Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
________________________________


 

III,96 - Wie Paradiese Kreise ziehen, und Höllen und Läuterungsberge...

Lange schon fackelte Lampe herum, schrieb Listen der Arbeiten, die er im Monat Juni erledigt, weil morgen die Rechnungen rausgehen müssen, nachdem er das Arbeitspensum hinter sich gebracht. Existenzsicherung, fällt ihm jetzt hochtrabend ein. Borgte sich, während die Nudel kochten, dann die Zwiebeln brutzelten, ein paar Rosselli-Gedichte, die ihm jetzt alle schon wieder entfallen sind. Lediglich ein Restgefühl, das das/die Fremde, das/die sich nur einmal dunkel einer Herkunft erinnert, aber doch stets mit den Händen Mauern ertastet, wo es/sie Fleisch berührt, oder einfach nur ein simples Sofa. Will danach noch etwas mehr Lektüre zu ihr nachschieben. Nicht leicht zu sondieren, auch weil da eine Frau schreibt. Und man merkt’s. Immer wieder Mitleid mit den Leuten, die ihre Hunde in den Gassen herumführen. Auf dem Weg zum Geldautomaten (Geld für Ibrahim ziehen) im hellsten Frühnachmittag bückte sich eine bestimmt nicht hiesige und auch nicht mehr allzu junge Frau (auch wenn die Kleidung anderes suggerieren wollte) vor mir, stülpte einen Plastikbeutel über die Hand, um den Kot ihres alten schwarzen Hundes aufzusammeln: “Nu komm schon, laß uns nach Hause gehen, es ist so fürchterlich warm hier draußen.” War’s indes nicht wirklich, lediglich eine etwas feuchte Stirn nach dem Wiederhinauf. Das Fenster mußte gleich wieder geschlossen werden: Luftzug. Weiterhin komplettes Desinteresse für lolake Debatten (FB), auch der Kinoklub rutscht immer mehr und mehr ins Esoterische: am Wochenende zwei Filme zum Leben nach dem Tod (u.a. einer von Eastwood). Auweia. Da ist ‘Erfahrungsseelenkunde’ allemal spannender. Und tatsächlich immer der Umstand, daß ich niemals vermocht, Dantes ‘Paradies’ zu lesen. Ein bißchen ließe es sich erklären: ich studierte damals in Berlin das ‘Inferno’ und das ‘Purgatorio’ zusammen mit einer anderen Italienisch-Studentin, mal bei mir, mal bei ihr. Manchmal knisterte es, dann bimmelte aber stets das Telefon: ‘le mac’. Aber vielleicht hatte das Paradies eben doch ein allzu metaphorisches Gewicht, so daß - auch durch meine nunmehr stattgehabte Italienseligkeit - es mit ihr dann eben doch nicht mehr stattfand. Und so steht es nach wie vor ungelesen im Regal. Nein, kein Paradise lost, das hieße ja, man habe es zuvor betreten. Die Sache wird jetzt sogar noch komplizierter und verwickelter durch die Dante-Ausgabe, die ich hatte und habe (kommentiert von Natalino Sapegno), die mich zu einer anderen Mitstudentin und sogar wieder in diese Gegend zurückführt (Fußball spielte da auch mal eine Rolle)... Full stop!

III,95 <<<<

Woher du stammst.

Einer der klügsten, menschlichsten und schönsten Beiträge gegen Fremdenfeindlichkeit, die ich bisher gesehen, gehört und/oder gelesen habe:


[Zuerst gesehen >>>> dort.]

Die Sirene des Fürsten von Lampedusa.

Es ist nicht zulässig, und es wäre zudem unbarmherzig dir gegenüber, Einzelheiten zu erzählen. Genug, wenn ich dir sage, daß ich in unseren Umarmungen die höchsten Formen von geistiger und elementarer Wollust zugleich genoß; sie war ohne jeden irgendwie geselligen Widerhall, wie es unsere einsam lebenden Hirten verspüren, wenn sie sich auf den Bergen mit ihren Ziegen verbinden. Wenn dir das Beispiel zuwider ist, so darum, weil du nicht imstande bist, die notwendige Transponierung von der tierhaften in die übermenschliche Ebene vorzunehmen – Ebenen, die einander in meinem Fall gegenüberstanden.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Die Sirene
dtsch. von Charlotte Birnbaum

Am Ende warten die Wörter. Variationen auf ein Thema vom Hilbig. Entwurf der ersten Variation.


was aber führt zum ende
welche folgen erwarten die wälder
welche wege lichten die wälder
wessen warten lichtet die welt


Wolfgang Hilbig,
>>>> waage.beendigung eines satzes

Was aber führt zum Ende der Wörter
die im letzten Mund verstummen
Wer gibt den Wegen die Hand
wenn vor den Letzten sich die Wand

hebt und bebt im leise
knisternden Summen der haarfein
wie splisse Kondenswasserstreifen
durch sie dahin|eilenden Risse

die | wie wir nie verweilen
doch empörter als wir
Wort und Wälder schleifen
am Schluß der Reise

zu Feldspat in Porphyr?

III,86 - phobophob

Aus der Fabrik in die Fabrik, heißt aus der 11stündigen Kandare wieder zu Miles Davis: dreieinhalbstündiges Konzert aus der Hamburger Fabrik (1987), nicht unbedingt ‘Kind of Blue’, denn draußen ist es naßkalt und tröpfelt, ein Gewitter war wieder mal vorübergezogen (vulgo: Ekelwetter). Geschickt bau’ ich auf diese Weise auch den indischen Klängen vor, die heut’ um die Ecke erklingen sollen. Hinzu kommt auch immer il mio misterioso non andare / non potere andare in alcun modo con / gli altri (Amelia Rosselli). [Stimmt für mich bis auf “in alcun modo”, beschreibt insofern nur eine Tendenz]. Jedenfalls nicht in diesen Tagen: übersetzen macht asozial, weshalb ich jetzt die 1 ⅔-Verse auch gar nicht übersetzen mag. Also mir wird Indien heute fern bleiben. Wie es ja auch ist. Bzw. ich ihm. Und dem damit verbundenen Yoga-Tag, wie ich vor kurzem sah, nebst Fotos von Vorbereitungen zum Konzert: Yoga-Stellungen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ich wieder wie ein Troll aussehe. Die Tür steht weit offen, um die Kälte einzulassen und das innere Gerüst abzusteifen im Klang der Viertelstundenglocke und gleichzeitig abzustreifen im “superkritischen Flügel”, ein Begriff ganz oben auf der zweiten Spalte der Seite 994 meines technischen Wörterbuchs, auf dem meine Unterarme liegen, was sich als praktisch erwiesen hat, um beim Schreiben das Berühren des Touchpads und somit eventuelle Katastrophen zu vermeiden, denn das Gerät weigert sich seit einiger Zeit, den Touchpad zu deaktivieren. “Symbolinterferenzen” (S. 995, rechte Spalte oben). Es kommt also immer darauf an, das Ganze in eine “Symmetrierschleife” zu bringen. Poco wahrscheinlich indes, weil linkerhand der Pfanne gelegentlich hinterherzulaufen ist und rechterhand grad wieder die Gruppe der wandernden Senioren im Kopfe wiederersteht, die da gestern auf dem Platz unten gehfertig mit Rucksäcken und Skistöckern sich unterhielten und dann langsam sich auf den Weg machten. Ok, gegessen (den Pfanneninhalt). In der letzten Nacht weckte mich der Mond mit seinem weißen Auge, schaute mir direkt ins aufwachende Gesicht, ich drehte mich der anderen Seite zu, mußte aber dennoch wieder hinschauen, mich zu vergewissern. Und grad’ Bilder angeschaut vom Mars-Mond >>>> Phobos, die allerdings mich phobophob werden ließen. Oh potessi avere la leggerezza della prosa (Amelia Rosselli).

III,85 <<<<

Die Brüste der Béart, 12. Aus dem Entwurf der No XVII.


(...)
rief ich Chrystina! | und | nach der dritten Sabine! bereits
rief ich nach Birgitt!, nach Marlies! und Carmen!
und ahnte Dich immer noch nicht | spürt‘ Dich nur mich
in den Adern und Venen bestimmen | Priestern gleich
denen die göttliche Nachricht im Wahn kommt
den sie als äußerste Klarheit erleben | so luzid ist ins Licht
Deine Erscheinung getunkt | oh Tintenfaß des Erleuchtens
wo ist dein Boden, wo, Béart, ist Dein Grund? | Nahtoderfahrung
über die Grenzen des Subjekts hinaus | glüht uns
Dein Auge am Ende des Tunnels | Les no-nées à relever
zieht uns hinan comme camisoles | ah! die vierte Sabine!
dazwischen all die Vergessenen glühenden Schritts
manchmal ein plötzliches Lächeln, das sich im Sand
an|deutet, wer deutet‘s, bevor‘s uns der Wind
wieder verweht | Wimmern in Stößen
drängt sich der Unterleib an den Leib
wirft sich der Kopf in den Nacken des Kissens
wirft sich nach rechts, wirft sich nach links
geöffneter Lippen Dein Stöhnen | es bohrt
Deine Finger in männliche Rücken und ritzt sie
tschilpen vorm Fenster die Meisen
in die Morgenfurchen | eilt schon die wache Quelle;
die Buche neigt ihr schwankes Haupt | und im Geblätter
rauscht es und schimmert; und um die grauen

- / - - / - - / -
durch die erstes Licht dringt Gewölke
/ - - / - - / - - / -
rufen die Amseln und tönen am Abend
die Fernsehgeräte |
                                 und aber
                                                wimmert die Stille
wo sie kein Techno durchpumpt
singt lullabyleise ein Gott | in des bereiteten Leibnests
indiskret-heimliche Schleimfadenzeugung

(...)

>>>> Die Brüste der Béart 13
Die Brüste der Béart, 11 <<<<

III,81 - unbegeistert

Verdammt wenig Seiten gelesen heute und zwischen den einzelnen Seiten verdammt viel übersetzt, zumal heute ich Feuerwehr zu spielen hatte. Die Agentur, der ich gestern eine Arbeit für heute Nachmittag abgeschlagen, fing heute Vormittag an zu betteln: man habe Schwierigkeiten, Leute zu finden für diese Texte (Pressemitteilungen, die sich auf Reisemobile bezogen, ins Italienische zu übersetzen), ließ mich also breitschlagen und übernahm die Hälfte (1200 Worte), die mich dann den halben Nachmittag bis 7 in etliche Google-Labyrinthe jagte: Dachstauschrank etwa (gestern ein spontaner Verleser: “unbegeistert” für “unregistriert”). Man kennt sich halt seit etlichen Lustren und opfert sich dann auch mal. Allerdings verflog angesichts der angegeben Preise eine Idee von mir, ein solches Reisemobil anzuschaffen, um dann [und jetzt noch kurz zwei Sätze per Mail, eh bien] darin zu leben, wenn der Zeitpunkt der Mindestrente kommt, auf einem wohlfeilen Grundstück. Für das Geld finde ich hier allemal eine Wohnung zu kaufen. Also abhaken. Rückzugsgedanken gehören somit nach wie vor ins Fach der romantischen Realitätsferne, sofern man Gedankenspiele, die ja dennoch stattfinden, aus der Realität verbannen wollte. Geht auch wieder nicht. Also zulassen! >>>> geist:der:zug. Die Welt ist bunt? Ihm, dem Freund, dessen heute eingetroffenen Brief ich seit Tagen erwartete, hat sie eine schwarze Tünche. Von sich schreibt er kaum etwas, nur von seinem Verhältnis zur Welt, außer der er immer noch zu stehen scheint. Aber so kannt’ ich ihn ja. Wäre nicht verkehrt, wenn es wieder zu einem Hin und Her käme: bedarf allerdings einer enormen Konzentration, man schreibt da nicht Irgendwem. Ninno nervte mich heute mit Trump und was ihm implizit über das TV zur Empörung über dessen Aussagen veranlaßt. Mehrmals beschrieb er sich als aufbrausenden Menschen, und es würde wohl schlimm um ihn stehen (bzw. die anderen), wenn er wie in Amerika üblich eine Waffe trüge. Dennoch sei ihm gestern von oben ein mildes Verhalten eingegeben worden, als ihn ein Hund auf der Straße ankläffte und ihm fast an die Hosenbeine gegangen wäre. Kurz, er habe den Hundebesitzer, der sich in seinem Garten zu schaffen machte, nur in aller Ruhe gebeten, ob er den Hund nicht mal zur Raison bringen könne. Temptations: Portugal-Island? Hm.

III,80 <<<<

Neue Rubrik: D A T H S Ä T Z E


Vorbemerkung
Wie ich bereits >>>> dort schrieb, begeistert mich meine derzeitige
Lektüre derart, daß ich nunmehr einigen asperçu/bonmot-artigen
Formulierungen >>>> Dietmar Daths diese neue Rubrik widmen
möchte – ganz so, wie eine solche eigentlich auch für die, bei jenem,
Metaphern >>>> António Lobo Antunes zusammengestellt werden
müßte; auch daran werde ich mich vielleicht eines Tages setzen. Doch
erst einmal Dath.
Jedes Buch, aus dem ich zitieren will, bekommt einen eigenen Kommentar;
und nunmehr beginnen wir mit >>>> dem da.

ANH
13. Juni 2016

Dietmar Dath
Mai 2015
>>>> Litforum Frankfurtmain
Foto (c.): Shasharad Lowan
P.S.:
Wie bei >>>> TTs Erste Sätze ist es auch hier allen Leser:inne:n unbe-
nommen, die Sammlung durch eigene Funde zu ergänzen; bitte aber dann
jeweils mit Quellenangabe inkl. Seitenzahl und unter je dem entsprechenden
Buch. Bei einem von mir nicht erfaßten, erstellen Sie bitte einen neuen Kom-
mentar. Die Kommentarbäume sollen sich immer nur auf den Kommentar be-
ziehen, der für ein bestimmtes Buch angelegt worden ist.


So düster wie grandios. Christopher Eckers Roman "Der Bahnhof von Plön".


[Geschrieben als Kurzrezension für amazon.de.
Dortseits nicht angenommen, weil sie gegen die
"Guidelines" verstoße. Es ist mir unklar, warum,
und nachfragen läßt sich's nicht.
ANH, Mai 2016]

Für mich gehört Christopher Ecker, vor allem seit seinem Roman >>>> Fahlmann, zu den herausragenden deutschsprachigen Romanschriftstellern der Gegenwart; möglicherweise steht er ganz vorne an der Front (ja, es ist eine) - wenn auch auf scheinbar verlorenem Posten, weil ihn weder die modischen politischen Correctnesse stören, noch daß er eine "Zielgruppe" im Auge hätte. Im Gegenteil ist er allein seinen Themen und einer modernen, dabei aber ausgesprochen erzählerischen Form verpflichtet, und er hat keine Scheu, Positionen einzunehmen, mit denen man sich ungern identifiziert. Die Texte können also durchaus unangenehm werden - darin ähnelt er dem berühmten Bret Easton Ellis geradezu extrem, der als deutscher Autor ebenso untergebügelt worden wäre, wie es derzeit Christopher Ecker geschieht. Spätere Generationen werden es, ich bin mir gewiß, korrigieren.
Deshalb kann ich nur dringend empfehlen, sich auf das Abenteuer Ecker einzulassen, ganz besonders mit diesem Buch, dem so harmlos klingenden "Bahnhof von Plön":


Unter diesem nämlich befindet sich eine Zwischenwelt, die jedes Gothic- und David-Lynch-Herz bangend höherschlagen läßt - eine Geschichte neben der Geschichte, quasi Urgeschichte neben der Neuzeit, parallel mit ihr laufend aber und in sie beklemmend eindringend. Dabei in einer klaren Sprache erzählt, zu der sich schnell Zugang finden läßt - auch wenn sie einen immer wieder foppt, dann überrascht und plötzlich schockiert, "man muß es sich als ein Haschen nach dem Winde peitschender und flatternder Möglichkeiten vorstellen" (S. 190), und auch, wenn sich die Erkenntnis darüber, was e i g e n t l i c h erzählt wird, erst sehr allmählich einstellt, sozusagen wider Willen der Leserin/des Lesers - worin auch "Widerwillen" mitschwingt. "Haben Sie je selbst erlebt, wie ein Fisch in Ihrer Hand zuckt, bevor Sie ihm den Griff des Messers über den Kopf ziehen? Metaphern sind nur brauchbar, wenn sie auf Erlebtem fußen" (S. 252).
Was mich an diesem Roman so erstaunt hat, ist, wie geradezu organisch und darum nachvollziehbar, selbst Ungeheuer - oder das, was wir für solche halten - philosophieren, wie um Wahrheit sie bemüht sind. Insofern läßt sich dieser Roman auch als ein politisch-moralischer Kommentar zu den derzeit, m i t, drängendsten Fragen unserer Zeit lesen: zum Aufeinanderprallen einander diametral entgegengesetzter Kulturen und Moralverständnisse. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist der Bahnhof von Plön ein geradezu erschreckend politisches Buch und dennoch (oder gerade deshalb?) voll des Gefühls der Versagung, des Entsagens und der Sehnsucht.
Ecker gehört zu den sehr wenigen Romandichtern der deutschsprachigen Gegenwart, die sich etwas w a g e n - und sich selbst wagen. Wir sollten es ihm gleichtun --- und damit beginnen, indem wir ihn lesen.

Christopher Ecker
DER BAHNHOF VON PLÖN
Roman

Gebunden, 396 Seiten
22,95 EUR
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2015
>>>> Bestellen

Die Brüste der Béart (11):: Aus dem Entwurf der XIV:: Interludio 1.


...


Wer war er? Wer Du warst, ich wußt‘ es | Doch wer würde ich
Wer ist gemeint unter denen die lieben | wenn sie gemeint sind
und meinen eine in andren | die so zu den anderen werden
wie dort die Tochter die Mutter erfüllte, anfüllte – und
                                                                                  sie w a r d es:

                                                                                                - EIne

Wie von den Stores das Licht troff, den hellen, 10
die es leicht vorm Fenster zum Berghang blähte, 11
als ob es leise zu sein sich erbäte 11
in den hitzigen Erregungsschnellen, 10

wenn durch die schäumende Wildwassergischt 10
Orfea, durch ihrer Mutter Augen, 11
sah, doch die selbst durch das stürzende Saugen 11
am Strudelgrund, das Luft und Wasser mischt. 10

Sie legte, als ich mich bäumte, flach die Hand 11
über meine Lippen und schloß sie so, 10
kicherte fast kindlich, spitzte - „still!“ - zur Wand 11

und lauschte durch die Mittagszimmerfluchten, 11
ob sich Gerege regte irgendwo, 10
Flüstern, Huschen - und sank in unsre Buchten 11

an Hals und Brust zurück, Béart, da ferne von der Loggia
noch immer nur gedämpftes Gläserklingeln herdrang,
bisweilen Scheppern von Geschirr | und zweimal wehte
durch der Sala Kühle Mädchenkichern | flatternd unschuldshell
gleich den sich | in der Siesta warmen Stete | blähenden Gardinen,
da Kore doch nicht wußte, und ihre Mutter mußte,
die doch auch nur ahnte, daß sie ein Durchgang war,
den mir der Mann geöffnet, als er so ruhig aß,
non farti pregare, und mich maß, ein weitres Mal leis lachen.
Denn ich wahrscheinlich war der ihre, dacht‘ ich; | und mir schienen
unsere Körper wie Zimmer in Hotels zu sein, wohinein
Suchende kommen, die wieder gehn, wenn sie erwachen,
nachdem sie sich erkannten, | in den Monaden bekannten,
Repräsentationen von Prägungsprojektionen,
und noch im doch schon wie Duft | sich verwehenden andern
Körper zu fassen suchen, was sie Liebe nannten,
und plötzlich war es nur Begehr, das sie n i c h t nur gewesen,
sondern es war w i r k l i c h mehr – war ein sich selbst als
                                                                                  Selbstgewesenes
                                                                                                  verbuchen...


...



>>>> Die Brüste der Béart 12
Die Brüste der Béart 10 <<<<
>>>> Vorabdruck der Stücke I - XIII


„O, sie sind auch nicht für Sie, sondern für eine spätere Zeit.“

Ludwig van Beethoven zu Felix Radicati auf dessen Bemerkung, daß er seine Streichquartette op.59, die Rasumowskis, „sicherlich nicht mehr als Musik ansehen“ könne.
>>>> Um 1810.


ANHs Traumschiff. Verlegt von mare in Hamburg.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Der autopoietische Sprachleib. Friedrich bei Stern (6).


Nun ist es meine Art nicht, um eines sprachlichen Effektes willen Sinnloses zu schreiben. Richtig ist nur, daß mir zuweilen Formulierungen von der Hand gehen, die nicht der Kopf gebar, sondern der Sprachleib, den ich den Ereignissen meines Lebens oder meinen Gedanken schuf. So wie sich mein Atem selber atmet oder ich willentlich nur auf seinen tiefen oder flachen Gang Einfluß nehme, so formuliert das Formulierte nicht selten aus sich selbst heraus etwas Neues, schreibt sich das Geschriebene selbst fort, während mein Wille ruht.

>>>> Mann aus Apulien, 358


[Poetologie]

Stadtgedicht ich will (Neufassung)


Kräne! will ich die Kanten der verschwinden-
den Straßen in den Wasserfällen aus Licht
von den hohen Bunkern stürzendes Blut
fällt mit ihnen ein Sandstein fällt eine Frau
und sie schlägt auf die Straße zum Abraum
der elendsten Junkies verspritzt

die sich ihr H auf dem Teller mischen
eines herausgebrochenen Katzenkopfpflasters
und mir zum Autorennen am Kuhdamm servieren
als ich ihnen hansguckindieluft die Spritze Kräne!
zertrete Maffay und Scelsi gläsern verschaltet
sirren in der Kuppel des Reichtstagsgebäudes

will ich das Gras in den Mauern den Müll
und die Alten die am Bürgersteig kentern
die Radfahrer die sich gesplittertes Bierflaschenglas
in die zischenden Reifen fahrn Kräne! will ich
das Krächzen der Mopeds den Jungen der
mit rotzender Nase über die riesige Kreuzung

flitzt.

Die Sirenen nachts will ich und mit-
tags heulende Martinshörner Geschrei
johlender Kinder besoffener Gröhler
im Rinnstein verreckend bedeckt von
der Motz Oh du Zeitung des Südens
desnachts

will Gruben am Potsdamer Platz und die Sperren
aus Einsatzwagen und Gummiknüppeln der
Gitter affichiertes Lachen an Leysieffers Düften
will Demonstrationen freitags um fünf
das leuchtende will ich blitzende glänzende Licht
in den Bautümpeln nächtlich widergefunkelt

will die Größenfantasie und den Protz
die Graffiti und die hohen besinnungslo-
sen die reinglatten Scheiben des archi-
tektonischen Krieges mit anderen Mitteln
des Musentempels Hund eines allheiligen
Penners der mit ihm vor Penny immer

sitzt.

Ich will die Kaufhausgalerien Lafayettes
und das Elend aus Masse und Trägheit
als der plötzliche Blick einer Frau sie
kurz doch innig durchbohrt und fremd
will den Turmbau zu Babel & Babbel
die Orgie der Sprachen Kostüme und Gesten

will nachts die Angst in den Hochhausklammen
wenn ferne ein Fuchs keckt ist doch der Mensch
gleich wie nichts will das klackernde Laufen
die Pfiffe und drüben rauschen durch Pfützen
die Autos unter den Pneus knirscht Zementgries
zur Elektronik der verschlossenen Kabelverteiler

und über den Kränen scheint aus der Smogmilch
der Mond auf das unablässiges Wispern herunter
das tags zum Aufruhr der Töne wird
Den will ich Krawall der Preßlufthämmer
Baggerschaufeln Walzraupen Pflüge
der Geschichte will ich Geschichten von
Sandstrahlnarben in Hausfassaden ge-

ritzt.

Ich will die klammen Sitze vor dem Café
die verödeten Brachen inmitten der
sich für künftigen Luxus schminkenden Viertel
die fantastischen Gruben von Jugendbanden
will die Vampire den Techno Piraten
will Wölfe und Wildsauen unter den Linden

flanierend vor kettenrauchenden Witwen
die in heruntergerissenen Abfallbehältern
Trüffel erschnobern will den Kräne! Aufruhr
der Notwehr wenn der Krankenwagen Gellen
mit breitem Pinselstrich Schneisen
in stockende Verkehrsströme malt

will die pochenden Bässe aus einem Club
und soutterraine CzernyEtuden
von Dächern herab wehende wie
Altweibersommer wehe Cellosonaten
will oktobers die Penner am Spielplatz
der Dosen und Tetrapacks Endmoränen

itzt

vor die fleckigen Büsche geschoben
will die Flucht vor den Bullen zersprungene
Scheiben will ich den Unfall Kräne! der
postmodernen Buschwindröschen Stukkaturen
sommers an Garment District Sarajewo
das Trottoir in Senken voll Tränen gespalten

will langgestrecktniedrige Wagenburgen
pumpswippend Ladies in Bocadasses Fogal
will den Pop und Parfums und die Pisse der
Punks will die Kippen und Hundscheiße vor Villen
der Bannmeile Schlickfluß die hüftelnden Schwulen
will die Geschmacksverschleifung des Doms

will Liebespaare umschlungen vorm Reichstag
die rotzenden Prols und der Burka Kräne! Love-
parades schäumende aus dem Schaum der Rhyth-
musschläge geborene Näbel und Schenkel
will Urwälder Wüsten Hunderte Zentren Neuronen
von Scateboards und Nutten Kräne! erhitzt.

III,39 - e sollevava lo scudo

Der gestern erwähnte G. postete als Antwort einen Videoclip mit dem Titel “Teutonic Terror”... Schulterzucken. Natürlich nicht angeklickt. Stattdessen, während die Tür aufsteht (lustiger Lapsus: die Tür steht auf!), um zu lüften und darauf zu warten, daß sich Ninno mit der “damigiana” voller Wein blicken läßt, ein paar Erkenntnisse zu Ventres Versroman. Die sechste Rhapsodie (wie er die Gesänge nennt) erzählt von Odysseus als Herrscher der Thesproter (irgendwo im heutigen Epirus, auch Dodona wird erwähnt mit dem Eichenorakel (mit dem damaligen Fiat Uno und einer nörgelnden Frau dort gewesen, weil ich die Schnellstraßenabfahrt verpaßt hatte (“Ausgerechnet an meinem Geburtstag!”), σαράντα χρόνια war er damals alt (ich lernte diese griechische Version meiner Altersangabe auswendig vor der Fahrt, als wollte ich damit eine Lebensschwelle beschwören (zwei weitere -zig sind dieweil hinzugekommen))) für sieben lange Jahre. Hier kommt nun wirklich Spezialwissen ins Spiel. Dies sei eine Episode aus einem Epos, der den Troja-Zyklus abschloß. Titel: Telegonie (vermutlich 6. Jh. v.Chr.). Der Telègono des Versromans. Es hätten sich nur wenige Fragmente erhalten. Weiteres bei Wikipedia unter dem Stichwort “Telegonie”. Dort jedenfalls laufe es auf das hinaus, was ich neulich ventilierte: son kills father. Es gibt dort eine Schlachtbeschreibung. Erinnerte mich fast in der Lautlosigkeit des Lesens an die fast pantomimisch anmutende Schlacht in der Mahabharata-Inszenierung von Brooks (den Namen wieder benutzen zu dürfen, war mir ein Quasi-BeDÜRFnis). Dort wird Wortklang zur Geste. Und hie Geste zum Wortklang, und sei’s, um zu sagen, daß eine Zunge die Bronze schmeckte, die ihn von hinten im Nacken durchbohrt.. Insofern das, was Ventre macht, die Rekonstruktion von etwas, das es nicht mehr gibt. - Irrwitziges immer wieder vom Markt der Übersetzungen. Vor Jahren - in der Krise (lief nicht gut damals) - schrieb ich mich ein bei einem Internet-Übersetzungsservice (translated.net). Stutzig machte mich damals schon, daß meine Preisvorstellung sofort abgedasht und mir empfohlen wurde, sie um ein Drittel zu kürzen. Da ich nach wie vor eingetragen bin, kommen gelegentlich Anfragen (also per Rundum-Mail): halsbrecherische Zeiten! Absolute Akkord-Arbeit. Nee. Hab’ nie etwas angenommen zu diesen Dumpingpreisen. Mittlerweile hat dieser Service auch noch selbst ein CAT-Programm (Computer Aided Translation) entwickelt. Ich hab’s mal ausprobiert, es ist gratis (matecat heißt es). Zunächst wird “machine translation” vorgeschlagen, die auf den vorhandenen “translation memories” basiert, einem typischen Bestandteil dieser CAT-Programme, die vor allem nützlich sind, wenn man Technisches mit Wiederholungen übersetzt, und die ich selbst benutze: etwas mehr als 1000 Euronen investiert in den letzten beiden Jahren. Das “Schöne” daran: dieses matecat-Programm zeigt gleichzeitig an, daß bei der jeweiligen Übersetzungsgeschwindigkeit noch so und so viel Zeit bleibt, um ans Ende zu kommen. Nö, muß nich’ sein!

III,38 <<<<

 



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