Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e
Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009Selzers Singen, Phantastische Geschichten. Kulturmaschinen 2010 Azreds Buch, Geschichten und Fiktionen. Kulturmaschinen 2010 Das bleibende Thier, Bamberger Elegien. Elfenbein Verlag 2011 Die Fenster von Sainte Chapelle, Reiseerzählung. Kulturmaschinen 2011 Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks 2011 Schöne Literatur muß grausam sein, Aufsätze und Reden I. Kulturmaschinen 2012

 

Mit Sonnenwärmes Aschemond. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 19. Juni 2013.

7.06 Uhr:
[Arbeitswohnung.]

Strandbar Mitte, Montag abend

An sich hatte ich bereits zum Schwimmen gehen wollen: Laufpause heute. Nun aber doch keine Laufpause, und geschwommen wird erst morgen. Als ich um Viertel vor sechs am Schreibtisch saß, war so viel elektronische Post zu beantworten, daß ich mich festgeschrieben habe. Seit gestern sitze ich wieder an der Planung der Argo-Lesungen Herbst/Winter 2013/14; da tauchen dann reiselogistische Probleme auf, die gelöst sein wollen. Also kam ich auch nicht an das Neapel-Hörstück, zumal gestern, nachdem ich in den knappen 30 Grad Celsius zehn Kilometer gelaufen war und auch das Krafttraining absolviert hatte, mein Kreislauf Ruhe wollte. Überdies ging mir eine Absage schwer nach, auf die ich nicht wußte, ob und wie reagieren; beschäftigte mich seit vorgestern abend quasi unentwegt. So schrieb ich dann einen heiklen Brief und hatte für Neapel den Kopf in keiner Weise frei.
Jetzt verschiebt sich alles um einen Tag; auch dringendst!! gewaschen werden muß. Werd ich jetzt ebenfalls morgen erst tun. Wichtig wäre, in die Imaginationswelt hinein- und zurückzufinden, die das Neapelstück bedeutet; ich wollte ja, daß das bis zum 27., wenn ich für eine Woche davonfliegen werde (wohin, das verrate ich Ihnen noch nicht, aber: Serengeti), wenigstens mit dem Entwurf fertig sein.
Dann bekommt man mit, daß man Bewunderer hat, die sich aber öffentlich nicht „outen“, indessen die Gegner nicht zögern, es zu tun, und auch die nötigen Medien haben. In diesem Geweb irrt man ein bißchen verloren herum, versucht, es zu fassen, hineinzufassen, aber das einzige, was einem wirklich gelingt, ist, klebrige Fingerspitzen zu bekommen, ohne die Spinnen auch nur gesehen zu haben. Man ahnt allenfalls, wo sie lauern. Indem ich mich aber um die Organisation der Lesungen kümmerte, einfach praktische Arbeit erledigte, konnte ich immerhin meine dunkle Stimmungsgrundierung vom Tisch wischen. Und, wie die Löwin es trefflich ausdrückte: „Man hat auf jeden Fall seinen Körper im Griff.“
Abends mit der Familie im Pratergarten; es hatte morgens Zeugnisse gegeben; ein passables bis gutes unseres Großen, je ein hübsches erstes für die Zwillingskindlein; darauf wollten wir, alkoholfrei nun auch die Mama des Nests, anstoßen. Man glaubt nicht, wie wenig man eigentlich essen muß, nein, umgekehrt: wie viel man normalerweise in sich hineinstopft, das der Körper gar nicht braucht. Diese Erkenntnis wird jeden Tag schlagender. Ich guck jetzt immer auf die Packungen nach der Kalorienzahl und bin perplex, daß ich nicht längst schon so fett wie Sagichnicht bin. Allein mein Schokoladekonsum hätt mich für einen Sumoringer prädestinieren müssen. Daß das immer so „abging“, ist ein Wunder.
Also heute noch mal laufen, dann morgen die vom Morgenschwimmen ausgefüllte Pause.
Und an Neapel jetzt.
Heute abend dann, zwei Tage vor der Mittsommernacht, der >>>> Aschemond:

Fotografie (©): >>>> Monika Rittershaus.

Das Festival, für mich, beginnt.
Guten Morgen.

Manche Spiegel

manche menschen spiegeln sich
unwillkürlich in dem anderen,
der - wie nur spiegel wissen können:
ein-und-derselbe ist.

I N F E K T I O N ! Das Festival für Neues Musiktheater der Staatsoper Berlin. 14. bis 30. Juni 2013. Infektion (1).



Nun also geht es los mit einem der kunstästhetisch spannendsten Festivals in Berlin: dem Infektion mit Ausrufezeichen benannten für neues Musiktheater. Wir werden sehen (und vor allem hören), welche Richtung „das Kunstwerk der Zukunft“ momentan nimmt. Davon einen kleinen, vermutlich aber nicht repräsentativen Eindruck vermittelten seit heute am frühen Mittag zwei Proben, zu denen Pressevertreter - aber ich auch, der alles andere als ein Vertreter der Presse ist; da ich dennoch über das Operntheater schreibe, nenne man mich also einen, auch, Musikschriftsteller, schöner noch einen „homme de lettres de la musique“ (doch was das sei, versteht keiner mehr) - - zu denen und zu den kleinen Gesprächen wir also geladen waren, die teils vorher, teils nachher stattfanden, mit den beteiligten Komponisten, Arrangeuren, Dramaturen, sowie dem derzeitigen Intendanten der Staatsoper, Jürgen Flimm.
Gleich zu Beginn, im Gläsernen Foyer des Schillertheaters, die heikle Situation für das Regieteam: nicht nur ließ die Probenwirklichkeit die Aufführung eines wenigstens annähernd repräsentativen Teiles nicht zu, überdies hatte Michael Boder, der eigentlich vorgesehene musikalische Leiter, der auch schon viel Arbeit investiert hatte, plötzlich ins Krankenhaus gemußt, und fliegend hat Johannes Kaltizke das schon insofern sauschwere Dirigat übernommen, als zugleich zwei Orchester, ein improvisierendes Trio sowie ein oft, wurde erklärt, hinter der Bühne singender Chor zu führen seien, und ebendieser Herr Kalitzke konnte am heutigen Tag nicht; deshalb war die Staatskapelle schon daheim. Geblieben war allein die Akademie für Alte Musik, und also probte man Purcell-Parts. Von dem, was Oehrings eigene Musik ist, bekamen wir nahezu gar nichts mit. Ich hatte indes eine Idee, fragte nach; es war ein bißchen bizarr, wie schroff der ansonsten außerordentlich freundliche und gesprächsoffene Mann entgegnete: „Ich schreibe keine dissonante Musik!“ Als hätte er „Apage, Satanas!“ gerufen. Wozu er dann moderierend ausführte, es wäre absurd, wenn ein heutiger Komponist nicht die musikalischen Entwicklungen von der Vergangenheit bis heute mit verarbeiten würde – hier nun bezogen auf Purcells The Fairy Queen, die auch tatsächlich Thema – mehr metaphorisch allerdings, hatte ich den Eindruck, denn konkret. Es ging im Gespräch auch ein bißchen durcheinander, was denn Surrealismus sei; ich zucke, wenn ich Shakespeares A Midsummer Night's Dream surreal genannt werden höre. Das Stück kennt zwei Realitäten; anders als in der surrealen Ideenwelt sind aber beide nach konkreten Gesetzen strukturiert; Oberon mag zaubern können, doch seine Zauberei ist immer auch bedingt, d.h. von Gesetzen abhängig. Dennoch, wie – und auch, indem es auf dieser Probe noch mißlang – Oehring drei Lieder von Purcell zur sich drehenden Bühne übereinanderlegt, ist von großem Reiz, zumal diese, die Bühne, ein geradezu naturalistisches Wohnungsszenario zeigt: das geht bis zu dem matten Fenster im Flur.
An sich mag ich so etwas gar nicht mehr sehen: hier aber, durch die simultanen Musiken, deren Tonalität sich im Collagieren auflöst, gewinnt es eine enorme Strahlkraft, und zwar dies, obwohl die Lichtregie noch gar nicht funktionierte; es würden, wurde erzählt, Videos dazuprojeziert. Das kann schiefgehen, ja, aber es kann auch von rasender Kraft sein. Am 16., also übernächsten Sonntag, wird man es sehen – ich selbst leider nicht, weil ich dann nicht in Berlin sein werde; aber ich werde nach der zweiten Vorstellung am 19. berichten. Noch weniger läßt sich bislang über Claus Guths Regie sagen, der das Stück – als bereits gemeinsames viertes – mit Helmut Ohring konzipiert hat. Er vermittelte immerhin den Eindruck einer unaufgeregten und visionorientierten Seriosität, irgendwie das Gegenteil der inszenatorischen Wildheit Calixto Bieitos.
Als tatsächlich problematisch empfand ich das zweite vorgestellte Stück, Falk Richters, der da auch Regie führt, For the Disconnected Child; aufgeführt als Zusammenarbeit mit der Berliner Schaubühne eben dort. Einige Presseleute wurden mit zwei Minibussen hinübergefahren, ich nahm mein Rad und hatte, draußen vorm Café, gut Zeit, noch einen Cigarillo zu rauchen und mich von der Sonne bescheinen zu lassen. - Nach mir zuerst, ebenfalls mit dem Fahrrad, kam der Pressesprecher Johannes Ehmann an, sah mich, grinste und sagte: „So muß das sein.“ Ich fand nicht die Gelegenheit, ihm zu erzählen, daß ich mir dies SoSein geradezu herausgeschnitten hatte, nämlich aus den >>>> ArgoFahnen, und nun wirklich glücklich war, das fünf Minuten lang genießen zu können. Denn schon waren die andern da: Nicht unwitzig, wie sie den Büslein entstiegen; 's ist ebenfalls nicht ohne Witz, daß sich Herr Flimm im Smart, so vernahm ich, hatte herfahren lassen, für den eigens ein Parkplatz auf dem Innenhof der Schaubühne reserviert worden sei.
Er – Flimm, nicht der Smart – hatte denn auch das erste Wort, als wir nunmehr drinnen saßen. Wie wunderschön es sei, wieder hier zu sein, sagte er, und daß sein Herz zwar für die Oper, doch auch noch für das Schauspiel schlage. Es waren die Worte eines Mannes, der zurückblickt: seltsam nostalgisch für einen Regisseur der Gegenwart, sehr menschlich, sogar berührend, aber ohne Interesse für jemanden, den die Zukunft interessiert und das Vergangene insofern, als es in diese Zukunft zu führen, mitzuführen sei. Von anderem Schlag dann, völlig anderem Schlag, Falk Richter. Ich würd ihn einen Jungdynamiker nennen: gut gekleidet, aber lässig, Sportschuh an den Füßen, Chucks, wenn ich mich richtig erinner; auch Flimm war mit sowas erschienen. Auch das Bühnenbild des Stücks könnte „typischer“ sein, für Schaubühne und des Regisseures Erscheinung: höchster technischer Standard, laufende Rückprojektionen, die auch direkt szenisch werden können usw.
Das ist viel Glanz, aber nicht wirklich aufregend. Auch die Musik ist nicht aufregend, wenngleich sich manche Hörerfahrung machen läßt: etwa daß zu einem Schubertlied, das der Bariton - Gyula Orendt - gnadenlos schön vortrug – bitte, geben Sie mit dem ganzen Zyklus ein Konzert, ich buch schon jetzt die Karten... - daß zu diesem Lied also mit Gestampfe, Reiben an Vittelflaschen und einer Art Bierkasten, die jemand wie seinen Kopf immer wieder an die Wand knallt und dran herunterknartaschen läßt, perkussioniert wird, was als eine Störung des Liedes gemeint ist, es vielleicht sogar zerstören soll; aber erreicht, ich merkte das im späteren Gespräch auch an, wird das Gegenteil. Denn Schuberts Lied klagt über Nichterfüllung, und genau das wird in dieser Szene laut. Schubert kommt durch die Störung deshalb zu s i c h, die leidende Seele gewinnt hier mehr Kraft, als sie es auch nur entfernt in einem „klassischen“ Konzert könnte, worin sich alle längst auf das Tränchen geeinigt haben, das man sentimentalkokett am Revers trägt; man betrachtet es als einen Diminutiv, den man zu den Geschäftzeiten ganz kommod vergißt. Hier wird das Tränchen nicht nur Träne, sondern ein klagendes Meer. Ganz toll. Ich frage mich allerdings, und fragte das auch Richter, wieso die zeitgenössische Musik dabei so untergehe; das war nicht ganz so stark, aber ähnlich, in dem ersten Stück, das wir hörten, durch das immer wieder Puccini drang. Als ich fragte, mit welchem Konzept die Musiken denn collagiert worden seien, war die Antwort insofern ein wenig dünn, als sie für den Puccini auf den Komponisten abstellte, ohne zu realisieren, daß wir es so mit einer schlechten Verdopplung zu tun haben, wenn der Komponist dem Regisseur, was der tut, vorhertut.
Für ästhetische Fragen blieb aber nicht wirklich Raum, geschweige, sie ernstlich zu diskutieren. Ich hatte auch den Eindruck, sie interessierten die Presseleute nicht; jedenfalls nahm niemand die Steinchen auf, die ich warf. Vielleicht aber einfach deshalb, weil sich aus dem Gesehenen und Gehörten nur in höchst relativer Weise Schlüsse auf das Gesamtergebnis ziehen lassen; man müßte denn mit sehr viel künstlerischer Fantasie begabt sein und sie überdies verwundbar machen, indem man sie zeigt, sie sozusagen vor die anderen hinwirft. Mag sein, daß so etwas mit Recht nicht als journalistischer Akt empfunden wird. Egal.
Das Problem des übrigens perfekt inszenierten Ablaufs ist, aus meiner Sicht, die doch recht beliebig erscheinende Kombination der Musiken, strukturell beliebig, meine ich, nicht etwa im Effekt. Aber der, eben in seiner Perfektion, drängt sich vor – durchaus auch mit Witz, etwa bei dem Monolog eines jungen Mannes an die Begehrte, worin er mit ihr bei Besuchen Neuer Musik „seine Hörgewohnheiten erweitern“ will. Das ist, seitens Richters, ganz sicher Ironie, und ich mußte auch auflachen einmal – aber sie wird bizarr, wenn man bedenkt, daß das, woran das Ohr „gewöhnt“ werden soll, nahezu einhundert Jahre alt ist und seinerseits längst Geschichte schrieb – von Webern bis Dallapiccola und weit noch darüber hinaus. Die Wahrheit ist nämlich anders: Wie kriegen wir wieder den Kitsch aus den Ohren, mit dem sie die Kulturindustrie zugestopft hat, an der wir aber alle irgendwie hängen, und zwar gern und willentlich. Wir sind durch sie sozialisiert. Genau das wird von solchen, ich sag mal Arrangements, gespiegelt. Dabei sind die Einzel- und Ensembleleistungen meist enorm, auch hier steht bisweilen die Wirkung vor der Seele.
Gar nicht, allerdings, bei der Tanzeinlage, die ich vorhin sah. Das war groß. Dieses Paar, das von der ersten Verliebtheit über den Kuß, das intime Beisammen zum Streit, ja zur Szene, die man sich durchaus gewaltsam macht, bis hin zum erschöpften aneinander Niedersinken, Embryonalhaltung er um sie, - dieses Paar macht einen Besuch der Premiere – 14. Juni – geradezu nötig. Zudem sind meine nachdenklichen Bemerkungen sämtlichst ausgesprochen ungesichert, lediglich abgeleitet von dieser Probe. Die Premiere wird ein völlig anderes Stück zeigen können, als ich aufgrund eines zudem unfertigen Ausschnitts sah. In jedem Fall wird es tüchtig Anlaß zu diskutieren und darüber zu reden geben, was das Kunstwerk der Zukunft denn werde, vielleicht ein bißchen auch schon sei. In zwei Wochen werde ich erzählen: vom 19. bis 24. Juni jeden Abend von einem anderen Stück.
INFEKTION!
Festival für Neues Musiktheater

Staatsoper Berlin

Die Premieren:
  • Aschemond ODER The Fairy Queen
    Von Helmut Oehring und Claus Guth.
    Sonntag, der 16. Juni 2013, 10.30 Uhr.
    (In der Staatsoper im Schillertheater).
  • For the Disconnected Child
    Von Falk Richter.
    Freitag, der 14. Juni 2013, 20 Uhr.
    (In der Schaubühne Berlin).
  • Récitations
    Von Georges Aperghis.
    Donnerstag, der 20. Juni 2013, 20 Uhr.
    (In der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater).
  • Hanjo
    Oper von Toshio Hosokawa.
    Sonnabend, der 22. Juni 2013.
    (In der Staatsoper im Schillertheater).
  • Europeras 3 & 4
    „Kompendium“ von John Cage.
    Sonnabend, der 22. Juni 2013.
    (In der Werkstadt der Staatsoper im Schillertheater).
>>>>Karten für die Staatsoper.
>>>> Karten für die Schaubühne.

Alban Nikolai Herbst, Isabella Maria Vergana. Die Phantastische Novelle in der Kindle-Edition.

[3,89 EUR.
Bestellen
bei >>>> Amazon.]

Die Hölle und das Paradies (1). Das Neapel-Hörstück: Entwurf des Anfangs. Unterm Pflaster glimmt das Feuer (10).



O-Ton, darunter Musik.

Sprecher 1
Ich liebe diese Stadt, liebe ihre Hitze und Hitzigkeiten, liebe das Wirblige der Gassen, den Lärm, die Orgien der Obst- und Gemüseauslagen, liebe die Hitze, den Schweiß, die Rufe, heisere, brüllende, liebe ihre verschmitzten Gaunereien, aber ein Aufrechtes auch, das mir auf Schritt und Tritt begegnet, eine Offenheit und Neugier gegenüber dem Fremden, liebe die Staus, in die vom Meer her der Wind fährt, die Wildheit der Gerüche nach Gewürz, nach Scheiße und Abgas, und die plötzlichen, wirklich unvorhergesehen Stillen auf dem Vòmero, das Hallen in den Katakomben, dem Abwassersystem und den Kirchen, die Untergründigkeit einer Synthese aus Lebensbejahung und verlorenem Blut. Ich liebe den Blick übern Golf, vom Posillipo zum Vulkan, von Chiaia nach Capri und dem gekrümmten Zeigefinger Sorrents.

Musik: Neomelodici.
Dazu:

Sprecher 2
1979 einhundert Morde, 1980 ein hundertvierzig Morde, 1981 einhundertzehn Morde, 1082 zweihundertvierundsechzig Morde, 1983 zweihundertvier Morde, 1984 einhundertfünfundfünfzig Morde, 1986 einhundertsieben Morde, 1987 ein hundertsiebenundzwanzig Morde, 1988 hundertachtundsechzig Morde, 1989 zweihundertachtundachtzig Morde, 1990 zweihundertundzwanzig Morde, 1991 zweihundertdreiundzwanzig Morde, 1992 einhundertsechzig Morde, 1993 ein hundertundzwanzig Morde, 1994 einhundertfünfzehn Morde, 1995 einhundertachtundvierzig Morde, 1996 einhundertsiebenundvierzig Morde, 1997 ein hundertdreißig Morde, 1998 einhundertzweiunddreißig Morde, 1999 einundneunzig Morde, 2000 einhundertachtzehn Morde, 2001 achtzig Morde, 2002 dreiundsechzig Morde, 2003 dreiundachtzig Morde, 2004 einhundertzweiundvierzig Morde, 2005 neunzig Morde.*

Mit dem letzten „Morde“ die Musik unmittelbar abreißen. Eine halbe Sekunde lang Nullsignal. Dann:

O-Ton: Kirchenglocken in Sanità. Übergehend in O-Ton: Meer.


Sprecherin 1
(Wie aus weiter Ferne:) Odysseus!

O-Ton: Meer.

Sprecherin 1
(Wie vor.) Odysseus! (Verhallende Echos:) Odysseus! Odysseus!

Sprecher 3
Und die Sirene, Parthenope mit Namen, stürzte sich ins Meer. Weil sie, weil ihr mythischer, verführender Gesang so ungehört blieb.



(...)

Zur scharfen Ambivalenz des Neapel-Hörstücks. Das Arbeitsjournal des Montags, dem 3. Juni 2013. Unterm Pflaster glimmt das Feuer (9).

7.59 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Verschlafen. Nach dem gestrigen >>>> Nachmittags, nun ja, -„Zusammenbruch“.
*******


Die Frage ist: Wie gehe ich das Neapel-Hörstück a n? Meine Liebe zu der Stadt ist weiterhin da, aber sie ist schwer verwundet, seit ich Savianos Bücher las; sie glüht nach wie vor, aber da sind Momente, wie tiefe Löcher auf Terrain, großen Verpuffens, auch ein schlechtes Gewissen über diese Liebe mit dabei, weil hinter allem oder fast allem, was mir gefiel, was mich aufjauchzen ließ und läßt, ein System des Ungeheuren Bestialischen stehen könnte und sehr wahrscheinlich steht, der Unterdrückung, der Erpressung, des Mordes, des Raubbaus an Land, der Zerstörung eines der herrlichsten Gebiete Europas durch Beton und Vergiftung, ja Kontaminierung ganzer Landstriche auf Jahre hinaus. Darum habe ich mich gestern entschlossen, den wirklich alten, quasi ewigen Topos der Hölle und des Paradieses wieder aufzunehmen, ja in den Titel des Stücks zu nehmen. Was ich erst n i c h t tun wollte, weil es mir zu sehr Klischee zu sein schien. Es ist aber keines, wenn auch aus nunmehr anderen Gründen als früher. Wobei >>>> Savianos Reportagen zeigen..

(Unterbrochen, weil wegen Vorbesprechung der Jugendweihe die Mutter meines Sohnes herkam.)

9.30 Uhr:
… wobei also seine Reportagen zeigen, wie geschlossen „das System“ ist, eigentlich sind es Systeme, die aber matrisch ineinanderhängen, wechselseitig dependent. Und wenn ich jetzt - in den letzten Aufsätzen dieses mutigen und immer noch sehr jungen Mannes - an seine Isoliertheit denke, die nicht nur eine des Raumes ist, incl. permanentem Polizeischutz, sondern auch eine psychische, weil selbstverständlich mit Schmutz auf ihn geworfen wird, als wäre e r das Unheil Neapels und seiner umgebenden Provinzen und nicht die Camorra – und wenn ich mir vorstelle, wie er selbst es beschreibt, daß die Todeskommandos, die „strafende“ Exekutionskommandos sind, oft erst Jahre, ja Jahrzehnte später zuschlagen, dann wird furchtbar deutlich, wie sein Durchhauen des allgemeinen Verschweigens quasi das eigene Todesurteil unterschrieben hat, dessen Vollstreckung aus Camorrasicht um so mehr abschreckende Wirkung entfalten wird, je später sie stattfindet. Besonders aufschlußreich ist zudem, wie eng Saviano das „System“ mit dem Wirtschaftsliberalismus prinzipiell verknüpft, daß wir hier sehr viel mehr über den Kapitalismus-an-sich, über seinen Grundcharakter erfahren, als wenn wir das Augenmerk „nur“ auf das legale Geschäftsleben richten, in das die Camorra-Unternehmen aber zugleich involviert sind: das „böse“ Geld wird verwendet, um – und zwar in großem internationalen Stil – auch „gute“ Geschäfte zu machen. Ganze Staatshaushalte – und (wirtschaftliche) Entwicklungen anderer Nationen, etwa Schottlands – werden hiervon mit-, wenn nicht sogar grundfinanziert. All dies, quasi, von dem damit verglichen kleinen Neapel und seiner Umgebung aus.
Ich k a n n nicht von meiner Liebe zu dieser Stadt erzählen, in der mir nach wie vor eigenen, gerne und ausgebig schwärmenden Art, ohne davon mitzuerzählen. Genau für diesen ambivalenten Prozeß muß ich eine Form finden, die, ohne das eine zu schmälern, das andere randscharf integriert. Solche harten Ambivalenzen werden aber nicht als angenehm empfunden; das wird ein Problem dieses Hörstücks sein. Ich will, daß das Glück mitgefühlt wird, das mich in Neapel immer überkommt, aber auch das Entsetzen, wenn man seinen Schleier auch nur ein paar Zentimeter lüpft. Zugleich ist dies exakt der Charakter des, ästhetisch betrachtet, Kitschs; auch das will ich im Hörstück gestalten. Die >>>> „Neomelodici“, an deren Weisen das einfache Volk hängt, sind dafür das im Wortsinn schlagendste Beispiel. Eingebettet dies alles in eine der reichsten Kulturgeschichten, die wir in Europa kennen, und auch in eine der verwirrendsten, widerstrebendsten Zeitgeschichten seit der Antike. Es wird deutlich, daß Neapel auf eine spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs entsetzende Weise seine Schlüsselrolle für Europa gar nie verloren hat; daran mitgewirkt hat, und zwar direkt, auch die NATO. Was könnte „besser“ dafür das Sinnbild sein als der durchaus nicht erloschene Vulkan, dessen erneuten - und dann kaum vorstellbar katastrophalen - Ausbruch die Wissenschaft längst erwartet? Wie friedlich er momentan „ruht“:
(Wovon Saviano erzählt, findet heute statt: Es ist unser aller direkte und eine allernahste Gegenwart:: in unmittelbarer Nachbarschaft. Schon, d a s sich klarzumachen, ist menschlich anstrengend - weil es auf unsere Verdrängungen einschlägt.)
Und dennoch liebe ich diese Stadt, und zwar heiß. Wie gehe ich damit um?

13.07 Uhr:
W a s ist es, das ich liebe?

(Der Anfang steht, heute am Nachmittag werde ich ihn in Der Dschungel einstellen, will erst noch ein bißchen weiterformen.)

>>>> Neapel-Hörstück 10
Neapel-Hörstück 8 <<<<

Widerstand & Literatur. Von Salman Rushdie bei Saviano. (Poetologie).


Das Leben gefällt den Toten nicht. All denen, die sich, um zu arbeiten, verkaufen müssen, all denen, die Kompromisse eingehen müssen, um schreiben zu können. All denen, denen deine Existenz zeigt, daß man anders als sie handeln kann. Kannst du dir vorstellen, was für ein Ärgernis du für sie bist?
Im Vorwort zu Roberto Savianos >>>> Die Schönheit und die Hölle.
Und eine Seite weiter er selbst:
Schreiben heißt Widerstand leisten, heißt widerstehen.

[Dies ist auch als eine deutliche Antwort auf >>>> das da gemeint.]

Hey Spottmaschine

Chaot speist Hymne
in Poetsystem. Hach,
metaphysische Not
ist so. Achte Nymphe
pachtet Sehmyosin
echonah. Systemtip:
MythOsTeiche Pans.
Typschema ist ohne
Noete sympathisch.
Ach hey, Miss Potent
misst Naechte. Hypo-
hypnose. Taste mich
Heim. Tat. Psychosen.
Schamestinte, hypo-
typische ohne Samt.

Internationaler Literaturpreis 2013. Zum nunmehr fünften Mal.

Die, wenn Sie so wollen, Champion's League der nicht-deutschsprachigen Romanliteraturen, begründet von einem privaten Mäzen und mit sehr viel Kenntnis und Stil in die an Literaturpreisen alles andere als arme Kulturlandschaft Deutschlands gestellt – durchaus als ein dazu befähigtes Politikum, den vor allem pekuniär und dabei deutlich erkennbar an den USA orientierten Wirtschaftsverband den Boden für eine als gemeinsam verstandene Kultur Europas zu bereiten. Tatsächlich antwortet dieser Preis auf das Primat einer von der englischen, bzw. US-amerikanischen Sprache abhängigen Internationalität mit dem tief in Traditionen verwurzelten Selbstbewußtsein deutschsprachiger Übersetzungskünstler. Deshalb werden die Übersetzer:innen bei der Vergabe des Preises ebenso ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wie die Autor:inn:en selbst. Auch in dieser Hinsicht ist der Internationale Literaturpreis meines Wissens einzigartig. Daß als Vergabeort – und Organisator – das >>>> Haus der Kulturen der Welt fungiert, zeugt ebenso von dem Geist, der diese Auszeichnung bestimmt, wie der bislang noch leider nicht gelungene Versuch, zumindest den Büchern der letzten Auswahl – es sind immer sechs – eine ebenso große Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie schließlich der Preisträgerwahl. Michail Schischkin, Preisträger von 2011, brachte es in seiner Dankerede auf den Punkt: Wer am Ende den Zuschlag erhält, ist geradezu eine Frage des Zufalls, eine, sagte er sinngemäß, notwendige Ungerechtigkeit jedes solchen Auwahlverfahrens.
Nun hat der „Countdown“ wieder begonnen: In, mit heute, fünf Tagen wird der Preisträger bekanntgegeben werden. Die Preisverleihung wird am 12. Juni stattfinden, eingebettet in eine großes „Fest der Shortlist“:

Einundsiebzig deutschsprachige Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz reichten einhundertsechsunddreißig Titel von Autoren aus fünfzig Ländern und siebenundzwanzig Sprachen ein; >>>> dort nun finden Sie die letzte Auswahl der Jury. Und bei Faust-Kultur können Sie >>>> ein Gespräch mit Bernd M. Scherer lesen, das ausgesprochen gut den Geist und die Absicht des Preises vermittelt.

Das Entertainment und die Kunst. Von Frank Martin. (Poetologie).

So hoch man passives Genießen stellen mag, es kann doch niemals jenen wahren Genuß schenken, der das Ergebnis einer Anstrengung ist. Wir sehen den Beweis dafür oft in dem, was die Verfechter der Kunst der Vergangenheit einer neuen Kunst vorwerfen. Im gleichen Satz werden sie sagen, daß sie mitten in den Schwierigkeiten des Lebens gern Entspannung in einer bekannten, heiteren und ausgeglichenen Kunst fänden, daß sie in jener Kunst eine Geistigkeit sähen, die den heutigen Schöpfungen abgeht. Aber was für eine Geistigkeit ist es denn, die Entspannung bedeutet, oder was für eine Entspannung in der Geistigkeit? Offensichtlich kann ein neuer, noch unbekannter Gedanke in seiner Chockwirkung nicht einen weihevollen Genuß vermitteln. Erwartet man dies von einer neuen Kunst, kann man nur enttäuscht sein. Die Gegenwartskunst kann keinesfalls die Befriedigung einer klassischen Kunst schenken, aus dem einzigen Grund, weil sie noch unbekannt, noch nicht klassiert, noch nicht allgemein zugelassen ist.
Frank Martin (1943),
zitiert nach dem Programmheft zu >>>> Le Vin herbé, Staatsoper Berlin Mai 2013.

Nebenbemerkung zur Frauenemanzipation. Von Saviano. Unterm Pflaster glimmt das Feuer (8).

Anna Mazza baute weiter an ihrem camorristischen Matriachat.

Roberto Saviano, >>>> Gomorrha, 174/183.

Das Gesicht der Camorra und der absoluten Macht ihres Systems trägt immer häufiger weibliche Züge, doch auch die Menschen, die im Räderwerk dieses Systems zugrunde gehen, sind vor allem Frauen.



Recht haben ODER Wohlstand der Wahrheit.


Oft ist das Recht, das man ausspricht, zu teuer; Bedürftige schweigen drum besser.
Aber, ob arm oder reich, Menschen des Luxus beharrn.
(/--/--/--/--/--/--/-
/--/--/ /--/--/)

Die Brüste der Béart (8): Dithyrambos II. (Skizze des Anfangs).

- und sie, die verlornen, dem Tod, ihn zu halten, entgegengeworfen
in Deiner Geste entschiedener Weitsicht, die radikal
was habe ich bei mir? was ist's denn, das Ich? fragt
das den Körper nicht braucht, sondern wie eine Stufe
abstößt
was ausgebrannt ist, bevor noch der Brandsatz gelegt,
der, wie Schrapnells, heimlichen, leisen, andere Sätze verstreut
sich in den Organen zu dehnen, Selbstzündungssätze
die des Orakels delphische Zunge heut als Genomik vorausspricht
Ruhmes-Einspruch
bitter der herrlichen Frau aus ihren Genen genommen wie Vogelflug,
den wir deuten, Kaffeesatz, gleich Runen geworfen – Heidegger, ach!
die winzigen Knochen, Knöchelchen, wer hält, wenn er knackst,
des RNA-Stranges Gabel? harsch von der herrlichen Frouwe herrlich
begegnet
der Kassandra-Mütter eine, bitter harter, den mutilations ohnedies nah
weil sie gezeichnet quer durch die Haut sind, Kunstwerke drittels,
drittels Natur und rigoros alles andere Wille, Selbstwille, ich,
ich bin und handle und stehe ein für mich und meine Entscheidung(*)
allein.
Wer spricht von Tränen? Ich habe gelacht, als das Messer
das schrieb, wie Tinte mein Blut ließ, ungefärbtes, nicht in Mustern
Schnittmustern aber der Anatomie, klaffenden, die nicht schmücken
geklammerten erst, dann genähten, und werden, die Narben, nicht bräunen -
Verwandelung
denke ich, ganz in den Hochglanz, Besetzung unrechten Herrschaftsgebiets
der ich opfre: Verstümmlungskommando, um Land zu gewinnen
und es zu halten, damit wieder Recht wird. Der Rauch steigt hinauf,
aufrecht, so seht es, zum Himmel – hoch vom OP-Tisch auf von der Frau
Ikone
(...)
*****

Poetologie. In einer Meisterreportage von Saviano: g e k a n n t zu sein. (Unterm Pflaster glimmt das Feuer, 7).

Ich bin nicht sicher, ob es wichtig ist, zu beobachten und wirklich dabeizusein, um die Dinge zu kennen, aber es ist wichtig, dabei zu sein, damit die Dinge dich kennen.

Roberto Saviano, >>>> Gomorrha, 89/92.

... begreifen bedeutet, irgendwie beteiligt zu sein. Dazu gibt es keine Alternative. Aus einer Position der Neutralität oder der objektiven Distanz habe ich nie etwas herausgefunden.

[Poetologie.
Realismus.]

Das DTs des 14.5. 2013. Credo.

Räumtag: Tag neuen Ordnens von – Material. Mit dem ich mich umgebe.

(Identität von Arbeits- und Lebensraum, d.h. Identität von Arbeit und Leben).
 

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