Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
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Aus der Körperwerkstatt (1): PP198, 28. Juli 2014: Montag.

(15.35 Uhr, Mariaheimsuchung.
Station 4, Balkon.)
Hier, in diesem Krankenhaus, allerdings einem älteren Gebäude als diesem - heute Kita neben Hospiz - wurde vor vierzehneinhalb Jahren mein Sohn geboren. Schon deshalb >>>> kam ich gerne hierher. In dem verstreute, architektonisch teils wenig verwunschenen Gebäudekomplex gibt es einen kleinen Zauberpark, der mir aber erst heute früh, als ich ankam, auffiel:
Unter leichtem Nieseln war ich hergeradelt und dennoch zehn Minuten zu früh, so daß ich etwas herumging, -schlenderte ist das richtige Wort. Ich war seltsam unnervös. Aufnahme, Bettzuteilung usw. verliefen gelassen; ich teile mir das helle kleine Zimmer mit einem jungen Mann. Gleich neben dem Zimmer geht ein Balkonchen auf den Zauberpark hinhaus, das ich sogleich als meinen Arbeits- und Leseplatz wählte; dort saß ich nun schon die meiste Zeit:
,
las den >>>> Lawrence nämlich weiter, bis ich hinabgerollt wurde. Liegen sollte ich da, im Bett, was ich nicht einsah: „Ich bin nicht krank“ - ein Satz, den ich heute schon einige Male ausgesprochen habe und den stets eine kleine Irritation beantwortet hat. „Ein Leistenbruch“, sage iuch dann, „ist ein mechanischer Knackser.“ Und setz mich im Schneidersitz ins Bett.
Also die Darmspiegelung. Leider kann ich Ihnen noch kein Bild einstellen: von mir tief untendrin, aber das kommt noch; der junge Assistenzarzt vergaß, es mir wiederzugeben. Jedenfalls habe ich jetzt eine der tiefsten phantastischen Reisen meines Lebens hinter mir, und Sie, die und der Sie eingeweiht sind, wissen, daß es nicht wenige Reisen sind, die ich unternehme.
Anfangs gab es aber ein bißchen Ärger. Ich hatte die Kolo mitschneiden wollen, die Töne mitschneiden, und da war dann eine Krankenschwester mit sehr herabgezogenen Mundwinkeln, bereits chronifizierten, die sofort sagte: „Da muß erst die Pflegeleitung informiert werden.“ Den Rest können Sie sich denken, nicht aber, daß eine ausgesprochen charmante hübsche Dame es war, die mir die Aufnahme schließlich verwehrte. Woraufhin ich: „Sie zwingen einen dazu, unsichtbare Mikros zu verwenden.“ Darauf Sie: „Dann ist das eine Straftat.“ Ich: „Und wenn schon! Hätten sich Künstler je an die Gesetze gehalten, gäbe es gar keine Geschichte der Kunst, schon gar nicht deren Werke.“ Juristisch freilich ist das kein haltbarer Einwand, ästhetisch aber sehr wohl. Deshalb trennten wir uns in einer Mischung aus Sympathie und, beiderseitigem, SichÄrgern.
„Und Sie wollen das wirklich ohne Narkose durchstehen?“ fragte mich der junge Arzt dann, der den Joystick führte. - „Selbstverständlich.“ - Die eine der beiden Schwestern: „Und was sollen wir tun, wenn Sie sagen, Sie halten es nicht mehr aus? Abbrechen oder dann doch betäuben?“ „Wenn ich es sage, dann betäuben, selbstverständlich. Abbrechen tue ich niemals.“ So kam das Ding, ein Eidechsenköpfchen mit zwei weißen glühenden Augen, in meinen Arsch. Seitenlage erst. Und auf dem Bildschirm vor mir, in den auch der Arzt sah, begann meine ungeheure, in ihrer Bildwelt bisweilen rauschhafte Reise. Daß ich mit beiden Schwestern – eine gab auf dem Bauch den Gegendruck, die andere kontrollierte meine Körperfrequenzen und hielt, das war voll einer sehr guten Wärme, meine Hand –, - daß ich mit Ihnen also und mit dem Arzt sprechen konnte, war dabei Reiseführung der sensibelsten Art.
Der, wie es technisch heißt, Gerätevorschub war nicht leicht; mein Darm hat einige offenbar nicht ganz gewöhnliche Schlingen, so daß man immer mal wieder „um die Ecke“ muß. An diesen Stellen wird der Darm etwas mehr gebläht als auf den glatten Strecken, und das, nun ja, tut weh. Stellen Sie sich sehr harte Blähungen vor, die aber nie lange währen, sondern über die man kurzzeitig wegspringen muß. „Geht es noch?“ So immer mal wieder die Schwester. Meist war der Kurzschmerz aber dann schon vorbei, und ich fühlte Entspannung und sagte: „Klar, das ist irre! Machen Sie weiter!“ Allein die Äderung der Darmwand stellt jede Science Fiction in den Schatten zweidimensionaler Strichzeichungen, dazu kommen bizarre, aber organische Strahlen, die sich wie gebogene Pilaster aus Fleisch herausheben, märchenhaften Pforten gleich, teils wie fleischernen Arkaden, die kein >>>> Giger besser hätte formen können; im Gegenteil, man sieht, bei ihm wie Cronenberg, woher er seine Phantastik bezog. Es ist alles in uns. Außerdem sind dieser beiden Künste dunkel; was ich vorhin gesehen, war aber hell.
Nach etwas mehr als einem Meter Schlauch, der sich mittlerweile in mir wand, erreichten wir den Ausgang des Dünndarms, den eine weiche Klappe verschließt, um Rückfluß zu verhindern - nicht wie ein Mund, sondern fast wie eine Tür, eine Art Gegensaugtür. „Wenn sie sich öffnet, da wir nun schon so weit gekommen sind, versuchen wir, auch da einen Blick hineinzutun. Sehen Sie: dort.... Am besten, Sie legen sich noch einmal auf den Rücken.“ Das hatte ich bereits einmal getan, wiewohl die meiste Zeit der Untersuchung die Seitenlage favorisiert wird. Aber wir mußten die Schlingen etwas verlagern. Und die Hände, jetzt beide, der Krankenschwester gingen jede Bewegung der doppelleuchtenden Eidechse mit, tastend, drückend, teils streichelnd, um meine Verkrampfungen aufzulösen. Alleine dies war das Erlebnis wert: diese Form der körperlichen Empathie, zu der die Seele Resonanz war.
Bisweilen sieht man Tümpelchen - „Ganz leer ist der Darm nie“ -, die abgesaugt werden, und schon wieder hat man den Blick auf die grenzenlose Schönheit des Organischen; man begreift unmittelbar das Wunder, das wir sind, wir alle: das unser Körper ist, und momentlang dachte ich: Ach, wäre ich dort A r z t geworden! Auch wenn man sich zwischendurch immer mal wieder krümmt und die Zähne zusammenbeißen muß und deshalb, weil man's tut, dummerweise zugleich den Bauch zusammenkneift, was es der Eidechs dann richtig schwer macht. „Atmen Sie durch den Bauch... - Sie machen kein Yoga, schade. Da lernt man's.“ Ging indessen auch ohne. Alles, was wir brauchen, ist Wille, alles andre ist bloß Schmerz. Jede Frau, bei jeder Geburt, kennt ihn anders als in dieser gemäßigten, immer nur phasenhaften Form. Das verpflichtet die Männer. Und hier, ich schrieb es und schreib es noch einmal, wurde ich mit Bildern entgolten, die mich nicht mehr loslassen werden und die ich irgendwie bearbeiten möchte: ihnen die Prosa finden, wenn nicht Poesie.
Alles ohne Befund, übrigens. „Da hab ich wohl auf eine gute Weise ungesund gelebt“, scherzte ich und machte mich sofort, nachdem ich wieder auf mein Zimmer gebracht war, zum Italiener auf, der Körperwerkstatt gegenüber, um einen doppelten Espresso mit ganz ganz viel Zucker zu trinken. Essen, wiewohl seit vorgestern nüchtern, sollte ich noch nicht: „Ihr Bauch ist jetzt ein bißchen überanstrengt, lassen Sie ihm etwas Zeit“ - das war, als hätte der junge Arzt gesagt: „Sein Sie gut zu ihm.“ Und Zärtlichkeiten find ich überzeugend. Außerdem habe ich gerade noch mit ein bißchen Luft zu tun, die das Eidechsenköpfchen, das weißleuchtende, bei mir drinnen hat gelassen. Die will nun raus von Zeit zu Zeit, drückt auch, damit ich sie nicht vergesse. Dann rutsch ich hin und her und hebe die linke Arschbacke an, im Sitzen, um möglichst unbemerkt hinauszulassen, was seine Freiheit ganz wie ich will.
***

Erst morgen wird es weitergehen, wahrscheinlich sehr in der Frühe. Auch die OP will ich bewußt erleben, werde Ihnen auch davon schreiben, aber wahrscheinlich nicht vor dem Mittag.
Jetzt aber wird mit den O-Ton-Protokollen des Kreuzfahrt-Hörstücks weitergemacht. Ich bin ja nicht auf Urlaub hier. Und meine eCigarillos werden immer wunderbarer: Körperwerkstatt hin und her, ich sitze auf dem Balkonchen, tippe und dampfe munter vor mich hin. Überhaupt bin ich munter, ja richtig gut gelaunt. Obwohl ich keinen Mittagsschlaf hatte. Und seit einer Stunde prallt auf mich die Sonne wieder ein, als riefe sie: „Lebe!“ So daß ich gut zu schwitzen beginne und sie es glücklich wiederholt. „Lebe! Lebe! Lebe!“
*****

(Auf zur

>>>> Körperwerkstatt.)

Christopher Eckers unheimlicher Großroman F a h l m a n n.

(Geschrieben für >>>> Volltext.
Dort erschienen in 4/13.)

Jede Pfütze Ozean.
>>>> Thetis.Anderswelt.
Bis hierher haben sich die Roman-
schriftsteller damit begnügt, die Welt
zu parodieren. Jetzt handelt es sich darum,
sie zu ersinnen.

>>>> Blanche oder Das Vergessen.
Man muß nur wollen. Und können.
>>>> Fahlmann.

Dieses Buch - so äußerte sich einer der derzeit wichtigsten, aber auch kenntnisreich-s­ten deutschen Kritiker der Gegenwart - sei eines der großen Lebensabenteuer der letzten zehn Jahre. Doch für den deutschen Buchpreis eigne es sich nicht, weil es sich nicht verkaufen werde. Der Buchpreis werde nur an potentielle Bestseller verge­ben.
Abgesehen von dem Armutszeugnis, das sich der Mann damit ausgestellt hat – eine Verbeugung bis zu den Knien vor dem Markt – gibt die erhellende Äußerung nicht nur Einblick in die heutige Praxis des Feuilletons, sondern leuchtet überaus scharf das Verhältnis von Markt und Wirkung aus. Das eigentlich zu Betrachtende bleibt hingegen im Schatten, also das Sprachkunstwerk selbst: Alle jene, die auf die öffentliche Stellungnahmen von Kritikern angewiesen sind, erfahren gar nicht mehr von seiner Existenz. Sondern ihnen nahegebracht wird nur noch, was sie sowieso schon kennen. Es geht, kurz gesagt, nicht mehr um Qualitäten, auch nicht einmal mehr um den Konsum, sondern allein noch um Umsatz. So werden Bücher selbst von den Experten zur Ware reduziert. Kaufgrund ist >>>> nicht mehr das, was Kunst eigentlich ausmacht, sondern ihre Erscheinung als „Plot“. Der schließt immer schon seine Ver­filmbarkeit ein, ja sie wird geradezu eine Voraussetzung für ihren Absatz.
Für manche Bücher – die besten – ist das fatal. So auch für Christopher Eckers Ro­man „Fahlmann“, der vor anderthalb Jahren im >>>> Mitteldeutschen Verlag erschienen, aber, wiewohl ein Riesenbuch von über 1000 Seiten, geradezu geheim geblieben ist; die Leute, die es kennen, sind an fünf Händen abzuzählen. Das ist schon deshalb skandalös, weil davon ausgegangen werden muß, daß sehr bewußt verschwiegen wurde und weiterhin wird – möglicherweise aus Angst, es könne dem so bequem in klingende Münze und unterdessen internationalen Einfluß umtauschbaren sogenannten Realismus ein empfindlicher Riß beigebracht werden.
Tatsächlich >>>> widerstrebt Verfilmbarkeit der poetischen Grundbewegung dieses Buches. Doch nicht nur deshalb gehört es zu den bedeutendsten deutschsprachigen Ro­manen der letzten Jahre, sondern weil es ihm gelingt, gleichzeitig die Gebote des Realismus zu beherzigen wie eben auch sie auszuhebeln. Ecker, gleichsam, „über­zieht“ den Realismus sogar; ich möchte sagen, er transzendiert ihn bis ins Verschwin­den. Und zwar, indem sein Erzähler, Georg Fahlmann, aus seinen Geschichten im­mer wieder herausspringt, oft mitten im Satz, und sie in inneren Monologen mit Ar­beitsanweisungen kommentiert: Wieso mache ich eigentlich kaum noch Absätze? Wann hat das angefangen? Und warum? Wird das wieder aufhören? Und wenn ja, wie? Absatz. Ebenso verspottet er gern die Lesererwartung: Aber als Fahlmann den Linienbus verläßt (...), findet er zur Erleichterung des geplagten Lesers zum traditio­nellen Erzählen zurück. Wobei er allesdies immer wieder in die Erzählung zurück­bindet, ja, den „Plot“ daran aufhängt. Was zu einer Verwischung von Erzähltem und Erzähler führt. Doch Eckers eigentliche Kunst besteht darin, daß er das Übergreifen der Fiktion auf die Realität fast allein aus dem Stil seines Buches entwickelt: Er be­hauptet nicht, sondern läßt passieren, bis Georg Fahlmann endlich nicht mehr anders kann als dem Umstand ins Auge zu sehen, daß sich meine Notizen selbständig mach­ten. Da ist es für ihn aber längst zu spät und für die Leser sowieso.
Fahlmann ist ein, sagen wir mal, ergrauender Student, der Anerkennung als Schrift­steller sucht, als solcher auch viel arbeitet, mal inspirierter, mal verkrampfter, seinen Unterhalt aber als Aushilfe in einem von seinem Onkel geleiteten und von seinem ver­storbenen Vater mitgegründeten Bestattungsunternehmen bestreitet. Mit dem grotes­ken Unfalltod des Vaters fängt das Buch auch an. Auffällig teilnahmslos sieht Georg Fahlmann dem Geschehen zu. „Mein Vater ist tot“, sagte ich tonlos zur Fenster­scheibe. (...) Weder empfand ich Trauer noch ein Gefühl der Leere, bzw. hat ihn Lee­re schon lange gefüllt, schleichend drang sie in ihn, zum einen als Entfremung von seiner eigenen kleinen Familie, zum anderen, weil seine schriftstellerischen Impulse so völlig ohne anerken­nenden Reflex bleiben – das heißt: Anerkennung hat er durchaus gefunden, sogar in einem „großen Frankfurter Verlag“, doch dummerweise für Gedichte, die er im Totalsuff mit seinem Freund Achim zusammengeulkt hatte. Die werden nun regelrecht nicht etwa als Nonsense, sondern als Avantgarde abgefeiert, ja, schlimmer: Der Verlag will noch Nachschub, und wenn Fahlmann Lesungen wahrnehmen muß, sitzt er mit schiefem Lächeln entgeistert vor dem Publikum und fragt sich, wo das denn seinen Kopf gelassen habe oder ob es überhaupt je über einen verfügte.
Es ist eine Stärke des Romans, daß solche Szenen nicht satirisch angelegt sind, son­dern etwas durchweg Existentielles haben: Ontologie einer Gesellschaft, die – man muß fürchten: bewußt – dem falschen Schein huldigt. Vor dessen Zumutungen Fahl­mann sich auf den Dachboden geflüchtet hat, in seinen von ihm „Spitzbergen“ ge­nannten Elfenbeinturm, worin er an einem >>>> 1910 in Ostafrika spielenden Roman schreibt. Anfangs nach Kapiteln gesondert, bestimmt dieser Roman-im-Roman einen großen Teil des Buches und fängt schleichend, sich einschleichend, an, mit den realistischen Szenen zu verschmilzen, bis sich Zeiten und Orte unablösbar übereinandergelegt haben. Deren Nahtstelle ist Paris, wo Fahlmann als noch sehr junger Mann seine heutige Frau kennen und auf Anhieb zu lieben gelernt hat. Damit hat es auch gar nicht aufgehört, aber das Begehren ist schal geworden, vom Alltag gefressen, durch Gewohnheit ermüdet. Weshalb Fahlmann halb verzweifelt, halb ge­trieben geradezu wahllos Frauenbekanntschaften pflegt oder sie bis knapp vors Stalking überhaupt erst zu machen versucht. Dabei entspricht seiner durchaus machistischen Perspektive eine gewisse Neigung zur halben Impotenz, die er auch immer wieder formuliert – darin, wie in vielem anderen, durchaus „nachvollziehbar“ realistisch, auch wenn man sich mit sowas nur ungern identifiziert.
Georg Fahlmann ist insgesamt ein nicht wirklich angenehmer Held. Doch genau hier liegt eine nächste Stärke des Buchs, daß es nirgends zur Verschönung neigt, sondern physiologische und die deutlichen Schwächen des Charakters nahezu immer auf den Punkt bringt – ihn bringen läßt, muß das heißen, weil der „Held“ ja selber schreibt –, – bis er gegen Ende des Romans den ungeheuren Eindruck bekommt, selbst geschrie­ben zu werden, also selbst eine Romanfigur zu sein. Wobei er, Fahlmann, nicht sei­nen „wirklichen“ Autor, Christopher Ecker, im Auge hat, von dem er tatsächlich nichts weiß – insoweit bleibt das „klassische“ Verhältnis von Autor und Erzähler un­angetastet – , sondern seinen konkurrenten Freund Winkler. Ist er, Fahlmann, wohl selbst Bestandteil des „Großen Planes“, an dem jener arbeitet? Dies bleibt so notwendiger- wie verzweifelnderweise ebenso im Dunklen wie der Auftrag, mit dem Fahlmanns Romanheld Bahlow nach Afrika entstandt worden ist – ein Reflex, könnte sein, auf Pynchons berühmte Verschwörungsnovelle >>>> The Crying of Lot 49:
Noch manches andere Motiv Eckers legt nahe, bei wem er in die poetische Schule gegangen ist. Dazu passen auch die im Roman direkt genannten Bezüge von >>>> Sherlock Holmes über Treasury Island bis zu den Schlümpfen, die dem Buch eine der zugleich hellsichtigsten wie witzigsten Partien bescheren, und zwar ausgerechnet in erkenntnistheoretischer Hinsicht und obendrein als Reflektion über Thomas Manns Praxis der Namensgebung: Durch den Akt des Benennens nimmt der Benenner nämlich Platz auf dem Thron und vermenschlicht, vielleicht ohne es zu wollen, die göttliche Schöpfung. Nicht von ungefähr erinnert Linnés Akt der Aneignung der Welt durch das Wort an die Schlümpfe und ihre monosyllabisch-omnivalente Sprache. [….] „Schlumpf mir mal einen Kuchen!“, sagt der Brillenschlumpf und schlumpft sich so hinein in eine begriffene, beherrschte, durch das Schlumpfen vertraut gemacht Welt. Nicht anders menscht der Mensch die nackte Andromeda ins Punktechaos des Sternhimmels und menscht so das bedrohliche Durceinander mit Struktur und Bedeutung auf. Bei dem „Zauberer“ klang das noch so: Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen verfügen und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten (>>>> Joseph und seine Brüder, I). Genau das wird Georg Fahlmann zum Verhängnis, wenn seine Wähnung denn richtig ist, daß er selbst erfunden – hier also: benannt – wurde. Und so benennt denn er seinerseits die Welt, das heißt: erfindet sie. Es bleibt ihm imgrunde gar nichts anderes übrig. Wie Christopher Ecker seinen Helden uns das vorführen läßt, ist das poetologische, ja philosophische Zentrum des Buches. Aus der gescheiterten und eigentlich unsympathischen Hauptfigur wird so tatsächlich ein, und wahrscheinlich großer, Künstler. Aber dieses Zentrum ist kein Zustand, sondern Alles ist Bewegung. Alles ist gleitender Prozeß.
Dennoch ist Eckers Roman nicht nur ein theoretisches Manifest der Nach-Postmo­derne, ja, das vielleicht am wenigsten. Es geht nicht darum, noch einmal die auch schon nicht mehr neusten Thesen der DieWeltIstEinText-Verfassung wie auch immer spielerisch durchzudeklinieren, sondern „Fahlmann“ lebt eben recht eigentlich von den Anleihen oder sagen wir: von der Referenz, die es dem zugleich infrage gestellten sogenannten Realismus erweist. Ecker tut das durch eine sinnlich-erzählerische Prallheit, die in unserer Ggenwartsliteratur ihresgleichen sucht. Das fängt bei der irrwitzigen Szene, in der Hunderte Urnen heimlich in einem See versenkt werden sollen, nicht erst an: Fahlmanns Onkel hat sich die in Auftrag gegebenen Seebestattungen aus, sagen wir, ökonomischen Erwägungen erspart, muß aber nun die vielen zu Asche zerstampfen irdischen Überreste irgendwie loswerden. Leider gehen ihre Behältnisse, was man sich freilich hätte vorherdenken können, nicht unter, sondern schwimmen schließlich Tonleib eng an Tonleib auf der Wasseroberfläche... und es hört in dem Pariser Empire-Hotel nicht auf, in dessen einem Zimmer eine gewisse Madame Chabas, frecher Anklang an Chauchat, ausgerechnet Hühner hält, die ihr immer wieder auf den Hotelgang entwischen.
Doch überhaupt dieses Paris! Weil Fahlmann Stadtplan und Weltkarte übereinanderprojiziert – übrigens tatsächlich: so, unter anderem, ist Christopher Ecker seinen Recherchen nachgegangen – ist es möglich, die berühmte Stadt auch auf dem Seeweg zu durchreisen, doch es braucht nur eine kleine Drehung des Kopfes, um aus Hammerfest die Rue du Potau zu machen und aus dem Boulevard Ney das Nordkap; wiederum der Nordpol ist das für den Stiel eines Sonnenschirms gefertigte Loch in einem Plastiktisch auf einer Verkehrsinsel.
Nachdem Fahlmann nämlich sein Elternhaus, Sitz des väterlich/onkligen Bestat­tungsungternehmens, verlassen mußte, umziehen also, und deshalb sein Spitzbergen verloren hat, absentiert er sich von seiner Frau, auch von seinem Jungen, nun gerade­zu restlos und kehrt in die Stadt seiner jungen Liebe zurück. Dort will er endlich den Ro­man fertigstellen, dessen Held, der 1910er Bahlow, von Ostafrika allerdings ebenfalls nach Paris gereist ist. So daß es nicht Wunder nimmt, wenn sich die beiden über sämtliche Zeitschranken hin­weg begegnen. Im selben Maß, in dem teils Fahlmann-selbst Züge von Bahlow be­kommt, teils seines Freundes Achim, verwandeln sich die Romanhelden flirrend zu­rück in ihre Urbilder – Palimpseste, aus denen ein früheres Fresko herausschimmert: eben die Menschen aus Georg Fahlmanns „realem“ Um­gang als Ehemann, Vater und gescheitertem Studenten. Doch ist das eben nie sicher und fixiert, fließt seinerseits. Das funktioniert wegen der ständigen Vermischung von Erzählung und Selbstkommentar geradezu organisch und ist alles andere als ein tro­ckenes, abstraktes Verfahren, sondern von einem kräftigen, manchmal bis ins Ka­lauern schäumenden Humor getragen, und zwar auch dann, wenn der durchaus mög­lichen Lesart dieses Buches als eines grandiosen Schelmenromanes eine Verzweif­lung widerspricht, von der sich Fahlmann unbedingt ablenken will. Er ist eben kein Eulenspiegel, der über seine Streiche frei verfügt, sondern bleibt bis zum Schluß, in dem er versinkt, eine verlorene Person: und als meine Augen nicht mehr tränten, blickte ich auf die Uhr, in der ein unbarmherziger Wind blies. Eingewoben dazu finden sich einige durchaus nicht latente Bemerkungen zum Literaturbetrieb und seinen Schiebe- und Schlampereien, die Ecker ganz sicher auch nicht beliebter machen. Mit etwas Glück kann ich die Rezension sogar beim Rundfunk unterbringen. Das ist eine feine Sache. Man nimmt den fertigen Text und streut minutenlang Zitate hinein. Und dann kann man auch die Miete bezahlen. Oder die Leasingraten des Jaguars. Ecker hat immerhin selbst einige Jahre für wichtige Zeitungen als Kritiker gearbeitet und weiß, wovon er spricht. Über die Vergab von Literaturpreisen zum weiteren Beispiel heißt es: Marsitzky – das ist der Lektor des „großen Frankfurter Verlagshauses“ - hat es versprochen. Er verfügte über gute Kontakte. Er zog an allen Strippen. Viele Leute waren ihm einen Gefallen schuldig. Dies aber sind nur Nebenschauplätze, auf denen, weil es sich grad anbietet, abgewatscht wird, was abgewatscht auch gehört.
Wichtiger ist der Umschlag von Stil in psychisches Geschehen, bzw., für Fahlmann, umgekehrt. Es geben sich in die­sem Roman, >>>> Ronald D. Laing hat es vorformuliert, Poetik und Psychose die Hand:

Die sehr bewußten Spaltungen Fahlmanns unterstreichen das noch. Etwa teilt er sich in Fahlmann und Fahlmann auf (im Buch „GF“ und „GF“), deren einer den an­deren interviewt, teils unangenehme Frage stellt, auf die der andere die Antwort bisweilen ver­weigert. Zudem wird mehrfach eine Perspektive eingenommen, in der Protago­nisten des Buches zu Schauspielern auf einer Bühne werden. Da liest man plötzlich ein Drehbuch, in dem es Stimmen aus dem Off und auch Regieanweisungen gibt. Alle erdenklichen literarischen Formen prallen bei Ecker aufeinander, ja es gibt Pas­sagen, die in einer Geheimschrift steht, dem sogenannten „Walgnastanzieni­schen“. Deshalb kann der Leser so wenig wie Fahlmann wirklich auf der Höhe des Textes sein. So daß dessen „Geworfenheit“ sich auf uns überträgt: nicht nur, aber auch ein böses Ziehen an der Nase des sich partout identifizieren Wollens, auf das das „realistische Erzählen“ so unbedingt abzielt.
Wen so etwas düpieren sollte, aber, der wird mit vollen Händen gleich merhfach ent­schädigt: Allein die Bild- und Spracheinfälle Eckers sind schlichtweg fulminant. Nicht nur, daß Mohnbrötchen „rasierte Brötchen“ genannt werden und Pferde selbst­verständlich „schnobern“; auch sind die Stühle einer Gaststätte aus Angst vor dem Besen auf die Tische gesprungen und in dem unversehens zu Afrika gewordenen Paris hän­gen Zweifel (…) über dem Bett wie ein Moskitonetz. Hunderte solcher Einfälle gibt es, vor staunender Achtung kriegt man gar nicht mehr den Mund zu. Trat er auf den meterbreiten Balkon, den es nur gab, wenn sein Zimmer im vierten Stock festgemacht hatte, sah er über sich dunkle Dachgauben […], hohe abweisende und sich doch lückenlos aneinanderdrängende Gebäude, die Köpfe in den Nacken gelegt, und die Zähne mit den Zinkplompen nagen am weichen Himmel. Dieses Zimmer nämlich, es trägt die Nummer fünf, bewegt sich in quasi permanenter Rotation durch das Hotel.
Je weiter der Roman voranschreitet, auf desto weniger ist insgesamt Verlaß. Schon ein anderer großer Romancier, Kazuo Ishiguro, hat in seinem wahrscheinlich bedeu­tendsten Roman damit gespielt: in >>>> The Unconsoled von 1995, einem der für mich grundlegenden Bücher des letzten Jahrhundertendes:

So steht Christopher Eckers „Fahlmann“ in einer breiten, doch im allenfalls geheimen kanonisierten Tradition der großen Menschheitserzählungen. Die hat er inhaliert und führt sie, mit in Deutschland nicht sehr vie­len Kollegen, entschieden fort. Wahrscheinlich ist ihm, weil er eben nicht ganz alleine steht, das Risiko durchaus bewußt, zu Lebzeiten genau so ignoriert zu werden, wie es dem Buch bislang auch geschehen ist. Womit ich zu dem eingangs erwähnten Groß­kritiker zurückkomme, der schon deshalb nicht benannt werden muß, weil er völlig austauschbar ist. Hingegen Autoren wie Christopher Ecker stehen solitär da, eignen sich nicht dafür, daß man sie „entdeckt“, sondern mit allem Recht selbstbewußt zei­gen sie auf sich. Man kann sie so wenig „machen“ wie im darauffolgenden Jahr wie­der entthronen, wenn wieder Platz für das nächste Jahrhundertwerk freigeräumt werden muß. Sie haben auch kein momentan opportunes oder aus historischen Gründen dauerhofiertes The­ma, gehören weder einem „Mainstream“ an, noch kümmern sie sich um marktgängi­ge Jubiläen, sondern schreiben unbeirrbar an der einen großen Literatur fort, die sich korrumpieren nicht läßt. Das, genau das, ist an Christopher Eckers „Fahlmann“ der­art provozierend, daß schon aus Sicherheitsgründen so getan wird, als wäre dieser Roman nie erschienen.
Aber er ist es. Und es liegt nun an Ihnen, ob ihn schon heute viele Menschen lesen werden oder ob er, still und Jahrzehnt um Jahrzehnt, nur von einer Handvoll Einge­weihter weitergereicht werden wird, Generation für Generation. Soferne sie denn eine Rolle noch spielen, die Bücher. Darauf, freilich, die Antwort steht aus.

Christopher Ecker
Fahlmann
Roman
Mitteldeutscher Verlag, Halle
Gebunden mit zwei Lesebändchen,
1025 Seiten, 39,95 EUR
ISBN 978-3-89812-877-3
>>>> Bestellen.


Die schlichte Form des Realismus. Einkreisen: Michael Hametner im Gespräch mit Sighard Gille.


In der deutschen Gegenwartsliteratur grassiert die schlichte Form des
Realismus. Möglichst dicht ran an die Lebenswelt des Lesers. Damit
der Leser möglichst wenig in seine Realität übersetzen muß.
>>>> S. 67.

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (3).

(...)

Sprecher 1     Wie durch vorzeitliche Traumstätten fremdartigster Ungeheuer, an die zudem unausgesetzt die Gischt schlug, glitt das Schiff da entlang,

Sprecher 2     Kurs schon neu aufs Hohe Meer,

Sprecher 1     das weithin, so weit die Augen sahen, alles überzog.

Sprecher 2     Die alte schwere Dichterin sitzt stumm vor dem Fenster und sieht nur hinaus, sieht nur die Zeit

Sprecher 1     Indessen in der Astor Lounge Sinatra erklang.

Lanmeister     Wer ein Herz hat, macht sich schuldig.

Sprecher 1     Der junge Mann war zu sauber dafür.

Sprecher 2     Sinatra braucht Sünde und Rauch.

Sprecher 1     Das scherte aber das Publikum nicht.

Lanmeister     Was hören die Menschen?

Sprecher 1     Und der Reisende notierte zu Zarah Leander:

Sprecher 2     Wenn mir auf dieser Reise etwas klar geworden ist, dann, daß mein Sterbebuch ein Gesang für das Leben sein muß. Die Utopie eines menschlichen Davongehens, das mir von Anfang an im Sinn lag, ist aus der Bereitschaft zum Abschied nicht zu gewinnen, sondern allein aus lebendigstem Leben.

(...)

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (2).

(...)

Musik: O-Ton Schubert mit Stimmgeräuschen. Und das dann „zurück“ ins Meer fließen lassen.

Sprecher 2     Ich will im Licht sein und an der Luft. Zurück in die Vergangenheit meines Schreibens: Bleistift und Notizbuch. Es ist so warm geworden, daß ich mein Hemd übern Kopf ziehe. „Don‘t do it!“ rufen mir von ihren Liegestühlen drei alte Damen zu, und amüsieren sich. Indessen Lanmeister, denke ich mir, vor der direkten Anstrahlung auf der Hut ist,

Sprecher 1     der ihm, ohne daß er oder wer andres es sah, am Bootsdeck im Rücken saß, genau dort, wo die drei Damen immer noch weiter kicherten.

Sprecher 2     Die Wolken hängen als eine Flotte dunkler, aneinandergerückter Zeppeline über der See; die Sonne lassen sie nur manchmal zu uns herunterblicken und immer nur kurz: eine Seeblockade zur Luft.

Lanmeister     In die Strukturen der Wogen versinken.

Sprecher 2     Es gibt Rutschen gleich gestraffter Seide, hochpolierte, wie glattes Metall. Dazu über Strecken sich erhebende Bergzüge, nicht eine einzige krisslige Unruh auf den Pässen. Dann wieder Wogen aus einem mit Silber bedampften Blei, über dem der Gischtschnee wirbelt. Auf Hunderte Seemeilen Krönchen dahinter. Und wenn wir uns

Sprecher 1     dachte Gregor Lanmeister

Atmo: O-Ton Meeressirren

Lanmeister      gehoben von einem Wogenpflug, wieder hinabsenken, schäumt es unweit vom Berg weg:

Sprecher 2     dann hebt ein ungeheures Sirren an, wieder und wieder, das sich aufs Gleichmaß des Brandungsrauschens senkt - oder sich aus ihm erhebt, es ist nicht zu sagen -. Das wiederum Ton in Ton mit dem unendwegten Stampfen des Motors.

Atmo: Meeressirren und Schiffsmotor

Sprecherin          Schweigen, ständig
                         in schweigendem Deutsch.

Sprecher 1     Wer dem Meer und dem Motor lange genug lauscht, vernimmt ein immer gewaltigeres Tosen

Sprecher 2     auf der Fahrt in Gregor Lanmeisters zufrieden stillen Tod.

Lanmeister     Ich liebe dieses sanfte hohe Wiegen.

Sprecher 2     Immer hat er gedacht, daß sie einander erkennten.

(…)

Akustische Keuzfahrt 1 <<<<

„Am Ende fallen Tränen aus Titan.“ Götze im Kyffhäuser ODER Erweckte deutsche Töne. Unheimliches Notat zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Da kann schon erschrecken, wer einen deutschen Namen trägt und seine Geschichte überwunden hoffte. Die „Tränen aus Titan“ entstammen ausgerechnet der online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“. Ferner dürfen wir dort lesen: „Deutschland ist hart (…)“, ja von einem „Potpourri aus Blut und Wut“. Und in der FAZ aufersteht mit Götze der „Erlöser“, indessen als, f ü r dessen wohl, „Blutkrieger“ der Herr Schweinsteiger gilt: so in Die Welt. Als wäre alles vergessen. Das Unheil bleibt, doch profaniert. „Fußball ist längst Pop“, schreibt ebenfalls Die Zeit, und Pop ist die Ästhetik des Kapitalismus. So schrieb ich es an >>>> anderer Stelle. Der hat die Leute absolut im Griff und macht nun fröhlich Party, von „Trümmer“ bis „zerschmettert“.
Daß die „Weltpresse“ locker da mittanzt, beschlägt das Bild mit Eisen aus Jubel. Auf in die nächsten tausend Jahre. Ich erkenn sie an den Worten. So schreibt denn auch die Washington Post vom „erweckten (!) Nationalstolz der Deutschen“. Und Götze zieht in den >>>> Kyffhäuser ein, um das Reich zu retten.

Wo du aufhörst, fange ich an (nach einem Gespräch mit L., Station **)

Ich bin hier oben in den Wolken.
Nicht dort, wo die Sprachen gesprochen werden,
wo Schirme mein Ohrmuschelmeer bedecken.

Wo ich aufhöre, fängst du an.
Inmitten der Sprachen hörst du mich werden:
Hier bin ich. Hier fange ich an.

Am Himmel hängen Schirme. Umgedreht. Aus aller Welt.
Eine Ohrmuschel, die im Wolkenmeer versank, ist meine.
Hier oben. Hier höre ich mich. Sprechen:

G a n g a. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 2014. (Auch zu, leider, Fifty Shades of Grey).

Wir hatten uns in der Wohngarage einer Hippie-Gruppe zusammengefunden; ich war durch eine Frau hingebracht worden, die wiederum lockere Freundin eines dort lebenden Literatur-, glaube ich, -wissenschaftlers war. Unsere, der Frau und meine, Gespräche drehten sich aber um ihre Vorliebe für devoten Sex; vielleicht wollte sie auch von mir zur Dienerin abgerichtet werden. Irgend so etwas jedenfalls, die Situation war erotisch ziemlich aufgeladen. Was wir da allerdings bei den vor allem jungen Männern wollten, kann ich im Wachen gar nicht begreifen. Dennoch war diese Bewegung traum/logisch rein, ja organisch vollkommen und vollkommen organisch, dazu hochgradig schwül.
Ich wurde mit dem jungen Literaturwissenschaftler bekannt gemacht, der einiges von meiner Arbeit schon gehört, aber nichts von mir gelesen hatte; allerdings war er positiv präjudiziert und freute sich von deutlich ganzem Herzen, mich kennenzulernen. Auch mit „meiner“ jungen Dame, ich nenn sie mal Mademoiselle Hepburn, hatte ich einige Zeit über Literatur gesprochen und speziell über meine >>>> Melusine Walser, wie besonders darüber, daß mir die Löwin mit Recht ausgeredet hat, diesen Roman als den einer devoten Frau, sondern ihn vielmehr aus der Sicht eines dominanten Mannes zu schreiben: nämlich, was eben d i e s e n treibt, in eine Erzählung zu bringen. Unweigerlich kamen wir auf >>>> E.L.James' gräßliches, weil für die Zusammenhänge billig banales Buch zu sprechen und daß es aber gerade die innere Billigkeit (die nicht den Ladenpreis des Buches meint) sei, was seinen Erfolg begründet hat: Letztlich handelt es sich um eine sehr bewußt auf den Markt zugeschnittene Profanierung, während dominant/submissive Inszenierungen interessanterweise am schärfsten funktionieren, wenn man sie von Kirchenmusik begleiten läßt, etwa Pergolesis Stabat mater, aber auch – O Haupt voll Blut und Wunden - von Bachs Passionen. Will sagen, daß die treibenden und wirkenden Zusammenhänge die Metaphysik nicht nur streifen; ohne sie kann es gar keine Übertretungen g e b e n.
So das, im Traum!, vorhergegangene Gespräch, das sich nun mit dem jungen Literaturwissenschaftler fortsetzte, auch wenn jetzt >>>> Anderswelt ins Zentrum geriet. Um eine Formklammer zu schaffen, wies ich auf >>>> Die Fenster von Sainte Chapelle hin, das der junge Mann – im wachen Nachhinein erinnert er mich ziemlich an einen allerdings sehr bärtigen Brad Pitt, einen, sagen wir, D.H.Lawrence-Pitt –, aber auch nicht kannte. So ging das hin und her. Ich wandte mich wieder der kleinen Audrey Hepburn zu, der junge Mann stand abseits im Gespräch mit seinen Freunden. Irgendwann kam er wieder zu mir. „Ich verstehe gar nicht“, sagte er, „weshalb du so einen schlechten Ruf hast, auch hier, bei meinen Leuten. Das sind alles hochgebildete Menschen, aber sie lassen nicht mit sich reden. Sie mögen >>>> Krausser, sogar >>>> Kunkel, dich aber lehnen sie mit einer Entschiedenheit ab, die mich ganz sprachlos macht.“
So packte ich die Gelegenheit an der Rute und fragte selbst. Die Antwort, die ich bekam, frappiert mich noch jetzt: „Wie flach Sie in Ihrer Erzählung Ganga über Foucault hinweggehen, wie Sie ihn banalisieren, ist einfach grauenhaft.“ Ich war wirklich vor den Kopf gestoßen, denn diese Erzählung hatte ich, wollte ich ausrufen und tat es auch, niemals geschrieben. „Selbstverständlich haben Sie das. Das ist geradezu lächerlich, daß Sie das jetzt leugnen. Sie sind nicht nur ein schlechter Autor, sondern auch noch ein Lügner also und ein Feigling.“
Ich wurde immer verwirrter. Ganga, Ganga, ich konnte mich wirklich nicht erinnern. Aber mir dämmerte etwas, irgend etwas, ein Ungeheures, Schlimmes, ja Böses. Bis in mir eine Art Geständnis aufstieg, ein Selbstgeständnis, diese Erzählung tatsächlich geschrieben zu haben, nur daß ich sie in überhaupt keinen Zusammenhang mit Foucault bringen konnte. Ich hatte auch keine Ahnung mehr, was in der Erzählung eigentlich drinstand, nur, daß sie irgendwann vor Jahren in den >>>> Horen erschienen war, zu >>>> Johann P. Tammens Zeiten natürlich noch.
Ganga. Das mußte ein „indisches“ Sujet gewesen sein, und wenn ich jetzt drüber nachsinne, ist, abgesehen von meinem Bombay-Hörstück und einer vor anderthalb Jahrzehnten tatsächlich in den Horen erschienenen „Bombay-Rhapsody“, welches der Nukleus eines damals geplanten Mumbai-Romanes war, ein solches, aber auch nur indirekt, in der Erstfassung von >>>> Meere tatsächlich realisiert worden, nämlich allein in der Figur Irene Adhanaris. So daß jedenfalls die scharfe Auseinandersetzung, zu dem sich mein Taum nunmehr auswuchs, ganz offenbar abermals seinen Grund in diesem meinem umstrittensten Buch hatte. Aber das kapierte ich im Traum noch nicht, sonst hätte ich anders reagiert, besonnener und eingedenk, daß ich Tabus berührt hatte, deren Verletzung die Menschen mir übelnahmen und nach wie vor -nehmen. Ich wäre denn auf ihre Prägungen zu sprechen gekommen und hätte den politischen Zusammenhang von internalisierter Moral und ökonomischen Interessen deutlich gemacht. So indes, mit „Ganga“, blieb ich hilflos und in einer gegen die Wand gedrückten Verteidigungsstellung verohnmachtet.
Mit diesem lähmenden Gefühl und dem des Abgelehntwerdens und hilflos auch, weil sich der junge Literaturwissenschaftler mit einem Mal in einem Loyalitätskonflikt befand, aus dem er nur durch Rückzug von mir herauskommen konnte, wachte ich auf – hatte aber immer noch die im Traum aufgestiegene Gewißheit, die in ihm strittige Erzählung „Ganga“ tatsächlich geschrieben zu haben. Und daß an ihr etwas objektiv Unrechtes sei, das mich ein- für allemal disqualifiziert habe.

Was ich jetzt, im Wachen, anders sehe. Vielmehr denke ich, „Ganga“ nunmehr schreiben zu müssen. Als wäre es ein Auftrag, den mein Traum mir erteilt hat – etwas, das in meinem Unbewußten eine Forderung stellt, deren Erfüllung es bewußt machen soll. Nicht aber >>>> „Wo Es ist, soll Ich werden“, sondern ein geradezu ichloses Licht ist vonnöten. (Dagegen allerdings Bloch: „Nicht nur Verbre­chern ist ja das Dun­kel tauglich, auch Liebende wissen mit ihm etwas anzufangen.“)
*

Die Fenster von Sainte Chapelle.


Kulturmaschinen Berlin
Paperback, 180 Seiten
14,80 Euro
ISBN-10: 3940274348
ISBN-13: 978-3940274342



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Komm

Komm, leck mich wach
und lass mich an dich blühn:
Durchblute mich, ich leck dich,
blüh´ du an mich.

Was wär das für ein Duft, der
sich vermischte? Zeig mir, was
für Phyten wären das, die sich
öffnend so verströmen.

Podcast Reise & Literatur. WDR 3, Gutenbergs Welt. Mit Manuela Reichert.

>>>> Darin im Blick eines Mädchens von allenfalls zwölf. Von Alban Nikolai Herbst.

ARGO.ANDERSWELT. EPISCHER ROMAN. Elfenbein.


Alban Nikolai Herbst
Argo.Anderswelt
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Wieder auf See. 21. bis 26. Juni 2014. An Bord der Fridtjof Jansen.


Terrorismus, nach Lawrence. Die sieben Säulen der Weisheit (1).

… gegen Rebellion Krieg führen, das war eine mißliche und langwierige Sache, so als wollte man Suppe mit dem Messer auslöffeln.
Lawrence, >>>> Die sieben Säulen der Weisheit,
dtsch. von Dagobert von Mikusch, S. 173

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (17): Das siebzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XVII.

Because your voice was at my side
I gave him pain,
Because within my hand I held
Your hand again.

There is no word nor any sign
Can make amend -- -
He is a stranger to me now
Who was my friend.




Chamber Music 16 <<<<

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (XVI): Das sechzehnte Gedicht. (Entwürfe).


XVI.

O cool is the valley now
And there, love, will we go
For many a choir is singing now
Where Love did sometime go.
And hear you not the thrushes calling,
Calling us away?
O cool and pleasant is the valley
And there, love, will we stay.




Chamber Music 15 <<<<
 

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