Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
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Neunter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 10).


Ich sehe, Frau,
Arbeitswohnung, den 28. November 2014,
freitags, 7.07 Uhr,
Jules Massenet, Werther,

die beiden die Treppe wieder hinabsteigen, also von mir aus: sie wieder herabkommen, neuerlich eingehakt; während der Vorstellung lag zwar ihre linke Hand nicht auf seinem rechten Oberschenkel, doch immer wieder berührte sie ihn, als wäre sie sich unschlüssig geworden, nicht, Geliebte, „an sich“, sondern weil etwas Fremdes aufschien, als sich der Vorhang hob, sich zwischen sie und ihn schob. Sie spürte eine Nervosität an ihm, die von dem ihm fremden Kunstmedien rührte. Wahrscheinlich hat er da zum ersten Mal einer Oper wirklich zugehört.
Wir sind noch im Teatro Verdi, die Inszenierung ist, sagen wir, leidlich. Wenn man nicht hinterher eine Kritik schreiben muß, schließt der mit einem Stück Vertraute dann die Augen, um sich nicht von der Musik ablenken zu lassen. So täte, Du weißt es, Innige, ich es. Lenz aber spürt zwar etwas Mächtiges sich i n ihn heben, wie als hätte es da schon immer, nur eben unbemerkt, geschlummert, aber gleichzeitig bewirken die Bühnenfaxen (zum Beispiel sich auf dem Boden wälzende Sängerinnen und Sänger) Distanz. Die wiederum strahlt auf die Lydierin aus; also kann sie die Hand nicht auf seinen Oberschenkel legen. (Gestern, erinnerst Dich?, verwarf ich die Idee mit Werther noch, heute früh war mir danach, in Massenets Oper wenigstes hineinzuhören, ihr sozusagen eine Chance zu geben, die sie bei mir als tatsächliche Aufführungen immer wieder verspielt hat; und nun haben wir den Salat. In Italien, fast durchweg, wird meist noch von der Rampe gesungen; hier indes, Triest, Oktober, hatte ein deutscher Regietheater-Regisseur die Mätzchenhand im Spiel. Allerdings, was das Kindersingen anbelangt, hat die Oper auch faktisch einiges Getingeltangel.)
Trotzdem, im Nachhinein, noch Wochen später spürt es Lenz, bewirkt Massenets Oper eine zusätzliche Aufweichung seiner Selbstgewißheiten; immer wieder steigen nun, im Grenzhäuschen, Melodielinien in ihm auf. Er kann sie nicht wirklich fassen, deshalb nicht einmal nachsummen, aber die Charlottes und Werthers Liebe in Klang formenden Akkorde, es sind aufsteigende Dreiklänge, scheinen sich aus seiner Haut hinauszuatmen. als füllten sie die Abwesenheit der Geliebten mit sich aus. Dies scheint bisweilen aus dem Eßtisch hochzuwehen, bisweilen zittert es aus einer der Wände, oder es erwischt ihn, wenn er wieder die Holztür öffnet und auf Wiese und Wald hinaussieht oder, in Zürich, auf die Straße, die im allerfrühmorgendlichsten Kühlen erstarrt ist, gleichsam. Nur ein Radfahrer passiert sie, die Klingel klingelt leise vor sich hin. (Dort, in Zürich also, gibt es, Elbin, selbstverständlich keine Holztür, sondern Lenz hat das Fenster geöffnet, sich aufs Fensterbrett gestützt und denkt so, den Blick hinunter zur Straße, willenlos aus sich heraus.)
Dann aber muß er ihr, der Lydierin, wieder helfen, ihrer wundervollen, doch zu engen Schlangenpumps wegen, die Treppe hinunterzukommen, und sie hakt sich abermals ein. Schon rasten die Schlösser wieder ineinander. „Und? Hat es dir gefallen?“ Nein, sie siezen sich nicht mehr. Das ist keine Erzählung von Alban Nikolai Herbst, sondern Realität. Das Du ist bereits in der lydischen Hauptstadt gefallen, bereits in der, nach dem Botschaftsempfang, durchschrittenen Nacht. Aber die Lydierin, hier in Triest nach der Oper, stellt ihre Frage nicht sofort, sondern erst, als sie in die Touristenkneipe hineinsind. „Kneipe“ ist ein falsches Wort, zu deutsch-spezifisch; aber weder „Restaurant“ noch „Gaststätte“ treffen es, wenngleich letzteres der allgemein umfassende Ausdruck ist. Wir müssen, wenn wir das Verhältnis der beiden erfassen wollen, auf den Ausdruck ganz besonders achten. Du bist da, Liebste, sehr empfindlich.
„Hat es dir gefallen?“
Dann spricht sie von Intensität und wie sie ihr fehle. Da kann er nicht mit Floskeln antworten, nichts, sagen wir, normalisieren. Nach dieser Oper schon gar nicht. Was er deshalb n i c h t bemerkt und wohl bemerken auch nicht kann (ich selbst bemerkte es nicht), ist, daß sie, die Lydierin, zugleich scheut, was sie vermißt. Diese seelische Struktur wird ihre Handlungen später immer wieder bestimmen. Können wir sagen, Schöne, daß sie darin gefangen ist? Es sind Gitterstäbe der Prägung, aus der Erwartung wurde. Schon sie vollzieht die Bewegung, die mein Roman nun spiegelt, vielleicht sogar wiederholt: sich das Gewünschte versagen, um es, in der Imago, sich als ein Reines zu erhalten, das nicht gefährdet werden kann. Du als mein Innenbild, Geliebte, bist nicht länger zu gefährden, durch niemanden und nichts; allenfalls durch Deine neue reale Erscheinung. Falls Du, meine ich, mir wirklich wieder gegenübertreten solltest. Wäre dann unser Blicken nicht mehr, fiele vielleicht auch die Anima, meine, in sich zusammen.
Ich habe deshalb Angst vor unserer Wiederbegegnung, auch wenn ich mich furchtbar nach ihr sehne. Denn was tun wir, wenn sich das Blicken neu bestätigt? Was aber, wenn es das n i c h t tut? Werden auch wir dann von Projektionen sprechen und das Mythische, das wir empfanden, zu einem Irrtum machen? - So war ich, Nahste, höchst nervös gestern nacht. Ich fürchte mich vor Profanierung. Freilich für Lenz wäre sie, nüchtern-existentiell betrachtet, eine Sicherheit gewesen. Die Sehnsucht indes, dieser Frau nach Intensität, und daß Lenz sie ihr von fast allem Anfang an erfüllen wollte, und nach Unbedingtheit, wird ihn eben der Dynamik wegen fällen, die ich hierüber skizziert habe. Daß sie nicht annehmen könne, wird sie ihm später schreiben. „Bitte verzeih.“ Sie möcht sich, Herz, um es sanft zu benennen, die Sehnsucht erhalten, in der sich die Dinge nicht aussetzen müssen, nicht einer Realität, die ihnen feindlich ist und sein muß. Denn, in der Tat, nur allzu oft gehn sie in ihr verloren. Es ist fast die Regel.

Wenn wir jemanden sehr lieben, so sehr, daß wir Eins mit ihr und ihm zu werden meinen, übernehmen wir da auch ihre und seine Haltungsformen? - Vielleicht. Nicht selten, physiognomisch, werden Hundehalter ihren Tieren ähnlich. (Nein, k e i n Massenet-Tag heute; nach dem Werther werde ich zu Frank Martin zurückkehren, dessen kompositorische Strenge mir guttut: Le Vin herbé – seine, Martins, s k e p t i s c h e Sicht auf den Tristan. Ich bin nun so weit, so auch den Roman zu betrachten. Indessen Dein Hemdchen, das ich immer noch eng an mir halte, wenn ich einschlafe - ich dachte schon gestern vo ihm: wird sich sein Duft verloren haben, werde ich es vielleicht rahmen, hinter Glas. Wäre ich ein Maler >>>> wie Fichte, ich spannte es einem meiner Materialbilder ein. - So vieles weist darauf hin, daß ich, wären meine Lebensumstände andre, selbst zu malen beginnen würde: mit meinen Händen zu gestalten, wie das Brot, das ich – auch wenn ich pausieren mußte, weil es einfach zu viel geworden ist – fast unablässig weiterforme; insofern ist Lenzens Grenzhäuschen zu Slovenien etwas, das ich mir für mich selber wünsche: Kartoffeln anbauen, Holz schlagen, Du weißt.)

Zurück, Du hast recht, zu den beiden:
„Welch eine Beleidigung für eine Frau!“ Das ruft die Lydierin sehr leise aus, tonlos geradezu. Und hat nun also doch von ihrem Partner gesprochen, in der Triester Kneipe (ich habe noch kein Bild; das, d a s ich habe, ist ein Berliner). - Er rühre sie nicht mehr an.
Diese F r a u? denkt Lenz: wie kann das gehen?
„Seine Arbeit“, sagt sie.
Bitter.
In diesem Moment will er von ihr zum ersten Mal ein Kind. Auf ihrer Stirn habe, wird sie später spotten, „erhöhter Östrogenspiegel“ gestanden, eine Bemerkung, die ihn seltsam verletzt - wohl der ihr inneliegenden Profanierung halber. Diese hat die Distanzierung schon geleistet, gegen die sein unbedingtes Ja sich stemmt, das freilich ihre Unbedingtheit in sich aufgesogen hat, ohne sie gar nicht geworden wäre. Es sind diese Zusammenhänge, was er nicht begreift. Ich begreife sie, Liebste, ja selbst erst – indem ich ihn schreibe, diesen unsern Roman. Und wollte imgrunde doch schweigen, nur spüren und riechen

an Deinem Hals:

links

in der Beuge

Alban
*

(11.30 Uhr,
Massenet, Werther da capo:
Musik i n h a l i e r e n.)

- „ ... von ihr zum ersten Mal ein Kind“: Du weißt, Geliebte, dies ist nicht das, was wirklich g e w e s e n. Möglicherweise, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hat - so daß der Lydierin spöttische Bemerkung durchaus nicht aus der Luft gegriffen ist, und eben deshalb ist Lenz so verletzt, - ... möglicherweise hat eine künftige Mutter da den künftigen Vater ihres Kindes gespürt, „rein“ physisch, weil die Körper immer mehr wissen als, die sie haben, wir. Und der künftige Vater spürte die wollende Mutter. „Wie konntest du sofort auf dieses Thema kommen?“ fragtest Du, und ich, in unsrer ersten Nacht, antwortete, ich hätte es gerochen. Denn das stimmt. Ein Jahr zuvor hatte ich es ebenfalls gerochen. Meine Instinkte sind klar, viel klarer als jedes Abwägen und überhaupt Denken. Und beide Male stieg der Duft ins Blicken, wurde Blicken. Ich bin geneigt, davon zu sprechen, daß ein Kind seine Eltern erkannt hat, mehr noch, sie gerufen hat. Leise aber, nur der Nase vernehmlich. Es hatte noch so gar keine Stimme. Also konnte es gegen die Realität nichts tun, als sie die älteren Rechte, solche des Tatsächlichen, gegen das Mögliche wandte. Daß ich, der Möglichkeitenmensch, alles für es tat, was ich konnte, müssen wir nicht mehr besprechen. Immer wieder haben die tatsächlichen Frauen daran zu leiden bekommen, wenn ich gegen das, was sich notwendig eingespielt hatte und so auch gut gewesen ist, den neuen Ruf vernommen habe; immer genügte Evidenz.
Nur muß sich hier der Roman ein nächstes Mal von uns unterscheiden; wir tun dem Leben nichts hinzu, wenn wir, Sìdhe, es repetieren, sondern verdoppeln es dann nur, wie immer auch künstlerisch gestaltet. An ein Glas Wasser reicht sowieso kein Satz: >>>> Ceci n‘est pas un pipe. Wasser steht höher als die Sätze, Wörter stillen niemandes Durst. Immerhin kann ich Dich in diesen Briefen Frau nennen, wie ich es eingangs oben tat: die meine, auch wenn Du‘s eines andren bleibst. Indem ich das tue, bewahre ich des Möglichen Recht und akzeptiere dennoch Deinen Wunsch und Willen. Auch das ist eine Entfernung, die der Deinen, nur auf andrem Wege, folgt. Allerdings verliere ich Deinen Geschmack. Willst Du wirklich sehen, wie jetzt die Blumen ausschaun?
Man müßte, wie ein Bildhauer kann, Deinen Leib, wie Max Klinger, formen können: aus Sätzen aber, Klingersätzen. Wenn ich‘s doch nur vermöchte! (Dann wärest Du freilich erkennbar. Nichts hätte ich, glaube mir, lieber. Nichts darf ich weniger tun. Muß darum Deine Brüste umerzählen, wie ich es schon begonnen habe. Diese Leuchtkraft ihrer Spitzen! Die fast mathematische Rundheit der Höfe, der feine Streifen Haares über der Spalte d‘origine du monde... „marmo di porfido” - .
Ich schau doch schon gar nicht mehr nahe, schaue als Gestalter. Hätte ich momentan das Geld, wenigstens wäre Dein Parfum längst besorgt: um mich diesem Entschwinden ins Abstrakte zu erwehren, das Imaginäres immer ist. Bitte, Herz, schicke mir eine Probe und halt mich, Dich zu halten, a n!)

Kapellenblicken.

„Mein Haar liegt falsch. Hast du denn keinen Fön?“

Dein Morgenlächeln geht Lenz nicht aus dem Herzen. Dabei wußte die Lydierin selbst nicht, daß man beim Erwachen derart lächeln kann; sie ward sich ihrer Fähigkeit erst bei Lenz bewußt, nicht aber schon in der lydischen Hauptstadt und auch noch nicht bei seinem ersten Besuch in Triest. Allerdings schliefen sie da zum ersten Mal miteinander. Noch aber sprach sie es nicht aus. Darum war auch sie, anders als Lenz dachte, der sie immer als die Wollende wahrnahm, der er folgte, - darum war sie, ganz wie er, alleine ihrem Körper ergeben, der gar nichts anderes wollte, nichts darüber hinaus, als Haut an Haut zu liegen.

Erinnerst Dich, Sìdhe? - wie ich in Dir geleuchtet habe? (Du hörtest nachher Donnergrollen).
Drum schreib ich jetzt von Höhlen.

A.
*

(14.30 Uhr.
Espresso.)

Es ist so kalt geworden, Sidhe! Draußen hat der Frost begonnen. Nun tritt er zweifach ins Zimmer, klettert von dort durch das offene Fenster herein und steigt aus mir selbst von ganz drinnen. (Sich zu entfernen macht kalt.)
Der Schmerz kommt in Wellen. Ich kann, ja ich kann, doch ich will‘s nicht: ohne Dich leben. Mein michEntfernen ist eine Bäumung, als krümmte mein Leib sich ums Herz, um‘s zu schützen, und weitete außen, rund sich verhärtend, die Haut aus. Da sind manche Sätze, die ich schreibe, aufgestellten Stacheln gleich. Betrachte ich die, dann stech ich mich selbst. - Sie haben Widerhaken.

[Frank Martin, E la vie l‘importa.]

„Ein Jahr nur“, sagte die Löwin, „warte nur ein Jahr, nur einige Wochen...“, alles werde schon anders gefühlt. Aber daß ich mich kennte, erwiderte ich; nach der schwersten meiner Trennungen brauchte ich fünf Jahre, um die Frau überhaupt wiedersehen zu können, und verweigerte darum jeden, bis dahin, Kontakt. Ein früherer hätte mich zusammenbrechen lassen. Und Κίρκη? Sie sah ich ein einziges Mal - nach einem davor ersten, bei dem ich im Publikum saß. Und immer noch nicht ist sie völlig aus mir heraus, doch war nun von Dir, endlich!, überblendet, meiner Errettung, wie ich gehofft hab. Wie ich geirrt hab.
So denk ich jetzt manchmal, ich ruf Dich einfach an, schick Dir eine Nachricht: will nicht von Dir ferne sein, laß uns, wie man so schreibt, Freunde wenigstens bleiben. Damit zumindest unsere Gespräche bleiben, der intime Austausch von Gedanken. Doch wie dann mich beherrschen, mich ständig zurückziehn, wenn ich merke, wie es in mir ansteigt? Ich atme, Sìdhe, durch Deine Lungen, Dein Mund holt in mich Luft. (Daß nun auch read An >>>> vom Frost spricht!)

Doch ich muß nüchtern sein. Wenn Du den distanzierten Brief lesen könntest, den ich gestern an meine zweite Sprecherin schrieb! Du würdest erstarren wie ich selbst. Aber ich darf hier nichts riskieren; die Stimme dieser Frau ist, gerade in der Balance mit Chohans dunkelwarm grundierter, wesentlich für das Hörstück, Du weißt schon, zur Kreuzfahrt. Da darf nichts schieflaufen mehr, nachdem nun die Formalien endlich in den Hafen geholt sind. Professionalität ist erfordert. Ich werde >>>> Paulus Böhmer bitten, den Lanmeister zu sprechen. Täte er das, wär‘s absolut ideal. Ich führe sofort nach Frankfurt, nähm ihn als O-Ton auf; er muß nicht, ja darf nicht ins Studio. (Selbstverständlich hätte ich ihn bei der Produktion gern dabei, „einfach“, damit die andren ihn hören, wie das aus der Welt-selbst zu uns heraufsteigt).
Das Kreuzfahrt-Hörstück: Meine Entstehung des Doktor Faustus.

Doch Höhlen, Geliebte, G r o t t e n! (Ich habe geschlafen, mittaggeschlafen einmal wieder, und tief. Es war tatsächlich klug, daß ich gestern nicht zum Training bin: mein Husten ist fast weg; nur morgens noch, vom allzu vielen Rauchen, rasselten etwas die Bronchien. Drum geh ich heute auch nicht schwimmen und setze das Gewichtestemmen um einen weiteren Tag aus. Bin ja mitten im Roman, drehe die Schwächung in Kraft, indem ich sie weiter fokussiere und nicht wegseh. Niemals, Schönste, niemals verdrängen! Sondern sich aussetzen. Auch deshalb die Wellen. Du weißt es, da bin ich mir sicher, daß ich von uns geträumt habe, dort auf der Couch.)

Grotten, sagt‘ ich, rief ich, Grotten! Meine erste hast D u mir gezeigt. Schau, ich habe den Prospekt noch:
Auch da war es schon, als sie hinabstiegen, die Sìdhe und der Faun, kalt. Sie spürten es auch, anders als die Lydierin und Lenz, von deren innerer Wärme, es war sein erster Besuch in Triest, der Tropfstein schneller tropfte. Wo ihre Füße hintraten, wuchs nun sofort ein Moos: vier Sohlenspuren Grüns. Alles wurde Vermehrung, hätte man meinen können. Indes der „Satz“ fiel erst zwei Wochen später. Nein, er stieg und schwebte. Bitte, gib mir ein Kind. Ich hab‘s mir immer so gewünscht. Sie weinte. Er konnte es nicht glauben: diese stolze Frau! Und trotzdem trug sie bis zum Schluß im Portomonannaie die Fotografie ihres Partners – des lenzvermeintlich vorigen – mit sich herum. Uneingedenk ihres Ausrufs: „Welch eine Beleidigung für eine Frau!“
Ist sie zu diesem Mann zurückgekehrt? Lenz weiß es nicht. Er schließt wieder die Tür, bleibt aber vor ihr stehen, sieht nicht in den Raum, sieht nur das Holz an, lange. Wenn er doch wenigstens, wie ich, Brot backen könnte! Hat er wohl das Kind nicht gezeugt, nicht ihr zeugen können, weil ihm die Erde letztlich fremd blieb, schlimmer: e r blieb‘s der Erde? Hatte sie wohl zu lange schon verraten in seinem Banker-Leben, wie ich die „einfache“ nahe Sexualität, die Du mir wiedergeschenkt hast. Nun kommt vielleicht die Rechnung, die man mit Impotenz bezahlt.
Denn ich, Du Frau, ausgerechnet ich - mag nicht mehr! Zuletzt hast D u mich getrunken. Das hat sich mir zu bewahren. Wer so etwas erlebt hat, zum allerersten Mal – noch m a l! „Warte nur ein Jahr“: Wär das denn wohl zu glauben? Und aber, Elbin, wenn, dann wie? Jedenfalls ist es, bei aller Entfernung, noch lange nicht die Zeit, die Sektflaschen zu köpfen, um betrunken das gleiche mit Almas Puppenkopf zu tun, geschweige für das Abschiedsfest die Freunde einzuladen. Man entscheidet sich sowieso bei Papier fürs Verbrennen; den Ofen dafür hab ich hier.

[Frank Martin, Le vin herbé.]

Ah, aber glaubst Du‘s? Soeben, ich habe nach der Post geschaut, konnte ich beim Nachbarn die Sendung mit dem Whisky abholen, den Lena, meine unbekannte Leserin, mir geschickt hat. Und eine, schreibt sie, „bittere Begleitung“, habe sie, aber versteckt, beigelegt. Ich hätt sie wirklich nicht bemerkt. Warte, Liebes, ich geb Dir ein Bild:
(An diesem Tisch hast Du gesessen, haben wir gegessen. Wie Du den Tintenfisch-Sugo mochtest! Und, Du weißt noch, meine ersten selbstgeöffneten Austern, mit dem Austernmesser aus Triest. Du gabst mir in den Mund, so gab ich Dir. Denn auch das ist zu erzählen, wie Lenz die Austern aus der Lydierin empfängt. Er saugt sie aus ihr heraus, unten.)

Die andere Post öffnen, Liebste, eine Honorarbestätigung vom WDR, erst einmal >>>> dafür. So verwirrt bin ich gewesen und bin es immer noch, daß ich vergessen habe, die Sendung hier zu anoncieren.

A.
16.17 Uhr.)
*

(17.28 Uhr.
Boris Blacher, Klavierkonzert Nr. 1.)

Mein Sohn war eben hier und hat erneut nach Dir gefragt und hat seinen Nachmittags-Espresso getrunken und hat das letzte Elbenbrot gegessen, zwei Scheibchen und den Knust, das Deinen Namen auf der Rinde trug. (Der nächste Sauerteig steht schon bereit, ich werd gleich kneten dürfen, dankbar, so dankbar für diese nahe Erde: Sie gibt mir sich, fühl ich, als Dich.

Hab ich von Deinen Beckenknochen schon geschrieben?)

Ravel, G-Dur, schon wieder dies Gefühl. Aufstehen, zu den Schallplatten gehen und suchen, unter „R“. Den ganzen Tag bin ich nicht aus dem Morgenmantel herausgekommen, darunter die Leggins, den Rolli; als ich den Whisky holte, warf ich einfach einen Wollmantel über, Du trugst ihn einmal. Deshalb ließ sich‘s denken, ich zieh mir D i c h jetzt an.

A.
*

Die ganze Nacht hast Du gehustet


Die ganze Nacht hast Du gehustet,
sechs Mal, in Anfällen von Schmerz,
denen ich beilag, eng, mein Herz,
- ach, daß Du endlich ruhtest!

So nahe Dein Gesicht dem meinen;
Atem, einmal, ging in Atem,
im Flüstern da, gehaucht privatem,
ein Lächeln, das dem unsern keinen

Raum der Lippen weiten wollte,
aber den Raum der Schlafstatt selber
in warme, feuchte, weite Wälder. -
Daß ich vom Bett nicht rollte

und nicht vom Moos! Ich lag am Hang
die ganze Nacht und lauschte
auf Deinen Schlaf und tauschte
in jeder Körperdrehung bang,

gleich ob der meinen oder Deinen,
den meinen dankbar für ihn ein:
Laßt ihr den Heilschlaf endlich sein
und nehmt, was sie zum Schlafen braucht,

vom meinen.

Äste schwarz, veralgt ...

liegen nasskalt in den Handflächen. Holzsaft. Ziehe Verschnittreste, Äste über bemoosten Boden und zerre. Astwerk. Das Pfirsichbaumholz ist an der Schnittstelle hell und duftet, harzklebrige Tropfen. Pfirsichtarte. Blaues Blut? Kurz vorm Tod vielleicht. Sauerstoffarm. Sommer, Herbst, Jahreszeiten. Krähen äugen. Sind nur Vögel. Unwirklich still (hier). Umgebung melancholisch. Komm. Vernorden. Krabbatmühlenhorizont. Da und da zieht ein Lichtebogen ins Fenster.Rote Ziegel. Gebrannt. LEDs sind sparsam. Warmweiß. Kenne Schneeweiß oder Meerblauweiß, Frostweiß, ReinWeiß, Schneeköniginweiß. Die Dame, die gern mit Spiegelscherben wirft. Fühl arg und erstarr. Vorsichtshalber. Nicht bleiben. Die Krähen fliegen auf. Sind nur Vögel. Meine Hände kriegen Schrammen. die Nägel Dreck unter die Ränder. Hätte die Pfirsichbäume erst im Frühjahr … (ver)schneiden sollen.

Achter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 9).


Für heute, Du
(allerschönste meiner Innenbilder),
Arbeitswohnung, den 27. November 2014,
donnerstags (bei Frank Martins Konzert
für sieben Bläser, Schlagzeug und Streicher)
um 8.22 Uhr,

bin ich mir unsicher, ob dieser Brief bei Dir überhaupt ankommen wird. Denn nachdem sich der Aufbau der Sites bereits gestern von nachmittags bis in die frühe Nacht zunehmend verzähte und schließlich nur noch zeitweise möglich war, ist twoday, die Hosterfirma dieses und Tausender anderer Blogs, nun restlos down. Insofern ist es nicht schlimm, daß ich abermals verschlafen habe; das letzte Mal, daß twoday komplett ausfiel, dauerte fünf Tage. Drei von denen merkten wir nicht, denn in dieser Zeit warst Du bei mir. Nichts hat unser Glück da überschatten können, schon gar nicht sowas und auch nachträglich nicht - nicht einmal, daß Du später von Flucht sprachst, in eine mögliche andere Welt.
Immerhin, Geliebte, möglich. Ich weiß, wie Du es meintest, und „möglich“ ist mir auch nah, wohl näher als die „Realität“ schon seit je. Zu leben in der Möglichkeitsform erlaubt einem Dichter Zuversicht. Möglich also, daß es klingelt, ich schrieb darüber schon, und Du stehst in der Tür. Trotzdem habe ich der Putzfrau abgesagt, die übermorgen sonst hergekommen wäre. Dabei hat die Wohnung es nötig. Aber sie putzte sonst alle Spuren hinweg, die mir von Deinem Dagewesenensein, einem wirklichen Dagewesensein geblieben sind. (Bisweilen, noch immer, find ich ein Haar.)

Abermals scheine ich gestern nacht einiges getrunken zu haben; ich arbeite mich auf zwei Flaschen Wein pro Abend hinauf, dazu spätnachmittags Whisky. - „Fühlen Sie den Schmerz noch immer körperlich?“ fragte mich Lena gestern in Skype. Ich tippte schnell mein „Ja“, schränkte aber ein, „doch er wird milder“, was grammatisch so nicht stimmt, er müßte denn vorher mild gewesen sein. Vor allem aber, ich huste, Reizhusten, sollte klugerweise den Sport aussetzen, fürchte indes, daß er, also jener, andere als bakterielle Gründe hat. Schon Du, mein Herz, hast mich nicht hinaushusten können, nicht mehr, seit wir uns zum ersten Mal ansahn; nun kann ich‘s nicht mit Dir. Ich habe mich nicht angesteckt bei Dir, weder als ich in Triest war, noch als Du hier warst, weil ich da noch, um ein Uns, habe kämpfen können; man hat dann für Energieverschwendung, die eine Infektion doch ist, überhaupt nicht die Zeit. Nun hab ich nichts als sie. Und huste also stark. Schwäche mich mit Alkohol und zieh mich mit Sport aus dem Sumpf, in dem ich sonst versänke.

Es wird ein Frank-Martin-Tag werden heute. Er schrieb schwebende Musiken. Von ihm hörte ich zuerst die Orgel-Passacaglia. Vieles, was mir derzeit gut tut, hat mit Gläubigkeit zu tun. Hingegen lesen kann ich nicht, ruhe z u in Dir. Die Bücher stapeln sich. Dann hörte ich Martins Vertonung von Rilkes Cornet; ein ungeheures Stück. Ich lüde es Dir so gerne in die Dropbox hoch! Aber sagte ich nicht - ja, versprach‘s -, Dir persönliche Nachrichten nicht mehr zu schicken? Es wäre eine solche. „Weitere Briefe wären Bedrängung.“ Abgesehen davon, macht man sich damit lächerlich, so als ein Mann, der einer Frau hinterherläuft, die ihn nicht will. Schon gar in meinem Alter, in meiner, literarisch betrachtet, Position! Hingegen diese Briefe nicht zählen, denn ich schreib Sie ja nicht Dir, nenne, Sìdhe, nie Deinen Namen; sie richten sich allein an meine Anima und, um es banal zu sagen, Traumfrau.
Dennoch, Der Cornet auf Rilke von Martin; Du mußt unbedingt die Aufnahme mit der Lipovsek hören, unter Lothar Zagrosek. Sie hat eine zugleich brennende wie schwelende Intensität und weht als fallende Fahne von hier, Berlin, wo Rilkes Erzählung entstand, zu Dir nach Triest, in dessen unmittelbarer Nähe der Dichter sein wohl bedeutendstes Werk schuf, Du weißt schon, Schloß Duino. Wir sind ja hingefahren, als ich bei Dir war. Auch die Lydierin wird es Lenz zeigen: Sie verstecken sich – nicht seine, sondern selbstverständlich ihre Idee – und lassen sich einschließen. Dann, nachts, liest sie ihm aus den Elegien vor (/ - - / -. Wo einmal ein dauerndes Haus war, / schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem / völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne). Lenz kniet vor ihr, das Gesicht in ihrem bloßen Schoß. Manchmal kann sie, so stöhnt sie, nicht weiterlesen, den Kopf weit im Nacken. - Ein Wunder, daß sie nicht bemerkt werden! Denk nur an all die Alarmsensoren... - Aber so war es.
Doch diese Szene, Geliebte, erst lange n a c h der Oper, nicht schon bei seinem, Lenzens, ersten Besuch in Triest, sondern beim zweiten oder als er bereits seine Wohnung, in dem Neubau der Via Castaldi, hatte, zur Via della Guardia hin. Nach Deinem Nein gibt er sie auf. Wiederum ist die Blockhütte, von der ich schon zweidreimal schrieb, in Wirklichkeit ein altes Grenzhäuschen im Wald zu Slovenien, so daß die Holztür stimmen mag, das kleine Gebäude selbst ist aber aus Stein, aus grauen Feld-, nicht etwa aus Industriesteinen errichtet und außen unverputzt. In nahezu sämtliche Fugen hat sich eine Flora eingewurzelt, von der ab Spätherbst ein graues zähes Dickicht bleibt; sommers indessen müssen die Fenster ständig freigeschnitten werden. - Dort lebt Lenz nach der Trennung – nahe genug, um, sollte sie rufen, die Lydierin nicht nur zu hören, sondern quasi sofort bei ihr zu sein. Triest direkt hielte er nicht aus, so wenig, wie ich selbst jetzt hinfahren kann, einfach weil ich fürchte, Dir dieses oder jenes Zufalls wegen zu begegnen. Dann wüßte ich nicht, was tun, ja fürchte, der Boden täte sich unter mir auf wie ein Maul, das erst zubeißt, mich mitten entzweibeißt, dann sich abermals öffnet und mich völlig hinabschluckt: ohne zu kauen wie das von Haien.
(Selbstverständlich ruft sie n i c h t.)

[Frank Martin, Die vier Elemente.]

Trauer, schreibt mir in Skype soeben wieder Lena, schwäche das Immunsystem; insbesondere, belaste man den Körper zusätzlich mit hartem Training, öffne sie den Infekten die Tür. Und das ist wohl wahr, daß Lenz um die Lydierin trauert, als wärest Du gestorben. Anders, Geliebte, läßt sich doch gar nicht erklären, daß Du mir verstummt bist, nachdem wir fünf Wochen lang täglich oft mehrere Stunden miteinander verbracht haben, sprechend, träumend, über alle Entfernungen hin, analysierend, betrachtend, kritisierend. Plötzlich (von einer Notbremsung schriebst Du) ist das vorbei. Als wärst Du gegen einen Baum gefahren oder mit einem anderen, Dir frontal entgegenkommenden Wagen karamboliert und dabei umgekommen: aus und tot und d e shalb vorbei. An einem Tod kann niemand drehen, er muß bewältigt werden, irgendwie, und läßt sich nicht - eines nahen, ja des nahsten Menschen überhaupt, den jemand hat - wie ein Büroakt schließen. „Aus dem Leben gerissen“, so heißt es, und: „Plötzlich“. Das ist nicht zu begreifen. Nicht einmal einen Grabstein gibt es.

[Frank Martin, Golgatha.]

Ich setze als ihn den Roman. Verstehst Du, Liebste, das? Hier mal ein Haar, dort Dein Hemdchen, selbst noch, auf dem Mitteltisch, die welken welken Blumen. Meine Wohnung ist voller Liebesreliquien. So sieht‘s in Lenzens Grenzhäuschen aus, aber karger. Vergiß nicht, ich hab Freunde. Ihm ist n i c h ts geblieben.

Da Du gingst.

(10.31 Uhr.
Husten.)

Selbstverständlich werd ich nachher Sport machen. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Du wirst sehen, wie sie fällt. „Das ist gut“ (: „So findet sie dich nicht schwach.“) Außerdem haben wir heute einen sonnengefluteten Tag, endlich wieder, in Berlin, nachdem bis gestern alles grau verhangen war, und düster. Ich habe mich an die so kurzen Tage noch nicht gewöhnt, brauch doch so viel Licht. Dennoch, Liebste, habe ich mich entschlossen, diesen großen Liebesroman, bereits jetzt anzubieten; die Häuser müssen ihm entsprechen. Rowohlt, Suhrkamp, Luchterhand, S. Fischer. Kann aber sein, daß man Nein sagt. Mein Name ist verbrannt. Auch darüber haben wir gesprochen. Dazu die Furcht vor dem Autobiografischen, nach dieser Flut von >>>> Prozessen ums Persönlichkeitsrecht, für einen derer mein Name noch ganz besonders steht. Doch findet sich gar nichts im Text, das auf Dich hinweisen würde. Wer glaubte eine Sìdhe? zumal, wenn sie grabsteinlos tot ist? Lassen wir, Geliebte, sie über die Friedhöfe nur streifen! Schauen wir ihnen dabei zu und lachen sie drum aus! - Wie Du lachen konntest, Elbin! Und wie Du lächeltest, immer, wenn Du erwachtest.

(Daß ich jetzt dauernd huste, will mir als eine Volte meines Körpers erscheinen, Dich in sich auch s o zu bewahren; der Husten fing an, als ich gestern >>>> das Nachtgedicht wieder vornahm. Alles, wenn man liebt, wird zum Zusammenhang. - Hast Du die Episode mit dem Ehering noch lesen können? Ich erzählte sie dem siebten Brief abends hinzu. Deshalb muß ich von der Oper jetzt endlich erzählen. Laß mich aber erst versuchen, diesen Briefbeginn schon ins Netz zu stellen; ist mir das, Elbin, gelungen, werde ich weiterschreiben.

Alban)
*

(13.52 Uhr.)
Ich schrieb noch, da alarmierte der Wecker meines Ifönchens: „Fußpflege, in zehn Minuten“. Und ich schoß sowas von los! Wenigstens die Pflege in der Ordnung lassen -. Was nun freilich heißt, daß es mit dem Sport wohl doch nichts heute wird; abends bin ich mit Amélie essen. Und ich will unbedingt die nächste Szene, Nahste, unseres Romanes, Dir fertigskizzieren. Das hat Vorrang. Ist ja auch wirklich klüger mit meinem Gehuste, helfen wird dann Schlaf. Und fünfmal die Woche, also der Sport, müßte doch reichen, je zwei, nur beim Schwimmen nur anderthalb Stunden.
Doch Sport ist auch Sucht. Täglich überprüfe ich penibel die Werte: Gewicht, Körperfett, Körperwasser, Muskeln. Ich halt mich daran fest, weil es ein Seil ist, das mich vorm Abstürzen schützt. Ließe ich los, ich säh Dich nie wieder, stürzte nur und stürzte, stürzte in das Alter. Außerdem, Liebste, auch die Lydierien läuft, wenn sie trauert – läuft sich jede Verletzung, die ihr geschah und geschieht, rigoros aus dem Leib. Dabei laufen ihre Tränen. Auch davon habe ich ein Bild, wie ihr Gesicht inmitten zerbrach. Stumm heulend durchrannte sie den Park, bis ihre Seiten schmerzten und sie schließlich lachen mußte, nur noch lachen k o n n te. Wieder und wieder, jedesmal neu. Solche eine, Elbin, Heiterkeit! Es gibt dergleichen keine zweites wie dieses Dein Lachen, wenn das Leid aus Dir so hinausgeschwemmt worden ist und Bereitschaft wurde für das wieder nächste. Laufende Liebesmärtyrerin... - Was haben die Lydierin und Lenz gesehen, was haben sie gehört?

Massenet böte sich an, (abermals Werther? Besser, Elbin, nicht).
Sogar den Tristan hätten sie auf sich genommen?
Nein, es ist elbischer gewesen, wirklich elbisch: Britten, A Midsummer Night‘s Dream. Da wird er, Lenz, zum ersten Mal Oberon werden, neben Titania, der Sìdhe. Du weißt, daß ich einige meiner Briefe so unterschrieben habe. - Jedenfalls dort:

Lenz ist da zum ersten Mal nach Triest geflogen. Schon in der lydischen Hauptstadt wunderte es ihn, daß die Frau seines Herzens in einem Hotel untergebracht gewesen ist; ist sie denn nicht Lydierin? Aber lebt wie Du in Triest. Eine lange Geschichte ging dem vorher, führte dem zu, die wir ebenfalls erzählen müßten: gleich eine nächste Liebesgeschichte. Wir wissen sowieso von der Frau noch zu wenig, eigentlich wissen wir gar nichts. Weil sie, darin nun anders als Du, keine Sìdhe ist, klafft da eine Lücke. Doch will ich nicht aufs neue abschweifen, sondern jetzt bei der Oper bleiben.
„Ich werde Schuhe aus deinem Geburtsjahr tragen“, SMSt sie ihm ins Hotel. Selbstverständlich wohnt er nicht bei ihr; sie ist ja noch gebunden, schweigt sich über ihren Partner aber aus. Lenz wird ihn später einmal auf einem Foto sehen. Sie wird es nie aus ihrem Portomonnaie nehmen: sein erster Eifersuchtsanfall, dem weitere folgen werden, nicht nur sich im Ausmaß steigernd, sondern als Häufung exponentiell. Doch Du hast recht: das noch nicht vorwegnehmen. Deutlich wird aber sein, daß sich der Grad seiner Eifersucht proportional zu seiner zunehmenden Schwachheit verhält. Kann man sagen, Herz, daß diese galoppierende Schwäche, weil der Mann ohne die Frau schließlich nicht mehr sein kann, ihn sie verlieren läßt: eben, w e i l er so liebt? - Wägungen, alles bloße Wägungen.
„Ich werde Schuhe aus deinem Geburtsjahr tragen.“ Das ist ein Pfahl, tief in die Erde gestoßen, für alle Zeiten ihm ins Hirn. Ihm wird schwindlig, als er das liest. Es gibt Sätze, die uns besiegeln. Und dann sitzt sie, als er hinkommt, links neben dem stumpfen Arkadenvorbau auf dem Rand einer der massiven Blumenschalen und sieht auf. Sein Blick geht sofort auf ihre Schuhe, graubraune Schlangenlederschuhe im Stil tatsächlich der letzten Fünfzigerjahre, elegante Schuhe, schlicht dabei. An Grace Kelly muß er denken, bevor sie Fürstin wurde. Vielleicht kann er sich nachher auch deshalb nicht an die Haarfarbe erinnern, nicht mehr, wenn er in seinem Grenzhäuschen an sie zurückdenkt.
Die Schuhe sind ihr ein wenig zu eng, sie muß sich in ihn einhaken, tut es schon jetzt. Sie treten durch den Seitenbogen in den Vorbau. Und linksum ins Haus.
Ich habe die Szene schon anderswo beschrieben, jetzt, Du Weiche, Du empfindsamst‘ Geschöpf, Du, meine allertiefste Sehnsucht - nein, allerh ö c h s t e!-, kommt sie in diesen Roman:
„Da müssen Sie mir helfen“, sagt die Lydierin, als sie die Treppe erreichen, und hält ihren eigenen, den in ihn gehakten Arm, an der anderen Hand fest, hängt sich fast ein bißchen an Lenz. Dennoch ist es kein Steigen, sondern ein Schweben, beider, als berührten sie den Boden nicht. Lenz spürt ihre Hand sich um seinen Bizeps schließen. Er stutzt, fühlt nach, kurz, geradezu hauchend. Erst dann tut die Frau den ersten Schritt. Und als sie, immer nebeneinander gehend, oben anlangen, läßt sie, die Frau, die Hand, wo sie ist. Da ist es unversehens, als wäre nie wieder anderes denkbar, nein, anderes fühlbar. So und so ist es bestimmt. Wie Deine Hand in meiner, ja, Du verstehst schon, auch wenn Du‘s nun abwehrst. Auch die Hand war der Blick.
Nässe.
Dunkelheit.
Park.
Wie ich in mich Dein Klagen nahm: So, ganz so, wurd nun der Minne- zum Trauergesang. Hab Dich geträumt als mein Lied.

(16.39 Uhr).
Soeben, Innigste, Nachricht vom Funk. Das will ich Dir auf jeden Fall noch schreiben, damit Du weißt, welch ein Gewicht mir dadurch zwar nicht vom Herzen, aber vom Gehirn fiel. Nun kann ich endlich das Studio terminieren. Mit etwas Glück wird es einer der Tage ab dem 16. sein, wie ich‘s Dir auch erzählt hatte, als es uns als das Uns noch gegeben. Da Kavita Chohan tagsüber arbeitet, sollte es eine Spätnachmittags- oder Abendzeit sein. Jedenfalls mußt Du Dir dieserhalb um mich keine Sorgen mehr machen. Ich weiß, daß Du es tust: ich spür es bis hier.
Endlich kann ich handeln.

A.
*


[>>>> Neunter Brief nach Triest]
[Siebter Brief nach Triest <<<<]

EndGültig


Ein riesiges Areal, durch das sie (federnd) läuft, über einen Damm, oben nicht innehaltend, springt weichen Schrittes in das Graue, das dahinter die Ebene bedeckt. Versinkt sofort,
schlüpft
In den beiden Sekunden, die es (kaum) dauert, bis nur ihr Kopf noch außerhalb
Umschmiegt/Futteral
ist, denkt sie nach. Der Schlamm (oh Maria und Joseph!) ist warm; ihre Fußspitzen berühren den Grund nicht, würden ihn nie berühren: Von dieser Sorte ist er nicht.

Sie hat Zeit, warum auch immer, (vielleicht, dass die letzten Sekunden einer anderen Dimension angehörten, nicht mehr als Zeit gälten, tatsächlich un-mittelbar seien) sich zu überlegen, wie jemand, Jahre später, ihren Körper finden wird; es beruhigt sie, dass dann immer noch ersichtlich wäre, nicht wer sie, aber doch dass sie Frau gewesen: Das scheint wichtig.
Für ein Sekündchen. Wie angenehm es wäre, den Mund zu öffnen und ihn zu ver
schlingen.
Zwischenräume
füllen
Zeit für den Rest.
Denkt sie. Öffnet den Mund und
schreit.
Und natürlich ist da mit einem Mal wer, sieht, hört, auf dem Damm stehend, rennt um Beistand, natürlich umschlingt die Löwin ihren Schlamm, einem (plötzlichen) Entschluss folgend, wie einen Teig mit beiden Armen, verdickt sich der wie unter einer Wohltat, lässt sich verteigen, verändern, schenkt seine Sekunden wieder her, schiebt sie ein Stückchen, Weilchen; sie trägt den Kopf gereckt, walkt, voran, zum Rand, zum Damm, vergisst zu sinken.
Meine Schöne, ächzt der Schlamm.
Was er zu allen sagt.

(Garnelen, hat sie gestern gelernt, Müttergarnelen, bekommen von den Züchtern in Thailand ein Auge abgeschnitten. - Warum keine andere Methode, gibt es keine andere Methode??, fragt die Reisejournalistin, die der Prozedur schaudernd beiwohnt: Die Schere wird über einem Feuer auf Temperatur gebracht, bis sie glüht, schnippschnapp, Augenstiel ab, Wunde ausgebrannt, ein einziger, wenn auch überraschend robuster Handgriff für so einen dünnen Stiel. Der Züchter wirft das Muttertier in eine mit Wasser gefüllte Tonne, es sinkt auf den Boden, auf die Seite, die Beinchen wiegen.
Er blickt auf. - Weil sie dann schneller Babys machen, sagt er, das wissen doch alle Züchter. Nicht mehr Babys, aber schneller. Es ist die Natur. Als wüssten sie, dass ihnen weniger Zeit für Fortpflanzung bleibt, mit der Verwundung.

((- Das ist natürlich Unfug. Oder? Das Wissen der Garnelenmütter?
- Nein, gültig. Was die Journalistin in Erfahrung brachte, später, über die Hormone hinter dem Augenstiel, wie sie durcheinanderkommen, wenn keiner mehr da ist, wie sie dann nur noch diesen einen Befehl durch den Körper schicken, mehre dich: nicht wichtig. Nicht für den Züchter, nicht für seine Garnele.
- Was gilt, ist sein Glauben, dass sie vom Tod weiß, und seine Schere.
- Ja.))

(((Ich spreche mit dir, doch im Hintergrund schnippt)))


Dem Mann jedenfalls, seitdem sie sein Herz geflickt haben, schwänzt manchmal sein Atem. - Und die Beine, sagt er, - ertragen nicht mehr das bisschen Luft zwischen Haut und Textil, es sind die Nerven, ich kann nur noch eng anliegende Hosen tragen. Tu ich ebenfalls: mit Gürtel und reingesteckter Bluse, schlank wie ein Messer.
Futter-Aal
Er reicht mir Wasser. Zwei Mal. Der Tisch hat eine Glasplatte; ich stelle es so sacht ab, dass kein Geräusch entsteht. Er beugt sich immer wieder nach vorne, trinkt nichts, ich mich ihm entgegen, wie zwei Algenbüsche, wir wiegen uns.
- Du siehst nicht gezeichnet aus, sage ich.
Es kommt tief aus den Augenhöhlen, sein Lächeln, ich überseh’ seinen Mund, wir sprechen über Kunst und Schreiben, über Orgsamen (Orgsamen, perfekt eigentlich) und Frauen, ihre Ansprüche und Bedürfnisse, sexuelle, über Reibung, anspruchsgefüllte Männer, Prostatae, Bolagno, devote Frauen und Herr-ische, geniale, genial furchtsame und Haut, immer wieder Haut, Harold Brodkey, die Löwin meldet sich zu Wort, Bücher als Fort-Pflanzung, Tusche, über mein neues Vor-haben;
es waren schon immer die Augenhöhlen an ihm, die mich fasziniert haben, wie in den Schädel durchgedrückte Pflaumen, darin sein Blick wie ein keckes Würmchen, das mir zublinzelt.

- Ich schreib’ dir ein Vorwort, sagt er, wenn du willst, aber nur, wenn es wirklich krass wird, lass es laufen, schick’ mir, wenn du magst, Teile davon, will lesen, reagieren, aber per Post, bitte.
Couverts, wie hübsch, denke ich.
Einverstanden.
Im Türrahmen umfasst er meine Taille, zieht mich an sich, schiebt mir die Zunge zwischen die Lippen, greift in ein Festmahl, mit beiden Händen.
Die Löwin stolpert die Treppen hinunter, lächelnd. Ihr Ring
klimpert

Später lächelt sie einen Fremden an, schon durch die Fenster der Galerie, während er draußen sein Fahrrad anschließt an eben die Laterne, bei der ihres schon und er kommt herein, geht direkt auf sie zu und wir beginnen zu sprechen, als seien wir nur kurz unterbrochen worden.

Schwänz mich nie mehr.

Briefe nach Triest 7: Distanzierung (Überlegungen, 1).

[Arbeitswohnung.
6.32 Uhr.]

Der >>>> gestrige Brief kündigte es an: Ich muß eine distanzierte Reflektion einschieben. Sie ist, in der Briefabfolge - als einer zugleich neuen Form des Arbeitsjournals – problematisch. Denn ich bin mir noch unklar darüber, wie ich sie netzlogisch verankere. Wahrscheinlich werde ich heute eine eigene Dschungelrubrik für die Briefe erstellen, worin aber nur die Links auf sie zu finden sind, je mit den Überschriften, und solche auf Reflektionseinschübe wie diesen, also „Erster Brief nach Triest“, „Zweiter Brief nach Triest“, (…), „Sechster Brief nach Triest“, „Überlegung 1“, „Achter Brief nach Triest“ usw.
Dies betrifft das Netzgeschehen, das, wie ich nun merke, eine zweite Spielart der Veröffentlichungsform ist, deren erste >>>> Die Fenster von Sainte Chapelle gewesen sind. Hingegen gehören weder >>>> mein New-York-Roman, noch Findeiss‘ >>>> Ahmeti-Erzählung hinzu, die sich zwar ebenfalls unter >>>> „Fortsetzungsroman“ finden, wenn auch „New York“ dann verschoben wurde; aber das sind bereits fertige Stücke gewesen, die nicht direkt im Netz entstanden. Es fehlt ihnen die Unmittelbarkeit, auf die diadorim und ich >>>> gestern zu sprechen kamen. Der Versuch ist, sie auch für das spätere Buch zu bewahren, jedenfalls ihre starken Energien im Kraftreservoir des Romans zu speichern. In der Tat kostet es mich heute Überwindung, jedenfalls eine starke Beherrschung, meinem angekündigten Vorhaben zu folgen und eben nicht gleich den siebten Brief zu schreiben – nach den Geschehen von gestern abend ganz besonders: - ein Nichtgeschehen, sollte ich sie nennen. Mal sehen, ob sich deren Unmittelbarkeit morgen wieder herstellen läßt: die Geschichte (m)eines Versagens, die unvermittelt auf Lenz projeziert werden muß.

„Briefe nach Triest“, in der Tat ein starker Titel, gerade in seiner Schwebehaltung, in der die Verwandlung von Realität in Fiktion bereits mitschwingt, stärker als im quasi-klassischen >>>> „Αἰαιαη oder Die Erleuchtung“, besonders mit seinem altgriechischen Circe-Bezug: zu gelehrt, sowieso, für die meisten gegenwärtigen Lesergruppen. Als I d e e eines großen Liebesromanes sollte er allerdings erhalten bleiben. Das schließt Lenzens „rein“ fiktive Person aus, also als die, abgesehen von der Lydierin, alleinige, auf die geschaut und über die erzählt wird. Es wäre dann immer der Briefautor zugleich, der im Focus des Romans steht, er begründet gleichsam Lenz (wie es auch der „Realität“ entspricht), aus ihm bezieht Lenz die für einen wie ihn ungewöhnliche Einlassungskraft.
Nicht so sehr ist aber das Moment des „Blickens“, auf das immer wieder abgestellt wird, unrealistisch, sondern vielmehr steht in Frage, im Sechsten Brief deutete ich‘s an, wieso sich die Lydierin darauf einläßt, was s i e so ergreift, während das in der Begegnung der Sìdhe mit dem Autor gar keine Frage ist, der ohnedies für „das Andere“ steht, bereits in den Gerüchten, die um ihn kursieren, vor allem in dem, was die Sìdhe schon vorher von ihm kannte: also in seinen Texten. Dazu die Erscheinung. All das gibt es bei Lenz nicht. Er, Lenz, hat schlichtweg kein Geheimnis, sondern das wird ihm erst in der Begegnung mit der Lydierin. Man kann sagen, sie gebäre ihn. Dann hat, daß sie sich wieder zurückzieht, vielleicht damit zu tun, daß sich Kinder, schon gar nicht die eigenen, nicht als geschlechtliche, schon gar obsessiv begehrte Liebespartner eignen, auch nicht, wenn sie erwachsen wurden. „Jetzt bist du geworden, nun lauf allein!“ könnte die Botschaft der Lydierin sein. Dann würde diese Liebesgeschichte einerseits ein Entwicklungsroman, andererseits unterstellte es aber, daß diese Frau sehr viel weniger selbst gefangen wurde, als ich doch gerne erzählen möchte. Ich meine abermals das „Blicken“. - Für einen „klassisch“ erzählten Roman sind solche Überlegungen findamental. Er kann, so, eigentlich nicht funktionieren. Die Psychologie kippt zu oft. Da müßte zu sehr narrativ geschummelt werden, und die Erzählung wirkte nur konstruiert: Man sähe zu sehr das Gerüst, das man in einem solchen g a r nicht sehen darf.
Das Problem entfällt, ja wird zu einer Stärke, wenn ich tatsächlich die Briefe-selbst den Roman sein lasse. Dann wird das Changieren zwischen dem Erzähler-Ich und Lenz zu einem besonderen Reiz, der sich aus den ständigen Versuchen der Distanzierung und eben ihrem Fehlgehn ergibt, ebenso bei der Bemühung, die Sìdhe zur Lydierin umzuformen. Spannend daran ist, daß, wenn mir diese Form gelingt, sowohl Erzähler als auch die Sidhe - Lenz ganz wie die Lydierin - in der Imagination der Leser:innen zu gleichwertigen Personen werden, das heißt solchen, die man im Inneren sieht. Da wäre dann im Rezipienten die Spaltung gelungen: er, bzw. sie, die Rezipientin, läßt sie in sich erstehen.

Lydien, Heimat der Lydierin, bleibt eine Märchen-, bzw. Stellvertreterfolie, anders als Triest, die tatsächliche Stadt der „wirklichen“ Sìdhe. Das muß klar sein. Lydien lassen sich alle nur denkbaren Eigenschaften, Landschaften, Temperaturen zuschreiben, es ist eine reine, geografisch, Projektionsfläche, indessen Triest immer konkret zu bleiben hat. Hätte ich jetzt nicht Angst, der Sìdhe dort zu begegnen – unplanhaft plötzlich und darum überwältigend, aber ins Leere überwältigt – , ich flöge noch einmal hin, um die genauen Orte zu recherchieren; damals wußte ich ja noch nicht, daß diese Liebe auf einen Roman hinauslaufen würde. Zum Beispiel weiß ich nicht mehr, wie das Café hieß, in dem wir am ersten Tag saßen. Ich wollte aber auch den Park noch einmal abgehen, müßte indes fürchten, daß sie dort joggt. Dann noch die Einsamkeit abends im Hotel... - nein, es wäre zu früh. Vorerst behelfe ich mir mit meinen Erinnerungen an Triest, ich habe ja einige Fotos gemacht, und mit Google Earth, das insofern seine Wahrheit hat, als es ohnedies die Grundlage eines unserer Liebes-Entferntheitsspiele war.

Die „wirkliche Sìdhe“: schon ein Widerspruch im Begriff. Auch hierauf, daß das so bleibt, ist zu achten; es geht eben nicht, wie man mir vorgestern >>>> unterstellt hat, um einen „Verrat“, sondern im Gegenteil um ein Bewahren eines in der Tat mythischen Geschehens. Mehr noch! Die Verrats-Unterstellung entspricht dem monotheistischen Bilderverbot; schon, daß der „Name“ Sìdhe gewählt wurde, steht mit ihm auf Kriegsfuß: Sìdhe ist heidnisch. Damit knüpfe ich deutlich an den >>>> Wolpertinger an, folge aber zugleich den in den >>>> Anderswelt-Büchern entwickelten Erzählstrukturen. Was mir vorschwebt, ist, sie mit der Narrativität des Traumschiffs zu verbinden, und zwar so, daß den ewigen Vorwürfen gleichsam de natura entgegnet wird, es sei alles zu kompliziert. Der schließliche Text soll genau die „Einfachheit“ haben, die das Traumschiff hat, auch wenn logischerweise, anders als in diesem, nicht linear erzählt wird, sondern die lyrische Komponente Vorrang hat.

Dennoch komme ich um eine zumindest skizzenhafte Charakterzeichnung sowohl Lenzens als auch der Lydierin nicht herum:

Lenz.
Um die fünfundvierzig, hochgewachsen, sehr selbsbewußt zu Anfang, jedenfalls gibt er sich so. Banker, Broker, sowas, was für ein Finanzdienstleister auch immer. Ökonomischer und damit quasi gesellschaftlicher Aufsteiger (Kleinbürgerherkunft, enges Zuhause, verhärmte Mutter, viel zu weicher Vater – daher auch seine eigene Weichheit und daß er von der Lydierin so „betroffen“ werden kann); vor der Begegnung Positivist: „Fakten“. Besonders wichtig ist ihm (um sich von seiner Herkunft abzusetzen), daß er zu sein s c h e i n t: Also achtet er auf Repräsentationsobjekte, Autos, Wohnung, Kleidung, Schmuck für die Gemahlin usw. Tatsächlich ist er, wenn es um sich und die Frau geht, geizig, ja kleinlich. Das Bild ist bekannt, gesellschaftlich Stanze. Seine Frau hat sich darin eingerichtet, spielt das Spiel gern mit. Die Ehe hat ein Kind, schon Jugendlicher jetzt. Auch der schon ist aufs Funktionieren trainiert, ja geradezu abgerichtet worden. (Die Wut der Gemahlin, als Lenz, wegen der Lydierin, dieses System nun verläßt, ausbricht).
Die Lydierin.
Um die fünfundddreißig, noch einen Tuck jünger vielleicht. Wie ich >>>> dort schrieb: teils arabische, teils jüdische Wurzeln; enger „stamm“hafter Familienzusammenhalt; auch sie ist ausgebrochen, aber früher, logisch, als nun Lenz. Hochbegabt, irres Abi, Meisterschülerin an der Uni. Extrem sprachbefähigt, daher ihr Job bei der lydischen Firma, der sie sich vorübergehend als Fremdsprachenkorrespondentin verdingt hat. Eigentlich wollte sie in die Kunst, hat es auch versucht, arabische Gegenwartskunst, die für Emanzipation eintritt. Frauenrechtlerin also in stark patriarchalem Umfeld. Von dem bleibt sie allerdings geprägt, was ebenfalls ein Grund dafür sein kann, daß sie sich von Lenz wieder trennt. Das Tragische wäre dann, daß eben seine erst durch sie geöffnete Weichheit, die sie eigentlich sucht, das ist, was sie dann flieht. Hierüber muß ich nachdenken; vielleicht „ergibt“ es sich auch aus den weiteren Briefen. - Eine ausgesprochen schlanke Frau, der Sìdhe darin ähnlich. Irgendwo vorher habe ich von einem Egon-Schiele-Körper gesprochen, einem also, den er wieder und wieder gemalt hat. Durchaus ein bißchen kantig. - Starker Kinderwunsch, den ihr Lenz aber nicht erfüllt; wir wissen vielleicht nie, weshalb nicht. Auch das kann ein Grund für die spätere Trennung sein.
Der Briefautor.
Durchaus an mich selbst angelehnt, wie in Meere, aber diesmal eben kein Maler, anders als Fichte. Dennoch wären ein paar Lebensumstände umzudrehen (pervertere), Details nur, die dazu dienen, Distanzen klarzumachen: Hier wird gebaut, nicht „abgeschrieben“. Seine Energien aber, deshalb ist er notwendig, gehen auf Lenz über; hieraus speist sich dessen Kraft, das vorherige Lebenssystem zu verlassen. Über den „Katalysator“ habe ich >>>> schon geschrieben. Seine, des Briefautors, Entwicklung wird darin bestehen, sich als einen solchen anzunehmen; genau das wird ihm helfen, die für ihn zutiefst schockierende Trennung anzunehmen und zu verarbeiten. Er hat etwas in Gang gesetzt, hat ein verkrustetes System wieder verflüssigt. Das wird ihn nicht weniger unglücklich machen, ihm den Verlust nicht ersetzen, doch schließlich sein Selbstbewußtsein stärken. Insofern geht er über Fichte hinaus. Vielleicht entwickle ich daraus sogar ein Credo des Künstlers, und zwar in einem Sinn, den >>>> dort die Löwin formuliert hat. (Um es zu wiederholen: „Kein Schutzraum, keine Opfer, kein Schuldgefühl“). Es ist aber insgesamt zu überlegen, inwieweit ich nicht des Briefautors persönliches Umfeld, seine Sozialität, also Freunde usw., vor allem vorhergangene und unter der Oberfläche weiterwirkende Lieben in den Roman mit einbeziehen muß, so, wie es der Briefautor bereits selbst mit den Zitaten aus den Briefen tat, die er während des Schreibprozesses bisher erhielt. Bei aller trauernden Unfähigkeit, die ihn erfaßt hat, muß klar werden, daß er keineswegs unbegehrt ist, eher im Gegenteil: Genau das wird seine tatsächliche Schwächung noch unterstreichen; hierin entspricht er Lenz vollkommen. Es müßte eine Lesart, eine Perspektive geben, die beide Figuren direkt aufeinanderlegt – so unterschiedlich ihre Herkünfte immer auch sind.
Er ist Mitte fünfzig, also zehn Jahre älter als Lenz.
Die Sìdhe.
Wohl die tragischste Figur des Romans. Wie die Lydierin um die fünfunddreißig. Ähnliche Bildung, jüdisch-deutsche, auch slovenische und sowieso italienische Wurzeln. Der Vater bewirtschaftet ein großes Gestüt für Rennpferde. Ob in Slovenien, ob in Serbien, weiß ich noch nicht; aber Balkannähe ist wichtig (Ausflüge der beiden, ihre, des Briefautors). Jedenfalls ist sie da ausgebrochen. Indessen, wie in Meere das Kliff, hier der Karst. „Aus dem Karst stammen“: „Ich stamme aus dem Karst“, sagt sie ihm einmal, um eine ihrer Handlungen zu erden. Von ihr wie von der Lydierin erfahren wir die Haarfarbe nie. Redakteurin beim Rundfunk, freie Kritikerin für Gegenwartskunst. Sowas. Aber uneins. Verheiratet seit einigen Jahren, hier die Verbindung zu Lenz. Sozusagen ist sie die Spiegelachse des Romans, der mit Umkehrungen arbeitet. Das Gefühl, „nie dazugehört“ zu haben, immer fremd gewesen zu sein. Was sie, durchaus zwanghaft-wiederholend, noch und noch zementiert. Die Verletzungsstruktur; >>>> dort bin ich bereits darauf eingegangen. Mit dem Briefautor der Versuch, daraus auszubrechen. Kehrt aber schließlich zurück, doch unter anderen Vorzeichen: will willentlich annehmen, die Dinge drehen, aktiv, nicht nur geschehen lassen. Eben nicht ihnen ausweichen und sie fliehen. Fliehen tut sie nur den Autor, was ein für sie objektiv notwendiger Schritt ist. Ihre Unbedingtheit, das ist wichtig. Ihre kompromißlose Klarheit. Große, gerade in dieser Tragik, Frau. Es ist ihr durchaus klar, daß der Briefautor trotz allen Leids mit der Trennung klarkommen wird; ihr Mann hingegen, den sie ja liebt, würde es n i c h t. Er wäre tatsächlich verlassen. (Thema des jemanden Alleinelassens: schon das, es zu tun, wäre der Sìdhe nicht möglich, nicht, so lange es noch irgend eine Chance gibt. Auch von daher hat sie schließlich Grenzen zu ziehen, Prioritäten zu setzen.) Gewissermaßen pfiffig an dem Roman ist, daß er dem Mann die Chance g i b t, eben in der Lenz-Figur; sie ist seine Utopie. Der Roman steht, wie Meere, vollständig auf der Seite der Frau, nicht auf der seines Autors. - In jedem Fall ist die Sìdhe in Bewegung geraten; wohin sie diese führen wird, läßt sich nicht sagen. Es ist nicht mehr Gegenstand des Romans.

Wie wird das enden, also er, der Roman? Ich weiß es noch nicht, müßte fragen: Für wen wäre das und das gut? Aber möchte jede moralische Parteinahme vermeiden (von der Pateinahme für die Frau sprach ich soeben); es geht nicht um Moral. Letztlich fokussiert sich das Buch geradezu auf ihr Gegenteil: daß solche Begegnungen g e s c h e h e n, geschehen k ö n n e n, egal, in welchen Umständen wir uns befinden. Diesen hier „das Blicken“ genannten Begegnungen will ich ein Buch widmen: diesen plötzlichen Einstürzen und Erhebungen: Intensitäten. Zugleich auch der Notwendigkeit, daß sie nicht „halten“ können, sondern so, wie Benjamin über Wahrheit schreibt, aufschießen und schon wieder vorbei sind. Es sind, aber wertfrei gesprochen, asoziale Gewalten, weit über allem gesellschaftlich Normierten hinaus. Zu denken etwa an eine Liebesleidenschaft zwischen einer jüdischen Israeli und einem arabischen Palästinenser – auch dieses ließe sich, als ein drittes „Modell“, in den Roman integrieren. Was sich begibt, begeben kann, wider Vernunft, Politik, Familie, läßt sich am besten in den Extremen zeigen. Nach „West Side Story“ ein „drittes“ Romeo & Julia (es hat seinen Grund, daß ich die beste Freundin der Sìdhe „Giulia“ genannt habe): nicht vergessen, Herbst!

Klar wird bisher, und dies immer mehr, daß die besondere Kraft des Romans der „Briefe nach Triest“ eben im Changieren zwischen den Personen besteht, in ihren aus den Ungleichheiten werdenden Gleichheiten, dem In- und wieder Auseinanderrutschen der handelnden Charaktere.
ANH, 25.11.2014.
Berlin.
_______

HochMut

- Du läufst immer zu Hochform auf, wenn Du glaubst, Deine Vernichtung stünde unmittelbar bevor, sage ich.
Er lacht auf: - Ich fühl’ mich alles andere als in Hochform, ich krieg’ ja nichts hin.
Doch. Kriegst alles hin, was dein Fieber füttert.
Keine Wadenwickel für den Helden. Nicht von mir. Lieber werf’ ich ein Scheit ins Feuer, hab’ fürs Sedieren nichts übrig, Beschwichtigung, da steckt schon der Wicht drin, ich glaub’ denen, die sich versteigen, oben im Berg.
(Solang sie –
doch das Wort mag ich nicht sagen aussprechen.)

Sag nicht deins, sag seins, Löwin,
sag: Liebhe
Schau, wie seins alles braucht
Und deins keins.


Seltsam, seine Briefe: wie Doping. (Ups, das wird ihm nicht gefallen) Wer sie sich einverleibt, rennt schneller, wer Doping hasst, muss vielleicht kotzen.
(Also gut, dann Götterspeise)
Es gibt übrigens keine Passiven hier. Wir sind, was wir sein wollen. Kein Schutzraum, keine Opfer, kein Schuldgefühl. Alles ist sofort frei gegeben, auf selbst die kleinste Fühlung fällt ein Licht.
Es ist angerichtet. Darin nicht Kunst zu sehen ist statthaft, zeugt aber von steriler Gesinnung: Wenn einer erleuchtet ist, geht man doch nicht in den Schatten.

Niemand verdient. Sich Liebe. Zieht ab, was Ihr erwirkt hättet, erschrieben, errungen, bewiesen und erkoren,
(ereifert)
streift den Samt von den Händen und die Jahre aus dem Fell (Verdammt, Dein Brustfell, wie mir das fehlt)
Was dann i s t: d a s nimmt sich die Liebhe.

Wenn sie kann.

GrundStein


Ich kann Es nicht tun jetzt, sagst Du, du wärest nicht gemeint.
Ich lass mich nicht abtreiben, sage ich. Nicht von Dir. Väter können das nicht.


Ich beanspruche dieses Revier.
Die Jahre, Ausbrüche, Deutungen sind mein; wer nimmt, dem gehören sie. Nicht als Enteignung, Leugnung, Anverwandlung, einfach die:
dröhnende Wucht des Eigenen im EntZweiten.
(Gong.)
.
.
.
(Drei Zeilen für die Narration freigehalten)
((Drei werden nicht reichen, Löwin))
(((Ich weiß)))

„Statthalter“ seien wir, sagten wir.
(Für die den Mut nicht hätten?) ( Du zitierst (mich) (zu) knapp; meine Kraft kommt nicht aus Überhebung )

Unter jedem der Worte, die Du aufhebst, um Statt zu halten
wohnt jemand, der kein Haus mehr hätte, nähm er Dein Handeln beim Wort

Wer den Grundstein hebt, legt ihn nicht mehr zurück.
Doch wen schert schon Auslegung. Ich bin hier: Fühlen heißt Füllen; die Luft über dem Grund gehört allen, meinen hast Du verwendet benutzt und ich Deinen und alle mit Steinen und alle unter ihnen sind gültig.
Wer meinen will, hebt sich, wer nicht gemeint sein will, sucht Unterschlupf.

Resümier uns nicht, sage ich.
Es gilt nur, was vom Ersten Blick an i s t, sagst Du.
Die Frau wählt, d i e F r a u will das Kind. Von. Mir. Nichts, das wächst, gilt je so viel wie sehen und - wissen. Du aber hast mich gewählt mit Konditionen.
Die verändern sich, sage ich.
Die verändern sich nie mehr, behauptest Du.
Ich schweige dann. Kategorien sind Dynamit: nur zum Sprengen gut. Ich lebe in Zuständen.

(Ich sehe Dich, textete ich in den Berg hinein vor (so wenigen erst?) Tagen, in Dein und Euer Verschlungensein),
und später schrieb auch ich Briefe. Ich warf sie in die
Hohe Stadt
ein, in der Du singst.
Tagsüber bekam ich nur ein hauchdünnes Blatt durch, nachts waren es mehr.

Teeren und Federn
Tee und Federn
Fee und Federn:

Der kleinen Löwin Singsang im Dunkeln.

Ach, Kind, was tust du denn da? Darfst doch wüten

Wissen, wie Du schmeckst.


Du sagtest Du sagtest
Du sagte ich sagtest Du

nahmst meine Zehen zwischen die Lippen
strich meine Zunge Deine Sohlen entlang

bog sich Dein Leib
saugt‘ ich mich an den Ballen fest

saugtest die Eichel unter den Gaumen
saugt‘ ich Dein ganzes Geschlecht in den Mund

und trank
und gäb Dir zu trinken, einander zu nähren

glitt mein rechter Daumen in Deine Rosette
widerstandslos bis an die Gründe

der Seele, unserer,
beinah ganz heran:

So ruhten aneinander die Stirnen,
verwuchsen in den Nasenwurzeln

Legst mir die Hand auf den Schwanz
Kann nimmer anders schlafen.

Sternenwürmer ODER Die Kontemplation. Von Friedrich (3).

Kontemplation als Voraussetzung eines jeglichen Philosophierens ist an langwährende äußere und innere Zustände der Ruhe gebunden, am eine Ruhe, wir Demokrit sie verstand: der Seelenzustand, der durch keinerlei Affekte und Begierden erregt wird, vielmehr daliegt wie das von keinem Lufthauch bewegte Meer. Vor allem aber ist Philosophieren an ein Denkvermögen gebunden, das den Gang der Sterne nicht außer acht lassen muß, während es das Kriechen der Würmer bedenkt.
Friedrich >>>> bei Horst Stern, S. 148/149.
Von Friedrich (2) <<<<

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen, 5: Aus dem Typoskript der vierten Fassung.

(...)

Sprecher 1 Lanmeister mag nichts mehr festhalten. Weder fotografiert er, noch nimmt er Töne auf wie ich.

Sprecherin 2 Des Windes.

Sprecherin 1 Der Meere.

O-Ton: Stimmen.

Sprecher 1 Ob er wohl zwischen denen sitzt? Ist es der dort vielleicht? Nein, viel zu kantig. Lustig, das schüttere, dennoch lange graue Haar, wie es vom Wind aufgeweht wird. Sieht davon aus wie ein Punker.

Sprecherin 1 Seine Augen irrten über dem Wasser dahin. Höher stieg die Sonne und höher.

Sprecherin 2 Die See ward blau.

Sprecher 1 Wir werden sprechen, er und ich, wie von einer Welt in die andre. Wenn wir uns treffen.

Sprecherin 1 So hoben sich die Wellen und fielen wieder ruhig. So hob sich das Schiff zu den Seiten und fiel mit ihnen hin. - Dies war der erste Tag, an dem er nichts tat, als zu schauen.

Atmo: Meeresgeräusche vom Bootsdeck aus.

Sprecher 2 Den Wellen zusehen, den Farben, Bewegungen, deren Gestalten in mich dringen wie Klänge: wuchtige, feine, sirrende, klatschende zuweilen, gegen den Bug.

Atmo weg.

Sprecherin 1 Am Vorderdeck wurde der Rost von den Kabelrollen geschliffen. Drei Arbeiter in Blaumann warteten den Außenborder des Beiboots. Emsig fragten Kellnerinnen hier, Kellner dort. Jeder in geschäftigster Arbeit

Sprecher 1 Sie lächeln immer.

Sprecherin 1 Erstmals spürte er, wie dahinter, darunter eine geschlossene Welt lag, eine zweite Welt in der Welt. Zwei strikt getrennte Organismen, deren einer aber den anderen nährt, wofür der vorher bezahlt hat.

Sprecherin 2 Die Passagier- und die Crewwelt, ihrerseits diese in eine Service-und Mannschaftswelt geteilt,

Sprecherin 1 mit den Passagieren verbunden im Lächeln der Zuvorkommenheit.

Sprecherin 2 Zwei Tage vergingen, schon drei.

O-Ton-Atmo: Einige Zeit für sich, ohne Sprechereinschübe.

Sprecherin 1 Herrn Lanmeister war er noch immer nicht begegnet.

(...)

Eine akustische Kreuzfahrt (4) <<<<

Augen.


Nie hab ich so schwarze Augen gesehen
unter den Oberlidern
nie solch ruhenden Schwung zweier Brauen

die mir die Dämme bauen
mich über den Wimpern zu halten
wenn mich die darunter stehen

der warmen, stillen Wassergestalten
Iriden in ihr dunkles Fluidern
hineinziehen und spalten

in rechts und links ein halbes Herz
um auf meinen ganzen Schmerz
Gewißsein zu erwidern

Geschichtskunst. Von Friedrich (1). Bei Horst Stern.

Im übrigen meine ich, daß die Geschichtsschreibung keine Wissenschaft ist. Sie ist, wie die Theologie, eine Kunsthervorbringung in der Exegese alter Texte.

Friedrich II, horror et stupor mundi,
nach >>>> Stern, Mann aus Apulien, S. 9.

Sehnen.


Je solches Blicken gesehen
Je von der Bahn dieser Nase gerutscht
Auf der Krone dieser Lippen gesessen
von da den Flug verfolgt

über ihm, bis er fällt
So geht sie durch ihn
füllt ihn und leert ihn
Kokoschka

: der lächerliche Mann
vergaß, was er ist
derart erhoben
im, wenn sie schauen

gemeinsamen Staunen
Trägt und weiß nicht
wie noch er tragen

ohne kann

Netzzock. MMS24.info/International Billing Service, Haferkamp 2, 22081 Hamburg.

Rg. RA-001415/RA-0001480

Sehr geehrte Damen und Herren,

unter den im Betreff genannten Rechnungsnummern habe ich von Ihnen postalisch zwei Rechnungen über jeweils 84 Euro zugesandt bekommen, deren Grundlage ich hiermit bestreite.

Einmal abgesehen davon, daß es sich beide Male um denselben Vorgang handelt, der dann also doppelt abgerechnet würde, ist er an sich substanzlos. Ich erhielt auf meine Mobilnummer *** eine SMS von einer Telefonnummer, der nicht angesehen werden konnte, daß sie nicht zu meinem Bekannten- und Geschäftskreis gehört, nämlich von 0157-83875512. Als die SMS einging, fragte ich, ebenfalls per SMS, sofort zurück, wer mir dies gesendet habe. Darauf erhielt ich keine Antwort und ging auf die in der SMS genannte Site, um mir die Sendung anzusehen. Dazu mußte ich mich anmelden, was normalen Registrierungsvorgängen entspricht. Von einem kostenpflichtigen Zugang war auf der Site keine ersichtliche Rede, obendrein von einem im Betrag derart übersteigerten. Was ich nun zu sehen bekam, war ein pornographischer, obendrein ziemlich öder Film, an dem ich absolut kein Interesse hatte. Schärfere sind kostenfrei im Netz ohne jeden Aufwand zu kriegen. So buchte ich die Angelegenheit als Spam ab, hatte aber auch keine Lust, mich weiter darum zu kümmern.
Jetzt sieht die Sache freilich anders aus, und ich werde gegebenenfalls Strafanzeige stellen. Weder aus der mir zugestellten SMS noch aus der Site www.mms24.info ließ sich in auch nur irgend einer Weise vorherersehen, welch eine Art "Sendung" da an mich gegangen war. Im übrigen pflege ich prinzipiell auch für realen Sex nicht zu zahlen; weshalb sollte ich es für virtuellen tun?

Wenn Sie die Strafanzeige vermeiden wollen, teilen Sie mir umgehend mit, daß Sie diese Email erhalten haben und Ihre "Forderung" damit gegenstandslos ist.

Ohne jede Hochachtung:
ANH
(Alban Nikolai Herbst)

P.S.: Ich habe den in Rede stehenden SMS-Vorgang für den Prozeßfall archiviert.

...

Ich bin, um in ein Wildes zu gehen,
mir unbewusst geworden. Schreite
von mir weg im Wärmestrom.

Mit jedem Traum.
Tag für Tag.


By passion the world is bound, by passion too it is released.
(The Hevajra Tantra)

J

Slowing J was a racist,
slumming down
a hopeless drug.
 

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