Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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MEERE. Die Presseerklärung des mare-Verlages vom 12. September 2017: Zur Freigabe der Originalausgabe.



Die Meere und die Wellen. Das Arbeitsjournal des Dienstags, dem 13. September 2017.

Meere-Originalausgabe

Er hat >>>> ganz recht, der Herr Deters. Es wird Zeit für wieder Arbeitsjournale. Mindestens das.
Weshalb ich pausierte, ist „alten“ Dschungelleser:innen klar; weshalb so lange, mag die Schwierigkeiten der Umstände zeigen. Zuletzt war auch Unwille dabei, manchmal eine Art Ekel: Man hatte versucht zu zeigen, man hatte in dem Projekt über Jahre probiert, sich nicht zu verstellen, man war übers on fait und on ne fait pas sehr bewußt hinaus und bekam dann die gesellschaftliche Quittung.
Es hing ja sowieso – und hängt – Die Dschungel an dem >>>> verbotenen Buch. Dieses war Grund, sie zu gründen. Nun, da es in seiner ursprünglichen Gestalt >>>> wieder freigegeben wurde, gilt es eine Nagelprobe: Ist, wofür Die Dschungel stand und steht, auch unabhängig davon literarisch und kunstästhetisch überhaupt von Wert?
Wir können sagen, sie sei ein >>>> gallisches Dorf, sei‘s in der Sprache, sei es in ihrer Verwendung; sie setzte zunehmend auf Komplexität, wo doch der Weg allen Mainstreams und also des Erfolgs in die Regression des sogenannten Realismus‘ hineinlief, eines Ansatzes, der das Unwägbare ausschließt und Konkretion favorisiert, sogar fetischisiert hat, - der aber auch das möglichst ungefiltert Persönliche als eben Persönliches herausnehmen will und sich der Erkenntnis verweigert, daß hier sich der Boden eines jeglich Politischen breitet: unübersehbar. Der Aufstieg von >>>> Arturo Uis AfD zeigt es deutlich, nur daß es jetzt Tausende Uis sind, gebündelt in einer Partei. Kurz, weltweit feiert der Nationalismus seine Uiständ‘, wo wir noch nicht einmal ein Europa erreichten, das sich in seiner kulturellen Identität gleich – oder doch ähnlich – verankert weiß.
Freilich, das hängt mit dem, um Ernst Bloch zu zitieren, „Hauptbuch des Kapitalismus“ zusammen, das sich nirgends so studieren läßt wie in seinen Registern des Pops. Unterdessen, denn wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, haben dies selbst die Fußballfans begriffen – eine erkleckliche Anzahl weißGöttin, die nur den Kopf wenden müßte, um dasselbe Unheil in ihrer geliebten Musi zu finden. Nur da tut es offenbar nicht weh.
Ach, wie altbacken geradezu wirkte Michael Gielens „die glocken sind auf falscher spur“, als ich neulich das Stück bei >>>> France Musique contemporaine wiederhören durfte, dieses nicht nur habe der Konsument einen Anspruch an die Kunst, sondern sie auch an ihn. Heut klingt das von weit, weit her wie den Fischen gepredigt.
Ja, ich habe das Projekt der Moderne fortschreiben wollen und will es noch immer. Doch wir brauchen nun Tricks, weil das Intellektuelle-an-sich desavouiert ward. Ich bestreite nicht, daß sie, „die“ Intellektuellen, selber mit Schuld daran tragen; es war zuviel elitäres Gehabe im Spiel, zu wenig Bereitschaft, sich zu erklären, vor allem: Kenntnis durch Begeisterung zu übertragen. Ihnen war das Gefühl suspekt – eine Erbschaft freilich des Hitlerfaschismus, der jegliches Pathos verdächtig gemacht hat. Nur, ich schrieb es schon häufig, lieben wir alle pathetisch oder lieben n i c h t.
Der Beischlaf – das Innigste, was wir sinnlich kennen, und zugleich die Bedingung unser‘ aller Existenz – ist, wenn ironisch, Eisenholz. Also wanderte das Gefühl in den Pop und wurde dort wiedergefunden, pathetisch wie je. Die Neue Musik schloß es aus, schloß also die Menschen aus. >>>> Allan Pettersson hat es früh gesehen, lange noch bevor sich Penderecki umwandte, geschweige denn daß >>>> „Neue“ Meister sich im Klangschwulst als „Classic“ suhlen. Ach über die Schweine im Wohlklang!

Wie Sie lesen, bleib ich meinen Themen treu. Ich bleibe es auch >>>> Meere.

Ich weiß, liebe Freundin, es interessiert Sie sehr, wie es zur Wiederfreigabe kommen konnte.
Sehen Sie, es war doch ja लक्ष्मी, die das Verbot einst bewirkte. Für mich ein Eingriff ins Werk, der mich noch weiter isolierte, als ich ohnehin schon isoliert war. Denn für Meere gab es, anders als für >>>> Billers realistisches Esra, keinen oder nur sehr wenig Zuspruch. Ich war als Autor - und wohl mehr noch als Person - ja schon vorher nicht gehätscheltes Kind; da kam das Verbot den Gegnern gelegen. Nun konnte man jemanden flächendeckend mundstill machen, der es zum Entsetzen der Betriebler bis zu Rowohlt geschafft hatte und dann auch noch ein, sagen wir, Genre bespielte, das für nicht vornehm galt, die Science Fiction und/oder, im weiteren Rahmen, Phantastische Literatur.
Es waren die Jahre, in denen die Weichen umgestellt und auf den Realismus (oder was so heißt) festgeschweißt wurden. Da störte jemand wie ich. Er störte, weil diese Bücher – ohne daß sie „rein experimentell“ gewesen wären, etwa >>>> konkret, also in dieselbe Nische gehörten, die von der Neuen Musik und ihren wenigen, bezeichnenderweise fast durchweg elitären Päpsten verwaltet wurde – ... kurz, meine Bücher störten, weil sie einerseits das Projekt Moderne fortschrieben, andererseits aber sich dem Pathostabu nicht ergaben und sich zum dritten aber auch dem Pop verweigerten – der bei meinen Anfängen so noch nicht hieß. Adorno noch verwendete das Wort von der Kulturindustrie, trefflich und treffend bis heute.
Döblin war schon Ikone, zu späten Lebzeiten aber quasi verbannt und verpönt. Ein Katholik, man stelle sich vor! zumal... jüdisch. Da war jemand von seinem Volk konvertiert. Für den deutschen Protestantismus ein Grauen, nur daß er grau nie war. Schon eine einzige Zeile >>>> Berge, Meere und Giganten wischte fünf Jahre der späteren bundesrepublikanischen Literatur vom Tisch. Was von der Ikone bis heute blieb, sind Alexanderplatz und Butterblume.

Mich interessierte immer die Sinfonie, literarisch gesprochen: der Roman. Die Kammermusik kam erst später, in der Literatur zum Beispiel die Novelle, später dann, so gut wie nie rezensiert, die Gedichte.

Also ich störte. Störte von der Erscheinung, störte von der Ästhetik, störte vom Temperament. Kein Pastorenzögling eben und keiner, der still war und seine Fingernägel bebiß. Danach dann störte meine Sinnenlust, die ich so wenig verbarg, wie daß ich – endlich, endlich! nach Jugendjahren voller Verklemmung – gerne Mann war. Das kam bei meinen zunehmend verunsicherten Geschlechts- ... tja, -genossen?, -kameraden? nicht so gut an. Thomas Hettche etwa warnte Kollegen davor, ihre Frauen neben mir Platz nehmen zu lassen. Da zuckst Du, Thomas, gell? weil ich es sage und.... - dies war das nächste, was mich hinauskatapultierte: Namen sage.

Das, Namen zu nennen, hatte ich von >>>> Karl Kraus. (Es lohnt sich, sich dort zu registrieren; Sie werden Wunderwerke des Mutes erleben.)
Ja, daß ich Namen sagte! Früh schon hielt ich es so, eben w e i l eine Krähe der andern kein Auge ... – wer will denn Krähe schon sein, wenn er jung ist und voller Glaube an Dichtung und Kraft?
Noch hatte ich sie, ich war zwanzig. Dann schon fünfundzwanzig. Ich wußte, sie würde nicht währen. Also schlag Deine Pflocks ein und tu es s o, daß Du in späteren Jahren nie mehr zurück kannst! auch dann nicht, wenn die Kräfte geschwunden.
Es war eine echte Vornahme.
Als Strategie ging sie auf – wenn auch nicht zu meinen Gunsten. Einzwei Jahrzehnte später war eine „Besinnung“ schlicht nicht mehr möglich, erst recht kein Kompromiß. Ich hatte mich ins Aus zementiert. Denn in der Tat, es gehört sich ja nicht, wenn man anklagt, auch zu sagen wen. Man soll sich auf den Umstand beschränken.
Ach die Zeiten sind schlimm, was sollen wir tun? Schuld sind immer die Umstände. Da muß man Verständnis haben. Deshalb verbietet es sich, Namen zu nennen. Nur daß ein Umstand einen Mord ganz allein nicht begeht. Das tun immer nur Personen.

Halt den Mund, Herbst! (>>>> „Komm, Heller, komm, du mußt dich arrangieren“... 1972 war ich siebzehn; da prägt sowas entscheidend).

Also ich war auch v o r Meere bei der Kritik schon nicht sehr beliebt.
Es war ein Außenseiter auch er - unbestechlich, hart im Urteil -, der alles wendete, wenn auch nur für dreivier Jahre, dann schnalzte (abermals ein Hellerzitat:) der Hosenträger in die Ausgangslage zurück. Doch immerhin. Und also: Danke, Professor Wilhelm Kühlmann. Denn immerhin. Von nun an schaute die Literaturwissenschaft, und zwar mit anderen Kriterien als die Kritik, komplett anderen. Allerdings wird sie vom Betrieb auch nicht zu Schnittchen eingeladen.
Wie auch immer, das Meere-Verbot kam den Leuten ganz recht. Christoph Hein verglich mich mit einem Vergewaltiger, Volker Hage, im Spiegel, ließ es drucken. Iris Radisch goß ihre Jauchekübel über mich aus, auch über Biller; an Sascha Anderson hatte sie's vorher geübt. Dann kamen noch all die erotisch Verklemmten, als hätte es nie vorher Autoren mit ähnlichen Obsessionen gegeben. (Dante, übrigens, in der Göttlichen Komödie, hat all seine Gegner ins Inferno getan – namentlich).
Ich verlor meine Verlage; anfassen jetzt wollte niemand mich mehr. So schwand der letzte Rest meines, nun jà, Aufstiegs dahin. Ich fiel zurück in die Kleinverlage - von nicht nur kundigen, sondern auch mutigen Frauen und Männern geführt.

लक्ष्मी habe ich den Prozeß nie verübelt. Ich verstand sie ja, verstand ihren Schock. Sie hatte sich getrennt, hatte einen neuen Lebenspartner. Der sollte nicht wissen. Die Familie sollte nicht wissen. Wahrscheinlich, und mit Recht, wollte auch sie selbst nicht mehr wissen. Als Partner hatte ich tatsächlich versagt – so versagt, wie im Roman Fichte. Daß Fichte und ich nicht derselbe sind, spielt in dieser Lage keine Rolle.
Doch wir haben ein Kind. Das stand ohnedies vor allem. Und wir erzogen es gemeinsam weiter. An eine wirkliche Trennung war insofern gar nicht zu denken, egal ob Prozeß. Ein Problem, nochmals übrigens, für alle unsere späteren Partner. Einige Beziehungen sind daran gescheitert. Die großen Feste begingen wir weiter gemeinsam, jedenfalls wieder, nach einiger Zeit. Bis heute sind wir einander vertraut.

Wir gehen zuweilen spazieren und reden.
Da, vor einem halben Jahr, sagte sie: „Wenn ich wegen Meere doch die Zeit zurückdrehen könnte! Ich war noch so jung, war mir überhaupt nicht im klaren, was dieses Verbot bewirken würde.“
Ich ließ etwas Zeit verstreichen. Dann fragte ich: „Würdest du das Buch heute freigeben?“
Sie zögerte nicht einen Moment.
„Ja.“

Die Geschichte ist aber n o c h irrer.
Sie erinnern sich, Freundin, an die „Persische Fassung“, die 2008 dann herauskam?
Sie stammte schon von 2003.
Ich war auf dem Weg nach Frankfurt am Main zu meiner ersten Lesung aus dem noch freien Buch. Im Zug bekam ich einen Anruf:
„Ich bin der Anwalt von Frau Soundso. Gegen das Buch ist eine einstweilige Verfügung erlassen worden. Ich verbiete Ihnen die Lesung.“
Nun konnte es Werweißwer sein, der mich da anrief. So reagierte ich auch und legte auf. Wäre der Mann helle gewesen, hätte er die Einstweilige Verfügung ins Literaturforum im Mousonturm gefaxt. War er aber nicht.
Es wurde die einzige Lesung, die ich bis heute aus diesem Buch hatte.
Sofort meine erste Talkshow dann, ZDF. Ich las, aber der Ton wurde weggedreht. Die Zuschauer hörten minutenlang nichts. Unten liefen, wie eine Durchlaufzeile an der Börse, die Titel aller verbotenen Bücher seit Ovid. So kam Meere in die Geschichte.

Aber worum ging es eigentlich? Ich sah mir die Begründung der Verfügung sehr genau an und setzte mich noch in derselben Nacht hin, um die monierten Stellen zu ändern. Anders als die Presse nahezu unisono trompetete, ging es um die Sexualszenen gar nicht, sondern allein um persönliche Erkennbarkeit, und zwar nicht gegenüber der Öffentlichkeit (wie das Gesetz es will oder damals wollte), sondern gegenüber im nahen und weiten Sinn Bekannten.
Das ist für Literatur das eigentliche Problem: Denn Sie können, wie Sie nur wollen, verfremden, – Bekannte werden immer erkennen, das große Publikum wird es nicht. Wenn jetzt die Bekannten zum Kriterium werden, ist jede Form autobiographisch grundierter Literatur tabu.
Es ging de facto um ein Sachproblem.
Also schrieb ich eine komplett neue Familiengeschichte. Aus der indischen Herkunft wurde eine persische, bzw. iranische. Das ließ sich gut begründen. Nun war es eine Migrantenfamilie. Da es in Mumbai noch eine große Gemeinde Parsen gibt, ließen sich auch die in Indien spielenden Szenen erhalten. Wichtig war, daß ich in einem ungefähr ähnlichen Kulturraum blieb, weil unsere Prägungen unsere Handlungen zumindest deutlich mitbestimmen. Deshalb konnte Herbert Wiesners, des damaligen Leiters des Literaturhauses Berlin Fasanenstraße, Vorschlag nicht verfangen, aus der Halbinderin eine südamerikanische Katholikin zu machen.
So schrieb ich nun direkt in die aktuellen Zeitläuft‘ hinein.
Und sandte meine neue Fassung erst an die gegnerische Instanz, die sie sofort akzeptierte, dann an den Verlag. Er aber wollte nicht – mit einem nachvollziehbaren Recht. „Wir brauchen hier eine Grundsatzentscheidung“, sagte mir Nikolaus Hansen, der damals Herausgeber der Reihe war. Er wolle, wenn es sein müsse, bis zum Bundesverfassungsgericht.
Aber solche Prozesse sind teuer.
Der Verlag stieg dann aus. Es hätte ihn die Existenz kosten können. Woraufhin ich meinen eigenen Prozß, der geschlummert hatte, nicht aufnahm, nein mich außergerichtlich einigte. Zusammen Hand in Hand traten लक्ष्मी und ich vor den Richter; ihr Anwalt freilich tobte. Für ihn war ich das Ungeheuer, für das ich ja längst schon im Literaturbetrieb galt. Doch es war nichts zu machen, लक्ष्मी war entschieden, ich war es auch.

Neues Gewirbel im Pressebetrieb. Abermals Meere. Spiegelinterview, nun nicht Volker Hage und Hein, sondern Hage und ANH.
(Jahre später, nachdem Iris Radisch Hage aus der Zeit gedrängt hatte, so daß er zum Spiegel gegangen war oder vielleicht sogar gehen mußte ... Jahre später also, da war er schon berentet, trafen wir uns in Hamburg, und fast das erste, was er sagte, war: „Welch ein großes Buch!“ - Geschrieben hat er‘s bis heute nicht.)
Jetzt meldete sich Volltext. Thomas Keul, der Herausgeber, wolle die neue Fassung komplett in seiner Zeitung abdrucken, Auflage 43000. Es geschah. Zum ersten Mal wieder seit Rowohlts legendären Rotationsromanen anspruchsvolle Literatur als Zeitung.
Die Lizenzausgabe der Persischen Fassung ging an >>>> Dielmann; mare selbst wär es zu heikel gewesen. Man durfte dort zu Meere ja keine Verfügungen treffen. So daß ich sie direkt mit Dielmann traf.
Jetzt kamen auch die ersten klassischen Rezensionen – aber so gut wie alle kaprizierten sich entweder auf die Verbotsgeschichte oder, nun jà, die losgelassene Sexualität. Die Faktur des Buches beachtete so gut wie niemand, von >>>>> Julia Encke abgesehen, die sich aber auf den Perspektivenwechsel konzentrierte, der in Meere bisweilen in den einzelnen Sätzen geschieht. Sie beginnen personal, enden aber auktorial, und umgekehrt; manchmal auch mittendrin. Das war schon ungewöhnlich genug. Die Leitmotivik, die das Motto bereits anschlägt (Kiplings >>>> Lukannon-Klage) und dann indirekt zitierend durch den ganzen Text geführt wird, bemerkte niemand, ebenso wenig wie daß es ganze Absätze gibt, die nach Art des An- und Abwogens des Meeres an den Küsten rhythmisiert sind (etwas, das ich ebenfalls von Kipling gelernt hatte; lesen Sie, Freundin, sein Lied von der Welle – auch dieses wird immer wieder im Roman zitiert).
Es ist schlichtweg so, daß das ästhetische Primat des sogenannten Realismus‘ alle Kunst auf ihren Gegenstand, in der Literatur den sogenannten „Plot“, reduziert – also auf das, was 1 zu 1 verfilmbar ist. Daß in Meere fast alle der auch harten sogenannt pornografischen Szenen rigoros durchrhythmisiert sind, fällt ebenso aus dem Raster wie der oft sangliche Klageton selbst dieser Stellen. Beides erschließt sich nur denen, die, wenn sie lesen, auch hören, was sie lesen.
Das gilt bei meinem Werk geradezu durchweg, es ist zu einem Großteil fast mehr Musik als ein Text, ungefähr zu vergleichen mit einer Partitur. Deshalb war es seit meinen Anfängen so, daß, wenn ich vortrug und -trage, die Menschen in aller Regel höchst berührt sind; ich kenne ja den Klang. Und vielen fällt es hinterher sehr viel leichter, selbst zu lesen, als wenn sie mich nicht gehört hätten. Denn sie haben dann meine Diktion im Kopf.
Dabei ginge es auch einfach. Sie müßten nur laut lesen. Vieles, das für manieriert gilt - ein irrerweise fast Hauptschimpfwort des gesamten Betriebs -, erschließt sich mit einem Mal als geradezu einfach. Das liegt daran, daß ich Sätze oft so baue, daß nur die von mir gemeinte Metrik den Text zum Klingen bringt und wohl auch sinnvoll macht. Nicht nur ich habe, sondern auch Helmut Krausser hat bisweilen darüber geklagt, daß wir für Literatur keine ausgeklügelte Notation haben.
Wie auch immer, Meere wird durchweg auf das angebliche Skandalon der sexuellen Grenzüberschreitung gelesen - wobei, was eine solche Grenze zu sein habe, durchweg nicht besprochen wird. Es mag aber sein, daß es heut anders sein wird. Denn etwa der Einzug des Sadomasochismus in die Popkultur, ja die ganzen Szenen, die es mittlerweile da gibt, haben Empfindlichkeiten wahrscheinlich schrumpfen lassen – auch wenn vorgestern >>>> Florian Weyhs Kritik etwas anderes befürchten läßt.
Auch er begeht übrigens den Fehler, Fichte mit Herbst gleichzusetzen. Spätestens dort, wo er jenen für einen schlechten Vater hält, wird die Differenz aber schlagend. Fichte verschwindet nach der Trennung, er flieht, gräbt sich im Ausland ein; Herbst hingegen blieb in Deutschland immer bei seinem Sohn. Ich hätte das Buch anders gar nicht schreiben wollen.
Wenn also Weyh so weit geht, Fichte – und mithin mich – ein Schwein zu nennen, fallen er und sein Urteil der Indifferenz zum Opfer, ganz abgesehen davon, daß er den Zusammenhang des Leidens an Geschichtsschuld – einer für Fichte schuldlosen Schuld – und dem künstlerischen Wüten unterschlägt, das ja gerade gegen die wohlfeile Verarbeitungs„kultur“ gerichtet ist. Wie die funktioniert, hat aufs deutlichste >>>> Hans-Jürgen Syberberg angeprangert – auch er, indem er Namen nannte, und auch er – wiewohl sogar international längst reputiert – wurde aus dem Betrieb getreten, und zwar schon vor seinem politischen Rechtsruck, der möglicherweise aber genau davon eine Folge ist. Man vergesse doch nicht, er war Schüler von Brecht und Bloch.

Aber was ist denn tatsächlich „pornographisch“ an dem Buch? Wirkliche SM-Stellen gibt es vergleichsweise selten. Häufig aber sind genaue Beschreibungen der physiologischen Vorgänge. Schleim wird Schleim genannt, etwa bei der öffentlich oft inkriminierten Fellatioszene. Dahinter steht ein Nichtwissenwollen, wenn man auch weiß, ein klägliches InDenKitschReden wollen oder der Ruf nach dem Vorhang. Sex gehöre zum Schönsten, heißt es allgemein, was wir Menschen haben, aber zeigen darf man nicht, wie er ist - und schon gar nicht auch noch berauscht davon sein, erst recht nicht als Mann. Klaus Kinski, igitt.

Gut, warten wir nun also ab, was sich weiter begeben wird. Mein Stand in diesem Betrieb wird sich wahrscheinlich nicht bessern oder erst dann, wenn ich so alt geworden sein werde, falls ich es werde, wie Paulus Böhmer und also nicht mehr zu fürchten ist, ich könne weiterhin mit Dauererektionen irgendwelche Partnerinnen aufmischen, die obendrein noch schön sind. Aber da kann ich meine Gegner längst beruhigen: Lange Zeiten der Niedergeschlagenheit und Depression haben mich weidlich geschwächt; daß ich auf die 63 zugehe, macht das Faktum nicht besser. Meine Erektionen des Geistes freilich nehmen die Zeiten mir n i c h t.


ANH Arbwohnung 070217 (c Gaga Nielsen)
(Fotografie (© 2017):
>>>> Gaga Nielsen]
ANH, Berlin
13. September 2017, seit 7 Uhr in der Frühe
(Ich liebe die Zahl 13).
P.S.: Was aber nicht vergessen sei: Mittlerweile ist eine ganz neue Generation nachgerückt, die von den stockfleckigen Verklemmtheiten der Alten sich befreit haben und nunmehr – wiewohl wir in Sachen Pop meist auf gegnerischen Seiten – Meere ganz neu lesen könnte. Und nicht nur dieses Buch.

Ninsunna. Die Brüste der Béart, 18: Entwurf des Endes der No XX.

(...)

Es patroullieren kritzelnd Politessen.
Schwarze fegen grün gekleidet,
die Trassen, und| aus sprudelnden Kanälen
bordsteins an hügelabwärts fallenden Gassen
schaufeln sie den Schmutz der Rebellion
auf die Ergebung mobiler Ladeflächen
im Schrittempo rollender Vierrads-Apen,
derweil die künftiger Gilgameschs Mutter,
die mich für eine Blicksekunde
zum Starken König machte
(Lasse deine Arme wie das Sonnenlicht schwingen!
Den sieben Stürmen des Iškur, oh, gleiche!),
in dem Wohnblock verschwindet,
der in zwölf und mehr Etagen
die Menschenkohle preßt,
damit die Villen der Schönen Quartiers
in ihren Öfen zu brennen haben,
wenn's im November ungemütlich wird
und regnet Tag für Tag in eines und einer
jeglichen Seele, | bevor sie winters erstarrt -
wird aber schon jetzt, diese Göttin,
dick in des Rechtglaubens bindendem Dogma,
da Männer Mütter, weil heilig, nicht anrührn,
sei's, daß sie unrein die Menses,
sei es, daß rein sie das Kind macht,
das sie zu schützen hat und behütet,
und nur noch das Mehrt euch! gebietet
fernre, doch koschere Penetration
in also imam|katholisch gebotener Stellung,
die nur die Beschneidung ihr gleichgültig machte,
weil Wollust heiligen Müttern nicht anstünd
und war schon – oh schwacher Hadith! -
den Mädchen von Müttern coupiert,
denn Frauen genügten sonst Gatten als einzige nie;
da forderst, Béart, Du | nur noch mit feurigen Blicken,
auf deren Sinnenglut Dein Niqab | uns konzentriert
und verschweigt doch die Stumpfheit der Klinge
und daß Allah auch Wüsten|blüten vollendet gemacht:
Behüte er uns vor der Strafe des Feuers!
Blasphemische Schändung von Körpern bereits in der Seele
Nicht anders die unbefleckte Rede des Erbfeinds
ging schon von Aus|löschung einher: Jeder Kirche
Wahrheit ist Macht, und soll keine sein | neben m i r -
Wie sanft fließt, fast steht er, am Quai
de Valmy der Canal Saint Martin!
Dort spür ich mit Blick auf das Brückchen,
da ich mich setz für Croissant und Café,
Deiner, Ninsunnas, die in mich eintaucht, | Zunge:
Kein schöner Kind als von Rassen|schande.
D i e s ist sans filtre die Wahrheit der Kunst.

>>>> Die Brüste der Béart 17

Kinderbücher. Von Huxley.


„Lesen Sie es, lesen Sie es! Es ist natürlich ein Elementarbuch, eine Jugendschrift. Aber man soll nicht heranwachsen, ohne alle Kinderbücher gelesen zu haben. (...)“

Mark Rampion in Point Counter Point, 1928
(Kontrapunkt des Lebens, Herlitschka, 1963)
Huxley Kontrapunkt 1

Als Hutträger

fiel mir auf, daß Hüte im Sommer zu tragen, nichts anderes als ein Zeichen masochistischer, nämlich insofern leerer Eitelkeit ist, als sie ihre Träger quälen. Sie schwitzen darunter, ohne daß der Schweiß aufgefangen würde – und wenn er es wird, verunschönt er das Material: hinterläßt Flecken auf dem Hutband, die nach dem Trocknen aussehn wie von Salz, das sich zudem nur schwer oder gar nie mehr ausbürsten läßt. Der Schweiß, wenn noch naß, staut sich zwischen Haut und Hut, bildet dort schließlich kleine Kanäle, durch die bei lockerem Aufliegen Tropfen auf Gesicht, Nacken und Schultern fallen. Die Haut selbst tut sich zu atmen schwer, und es wird drinnen wärmer noch als draußen. Sitzt der Hut aber fest, staut sich die Nässe, und es wird erst recht unangenehm.
All dies nur, um zu gefallen oder Eindruck zu machen, sei es sich selbst, sei es den anderen. Um vorzugeben, daß man(n) wer sei. Wenn dies stimmt, und man ist es, kommt mir die leichte Qual ganz unnötig vor; ist man(n) es nicht, dann unsicher und schwächlich – wovon abermals der Hut ablenken soll.
Mag sein, daß Strohhüte neben dem Vorschein, den ihre Eleganz vermittelt, tatsächlich die gute Funktion erfüllen, die Kopfhaut vor zu starker Sonneneinstrahlung zu schützen; daß es darum aber wirklich geht, bezweifle ich aus Erfahrung. Denn das Problem mit einem Schweiß, der nicht kultiviert abgeführt wird, stellt sich auch unter Strohhüten ein – eine Erfahrung, die ich gerade erst auf der toscanischen Insel gemacht habe.
Nun wußte ich alldies längst, aber mochte es mir nicht zugeben. Gestern abend indes wurde mir diese Erfahrung unangenehm. Ich sah, im Garten des Literaturhauses Fasananstraße sitzend, solchen Hutträgern immer wieder zu. Meist waren es Männer aufwärts fünfzig. Ihre hellen Hüte leuchteten, mehr indessen nicht. Zumal ist in unseren Breiten, besonders solch nassen Sommern wie diesem, ein Schutz vor Sonne ganz obsolet. Bei jüngeren Männern allerdings bin ich geneigt, bei solchen unter Dreißig, den eitlen Masochismus nicht mit Scham, sondern mit zärtlicher Ironie zu betrachten, da ich wieder den auffahrenden Jüngling in ihnen erkenne, der ich selbst einst gewesen.
Etwas anderes übrigens ist es mit Tüchern oder Handtüchern, die um den Kopf geschlungen. Hier geht Eitelkeit mit Funktion ineins: Die Funktion lächelt sozusagen, sie verbindet Botschaft mit der objektiven Erleichterung, um derentwillen die Ausstaffierung erfolgt ist. Also drängt sich das Eitle nicht auf, sondern ist, was es sein sollte: Spiel.

Ab Herbst 2017:


Joyce Chamber Arco Entwurf
Arco, Wien
>>>> Herbstvorschau 2017


Lektorat in Amelia


Lektorat in Amelia
Morgengang zur Panetteria hinab
(Pizza bianca per il prosciutto
La mia prima colazione giornaliera)

Und an ein Gedicht mal wieder gedacht
zu leben und sterben - und wiederzuleben -
im Süden mit von Sonne brennendem Nacken


Joyce Chamber Arco Entwurf

Maria Evans-v.Krbek,


die Lektorin der >>>> Fenster von Saint Chapelle, ist am Abend des Sonntags, dem 25. Juni 2017, aus dem Leben geschieden - einen Tag nach ihrem 34. Geburtstag. >>>> Peter H. Gogolin hat dafür >>>> ein inniges Kondolenzgedicht verfaßt, worin er sie Ariadne nennt, die aus den Händen den Faden verlor. So bleibt auch Theseus ohne Ausweg.
Ich selbst hatte zu Maria seit Jahren nur noch einen allenfalls losen Kontakt; er verlor sich mit meiner Trennung von den Kulturmaschinen. Nur am Rande hörte ich immer mal wieder von ihr. Und daß sie unglücklich sei. Nun hat der Engel auf dem Buchumschlag, dessen Fotografie >>>> Isolde Ohlbaum dieser Ausgabe unentgeltlich zur Verfügung stellte, eine beklemmende Bedeutung bekommen.

Maria war eine kluge, sinnliche und gerade in dieser Sinnlichkeit mutige Frau. Auch aber deshalb war ihr der Weltlauf nicht gut.

ANH, Juni 2017

Fenster von S Chapelle amazon

ANHs Traumschiff.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Selbstverständnis: nicht Credo, doch Wille.


Es war und ist ein Ziel meines Lebens, ein freier Mann zu sein – selbst, sollte dies Unglück bedeuten.

(Daß Freiheit glücklich mache, ist ein Irrtum der Ideologie und des Kitschs.)

>>>> Credo & Wille

Soeben beigetreten.


Diem25

III, 296 - MONDän

Cirrocumuli und die schreienden Dämmerungsaviatoren verlockten mich ins Weite, und so ließ ich eine gewisse Veronika “herzklopfend” stehenbleiben „vor einer buntbemalten Bude, vor der (...) ein Kalb mit nicht wie sonst vier, sondern fünf Füßen“ (>>>> Britting, Valentin und Veronika (je nun, juristische Spitzfindigkeiten erfordern leichte Lektüre nebenbei (siehe >>>> vorigen Beitrag))) angepriesen wurde. Und ging. Erst nach Westen.
Dort die Ukrainerin M. mit ihrer Freundin, die ich zwar oft sehe, aber nicht kenne, sie trägt oft einen Pferdeschwanz, führt einen kleinen Hund mit sich und fährt einen Mini, aber sie sprechen italienisch miteinander, also kein Relikt der Sowjetunion, aber aus dem Osten schon nach meiner Einschätzung.
Kurzer Wortwechsel mit M. vom Platz herauf zur hochgelegenen Eingangstür mit der Nummer 1 oben rechts. Wieder kam ich an der entweihten Kirche vorbei. Ich dachte schon gar nicht mehr ans Tanzen, als ich hinter mir Schritte hörte.
M.’s Freundin! - Es wäre popelig gewesen, sie nicht anzusprechen. Immerhin weiß ich jetzt, wie sie heißt.
Aber vorm Tor sah ich von weitem schon jemanden sitzen. Das verleidete es mir. Es wäre einfach zu viel gewesen, noch ein Minigespräch anzufangen. Also umblättern, um gen Osten zu spazieren: Porta Posterola. Wo mich ein Mondkuß mit Halo umfing (ein zweites ‚l‘ gehörte eher mir) bzw. empfing. Und rauf zum Dom! Let’s got, let’s go, noch mehr Küsse rauben! - Aber so erwischt man sich, denn als ich grad googelte, ward mir der assoziierte Mohrenkuss zum Negerkuss. So hieß er nämlich tatsächlich. O tempora, o mores!
Niger eher ich in der Dämmerung, der ihm, der leuchtend und ziemlich groß (weil noch nicht so weit über dem Horizont (nachts gibt es zur Zeit einen Moment, wo er als gleißender Punkt und nunmehr hoch am Himmel mir in den Schlaf hineinfuchtelt), dann gegenüberstand, lützelhübsch (den Zettel, auf dem das Wort von >>>> Fischart stand, heute zerrissen) ein feiner Spiegel, und unsereiner als Negativ verlangt nichts anderes, als ins Entwicklungsbad gelegt zu werden. Aus Schwarz mach Weiß und viceversa.
Der Soratte war noch gut zu sehen, die Lichter von S. Oreste auf seinem niedriger gelegenen linken Sattel.
Hinab erneut am Palazzo Petrignani vorbei und zu dem Platz, wo ein Gebäude immer noch eingemeißelt die Aufschrift “Poste e Telegrafi” trägt, darüber eine Garibaldi-Büste. Da klang’s aus dem Palazzo oben wie Klavier.
Ich ging zurück.
Jemand rauchte draußen. Wer da spiele? „Kinder“, sagte der.
Tatsächlich, der Saal voller Eltern, Tanten, Onkel, vielleicht auch Omas und Opas, Geschwistern, Cousinen. Vorne ein schon etwas reiferer junger Mann am Klavier. Was er spielte, weiß ich nicht. Dem Abend gemäß hätte ich mir einbilden können so etwas wie ‚Claire de lune‘ oder irgendein Nocturne. Dann folgte etwas Rhythmisches.
Wahrscheinlich war’s die Lehrerin, die ihm die Notenblätter umblätterte. Was mir auffiel. Denn oft sah ich mir auf youtube >>>> Schuberts Nummer 100 an, weil es für mich kurios war, solche Notenumblätterinnen tatsächlich zu sehen (meistens -innen, ja). Vorher sah ich sie nie. „Meine geniale Umblätterin, hat er einmal gesagt, dachte ich.“ - Bernhard, Der Untergeher.
Ich klatschte sogar, doch verließ den Saal, als zwei kleine Mädchen anfingen, auf Querflöten ihre zwar Fähigkeiten zu zeigen, die Töne bewirkten, mehr aber nicht.
In meine Wohnung zurückgekommen, lief immer noch Monteverdis ‘Il ritorno di Ulisse in patria”.

AN DEN MOND

O huldreicher Mond, ich denk’ daran zurück,
wie ich vor Jahresfrist auf diesen Hügel stieg,
dich zu betrachten – im Herzen beklommen:
Du hingst damals über jenen Wäldern dort,
wie du jetzt in deinen hellen Schein sie tauchst.
Doch getrübt schien mir und zitternd in Tränen,
die in die Augen mir traten, dein Antlitz
dem Blick, darüber, wie so mühselig
mein Leben war: und ist, noch auch sich ändert,
o mir so teurer Mond. Und dennoch hilft es,
mich zu erinnern, zu messen die Dauer
meiner Schmerzen. O wie willkommen ist dann
in der Jugend, wenn lang’ noch währet Hoffnungs=
Schimmer und kurz nur reicht Gedächtnis=Lauf,
sich zu erinnern an das, was vergangen,
ob es schon traurig und der Kummer stets währt!
 
Giacomo LEOPARDI, Alla Luna (dt. von mir)


Die Bamberger Elegien.

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Einband in Old Mill Avorio von Fedrigoni
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Trinken aus der Wölfin.


Trinken aus der Wölfin

(Dieses "zu spät"!)
(Bach, Erste Partita für Violine solo, Sziget: Soviel zum "Sexisten".)


Komm ich dort hin, muß ich das Wasser grüßen.
Von weitem lockt es meinen Mund hinab zu seinem Maul.
Die Mittagshitze blitzt von seinem Messing.
Vergessen ist sein Platz in die drei Buden eingetrocknet
und in ein mürbes Karussell.
Rostrot das Gras, und schütter sind die Pinien.
Zwei Kinder, rosa im Haar die Ausgehschleife,
spieln in plissiertem rosa Rock und rosa Schuhchen Nymphen.
Die Mutter, auf ihrer Bank die Siesta rauchend,
argwöhnt nicht die Lust, die aus dem Brunnen stürzt und beißt
die kleinen Mädchen, als sie gierig trinken:
bereit wie Frauen, die sich geben.

Da heben sie verstört zu mir den Blick,
als ob schon volle Monde wären.
Und mit dem Kindblut der Hetären
fließt in den Wolfskopf das Wasser zurück.
Aus >>>> Der Engel Ordnungen

 



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