanzamt zusammen, stört einen jede Einnahme. Hingegen Ausgaben hingegen begrüßt man: eine echt ironische Folge unseres Steuersystems. - Gibt‘s einen Smiley, der sprachlos seinen Kopf schüttelt? Den würd ich auf die Steuererklärung gerne oben draufbappen.

War heut früh noch abstinent, musikalisch gesehen. Ich mochte wegen der Wärme nicht die dicken Stax-Hörer aufsetzen; aber ohne sie hätten meine Boxen das halbe Haus - und das Hinterhaus gleich mit - aus dem Schlafen gedröhnt, gerade bei Richard Strauss. Nein, noch nicht, wie gestern gewollt, den Wagner, sondern ein drittes Mal Strauss‘ Arabella, diesmal, nach gestern Tate und Solti, Thielemann an der MET; eine vergleichsweise junge Aufnahme. Wenn ich sie durchgehört haben werde, radl‘ ich zum Training.

--- also – M u s i k:
[Richard Strauss, Arabella op 79
Dichtung von Hugo von Hofmannsthal

te Kanawa, McIntyre, Der-
nesch, Kuebler, Robbins
Metropolitan Opera Orchestra
Christian Thielemann
DGG 1994]


ANHs Traumschiff. Verlegt von mare in Hamburg.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


III,122 - Ausscheidungen

Es hat abermals gedonnert, aber nicht geregnet, und für morgen ist der Platz unten abermals gesperrt von 15 bis 24 Uhr. Und abermals lockte man heute mit Daumen und Zeigefinger (Pinkepinke, also konsistenter Mehrtarif). Nicht viel, zu bewältigen, auch ein Herr Sisyphos… bitteschön. Absolutes “Hallo-Ich-weiß-Lächeln”. Aber es liege eine nicht aufschiebbare Unbedingtheit vor. Heißt: über die Schwierigkeit, Nein zu sagen in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis (das sich zumindest so gebärdet für die eine und die andere Seite), in dem man als qualifizierter Automat fungiert, dem bloß noch “Leck mich!” einfällt, ohne daß ihm die Äußerung einer solchen Antwort einprogrammiert wäre. Er darf es denken. Waren nicht immer die Gedanken frei? Also nach dem Winde segeln. Auch so eine Freiheit in Anführungsstrichen. Belagerungszustand mithin. Einziger “Spaß” heute: ‘Olympischer Frühling’ von Spitteler im Nebenbei, zum Teil Situationen wie in unmöglichen Computerspielen, aber Hermes im Verein mit Pallas schafft’s dann doch am Ende, das Böse auszumerzen. Pallas etwas pfiffiger indes. Und auch entschlossener. Selbst ich: eine Scheibe Brot, Butter, Tomatenscheiben, Mayonnaise, Pfeffer. Dem bösen Hunger ein Garaus. Und selbst der Harn lief endlich wieder normal, nachdem es da Schwierigkeiten gab seit der vorletzten Nacht. Nichts wirklich Herzbewegendes, was meiner linken Herzklappe in ihrem Zyklus >>>> iste unbekannt wäre. Dummerweise fällt mir auch noch ein, daß für Beschreibungen des Stuhlgangs Böll zuständig ist in ‘Gruppenbild mit Dame’, ein Buch, das ich recht demonstrativ mit mir herumtrug und natürlich auch las, als das Haus zur Beerdigung meiner Mutter sich mit Ostverwandtschaft (hieß so damals) füllte, kurz bevor mich die Adria bei Dubrovnik wider Willen dann doch noch ausspie. Ausscheidungen mithin. [Hinweis für Leser: Obwohl ich gelegentlich darauf hingewiesen wurde, ich sei melancholisch oder sonstwie psychisch affiziert, solchen Lesern sei gesagt, daß ich lediglich einen Text fabriziere, den jeder für sich implementieren mag, wie er will. Mein eigener Wille steht indes nicht dahinter, weil er dem Grundsatz folgt: ‘Will I am’ (Poe), and so may it hap.]

III,121 <<<<

Ausgeklinkt: Der Steuererklärung (2015) Erster Tag. Das Arbeitsjournal des Montags, dem 25. Juli 2016.

[Arbeitswohnung, 7.37 Uhr
Erster Latte macchiato]

Bis Freitag geb ich mir:


Zuerst einmal die noch nicht einsortierten Belege (Rechnungen, Quittungen usw.) einsortieren, zuordnen. Das wird den heutigen Tag „kosten“. Einzig erlaubte Unterbrechung wird mittags der Sport sein. Am kommenden Montag, einen Tag vor meinem Abflug, will ich alles zum Finanzamt radeln und somit sieben Tage vor Fristablauf einreichen – eine Neuerung, normalerweise liefre ich auf den Punkt. Aber an dem amtlich verlangten 8. werd ich nicht in Berlin sein.

Gestern den gesamten Tag über die Verträge des Auftrags entworfen, der mich die kommenden Monate beschäftigen wird. Die Arbeit an den Béartgedichten wird nun erst einmal ruhen. Na jà, vielleicht in Paris... daß ich da d o c h... und/oder in Umbrien... Außerdem freu ich mich diebisch auf dieses neue „Ding“: als Dichter einmal ganz bewußt t  u  n, was eigentlich der Kunst absolut nicht erlaubt ist. Es fühlt sich ironisch nach losgelassener krimineller Energie an. „Was erwünschen sich die Leser:innen? - Gib es ihnen!“ Bedürfniserfüllung: Schreiben für den Mainstream. Hat zumindest was Befreiendes.
Jetzt aber: sortieren & buchen.

(Ein Vorteil, übrigens, des Steuererklärens: Ich kann dabei Musik hörn, wie ich will - was, zumindest parallel zu Gedichten, nicht geht.

(9.10 Uhr
Zweiter Latte macchiato)
Mit „Musik hören“ meine ich größere, längere Werke am Stück. Heute wird es ein – ich weiß jetzt schon: manchmal wahrscheinlich laut mitsingend - Arabella-Tag werden:


Nicht nur einmal, nein, sondern mich durch die unterdessen f ü n f Aufnahmen durchhören, die ich von dieser Oper habe. Und ab morgen, vielleicht, hör ich mich einmal durch den gesamten Nibelungenring. So habe ich denn Grund, die Steuererklärung nicht nur sportlich zu nehmen, sondern sie der Anlaß von L u s t sein zu lassen.

(Bis eben allerdings mußte ich schnell noch eine Post fertigmachen, eine Rechnung schreiben und ein Geld anweisen, das ich, man muß wohl sagen, verschleppt habe.)

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Der Steuererklärung (2014) Erster Tag <<<<

III,121 - in a kind of mood

Schadenfreude ist keine gute Freude, und darum soll das hier nicht in den Vordergrund, nur weil’s draußen grad heftig regnet und donnert. Das Modem ist vorsorglich ausgeschaltet. Auch wenn’s durch die bloße Erwähnung doch wieder in den Vordergrund rückt, weil der Gedanke anfangs eben doch da war. Nun werden sie wohl Schwierigkeiten haben, ihre Holzkohlengrills wieder in Gang zu bringen. Im Gegenzug biete ich Schadenfreude an, was mich betrifft. Das geplante Reisegebäude wackelte heute am Ende des 10-Stunden-Tags in der Projektion auf das noch zu Erledigende: wird wohl ein ziemlich improvisiertes Gebäude dann werden (unbedingt den Schlafsack mitnehmen! Für Übernachtungen im Wald (hatten wir schon mal, aber mit 19 im Wald von Nürnberg-Feucht tatsächlich auf dem Waldboden (es gibt noch weitere Feld- und Wiesenbeispiele (und besonders auf dieser Reise mit 19, nachdem kurz zuvor meine Mutter gestorben war (ich kehrte völlig ausgemergelt zurück)))). Hauptsache, ich komme rechtzeitig zum Futtern ins Schützengebäude am Freitagabend. Magari ausgemergelt und völlig ausgehungert. „Hallo, Herr Held!“ Und Bierchen, die einen im Nu umringen. Ok, Unwetter ist vorbei. Sie werden’s schon deichseln, die Ameriner, ihren Abend über die Bühne zu bringen. Woher aber kommt jetzt diese “Versöhnlichkeit”? Anders als ich dachte oder meinethalben wünschte (etwa: sich sohnlich einrichten - siehe oben), kommt’s laut Grimm von Sühne. Auch dies ließe sich hineinlesen in die parenthetischen Auslassungen zu der emotional invertierten und sehr heftigen Jugoslawien-Reise von damals. Die aber immer wieder auftaucht, grad so wie ich damals mit aller Kraft aus dem Wasser, das an einem Gestein mich hinabsaugen wollte und fast schon im Griff hatte. Wasserspeien, Haut auf Stein, Hände klammern. Aber wahrscheinlich übertreibe ich jetzt. Ist aber so da. So ward ich aus dem Wasser gespien und wurde, was ich bin. Der Wind ist nicht einverstanden: er öffnete grad die Fensterflügel in der Küche. Sie zu schließen will ihm nicht gelingen, also macht er sie wieder auf. In a kind of mood.

III,120 <<<<

III,120 - was tust du, stiller Mond?

Grad an die Tür gehechtet: Kinderstimmen, Frau in Sommerkleid mit einem Tablet fotografierend: “Buona sera!” Waren keine Touristen, liefen alle nur hoch zur Wohnung des Passiflora-Schänders, vermeinte auch, dessen Stimme zu hören. Also eine kleine Peinlichkeit. Wahrscheinlich Besuch aus dem Nirgendwo oder potentielle Käufer. Im letzteren Fall könnte ich ja auf diese Weise sogar abschreckend gewirkt haben. Was ich indes gestern als Festmeile bezeichnete, erwies sich als Freßmeile. Erst gegen 10 fing’s an zu trommeln, hielt sich aber in Grenzen. Überall qualmte es und roch nach gegrilltem Fleisch, was den Appetit gestern abend noch weiter abregte. Und Bier gab’s auch nicht vorm Tabaccaio, sie hatten dieselben 5-Liter-Kisten aus dem Weinkeller dort stehen, mit denen ich selber zu Hause versehen. Ein paar pathetische Proklamationen kamen hinzu zur Einsetzung des ‘Ältestenrates’ (naja, allet wie im Mittelalter (Antiani Populi Civitatis Ameriae - APCA? (zumindest scheinbar zwingende jährliche Identitätsversicherung (nichts dagegen zu sagen, schließlich fahr’ ich Donnerstag selber rechtzeitig zum Schützenfest im einstigen Zonenrandgebiet (auch so ein Identitätszwang)))). Also, ich hab’ nicht weiter rausgeschaut, weiß somit nicht, was das für Leute waren. Dankbar trank indes C2 zuvor eine vom nachmittäglichen Regen übriggebliebene Pfütze aus, hockt auf der Treppe zum Hof. Aber, tut mir leid: ich mag sie, die Katze C2 nicht an mich gewöhnen. Zumal ich ab Donnerstag für längere Zeit fort bin (will eine neue Strecke ausprobieren: über den österreichischen Fernpaß nach Kempten bis zum Beginn der A7 und so München, Nürnberg, Leipzig und Berlin-Hannover-Autobahn vermeiden, ist nur wenig länger als über Leipzig… ah, die Kasseler Berge!). Le travail: marchons, le voilà (Mireille Mathieu wäre absolut fehl am Platz). Ansonsten die Situation von gestern: leerer Platz, Sackleinen hier und dort. Und irgendwann werden sie wieder trommeln (und vielleicht wie gestern die letzten beiden im Zug über den Gleichschritt streiten, der eine war richtig aufgeregt deswegen…). Aber: es geht nicht voran derzeit, und Geschichte wird mitnichten gemacht… 2000 Schulen gesperrt in der Türkei…
Was tust du, am Himmel? sag es mir,
was tust du, stiller Mond?
Am Abend steigst du auf,
ziehst über Wüsten hin und läßt dich nieder.
Bist du noch nicht genug
gewandert so auf immer gleichen Wegen?
Bist du’s nicht müde, diese Lande wieder
und wieder anzuschauen?

Leopardi, Nachtgesang eines wandernden Hirten in Asien (dt. von Hanno Helbling und Alice Vollenweider)

III,119 <<<<

Mit Géza Anda. Das Arbeitsjournal des Freitags, dem 22. Juli 2016. Und, schon davor, mit Bambergs Hübscher, sowie mit Thomas Malsch.


[Arbeitswohnung, 16 Uhr
Mozart, Messe du Credo KV 257]
Daß es warm sei, erklärte ich der Löwin, davon spräche ich ab 30 º C., von Hitze nicht unter 40. Soweit der heutige Wetterbericht, mit dem ich allerdings durchweg zufrieden bin. Und meine Freundin C. whatsup‘t aus Bamberg und legt auch gleich ein Foto an:
...als ich vorgestern hier >>>> beim Hübscher war und so in die Rubrik „über das redet man“ (oder so ähnlich) sah - was für ein Anblick: Alban Nikolai Herbsts, nein, nicht gesammelte Werke, aber doch eine beträchtliche Anzahl, vom Traumschiff, über die Anderswelten, die Bamberger Elegien (gleich 2x), die Fenster von Saint Chapelle und ich glaube der Wolpertinger … Also das hatte ich in dieser Fülle bisher noch nicht gesehen! Nun könnte man sagen, das sind noch die Reste der >>>> PEN Tagung oder so, aber vielleicht auch nicht… ? Immerhin, Du bist präsent  und nicht in der hintersten Ecke!


Und im Netz fand ich >>>> Thomas Malschs grandiosen Aufsatz, den ich gleich noch einmal las, zu meinen Andersweltbüchern; er hat ihn für die Veröffentlichung offenbar noch erweitert.
All das made my day today. Außerdem hänge ich an Mozart fest, sowie sprach mich auf dem vorderen Hinterhof mein EinStockwerkÜberMirNachbar an, als ich, bereits in den Trainingsklamotten, mein Fahrrad aufschloß, und bedankte sich dafür, daß ich nunmehr nach 20/21 Uhr keinen Lärm mehr veranstaltete. „Ich nehme jetzt immer die Kopfhörer.“ „Ich wollte einfach nur etwas Gutes und Freundliches sagen, da ich sonst immer geschimpft habe.“ Ein gutaussehender, sportlich wirkender Mann um die Dreißig, durchaus ‚womanizer‘-Typus, allerdings mit dunklem, freilich sehr gepflegtem Vollbart; indessen trägt er, also der Mann, zum Radfahren einen Helm. Sozusagen testosteronal irritiert mich sowas.
Wir schieden mit jeder einem Lächeln.
Als ich >>>> im Sportstudio ankam, schwitze ich bereits – zugegebenermaßen relativiert dies die Wahrheit meiner heutigen Eingangssätze. Dennoch ist es erstaunlich, wie schnell sich meine Eitelkeit, erwittert sich neue Morgenluft, die Schlammspritzer von der Haut... jupp, schüttelt; man kommt sich wie ein naßgewordener Hund vor. Was mich an meinen Traum von heute nacht erinnert, von dem ich diesmal aber nicht erzählen will – aus Gründen, die auch Sie, liebste Freundin, selbst dann nicht zu interessieren haben, wenn Sie nachvollziehbarerweise die Neugier quält.

[Géza Anda, KV 451
Aus der nachgelassenen Sammlung meiner Mutter]
*

III,118 - Liebste Zweifel

Menschen scheinen irgendwie denkende Schweine zu sein, denen man das Denken austreiben muss… Zuviel Zeitung gelesen und Fotos gesehen! (Das Pregorativ des Ausklammerns der Einflüsse der von irgendeiner außen sich äußernden Welt im Schweinekoben, der per WiFi irgendwie dann doch nicht weiß, wie den Koben von der Welt zu unterscheiden, die bzw. der ja eigentlich doch nur aus Stroh mit Eigendreck besteht). Ansonsten das Gefühl, ans Ende meiner Kapazitäten gelangt zu sein. Ich blocke nur noch ab. Zudem bis vor einer halben Stunde mit ‘übermenschlicher Konzentration’ aufs Pensum zugearbeitet, ohne mich dennoch als Übermensch zu fühlen, sondern eher als Untermensch. Joni Mitchell, aber ohne die Lautstärke herunterzudrehen. Weil eben nicht lautstark. Sie. Also Pessimismus bei immerhin schon fertiggekochtem Reis. Der dann zu vermischen wäre mit - na was? - Schweinefleisch. Dennoch schaudert’s mich. Es wird Girlanden-Überwindungen kosten, Festons sozusagen. Den Geschmack in Autosuggestion als Angebinde zu rechtfertigen, während die - was? - sagen wir mal Umstände sich bemerkbar machen. Typisches “ehm, na ja”-Argument. Denn Ninno kam heute mit zwei Tagen Verspätung. Ob er meinen Besuch nicht mehr habe sehen wollen? Aber er scheint selbst auch an eine Grenze gelangt zu sein. Das Sich-Kümmern. Um seine Mutter. Arzneimittel. Untersuchungen usw. Was auf dem Platz los sei am Wochenende, Taverna (also Tische mit mampfenden Leuten und Stimmengewirr)? Genau das. Da er dann am 10. August mit Freunden in die Tschechische Republik fährt und um den 21. wiederkehrt, bat ich um gleich zwei Damigiane, da dann nämlich ich abermals nicht allein sein werde. So recht in den Abend mich eingeschrieben habend, läßt sich indes Joni Mitchell nicht wirklich zitieren. Der einzig interessante Zweifel: singt sie nun “we are stardust” oder “we are starters”? Solche Zweifel sind mir die liebsten.

III,117 <<<<

Keith Jarrett vs. Clemens Setz vs. ANH.


>>>> D o r t.
Mit ausführlicher, bewegter Diskussion:

Keith Jarrett, 2003
Bildquelle: >>>> wikipedia

Die Brüste der Béart, 16. Entwurf des Endes der No XVII.


(...)
Wie Perlen auf ihrer Haut warn die Tropfen
die unsatt zu lecken ich war bis zum Sohn
und dennoch begehrt' ich schon Barbara! wieder
rief nach Johanna! | indessen kein Gretchen
denn Püppchen war ich nie hold - :

Auch dieses, Béart, | kam mir vom Sídhegift
Deiner Blicke, die Dichter für Unschuld
verderben schon wenn sie noch selbst keine Schuld
tragen, greift ihr kindhaft‘ Begehren ins Dunkle
und sie spüren den Sog, aber sehen ihn l i c h t
Hinangezogen sacken sie drein | gehen unter hinauf
wie wenn der Taucher | im tiefen Rausch seines Meeres
den Automaten glückhaft vom Mund wirft und hält
jubelnd den dunkelsten Grund für den Spiegel der See,
den er nicht sieht, in der aber Du, Béart,
ihn ertränkst | in Deinen Tiefen
rief ich Maria! rief ich Annette!
rief ich Ulrike! und Mara!
rief Lisa! Elsa! Antonia!
Dorothea! Anna! Charlotte!

rief ich immer nur Dich.

Die Brüste der Béart 15 <<<<

III,104 - Emigrante di mezzo

Wind fächelt. Notwendig wegen vorletzter Besuchsvorbereitungen (nicht heute schon, morgen (Datum und Tag waren verwechselt worden)). Und sogar wenig Zeit zum Schreiben, denn in zwei Stunden geht’s >>>> dorthin. Morgen Vormittag bleibt noch einiges zu erledigen (auch an Arbeit, aber im wesentlichen nur Korrekturlesen (und eine weitere wurde notgedrungen abgelehnt)). Die Reise machte einen weiteren Schritt: Anruf im Dorf. Komisch, jetzt wieder Fremddorf in der Vorstellung (obwohl es mich hinzieht (oder der Weg ist fremd geworden, und fremd hieße dann auch beschwerlich)), was sich vor drei Jahren fast schon als Heimat gerieren wollte. Es steht somit völlig außer Zweifel: es gibt keine Heimat außer mir. Also könnte ich überall sein, ich müßte mich nur an die jeweiligen äußerlichen wie kommunikativen Konturen gewöhnen. Eine Frage des Sich-Vernetzens wie auch immer. Mal seh’n, was der halbe Emigrant erzählt heute abend. Pas de football alors. Wer weiß, ob es nicht ein bißchen Glück im Ostello gibt, denn zurück vom Eierholen stand auf dem Platz davor eine Gruppe Franzosen (Familien wohl: Erwachsene und Heranwachsende). Il n’y a pas autres choses a communiquer.

III,103 <<<<

Die Brüste der Béart, 15. No XVIII: Dithyrambos 3 (2): aus Versen Paulus Böhmers ihm zur Hommage. Aus der vierten Fassung, nunmehr in Strophen.

(…)

Nicht daß mein Gesicht in Deinem Schoß
sich je bewegt hätte | bei Lucinde
hinter den Riffen). | Ach, Béart, es hängen
am windkalten Baum die Götter.

Hochgerutschte Röcke und Strapse
flimmern ins Halleluja des Utangs,
in die Schnuten der Eiderenten, |
über die Hüften der ruhenden Giorgina -

oh Béart, Deine Estragonschultern!
Zartbitterbucht, Melissenhaut! |
Oh Du | mein Herz, mein Königsgrätz, |
wie feierlich sind Deine Brüste!

(...)
>>>> Die Brüste der Béart 16
Die Brüste der Béart 14 <<<<

Die Brüste der Béart, 14. No XVIII: Dithyrambos 3 (1): aus Versen Paulus Böhmers ihm zur Hommage. Entwurf des Anfangs.


Die Liebe, Béart, ist verloren ans Fremde
an die Haarflut der Maria von allen,
darüber Libellen, die einander betrillern
für den Spalt eines Lachens im Dunkeln
am Vulvenriff der Karibik. Deine Haut
atmet mir zu, Deine | Halsbeuge strahlt,
und ein Stück Beatrice | tropft mir aus den Augen:
Wer nahm sich Dein Herz, | wer Deinen Kopf?
Die Schwestern der Milchstraße | warteten schon
Die helle Seele aber schnappte wie ein Gecko:
Vielleicht kommt so dereinst das Universum
zum Bewußtsein seiner selbst, Béart. In Dir. In Dir.
Du wirst die letzte Flüssigkeit | in meinem Herzen sein:
Du. Neben mir. In diesem Augenblick
in genau jenem Abstand, in dem ich Dich liebe,
jetzt, Herzlieb, jetzt, | Du Hasch der Gerechten,
Glitschige, Nixe, Sirene, Sixtinische Haut,
Rosenstock / Holderblüh‘, | Blatt für Blatt
meine Sammetstube, | Büschelschön,
Meerstern, Muschel, | Süße,
mein Salz, mein Tropfsteinhöhlenelf,
Du Rosenfaltige, Du Milchige
in uns und jenseits von uns
(Nicht daß mein Gesicht | in Deinem Schoß
sich je bewegt hätte | bei Lucinde hinter den Riffen)
Ach, Béart, es hängen am windkalten Baum die Götter,
hochgerutschte Röcke und Strapse flimmern
ins Halleluja des Utangs, in die Schnuten der
Eiderenten, | über die Hüften der ruhenden Giorgina
Oh Béart, Deine Estragonschultern,
(...)



>>>> Die Brüste der Béart 15
Die Brüste der Béart 13 <<<<

Woher du stammst.

Einer der klügsten, menschlichsten und schönsten Beiträge gegen Fremdenfeindlichkeit, die ich bisher gesehen, gehört und/oder gelesen habe:


[Zuerst gesehen >>>> dort.]

Die Sirene des Fürsten von Lampedusa.

Es ist nicht zulässig, und es wäre zudem unbarmherzig dir gegenüber, Einzelheiten zu erzählen. Genug, wenn ich dir sage, daß ich in unseren Umarmungen die höchsten Formen von geistiger und elementarer Wollust zugleich genoß; sie war ohne jeden irgendwie geselligen Widerhall, wie es unsere einsam lebenden Hirten verspüren, wenn sie sich auf den Bergen mit ihren Ziegen verbinden. Wenn dir das Beispiel zuwider ist, so darum, weil du nicht imstande bist, die notwendige Transponierung von der tierhaften in die übermenschliche Ebene vorzunehmen – Ebenen, die einander in meinem Fall gegenüberstanden.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Die Sirene
dtsch. von Charlotte Birnbaum
 



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