Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Der Kampf, nein, K r i e g,

der >>>> hier in Der Dschungel >>>> ausgetragen wird, ist einer zwischen Menschen und Replikanten. Die wenigsten haben dies schon begriffen, und einige, die es begriffen, scheuen zurück. Wovor? Vor der Macht. Wie Kästner ballen sie wütend die Faust, doch allein in der Tasche. Kurz zwar zeigten sie sie, schon wurde es ihnen, persönlich, zu brenzlig.
Hitler war, für sich genommen, eine lächerliche Figur. Machtvoll machten ihn alle, die schwiegen.

Hier findet Politik statt, jenseits aller Parteien.

III, 335 - Balenopteren

Den Wecker gestellt, zwei frühe Abgaben. Und dann nichts mehr (seltene Momente dies, so ohne Arbeit), was gleichbedeutend mit lesen, Gedichte abschreiben (die italienischen, entschied ich mich, um die Zusammenstellung doch wieder voranzutreiben), im Hinterkopf immer den Fiskus, der im nächsten Monat wieder zuschlagen wird, und Praktiken einer gewissen Agentur, die zwar viel Arbeit gibt, mich aber auch mal über Monate am ausgestreckten Arm ‘verhungern’ läßt. Es wird mal wieder ein Schreiben fällig sein, es wäre nicht das erste Mal. Zwar konnte ich bisher sicher sein, daß sie zahlen, wenn auch nach anderthalb Jahren in einem Fall, aber ich muß tatsächlich überlegen, ob ich mir nicht Erspartes aufs Konto fließen lassen soll.
So das leise Lesen abholder Realitäten. Die immer mitrattern. Wie die üblichen Briefe, die er nicht schreibt und schrieb, aber dennoch ständig schreibt. An wen auch immer.
Anders das laute Lesen immer klöppelnder und den Geist, der sie versucht zu imaginieren, herausfordernder Texte, bis die Stimme zuhilfe kommt. “Ein Bindsel feiner Verfrorenheiten.” “Tollende Schwirrfiguren” - Egger, Herr der Rede. Schon klar. Es führte dabei das laute Lesen seine Betonungssilben immer an das jeweilige Ufer, ohne zu erschrecken darüber, was sich unter dem Wasserspiegel des Textes ereignet.
Da geht es ein bißchen so zu wie in Vernes ‘Kapitän Hatteras’:
Tauchte der Blick nun von der Oberfläche in das durchsichtige Wasser hinab, so war das Bild des von Tausenden von Tieren durchfurchten Wassers nicht minder übernatürlich; (es zagt ihm sein Schau’n) bald gingen diese Tiere schnell in die größten Tiefen des flüssigen Elements (wie Texte so sind), und das Auge sah sie nach und nach kleiner und weniger sichtbar werden, und zuletzt nach Art der Phantasmagorien verschwinden; bald stiegen sie von unten auf und wuchsen (“Die Würfelverdoppelung des Aleatorischen”, Egger), je nachdem sie sich der Oberfläche des Ozeans näherten.
Es geht noch ein paar Absätze so weiter mit dieser Schau unter die Meeresoberfläche in den Polargegenden, eine Art Halluzination, wie ich sie nach wie vor empfinde. Es handelt sich um das 21. Kapitel mit dem Titel ‘Das offene Meer’.
Der völlige Gewahrsam ist nur das eingefachtere Gewahre als ein-und-ein Dreh der Rede, der allein mit seinen ein-malenden (Fichte?) Augen der Diskontinuität die Weite der Welt umschränkt, und die Absichten dieses eilenden Überschreitens der Zeit aufs Einmal vom Einwand her stellten sich auf der Netzhaut meiner Augen - dar. (Egger, Herr der Rede, 258)

III,334 <<<<

Zu Zielcke immer noch nichts, doch zur Neuen Fledermaus. Auch im Arbeitsjournal des Dienstags, den 17. Oktober 2017, gehen die Freunde vor. Doch jener folgt dann morgen, sowie nachmittags im Zaubergarten.


[Schloßhotel Karlsruhe, 7.58 Uhr
France musique, Debussy: La boite à joujoux]
Nichts als Kopfschütteln über >>>> die Haßausfälle auf mich, nachdem ich >>>> gestern abend aus Meere vorlas; besonderes Kopfschütteln aber über Andreas Zielckes Artikel in der Süddeutschen, den ich ebenfalls, aber auszugsweise, vortrug. Doch dazu jetzt „immer noch nichts“; meine Entgegnung muß stehen ohne beleidigte Leberwurschtigkeiten, und also ist die Emotion zu kühlen. Überdies haben sich >>>> dort ja nun Personen gefunden, dem Nachtreter die Tür zu weisen.
Alles weitere hierzu morgen oder übermorgen; ich lege heute noch einen Stop bei der alten Schamanin ein und werde mit den Vögeln sprechen, wilden Vögeln, die sie umflirren wie die Aura Maria. Das wird mir, in dem Zaubergarten, Ruhe geben. Nach Berlin dann übermorgen.
Sehr viele Leute waren gestern nicht da, zwölf oder dreizehn, vielleicht auch vierzehn: aber diese so hochkonzentriert, daß ich sogar eines der „berüchtigten“ Kapitel vorlas, das dem Roman eines seiner Leitmotive gibt. Es ging und ging sogar sehr gut, weil der Rahmen-selbst intim genug war. Jede und jeder begriff nicht nur, sondern spürte. So daß auch deutlich wurde, wie sehr im Streit um Meere eigentlich etwas ganz anderes „verhandelt“ wird, als eingestanden werden darf. Auf den Punkt brachte es gestern die Löwin, in Facetime: „Es sind politische Gegner - nicht in Sachen Gesellschaftssystem, da seid ihr wahrscheinlich sogar einig, sondern in Bezug auf Geschlechterrollen. Dein Vitalismus stellt die Verunsicherung, die vor allem Männern widerfahren ist, vitalistisch und deshalb provozierend zur Disposition. Wirklich um Literatur geht es dabei gar nicht. Deshalb der fast durchweg zu beobachtende empörte moralische Ton.“

Um neun rief eben Radio Bremen an, durch die Süddeutsche aufmerksam geworden: „Das interessiert ja auch uns.“ Das Gespräch - es wird kurz nach 11 Uhr ausgestrahlt werden - lief, denke ich, nicht so, wie der Moderator es sich vorgestellt hatte. Er wollte - fast muß ich schon „selbstverständlich“ schreiben - auf den Konflikt von Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrechten hinaus, etwas, das nun wirklich genügend, bis zum angeödeten Abwinken, durchdiskutiert worden ist. Icxh sagte nur, und das aber mit leichter Schärfe: „Diese Frau hat doch nun gesagt, das Buch dürfe und solle wieder gelesen werden. Warum akzeptieren Sie das nicht. Sprechen wir also endlich über den Textm und nicht mehr ein Drumrum, das ständig von ihm wegführt.“ Das nun wollte er nicht, bzw. war die kurze Zeit des Interviews verstrichen. „Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.“

Aber ich sehe gerade, ich muß zusammenpacken und zum Zug, immerhin hier gleich gegenüber.

***


[15.21 Uhr
Bei der Schamanin]


ZAUBERGARTEN

Der Schamanin  Zaubergarten


Zur Post, zur Neuen Fledermaus nach Karlsruhe und Eine Kleine Messenachbetrachtung im Arbeitsjournal des Montags, den 16. Oktober 2017. Zu Andreas Zielcke aber noch nichts oder doch nur wenig.


[Bei den Pflanzen, die fleischlich, 8.19 Uhr
Jarretts Schostakovitsch, Präludien und Fugen ff]


Haackerherbst zur Mainernacht
Haackerherbst zur Mainnacht

Zur Post gleich, um >>>> parallalie das Joyceplakat zu schicken, das während der Messe am Arco-Stand hing; es ist ein Unikat. Zur heutabendlichen >>>> Karlsruher Lesung reise ich frühnachmittags ab. Bis dahin ist einiges schon hier, an Dos Schreibtisch, nachzubereiten. Auch funkte mir Googles „Alert“, daß die Süddeutsche gestern über Meere geschrieben hat; da bin ich freilich neugierig. Zwar läßt sich der Artikel auch online abrufen, lesbar aber nur für Abonnenten, zu denen ich nicht gehöre. Wird der Streit nun weitergehen oder wird - wie in den Lesungen nun - das Handwerk und der elegische Klang betrachtet werden, die, sagen wir, Trauerarbeit um einen nicht nur personalgeschichtlich furchtbar unvermeidlichen Verlust - eben jenes Moment, das wir tragisch nennen?
Tiefer Nebel draußen.

[12.37 Uhr
Hindemith, Cardillac
Mußte unterbrechen. Das Ladekabel funktionierte nicht mehr, so daß am Ipättchen zu arbeiten unmöglich wurde. Die Nicht-Apple-Kabel halten anfangs immer gut, doch schon zweidrei Monate nachher geben sie den Geist auf. Also war ein originales zu besorgen - was ich mit dem Postweg verband. Nach meiner Rückkehr mußte das Gerät erst wieder laden, gut, darum setze ich mein Journal jetzt erst fort. Sehen Sie‘s, Freundin, mir nach.
Vor allem bin ich zwischen durch dann doch an >>>> die Kritik zu Meere in der Süddeutschen gekommen; mußte halt ein Probeabo nehmen: Das können auch Sie tun.
Der Text von Andreas Zielcke, einem mir bislang unbekannten Schreiber, ist der nachdrückliche Versuch einer Vernichtung, auf die zu antworten sein wird. Ich möchte es aber heute noch nicht tun, zum einen meiner zeitlichen Gedrängtheit wegen, zum anderen weil ich mir eine Form überlegen muß, die mich diesmal nicht mit dem Persönlichkeits-, sondern dem anderen großen, einem ebenfalls juristischen Hindernis der künstlerischen Arbeit, dem Urheberrecht, in Konflikt bringt. Aber daß hier ein Arsch zu versohlen ist, und zwar gehörig, ist gar keine Frage. Seinerzeit André Breton wäre losmarschiert und hätte den Gehstock eingeschwungen. - Doch nichts mehr weiter! Ich verschieße meine Argumente sonst, weil aus Affekt statt aus dem eisgekühlten Kalkül, das sachlich hier vonnöten. Möglichst möcht‘ ich auch auf Polemik verzichten. Zumal Zielckes Überschrift tatsächlich schön ist; von ihr ausgehend wäre einige auch romanästhetische Einsicht möglich gewesen. Nun, Freundin, wie auch immer.

Also das Plakat ist unterwegs nach Umbrien; ich bin gespannt, wann es ankommen wird. Und in meinen Rucksack, den ich noch hierlassen und morgen erst, auf der Rückfahrt von Karlsruhe, abholen werde, ist eine riesige slowakische Wurst gesteckt, die mir >>>> Loijze Wieser geschenkt hat (eine mir, eine zweite dem >>>> Arco-Verleger). Berührt man sie, streicht gar mit den Fingern darüber, haftet noch stundenlang an ihnen der Geruch nach erregtem weiblichen Geschlecht. Deshalb auf keinen Fall die Hände waschen! Zumal er mit meinem Patou einen olfaktorisch betörenden >>>> ἱερὸς γάμος vollzieht. In der - ecco: - Tat! So riechen Götter und Elfen, wenn sie sich lieben. Daß meinen Kritikern dies nicht gefällt - sie ziehen den Duft von Kaffee vor und Kuchen -, ist dies denn mir anzulasten? (Ich mag den freilich auch, doch „jedes Ding hat seine Zeit“, um einmal mehr die große Marschallin zu zitieren: „Jetzt“, aber eben nicht vorher, „wird gefrühstückt“.)

Schrecklich, noch auf der Messe, war freilich, daß nach der bis dahin sehr schönen Übergabezeremonie Frankreichs, des diesjährigen Gastlandes, an Georgien, des kommenden, irgendein angeblich weltberühmtes Schlagersternchen zu, hm, sagen wir singen anfing, aber in Häkchen, begleitet zumal von einem Gänsechor, wie einer sogar hat Elvis mal zum unausgesetzten Lachen gebracht (die Studioaufnahme hat damals, glaub ich, abgebrochen werden müssen) - und das wurde dann auch noch dirigiert. Es war echt ärgerlich.
In mir kochte die Wut hoch. Am liebsten hätt ich eine Stinkbombe geschmissen. Warum dieser Kotau vor dem Pop? Das schmale Stimmelchen der, meinetwegen, „Sängerin“ aufgeplustert von künstlichem Hall. Kurz, ich stand auf und ging. Dann lieber kein „Guest of honour“, als den mich das provisorisch Einladungskärtchen auswies. Dann lieber doch der Unhold wieder, auch wenn die SZ diese Geschichte nun freut.

Ich muß und will zusammenpacken.

***
[17.40 Uhr
Schloßhotel Karlsruhe]
Angekommen. Zu dem Beller hier drunter, der es ist, nun wirklich einen Mißbrauch begangen zu haben, mag ich mich erstmal gar nicht äußern. Ich möchte mich in Ruhe und Liebe auf meine Lesung vorbereiten. Zu dem Anlaßdes Bellens, aber, entweder morgen oder übermorgen früh, also dem Hern Zielcke und wiederum seinem Mißbrauch, der tatsächlich kein minderer ist. - Nein, liebste Freundin, nicht jetzt mehr. —

Schloßhotel Karlsruhe, mit fast eigener Terrasse. Schwerer Kies darauf, ich werde drüber schreiben. Meere.

III, 334 - Behold yon mountain’s hoary height *)

Kommt mir schon ganz recht: Ummagumma jetzt. Irgendwas lief verquer gestern. Vorgestern hatte ich meinen Sylvia-Plath-Text rausgeschickt an Fulvio, der gestern den Sylvia-Film projizierte, für den er mich gebeten hatte, eine Einführung zum besten zu halten. Ich habe zwar die Tagebücher mit einem Vorwort von Ted Hughes. Hatte mich indes geweigert, mich in es hineinzuknien, was zumindest das Vorwort betraf. Tat es aber dann. Und ließ plötzlich ihn sprechen. Ratterte das auf deutsch vorhandene Vorwort mit einigen Auslassungen in die italienische Sprache. Er, der andere Protagonist, hatte so sein Wort. Es war kein schlechtes.
Es war da wohl eine gewisse Eifersucht bei mir. Er, der Tagebuch-Vernichter, der Zensierer, so geisterte er immer in meinem Kopf. Sie, Sankta Sylvia. Im Gegenteil kam heraus, er habe doch etwas begriffen.
Nervös dann hinunter mit dem neuen Text und viel zu früh. Das wußte ich. Ging auch bewußt langsam. Nervöse Langsamkeit. Junge Leute und Kinder vor der neuen Pizzeria am Largo Cristofero Colombo. Die’s machen, wurden von Einheimischen bei FB als mutig bezeichnet. Ich hab’ zwei Schultern, die ich heben kann. [Dies war gestern noch, kam nicht weiter.]
Zusammen mit zehn anderen Zuschauern dann noch einmal - dieses Mal mit Untertiteln - dieses im Grunde Eifersuchtsdrama gesehen, denn im Vordergrund wird die Eifersucht bedient und gar nicht mal schlecht dramatisiert. Sylvia Plath als Dichterin hat kein Format im Film. Geschichte, wo Geschichte nicht ist, die leicht nachvollziehbare Eifersuchtsperspektive. Aber kein subjektiver Blick durch die Brille ihrer Texte. Nicht einmal der Versuch. Also künftig lieber keine Pseudo-Porträts. War auch gestern nicht dort. Es wurde ein Film über Leopardi gegeben.
Kurz, ein Text ist nicht die Biographie und umgekehrt, woran all das krankt, was meinetwegen auch über ‘Meere’ gesagt wird.
Heute nochmal Lyrik. Vorstellung eines Gedichtbändchens. Eine aus Orvieto. Im oberen Gang des Kreuzgangs aufgehängte Ausdrucke einzelner Gedichte. Ein Karton mit Kopfhörer, der, wenn man ihn sich aufsetzte, die Gedichte rezitierte. “Peter Steins” Pianist kam ebenfalls. Arturo (unausgepackt hier immer noch eine CD mit dem Titel ‘Faust’, Musik von Arturo Annecchino, Rezitation Peter Stein, am Klavier Giovanni Vitaletti (klar, Goethe)). In seiner Begleitung eine, die dann einige der Gedichte coram publico vorlas. Sie, wieder einmal, eine Dame mit Hündchen. Und saß, wieder einmal, in derselben Reihe mit einer Dame mit Hündchen. Es haben Damen mit Hündchen etwas Apartes, und dreimal schon stellt’ ich es fest in diesem Jahr.
Es folgte ein etwas fades Interview mit der Autorin. Danach ging ich. Das Büchlein lag zwar aus, aber es lohnte nicht die zehn Euro, die es kosten sollte. Wenn ich mich selbst lese, lese ich Besseres. Nicht Lampe sei ich, sondern Lampone (hier: Augmentativsuffix), aber auch eine Him-Himmelbeere, sagte Lampe zu mir. Bzw. zu sich selbst.
Aber dennoch knöternd wieder hinauf. Und auch auf dem Platz, wo M. sich an ihrem Auto zu schaffen machte, war es ihm nicht möglich, anders als schnutend von all dem Zeugs zu reden. Darum, sagte sie schließlich, seien wir allein. Klar, Quasimodo. Ed è subito sera.
Vor alledem Wiederbegegnung mit dem Soratte, gar nicht mal visuell, nur evoziert in diesem:
UNGEHEUER HORAZ. Siehst du, wie hoch die bleichen Berge im Schnee stehen und klamm die Wälder ihre Bedeutung noch zu ~tragen vermögen und die Bäche unter Sternen ihren Punkt erreichen? (Egger, Herde der Rede). Ganz eindeutig das Vides ut alta stet nive candidum / Soracte, nec iam sustineant onus / silvae laborantes, geluque / flumina constiterint acuto? (Horaz, Oden, I, 9).
Nie aber lag je Schnee, in den Zeiten, die meinen Augen gegeben, auf dem Haupte mir, noch auf ihm, nur sie sitzt immer noch dort auf dem Gipfel. Dieser eine Schnappschuß auf dem Gipfel, als noch der Safran blühte. Und Regen uns zwang, der von weitem schon die Landschaft schraffierte.
Der eine kurze Ausblick dann auf ihn beim Hinuntergehen, nachdem ich zuvor noch den Vater des Tabaccaio geweckt, der auf seinem Stuhl mitten im Laden während seines Sonntagsdienstes eingenickt war. “Non c’è anima viva in giro.” Sagte er.

*) Dryden’s version of Horace I,9

III,332 <<<<

Frankfurter Buchmesse 2017. Die Arbeitsjournale vom 11. bis 15. Oktober 2017.



VORABEND
Gestern im Literaturforum:

Meere. Lesung Litforum Mousonturm Frankfurtmain 10.10.2017. Mit Björn Jager.
<

ERSTER TAG
Mittwoch, der 11. Oktober
[Bei den Pflanzen, die fleischlich, 8.26 Uhr
Strauss, Rosenkavalier, Terzett und Finale]
Seit kurz nach halb sieben auf, früher ging es nicht - und auch da nur, weil ich dringend wußte, den Wein aus dem Schädel bekommen zu müssen, der mir, ja, dieser, in den Bauch gerutscht war und sich drin drehte.
Es war eine wirklich wunderbare >>>> Veranstaltung gestern abend, was vor allem der hinreißend genauen Moderation Björn Jagers zu verdanken war, aber auch der konzentrierten und vor allem offenen Aufmerksamkeit des Publikums. Es war nicht so zahlreich erschienen, wie ich zu hoffen auch gar nicht gewagt hatte. Denn parallel, wie ich‘s Ihnen, Freundin, schon gestern geschrieben habe, fand die erste Lesung des neuen Buchpreisträgers, Robert Menasse, statt, flankiert überdies von der Frankfurtmainer Magnet- und -natin Eva Demski. Und in den Großen Saal des Hauses unten hatten Chartlie Hebdo und Titanic gerufen.
Dennoch die aufgestellten Stühle waren so gut wie alle besetzt, zumal teils hochkarätig. Deshalb konnte die Zartheit des Romans - eine Eigenschaft, die nur selten je zur Sprache gekommen ist, was selbstverständlich auch an dem oft wütigen Fichte liegt, ich also teils mitzuverschulden habe - zu Klang werden und sich eben auch als Klang übermitteln.
Ich erinnere mich noch heute früh genau, wie dies bereits durch den Raum ging, zuvor aber in meiner Stimme aufblühte, als ich das Motto... nein nicht las, sondern beinah sang. Das hatte ich nie zuvor getan. Es war von mir auch überhaupt nicht geplant gewesen, sondern drängte gleichsam - und leise - herauf. Deshalb war ich mindestens so überrascht wie die Hörer:innnen, und davon benommen. Imgrunde hat dieser kurze Gesang, drei Verse in Kiplings originalem Englisch, alle Weichen gestellt. Was halt auch die Funktion eines Mottos ist. Dem gab sich Björns empfindsame Präzision klug an die Seite; ich selbst mußte nur folgen. Sie mögen es, Geliebte, bei einem dominanten Typen wie mir nicht glauben, doch ich versichere Ihnen, daß es ausgesprochen erleichternd, mehr noch: befreiend für mich war. Denn nun sprach das Buch und nicht ich.
So hat diese Messe mit einer für einen Dichter Sternstunde begonnen, zu jener ich jetzt aufbrechen muß - also erst einmal raus aus den morgendlichen Abendklamotten, in den Zegna-Anzug und die polierten Schuhe hinein, dann zur UBahn. Mein erster Weg wird mich zu mare führen.

*

ZWEITER TAG
Donnerstag, der 12. Oktober 2017

Ohne Titel

Da lag denn Meere wieder - unter dem Traumschiff, wohin es, wie Elvira Magometschnigg Gross nun schon mehrfach geäußert, gehört: „Die Verwandtschaften sind groß. Wie das neuere Buch versucht, den Spuren des Sterbens zu folgen, so das ältere denen der Liebe.“ Und sie zitierte Fichte: „So habe ich dir denn die Antwort gegeben.“
Ansonsten ist es in der Causa Meere vergleichsweise ruhig auf der Messe, öffentlich ruhig - privat freilich wurde ich mehrfach angesprochen, teils sogar beglückwünscht, von Leserinnen, Lesern auffällig weniger. Stärker ins Zentrum gerieten >>>> Helmut Schulzes und meine Nachdichtungen. Die anfangs gar nicht am Stand lagen; die Druckereien hatten geschludert; Verlegerfreund Haacker war also fuchsig. Statt nachher pünktlich auf der Messe zu sein, wird er heute erst einmal zur Poststelle fahren müssen, um die Pakete abzuholen.
Der Joyce aber kam - in zwanzig Vorab-Exemplaren; eine Mitarbeiterin der Druckerei brachte sie im Koffer vorbei. „Die packst jetzt du aus“: so Haacker:

Auspacken

Ich habe, wie Sie, Freundin, wissen, gegen das Querformat starke Vorbehalte gehabt, nun mußte ich Abbitte leisten. Selbst >>>> Friedrich Forssmann war entzückt, mit dem ich bei Suhrkamp wieder zusammensaß - auch übrigens von der Idee eines von zwei verschiedenen Ichs, nämlich Schulzes und meinem, verfaßten Nachworts („In zwei Kammern musizieren“).
Benoit kam vorbei, ich erzählte ihm, in Radebrochen aus Französisch und Italienisch, die Geschichte von Meere. Wär doch für Frankreich ein ideales Buch. Als er weg war, eine SMS an Elvira getippt, die muttersprachlich Französisch spricht: „Kannst du um 15 Uhr bitte hier sein?“ Da saß sie noch im Flugzeug und eilte dann quasi fliegender Koffer herbei, schaffte es nicht pünktlich, aber Benoit war ohnedies nicht erschienen. Ich hatte, als er den neuen Termin hinzupreßte zwischen zwei Zeilen, seinen Timer gesehen; er war also irgendwo hängengeblieben. Is‘ messenormal, tat mir nur wegen Elvira leid, mit der ich nun erst einmal zu den Österreichern abzog - aber nicht, bevor wir auf die Kammermusik nicht alle angestoßen hatten:

Auspacken

Mit Meere zu „den Franzosen“ ziehen würden wir ohnedies am kommenden Nachmittag, also heute; Haacker hat mir eine Einladung zu einem Empfang zugespielt, die ich an Elvira sogleich duplizierte. Für sie wiederum war noch eine Messekarte für den Freitag zu organisieren, was sie selbst, bei den Österreichern, tat. Für den striktsprachlichen Deutschen eine - wie zerstritten auch immer nach innen - in- und umeinander gebundene Gemeinschaft, Sprachgemeinschaft: Es sind nicht so sehr die tatsächlichen Ausdrucksgebilde, also das Vokabular, sondern der Klang ist es, was Identität schafft. Wieder einmal der Klang. Ich erwischte mich dabei, wie ich aus, sagen wir, >>>> Heimat bzw. Zugehörigkeitssehnsucht den Impuls hatte, ihn zu kopieren, und mußte mich wirklich beherrschen, es nicht zu tun. Ich weiß aus Erfahrung, wie ungut sowas bei den Menschen ankommt. Es wär in der Tat auch Nachlässigkeit, letztlich Kitsch, mit dem Einsamkeit ja gerne verschmiert wird. Nietzsche schreibt, es sei kalt in den Höhen. Damit müssen wir es aushalten, weil eben auch mit ihr.
So auch mit Vergeblichkeit, ja Fügung & Verpflichtung. Mit Treue, Klarheit & Ambivalenz - ein indirekt ständiges Thema zwischen Haacker und mir. Selbstverständlich bekam Elvira es mit.
Ich sah sie an.
Sie sah mich an. Nachts schon, der Freund und ich hatten sie zur SBahn gebracht.
„Leben“, sagte ich.
„Leben“, sagte sie.
Davor ein „das“ wäre redundant gewesen, zumal der Freund beiseite stand; doch gibt es herrlich-innige Bilder der beiden, wie sie Rücken an Rücken die nächtliche Skyline fotografieren, ihr, der zarten Frau, schmaler Hinterkopf auf einer seiner mächtigen Schultern. Kurze Momente einer ungeheuren Wahrheit, „ungeheuer“ ist keine Stanze, denn sie in ihrer gewissen Helligkeit um so viel mächtiger als er. Da stand ich abseits, aber anders als er nicht diskret, sondern dabei, mir das Bild präzise in mein Bewußtsein zu brennen.
Sie stieg ein, winkte vorgebeugt und, sich im Voranschreiten dabei rückdrehend, mehrmals, fuhr fort. Wir zwei Männer wie von der Bühne ab, VORHANG. Wobei hinter ihm dann noch gesprochen wurde, vor der erleuchteten Silhouette des nach wie vor eindrucksvollen Bahnhofs schräg gegenüber den ehemaligen Verlagsräumen von Schöffling & Co. Zu „meiner“ Zeit war es hier noch wild gewesen, und „wahrer“: Die Banken, darunter die Puffs und Stripschuppen, vor denen wiederum die Junkies. Ich habe damals sehr dafür gekämpft, daß diese Wahrheit erhalten blieb. Heute finden sich von ihr nur noch Spuren - in der parallelen Münchener Straße etwa, der einzigen kulturell wirklich pluralistischen dieser Stadt neben den sexbrösligen Nebenstraßen von Mosel und Elbe. Die, wie ich sie damals nannte, Kathedrale des Fleischs hingegen ist fort; die romanästhetisch wahrscheinlich - zugleich als Faktur wie in der leidenschaftlichen Innigkeit- getriebenste und vorrangetiebenste Szene der >>>> Verwirrung des Gemüts spielt dort:

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Schließlich brach der Verlegerfreund in die eine Richtung, Gallusviertel, auf, und ich schritt noch einmal die alten Inspirations- und Imaginationsräume ab, dann über die gleiche phantastisch geschwungene Fußgängerbrücke im Nachtgeglitz sachsenhausenauf weiter bis zu meiner Bleibe.
Nur eines ist noch nachzutragen. Wie die Lektorin und ich auf dem Österreichempfang zu Herbert Wiesner über poetische Nähe sprachen gerade für das Lektorat. Thomas Kunst stand dabei, der sich wie Gerd-Peter Eigner lektorieren lassen nicht mag, während ich diese Arbeit ja liebe - aber sie nun erleben darf ohne künstlerische Distanzen. Elvira selbst ist mein Text - das habe ich zuvor nie erlebt; sie ist näher in ihm als ich selbst. Eine grandiose, auch herzschnürende Erfahrung... viel zu klein das Wort: sondern:: ein Erleben.
Wie sich Wiesners Gesicht, ein ohnedies schmales, noch verschmalte, als ich das Gebot der Distanz derart unterlief. Er war es ja auch, der zu den Bamberger Elegien nicht ohne Überheblichkeit gesagt hatte, „moderne Gedichte sind das ja nicht“, und auch da schon irritiert gewesen war, weil mich der Vorwurf nicht scherte. Ganz unruhig wurde er aber, als ich fest erklärte, wer immer fortan von mir ein Buch haben wolle, müsse mir diese Lektorin geben. „Na gut, sowas mögen kleine Verlage tun - aber große? Was machst du da? Ich meine, die haben ihre eigenen Lektoren...“ „Wenn Sie mir nicht Elvira geben, mache ich auch kein Buch.“
Ich weiß gar nicht, wie seinen Blick zu nennen, mit dem er mich da ansah. Man muß sich doch strecken nach Decke und Tisch. - Wer muß? — Jetzt aber auf! Wenn ich um halb elf auf der Messe sein werde, ist‘s freilich früh genug.

Ohne Titel



DRITTER TAG
Freitag, der 13. Oktober 2017

Chamber Music Pages
Joyce, Schulze, ANH: Kammermusiken II

Das härteste für einen obsessiv-leidenschaftlichen,
also egomanen künstler ist, sich kleinzumachen lernen -
aus liebe aber, nicht kalkül.

Saul Cechy, reflections


Irgendetwas muß geschehen sein, von dem ich noch nichts weiß. Selbst aber im Netz findet sich nichts. So bin ich auf tiefruhige Weise unruhig. Doch irgendeiner hat was gedreht oder eine Perspektive hat sich gedreht; bis sous mon peau ist es spürbar. („J‘ai toi sous le peau.“) Ich darf Ihnen, liebe Freundin, die vielen Begebnisse aber konkret nicht berichten - nicht in meinen öffentlichen Briefen an Sie, sehr wohl aber gelegentlich, wenn wir beieinanderliegen. Freilich ist auch dies eine ganz eigene Erfahrung, daß sich, wenn wir klug sind, manch Öffentliches nur intim erzählen läßt, um sein Erstehen nämlich nicht zu verhindern.
Späte Lehre der Tausenden Seiten, die Die Dschungel mittlerweise ist.
Nur soviel, immerhin, daß das Gespräch mit der Agentur - Sie wissen schon, des Ghostromans wegen -, exakt so ablief, wie ich es vorauserspürt hatte. Hunderte Tische, übrigens, parzelliert nach Ordnungszahlen („divisions!) wie die Gräber auf Père Lachaise, und auf einem jeden eine imaginäre Stechuhr, auf Viertelstunden getaktet. Zeit ist für das nötigste nur; selbst aber sie läßt sich mit unausgesprochen Angedeutetem unterlaufen. Persönliche Mitteilungen in Blicksekunden; ein Wimpernschlag genügt. Man sitzt ja auch eng an eng und hört die Gespräche der anderen - anderen Agenturen, anderen Verlagen, anderen Produktionsfirmen mit. So kann ich mir denken, daß jeder einen so eigenen Code der Verständigung verwendet wie die Gesangszeilen sind der catanesischen Fischverkäufer, aus jenen Hans Werner Henze eigene Komposition gemacht.
Der zweite Agenturtermin, abermals in Sachen Contessa, heute, und morgen, zusammen mit meiner französischflüssigen Lektorin, in eigener Sache bei „den“ Franzosen: Traumschiffs- und Meeressache. Dazu wird abends schließlich >>>> Peter Grimes gut passen, wohin ich eingeladen bin. Wobei Monsieu B., mit dem wir uns gestern verabredeten, noch enger getaktet war: nach zehn Sekunden. Allerdings auf einem Empfang. Es läßt sich behaupten, er sei umlagert gewesen.
Elvira und ich sind uns einig: Wir mögen die Frankfurter Messe, anders als viele andere, die sehr schnell klagen und den kommoderen Leipziger Leseteppich vermissen, den fast nur freundlichen Austausch quasi Gleichgesinnter (gleich Gesonnener); da aber eben geht kaum Geschäft. Wenn wir von den Tausenden absehn, die sich in Frankfurt ihre Patchworktapeten zusammenstellen (einem anderen Zweck kann die geradezu in Koffer gepreßte Sammelei von Verlagsprospekten kaum dienen), liegt hier - und zieht auch - das business blank. Da ist wenig Zeit für Getüdel. Dies eben macht diese Buchmesse wahr. Und wir, die Dichter, spüren: Wir sind Objekt. Mehr noch vielleicht spüren es die Dichterinnen, die indessen gelernt haben, auf ihre Erfahrungen mit Männern zurückzugreifen und wo man die Wünsche am Schwanz zieht, der, wenn es gutgeht, ganz unerfüllt bleibt, umso mehr will und sich schließlich im Sublimieren befriedigt, nämlich dem Buch. Und befriedet für einige Zeit.
So fiel mir zum einen, wieder und wieder, Man Ray ein („Die Banane ist groß, doch ihre Schale ist größer“), zum anderen - siehe oben - die nichtironische Perspektive Saul Cechys.
Jedenfalls nahm die Lektorin mich zur Standlesung eines anderen, jüngeren Schriftstellers mit, den sie betreute und betreut: >>>> Paul Auer. Er las für einen kleinen Sender ein; die Hörer:innen daheim werden mehr verstanden haben als die wenigen live auf den Stühlen, diese umbrandet vom Lärm der Passierenden und dem Lautsprechertosen einer anderen Lesung gleich hinter der Wand. Doch was ich spürte, war, der Junge hat Kraft - also sein Text hat sie, erschienen soeben bei Septime:

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Hinterher ein nettes Plaudern, nur kurz, freundlich, freilich fremd: verschiedene Generationen. Aber doch wirklich Talent, und der Bursche hat auch wirklich was zu sagen. So kommt es zu zumindest Momenten romanpoetischer Wahrheit. Soweit ich‘s, Freundin, hören konnte; immer wieder beugte sich die Lektorin, neben mir sitzend, mir zu, um meine Aufmerksamkeit zu lenken. Dieser Lärm halt um uns her. Ich werde mir das Buch nachher bei Septime besorgen; das beste wäre, Sie tun‘s auch.

Später, am Nachmittag, stellte Arcos Haaker bei den Georgiern Grigor Robakidse und Nikolos Baratschwili in deutscher Übersetzung vor; letztren fand ich fade, der erstre schlug bei mir ein. Icch müßte etwas ausholen, um zu erklären, vielleicht. Dazu ist die Zeit nicht. Vielleicht werde ich es in einer Messen-Nachbetrachtung tun oder dann, wenn ich das Buch gelesen habe. Was aber plötzlich mich ansprang, war: Dahin willst du reisen, das willst du sehen, riechen schmecken. Denn Kolchis sah ich plötzlich, sah die in den Acker gesäten Fafnirszähne - und auch schon Daniela Danz hat in mir eine vibrierende Imago des Schwarzen Meeres bewirkt, die ich „nur“ vergessen hatte. Dieser ganze Bereich Europas ist für mich ein völlig verborgener Kontinentteil.
Doch etwas anderes noch war hier bemerkenswert.
Ich habe Haacker einen nachgelassenen Koffer des großen Gerd-Peter Eigners geschenkt. Sie machen sich, Freundin, keine Vorstellung von seiner, Haackers, Freude. Dieser Koffer nun, und mit und ihm Eigner selbst, setzt sein Leben so fort:

Ohne Titel

Dies nun ist auch mir selbst eine Freude. Es gibt nämlich eine Poesie der Dinge, die allen Menschen verschlossen ist, wenn sie nicht glauben können, vor allem aber nicht verstehen, ihre Glaubensgründe sich selbst zu erschaffen. Die nicht aufladen können.
Und schon wieder muß ich mich sputen. Aber doch dies noch: Als ich im Frankfurter Literaturhaus stand. Welch ein Pomp! Welch ein falscher Vorschein in dieser grauenvollen Innenarchitektur:

Auer Arco Messe17 ff

Restauriertes Gründerzeitsgehochmetz umgekehrt proportional zur tatsächlichen Bedeutung. Dabei war dieses Gebäude, als jahrzehntelang nur der Portikus stand und dahinter daran ein Container eines der bemerkenswertesten Architekturen Frankfurtmains gewesen; immer hatte ich damals davor die Salomé inszenieren wollen. Jetzt wär es ein ebensolcher Kitsch wie die neue „alte“ Römerzeile - und selbst der Römer, gestern zur Langen Nacht der Literatur (bestimmt einzwei Kilometer Warteschlange davor), war auf eine derart geschmacklos-süße Weise angestrahlt, daß sich Dichter:innen von Rang weigern müßten, dort aufzutreten. Doch alle - na gut, fast alle - machen das falsche Spiel gegen Münze und Bedeutungswahn mit. Am Ende liegen aber auch sie „zusammengekauert wie nie zur Welt gekommene Tiere“ (Artur Lundkvist; aus einer Lese-Erinnerung zitiert, deren für den sehr jungen Mann enorme Erfahrung vier Jahrzehnte zurückliegt. Hier nun, gestern, aktivierte sie sich.

*

VIERTER TAG
Freitag, der 14. Oktober 2017


Zu spät und schwer hinein, zu schwer und spät hinaus und willens nicht genüge, heute von gestern viel zu erzählen. Doch saßen wir im kalten Herz der Messe, das ihr Treibstoff zugleich ist. So verbrennt es sich selbst:

Agenten, unter der Messe das Herz


Stellen Sie sich Freundin, dieses Bild nach rechts gespiegelt vor und beide Bilder dann noch einmal hinter Ihren Rücken. So gewinnen Sie ungefähr einen Eindruck.
Es war lehrreich, kalt, orientiert auf ein Ziel; man kann damit leben, weil es so klar ist. Verlangt wird Kalkül. Was Dichtung eigentlich ausmacht, hat keinen Raum; um Literaturen geht es, die Menschen führen: Sie bestimmt auf den Punkt, was sie fühlen. Hier wird gemacht. Daß ausgerechnet ich da hineinkam, die hochsensible Elvira zur Seite - die aber ungeheuer wütend werden kann, was ich vorher und anderswo erlebte. Da ging‘s um, nein, ich sage es nicht.
Morgens auf dem ledernen Futteral des Ipättchens eine Notiz, die ich des nachts geschrieben habe, ich weiß nicht mehr, wie und warum:


Nachtzettel

Wie „Mensch“ durch „Welt“ hier ersetzt ist. Wie in dem „lebst“ das „i“ des „wie“es mitschwingt; eine Subversion des Gefühls, eine Mahnung. Nach >>>> Marie-Thérèse Kerschbaumer geschaut, von der Elvira mir sprach, sie solle Meere lesen; ich dachte nun, als ich eben schaute, ob nicht die Elegien „besser“ paßten? Und legte ein Bändchen dazu. (Wie mir Betonungen zu Kursivierungen werden; doch müßten sie Sperrungen sein). Am Abend mit Christoph bei >>>> Phyllis gewesen; da nahmen wir die Aeolia: Seit langem, langem las ich wieder draus vor. Es gibt dieses Buch nicht mehr; im Handel war‘s ja auch nie. Nun überlegt der Verlegerfreund, des‘ Schmerzen und Freuden ich teile. Wer immer behauptet Melancholie | sei voll der Süße | spürte sie nie.

(Eine andere Freundin zu einer, Freundin, Freundin einst: „Was hilft gegen Männer? - Mehr Männer.“)

*

FÜNFTER TAG
Sonntag, der 15. Oktober 2017

[9 Uhr
Keith Jarretts Schostakovitsch, Präludien und Fugen op.87]

... und so klang gestern, nach >>>> einer grandiosen Aufführung von Brittens Peter Grimes, die Nacht aus:

Main

Drei Freunde, jeder auf seine Weise melancholisch, sprechen über die Frauen und Musik, jede auf seine Weise zärtlich. Es roch von der Nachbarbank gewürzig-süß nach Haschisch. Wiewohl von völlig anderer Art, hätten wir nur fragen müssen. Da ich den Duft zwar mag, sogar sehr, aber selbst nicht kiffe, nahm ich nicht die Initiative, und den drei arabischkehligen Jünglingen, die auf Kunden warteten oder weiblichen Wildes harrten, waren wir drei Männer zu fremd, als daß sie uns angesprochen hätten. Zugleich fanden sie uns offenbar durchaus akzeptabel. Des Mainglitzers Wasser, wie ich‘s in einem frühen Gedicht einst formuliert, umhüllt uns sechs in Magie. Jemand radelte hindurch, der nachts Getränke aus einer Sporttasche vertickt. Ich erstand ein Bier, überließ den guten, sehr guten Wein den Freunden; ich mag den kleinen Schwarzhandel, den ungeordneten, spontanen - der „einfachen“ Menschen, die sich wehren, nicht etwa der großen Firmen mit ihren Steuerfluchten. Gesetze dürften nicht gleich, sondern verschieden müssen sie sein: ganz wie die Menschen selbst. Anders sind Gesetze nicht gerecht, sondern was sie teils seit jeher waren: Ausdruck von Macht.
Tags die letzten Gespräche, ein wichtigstes dabei - wieder oben im Saale der Agenten. Elvira, auf Französisch, führte es eindringlich intensiv. Es ging um die Übersetzung, erst einmal, von Meere. Jetzt wird wieder >>>> Prunier gefragt sein; ich werde ihm morgen schreiben. Soweit ich mich erinnere, hatte er seinerzeit schon angefangen, das Buch zu übertragen; Madame P. möchte nun gerne Proben sehen. Viel wichtiger aber ist, daß sie sich, falls sich ihr Interesse bestätigen sollte, die Weltrechte sichern möchte - für mein ganzes Werk. Da habe ich nun einige Gespräche mit meinen Verlagen vor|zu führen. Wiederum >>> Wieser möchte meine Gedichte sehen. Zwar sagte er gleich, „denk aber bloß nicht, daß sich von sowas viel verkauft“, doch geht es mir auch um etwas anderes: Ich hätte nämlich dann ein Standbein in Österreich und fiele nicht immer durch die dortzulande auf Österreich selbstkonzentrierten Regelungen der Förderungen durch. Was eben auch Lesungen anbelangt, Auftritte insgesamt. Und dann liegt Klagenfurt auch noch einem Europa nahe, das mir bis heute fast verschlossen: in den Balkan hinunter. Und sowieso hat Kärnten nun schon einige Male sinnelockend ge- — droht wollte ich schreiben, was aber nur zum Teil stimmt. Ich assoziierte Liebe immer mit Verlust und Leben mit nicht Tod, nein, prozesssual dem Sterben - wobei, liebe Freundin, erstens „dem“ schon falsch ist und der Impuls-selbst ganz ohne Absicht, vielmehr ein Instinkt ist.
Für die Gedichte taten sich noch zwei weitere Möglichkeiten, mögliche Möglichkeiten auf; sie, die Gedichte, müssen unter Dach & Fach sein, bevor der Béartzyklus fertig ist, für den ich dann ebenfalls werde suchen müssen, für ihn aus anderen Gründen als für die vorherigen Gedichte heikel. In Berlin wird die Ablehnung durch den Deutschen Literaturfonds liegen; mein Sohn öffnet meine Post ja nicht, sondern legt sie nur zu einem Haufen auf meinem Schreibtisch zusammen.
Dielmann huschte vorüber, arg das freundlichste Gesicht. Ich (fiel und) falle wieder darauf rein. Er bestätigte mir denn auch, daß der Wolpertingerroman seit über einem halben Jahr nicht mehr lieferbar sei. Auch hier nun werde ich handeln müssen. Schon Meere, in der persischen Fassung, ist ihm ja nun aus den Händen genommen.

Heute abend Essen mit Do. Auf der Messe, gleich, nur noch Buchschnäppchen, für die Geliebten, die Freunde, die Kinder, vielleicht auch ein bißchen was für mich. Und morgen, dann noch einmal hier, eine Abschluß-Nachbetrachtung, bevor ich mich auf den Weg >>> nach Karlsruhe machen werde, zur dritten Meerelesung des ersten Meere-Veeranstaltungsblocks.

***

III, 333 - Des Heimats Mondzwiebeln

Die Hawaii-Inseln auf dem linken Unterarm fangen langsam an zu verblassen, Maui ließ sich nicht blicken. Die Hauptinsel selbst zögert mehr als die Nebeninseln. In ihrer Mitte stülpt sich eine rote Vulkanblase. Die abzukratzen ich mich nicht getraue.
Vorerst brauche ich also keinen Äskulap und Dermatogeographen.
Wie ich mich auch nicht getraue, auf den Begriff Heimat einzugehen, und ihn im Grunde auch nicht brauche. Zwar las und likte ich gestern einen Essay dazu im >>>> ‘Tagesspiegel’. Sinnigerweise natürlich mit einem Bild von Gartenzwergen. Gestern behauptete ich noch, darauf eingehen zu wollen, oder wie ich schrieb: “Kein dummer Essay, sieht mich selbst ko-involviert im ständigen Umschiffen dieses Begriffs, dem Herkunft anhaftet und auch so etwas wie Identität, selbst wenn ihre Hilfsanker längst woanders auf Grund gelaufen... darüber laut nachdenken zu gegebener Zeit…”
Rubbish! Nee, mach’ ich kein Politikum daraus. Verfänglich allemal. Auch die Katalanen haben eine Heimat und ihre Sprache, und in gerade der liegt Unabhängigkeit.
Sie, Heumahd, macht sich einfach nur ab und an bemerkbar.
Die beste Heimat-Alliance mag vielleicht vor fünf Jahren gewesen sein. Abschlußabend des Schützenfestes, Absingen von ‘Kein schöner Land in dieser Zeit’. Mein Cousin schaute mich verwundert an, weil ich die Stimme so recht schön und auch sehr teilnehmend klingen ließ. Gefiel-Gefühl. Als Kind schon diese Schützenfestabschiedsmelodie. Und in Dorfmitte tatsächlich Linden. Oder täusche ich mich? Eher waren da doch Roßkastanienbäume. Jedenfalls auf der anderen Straßenseite im Vergleich zu der anderen, die mir gerade in den Sinn kommt. Also dort, wo der Bäcker war, der, wie es hieß, damals in der SS war. Von der Familie hat sich jede Spur verloren. Ok, man kaufte ‘Amerikaner’ dort und ‘Kunsthonig mit Bienenhonig’ und meinetwegen auch ‘Lachsersatz’ und ‘Rübensirup’ (so eine Art gelber Becher).
Fast schon etwas, wie in der Kirche ‘Ein feste Burg’ mitsingen.
Komm’ ich jetzt doch in diesen Heimat-Diskurs?
Sicher, wenn einer den ganzen Tag brotarbeitshalber über Hölderlin reflektiert, wird ihm, der’s tat, auch nicht un-heimlicher, aber eben doch irgendwann der Müdigkeit ein Freund. Und nicht zu vergessen:
“The potatoes hiss.” (Sylvia Plath) Abgießen. Weiterschreiben. Auf die Uhr schau’n.
Schauinsland.
Der Wald aber stehet nach wie vor. Das sind auch die ausgedehnten grünen Flächen auf der topographischen Karte. Der Hainmahd.
Nein, der Hei(l)mat-Diskurs ist politisch immer fehl am Platz. Seine Valenz ist das Sofa, auf dem man sich niederläßt, um in die Glotze zu schauen und sich über die Welt zu wundern.
Ich bin gern, wo ich bin. Und wär’s auch dort.
Im Grund’, es hüdert ihn und ist ihm ein Gemauch, dem beizukommen es des Heimats bedarf. Der Heimat? Was ist das? Klar doch, wo “the moon’s celestial onion, / Hangs high.” (Sylvia Plath, Soliloquy of the Solipsist).
In diesem Sinne.

III,332 <<<<

Der Vater ist es. Das Arbeitsjournal vor der Frankfurtmainer Meereslesung des 10. Oktobers 2017. Darinnen zu Christoph Schröder ff.


[Bei den Pflanzen, die fleischlich, 7.33 Uhr
Keine Musik; zu sehr ein Schwirren im Kopf.]


Zwei Traumreste:

— Der Vater ist es, sagt zu mir jemand (eine Frau? ein Mann?), als es klopft. Es klopft aber von über der Zimmerdecke, durch die der Klopfende Einlaß begeht. (Ist ein Vertipper, ‚begehrt‘ muß es heißen; doch ist ‚begeht‘ auf schauerliche Weise treffend).

— Zuvor eine Frau, auf High Heels, sonst aber nackt, die sich auf einen Fahrbahnkreisel stellen und drehen und sich bücken soll und wenden. - Ich versuche lange, sehr lange herauszubekommen, welcher Kreisel es sei. Denn ich kenne den Ort, aber finde ihn in meinem Gedächtnis nicht wieder.
Es regnet in Strömen (im Strömen). Deshalb haben nach der „Session“ die Schuhe heftige Wasserflecken; imgrunde sind sie hinüber. Leider waren sie teuer. Nun entspricht aber die Heftigkeit dieser Flecken (sie lassen sofort an verschmiert eingetrocknetes Sperma denken) der Heftigkeit ihres, der Frau, Erlebens.
Ich war Frankfurt Süd abgefahren; so wird der Kreisel die Fahrbahnschleife vor dem Waldstückerl des Wäldchestags sein. Tausende Autos fahren dort täglich, und sie, die Frau, kann sich da zeigen - komplett anonym. Sie zeigt einen Teil ihrer Seele - den, der sich um ihren >>>> „dunklen Kontinent“ (L‘Origine du Monde) konzentriert und leiblich in das Organ führt. Es ist ein Übertritt, nicht nur moralisch, sondern in die Freiheit.
Dies interpretiere ich nachher; hätte ich das Spiel aber geleitet (wie ich es de facto schon tat), hätte ich es vorher zur Basis meines Kalküls gemacht.
Und dann klopft „der Vater“.

Meere reaktiviert Geschichte, damit auch Seelengeschichte, und zwar nicht chronologisch, sondern als clusters. Deshalb ist es gut, daß die gestern von mir quasi verbitternd begonnene >>>> Diskussion nunmehr die Form eines Gespräches angenommen hat. Ich dachte ja zuerst, der Herr Schröder selbst stecke hinter dem gegnerischen Kommentator, oder einer seiner Lakaien. Da habe ich mich wohl geirrt. Aber selbst wenn, wird jetzt nicht mehr behauptet, sondern offene Stellung bezogen, und die Schlagetots rutschen in ihre Futterale zurück. Statt dessen werden die Lampen gehoben.
Es ist schon erstaunlich, wie meine Depression von mir abfließt, sowie ich die Möglichkeit sehe, sie wieder sehe, sinnvoll zu kämpfen: Kampf, nicht Krieg, wie Bloch es formuliert hat. Kultivierter gesellschaftlicher Kampf. „Sexualität ist kein Spaziergang im Grünen“ hat es >>> die große Paglia ausgedrückt - und Liebe, Frau Paglia, ganz gewiß auch nicht. (Manchmal stelle ich mir vor, die „verehrte Freundin“, der ich viele dieser Arbeitsjournale als quasi Briefe schreibe, seien Sie: mein „Liebes Tagebuch“).

Gestern abend, wissen Sie, Freundin, saß ich lange mit >>> Phyllis Kiehl beisammen. Wir aßen, wir sprachen. Sie las diesen gräßlichen Text von Schröder, fand ihn dann aber gar nicht so schlimm. Er sei, der Herr Schröder, sagte sie mir, ganz sicher kein AfD-Wähler, aber erzkonservativ und - prüde. „Es ist zum Lachen“, sagte sie. „Schauen Sie sich nur >>>> seinen lokalen Wikipedia-Eintrag an: Ein Frankfurter, mit einer Frankfurterin verheiratet - ja!, das steht da wirklich drin. Extrem wichtig, finde ich, wenn Sie einen Kritiker einschätzen wollen. Jetzt wissen Sie immer gleich von den Würstchen bescheid. - Aber das waren nicht Sie, der den Artikel zum Löschen vorgeschlagen hat? Das hoffe ich zumindest. Es ginge uns doch Erkenntnis verloren.“
War ich nicht, klar. Ich bin prinzipiell gegens Löschen, schon weil doch immer Spuren bleiben, auf unseren Festplatten, in unseren Hirnen, in den Sedimenten. Dann kommt wer und gräbt alles aus, ein Künstler zum Beispiel oder eine Künstlerin. Schon (um es mal daktylisch mit Auftakt zu sagen) ist groß das Geschrei. „Arschloch!“ - Auch dieses, nebenbei bemerkt, führt in das Innerste, Ihres, Freundin, wie meines. „Zeig mir deinen Arsch, zieh die Backen auseinander“: ‚klassischer‘ Fichtesatz. Mit Grimmelshausens Landsknecht gesprochen: Ich will endlich sehen, was das ist, ‚Seele‘. Deutlicher läßt sich Verzweiflung nicht ausdrücken und nicht, wie wir es schaffen, aus ihr Lust zu destillieren. Keine Seele ohne Stoffwechsel. (Deshalb ist nichts so falsch wie das Paradies.)
Wir sprachen auch hierüber, Frau Kiehl und ich. Wer >>>> ihre Bilder kennt, die und den kann das nicht wundern. Ihret-, also der Bilder wegen wurde ich sogar macchiavell. Das Gespräch gab mir Gestalt zurück, Haltung außen (ein Exoskelett) wie aber auch innen. Haben Sie großen, sehr großen Dank. Anders wär ich verloren gegangen. Als wieder Herr - das ist ein Mann mit Form - ging ich heraus. (Der Nachteil daran ist: man(n) muß nun das Essen bezahlen und auch den Wein. Man tät es aber selbst dann, und zum Verdammtsein gerne, läg Schmalhans‘ Küchenmeister dir zum Bettgenoss‘ oder - wenn du hetero bist - seine, sagen wir, lydische Aushilf‘.)

Ein bißchen nervös bin ich wegen heute abend freilich ohnedies, doch nur, weil ich um Publikum bange. Herrn Gerhard Schröders Artikel ... - ähm, Christoph natürlich, Verzeihung - ... hält in jedem Fall das Frankfurtmainer Bürgertum fern, das leider es ist, Bücher auch zu kaufen.
„Die High Society liest doch nicht das journal Frankfurt!“ rief Phyllis Kiehl hiergegen aus. Außerdem sei sie, also diese, bzw. dieses sowieso auf der, nun jà, „Konkurrenz“veranstaltung mit dem neuen Buchpreisträger und Eva Demski. Dort, nicht bei mir, lasse sich ‚repräsentieren‘ - „das ist bei Ihnen schon kunstästhetisch nicht drin.“ - Schtümmt. Dennoch wäre es absolut übel, weil für die Christophgerhards der Welt ein Triumph, säßen bei mir nur zehnelf Leute herum, von denen ich obendrein elf Zehntel kennte. Davor, ja, habe ich Angst. Ich habe es zu oft erlebt, um eine solche Demütigung weiterhin mit poetischem Glauben balancieren zu können. Ich meine, Freundin, bei Wondratschek neulich, in Berlin, war auch nur eine Handvoll - bei Wondratschek!, echt! (Oh-der-Vater-klopft-an).

„das im Wasser gespiegelte Strebwerk“, ein Wahnsinnssatzteil aus Bild und Vokabular - mehr möchte, muß und darf ich zu meinem heutigen >>>> Ecker nicht sagen - außer vielleicht noch, daß ihm, also Ecker, Böhmen nicht am Meer, sondern an der Seine liegt:

Ecker Andere Häfen (amazon)


Seien Sie umarmt.

Mantra und was (k)ein Gedicht sei. Das Arbeitsjournal zum Sonnabend und Sonntag, den 7. und 8. Oktober 2017. Seminartage. Dazu von Kermes Lava.


[Vor den Pflanzen, die fleischlich, 5.35 Uhr
Lutoslawski, Präludium und Fuge]
Bei Ecker gestern ein frappierender Satz: „ (...), denn er ist schwach oder die Liebe ist echt.“ Das sind so Formulierungen, die einer und einem unter den Füßen die Böden wegreißen können. Obwohl es weniger ein reißen als ein fast nur erahnberes Wegsacken ist. Schon auch - Sie müssen, Nahste, nur zur nächsten Seite umschlagen -: „ (...) und sie refft“ - refft! - „ die Kleider, um ihre Nacktheit zu verdecken und flieht auf Seite 150.“ Ich sehe nach, in den >>>> Anderen Häfen freilich, und müßte dankbar sein. Doch bin ich es nicht.
Dankbarkeit war nie recht meine Stärke. Der Satz brach eben leise aus mir herein. Stimmt er, stimmt er nicht? Darf und mag ich ihn schreiben? ‚Mögen‘ sicher weniger. Woher bezieht er sein Recht außer aus dem Umstand, daß er plötzlich da war? Was aber ist das, ‚plötzlich‘? Glaube ich es? Glaube ich an Grundlosigkeit? - Freundin, da liegt das Problem. Deshalb muß ich ihn schreiben und mich von mir selbst ungerecht behandeln lassen, indem er mich in ungünstiges Licht stellt.
Das des vergangenen Mittwochabends war mir entschieden gewogener, sofern wir >>>> den Fotografien Gaga Nielsens vertrauen. Das müssen ja nur wir beide tun, um eine andere Wahrheit in ihm zu erkennen.

Seminartage.
Die Gruppe ist mit sechs Personen klein; das erlaubt es, die Unterschiede in Zugängen und Vorwissen auch in den Temperamenten einigermaßen auszugleichen. Aber zu meinem leisen - alleine diesbezüglich - Traurigsein nicht ganz. Da ist mit den Fingerspitzen zu leiten, was nicht ‚zu führen‘, sondern, vielleicht, ‚zu verführen‘ bedeutet - hinaus aus der vorsichtigen Obacht. Immerhin brachte ein langes Gespräch nach dem langen Seminartag gestern, auf der Berger draußen unter einer Markise und bei gelegentlich angedeutetem Regensprüh, indessen bei Cigarillo und Wein, - brachte mich also dieses Gespräch darauf, heute mein seinerzeit in ganz anderer Konstellation gelungenes >>>> Scelsiexperiment auch hier im Seminar zu wagen. Anlaß war freilich auch ein konzentriertes Lyrikgebilde einer der Teilnehmerinnen, in dem die Kraft eines Mantras vibriert - noch nicht de facto, es war noch nicht rein genug, aber als Nukleus, der innen schon an der Eischale pickt.
Die verfluchte Wahrheit des „keine/r muß, sonden kann“. Da ist dann eine Pädagogik erfordert, über die ich nicht verfüge - gerade ich nicht; nicht mal verfügt sie über mich. (Auch ein Satz, zu dem sich meditieren ließe). Ich darf nachher den Lautsprecher nicht vergessen.
Wir reden darüber, daß uns die Formen davor schützen, den Anlaß unserer Gedichte zu verraten, etwa an den Kitsch, darüber, daß die Form dem Gedicht die Evidenz von Autorität verleiht, deren privates Wahrsein erlischt, wenn es öffentlich wird; auch sie muß dann - oder sollte es - öffentlich sein. Wir schreiben immer auf all dessen Folie, was war (all deren, die waren). Um es in Freiheit tun sie können, müssen wir sie kennen.
Wir sprechen über Pathos, viel. Ich meine, die Leute haben sich bei mir angemeldet, nicht etwa bei Henscheid oder Gernhard - wobei der nun freilich schon tot ist, Friede seiner Lürik. Also bei mir, der bekannt fürs Rümpfen seiner Nase ist, wird ohne Herz und Geschlecht rein aus dem Kopf hinein in alleine die Köpfe geschrieben. Hab ich nicht gesagt, könnt‘ ich aber noch tun: daß Gedichte penetrieren sollten, etwas weniger machistisch, doch dann eben kitschig ausgedrückt: berühren. „Was ist an einem Buche gelegen, das uns nicht einmal über alle Bücher hinwegträgt?“, Nietzsche. Feuer, Freundin, Sturm, Besinnung, Meere.

À propos. Gestern nacht schickte Do, in deren Wohnung ich unterkam, derweil sie bei ihrem Gefährten schläft, die Mitteilung, das >>>> Journal Frankfurt habe >>>> die Meere-Lesung des kommenden Dienstags auf Platz 1 der Terminempfehlungen dieser Frankfurter Buchmesse gehoben. In der Printausgabe, online finde ich es nicht. Eitel genug bin ich ja nun, da mal nachzusehen. Vielleicht liegt >>>> im Forum ein Exemplar herum.
Hingegen ich mit meinem heutigen - bislang alleine diesem - Morgentext von Ecker nicht viel anfangen kann. Mein Interesse zerbröselte an dem fehlenden Sinnelement des folgenden Satzes: „Sie spielen es täglich, als hätten sie es nie zuvor gespielt, und gehen völlig im gemeinsamen - absurd anzunehmen, die Begeisterung am Spiel könnte bis in alle Ewigkeit anhalten!“ Was fehlt vor dem Gedankenstrich? Mach ich mir darum Gedanken? Wozu? Doch auch das Ausrufezeichen leuchtet mir nicht ein, geschweige daß es mich riefe - was solch ein Zeichen doch tun sollte.
Angesichts der anderen meist sogar grandiosen Kabinettstücke dieses Bandes ist mein Einwand allerdings eine Beckmesserei. Nur ist das Problem eben eines der Fallhöhe; unerfüllte Erwartung verstimmt, wo man bei Minderen sich sogar glücklich fühlte. Kunst ist fast noch ungerechter als das Leben, um vom, sagen wir, Sozialen besser ganz zu schweigen. Ich meine, aus irgendeinem Grund muß ich zu meinem schlechten Ruf ja gekommen sein. (Verzeihn Sie, Freundin, wenn ich lache; es ist nicht wirklich Heiterkeit.) Aber schön singt sie, >>>> die Kermes, jetzt. (L a v a, sic!)

Der Begriff ‚penetrieren‘, oben, war korrekt, ist zugleich aber, poesieerotisch, ungerecht, also, ich gesteh es, unangemessen. Denn welches Wort wähle ich für Frauen? Ach, solln sie selber wählen! (Wer war das neulich, sich ganz zurecht über das Idiom ‚sich auf etwas zu versteifen‘ zu mokieren? So etwas geht mir nach.) - Ach so: mit den Händen die Takte in der Lyrik schlagen, „aus dem Geiste der Musik“. Wird heute eine Übung werden.

Ihr, Déesse,
admirador

III, 332 - Atlas der kleinen Welt

Als Wort ergibt weder Honolulu noch Hawaii noch auch beides zusammen in den Anagramm-Maschinen ein Anagramm. Nach “null” bleibt von Honolulu “hoou” übrig: oho! Somit etwas wie “null u. oho!”. Es gibt aber auch geographische Anagramme. Irgendein geheimer Biomechanismus schrieb mir ein solches Anagramm auf den linken Unterarm. Nur die Augen merkten’s, sonst war nichts zu spüren. Rot unterlaufene Flecken. Die größte und erste Insel in die Mitte gerückt, also Hawaii, gleich links daneben Oahu, entsprechend versetzt Molokai, Lanai und Kahoolawe, Kuai noch etwas blaß, Maui muss aber erst noch erscheinen. Fehlt irgendwie. Juckt aber auch nicht. Es schreibt sich die Haut immer mal wieder selbst oder selber. Die Nebeninseln von Hawaii tauchten erst zwischen gestern und heute auf. Wann, weiß man nicht. Man merkt’s erst beim Umziehen. Und natürlich der Gedanke, es Äskulap zu zeigen, dem Dermatogeographen.
Was schläfst du, Bergsohn, liegest in Unmuth, schief,
Und frierst am kalten Ufer, Gedultiger!

(Hölderlin, Ganymed)
Frieren nicht wirklich, nicht mal Bergsohn. Hügeleinwohner, schon eher, flachlandgebürtig, eigentlich. Und schreibest, zu später Nachmittagsstund’ noch ein Mailchen, ob denn diese Übersetzung einer Hauptseminararbeit (dahinter steckt eine deutsche Universität, aber der Text ist auf Italienisch) bestätigt sei, die sich deutend heranwagt an ‘Ganymed’ und ‘Der gefesselte Strom’, denn ich hatte seit dem Vormittag nichts mehr davon gehört. Sie sei, schrieb der Gewährsmann, bestätigt. Was alles auf eine Haut geht, selbst der Hölderlin als nunmehr Brotarbeit! Selbst die schwarzen Flecken auf der weißen Kuhhaut. Jedenfalls noch vor ehestem auf dem Cover von ‘Atom Heart Mother’. Paßt im Nachhinein irgendwie zum Friedensnobelpreis.
Natürlich ist bei Hawaii auch Paul Kuhn im nicht mehr so ganz jungen Hinterkopf. Was er da anfangs der Sechziger so alles mitbekam aus der Bildzeitung. Und wie mich die Kennedy-Geschichte aufwirbelte und der Mauerbau, während Freddy und Paul Kuhn und sonstwer sangen. Über Sylvia Plath war für mich nichts Wahrnehmbares in der Bildzeitung zu sehen, die der Vater von der Arbeit nach Hause brachte.
Abgesagt habe ich dem ‘Oltre il Visibile’-Fulvio dann doch nicht, weiß aber schon ungefähr, wie ich mich aus Affäre ziehe und ihr, Sylvia Plath, einen kleine Kotau fabriziere. Den Film sah ich mittlerweile bei youtube. Nunja, nicht ganz so verschlunzt, wie ich fürchtete. Aber eher doch auf Bildhascherei erpicht. Etwa ihr Profil, wie man’s kennt aus dem Plath’schen Proträtkanon: es wird oft und oft versucht, es zu reproduzieren.
Morgen nachmittag Märchenstunde für Erwachsene im Bioladen: “Una favola con il tè”. Die Märchentante sah ich schon: wallende weiße Haare. Ihr Vorname sei Genji. Worauf ich sie ansprechen werde. Auf diesen japanischen Prinzen. Nun ist es mir allerdings unangenehm, mich als Teilnehmer eines Teekränzchens zu sehen. Ich sollte so dreist sein, stattdessen ein Bier zu trinken. Fragte auch nach heute, um was es da gehe: um irgendwie Anthroposophisches, viel Grimm, und sie lese die Märchen auch auf Deutsch, bevor sie sich darauf einlasse. Nun gut, es diene als kleine Ablenkung vom Rest. The old curiosity. Ohne shop.
Kleine Welt! Und über das Dorf hinaus - ein Wort, das durch dreiste Zähne ging, erreiche dreißig Dörfer. Egger, Herde der Rede

III,331 <<<<

Ungeheuer der Vernunft. Das Arbeitsjournal des Freitags, den 6. Oktober 2017.


[Arbeitswohnung, 5.20 Uhr
Stille, auch durchs geöffnete Oberfenster
Erster Latte macchiato & Morgenpfeife]

Nein, Freundin, ganz zu rauchen aufgehört habe ich nicht, auch wenn die mich bisweilen treffenden – übrigens in dieser „Sache” so oder so – abschätzigen Blicke dies zu vermitteln scheinen: Die weiterhin rauchen, sehen in mir nicht selten eine Art Abtrünnigen, wenn ich an meinen eCigarren sauge und also „dampfe”; die e-Szene spürt, ich gehöre nicht zu ihr; die Nichtraucher sehen mich als einen Subversiven, der die Erinnerung an die Kultur des Rauchens nicht nur bewahren will, sondern auf ihr beharrt. Alles stimmt auch ein wenig. Unterm Strich bin ich einmal mehr nicht, wie sag' ich's?, eingemeind- und subsumierbar? In jedem Fall ist wahr, daß ich bewahren will, ganz wie in der Literatur; wahr ist aber auch, daß ich nach vorne gucke und mich das Vorne höchst interessiert.
Mit dem Bewahren ist es doch eine, abermals, „Sache” für sich. Es bewahrt sich, wir sind dazu gar nicht nötig. Der Unterschied besteht darin, ob wir es wissen oder unbewußt getreidelt werden. Die - meine Güte, diese S p r a c h e!, wie sie verdinglicht!! - Dinge haben sich eingeschrieben und wirken subkutan weiter; die mythischen Drachen tauchen in Spielfilm und Computerspiel auf und behaupten ihr altes, in der Aufklärung, schien es, verlornes Terrain, die Dämonen kehren durch den Computer zurück. Das Mittelalter ist ewig, heißt es in der frühen Kark-Jonas-Erzählung und wird bald zwei Jahrzehnte später zum durchaus diabolischen Leitmotiv des >>>> Wolpertingerromans. In der Zukunftswelt der Andersweltbücher packt ein Polizist seinen Waffensack. Nicht Schlamperei oder Fehler, wie >>>> Wilhelm Genazino mir einst vorwarf, sind solche Konstruktionen, sondern ein Erkennen. Was meinen denn, Verehrte, S i e, wieso wir solch ein religiöses Aufflammen wieder haben? Nein, nicht nur im fundamentalistischen Islam, auch bei den Christen, Sekten und allen Esoteriker:inne:n. Wenig hat dies mit der scheinbaren Unübersichtlichkeit der Welt zu tun; ihre Erscheinungen sind doch im Gegenteil zwar komplexer, aber auch durchschaubarer geworden. Wie ich gestern >>>> ChristineH geantwortet habe: Noch nie waren die Wege in das Wissen so groß und damit auch in die Erkenntnis dessen, was vorgeht. >>>> Jimmy Wales, der Wikipedia-Günder, hätte fürwahr den Nobelpreis verdient. Man wird ihn ihm nicht geben.
Es hat etwas damit zu tun, daß mehr oder minder unbewußt Entfremdungsprozessen gewehrt wird, die in mehr als gleichem Maß schärfer vorangetrieben wurden, als vielleicht selbst Marx es sich dachte. In Deutschland zumal, wo sich ein Mensch, der von klein auf das Land um ihn bebaut und mit ihm deshalb verwächst, verdächtig macht, wenn er an seinem Boden hängt: sofort wird „Blut” hinzugedacht, dazwischen das „und”. Doch Menschen reagieren auf Heimat; fühlen sie sie bedroht, wählen sie die AfD und damit aber erst recht, was sie entfremdet. Das ist die bizarr-paradoxe Struktur: in der sich globalisierenden Welt eine der Ausweglosigkeit und dreifach in sie hinein. Der dogmatische Modernismus führt in den Verlust der Rezipienten und schließlich in elitäre, künstlich am Leben gehaltene Zirkel, der pure Konservatismus ins Erstarren.
Wir müssen die Dynamiken verbinden, ihnen in den Künsten einen Ausgleich schaffen: Blick in das Neue auf dem – sic! – Boden des Alten, das auf das Neue doch zuführt, das nicht nur ein Reflex auf es ist, sondern es als Kern bereits in sich enthält. Daher mein, ist es denn einer?, Rückgriff auf die alten Formen. >>>> „Moderne Gedichte sind das aber nicht.”

Hierüber möchte ich am Wochenende mit meinen >>>> Seminarist:inn:en sprechen.

Um 14 Uhr geht meine SBahn zum Zug, um 19 Uhr treffe ich Do bei Paquale, morgen früh um zehn geht es los. Ich habe noch einiges vorzubereiten - „Bücher zusammenzustellen” dachte ich eben, bis mir, kaum eine Viertelsekunde nachher, einfiel, daß sich die großen Texte doch leicht übers Netz aufrufen lassen. Den „Rest” tut unser Gehirn, und das Herz. - Ah, sehen Sie?: Kommaregeln.
Weshalb hier ein Komma vor „Herz”, wo es grammatisch nicht hingehört? Liest es wohl jemand als Pausenzeichen? Viertel- oder Achtelpause? In der Tat, wie lange halten wir vor dem „und” den Atem denn a n?
„Du gibst deinen Lesern keine Freiheit”, so ein nächster der Vorwürfe, die ich mir lebenslang anhören mußte. - Nein, gebe ich nicht, denn man nimmt sie sich selbst. Sonst ist sie keine. Die Freiheit, die „man” uns gibt, ist illusionär.
Auch dies hätte ich Ana vorgestern abend sagen können: Wer auf die Bedürfnisse der Leserschaft zuschreibt, verunmündigt sie. Oder es ist der Ausdruck der eigenen Unmündigkeit, so daß sich die Unmündigkeiten wohlig ergänzen. Wir sind ein Volk. Keine Lektion der asymmetrischen Kriege gelernt.
Meine Bücher sind alle Guerilla. Der Literaturbetrieb hat es von Anfang an schon richtig gespürt. Kein eignes Erreichtes, auch nicht das meine, lehne sich wohlig zurück.
So auch heute nicht >>>> Ecker: „Der Hauptdarsteller sollte einem irgendwie bekannt vorkommen, ohne daß man genau sagen könnte, wo zuvor man ihn schon gesehen hat.”

Ecker Andere Häfen (amazon)

So daß ich eben dachte, er schreibe in solchen Stücken das „Projekt Kafka” fort, doch ohne daß wir in sonstiger Weise an diesen erinnert würden,vor allem nicht sprachlich. So sehr liegt's auf der Hand, und hat es zu liegen, daß Ecker kein Jurist ist.
Aber die Welt macht sozusagen zu, doch in definierten („sicheren”) Modulen: Moderne Gedichte sind das nicht. Und dieses einem, dem an anderer Stelle >>>> „die am weitesten vorangetriebene literarische Ästhetik im Zeitalter der Digitalisierung” zugeschrieben wurde; verkannt aber auch hier die Wirkmacht des Alten, die alle drei Romane durchzieht – bis zur Wiederverwendung des Hexameters in den Passagen des den Osten durchfahrenden „Achäers” und dem Bezug schon im ersten Band auf die archaischen Mythen, die wiederum Kühlmann im Wolpertinger erkannte. Es ist hochinteressant, daß beide Autoren, Kühlmann und Schnell, ganz verschiedene meiner Bücher favorisieren; auch sie bringen das Voraus mit dem Rückwärts kaum ineins.

Liebste Freundin, klar, Sie können nun sagen: So lange bleibt die Kraft erhalten. Dem mag auch so sein, aber nur dann, wenn die Leute die Bücher auch lesen und sie zuvörderst einmal kaufen. Da steh ich nun, wo Kleist schon gestanden und viele vor ihm, viele danach.

Was empfehle ich meinen Seminarist:inn:en? Das zu tun, was ihnen den Markt verschließt? Den Innenbewegungen der Kunst zu folgen, sofern sie sie spüren, auch wenn dies bedeutet, gemieden zu werden? Oder zeige ich ihnen, wie's die großen Schreibschulen tun, sich mit gutem Handwerkskönnen pfiffig in die bereiteten Betten zu legen? Die ja schon auf sie warten, jedes Jahr auf mindestens eine und einen?
Der deutsche Buchpreis schließt, was wirklich gärt, aus. Was nicht bedeutet, daß nicht hervorragende Autor:inn:en ihn bekämen. Doch, es sind welche darunter, aber eben auch nicht. So daß sich selbst der Büchnerpreis schon arg nach der Decke gestreckt hat.- „Für unsere Zeit auf paradoxe Weise zu gebildet”, hat über mich einmal jemand geschrieben. In der Tat, absurd, denn ich habe von so vielem keine Ahnung und bastele wie alle die Welt mir zurecht - worin ich indessen, wie jeder andere Verschwörungstheoretiker, auf Konsistenz achte, mithin auf die Harmonie des Text- und ergo Weltgefüges, das er darstellt. „Harmonie” ist hier freilich kein gefühliger Begriff des Wohlbefindens, sondern eher gefaßt wie das Verhältnis Schiwas zu Wischnu. Liebe ist süß, aber bitter. Wir sehen uns an und wir wissen, doch ist da kein Weg, keiner m e h r, jedenfalls keiner, den wir auch sähen. Und sollen nun sagen, wir liebten uns nicht?
Also wir schweigen und bauen am falschen Haus weiter. Wobei, was alles kompliziert, es dennoch auch ein richtiges sein kann, „auch ein richtiges”, eben, u n d zugleich, das aber das andere ausschließt. - Damit sind wir im Kern meiner Dichtung.
Wahrscheinlich ist es das, was die meisten Menschen sie nicht aushalten und gemeinhin ablehnen läßt. >>>> Es saßen drei Engel beisammen.

Der Engel Ordnungen

Keine Beruhigung, Freundin, so sehr dies auch schmerzt. Sich aussetzen, weiter. Uns, Liebste, aussetzen. Uns uns, uns anderen, anderen uns. Und davon uns erzählen. Der Schmerz geht tief, die Lust aber auch. Bisweilen erreicht sie das Ausmaß von Glück. Niemals, niemals lau sein! (Wen hab ich schon alles verwundet).
Mein Antipode ist Enzensbergers Primat des Mittelmaßes, das politisch - ecco: - vernünftig sein mag, künstlerisch aber das Ende. Nicht der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer; sie ist zu einem „selber” geworden.

„Hier hat sie immer gesessen.” Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 5. Oktober 2017. Am Morgen nach der Lesung. Was modern sei.


[Arbeitswohnung, 8.48 Uhr
Winbeck, Zweites Streihquartett]
„Schreiben Sie immer so intensiv?” fragte mich nach >>>> der Lesung eine Hörerin, die mit Meere in der Hand nach vorne gekommen war, um sich das Buch signieren zu lassen. Es kann auch sein, daß sie den Satz als Feststellung sprach. Ich weiß es nicht mehr – nur noch, daß sie sich auch nach >>>> den Bamberger Elegien erkundigte, mit deren letzter ich den Abend abgeschlossen habe. „In welchem Verlag ist das erschienen?” „Bei >>>> Elfenbein.” Was ihr nichts zu sagen schien, doch war nun der Name eingeprägt.

Bamberger Elegien

Moderne Gedichte”, sagte wiederum Herbert Wiesner später, der vorige Leiter des >>>> Literaturhaus es, „sind das n i c h t.” Ich antwortete: „Darauf kommt es auch nicht an. In der historischen Draufsicht ändert sich ohnedies, was modern sei.” Leider fiel mir die eigentlich richtige Ergänzung erst heute morgen ein: „Es kommt darauf an, daß sie gut sind, alles andere ist Tand.”
Weil eben Intensität tatsächlich das Schlüsselwort ist. Auffällig ist doch, wie so vieles, das auf „Modernität” angelegt war und sie oft auch erfüllte, keine zwanzig Jahre später vor Grünspan kaum noch zu erkennen ist, indessen anderes zu seiner Zeit Unzeitgemäßes einfach bleibt. Hierüber wäre in der Tat ein Gespräch zu führen. Elvira M. Gross (>>>> „Über das Wesen der Liebe in der Literatur”) hatte genau dies in ihrer unendlich sensitiv-sinnlichen Art während der gesamten Moderation deutlich zu machen versucht, und ich hatte den Eindruck, daß ihr viele Hörer:innen folgten. Das geradezu erschreckend-berauschende ist, wie ihre Haltung körperlich zu sehen ist – als gingen Wellen von ihr aus. Sie spricht fast durchweg nach innen, wobei die Verständlichkeit spannenderweise über den österreichischen Dialekt gewahrt bleibt... nein, nicht „Dialekt”, sondern „Sprachmusik”. Wo ich selbst hart wirken mag, oder sagen wir: unerbittlich, fügt sie eine Verletzlichkeit hinzu, die keines Herz verschlossen läßt. Sie ist für meine Dichtung in der Tat die beste Anwältin, die sie hätte finden können.

Zu Anfang der Lesung, als wir das Podium betraten, fand wiederum ich selbst zwei Geschenke an meinen Leseplatz gelegt, die Zigarren von dem Profi, der zu meiner großen Freude hinten im Publikum saß, und eine noch jetzt verschlossene Gabe mit rotem Bändchen von Ana, meines Freundes >>>> Broßmanns Gefährtin, der ebenfalls gekommen wa:

IMG_2777

Zu meiner Erleichterung war erstens der Saal zwar nicht ausverkauft, doch sehr gut gefüllt, und zweitens Elvira deutlich nervöser als ich.

[Winbeck, Fünfte Sinfonie]

Besonders spannend - weil nicht ohne biografische Ambivalenz - die Anwesenheit meines nun nahezu erwachsenen Sohnes, der seine eigene Zeugungsgeschichte zwar deutlich fiktionalisiert, aber für ihn spürbar zu hören bekam und möglicherweise nun auch lesen wird. Er ist sinnenhell genug, um hinter der Romangeschichte die Geschichte zu spüren. Der Text sei, sagte er später unten im Café, wie wenn man in eine Trance fiele – in eben die Wellen, auf die Elvira mehrmals als Gestaltungsprinzip und Eigenbewegung des Romanes hinwies. Sie hatte sich sowohl auf die Spuren von >>>> Lukannon gesetzt als auch Kiplings „Die Wellen” erkannt und schob nun die treibende Kraft dieser beiden Gedichte ins Zentrum ihrer Darstellung. Vorher, in unserem Vorbereitungsgespräch, wies sie auch völlig zurecht auf den Namen dieses literarischen Unernehmens hin, Die Dschungel eben, „auch das ist von Kipling; wieso konnte er solchen Einfluß auf dich gewinnen?”
Ich hatte Kipling früh gelesen, aber seine Bedeutung wurde mir erst durch Bemerkungen Jorge Luis Borges' klar, und zwar genau zu diesem Wellengedicht, dessen Formprinzip ich fast zwei Jahrzehnte später in Meere übernahm.
Es hilft, so etwas zu wissen – auch wenn Ana am Cafétisch monierte, ich schlösse mit dieser Art des Arbeitens sehr viele Leser:innen aus, die eben nicht über solche Bildung verfügten. Damit rührte sie an eine für Kunst prinzipielle Frage; wenn nämlich allgemeine Zugänglichkeit zur conditio sine qua non wird, wird sie sich in einer Zeit zunehmend verflachen, die Bildungsinhalte nicht mehr vermittelt. Deshalb gehört, dies zu tun – also zu bewahren – zu den „Aufgaben” der Künste mit. Sie sind ein Archiv unserer Herkünfte – und ihrer, das ist wichtig, Vermischungen. Wer will, kann es öffnen und betreten. Da paßt der heutige Morgen>>>>ecker geradezu unheimlich, in dem auch der schlaghafte Satz „Wasser ist das Gegenteil von Umblättern” steht:
Nein, nicht schlecht geschrieben, sondern schlecht gelesen. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? (…) Sie kennen doch sicherlich dieses blendende Gleißen, wenn umgeblättert wird, wenn zu rasch umgeblättert wird und man kaum noch nachkommt, Sinn in den Geschehnissen zu erkennen (…).
„Immerhin”, schloß Wiesner seine Kritik an meiner Nicht-Modernität (sie meinte allerdings nur die Poetik meiner Elegien, schlimmstenfalls meiner Gedichte insgesamt, nicht aber etwa meine erzählende Literatur), „... das hat man auch nicht oft, daß jeder Satz makellos ist.” Ein gespaltenes Lob, freilich. Denn den inhaltlichen, wohl auch formalen Weg mag es nicht teilen. Indessen mir der Profi vorhielt, ich läse hätte Hörer:innen mal wieder totgelesen – sprich: läse schlichtweg zu lange. Womit er vielleicht recht hat. Ich lasse mich von den eigenen Strömungen treiben, mag dann nicht mehr ans Ufer. Auch Elvira meinte, so gut die Elegie gepaßt habe, ohne sie wäre der Abend nicht weniger intensiv gewesen. Und – das Wort stimmt fast: – natürlich kam einmal wieder die Frage nach Hörbüchern auf, die ich selbst einspräche. Ich konnte nur antworten, wie ich es seit Jahren tu: „Es gibt keinen Markt dafür. Die Leute, die immer wieder danach fragen, garantieren nicht den Absatz, den solch ein Projekt wirtschaftlich brauchte.”

Gut, liebste Freundin, an die Arbeit. Allerdings werde ich vor elf noch einmal unterbrechen müssen, um durch den mal wieder Regen zur Fußpflege zu radeln. Ist mir wichtig, anders fühle ich mich unwohl, zumal vor einer Messe.
Bin ich zurück, werde ich in den Ghostroman weiter die Nachträge einpflegen und mir dann die fünfte der alten Erzählungen vornehmen.

Ninsunna. Die Brüste der Béart, 18: Entwurf des Endes der No XX.

(...)

Es patroullieren kritzelnd Politessen.
Schwarze fegen grün gekleidet,
die Trassen, und| aus sprudelnden Kanälen
bordsteins an hügelabwärts fallenden Gassen
schaufeln sie den Schmutz der Rebellion
auf die Ergebung mobiler Ladeflächen
im Schrittempo rollender Vierrads-Apen,
derweil die künftiger Gilgameschs Mutter,
die mich für eine Blicksekunde
zum Starken König machte
(Lasse deine Arme wie das Sonnenlicht schwingen!
Den sieben Stürmen des Iškur, oh, gleiche!),
in dem Wohnblock verschwindet,
der in zwölf und mehr Etagen
die Menschenkohle preßt,
damit die Villen der Schönen Quartiers
in ihren Öfen zu brennen haben,
wenn's im November ungemütlich wird
und regnet Tag für Tag in eines und einer
jeglichen Seele, | bevor sie winters erstarrt -
wird aber schon jetzt, diese Göttin,
dick in des Rechtglaubens bindendem Dogma,
da Männer Mütter, weil heilig, nicht anrührn,
sei's, daß sie unrein die Menses,
sei es, daß rein sie das Kind macht,
das sie zu schützen hat und behütet,
und nur noch das Mehrt euch! gebietet
fernre, doch koschere Penetration
in also imam|katholisch gebotener Stellung,
die nur die Beschneidung ihr gleichgültig machte,
weil Wollust heiligen Müttern nicht anstünd
und war schon – oh schwacher Hadith! -
den Mädchen von Müttern coupiert,
denn Frauen genügten sonst Gatten als einzige nie;
da forderst, Béart, Du | nur noch mit feurigen Blicken,
auf deren Sinnenglut Dein Niqab | uns konzentriert
und verschweigt doch die Stumpfheit der Klinge
und daß Allah auch Wüsten|blüten vollendet gemacht:
Behüte er uns vor der Strafe des Feuers!
Blasphemische Schändung von Körpern bereits in der Seele
Nicht anders die unbefleckte Rede des Erbfeinds
ging schon von Aus|löschung einher: Jeder Kirche
Wahrheit ist Macht, und soll keine sein | neben m i r -
Wie sanft fließt, fast steht er, am Quai
de Valmy der Canal Saint Martin!
Dort spür ich mit Blick auf das Brückchen,
da ich mich setz für Croissant und Café,
Deiner, Ninsunnas, die in mich eintaucht, | Zunge:
Kein schöner Kind als von Rassen|schande.
D i e s ist sans filtre die Wahrheit der Kunst.

>>>> Die Brüste der Béart 17

Kinderbücher. Von Huxley.


„Lesen Sie es, lesen Sie es! Es ist natürlich ein Elementarbuch, eine Jugendschrift. Aber man soll nicht heranwachsen, ohne alle Kinderbücher gelesen zu haben. (...)“

Mark Rampion in Point Counter Point, 1928
(Kontrapunkt des Lebens, Herlitschka, 1963)
Huxley Kontrapunkt 1

Als Hutträger

fiel mir auf, daß Hüte im Sommer zu tragen, nichts anderes als ein Zeichen masochistischer, nämlich insofern leerer Eitelkeit ist, als sie ihre Träger quälen. Sie schwitzen darunter, ohne daß der Schweiß aufgefangen würde – und wenn er es wird, verunschönt er das Material: hinterläßt Flecken auf dem Hutband, die nach dem Trocknen aussehn wie von Salz, das sich zudem nur schwer oder gar nie mehr ausbürsten läßt. Der Schweiß, wenn noch naß, staut sich zwischen Haut und Hut, bildet dort schließlich kleine Kanäle, durch die bei lockerem Aufliegen Tropfen auf Gesicht, Nacken und Schultern fallen. Die Haut selbst tut sich zu atmen schwer, und es wird drinnen wärmer noch als draußen. Sitzt der Hut aber fest, staut sich die Nässe, und es wird erst recht unangenehm.
All dies nur, um zu gefallen oder Eindruck zu machen, sei es sich selbst, sei es den anderen. Um vorzugeben, daß man(n) wer sei. Wenn dies stimmt, und man ist es, kommt mir die leichte Qual ganz unnötig vor; ist man(n) es nicht, dann unsicher und schwächlich – wovon abermals der Hut ablenken soll.
Mag sein, daß Strohhüte neben dem Vorschein, den ihre Eleganz vermittelt, tatsächlich die gute Funktion erfüllen, die Kopfhaut vor zu starker Sonneneinstrahlung zu schützen; daß es darum aber wirklich geht, bezweifle ich aus Erfahrung. Denn das Problem mit einem Schweiß, der nicht kultiviert abgeführt wird, stellt sich auch unter Strohhüten ein – eine Erfahrung, die ich gerade erst auf der toscanischen Insel gemacht habe.
Nun wußte ich alldies längst, aber mochte es mir nicht zugeben. Gestern abend indes wurde mir diese Erfahrung unangenehm. Ich sah, im Garten des Literaturhauses Fasananstraße sitzend, solchen Hutträgern immer wieder zu. Meist waren es Männer aufwärts fünfzig. Ihre hellen Hüte leuchteten, mehr indessen nicht. Zumal ist in unseren Breiten, besonders solch nassen Sommern wie diesem, ein Schutz vor Sonne ganz obsolet. Bei jüngeren Männern allerdings bin ich geneigt, bei solchen unter Dreißig, den eitlen Masochismus nicht mit Scham, sondern mit zärtlicher Ironie zu betrachten, da ich wieder den auffahrenden Jüngling in ihnen erkenne, der ich selbst einst gewesen.
Etwas anderes übrigens ist es mit Tüchern oder Handtüchern, die um den Kopf geschlungen. Hier geht Eitelkeit mit Funktion ineins: Die Funktion lächelt sozusagen, sie verbindet Botschaft mit der objektiven Erleichterung, um derentwillen die Ausstaffierung erfolgt ist. Also drängt sich das Eitle nicht auf, sondern ist, was es sein sollte: Spiel.

Ab Herbst 2017:


Joyce Chamber Arco Entwurf
Arco, Wien
>>>> Herbstvorschau 2017


 



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