Samstagsjournal. 4. Juli 2009.
8.59 Uhr:
[Arbeitswohnung. Elgar, The Dream of Gerontius.]
Ausgeschlafen, nachts noch die Küche fast fertigbekommen, heute früh gleich den Rest weggespült, sogar der Herd glänzt. Erster latte macchiato, nach den Jungens in ihrem Zelt geschaut, der zweite latte macchiato bereitet sich gerade vor, die Jungs scheinen ihr Zelt gar nicht verlassen zu ja haben, ich brachte ihnen ein Baguette, frisch geschnittene italienische Salami und einen Liter Milch hinunter, jetzt den Morgencigarillo; ich geh jetzt erst einmal an die heutige >>>> Prunier-Tranche. Do und H. zogen gestern gegen halb zwölf ab (wir schauten nach hinten in den Garten, aber die Buben schliefen bereits taumelfest...); der Profi blieb noch, er war lange nicht mehr hier in der Arbeitswohnung gewesen. Es war das erste Essen, das ich seit meiner ersten Trennung vor sieben Jahren für Freunde hier drinnen gab; früher hat es hier viele Essen gegeben, ich hatte ganz vergessen, daß man hier auch leben kann. Das kommt derzeit alles wieder.
Nachmittags steht ein Ausflug mit der quasi-Familie an: irgend eine Metallmonster-Show, von der लक्ष्मी erfahren hat und die wir nun mit allen Kindern, auch mit Deinem Freund Jill, besuchen werden. Vormittags muß das Zelt gereinigt und abgebaut werden, es sei denn – Ihr fragtet, ob ihr vielleicht n o c h eine Nacht... -, Ihr bringt den Mut auf, bei allen anrainenden Nachbarn zu fragen, ob sie bitte nichts dagegen haben... dann könnt Ihr die Bleibe meinethalben gerne noch einmal beziehen.
9.33 Uhr:
-- Hm, kommen die Jungs hoch, „die andern ärgern uns, ziehen die Heringe raus, schmieren Marmelade auf das Zelt“, völlig hilflos, die beiden. Ich bewaffnete mich: Eimer mit warmem Putzwasse, Schwämmchen, Handtuch. „Macht das doch einfach sauber, und wenn euch andere Kinder ärgern, bittet sie ins Vorzelt, gebt ihnen von den Chips, die ihr, wie ich sehe, in Massen noch gebunkert habt, freundet euch an. Ist doch klar, daß die ein bißchen neidisch sind, weil ihr draußen schlafen durftet, sie aber nicht... hebt das einfach auf, macht eine Zeltrunde daraus.“ Nu sind sie übern Zaun abgezogen, die zwei, auf Abenteuersuche.
Anne Miniarbeit.
10.15 Uhr:
>>>> Steht drin. Ich hör jetzt noch The Dream of Gerontius zu Ende, dann setz ich mich ans Cello. Völlig still um meine Jungs.
Un seul coup suffit à me mettre hors de combat. Pruniers Roman de Manhattan, Chapitres 48 & 49.
Kritik der Kritik: Onetti, Vargas Llosa, Kehlmann & Ottmar Ette. 03. 07. 2009. montgelas.
Manchmal sind es Kleinigkeiten, ein hingeworfener nebensächlich scheinender Satz, eine kurze fast nicht zum Thema gehörende Bemerkung, die beim Lesen eines Textes plötzlich stutzig machen. So kann man z.B. heute im Feuilleton der FAZ über die Onetti -Veranstaltung mit Vargas Llosa und Kehlmann im >>>Instituto Cervantes über den Moderator >>>>Ottmar
Ette und dessen Bemühen, die etwas eitlen Beiträge von Llosa und Kehlmann wieder hin zum eigentlichen Thema, „Reisen ins Fiktive“ zu führen, lesen: „Nicht das uralte Motiv des Reisens, das der eher dozierende denn moderierende Potsdamer Romanist Ottmar Ette ständig beschwor, schlug denn auch den Bogen zwischen den Schriftstellergenerationen, sondern die Erfahrung der lebensverändernden Macht von Lektüren.“ Der Vorwurf des Dozierens scheint mir unüberlegt und wenn ich es recht bedenke sehr oberflächlich. Ich kann mir die Bemerkung nur mit Unkenntnis erklären. Unkenntnis darüber, dass Ette blind ist, was übrigens im normalen Lehrbetrieb, bei Vorlesungen und Seminaren, nie auffällt. Ette, ein Schüler des Freiburger Romanisten >>>>Erich Köhler, der wiederum mit >>>Werner Krauss befreundet gewesen ist, strukturiert seine Veranstaltungen sehr genau. Dass ihm die Vorbereitung in diesem Fall nichts genutzt hat, ist mehr einer egomanischen Selbstdarstellungssucht zweier selbstverliebter Schriftsteller, die sich im Werk >>>>Onettis spiegeln wollten geschuldet. Zu ein wenig Rücksicht auf Ottmar Ettes Behinderung, ein kommunikatives Eingehen auf seine Moderation, die sich am vorgegebenen Thema orientierte, sind Kehlmann und Vargas Llosa offenbar nicht fähig gewesen. Noch nie, und ich habe Ette als brillanten Referenten mit Vorträgen über >>>>Roland Barthes und Moderationen bei Veranstaltungen zum Werk von Werner Krauss wiederholt erlebt, noch nie widerfuhr ihm solche ungerechtfertigte Ignoranz.
Bildquelle: >>>>William Ferreira, Onetti
Künstlerfreizeit.
(Was ich erschaffe, derweil ich nichts schaffe.)
Das harrende Mädchen. Trunkene Verderbnis. Von Faulkner.
Er mußte zurückkehren, wurde zurückgezogen in das Magnetfeld und den Strahlungsbereich eines elfjährigen Mädchens, das – selbst während es in der Pause mit sonnenwärts verhangenen Augen wie eine Katze saß und eine kalte Kartoffel aß – die ungegürtete Atmosphäre der Göttinnen im Homer und Thukydides verkörperte: verderbt und unschuldig zugleich, Jungfrau und Mutter von Kriegern und erwachsenen Männern.
Dann eines Morgens wandte er sich von der groben Wandtafel ab und blickte in ein Gesicht, das acht Jahre alt war und zu dem Körper einer Vierzehnjährigen mit den weiblichen Formen einer Zwanzigjährigen gehörte und das im selben Augenblick, als es die Schwelle überschritt, in den kahlen, schlecht beleuchteten und schlecht geheizten Raum mit seinem strengen Ablauf protestantischer Grundschulbildung einen feuchten Hauch von des Frühlings trunken machender Verderbnis hereinbrachte; eine heidnische triumphale Anbetung der höchsten, ersten Gebär-Mutter.
[William Faulkner, Das Dorf (dtsch. von Helmut M. Braem & Elisabeth Kaiser, 1960), S. 172/173.
Siehe auch >>>> dort.]
Pina Bauschs Bogen – Oda Schottmüllers Katze. 01. Juli. 2009. Paul Reichenbach zurück.
In der Geschichte des modernen Tanzes, des Gestaltungs – und Ausdrucktanzes, sind viele Tänzerinnen verzeichnet, die diese Kunstform mit ihren ganz persönlichen Stempel versehen haben. Erinnert sei hier an Isadora Duncan, Mary Wigman, Gret Palucca. Solistinnen, die weg vom stilisierten klassischen Ballet nach Ausdrucksformen suchten, um psychische und soziale Konflikte adäquater, ihrer Zeit gemäß, gestalten zu können. Das ist Geschichte. Geschichte ist auch der schlimme Tod der Tänzerin und Bildhauerin >>>> Oda Schottmüller, die am 5. August 1943 in Plötzensee wegen ihrer Mitgliedschaft zur >>>> Schulze – Boysen – Harnack – Gruppe (Rote Kapelle) hingerichtet wurde. An sie, die ihre bildhauerischen Ambitionen mit denen des Ausdruckstanzes im Maskentanz zusammengeführt hat, musste ich gestern denken als die Medien Pina Bauschs Tod meldeten. Es ist über 20 Jahre her, dass ich am Rande einer Premiere, fernab vom >>>>Monte Veritá, über den ideellen Bogen gesprochen habe, der Oda Schottmüller mit Pina Bausch verbunden hat.
An diesen Bogen, dessen politische und soziale Spannung ist auch zu erinnern, wenn über Pina Bausch gesprochen wird.
Bildquelle: Oda Schottmüller , Katze aus Brotteig, geknetet im Gestapogefängnis von Plötzensee
À peine le visionnaire était-il monté dans sa voiture qui s’éloignait sur le champ, que par-derrière, d’autres personnes s’approchaient de la maison.
Was tat ich dir an.
nahm deinen Leib
naß um die Faust
nahmst meine Faust
wo ein Kinderkopf durchpaßt
sagt M kollegial
paßt das erbeutete Tier in den Schlund
durch die Schelle deiner Hände
fest ums Gelenk
an dem du mich eindrehst
Schwester, was tat ich dir an
was tatest, Schwester, du mir
nahm deinen Leib
naß um die Faust
nahmst meine Faust
wo ein Kinderkopf durchpaßt
sagt M kollegial
und sagt noch den Satz vom Genie
paßt das erbeutete Tier in den Schlund
durch die Schelle deiner Hände
fest ums Gelenk
an dem du mich eindrehst
weinte Alraune durchzittert von Pfählung
M war gegangen
ich wusch ein Blut von dem Schlaf
[Die letzte Zeile ist noch völlig provisorisch,
tastend, ich krieg die schmierige Blutung noch nicht ins Wort,
experimentiere schon die ganze Zeit daran rum. 16.03 Uhr, ANH.
.
ein Chanson
(où l’espace bouscule les murs attendus)
glisse entre les vélos
rebondit contre les Gaststätten
s’attarde aux glaces verticales
miroite sous les tilleuls
avant de sombrer dans l’écrin bleu
de la Spree
les anges de jadis
(l’effroi tracassait trop les crânes perclus)
reviennent en foule
éclatent de Lieder
et les silences murés d’antan
cèdent sous le cantabile
de la langue d’Hölderlin
portée par les citadins
follement libres
Kommentare. In New York, Manhattan Roman.
[Hier nun sämtliche bisherigen Kommentare. Dies ist der Beitrag auch für weitere Diskussionen.ANH, 19. 6. 2009.]
evolution shows pride
Erst Weltbild, jetzt Hugendubel
Symptomatisch freilich ist, daß die Buchbranche auf diesen „Strukturwandel“ – der sich ja nicht erst seit gestern abzeichnet – keineswegs vorbereitet ist. Im Frühjahr klammerte man sich an die Hoffnung, der völlig überteuerte (und zu dem in den USA bereits als Auslaufmodell dienende) Sony-E-Book-Reader (299 Euro) könne die Kassen wieder klingeln lassen. Der Kindertraum war schnell ausgeträumt: Warum auch sollte ein Kunde, der wirklich im Laden so ein Gerät erworben hat, brav zum Download von E-Büchern just in den Laden latschen, wo er den Reader gekauft hat? Zudem: die Angebote an elektronischen Büchern sind derzeit ausgesprochen mickrig, und die Branche hat bis heute nicht einmal eine Vorstellung davon, was so eine Datei kosten darf: mehr als das gedruckte Buch, weniger oder gleich viel?
Hugendubel hat verbrämt erklärt, wie man jetzt vorgehen will, um der Probleme wenigstens einigermaßen Herr zu werden: „Erlebnisbuchhandel“ (was auch immer das sein soll) bei reduziertem Personal und Konzentration auf Gängiges. Was nichts anderes heißt: Es wird in Zukunft noch weniger Personal geben, das in der Lage ist, Kunden über die Bestsellerei hinaus zu beraten, und die Einkaufspolitik wird sich noch strenger auf das ausrichten, was die Massen so kaufen: Bestsellerkram, der eh von allein läuft.
...

Nur die abweichende Meinung.
((DIII).
Abermals Martha Hari und eine Begegnung im Mowley Wee Pub. In New York, Manhattan Roman, Kapitel 44 bis 47.
...

...

...
>>>> Alban Nikolai Herbst, In New York, Manhattan Roman, Kapitel 36 & 37.Entsteigende
hinab
kehrst das Gesicht ins
Salz
das wir leckten
stiegst einen halben Sommer
stiegst durch den Herbst
aus dem Winter steigst
du mit offenen Händen
zu Stadt
Unstreitig
In einem Rundmail hat Engeler jetzt darum gebeten, aus dem neuen Programm recht eifrig zu bestellen – eine Bitte, die hier einfach in die Runde der Literatur- Aficionados geworfen sei: 200 oder 500 verkaufte Bücher sind viel für einen kleinen Verlag.
Der Verfasser dieser Zeilen versichert, seine Bestellungen bereits getätigt zu haben.


























