Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
________________________________


 

Traumschiff│Roman │ mare. Die „offizielle“ Verlagsvorschau.





(Erste Doppelseite)
>>>> Zweite Doppelseite)

(Als pdf: mare_Vorschau_Herbst2015_ANH (pdf, 2,525 KB))

(Siehe auch >>>> dort.)

Profanierung vs. Hoher Ton. Von Pfaller (5).

Alles, was an den Zauber der Kunst erinnert – das Extravagante ihrer Formen, ihr Glamour, der Starkult, das Ekstatische, Exzessive, Auratische, Überraschende, Hinreißende, Obsessive, das Charisma, die Ansprüche auf Größe und überzeitliche Geltung – all das wird nun mißtrauisch beäugt, wenn nicht bekämpft und aus dem Betrieb ausgeschlossen; ganz so, als hätte man soeben zum ersten Mal in der Geschichte erkannt, daß es sich dabei nicht um Wahrheiten, sondern um Mythen handelt. Die früheren Habitusformen der Kunst werden nunmehr als autoritär und übertrieben feierlich betrachtet, und darum erlebt und feiert man jenes Programm, das der Kunstheoretiker Wolfgang Ulrich unter der Maxime „Tiefer hängen!“ treffend zusammengefaßt und analysiert hat, als eine Befreiung.
(…)
Die Strategie der Postmoderne bestand im Versuch, dem Prinzip der Autorschaft auszuweichen (z.B. durch kollektives Arbeiten oder Publikumsbeteiligung). Denn sie erblickte in der inividuellen Autorschaft eine narzißtische Pose – und Anspüche auf eine selbsttransparente Subjektivität, die durch die Kritiken von Psychoanalyse und Strukturalismus philosophisch überholt schienen (…).
Die Moderne der klassischen Avantgarden (…) hatte jedoch zuvor bereits das Gegenteil bewiesen.; gerade durch indiviuelle Autorschaft wird „kopfloses“ Gestalten (das die Gruppe um Georges Bataille als „acéphale“ bezeichnete) möglich. Zum Autor werden heißt hier daum, sich als Autorenperson auflösen und unpersönlich werden – wie es Giorgio Agamben in einem schönen Essay über das Genie bemerkt hat (…). Wenn man in der Kunst der Avantgarde (selbst) spricht, dann um (von etwas anderem) gesprochen zu werden. Und nur wenn jemand die Rolle des Autors übernimmt, kann das zustande kommen, was Roland Barthes den „Tod des Autors“ genannt hat (…): eine unpersönliche, von jeglicher Individualität abgekoppelte artifizielle Stimme, die (in welchem Medium auch immer) einen bestechenden Text spricht.
(…)
Alles, was einen solchen Effekt erzeugt, was so stark „einfährt“ und spontan den Eindruck erweckt, daß es nur so sein kann, wie es ist, besitzt diese Qualitäten (…) deshalb, weil es „überdeterminiert“ ist: in einem einzigen solchen perfekten Zeichen sind mehrere Gedankenlinien zusammengeführt. Darum sind sie nicht paraphrasierbar – jedenfalls nicht ohne Verlust. Man kann nur der Reihe nach die einzelnen Linien fomulieren, aber dann geht eben das Großartige ihre Kopräsenz in einem einzigen Zeichen verloren.
Der Triumph, den solche Herrensignifikanten auslösen, rührt daher, daß sie mehrere, oft sogar einander widersprechende Bedeutungen in sich vereinen. Sie setzen sich damit, wie es eben die Art von richtigen Herren ist, über alle Regeln hinweg: sie sagen, anders als die Sprache es sonst fordert, in einem Moment nicht nur das eine, sondern auch noch etwas anderes; sie ordnen sich nicht dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten unter und behaupten nicht nur etwas, sondern zugleich auch noch dessen Gegenteil. Sie sind „perfekte Kompromißbildungen zwischen den verdängten und den verdängenden Vorstellungen“ (…).
Wenigstens im Moment blitzt darum in solchen perfekten Zeichen das Totale einer Wuncherfüllung auf, die alle mäßigenden Einschränkungen jeglicher symbolischer Ordnung überschreitet (…): Die perfekten Zeichen erlauben uns eine totale Bejahung (denn mit ihnen sind wir mehr als dafür; wir sind zugleich auch dagegen (…), denn alles, was an einschränkenden Vorbedingungen bedacht werden müßte, kann nun vergessen werden).


Robert Pfaller, >>>> Das schmutzige Heilige
und die reine Vernunft
, S. 243, S. 281-283.

Meerestaufe. Von Ecker.

(...) Schließlich tauchte ich unter, streifte mit beiden Händen Sand von der Haut und hielt dabei unter Wasser die Augen geöffnet: Lichtfächer im Türkis, treibende Algenfäden, die Schönheit der Schattenspiele, ein Krebs mit drohend erhobenen Scheren.
Erschöpft wie ich war, argwöhnte ich, dies alles schon einmal oder zumindest Ähnliches erlebt zu haben, doch das mußte eine Täuschung sein: Niemals zuvor hatte ich mich derart mit Schlamm abgerieben – und nie hatte ich mich nach einem Bad im Meer nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich derart gereinigt gefühlt. Kopfschmerzen und Übelkeit waren verschwunden.
Im Mysterium der Taufe, erkannte ich, verbirgt sich eine tiefe, von geflügelten Sanduhren und Jahrhunderten des Pfaffenwesens fast völlig vernichtete Wahrheit.

Chistopher Ecker, >>>> Die letzte Kränkung, S. 93

Mösenkathedrale (Traum vom 16. auf den 17. März 2015).

>>>> Dort.

airborn

Insassen sind wir, mit den Augen von Scharfschützen.
Die Festung wird gestürmt. Kinder fallen auf die Welt,
Dislozierte Astronauten in ihren Spacehelmen.
Der Schock der Atmosphäre. Die Deklination des Lebens.
Straflager und Käfig der Individuation. Wellen und Wind.
In den Wäldern, die Liebe. Abendhimmel und Blicke der Ungeborenen.
Abseits in den Zisternen der Zeit nistet der Tod direkt neben dem ewigen Leben.

Zu Nikolitschs/Mariakrons Irrer von Giraudoux

siehe >>>> dort im Untriest 42.

Das Objektive der Magie. Von Pfaller (4). Auch dieses quasi zum Pathos.

Neben dem – vielleicht trügerischen – Eindruck des Verlustes an Zauberhaftem in der Kultur aber gibt es noch eine weniger trügerische, unzweifelhafte Erfahrung von dessen Verschwinden; nämlich aufgrund aktiver Bekämpfung: So wird – insbesondere innerhalb einer sich als aufgekklärt und politisiert begreifenden Praxis – in der Kunst derzeit äußerst rigoros gegen alles vorgegangen, was mit „Aura“, „Charisma“ und „Glamour“ zu tun hat oder gar die Anmutungen von Eigenwilligkeit, Obsession, Extravaganz, Spleen, Heldentum, Exzeß oder Verrücktheit an sich trägt. Was zum Beispiel ein Andy Warhol durchaus mit einem gewissen Amüsement an seiner eigenen Person – insofern sie von anderen gesehen wurde – wahrnahm, woöllen Künstlerinnen und Künstler eines bestimmten, in erster Line durch öffentliche Gelder finanzierten Feldes von heute kaum mehr haben. Während das Magische in der Kultur scheinbar mehr oder weniger von selbst verloren geht, wird es in der Kunst aktiv zum Verschwinden gebracht.

Robert Pfaller, >>>> Das schmutzige Heilige
und die reine Vernunft
, S. 77/78

F r i t z  J.  R a d d a t z.  - Als Untriest 37 ein vielleicht, aber mir angemessenerweise, zu kleines Notat.


Arbeitswohnung, 8.54 Uhr.
Ich schreibe Dir, Liebes,

gar nichts heute zu mir, und nichts zu meiner Arbeit. Denn zwar gestern schon rief der Profi an - aber ich scheute mich noch -, ich solle bitte die Nachrufe auf Fritz J. Raddatz lesen, der seinen Fortgang in Zeitpunkt und Art auf eine Weise selbst bestimmt hat, die uns allen zu wünschen wäre: daß sie uns nicht verboten wird, so daß man seine Zuflucht in der Behinderung oder gar Schädigung anderer nehmen muß wie einer jener hoch verzweifelten Leute, die sich vor Züge werfen. Freilich hatte Raddatz, anders als die, noch genügend Geld und, so zu tun, wie er nun tat, vor allem die Bildung.
Wir sind uns zweimal begegnet, einmal als Gäste einer Talkshow, einmal in halbprivatem Rahmen und hatten uns nichts zu sagen; er kannte mich nicht, bis jetzt zu seinem Tod; für mich war er allenfalls als ästhetisches Phänomen interessant, auch als Dandy, der sich durchzusetzen vermochte, aber eben in seiner solchen Erscheinung als Homosexueller akzeptiert war, wenn auch nicht unumstritten. Die Klarheit seiner Worte gefiel mir, seine radikale Offenheit gefiel mir, seine ätzende Kritik am Betrieb, dem er indessen zugehörte und zugehören auch wollte, dessen Weichen er aber auch jahrzehntelang mitgestellt hat. Ich kam da als Zug nicht vor, vielleicht auch meiner Homophobie wegen. Das tut hier alles nichts zur Sache.
Der Profi hat recht. Einen der besten Nachrufe, die ich heute früh las – erst heute früh, weil ich gestern instinktiv auswich – hat >>>>> in der FAZ Volker Weidermann geschrieben - wenn auch mit der euphemistischen Headline, er sei, also Raddatz, „gestorben“. Die Zeile ist bigott, dem Mann nicht angemessen, denn sie stützt ein Tabu, das dem Menschen die Würde der letzten eigenen Entscheidung nimmt. Weiterhin lesenswert ist >>>> das von der Süddeutschen Zeitung noch einmal ins Netz gestellte Gespräch, das Sven Michaelsen mit ihm geführt hat. Sehr wichtig darin scheint mir die Unterscheidung von Eitelkeit und Narzissmus zu sein.

Wir hätten uns selbst dann, wäre meine Arbeit für ihn von irgend einem Interesse gewesen, wahrscheinlich nicht verstanden. Zwischen uns lagen verschiedene Herkünfte, verschiedene Vorlieben, von denen die sexuellen die mit bestimmendsten sind, verschiedene Generationen, verschiedene poetische Werte; verbunden hätte uns die Idee, das am Anfang all dessen, was wir groß nennen, die Leidenschaft steht: die Fähigkeit und vor allem Bereitschaft zur Hingabe, sowie eine radikale, nichtbürgerliche Offenheit, die sich gefährdet.

Raddatz ist nicht gestorben, sondern gegangen. Das ist, Geliebte, der Unterschied, den das Wort aufrecht markiert. Dessen wie seiner gedenke ich hier.

ANH, 28.2.2015
Berlin

Beziehung & Narzißmus. Von Pfaller (2).


Daß die Liebe nicht nur eine einzige, meist mit Gründung eines gemeinsamen Haushalts verbundene Form kennt, sondern auch noch ganz andere – wie zum Beispiel die Form „Geliebte“ oder „Komplize“ (…) –, gerät völlig zum Undenkbaren.
(…) Wer wirklich nur eine einzige Person lieben kann und überhaupt nicht erträgt, daß diese vielleicht auch andere lieben könnte, liebt darum auf sehr narzißtische Weise. Mir erscheint dann oft fraglich, ob das geliebte Eine überhaupt eine andere, vom Ich verschiedene Person ist. (…) Spätestens in der Eifersucht, die Freud als Paranoia begriff, tritt das Narzißtische dieser „monogamen“ Liebe jedenfalls deutlich zutage.

Robert Pfaller, >>>> Zweite Welten, S. 74.
Es gilt aber ebenfalls:
So wie die unerbittliche Forderung nach Treue hat auch die offene Beziehung etwas narzißtisch Grausames gegenüber dem Anderen: nämlich die Vorstellung, dem Anderen alles sagen zu dürfen – ja sogar zu sollen. In beiden Formen herrscht die tyrannische Vorstellung, alles teilen zu müssen.
S. 77.

Wieder zur Prostitution, sowie über das Gleichnis. Untriest 29: Mittwoch, der 18. Februar 2015.

[Arbeitswohnung,
8.56 Uhr.]
Es ist schon auffällig, Liebste, mit wieviel mehr Menschlich- und Innigkeiten es Amélie, meine ebenso hübsche wie kluge Prostutiertenfreundin, in ihrem Belledejour zu tun hat als die meisten anderen Menschen in ihren sofern nicht sozialen Berufen; und immer wieder, seit sie ihren Neigungen auf diese Weise nachgeht, frage ich mich, mit welchem Recht es Leute wagen, Frauen dieses Berufes zu diffamieren – nämlich schon in der moralischen Grundbetrachtung.
Ich supervidiere meine Freundin nun seit fast einem Jahr, und die Fälle, in denen wirklich, weil etwas heikel war, einmal zur Vorsicht geraten werden mußte, sind derart verschwindend wenige, daß es sogar mich erstaunt. Beziehungen entwickeln sich, für die die sexuellen Vorgänge – meist feste Settings –, geradezu nebensächlich sind. Immer wieder erzählt Amélie, man habe nachher noch eine halbe Stunde nur gesprochen, teils über die Familien der Kunden, oft über Theater und Oper und Film, bisweilen über Bücher, und alles dies ausgesprochen persönlich. Die tatsächliche Schwierigkeit einer allerdings nicht auf der Straße und nicht aus Not arbeitenden Prostituierten, geschweige einer dazu gezwungenen, besteht vielmehr darin, ihren eigenen Privatraum zu wahren, also die Kundenbeziehung nicht zu einer partnerschaftlichen machen zu lassen. Das genau erfordert die Distanz, die ich - als Supervisor - Amélie herzustellen oder zu halten helfen kann. Es kommt jetzt öfter vor, daß sie Kunden außerhalb des festen Etablissements besucht; dann ist es gut, wenn sie mich zwischendurch in Abständen anruft; ob alles in Ordnung sei usw.
Mehr als daß sie die Kunden erotisch befriedigt, sorgt sie also für ihre seelische Wohlfahrt. Ich erinnere mich, daß das zu meinen Jugendzeiten nicht unbekannt war; selbst meine Großmutter hat sich bisweilen dahingehend geäußert. Aber dieses Wissen ging in den ideologischen Auseinandersetzungen verloren, sollte verloren gehen, weil man offenbar ein Frauenbild institutionalisieren wollte und will, das sich nicht sehr von der marxistischen Idolisierung des idealen Arbeiters als eines „wahren Menschen“ unterscheidet. Die Wirklichkeit ist hingegen komplex und also sehr viel komplizierter. Was allgemein für gut gehalten wird, kann die Wurzel eines argen Übels sein, in das die Menschen aber aus Güte und Emanzipationsgeist wider ihre Anatomie hineingepreßt werden; im Zweifel bricht solche Güte auch Knochen.
Seit gestern abend, Geliebte, denke ich über diese Zusammenhänge wieder verstärkt nach, auch über unsere eigenen realisierten Fantasien, die sich zum Beispiel nicht in festen „klassischen“ Partnerschaften leben lassen, sondern auf Affären angewiesen sind; sie auszuleben kann überhaupt, schreibt auch >>>> Pfaller, die Bedingung der Möglichkeit einer glückhaften Partnerschaft sein, das heißt, daß die strikt durchgezogene Monogamie das monogame Beisammensein zutiefst schädigen kann; gleichsam zerstört sie sich selbst von innen. Sie kann dann nur noch, will man sie wahren, mit zusammengebissenen Zähnen durchgehalten werden und oft unter großen seelischen Schmerzen, was dem eigentlichen Aufwind der Liebe, das ein glückhaftes Aufbäumen ist oder sein sollte, einen Messerstich nach dem anderen versetzt. Schließlich blutet er, der Aufwind, aus und ein dünnes Lüfteln bleibt zurück, an dem sich die ältlichen Paare wärmen: Sentimentalität.

Sie hat sich verliebt, meine Amélie, frisch verliebt, rief gestern an, sie sei versetzt worden, ob ich mit ihr was trinken gehe. Es war wie ein Loch in der Welt, das sie schließen wollte. Dabei ist ihr Rendezvous nur um zwei Tage verschoben. So schockhaft kann sie sein, die Liebe, übernervös, furchtsam und doch voller Energie, die nur darauf wartet, sich zu verschießen. Und auch hier: „Von diesem Mann hätte ich gerne ein Kind.“ - Ich lächelte, freute mich. - „Er hat gesagt, daß es zufällig entstehen soll, er möchte nicht planen.“
Besser geht eine Liebe nicht. Und es tut mir enorm gut, eingeweiht in sie zu werden, sie ansehen zu dürfen und hier und da, wenn nötig oder gewünscht, ein bißchen zu stützen oder ein Weichlein mitzustellen.

Das wollte ich Dir heute morgen schreiben und hab es jetzt getan. So daß ich einigermaßen ruhig an die Überarbeitung des achten Triestbriefs gehen kann. Den siebten schaffte ich gestern. Vieles, was in einer Webpräsenz wie Der Dschungel funktioniert, läßt sich auf ein gedrucktes, also fixes Buch nicht ohne weiteres übertragen; einiges muß sogar ganz weg, das meiste neu gefaßt werden – eine Erfahrung, die ich schon bei den >>>> Fenstern von Sainte Chapelle gemacht habe; sie bestätigt sich aufs neue. Für Germanisten wird es eines Tages spannend werden, die Versionen zu vergleichen. Wahrscheinlich werden sich nicht nur über strukturelle Rezeptionsmodi, sondern auch über ästhetisch notwendige Konstruktionsnormen Aussagen daraus gewinnen lassen. Vor allem sie könnten der Grund dafür sein, daß die Publizierung belletristischer Arbeiten im Netz ein Buch nicht „ersetzen“ kann, dieses aber auch nicht eine Netzpublikation, sondern wir haben es, wahrscheinlich, mit einander zwar verwandten, aber doch wesenhaft verschiedenen künstlerischen Feldern zu tun – und nicht nur in ihrer Wirkung. Dabei dürfte „Unmittelbarkeit“ auf die Seite des Netzes punkten, Distanz indessen auf die des Druckwerks, das heißt, beide Kunstformen gehen verschieden mit Zeit um. So gesehen ist ein gedruckter Roman immer ein historischer, der im Netz veröffentlichte aber utopisch. Hier spiegelt sich Pfallers Idee der Zwei Welten in die Konstruktionsbedingungen von Büchern, was wiederum, Geliebte, bedeutet, daß sich auch die Zwei Welten in einer ständigen Bewegung von Bifurkationen befinden. Aus stilistischer Sicht gesprochen: Die „Wahrheit“ ist bei der Hypo-, nicht bei der Parataxe.

So, neunter Brief.
In Liebe,
A.

P.S.:
Ich nehme heute das Training wieder auf. Mein Körper war stark genug, den grippalen Infekt innert zweier Tage von sich abzuschmettern. Geheizt ist hier nach wie vor nicht, sogar das Fenster steht offen. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, überhaupt nicht mehr anzuheizen, sondern schon jetzt alle Kohleutensilien wieder in den Keller zu schaffen. Mal sehen. (Imgrunde sprechen nur die Frauen dagegen, sollte es in nächster Zeit mal wieder welche geben für mich, und die angesetzten Sauerteige und Bige, deren gutes Gedeihen eine gewisse Wärme braucht. - Auch aus so etwas versuche ich immer wieder, für ganz andere Belange gültige Aussagen zu ziehen. Das ist fast ein Reflex. Physische Prozesse als Manifestationen seelischer. Oder sind es nur „Gleichnisse“?)

*

Das Ressentiment gegen die Beute. Von Pfaller (1).


Das meiste, was wir derzeit für Befreiungen oder Fortschritte halten, besteht in Wahrheit darin, dass wir die armseligen Standards der Unterdrückten zur Norm für alle machen.
Robert Pfaller, >>>> Zweite Welten, S. 79.

Aiga und Hybris

Wie ich dann doch einmal komplett verzweifelte, war eine Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte. Vor langer Zeit. Näher gebracht hatte ich sie dir. So nahe, dass du eigentlich durch sie hindurchschauen konntest. Denn noch näher wäre nicht möglich gewesen. Unmöglich gar. Aber das Wunderbare am Unmöglichen ist ja, dass wir es wieder und wieder versuchen. Manchmal auch mit einer gewissen Hybris, egal ob beide Beine mitmachen oder nicht. Ob du einfach einen Fuß vor den anderen setzen kannst oder nicht. Bis es wieder in Ordnung ist und du über Schrittabfolgen nicht mehr nachdenken musst. So, wie zuvor.

H y b r i s. Allein das Wort legte sich manchmal wie ein Kranz um ihren Kopf. Als wär´s ihr Haar. Dann ist das, als wolle sie nackt, nur mit einem Rock bekleidet, diese Nordwand erklimmen. Und sie tat es. Während Aiga, die felsige Trollin, herzlich darüber lachte. Ihr Handy trug sie dabei in ihrer Rocktasche, um mit ihrer Mutter sprechen zu können, sollte es möglich sein. Ihr zu sagen, dass sie, immer wenn sie mit ihr telefonierte, wenn diese in den Bergen weilte, jedes Mal empfand, sie spreche höre mit einem Mädchen zu, das noch ganz leicht seine Träume träumt.

Oftmals, nach einem solchen Gespräch, stellte sie sich vor, dass sie irgendwann einmal ein Säugling war, den diese junge Frau gestillt hatte. Und so muss es ja auch gewesen sein. Nur kam ihr dieser Gedanke dermaßen seltsam vor. Sie. Ein Säugling? Denn tatsächlich war ihr diese jene hellklingende Stimme, die sie soeben auf der anderen Seite der Leitung gehört hatte, fern, irgendwo inmitten der Berge, derart real, dass es sie selbst -in diesem Moment- doch gar nicht geben dürfte. Eine Tatsache über die sie lächeln musste.

Ein quasi Pariser Triest. Untriest 26: Sonntag, der 15. Februar 2015.

[Arbeitswohnung,
10.49 Uhr.]
S c h o n aufregend, Liebste,
wenn der eigene Sohn zum ersten Mal alleine fliegt und ihn der Vater, der vorm SicherheitsCheck stehenbleiben muß, in der Warteschlange verschwinden sieht:


Also ich war sehr früh auf, um halb eins zu Bett gegangen, zwischendurch einmal aufgewacht, unruhig auf die Uhr geschaut, weitergeschlafen. Um vier endlich hoch, schnell noch einen Espresso, dann hinübergeradelt, den jungen Mann abgeholt und nach Tegel begleitet. Es war recht gut, daß er zum Terminal D mußte, so war ich weniger erinnert, als ich befürchtet hatte.
Riesenschlange an der Abfertigung, aber immerhin eine ausgesprochen schöne junge Dame hinterm Schalter, die sich über mein „Bonjour, Madame“ deutlich freute. Den Rest überließ ich meinem Sohn.
Es war nicht einmal mehr Zeit für einen Abschiedscafé; als der ziemlich elegante und ziemlich stolz, fast ein bißchen blasiert wirkende Bursche den SicherheitsCheck endlich hinter sich hatte, war der Flug schon fürs Boarding aufgerufen worden. Letzte SMS meines Sohns: „bin am einsteigen, viel spaß hier! lg“. Seither nichts mehr, obwohl er unterdessen längst angekommen sein muß. Sein Ifönchen ist wohl noch auf Mailbox gestellt, wahrscheinlich weiter im flight mode. Klar habe ich gleich angerufen, nachdem ich aus dem Sportstudio kam.
Hatte mir nämlich, Du Schöne, gedacht: Wenn ich denn ohnedies schon draußen bin, kann ich nach Tegel auch gleich zum Training weiter. Nur noch eben das bei der Mama abgestellte Fahrrad nebst Sportzeug geholt und durch ein eiskaltes Berlin, das von morgenerwachten und deutlich schwankenden Jungmännern durchzogen war, zum Studio geradelt, aufwärmen am Stepper, dann an die Gewichte, abschließend dreieinhalb Kilometer laufen und wieder hierher. Eine pralle Schüssel Fruchtsalat geschnitten, Nüsse drauf, Honig, den Saft einer ganzen Zitrone – pappsatt bin ich jetzt. Und will gar nicht gleich arbeiten, sondern erst einmal lesen. Amélie hatte recht: >>>> Dieses Buch könnte mir einiges geben, auch Dir... sozusagen uns; schon auf den ersten Seiten gibt es gewissermaßen eine Teilerklärung für das, was zwischen uns geschah und dann eben nicht mehr, ob nun für immer oder nicht:


Allerdings deutet ein bißchen was darauf hin, daß sich Pfallers und meine Wertungen unterscheiden. Doch darauf kommt es erst in den Schlüssen an. Jedenfalls will ich mich über die Triestbriefe nicht früher beugen, als bis ich, sagen wir, fünfzig Seiten gelesen haben werde.
So mein Tagesplan.
Ihn erhellt, daß ich weiß, wie gut Du es Dir vorstellen kannst, wie wohl mir das viele Licht tut, das heute abermals auf Berlin fällt. So läßt sich, daß Du nicht hier bist, wenigstens leidlich ertragen. Und selbstverständlich habe ich gleich für Triest geschaut. Da ist es ähnlich. Drum geh hinaus, Du Schöne, und lock uns den Frühling. Dir wird er ebensowenig widerstehen können wie ich.

A.
*

Abmahnung, nämlich Netznepper: Dirty Passion. Rechtsawälte Richter Clemens Falke in Kiel.



Berlin, den 5. Februar 2015


RCF10228 & RCF 10229

Liebe – ggbf. – Rechtsanwältinnen,
liebe – ggbf. – Rechtsanwälte,
liebe – ggbf. – beides,

soeben von einer literarischen Reise zurückgekommen, finde ich Ihre beiden freundlichen Abmahnungen vor und danke Ihnen sehr herzlich. Denn von meinem besten Freund, seinerseits Rechtsanwalt, ist mir selbstverständlich bekannt, daß der Abmahnmarkt eine nahezu unerschöpfliche Quelle juristischer Einkünfte darstellt. Um sich allerdings die Feldflasche aus ihr nachzufüllen, bedarf es nach wir vor eines begründeten Anspruchs. Ich erlaube mir hiermit von ganzem Herzen, solch einen auf unser aller weiter Flur nicht erkennen zu können, weder als Pflänzchen noch gar als Baum. Insofern verhehle ich erst gar nicht meine Begeisterung, nun gleich nach meiner Rückkehr solch einen heiteren Brief schreiben zu dürfen. Glauben Sie mir, für einen Schriftsteller ist das ein Exerzitium von hohem stilistischen Wert, auch kann er an ihm seine metaphorischen Ideen wetzen, ohne sich – schließlich haben wir draußen Winter – etwas oder gar einen abfrieren zu müssen. Da ich bekannt dafür bin, an meine Leser:innen zu denken, hoffe ich zugleich, auch Ihnen ein wenig Vergnügen zu bereiten.
Zum einen sollten Sie mit Ihrem Computersystem gelegentlich ein Arbeitsgespräch führen; seine administrativen Prozesse gehen nämlich insofern, hab ich den Eindruck, durcheinander oder laufen gar fehl, als sie ganz offenbar denselben Vorgang gleich zweimal für nur einen halten. Mit etwas Intelligenz wäre ihm, dem Computer, die darin liegende Komik sonst doch aufgefallen, daß jemand, wenn er einen Film denn überhaupt schon mal heruntergeladen haben sollte, es mit demselben ein zweites Mal tut.
Nun weiß ich freilich den künstlerischen Wert des mir, nebenbei bemerkt, unbekannten Werkes überhaupt nicht einzuschätzen; der von Ihnen genannte Titel, „Dirty Passion“, legt eine Extremsportart nahe, zum Beispiel leidenschaftliches Schlammsurfen. Andererseits könnte es sich auch um einen pornographischen Streifen handeln; ja, ich habe die Vermutung, daß es so ist. Dann aber wäre, daß ich solch einen Film auf mein iPhone heruntergeladen haben solle, schon deswegen ausgeschlossen, weil ich ein Liebhaber großer sekundärer, jedenfalls weiblicher, Geschlechtsmerkmale bin, die aber auf dem Handybildschirm alle, und zwar technisch notwendigerweise, zu ausgesprochen kleinen würden, was mir wiederum jegliche Freudlust vermieste. Also nein, liebe Anwältinnen, Anwälte oder beides – völlig ausgeschlossen: Nachweisbar (ich kann viele Zeuginnen benennen) habe ich zu masochistischen Akten nicht einmal die Neigung.
Also zumindest zusammenlegen sollten Sie die beiden – aber, worauf ich wie auf ein am Feldrain gar nicht äsendes Reh schon zu Beginn unseres Spaziergangs gezeigt habe - mir gänzlich unbekannten Vorgänge; es wird dann auch, glauben Sie mir, übersichtlicher.

Tatsächlich habe ich ein Mal eine MMS geöffnet, die mir über meine iPhone-Nummer als Nachricht eines oder einer Bekannten avisiert wurde. Die, in der Tat, stellte sich dann als ein überdies ziemlich langweiliger pornographischer Streifen heraus, dessen verdatterte Beguckung.mir bizarrerweise später >>>> in Rechnung gestellt worden ist, und zwar ebenfalls zweimal und sogar ein zweites Mal zweimal, wenn auch von einem nunmehr anderen Absender; beide Male habe ich, da damals anders als heute gestimmt, relativ entschieden reagiert. Ich lege Ihnen die entsprechenden Briefe in Kopie bei, sehe auch keine Notwendigkeit, Ihnen gegenüber Namen oder Firmen zu schwärzen, sondern werde sogar auch diesen Brief für meine Webpräsenz nutzen, einfach, weil meine Leser:innen sich über so etwas freuen.
Wie auch immer, wäre es sicherlich auch für Sie recht fein, bekämen Sie heraus, ob meine Vermutung stimmt. Jedenfalls stelle ich gerne mein iPhone zur Durchleuchtung zur Verfügung. Da ich selbst im künstlerischen Bereich tätig bin, wenn auch keinem so, wahrscheinlich, lukrativen wie Ihr katalanischer Mandant, ist auch mir am Urheberrecht überaus gelegen; Sie können insofern auf meine geradezu leidenschaftliche, wenn auch nicht schmutzige Mithilfe rechnen.

Einen Moment lang hatte ich übrigens gedacht, daß vielleicht mein minderjähriger Sohn versucht haben könnte, seines Vaters Gerät, sagen wir, zweckzuentfremden (es dient mir hauptsächlich zur beruflichen Kommunikation; schon deshalb lade ich auf das iPhone prinzipiell keine Unterhaltungsdaten), aber zum einen bestritt er dies, zum anderen glaube ich ihm und zum dritten ließ sich auch gar nichts nachweisen; es gab und gibt nur den von mir für den gerichtlichen Streitfall geloggten Vorgang. Also wirklich, die „Sache“ ist nicht ohne Mysterium.
Jedenfalls sähe ich einem Prozeß geradezu mit Vergnügen entgegen, auch, weil er im Wanderrucksack etwas Aufklärerisches mit sich tragen könnte oder, je nach Perspektive, müßte: etwa dahingehend, wie bestimmte Spaziergänger, bzw. Wanderburschen und -burschinnen in die Vielfalt unserer Kommunikationsmittel neue Formen des Wegelagerns oder auch Wilderns einzubringen versuchen – nicht aus Boshaftigkeit, bewahre! sondern sie haben bloß Hunger. Das ist nach längeren Märschen auch gut zu verstehen. Könnten wir uns und die unsren anders nicht ernähren, täten wir‘s wahrscheinlich auch. Nur bringt ein Gesell, der auf Walz ist, sein Säckel vorsorglich mit, und weil er‘s doch selber geschleppt hat, will er‘s auch behalten, bzw. vorbehalten, nämlich seiner eigenen Sättigung – zumal, da ihn und mich der für Künstler an sich nicht unbekannte Umstand einer gewissen Mittellosigkeit verbindet.

Es grüßt Sie aus Berlin:

ANH

P.S.: Nicht nur, weil mir an Leser:innen-Zuwachs gelegen ist, schicke ich eine Kopie dieses Schreibens gleich an die Staatsanwaltschaft Ellwangen direkt, von der Ihre beiden Schreiben mir bedeutet haben, sie habe bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Gerade eine Staatsanwaltschaft wird sicherlich interessieren, auf welche Wald- und Wiesenwege sogar das Recht gelockt werden soll, wenn es am Himmel bedeckt ist, so daß man gar nichts richtig erkennt, aber vor drohender Kälte doch Unterkunft sucht.

Kleine Theorie des Literarischen Bloggens, 155.

>>>> Dort.