Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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III, 138 - Strawberry fields

”Ich habe” - er war grad’ fertig für die Einkaufstour unten außerhalb des Stadttores, das ich meistens nur für solche Gelegenheiten verlasse, denn da die Erde eine Scheibe, die dort aufhört, befällt mich das Gefühl eines freien Falls (schon die behutsame Annäherung an das Stadttor mit dem Auto, bevor man sich traut, einem womöglich hineinwollenden und somit vorfahrtsberechtigten Auto den Weg zu versperren (also rein ist schon mal leichter als raus)) und ich fühle mich verloren - “ein neues Wort entdeckt: Nämlichkeitskontrolle!” Das Ganze als Übersetzung für “identity check” (irgendeine EG-Richtlinie),
wobei es um die Identität (recte also: Nämlicheit) von Pflanzen und Pflanzenerzeugnissen geht (um Schädlinge und Schadorganismen geht’s) - und: wir wollen die EU rein- bzw. raushalten. Und wenn da nicht ein >>>> Text gewesen wäre, in dem es um Erdbeeren geht, wäre mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, daß da bei Omar, dem Gemüsehändler, tatsächlich auch zwei-drei Schälchen Erdbeeren noch zu haben waren, die wir allerdings auch gar nicht kauften, die Erdbeerenzeit ist ja vorbei. Wir waren die einzigen Kunden (hatte die Uhrzeit absichtlich so gewählt).
Die beiden jungen Verkäufer wischten den Fußboden sauber (also auch hier mußte man aufpassen, daß man ihrem methodischen Vorgehen nicht in die Wege kam, und wenn ja, war da auch gleich ein Zeigefinger: da darfst du) und unterhielten sich auf Arabisch. Ich kann kein Arabisch.
Der danach aufgesuchte Supermarkt (Coop) war indes voller Holländer. Ich kann auch kein Holländisch. Außer: Wij zijn in de tuin (allerdings war doch eine Nämlichkeitskontrolle notwendig, weil ich mir nicht sicher war, ob tuin tatsächlich so geschrieben wird. Und so Kleckerkram. Also holländische Risse im verwitternden Gedächtnis, aus denen dauernd auch wieder Erdbeeren nicht sprießten, sondern hervorlugten. Selbst hier im Hof, wo eigentlich die flache Erdscheibe vorherrschen sollte (ich aber selbst eine contradictio in adiecto (noch so ein Riß im aufspringenden Asphalt)) bzw. die Erdbeerscheide pardon -scheibe, hat sich ein junger holländischer Mann eingenistet. Der aber nichts anderes brütet als eine offene Wohnungstür, in der niemand zu sehen. Aber ich bilde ihn mir nicht ein, schließlich aß ich am Sonntag zusammen mit ihm zu Mittag bei den Neffen. - Später versuchte ich’s bei Stündel (Register zu Zettels Traum), aber der einzig brauchbare Hinweis auf Erdbeeren bei Arno Schmidt bezieht sich als gerontologisches Statement gegenüber Franziska mit implizitem Zeigefinger auf sich selbst: ‘ne Nase wie ‘ne Erdbeere, oder so ähnlich. Und wäre er nicht in Celle gestorben, ich hielte den Verweis auf das ursprünglich als “Zeile” gelesene “Zelle” für abwegig. Dennoch Ritze trifft Ritze.
Daß jemand stirbt, ist nicht unbedingt merkwürdig, aber Politiker wie Walter Scheel stets in hohem Alter, so daß ich eine Verschwörungserdbeere zumindest als Frage entwickelte: wieso aber ist Willy Brandt so relativ jung gestorben? Mit erst 79. (Literaten wie Schmidt sterben eh’ beim Eintritt ins Rentenalter, weil’s ihnen davor graust, das muß man niemandem erzählen). Selbst Adenauer wurde uralt (und versaute für eine Woche die Rundfunkprogramme nach seinem Abgang).
Ich setze mich jetzt auf die entsprechende Erdbeere, um mir das Sitzen und diesen Text zu verleiden, sonst komm’ ich nie dazu, mein Brot abholen zu gehen. Was immer das heißen mag.

III,137 <<<<

„Die meisten wollen gerade Linien. Den wenigsten steht der Sinn nach Bögen.“ Il giornale amerino di mercoledì, 24 mese di agosto 2016. In essa alcun‘ cunni.


Amelia Leseplatz morgens
(Leseplatz morgens)

[Casa di Schulze
Il nuovo posto di lavoro, ore 8.23
>>>> Hildur Guðnadóttir, Erupting Light]


Versuchen Sie, liebste Freundin, niemals, einen Schluck Wein zu nehmen, derweil sie noch husten müssen. Einer zerfaserten Fontäne gleich sprüht dann nämlich eine computerverätzende Wein/Speichel-Mischung über Tastatur und Bildschirm, der danach, wiewohl man sofort mit Haushaltstüchern sämtliches Naß aufgesaugt zu haben glaubte, s o aussieht:

Bildschirm nach Weinfontäne 240816

Können Sie diese langgezogene Geodreick-Schraffur erkennen, die allmählich, was Sie natürlich n i c h t erkennen können, nach oben wandert? Irgendwann wird der gesamte Bildschirm schraffiert sein. Ach mein armes, Freundin, Arbeitsgerät! - Nerviger ist freilich, daß es jetzt auch noch begonnen hat, langsam zu werden; manche Programme springen auf Anhieb g a r nicht mehr an - „auf Anhieb“, denn wenn ich ein paar Säuberungstools drüberlaufen lasse, funktionieren sie wieder. Nur weiß ich nie, wie lange.
Erschwerte Arbeitsbedingungen also plötzlich. Dennoch bin ich die Ruhe selbst, eine geradezu amüsierte Ruhe. Denn wie hieß es heute morgen in meinem >>>> Kjaerstad? : Und dann, gänzlich unerwartet, neue Hoffnung. Dinge können sich schnell ändern. Von Mist zu Möglichkeit. (S.131). So ja erging es mir in diesem noch nicht vergangenen Monat. Muß man sehen. Darf man dankbar ‚für‘ sein. Und wenn ich „meinen Kjaerstad schreibe, m e i n e ich das unterdessen auch so: „um einen Streich gegen all das Puritanische, die Reinheitshysterie, die ernsthafte Uniformität, die er in Norwegen“ - wie ich in Deutschland - „am meisten verachtete, zu führen.“ Gut, man hätte das „zu führen“ a bisserl weniger unelegant vorziehen können, die Einschachtelung wirkt verklemmt. Aber man soll nicht dauernd den Beckmesser spielen. Dennoch, das ärgert mich besonders, ist man beim Korrektorat ein bißchen s e h r lax gewesen: „gegenüber eines Abstellraums“ tut weh, ebenso „daß die edlen Neigungen des Menschen stärker war als die niederen“; wieso lesen die Leute nicht genau? Hingegen daß der Konjunktiv I nun gar nicht mehr vorkommt, sondern statt seiner dauernd der Irrealis steht („wäre“, wo es „sei“ heißen muß), - nun, daran hab ich mich unterdessen gewöhnt, schon damit nicht wieder irgendeine Lektorin, die überdies noch hübsch ist, mich einen >>>> Sprachfaschisten schimpfen darf. Von gutaussehenden Frauen – und klugen obendrein - tut mir das weh, denn ich will ja eigentlich mit ihnen flirten und nicht streiten, vielleicht sogar mehr, und plötzlich fällt das aus wegen is' nich'.
Also in Sachen Konjunktiv bin ich unterdessen erotoman voll korrupt, wobei ich zur Zeit ja eher asketisch bin, schon weil auch kaputte Computerprogramme „korrupt“ genannt werden, und zwar zu recht, wie ich spüre. „Die meisten wollen gerade Linien. Wenigen steht der Sinn nach Bögen“, schreibt Kjaerstads Held Alf Veber dazu, Alf I. Veber; das „I.“ steht für „Identität“, eine unausgeschriebene, mithin noch zu erschaffende.
Vieles kommt mir bekannt vor. Auch die hübsche Abhandlung übers Meditieren mit dem Gesicht im nackten Schoß einer Frau. >>>>Die Spalte der Erdspalt von Delphi. Hat mir sehr gefallen; nur daß der Übersetzer hier das grobe Wort „Fotze“ benutzt, macht einem lange Zehennägel, die sich auch noch aufrichten vor Widerstand. Schon bleibt man überall hängen.
„Auf diese Weise verschwand mehr als ein Jahr von Alf Vebers Leben in einer Spalte, die nicht viel anders war als das I., das er inmitten seines Namens trug.“ (S.95). - Hübsch ist übrigens, daß er das Wort „Cunnilingus“ fälschlicherweise erst einmal von „lingua“ im Sinne von „Sprache“ ableitet anstelle von „lingere“, lecken. Nun hängt beides ja zusammen; weshalb, so wäre gegen Vebers schließlich ernüchterte Einsicht zu fragen, sollte der eigentümlich männliche cunnus - das andere und bis heute im Englischen als „cunt“ erhaltene lateinische Wort für Vulva ( im Asturischen coñu, im Katalanischen cony, im Galizischen cona und Französischen con) – also weshalb sollte er (sic!) nicht eine eigene Sprache haben, die tatsächlich ein Orakel kündet? In der Tat hat Diderot ihn, „den“ Cunnus, in >>>> Les Bijoux indiscrets ziemlich v i e l sprechen lassen:

Diderot Les Bijoux Indicrets

Davon waren dann nicht nur die Herren entsetzt; es kam da unten einfach zuviel Wahrheit heraus. Auch Sie, liebe Freundin, wollten das nicht.

Nun aber an die Contessa-Arbeit, für heut das DTs >>>> schon verfaßt. Hab Lust, das erste Kapitel zu skizzieren, bevor ich mich zwischendurch mal rasieren und übrigens auch duschen will. Man verlottert in den eremitischen Höhlen recht leicht, weil es auch gar nicht darauf ankommt, wie man aussieht; überdies geht drin der reale Kontakt zu den Bijoux so ziemlich verloren, selbstverständlich abgesehen von den restlos infektionsfreien Kontakten über moderne Technologien. Die Kommunikation per Telefon, FaceTime, Email, Chats kann noch so intensiv sein, sie bleibt desinfiziert, hygienisch geradezu; nicht einmal schwanger kann man werden.
(Ich komm von Herrn Cunnus nicht los.)
Reiß dich am Rie - ... nein, schon wieder falsche Assoziation.

Kusch ins neue Buch jetzt aber! Witzig beginnen, ‚oberflächlich‘ hätt ich fast geschrieben – doch hier sind wir bei der Ästhetik als der Lehre von der schönen Erscheinung. ‚Schein‘ und ‚scheinen‘ hängen beisammen, sogar zusammen ab - auch im Sinne von ‚leuchten‘.

Freundin, bleiben Sie mir gut.
Heute mal total seriös,

Ihr        ANH

*

[12.30 Uhr]
Großartige, übrigens, Parallel-, hätte Musil gesagt, -aktion >>>> bei Madame TT, nur sozusagen von der anderen Seite aus.

Bin schriftlich noch keinen Romanschritt weiter. War auf der Piazza, bin wieder aufgestiegen, süße Ricotta im Magen. die eingehüllt war in süß zersplitternde Pasticceria. Dabei immer die erste Begegnung meiner Heldin mit dem Grandseigneur im Sinn. Zum ersten Mal werde ich einen >>>> piropo in einer Erzählung einbauen können. Do machte mich zuerst mit ihm bekannt: „Weißt du, es ist, als würdest du dauernd geküßt... aus der Luft, ohne daß etwas gefordert würde. Ja, die Männer gehen vorbei und weiter und drehen sich nicht einmal um. Doch ihre Bewunderung weht um deine Schultern noch minutenlang nach.“

*

III, 137 - Raum und/oder Räume

Noch zehn Minuten bis zur Öffnung des Pianeta Verde auf der anderen Seite des Platzes: mich wandelte eine Lust an, nämlich Gemüse zum Versaften zu kaufen, weil dieses Versaften etwas Versöhnliches hätte (so wie gestern das Messer und die Aubergine im Kopf), denn hierbei kämen aus den Fingern nicht mehr Worte wie Metallplattenexplantationen oder phytosanitäre Dringlichkeitsmaßnahmen oder Arbeitszeitänderungsschreiben, sondern einfach nur trinkbarer Saft von der Farbe einer hell klingenden Klarinette, der eine Oboe dazwischenkommt (wo wir schon bei Namen für Farben sind bzw. waren).
Richtig, es klingt nach wie vor aus den Tiefen der Räume (der Singular war zwar spontan zuerst da, aber es kann nicht davon die Rede sein, dass ich ein Fußballfeld bewohne). Gleichzeitig ein Vorwand zur Agoraphobietherapie, aber nur weil mir das plötzlich erfundene Wort gefiel. - Erledigt.
War dann zwar nicht so in dieser Farbe, eher eine Mischung aus Telemann und Monteverdi (auf jeden Fall solche Kombinationen, bei denen man zwar das Gesicht verzieht, aber dennoch nicht leugnen kann, es könne dennoch ein gewisser Reiz (suchte ich dieses Wort heute? (denn dieser Teilsatz wurde zuletzt hinzugefügt)) darin liegen), gleichzeitig abgespielt.
Und hinterher wie beim Niesen “Jesundheit!” sagen.
Ein indes durch und durch “meditativer” Tag, nicht nur beim Verlassen des Arbeitszimmers. Mittagsschlaf fiel wegen exzessiver Kopfarbeit flach, denn weil ich von Zecken gelesen, hatte ich an den Beinen plötzlich lauter Zeckenflecken, dabei bin ich im Dorf nur zweimal im Wald gewesen, hatte aber die ausgefahrenen Wege nie verlassen. Aber wahrscheinlich ist meine Schwester schuld, die mir geraten hatte, mich mit einem Antizeckenmittel an den Füßen einzusprühen. Ich bilde mir ein, kein Hypochonder zu sein (das Wort “wirklich” einzubauen, bereitet mir Schwierigkeiten: wirkliche Einbildung oder wirklicher Hypochonder?).
Es kam noch schlimmer, nämlich zum Imaginieren von Knochensägen. Veritable Amputationsphantasien.
In Wild-West-Filmen bestand die Arznei aus einer Flasche Whisky (wahrscheinlich mit e vorm y). Sicher kein schottischer wie der von gestern, dessen Torfnachgeschmack weiterhin anhielt wie etwa die Nachwirkungen eines Joints. Vielleicht auch deshalb das “Meditative” dieses Tages. Kann auch sein, daß ich mich wie auf einem Fußballfeld im Sinne eines singulären Raums ohne Ball bewegte. Wovon ich überzeugt bin: ich habe keine Zeruminalpfropf.
So daß ich mir zumindest keine Geräusche einbilde. Etwa das Geräusch der eingebildeten Säge. Auch ist es zu lange her, daß ich Filme gesehen, in denen eine solche Säge von Ärztehand betätigt wurde. Aber wie ich mir Hollywood vorstelle, wird das Bild der Säge nur einen Moment erschienen sein, während die Kamera auf dem whiskytrinkenden Patienten insistierte.
Meistens gehen Schlachten voraus.
Also lauter Leute, die in Reih’ und Glied schießend aufeinander zugehen, und meinetwegen der Lillibolero dazu, womit ich wieder das zutiefst melancholische Bild des an zwei Tagen straßauf straßab ziehenden Schützenzuges vor Augen habe. Statt auf dem sich nicht einstellen wollenden Mittagsschlaf zu insistieren, bereitete ich mir einen Kaffee vor. Aber nichts zu wollen: ich stand ganze fünf Minuten vor der Espressomaschine und wartete darauf, daß der Kaffee langsam die Hohlform fülle.
Wind nach wie vor: eine kurze Kette pendelte am Brunnen, als ich in der Tür stand.

III,136 <<<<

„Er fand nicht die richtigen Worte.“ Jan Kjaerstads König von Europa, 1.


Warum etwas sagen, das jeder weiß, aber trotzdem verdrängt. Weil es eine Lebensnotwenigkeit ist, es zu unterdrücken. Daß man ab einem Zeitpunkt einparkt und die Lichter abdreht. Schläft. Daß man geweckt werden muß. Aufgezogen. Den Hunger wiederfinden.

Jan Kjaerstad, >>>> Der König von Europa, 60
Dtsch.v. Alexander Riha
Kjaerstad König von Europa


Hodeen. Nel giornale amerino di martedì, 23 mese di agosto 2016.


[[Casa di Schulze
Il nuovo posto di lavoro, ore 8.24
Bach, Morimur (Hillard)]


Amelialba

Morgens um sechs lesend auf den zwei Stufen zum Cortile zu sitzen, stellt sich als unmöglich heraus: Da ist es - bereits wieder noch - schlichtweg zu dunkel; Amelialba, l‘alba su Amelia, steigt grad erst hinauf. Also trank ich den ersten Latte macchiato mit Kjaerstads neuem Helden im Kaminraum; erst etwas nach halb sieben konnte ich meinen gewohnten Platz einnehmen – nicht ohne Schal um Nacken und Schultern; denn auch kühl, morgens, ist es bereits. Breitet allerdings die Sonne ihr strahlendes Gefieder... jede Feder ist aus Licht, das allerdings den Hof erst gegen Mittag erreicht, - aber w e n n, dann eben ist's italischst Hoher Sommer.

Um Viertel vor fünf, immerhin, auf. Bis etwa Mitternacht saßen wir beisammen. Der Freund hatte zu flachen Streifen längsgeschnittene Auberginen gebraten; dazu gab es italienisches Brot, den grandiosen Prosciutto vom Samstagsmarkt, sowie, aus Paris, den Fleuron de Canard und >>>> die weitgereisten Weichkäse.
Irgendwann am Abend holte ich die Béarttexte vor, rezitierte, was ich tags zuwegegebracht... aber heute morgen ist die ganze Arbeit (war indes nicht viel) verloren: Das Programm stellt die Datei nicht mehr her. Aber vielleicht liegt irgendwo anders noch eine aktuelle Version. Jedenfalls ist‘s mir räselhaft, doch bin ich sicher, alles schnell rekonstruieren zu können, >>>> nach DTs freilich erst am Nachmittag; ich halte mich an Pläne.

Gestern abendnachts Możdżers und Danielssons, wie der Freund ihn nannte, baltischen Jazz (wobei Norwegen nun ja nicht an der Baltischen See liegt, fällt mir grade ein: „Eine von Oslos Eigenarten. Eine Straßenbahnfahrt aus dem Zentrum hinaus und man steht vor zehn Kilometern Wildnis. Von hier bis zum Nordpol gibt es sozusagen nur Wald.“ Kjaerstad, König von Europa, 52); - gestern also Jazz, heute früh denn wieder Bach. Ein paar Dinge sind nachzuschlagen, etwa daß Orchideen ihren Namen aufgrund der Ähnlichkeit ihrer Knollen mit Hoden haben - „Erotik auf Wurzelniveau“, kommentiert das Kjaerstad, sowie das Wort Stamina. Man l e r n t ja, wenn man liest. Und stellt sich, wie vorgestern bei Verga ‚amarantfarben‘, heut ein ‚Tuaregblau‘ vor und denkt sich den Odysseus auf Sardinien.

Nun aber, Freundin, an meine Contessa-Arbeit, gewissermaßen adjutanten. À jà! - ich muß vorher noch ein Gedicht korrekturlesen, das mir gestern der Verlag für die Imprimatur geschickt hat.

So lächel ich, noch unrasiert, zu Ihrem Planeten hinauf.
Ihr U.
[Bach, Die Kunst der Fuge, Streichquartettfassung]


P.S.:
 „Stamina“ ist die >>>> great physical or mental strength that allows you to continue doing something for a long time.
 Das griechische Wort ὄρχις (orchis) bedeutet tatsächlich „Hoden“, so daß die Pflanzenart eigentlich „Hodeen“ heißen müßte; aufs Vorpubertäre desexualisiert spricht man deshalb im Deutschen von, nicht zu fassen, „Knabenkraut“. So hat es Alexander Riha in seiner Romanübersetzung auch genannt. Es lebe der Biedermeier.

III, 136 - Glühbirnenschwindel (hey Joe!)

Daß es plötzlich aus den Tiefen der Wohnung klingt, als ich mit einer neuen neuen Glühbirne vom Tabaccaio zurückkam (die alte neue verlor sofort nach dem Öffnen jede Façon - kurz es hatte ein Lampen-Problem gegeben, aber auch gleichzeitig ein Lampe-Problem: er traute sich nicht, freihändig auf der Leiter zu stehen, gut, daß ihm ein schwindelfreier Mensch als Besuch beschert ward), hatte seinen ganz eigenen Reiz. Es störte eigentlich nur die Leiter, die da immer noch stand, denn der schwindelfreie Besuch (der aber eigentlich auch ein ziemlicher Wahrlügner) hatte sich an die Musikquelle zurückgezogen, tauchte dennoch bald auf. Und nun ist wieder Licht, um nachzusehen, wie weit etwas fertig gebraten, sofern überhaupt etwas zu braten ist. Vielleicht die Aubergine. Es liegen derzeit überall Auberginen zum Verkauf herum (und die neue neue Glühbirne sieht ja auch ein bißchen wie Glühaubergine aus, wenn man sich das Dunkle wegdenkt, das sie umgibt (so wie man links bei im Toilettenspiegel die Schrift “EVIL” entdeckt, wo an die Wand gespiegelt (wer ist der Spiegel?) ein LIVE steht, nur eben mit Querstrichen, die nach links ausbüxen (meine diesjährigen Besuche scheinen das nicht bemerkt zu haben: sie sind nach wie vor auf ihr Gesicht konzentriert))),
- dann aber kaufe ich keine, weil ich mir wegen der Zubereitung unsicher bin, so daß ich tatsächlich nach dem Wie googelte. Wahrscheinlich werde ich über das dann erreichte Ergebnis nicht weiter berichten. Denn Ziele sind Wege: etwa das lange Messer.
Ich halt’ es schon in Händen.
Ganz nach dem neulichen Reim aus der Erfahrungsseelenkunde “Orten - Morden”. Vielleicht ließe sich der Titel in X,iv,8 “Aphorismen der Zeugung” durch “von Reimen” ergänzen (Ce n’est qu’un moule, dans le quel Dieu a jetté l’Univers., so das verfasserlose Motto). Und ziemlich viel unanständige fallen mir jetzt ein, weil auch noch die roten Früchte hinzukommen, die an der Passiflora hängen, die, wären sie dichter gedrängt beisammen, ganz sicher einer Diana von Ephesos zur Zierde gereichten. Er, der Besuch, sei immer mehr überzeugt, daß Verschwörungstheorien keine bloßen Spinnereien seien. Tatsächlich, er sitzt ja in meinem sonstigen Schlafzimmer an der Musikquelle und beschäftigt sich mit “weichern sanftern zur Liebe empfänglichern Busen” (ebd.).
Wind spielte heute mit Allem, was nicht niet- und nagelfest und somit zwar nicht mit den Gliedern, aber doch mit dem, was sie umgab, grad so wie er unter Laubhaufen sich stahl, um mit ihnen zu wirbeln. Azzurro hieß der Windskerl (Winzkerl). Und die Notizen von gestern Abend sind gestrig und betreffen mich nicht mehr wirklich (dennoch gelegentlich wiederzuhören: Hendrix, gespielt als Kammermusik). Ab und zu pfeift er.

III,134 <<<<

Wieder mit den Malavoglia. Il giornale amerino di lunedì, 22 mese di agosto 2016.


[Casa di Schulze
Il nuovo posto di lavoro, ore 8.47
Il primo sigarillo della giornata
Jarrett, Creation]

Den morgendlichen Leseplatz eingenommen, aber erst gegen sieben:

Cortile di Helmut Leseplatz

Denn es war gestern spät geworden nach meiner Ankunft und zum Wein ein bisserl Trester geflossen. So sprachen wir lange, >>>> Parallalie und ich. Nachts meldete sich auch die Contessa noch, ebenso die Löwin: so steht das Dreieck Amelia – Düsseldorf – Wien, das लक्ष्मी heute morgen um Valencia zum Quadrat ergänzte.
Aber halt erst sieben Uhr, daß ich - auf den Stufen den Milchkaffee neben mir - Kjaerstads >>>> König von Europa, und noch fahrig, aufschlug.

Ich will >>>> die DTs wieder aufnehmen, strikt durchstrukturieren. Für die kommenden dreizehn Tage werden sie >>>> so aussehen. Wie ich grade feststelle, habe ich das letzte DTs im November 2013 verfaßt, als ich mit den Vorarbeiten zum >>>> Traumschiff beschäftigt war, und witzigerweise habe ich auch damals Kjaerstad gelesen, einen anderen Roman freilich, den ich aber ebenfalls für >>>> Volltext besprach. Habe ich die Kritik eigentlich in Die Dschungel übernommen? - Ja, hab ich. >>>> Dort.
Nun gut, heute werde ich das erste DTs nicht wirklich mehr erfüllen können, aber Sie werden mir, liebe Freundin, den ersten Tag zugutehalten und das leise Feiern nachts mit dem Freund – der es allerdings hinbekam, früher als ich erwacht zu sein. Er hat einen Abgabetermin einzuhalten heute, also mußte er vor acht an seinem Übersetzerlaptop sitzen. Mein Respekt ist bei ihm.

Nach der heute also noch | nur kurzen Lektüre war erstmal der neue Schreibplatz einzurichten; wie >>>> in Paris werde ich diesmal auch hier an einem anderen Ort als vordem arbeiten; nicht im Kaminzimmer, sondern nebenan im bisherigen Schlafzimmer. Dort steht ein langer guter Tisch vor der hohen, italienisch gelbmelierten Wand; vor allem ist hier guter Wlan-Empfang. Drüben mußte ich in den letzten Jahren mit dem Laptop bisweilen herumwandern, um ein Signal zu bekommen, was nicht stört, wenn man im Fluß eines Textes schwimmt, doch sehr wohl, wenn recherchiert werden muß. Für die Contessa ist eine extensive Google-Earth-Nutzung nötig, und ich muß nach süditalienischen Geld-Dynastien und französisch-postkolonialen Elite-Internaten schauen. Allerdings muß erst einmal der Clancy gelesen werden, um den Ton zu finden. Ungewöhnlich genug, daß eine Frau ein männliches Pseudonym verwenden will – aber dieser martialische Ton? Logo, kein Aas wird sie erkennen(, noch mich - - : Wußten Sie eigentlich, daß hinter Dan Brown i c h stecke? Sie hat sich also was gedacht, die Contessa, als sie mich wählte. Nur: Wer hat ihr das gesteckt? Auch drei Bücher Heinz Konsaliks habe ich geschrieben; welche darf ich 'türlich nich' sagen.).

Wir ha'm schon 25 Grad, 31 solln es heute werden.
*


Was ich eigentlich erzählen wollte:
An Vergas Malavoglia hab ich nun lange herumgelesen; das Buch kam mir nüchtern vor, dauernd nur von außen schauend wie auf ein kleinbürgerlich-proletarisches Familienplanspiel. Doch in den letzten fünfzig Seiten, plötzlich, nahm das Ding Fahrt auf, auch und besonders ästhetisch. Mit einem Mal arbeitet Verga mit atemlos machenden Leitmotivsätzen, aber auch herzschnürenden Szenen, etwa die des alten, ins Hospiz verbrachten padrone ‘Ntoni:
Als sie ihm dann erzählten, daß sie das Haus mit dem Mispelbaum zurückgekauft hatten und daß sie ihn wieder mit sich nach Trezza nehmen wollten, da sagte er ja und ja und seine Augen fingen wieder an zu leuchten, und er lachte fast ein wenig mit dem Lachen jener Leute, die nicht mehr lachen können oder zum letzten Male lachen, und es blieb ihnen im Herzen wie ein Messer stecken. Als die Malavoglia dann am Montag mit dem Karren von Gevatter Alfio wiederkamen, um den Großvater zu holen, geschah es ihnen, daß sie ihn nicht mehr lebend fanden. Dieses g e s c h a h es ihnen!

Oder:
Und so war sie hinaufgestiegen in das Dachzimmer des Hauses mit dem Mispelbaum, genau wie eine alte Pfanne, und sie hatte ihr Herz zum Frieden gebracht. ...genau wie eine alte Pfanne, meine Güte, Mena (von der hier erzählt wird) ist sechsundzwanzig..! - Und vorher sagt Alfio auch noch
„Wir Ärmsten sind ja wie das liebe Vieh, und wir gehen mit geschlossenen Augen immer nur dahin, wo auch die anderen hingehen.“
Verga Die Malavoglia


Vor Rom. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 21. August 2016.


[Arbeitswohnung, 9.34 Uhr
CD-Straßenfund: A. Dudek-Dürer, Infiltration of the Timespaces (2000)]
‚Irgendwie‘ psychedelische Musik, polnisch, gebrannt in >>>> Wroclaw im Jahr 2000, teils a bisserl monoton, hilft aber beim Meditieren, nachdem die Löwin heute in fast aller Frühe wieder nach Wien fliegen mußte; ich brachte sie zur SBahn. Mein eigener Flug, aber nach Rom halt, geht um 14.20 Uhr, was bedeutet, daß ich, der immer gern etwas früher am Flughafen ist, als eigentlich erfordert, um 12.15 von hier aufbrechen muß. Es ist aber auch schon beinah alles verpackt. Das Fahrrad muß noch in den Keller. Und wenn >>>> Herr Dudek-Dürer sich ausgedürert hat, werd‘ ich zu Bartók überwechseln: die Violinkonzerte. Das jedenfalls steht schon fest.
Ankunft in Orte, wo der Freund mich abholen wird, um 20.10 Uhr. Ich freue mich auf Mauros ungeklärten Wein.

Joycens Chamber Music dabei, um weiter >>>> zu übersetzen. Montale dabei, den neuen Kjaerstad dabei. Die Brüste der Béart, also das Typoskript, dabei, an dem ich weiterschreiben möchte, nachmittags wohl, wenn jeweils eine Contessa-Tranche erledigt.
Es muß etwas für Recherchereisen recherchiert und noch ein Coup geplant werden, über den ich Ihnen, liebste Freundin, erst etwas schreiben will, wenn die Angelegenheit in trocknen Planungstüchern.

Jetzt, bis zum Aufbruch, noch etwas Contessa-Exzerpte. Reisebilder liefr‘ ich nach. Seien Sie der ungebrochenen Zuneigung Ihres

Unholds

versichert.

III, 135 - ‘und’ sei ein sehr wahrscheinliches Wort

Erster Abendausgang gestern: auf dem Largo Cristoforo Colombo (erst im Nachhinein dem Namen auf die Schliche gekommen: schräg gegenüber das Geburtshaus des ersten Bischofs von Amerika) ein Riesentisch, an dem gemampft und pokuliert wurde.
Der ein paar Schritte abwärts gelegene Austragungsort des Dichterabends noch geschlossen, noch weiter unten dann vor der mittlerweile en vogue gekommenen Konditorei zwei liebe Gesichter: die Morgenröte und die Glorie. Hatte eigentlich den Kino-Gottesknaben (er heißt nun mal Di Dio) noch begrüßen wollen. Blaute mich dann aber lieber in ein solches Scheinen ein.
Proppevoll dann der Vortragsort, ein älterer Herr (mir unbekannt) versuchte eine Einleitung, verstieg sich sogar zum Ausdruck ‘Slam Poetry’, erklärte den Ausdruck des Langen und des Breiten (natürlich wie immer bei den Italienern, sie schauen immer bloß nach Amerika, Europa liegt jenseits). Aber es war alles Andere als Slam. Zuvor wurden Nummern im Publikum verteilt. Die dienten dann zur Auslosung der ‘Jury’. Meine 13 kam leider nicht dran, wäre vielleicht auch gar nicht ausschlaggebend gewesen, denn den scheinbar Prädestinierten hätte ich nicht gewählt, sondern einen mir noch unbekannten jungen Mann aus Amelia, der recht hübsch vortrug, und Sprache eben auch knetete mit reichlich sonorer Stimme. Das würd’ ich gern mal vor Augen sehen.
Am Ende gaben mir die Morgenröte und die Glorie fast schon Fußtritte, als es hieß: wer wolle, könne sich für ein nächstes Mal anmelden. I did (hatte sogar - “per scaramanzia” - ein Gedichtchen auf der rechten Pobacke stecken, das ich dann - mich outend - der Morgenröte schenkte, auch wenn’s darin eher um Regen geht).
Kino war somit erledigt. Zum Artfall-Festival?
Eos einverstanden, la Gloire un peu fatiguée. Autowärts Richtung Porta Romana (also noch weiter runter): komisch, sonst immer ein Erschröcken, wenn ich Sie sehe, aber gestern war’s ziemlich egal (gut: ein propädeutisches Taxieren…). Gingen sogar ein paar Worte hin und her. War scheinbar im Di-Dio-Kino gewesen. Sieht aus, als wäre ich jetzt wirklich unverheiratet (auch sonst keine Kopfgespräche mehr über oder gegen Sie oder Heraufbeschwörendes (heute wäre auch wieder Di-Dio-Kino: Pranzo di Ferragosto - nur mag ich keine italienischen Filme (merkwürdig, gell?)).
Artfall-Festival also mit der Morgenröte. Eine Gruppe aus Palermo spielte. Die Worte verstand man nicht. Der Fuß des Sängers haute ständig auf die Pauke, bissel Lichtspielereien, selbst der Mond verbarg sich hinter den hohen Baumwipfeln, obwohl zwinkernd. Lust am Beschauen der jungen Menschheit, die da wuselte.
Auf Eichenblättern weich gebettet dann, ein Diskussiönchen mit einer, die ein Bild ausstellte, auf dem zum Einkaufen eingeladen wurde: Sich lieben heiße, gemeinsam einkaufen zu gehen… (schade, der genaue Wortlaut fällt mir nicht mehr ein - jedenfalls funktionierte mein das Wort ‘Einkaufen’ durchkreuzender Zeigefinger recht gut). Immerhin freute sie sich scheinbar (schon wieder scheinbar...) über mein “Interesse”. Aber dann brachte Alba mich gegen 2 zur eben diese erwartenden Ruhe in einem Auto mit Tessiner Kennzeichen, und wie ich heute notierte: “und ist ein sehr wahrscheinliches Wort” (>>>> H.S. auf einem seiner aus dem Eichendorff-Schuber herausgefischten Zettel).

III,134 <<<<

Großartiges Weblog: Schantall & Die Scharia.


Schantall & Scharia (Fabian Köhler)

Von Fabian Köhler. >>>> D o r t.


Tschador Morgana. Die Brüste der Béart, 17: Entwurf des Anfangs der No XX.


R Faubourg Saint Denis

O du Verschleierte Schwärze hinterm Milchstraßenband
des asphaltenen aufgerissenen Elends
das, Beduinentochter, Du quertest
als leise Stammesherrin, Béart, Dein Gesicht
war eine stolze, von schwarzem Onyxglanz
erhellte, einem Schmuck gleich getragne Versagung,
solch ein galaktisches Negativ | der Glanz Deiner Haut,
in die sich all Licht mit hineinstürzt
hinter uns drein im Schleppnetz der Blicke,
die Du uns fängst, und Du wahrst uns,
verwahrst uns in Deinen geschmückten Schatullen,
die wie zu Hunderten in Deinem Zelt stehn,
zu dem Dir die Wohnung, wenn Du allein
vor Dich hinträumst, wird -
Küche, zwei Zimmer, ein sehr kleines Bad,
dessen Toilette dauernd verstopft
bei Schwager und Schwestern, sechs Kindern und
gläubigem Mann im Hinterhaus Rue Perdonnet
New Kamalam Silk zwischen den Strängen
der Gleise zu den Gares d‘Est et du Nord
steigt aus dem Schälchen Dein Oud,
das Dir noch nachweht, als Du vorbeibist,
schwarz, o schwarz in des Tschadors
schlanker, diamantener Schwärze -
o schlank und hoch wie Begehren,
wie eine Birke, die wandelt, Béart,
doch Fuß nicht vor Fuß setzt, sondern sie gleitet,
zypressene Fata Morgana, an uns vorüber,
und gleicht einem Wind, den wir erahnen,
denn der Faubourg duckt sich vor Hitze
und senkt das Gesicht, weil uns Dein Blicken,
wenn es uns träfe, versengte,

o hoch wie Begehren, das wandelt,
doch Fuß nicht vor Fuß setzt, Béart,
sondern es gleitet, zypressene Fata Morgana,
an uns vorüber und gleicht einem Wind,
den wir erahnen, wenn der Faubourg
sich duckt vor der Hitze und senkt das Gesicht,
weil uns Dein Blicken, da es uns träfe, versengte,

Unbesitzbare Du, | die ihr Mann | schlüge,
wenn er drum wüßte, wir wir Dir folgen,
Verlorene wir in den Wüsten, Béart,
Deines abendländischen, oberen zehnten,
morgenländischen Arrondissements -

(...)

Die Brüste der Béart 16 <<<<

Branding & Fahnen. La revue de travail du mardi 9 Août, 2016e.



Kerzenhalter 090816 BEARB
Trödelfund
(und diese Blütchen wachsen!)

[Rive gauche, 8.50 Uhr
Paul Hindemith, Der Schwanendreher für Bratsche und Orchester]

An meine Redakteurin, die wegen eines alten Hörstücks anfragte:
Es verschiebt sich ja insgesamt alles in Richtung eines sogenannt-realistischen ("dokument"ierbaren) Weltbilds, das in Wahrheit nicht realistisch, sondern kapitalistisch-funktional ist (Adorno hätte es einen "normativ-affirmativen Verblendungszusammenhang" genannt) und die Linke oder was von ihr überhaupt noch da ist und jeden Widerstand-insgesamt ganz locker in sich aufsaugt - "frei" nach dem Motto: Immer lustig weitergefoltert, nur zu rauchen gehört sich nicht mehr. Heute wird, nachdem wir arbeitshalber gestern ausgesetzt hatten, bereits früh gelaufen. Ich habe einen Textauftrag, eigentlich einen zum Texten, erledigt: Einstimmung aufs Stilkopieren – ein paar meiner Eigenheiten seien aber geblieben; zum Beispiel hörte ich „zu elegant“. Also runtergebrochen.
Komisches Gefühl. - Andererseits: daß ich es kann...

Und heute morgen kamen wir auf eine klasse Idee, die sich, eben weil ich von ihm erzählte, an >>>> den Raffalt anlehnt (mein Wahlvater DB hat ihn mir einst geschenkt).
Solch ein Buch für Migranten schreiben: Kapitel für Kapitel wird das Deutsch ele-ecco!-ganter... von restringierten, also simplen Sätzen bis in den >>>> elaborierten Code.

Es ist weniger warm geworden, doch kam die Sonne schon gestern nachmittag wieder durch die Wolken zurück; kühle Brisen wehten. Wie sehr ich, Freundin, Hindemith mag!
Und zu TTIP haben Grimmenstein und Patzlaff >>>> einiges zu sagen, mithin zur Demokratie. Imgrunde werden wir in Gesetze genauso hineingeboren wie im Mittelalter, und sie bestimmen sich über unsere Köpfe hinweg. Wie der Profi einmal bemerkte, als wir an den Showrooms der Friedrichsstraße vorbeiflanierten: „Die neuen Königshäuser“. Wir tragen ihre Flaggen als Brands auf Schuhen und Hemden:

Logo Nike

Untertanen der Hohenzollern-Nike, der Windsor-Siemens, der Plantagenet-Adidas, Welfen-Joop und Romanow-Daimler.

„Der größte Irrtum unserer Zeit“ (La plus grande erreur de notre temps). Dans la revue de travail du mercredi 3 Août, 2016e. Erst Dennis Cooper und Die Welt, darinnen Pokémon. Sowie das neue Soma. MIt Marc Reichwein und abermals Clemens Setz.


[Rive gauche, 9.09 Uhr
Bach, Chaconne aus BWV 1004)

Netzöffentlichkeit als Öffentlichkeit im klassischen Sinne, schrieb >>>> gestern in der WELT Marc Reichwein, sei der größte Irrtum unserer Zeit. Mir scheint dies angesichts der fundamentalen Religionskriege eine arge Übertreibung zu sein, zumal ja schon die Öffentlichkeit „im klassischen Sinne“ ein Irrtum gewesen sein dürfte: Gefiltert wurde auch, sagen wir:, „seiner“zeit. Es hat sich nur die Zensur als ein Instrument der Staatlichkeit zu einem Instrument der Privatheit entwickelt. Das entspricht völlig der zunehmenden Privatisierung einst öffentlicher Funktionen; schon damals, zur Zeit des >>>> Meereprozesses diagnostizierte ich dies und sagte eine Verschärfung der Entwicklung immer wieder voraus. Der gewünschte Konsens wird nunmehr weniger aus staatlich-administrativen Gründen betrieben, die freilich auch eine Rolle spielen, als vielmehr, um die Handelbarkeit der Märkte zu perfektionieren. Letztes und schlagendstes Beispiel ist derzeit wohl >>>> die Pokémon-Jägerei, die völkerübergreifend eine ganze Generation sprichwörtlich in Bewegung setzt, wenn ncht sogar zwei Generationen. Die erste gelungene Einübung dieser Art ist wahrscheinlich das Rauchverbot gewesen. Man führt uns vor, wie allein durchs Antriggern der Zugehörigkeitsbedürfnisse ganze Kulturbereiche aus dem Bewußtsein gestrichen werden können. Eine bessere Voraussetzung für die Zurichtung auf den homo consumus gibt es gar nicht. Es ist dies also etwas, das ins, um wieder einmal mit dem großen Bloch zu sprechen, Hauptbuch des Kapitalismus gehört, gegen den unterdessen nichts mehr als das mittelalterlich grausame, diktatorische Prinzip dogmatisch empfundener (und eben nicht gedachter) Glaubensinhalte steht.
Nahezu alle anderen Prinzipien und Werte sind disponibel geworden. Religion als >>>> Soma dort (>>>> „ Opium des Volkes“) , Konsum als Soma hier. Im Googlefall Dennis Coopers erleben wir eine Neuauflage dessen, was einmal „doppelte Moral“ hieß, nun aber – eine Parallelerscheinung zu „Geiz ist geil“ – in der akzeptierten (affirmierten) Form gesellschaftlicher Opportunität. (>>>> Phyllis Kiehl bemerkte gestern sehr richtig, daß in den jüngeren Generationen nicht etwa mehr gesagt werde „Ich kaufe mir dies und das“, sondern „Ich hole mir dies und das“. An der Sprache ist, was geschieht, zu allererst zu merken.)
Anders freilich als besorgt Herr Reichwein meint, der sich auf einen Artikel Clemens Setz' in der taz bezieht, sehe ich eine Gefährdung Der Dschungel indessen n i c h t, allenfalls eine durch mich selbst, der ich doch immer mal wieder mit dem Gedanken flirte, Die Dschungel gänzlich aufzugeben – sie nicht zu löschen, nein, sondern als notwendigerweise unvollendet-vollendetes Projekt im Netz stehenzulassen. Es sind mir in den anderthalb Jahrzehnten, die es nun auf dem Buckel hat, einige Seelenspäne gefallen, und außerdem ist diese Form der öffentlichen Darstellung durchaus nicht ohne faktische Risiken, wie meine allhierigen Trolle zu beweisen nicht nur anstehn, sondern dieses oft in langer Reihe: Wie können wir diesem Menschen schaden?
Für mich geht also die Gefahr entschieden nicht von Google aus, sondern von solchen, die sich dem gesellschaftlichen Konsens, der auch eine Art Fundamentalismus ist, längst eingefügt haben und Abweichler maßregeln wollen, gerne zum Beispiel durch gezielte Denunziation oder Diffamierung, ja sie – also jene - am liebsten g a n z ausknipsen würden – mithin, so kann man sagen, von Googles Fußvolk; wobei „Google“ hier nicht das tatsächliche Unternehmen-selbst, sondern ein Prinzip meint, vermittels dessen die allgemeine Äquivalenz zustande gebracht werden soll und zu großen Teilen zustandegebracht bereits wurde. Wir, die wir dagegenstehen, sind nur noch wenige, auch wenn die andren es nicht wissen. Und „doppelte Moral“ bedeutet, daß nicht mehr geraucht, sehr wohl aber gefoltert werden darf. Ein „schönes“ Beispiel ist Barack Obama: Er raucht tatsächlich nicht mehr.

(Aber „an sich“ hatte ich heute wieder über Musik schreiben wollen. Nun kam mir Marc Reichwein dazwischen. - Na gut, der Text ist entworfen und folgt in den kommenden Tagen.)

Nichts scheint schwerer aushaltbar zu sein als Ambivalenzen. Nichts indessen bestimmt so sehr, ob man erwachsen wurde, wie eben dies. Der Markt freilich will den Regreß, und er bringt ihn hier ebenso zustande wie dort der religiöse Fundamentalismus. Man kann durchaus sagen, die beiden seien ebenso die zwei Seiten derselben Medaille wie daß dieser jenes Folge sei, nämlich seiner Geschichte aus dem vergangenen Kolonialismus und seiner Entwicklung zur globalen Hegemonialpolitik des Westens.
Quer steht dazu nur die Kunst – und zwar eine, die sich nicht auf „Quote“ einläßt, sondern dem Entertainment spinnefeind bleibt. Den Vorwurf, elitär zu sein, muß sie da notgedrungen tragen; ja er ist fast eine Auszeichnung: siehe Jarretts Beharren auf seines Publikums Ruhe und Konzentration.
[Jarrett, Creation (2015)]

P.S.:
Schon erstaunlich, wie Die Dschungel nun >>>> abermals mit Clemens Setz in Verbindung gerät. Vielleicht sollte man sich einmal treffen.

***

[À midi]
***


[16 Uhr
Aus der Arène de Lutece schallt eines Sängers Stimme herüber,
zu einigem Jubel]

Eine kurze ästhetische Überlegung zu Cooper jetzt >>>> dort.

Am Vormittag noch, östlich der Gare du Nord, glitt die schönste Schwarze, die ich jemals sah, an mir vorüber; es war wie eine Erscheinung. Wieder rive gauche zurück, die ersten Verse eines neuen Béart-Gedichtes dazu notiert:
hinter dem Milchstraßenband des asphaltenen Elends
(...)
Aber jetzt muß und will ich mich der Materialsichtung widmen, für den Auftragsroman.

***

Keith Jarrett vs. Clemens Setz vs. ANH.


>>>> D o r t.
Mit ausführlicher, bewegter Diskussion:

Keith Jarrett, 2003
Bildquelle: >>>> wikipedia

ANHs Traumschiff. Verlegt von mare in Hamburg.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Die Brüste der Béart, 16. Entwurf des Endes der No XVII.


(...)
Wie Perlen auf ihrer Haut warn die Tropfen
die unsatt zu lecken ich war bis zum Sohn
und dennoch begehrt' ich schon Barbara! wieder
rief nach Johanna! | indessen kein Gretchen
denn Püppchen war ich nie hold - :

Auch dieses, Béart, | kam mir vom Sídhegift
Deiner Blicke, die Dichter für Unschuld
verderben schon wenn sie noch selbst keine Schuld
tragen, greift ihr kindhaft‘ Begehren ins Dunkle
und sie spüren den Sog, aber sehen ihn l i c h t
Hinangezogen sacken sie drein | gehen unter hinauf
wie wenn der Taucher | im tiefen Rausch seines Meeres
den Automaten glückhaft vom Mund wirft und hält
jubelnd den dunkelsten Grund für den Spiegel der See,
den er nicht sieht, in der aber Du, Béart,
ihn ertränkst | in Deinen Tiefen
rief ich Maria! rief ich Annette!
rief ich Ulrike! und Mara!
rief Lisa! Elsa! Antonia!
Dorothea! Anna! Charlotte!

rief ich immer nur Dich.

>>>> Die Brüste der Béart 16
Die Brüste der Béart 15 <<<<

Die Brüste der Béart, 15. No XVIII: Dithyrambos 3 (2): aus Versen Paulus Böhmers ihm zur Hommage. Aus der vierten Fassung, nunmehr in Strophen.

(…)

Nicht daß mein Gesicht in Deinem Schoß
sich je bewegt hätte | bei Lucinde
hinter den Riffen). | Ach, Béart, es hängen
am windkalten Baum die Götter.

Hochgerutschte Röcke und Strapse
flimmern ins Halleluja des Utangs,
in die Schnuten der Eiderenten, |
über die Hüften der ruhenden Giorgina -

oh Béart, Deine Estragonschultern!
Zartbitterbucht, Melissenhaut! |
Oh Du | mein Herz, mein Königsgrätz, |
wie feierlich sind Deine Brüste!

(...)
>>>> Die Brüste der Béart 16
Die Brüste der Béart 14 <<<<

Die Brüste der Béart, 14. No XVIII: Dithyrambos 3 (1): aus Versen Paulus Böhmers ihm zur Hommage. Entwurf des Anfangs.


Die Liebe, Béart, ist verloren ans Fremde
an die Haarflut der Maria von allen,
darüber Libellen, die einander betrillern
für den Spalt eines Lachens im Dunkeln
am Vulvenriff der Karibik. Deine Haut
atmet mir zu, Deine | Halsbeuge strahlt,
und ein Stück Beatrice | tropft mir aus den Augen:
Wer nahm sich Dein Herz, | wer Deinen Kopf?
Die Schwestern der Milchstraße | warteten schon
Die helle Seele aber schnappte wie ein Gecko:
Vielleicht kommt so dereinst das Universum
zum Bewußtsein seiner selbst, Béart. In Dir. In Dir.
Du wirst die letzte Flüssigkeit | in meinem Herzen sein:
Du. Neben mir. In diesem Augenblick
in genau jenem Abstand, in dem ich Dich liebe,
jetzt, Herzlieb, jetzt, | Du Hasch der Gerechten,
Glitschige, Nixe, Sirene, Sixtinische Haut,
Rosenstock / Holderblüh‘, | Blatt für Blatt
meine Sammetstube, | Büschelschön,
Meerstern, Muschel, | Süße,
mein Salz, mein Tropfsteinhöhlenelf,
Du Rosenfaltige, Du Milchige
in uns und jenseits von uns
(Nicht daß mein Gesicht | in Deinem Schoß
sich je bewegt hätte | bei Lucinde hinter den Riffen)
Ach, Béart, es hängen am windkalten Baum die Götter,
hochgerutschte Röcke und Strapse flimmern
ins Halleluja des Utangs, in die Schnuten der
Eiderenten, | über die Hüften der ruhenden Giorgina
Oh Béart, Deine Estragonschultern,
(...)



>>>> Die Brüste der Béart 15
Die Brüste der Béart 13 <<<<

 



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