Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
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Unpoetisch: Lufthansa. Und aber die Libellen. PP251, 20. Oktober 2014: Montag.

[Arbeitswohnung 7.51 Uhr.
Leichtes Regnen.]
Gestern abend kam die Nachricht, mein Mittwochsflug sei gecancelt. So hat nun auch mich der Streik erwischt. Versucht, die Servicenummer anzurufen; bis heute gelang es mir nicht, durchzudringen: Bis nachts um knapp eins und wieder seit heute morgen um sechs, gleich, nachdem ich aufstand, habe ich‘s versucht. Wahrscheinlich wird mir nichts anderes übrigbleiben, als nach Tegel an den Flughafen zu fahren, um dort die Umbuchung vornehmen zu lassen; die Flüge gehen normalerweise stündlich. Sollte es nicht klappen, nehme ich den Zug. Das würde eine lange Fahrt.
Ein Tag mit vielen Tränen gestern, aber auch vielen Momenten des Glücks, der Erkenntnis eigener Fehler, Fehleinschätzungen, fehlgaloppierter Ängste.
Lange lange gesprochen, nachmittags im Park.
Da kamen die Libellen und setzten sich auf mich. Blieben und blieben:
Es störte sie nicht, wenn ich mich rührte. „Wärest du auch nur ein wenig esoterisch veranlagt“, so am Telefon die Löwin, „nähmest du es als Zeichen.“ Ich: „Es lag wohl an meinem Parfum. Und ich dachte, sie sollen mich jetzt nicht als Eiablage benutzen.“ Taten sie auch nicht. Diese unglaublich transparenten Flügel: Elven – so viel zu meiner innren Esoterik.
Lange, lange gesprochen, abends in der Freiluftbar. Mauerparks Flohmarkt.
Wunderschöner kleiner Koffer: grad für Zwei- bis Dreitagesreisen.
Dann konnte ich eben, mußte ich, noch einmal die Korrekturen der letzten zwanzig Traumschiffseiten übertragen; das Gerät hatte nicht gespeichert. Ärgerlich. Aber erledigte sich aus dem Handgelenk.
Ich muß mich um die Lufthansa kümmern.

PP250, 19. Oktober 2014: Sonntag. Sonnentag. Traumschiff 19. Weitere Lektoratsüberlegungen. Sowie abermals: Vater zu sein.

[Arbeitswohnung, High Noon.
Sonne. Tatsächlich Sonne.]
Schön das, „Hoher Mittag“. Panstun, für „Pans Stunde“, habe ich ihn im >>>> Wolpertinger genannt. (Notat für die Sìdhe geschrieben, das ich aber erst absenden werde, wenn zuerst sie sich gemeldet hat.)
DS‘ Lektoratsanmerkungen und Korrekturen nunmehr alle ins Traumschiff eingearbeitet; bei ein paar bin ich mir unsicher, ob ich sie annehme oder verwerfe. Die entsprechenden Seiten habe ich aus dem Papierstoß herausgenommen und bewahre sie im Hefter des Typoskripts auf. Ich möchte abwarten, was die >>>> mare-Lektorin sagen wird. Eigentlich hätte ich auch gerne noch die schwarzen Augen der Sìdhe über dem Text. Vielleicht frage ich sie, vielleicht nicht. Vielleicht lese ich auch nur vor. Wobei, meine Stimme... - : Es ist für meine Erzählungen oft vorgekommen, daß mir nachher gesagt wurde: „Du kannst auch ein Telefonbuch vorlesen, und man folgt mit Spannung.“ Was ich in dieser Übertriebenheit nicht glaube, aber es ist insofern etwas daran, als es abermals ums Klangliche geht. Wie ich anderswo erzählte: daß >>>> Krausser und ich immer wieder über eine Notation für Erzählungen nachgedacht haben. Viele Menschen, wenn sie lesen, tun es nicht innerlich laut; sie können das offenbar so wenig, wie sie die Musik hören, wenn sie in eine Partitur schauen. Dazu kommen die prinzipiell unmusikalischen Leser. Die nicht die schlechtesten als Leser sind, sondern eher die besseren. Gibt es das, Klangleser und Bildleser? - so, wie es, die meisten sind‘s, die Handlungsleser gibt, Plotleser? Also bei Prosa. Gedichtleser sind ohnedies selten, aber auch sie trennen sich oft in Klang- und Bildleser.
Ich mußte während der Lektoratsbearbeitung noch mehrmals ans Dialektale denken, ja mir wurde viel stärker als während der ersten Schreibphase bewußt, daß es eine Wahrheit im „falschen“ Ausdruck geben kann. Zum Beispiel in dieser Traumschiffstelle fast ganz am Ende:
Ja, die Türen stehen offen, die obere Lade ist herausgezogen, so daß der Junge nur so tut, als ob er ein Spielzeugauto hätte. Das habe ich auch immer gemacht, ich weiß noch, mit Bauklötzen Auto gespielt. Und, damit ich das Holz auch glauben konnte, Brumm­brumm dazu gemacht, wenn ich das Klötzchen über den Zimmerboden schob.
Es geht um „damit ich das Holz auch glauben konnte“. Objektiv ist das falsch, weil nicht das Holz, sondern das Auto geglaubt werden soll. DS hat es auch angestrichen und moniert. Dennoch vermittelt „das Holz glauben“ ein sinnliches Moment, das im faktisch richtigen „das Auto glauben“ verloren ginge. - Von solchen Stellen gibt es einige im Buch. Es ist eine Abwägungsfrage, eine nach unmittelbaren Wirkungen, ob ich sie korrigieren muß oder nicht, jeweils im Einzelfall zu erwägen. Wo ist der Verlust größer, wo der Gewinn?

Es ist nun die Zeit gekommen, mit meiner eigenen Überarbeitung der Ersten zur Zweiten Fassung zu beginnen, die Ende des Monats an den Verlag gehen wird.

Traumschiff 18 <<<<


- „azurüberwölbt“ schreibt mir >>>> aus Amelia grad >>>> der Freund.

Verschlafen habe ich heute. Die Löwin rief an und weckte mich. Ich weiß nicht, wie lange ich sonst noch liegengeblieben wäre. Mir hatte von der Circe geträumt, ausgerechnet. So bildhaft, als stünde sie hier im Raum. Erst an der Pavoni wurde mir das aber bewußt, und ich erschrak. Die Archetypen melden sich. So tief geht nun alles. Als schwömmen hinter meinen Fenstern die Mantas.

Gestern abend mit meinem Sohn ein neues Projekt durchgesprochen, eine Idee. Für ein Medium, das er längst besser beherrscht als ich, der ich's überhaupt nicht beherrsche. Daß ich dachte, es lasse sich leicht realisieren, war ein Irrtum; es wird vielmehr sehr viel Zeit fordern. "Das bekommst du allein gar nicht hin, der du jetzt schon manchmal nicht weißt, wie alle die Arbeit unterbringen." - Sein für einen Vierzehnjährigen enormes Selbstbewußtsein. Sein Verantwortungsbewußtsein. Seine Klarheit. Anders, als ich das bei einigen anderen Eltern erlebe, denke ich nicht mit Wehmut an seine Kinderjahre. Ich denke bisweilen gerne an sie, erinnere mich, aber das beste ist die Gegenwart. Zu wissen, sie hat Zukunft. Zuversichtlich zu sein für diesen jungen Mann. Ohne das mindeste Zweifeln.
***

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (20): Das zwanzigste Gedicht. (Entwürfe).


XX.

In the dark pine-wood
I would we lay,
In deep cool shadow
At noon of day.

How sweet to lie there,
Sweet to kiss,
Where the great pine-forest
Enaisled is!

Thy kiss descending
Sweeter were
With a soft tumult
Of thy hair.

O unto the pine-wood
At noon of day
Come with me now,
Sweet love, away.




Chamber Music 19 <<<<

Der ω-Mensch ODER Odd Walaker als fast schon junger Mann. Jan Kjærstads beseelender Roman „Ich bin die Walker-Brüder“.

[Geschrieben für >>>> Volltext.
Erschienen in Nummer 1/2014.
(Hier leicht ergänzt.)]


>>>> Bestellen.

Der Minister Walaker, Odd Marius Walaker, ist mit einer der schlimmsten Bedrohungen konfrontiert, die sein Land jemals gewärtigen mußte. Der Krisenstab erwartet seine Entscheidung. In einigen Stunden wird er vor einem Dickicht aus Mikrofonen stehen, um sie zu verkünden. Nur er kann Norwegen noch retten.
Wir ahnen, es geht um einen Terroranschlag. Wir ahnen, daß biologische Waffen eine Rolle spielen. Indessen haben wir keinerlei Ahnung, und wir bekommen sie auch nicht, wie solch ein Anschlag abgewendet werden könne. Darin sind wir wie Walaker selbst. Denn zwar befriedigt es nicht, wenn eine Geschichte nicht bis zur (Er)Lösung auserzählt wird, andererseits versetzt uns gerade das in Walakers Grundzweifel. Und zum Dritten ist die Bedrohung gar nicht das eigentliche Thema des Buches. Sondern die „W-Potenz“, die Walaker, als er fast noch Junge war, der aber soeben zum Mann reift, in die Lage versetzte, in alle komplizierten Dinge Einsicht zu mehmen, in alle Religionen, alle Gesellschaftsfragen, alle Theorien über den Menschen, und daß die Wörter, die es beschreiben konnten, irgendwo lagen und auf mich warteten, in der Zukunft.
So beschreibt es dieser Junge selbst, in Jan Kjærstads Roman „Ich bin die Walker Brüder“, auf das sensibelste übersetzt von Bernhard Strobel und erschienen bei >>>> Septime in Wien. Der norwegische Romancier läßt seinen Helden in diesen Zustand einer geradezu allumfassenden Einsicht - einem randunscharfen Gemenge aus Instinkt, Gefühlswahrheit, Wollen und globalem wie menschlichem Wissen, das auch Irrtümer einschließt und, sowie sie als solche erkannt sind, Wege zu ihrer Auflösung findet - in einer Situation höchster Demütigung fallen. Das Mädchen Mia, in das dieser Junge derart furchtbar verliebt ist, daß seine Aufzeichnungen ihren Namen nur fett, gesperrt und/oder in Versalien nennen und oft mit Ausrufezeichen dahinter, - dieses Mädchen also lehnt ihn nämlich nicht nur ab, sondern mit Freundinnen macht sie sich, auf grausliche Weise körperlich, über ihn lustig – Schlimmeres kann einem Pubertierenden kaum widerfahren:
Ich spürte Finger, die nach meinem Hosenbund griffen und mir langsam die Unterhose herunterzogen (…). Ich war ängstlich, aber auch gespannt. Ist es nicht ein bißchen schlaff? sagte die Lange. Ich hätte erwartet, daß es straffer ist, sagte die mit den Sommersprossen. Jedenfalls riecht es ein bißchen wie im Briskeby Wild & Fich, sagte die Hübsche. Gelächter. (…) Riecht es hier nach Käse? sagte Mia. (…) Hast du eine stinkende Socke gebumst? sagte die mit den Sommersprossen.
Statt aber Pein zu empfinden, statt sich von dem Geschehen ein- für allemal traumatisieren zu lassen, gerät der Junge in eine Art Erleuchtungszustand, von dem es in anderem Zusammenhang heißt, als ob ich mich in ein Ich und ein Ich aufspaltete, auf dieselbe Weise, wie wir es in der Biologie gelernt haben, daß die Zelle sich zweiteilen kann, und dieses Ich und Ich hielten sich zeitgleich sozusagen in zwei genetischen Räumen auf, (…) um sich anschließend erneut zu teilen und zu verzweigen und zu Bäumen aus Vorstellungen zu werden, mit dem Ergebnis, daß mein Bewußtsein am Ende von einem Wald von Möglichkeiten umgeben zu sein schien. (…) Trotz des Schmerzes beim Anblick von Mias schadenfrohem Gesicht, trotz der johlenden Begleitung der cortex-armen Arschlöcher ringsherum, lag ich da und genoß es, und es hatte, das möchte ich unterstreichen, nichts zu tun mit Masochismus, sondern es war ein Behagen, das von der Stärke des Erlebten, von der Komplexität des ganzen Ereignisses herrührte.
Es ist diese Kraft, auf die sich der ältere Walaker schließlich besinnt, – besinnen muß, darauf, wie ich, schreibt der Junge, auf erstaunlich viele Fragen antworten kann, die mir die Leute stellen – etwa wo die Insel Khark liegt oder wer Kaiser Ashoka ist oder welcher Komponist die Metamorphosen für 23 Streicher geschrieben hat -, ohne daß ich weiß, woher ich es habe. So daß Kjærstads Roman, der schon ein Entwicklungsroman in die Abgestumpftheit des pragmatischen Erwachsenseins wurde, ein wirklicher Entwicklungsroman erst werden kann, einer in die Reife, die ohne mitgespürte Kindheit und Jugend nicht möglich ist. Vielleicht haben alle etwas Magisches in sich. Aber bevor wir wissen, wie uns geschieht, ist es verschwunden.
Es ist eben weniger der „Plot“, was Kjærstads ungewöhnliches Buch auszeichnet, sondern vor allem, und darum ist es Dichtung, die Sprache. Nämlich ahmt er nicht etwa eine Jugendlichensprache nach, die dann allenfalls Erwachsene für Jugendsprache halten, sondern er erdichtet eine, findet ständig neue Wörter nach der spöttischen Art von Jugendslangs (echt kobra nigricollis, voll Chaplin); er arbeitet mit Hervorhebungen, Blaßschriftpartien, ja mit Durchstreichungen, die nicht selten höchst witzig sind, weil der Junge zum Beispiel Fremdwörter erst falsch schreibt, dann korrigiert (AuEau de Cologne), und je freier er in seinen Darstellungen wird, desto weiter wird er, bis er erkennt, daß die Wirklichkeit nicht linear ist, sondern spiralförmig - ein Gedanke, dem auch ich >>>> sogar ausführlich nachgegangen bin. Egal, was die weltliche Gesetzgebung behauptet, haben wir kein Urheberrecht auf Ideen und also nicht auf Wahrheit; sondern sie wird uns gegeben.Entweder erfassen oder erspüren wir sie, oder nicht.
„Ausweitung“ ist denn tatsächlich das Leitmotiv des Romans, aber auch der Schmerz schwingt ständig mit, die Ahnung, die umfassende Freiheit eines Tages wieder verlieren zu müssen: Werde auch ich, der ich gerade diese ottomanische und vielversprechende Ausweitung erlebe, voller Hippocampus-Gedanken und mit Zugang zu ungeahnten, wilden und ausufernden Reisen in mir, eines Tages sagen, daß das nicht ich bin – und dann bewußt entscheiden, jemand anders zu werden, mehr gobi? Fast hätte ich gesagt: seichter?
Selbstverständlich für einen Pubertierenden dreht sich sehr vieles um Sexualität. Sie wird bis zum Bersten aufgeladen von der gröbsten unteren Zote zu den feinsten Zweigen platonischen Begehrens; sie will, aber sie schwärmt auch, etwa von der zu einer geradezu Verführungsgöttin hochfantasierten Nachbarin, diesem flamboyanten Geschöpf, das allein durch seine Erscheinung die allerumfassendsten, nahezu epischen Fantasievorstellungen in Gang setzen konnte. Zugleich steht der Junge zwischen seinen ausgesprochen liebevollen Eltern, die indes zueinander den Kontakt verloren haben; steht vor vielen ottomanischen Herausforderungen, und die Gestalt im Sofa erinnerte mich an eine der schwierigsten: Vaters und Mutters Ehe zu retten. Was ihm gelingt, indem er beide.überhaupt erst zu sehen lernt, und er begreift, daß die Totgeburt eines noch fötalen Schwesterchens den Beginn der Entfremdung markierte. Vater lacht fast nie. Es ist wegen Congo. Wegen Ada. Adas Abwesenheit. Dunkle Materie.
Indirekt gibt dieses Schwesterchen dem Buch seinen Titel. Es macht psychologisch aus dem Jungen ein Doppel. Daher das „Ich bin die Walker Brüder“. Die aber spalten sich abermals auf: während ich und ich und ich und ich ruhig stehen blieben und die Dicke Bertha anstarrten, bevor wir, das heißt ich, mit einer Stimme, die ich kaum wiedererkannte, zur Tür zeigte und sagte: Glotzen Sie nicht so dämlich. Und der Junge wird eins zu zweien mit seinem Vater und bald auch mit der Mutter – was zu einer ungeheuren Innigkeit aller Beteiligten führt.
Doch noch darüber hinaus verleihen die Selbstspaltungen dem Jungen eben jene Poliperspektivität, die ganz dringend der ältere Walaker braucht: Irgendwo muß eine ungebrauchte Möglichkeit liegen. Vorher schon hatte der Junge von seiner Verachtung für alle cortexarmen Vereinfachungen geschrieben, für all die altmodischen Amöben-Theorien. Ich kenne keinen zweiten Roman, der die menschlichen Möglichkeiten sich auszuweiten mit zugleich allen Zweifeln jemals derart sinnlich dargestellt und der „W-Potenz“ solch ein poetisches, nämlich konkretes Leben gegeben hätte. Keinen außer diesem. Und selbstverständlich schmiegt sich an das sexuelle Erleben ein religiöses (der Ma-Ma-Charakter des Seins) – auch dies ein Kennzeichen pubertären Entwicklungsphasen. Doch gehen bei Kjærstad/Walaker die Geschehen in ihrer Erklärung nicht auf, sondern sind immer auch vieles über ihre konkreten Gründe hinaus: Wenn ich gerade im Begriff bin, eine Ausweitung zu erfahren, eine Art doppelte Spannbreite, eine W-Potenz zu bekommen, so hat dies nichts mit einem doofen, zwanzig Zentimeter langen Zwilling zu tun. Das schreiben die Walker Brüder völlig zu recht. Dennoch müssen die Gründe genannt sein: weil sie nämlich erden.
Es bleibt bezüglich der poliperspektivischen Spaltungen auch nicht beim puren Innenbild, sondern in Interviews, die er mit Zufallsbekanntschaften führt und auf Band aufnimmt, holt sich der Junge zusätzliche Gesichtsfelder herein; literarisch ist daran berauschend, wie großartig Kjærstad auch hier die Stillagen variiert. Alleine technisch ist das meisterhaft. Und der Junge, mit seiner älteren Freundin Gudrun, die eine sehr eigene Rolle im Buch spielt, eine ethisch/politisch durchaus prekäre, antwortet auf Leserbriefe, die um Rat bitten, als ein Kummeronkel, der sich frei an Bob-Dylan-Zeilen bedient und mit „Lady Orakel“ unterzeichnet. Bisweilen läßt ihn das sich hochpoetisch aufschwingen, etwa wenn er jemandem seiner Freundin zu sagen rät, daß Sie zwölf Berge durch den Nebel hinaufgestolpert und sechs verwinkelte Landstraßen entlang gekrochen sind, sich in sieben traurigen Wäldern verlaufen und vor einem Dutzend toter Meere gestanden haben, und daß ein schwerer Regen fallen wird – ja, daß sich der Regen anfühlen wird wie Blei. An solchen Stellen transzendiert Kjærstad jegliches Entwicklungsalter ins weit Überpersönliche, so daß der Entwicklungsroman unmittelbar zu einem phantastischen wird, weil man gar nicht auf die Idee kommt, so evident ist das alles, hier habe ein Autor die angemessene Tonlage verfehlt. Im Gegenteil, hier hat er sie völlig erfaßt. So daß wir Leserinnen und Leser nichts mehr als staunen können, offnen Mundes zugleich wie offener Herzen. Daß schließlich die „Moral“ des Buches vielleicht ein wenig dünn ist - „Werdet wie die Kinder wieder“, bzw. wie ein Jugendlicher -, tut all dem keinen Abbruch. Es hängt an dem notwendigerweise, siehe oben, nicht völlig „aufgehobenen“ Plot: an der im Kopfraum stehenden Frage, die dort auch stehen bleibt.

Noch ein Wort zur Edition. Der Norweger Jan Kjærstad gehört spätestens seit seiner >>>> Wergeland-Trilogie zu den wichtigsten Erzählern der Welt und war bislang auch in deutscher Sprache durchweg von Großverlagen betreut. Daß sich nun dieser Roman in einem äußerst kleinen Haus befindet, könnte ein Zeichen dafür sein, wie sich die Hoheiten verschieben oder schon längst verschoben haben; in jedem Fall ist‘s ein Fanal. Oder ein Zeichen dafür, daß bestimmte Themen „nicht sein“ sollen, weil sie den ruhigen Konsens gefährden. Dann wäre es – Skandal.

Jan Kjærstad, Ich bin die Walker Brüder.
Roman.

Septime Verlag, Wien 2013.
Gebundenes Hardcover, 652 Seiten, 23.30 Euro.
ISBN-10: 3902711116
ISBN-13: 978-3902711113
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Die Fenster von Sainte Chapelle.


Kulturmaschinen Berlin
Paperback, 180 Seiten
14,80 Euro
ISBN-10: 3940274348
ISBN-13: 978-3940274342



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Ekel ist

hilflose Wut.(DXXXIX).

Die Brüste der Béart (10): Entwurf des siebten Teils: Dithyrambos II.

Heil sei jeder bloßen Frau, die sich vorbeugt in der Tür
und klaubt aus dem Koffer die schamfreie Lust des sich Kleidens
für unsern fremden Blick und beugt sich noch in ihn hinein:
schamloses Spiel mit der Scham und dem Schämen, dem ihren,
als Vorschub devoter Begehren, doch umgekehrt frei:
berechtigt gewollt Projektionsfläche sein, nicht des Mannes
so wie ihrer selbst –
O übers Verderben demokratischer Bigotterie!
O über das Gleichmaß!
Wir hingegen feiern die Nässe, wir letzten ungebeugten,
wir wahrhaft letzten Menschen vor dem Aeropag
Der Großen Replikant reicht uns die Hand, daß wir sie
küssen, was wir verweigern als Jünger Deiner linken Brust,
die Du, Béart, ihm angriffsfrei geblößt hast. uns als Standarte:
Bei ihr war es freilich die rechte, der Revolution –
Der Leib ein politischer Körper, pur Hülle ohne Berührung
(daß das Morgenlicht werde!), mit ihr ohne Autonomie:
Entziehe dem Hirn nur den Zucker: der ganze Geist ist schon
Nichts,
geschweige ein Hegel; amöbisch wird Bach zu Gelalle –
drum preise!
Preise den Saft, preise die Menstruation, den Speichelfluß,
preise die fortgeschleuderten Tränen, das unkorrekte
Begehren, die Illusion der Freiheit und ihrer Freiheit Illusion;
das Projektions- und Wunschwerk der Götter
preise
in der Linie eines Beines, einer einzigen Schulter Runde,
dem Pfeil der vollendeten Leiste,
den hellen Decken der Achselkapellen,
den gliedrigen Läufen der Wirbel,
der campanilen Hoffart des Halses auf den schimmernden Nacken
über zarten, aus den fernen Zeiten der Engel verkrüppelt,
beschwichtigend hautbesamteten Flügelgelenken.
Die eleganten Grate der Schlüsselbeinufer
preise
und deren kleine trigonometrische Seen.
Preise die fast waagrechte Klamm unter je Deinen Brüsten
- ob sie den Bleistift, alte machistische Probe, halten:
Vor in den Männerblick gebeugt, läßt Du ihn fallen;
jener bricht, noch bevor der erstarrt, auf den Dielen
unter dem zweifach fordernden, rufenden Schwingen im Himmel:
So macht die Gemeinde sich auf und tritt ein.
Widerlegt der Aeropag am Altar, schweigend den Kreuzes-
blick auf der Rosette, als Du Dich vorgebeugt umdrehst.
Darunter des Heiligen Geistes längliche Klaff,
ihrer unabstrakt nassen, organischen Wahrheit
unverdickichte Lippen:
Ob das Gesetz dem besteht
Die Brüste der Béart 9 <<<<

.

Wir gehen

Wir gehen von etwas aus.
Schaffen uns ab mit aller Kraft.
Denn wir schaffen es nicht
uns abzuschaffen.

Wir gehen uns nach.
Vergehen nach uns.

Wir nähern uns nicht. Wir gehen.
Gehen gleichmäßig nacheinander.

Die letzte Gewißheit. Eugenio Montale, Ossi di seppia 3. Erster Übersetzungsversuch.

Ziehe dich nicht in den grünen
Schatten des Dickichts zurück
dem Falken gleich über der hühnen
Hitze blitzhaft in das Himmelsstück.

Sondern nun das dörre Röhricht
lassen, das zu ruhen scheint,
und auf die Muster merken
der sich verwitternden Lebenszeit.

Wir bewegen uns durch einen
aufgewirbelten Perlmuttstaub,
in dem augenumflirrenden Glanz
wird uns die Kraft ein wenig taub.

Und doch, du spürst, daß wir im Spiel der
dürren Wellen,
die rastlos sind in dieser schweren Stunde,
nicht in einen Wirbel ohne jeden Boden
unsre verstreuten Leben werfen.

Wie diese felsigen Klippen
die sich aufzutrennen scheinen
in wolkenhaften Spinnwebsstrippen
dürfen unsere Herzen meinen,

gebrannte, deren Illusionen
nur die Asche noch des Feuers sind,
sich zu verlieren im Luziden
der einzigen Gewißheit: Licht.

Non rifugiarti nell‘ombra
di quel fólto di verzura
come il falchetto che strapiomba
fulmineo nella caldura.

È ora di lasciare il canneto
stento che pare s‘addorma
e di guadare le forme
della vita che si sgretola.

Ci muoviamo in un pulviscolo
madreperlaceo che vibra,
in un barbaglio che invischia
gli occhi e un poco ci sfibra.

Pure, lo senti, nel gioco d‘aride onde
che impigra in quest‘ora dei disagio
non buttiamo già in un gorgo senza
fondo
le nostre vite randage.

Come quella chiostra di rupi
che sembra sfilaccicarsi
in ragnatele di nubi;
tali i nostri animi arsi

in cui l‘illusione brucia
un fuoco pieno di cenere
si perdono nel sereno
di una certezza: la luce.

Computerspiele & Literatur. Hrsg. Von Thomas Böhm. Soeben erschienen. Mit Beiträgen von Ulrike Draesner, Jan Drees, Peter Glaser, Georg Klein, Monika Rinck, sowie von ANH und manchen anderen.


Walde & Graf bei METROLIT.
Gebunden, 222 Seiten.
18 Euro.
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Alban Nikolai Herbst, Isabella Maria Vergana. Die Phantastische Novelle in der Kindle-Edition.

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DIADORIM

ist sabine scho. mein avatar geht auf eine literarische figur aus guimaraes rosas grande sertao: veredas zurück.

Notiz

-1Der Zauber ist zerschnitten.
Was vorlag, war eine Offensive.
-repetetiv verfahren-

Ich bin ein Clown, der auf seinem
gläsernen Thron nie Platz nimmt,
den Adlerblick zu proben.

Bring mir das nicht bei! Zu blau
sind meine Augen.

Still stehen, um mich herum, meine
anlauflauten Akrobaten im Wind.

Ich bin wieder schwach geworden
Ich bin ein Schwein
Ich bin unnütz


: schrieb irgendeiner irgendwann.

Und ich dachte: Ja, genau! Ich bin
irgendwo wild aufgeschlagen.

Die Strecke Zeit

Schlag zu, sonst merk´ ich´s nicht mehr,
diesen schwachen Moment auszulöschen.
Kann doch besser bluten als zappelnd
in der Luft hängen. Diesen Gurt durch-
schneiden ist das, was ich will. Nur so rast
der Boden unter mir zu mir herauf. Ihn
wieder spüren. Vor mir die Strecke Zeit.
Sie gehen zu können. Denn noch kommt
es mir nicht lang genug her vor.

Wer, sag´ mir, versteht das schon?! Ich
weiß nur um wenige. Ich kenne keinen.

Mr. Grey

Ich bin ihm begegnet.
Heute habe ich ihn gesehen: Mr. Grey.

Diesen Schutt-und-Asche-Vogel.
Dieses Seelensynonym, das von der
Blutlache eines Menschen trank.

Wieso nicht darin schreiben,
dachte ich, wie er wusste.

Es zerfällt ein Ort an einem anderen.

Noch einmal über die eigene
Blutlache springen. Es können.
Den Bordstein erreichen.

Dort ging er in die Knie, hinein:
in diese Hinrichtungsmetapher.
 

twoday.net AGB

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