Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
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Der Freitod im Untriest 38. Sonntag, der 1. März 2015: Dem Frühjahrserwachen entgegen.


Arbeitswohnung, 8.20 Uhr
Händel, The Triumph of Time and Truth

Eigentlich, Geliebte,

habe ich, glaubte ich, >>>> dort genug gesagt, aber jetzt, soeben am Schreibtisch Platz genommen, finde ich >>>> das da, habe dem Kommentator/der Kommentatorin auch gleich geantwortet, aber, fühle ich, das reicht nicht. Denn es geht nicht um eine, wie Frau oder Herr schaakej schreibt, „Glorifizierung des Freitods“, sondern um etwas, das zu den Menschenrechten gehört und deshalb auch den bereits niedergeschriebenen dringend hinzuzufügen ist. Dabei ist sogar ganz nebensächlich, daß es dann nicht mehr zu den beklagenswerten und andere oft lebenslang schädigenden Akten kommen würde, in denen sich Verzweifelte vor Züge werfen. Sondern erst, wenn wir die Möglichkeit auch juristisch zugestanden bekommen, Art und Zeitpunkt unseres Ablebens selbst zu bestimmen, läßt sich ein menschengemäßer, das heißt selbstbewußter Umgang mit dem Tod finden und er sich als ein Teil unseres Lebens wirklich in es integrieren, anstelle daß er permanent verdrängt und an einen Rand geschoben wird, den man möglichst nicht ansieht. Auch erst dann könnte von einem verantwortlichem Umgang mit ihm gesprochen werden. Wer sich vor einen Zug wirft, ist bereits derart leidbesetzt, daß alle Kategorien keine Rolle mehr spielen und auch nicht mehr spielen können, weder, was den erbarmenswerten Lokführern angetan wird, noch, was wir unseren Verbliebenen antun. Daß überhaupt noch bei solchen Selbstmördern moralische Kategorien ins Feld geführt werden, zeigt nicht nur, wie empathielos die Urteilenden sind, sondern vor allem, daß sie tatsächlich glauben, über das Leid verfügen zu können – eine Hybris, die den Tod-selbst sich verfügbar zu machen glaubt, indem es ihn wie irgend ein Ding, nämlich eine Ware, dort- und dahin stellen und umstellen zu können vermeint. Es ist dies der Ausdruck tiefster Entfremdung, nämlich des fremdbestimmten Zugerichtetseins als längst schon selbst ein Ding.
Daran haben die Religionen, und zwar in ihren kirchlichen oder kirchenartigen Erstarrungen, einigen Anteil; es geht letztlich um Macht und Machtausübung. Auch wären, wäre der Freitod frei, die weltlichen Gerichtsbarkeiten eingeschränkt, und damit wäre es die (politische) Menschenführung. Genau davor haben Machthaber Angst, auch wenn es sich um demokratisch abstrahierte handelt, also um Instanzen.
Ich denke seit nunmehr vier Jahren über den Tod nach, nein, übers Sterben – seit >>>> meiner ersten Kreuzfahrt, auf der mir, am Tag nach Lissabon, die Idee des Traumschiffs kam, meines von mir so genannten Sterbebuches, das nun im Herbst erscheinen wird. Und ich bin dankbar, daß ich mich so früh damit beschäftige, in einer Zeit, in der ich noch völlig gesund bin, ja sogar noch in Saft und Wille stehe; sei, Geliebte, versichert, daß ich meine Entscheidungen getroffen haben werde, bevor mich Krankheit oder Verwirrung dazu unfähig machen. Aber schon neun Jahre vorher, als ich die >>>> Bamberger Elegien schrieb, mein Hohelied auf das Leben, wurde der Gedanke an den Tod zentral:


„Damals“ war ich zweiundfünfzig und anders als heute noch nichts, das für mich endete, in Sicht. Interessant – und bezeichnend – ist, daß irgendwann die pure Zahl bedeutend zu werden beginnt: Mit sechzig schließen sich objektiv Türen, egal, in welcher körperlichen Verfassung man sich befindet, ob man jünger aussieht und insgesamt wirkt, als man ist, und egal auch, ob man objektiv noch die Kraft, Lust und die Willensenergie eines, sagen wir, Vierzigjährigen hat. Das liegt einerseits an der gesellschaftlichen Bestimmtheit, der wir ausgesetzt werden, andererseits aber auch an der sich zunehmend erhöhenden Wahrscheinlichkeit kommender Schwächung. Dies bestimmt zum Beispiel die Möglichkeit neuer Paarbeziehungen, geschweige einer Familiengründung, bestimmt aber auch insgesamt die soziale Stellung, und zwar alleine über Erwartungen. Gerade diejenigen, die sich dessen früh bewußt werden, werden so aber in die Lage versetzt, sich auf das Extremste einzustellen, das wir kennen, bzw. überhaupt dazu Verhältnis und Verhalten zu entwickeln. Mir selbst scheint der Freitod, wenn einen nicht die Gnade eines plötzlichen Todes fällt, die menschlichste „Lösung“ zu sein, aber einer eben, die nicht in Heimlichkeit vollzogen wird, sondern über die man sich mit den Liebsten bespricht – ob nun in zehn Jahren oder erst in zwanzig oder dreißig, in jedem Fall zu einem Zeitpunkt und in einem Raum, über die man noch selbst ermächtigt ist. Den Freitod „verbieten“ zu wollen, ist, wiewohl vor Hilflosigkeit an sich schon bizarr, der Versuch, noch unser Sterben fremdzubestimmen; demente Menschen sind nicht von Ungefähr regredierte. Sie sind es nicht nur aus physischen, sondern vor allem auch aus gesellschaftlichen Gründen, die ihnen gar nichts übrigließen, als es so weit kommen zu lassen, sofern sie sich nicht irgendwann über sie erhoben.
Ich spreche auch vom Stolz, Geliebte. Ich spreche von einem Menschenbild, das die Selbstbestimmtheit will, Freiheit. Sie werden wir auch insgesamt erst erlangen, wenn wir wissen, wie wir mit unserem Tod umgehen wollen, und wenn wir unsere Haltung auch umsetzen können. Allein der Aufwand, sich auf dem Schwarzmarkt eine Waffe zu besorgen, ist eine gehässige Zumutung der Unmenschlichkeit, mal abgesehen davon, daß man finanziell „flüssig“ genug sein muß – sowieso, wenn man die organische Lösung möchte, die etwa in der Schweiz möglich ist. Bisher handelt es sich in jedem Fall um einen kriminalisierten Umgang im Hinterzimmer. Immer wieder Heimlichkeit, anstelle, daß wir offen sagen können, nun ist es gut, und es mit unseren Liebsten besprechen. Denn selbstverständlich hätte ich es gerne, wenn in meinen letzten Minuten die, die ich liebe und die mich lieben, bei mir wären, um mich, wie ich in meiner Antwort schrieb, an die Tür zu geleiten.
Es ist ja in aller Regel falsch, daß der Tod sehr plötzlich käme; wahr ist, daß er sich einschleicht und wir ihn anfangs gar nicht bemerken. Doch irgendwann, sind wir hellhörig und wollen wir‘s auch sein, vernehmen wir die Schritte. Zu sterben ist ein sehr langsamer Prozeß, der sich aber zunehmend beschleunigt – so, wie einem die Jahre zunehmend schneller vergehen, je älter wir werden. Für Kinder ist eine Stunde eine oft unüberblickbare Spanne, Älteren verf l i e g e n die Jahre. Jede und jeder kennt das. Wollte ich heute noch einmal etwas wie Anderswelt schreiben, wäre ich bei Fertigstellung siebenundsiebzig.
Nein, meine Nahste, ich schaue nicht zurück, sondern nach wie vor voran. Genau aber deshalb wurde der Tod ein Thema und aber nicht er, sondern die Frage, wie möchte ich hinübergehen? – wobei mir gleichzeitig klar ist, wie euphemistisch diese Formulierung ist. Denn wir haben vom Tod keine Kenntnis, schon das Wörtchen „hinüber“ hat etwas Lächerliches. Wohl aber haben wir Kenntnis vom Sterben und müssen es, wenn wir nur wollen, gestalten dürfen.
Ich möchte es tun, wie ich lebte und hoffentlich noch lange weiterleben darf: als niemandes Diener und niemandes Herrn - ungehorsam in dem leidenschaftlichen Sinn dieses Wortes. Die Idee des Freien Menschen habe ich niemals verraten. Alleine aus ihr resultiert unsere Würde, eine physikalisch fiktive, mag sein, aber, indem man sie nicht beugt, eine der Kunst – der mithin menschlichsten Entäußerung von Welt, die wir kennen, und ihre Miterschaffung.

Sei in den Arm genommen:
Alban

Und jetzt arbeite ich an den Triestbriefen weiter.

F r i t z  J.  R a d d a t z.  - Als Untriest 37 ein vielleicht, aber mir angemessenerweise, zu kleines Notat.


Arbeitswohnung, 8.54 Uhr.
Ich schreibe Dir, Liebes,

gar nichts heute zu mir, und nichts zu meiner Arbeit. Denn zwar gestern schon rief der Profi an - aber ich scheute mich noch -, ich solle bitte die Nachrufe auf Fritz J. Raddatz lesen, der seinen Fortgang in Zeitpunkt und Art auf eine Weise selbst bestimmt hat, die uns allen zu wünschen wäre: daß sie uns nicht verboten wird, so daß man seine Zuflucht in der Behinderung oder gar Schädigung anderer nehmen muß wie einer jener hoch verzweifelten Leute, die sich vor Züge werfen. Freilich hatte Raddatz, anders als die, noch genügend Geld und, so zu tun, wie er nun tat, vor allem die Bildung.
Wir sind uns zweimal begegnet, einmal als Gäste einer Talkshow, einmal in halbprivatem Rahmen und hatten uns nichts zu sagen; er kannte mich nicht, bis jetzt zu seinem Tod; für mich war er allenfalls als ästhetisches Phänomen interessant, auch als Dandy, der sich durchzusetzen vermochte, aber eben in seiner solchen Erscheinung als Homosexueller akzeptiert war, wenn auch nicht unumstritten. Die Klarheit seiner Worte gefiel mir, seine radikale Offenheit gefiel mir, seine ätzende Kritik am Betrieb, dem er indessen zugehörte und zugehören auch wollte, dessen Weichen er aber auch jahrzehntelang mitgestellt hat. Ich kam da als Zug nicht vor, vielleicht auch meiner Homophobie wegen. Das tut hier alles nichts zur Sache.
Der Profi hat recht. Einen der besten Nachrufe, die ich heute früh las – erst heute früh, weil ich gestern instinktiv auswich – hat >>>>> in der FAZ Volker Weidermann geschrieben - wenn auch mit der euphemistischen Headline, er sei, also Raddatz, „gestorben“. Die Zeile ist bigott, dem Mann nicht angemessen, denn sie stützt ein Tabu, das dem Menschen die Würde der letzten eigenen Entscheidung nimmt. Weiterhin lesenswert ist >>>> das von der Süddeutschen Zeitung noch einmal ins Netz gestellte Gespräch, das Sven Michaelsen mit ihm geführt hat. Sehr wichtig darin scheint mir die Unterscheidung von Eitelkeit und Narzissmus zu sein.

Wir hätten uns selbst dann, wäre meine Arbeit für ihn von irgend einem Interesse gewesen, wahrscheinlich nicht verstanden. Zwischen uns lagen verschiedene Herkünfte, verschiedene Vorlieben, von denen die sexuellen die mit bestimmendsten sind, verschiedene Generationen, verschiedene poetische Werte; verbunden hätte uns die Idee, das am Anfang all dessen, was wir groß nennen, die Leidenschaft steht: die Fähigkeit und vor allem Bereitschaft zur Hingabe, sowie eine radikale, nichtbürgerliche Offenheit, die sich gefährdet.

Raddatz ist nicht gestorben, sondern gegangen. Das ist, Geliebte, der Unterschied, den das Wort aufrecht markiert. Dessen wie seiner gedenke ich hier.

ANH, 28.2.2015
Berlin

Beziehung & Narzißmus. Von Pfaller (2).


Daß die Liebe nicht nur eine einzige, meist mit Gründung eines gemeinsamen Haushalts verbundene Form kennt, sondern auch noch ganz andere – wie zum Beispiel die Form „Geliebte“ oder „Komplize“ (…) –, gerät völlig zum Undenkbaren.
(…) Wer wirklich nur eine einzige Person lieben kann und überhaupt nicht erträgt, daß diese vielleicht auch andere lieben könnte, liebt darum auf sehr narzißtische Weise. Mir erscheint dann oft fraglich, ob das geliebte Eine überhaupt eine andere, vom Ich verschiedene Person ist. (…) Spätestens in der Eifersucht, die Freud als Paranoia begriff, tritt das Narzißtische dieser „monogamen“ Liebe jedenfalls deutlich zutage.

Robert Pfaller, >>>> Zweite Welten, S. 74.
Es gilt aber ebenfalls:
So wie die unerbittliche Forderung nach Treue hat auch die offene Beziehung etwas narzißtisch Grausames gegenüber dem Anderen: nämlich die Vorstellung, dem Anderen alles sagen zu dürfen – ja sogar zu sollen. In beiden Formen herrscht die tyrannische Vorstellung, alles teilen zu müssen.
S. 77.

Wieder zur Prostitution, sowie über das Gleichnis. Untriest 29: Mittwoch, der 18. Februar 2015.

[Arbeitswohnung,
8.56 Uhr.]
Es ist schon auffällig, Liebste, mit wieviel mehr Menschlich- und Innigkeiten es Amélie, meine ebenso hübsche wie kluge Prostutiertenfreundin, in ihrem Belledejour zu tun hat als die meisten anderen Menschen in ihren sofern nicht sozialen Berufen; und immer wieder, seit sie ihren Neigungen auf diese Weise nachgeht, frage ich mich, mit welchem Recht es Leute wagen, Frauen dieses Berufes zu diffamieren – nämlich schon in der moralischen Grundbetrachtung.
Ich supervidiere meine Freundin nun seit fast einem Jahr, und die Fälle, in denen wirklich, weil etwas heikel war, einmal zur Vorsicht geraten werden mußte, sind derart verschwindend wenige, daß es sogar mich erstaunt. Beziehungen entwickeln sich, für die die sexuellen Vorgänge – meist feste Settings –, geradezu nebensächlich sind. Immer wieder erzählt Amélie, man habe nachher noch eine halbe Stunde nur gesprochen, teils über die Familien der Kunden, oft über Theater und Oper und Film, bisweilen über Bücher, und alles dies ausgesprochen persönlich. Die tatsächliche Schwierigkeit einer allerdings nicht auf der Straße und nicht aus Not arbeitenden Prostituierten, geschweige einer dazu gezwungenen, besteht vielmehr darin, ihren eigenen Privatraum zu wahren, also die Kundenbeziehung nicht zu einer partnerschaftlichen machen zu lassen. Das genau erfordert die Distanz, die ich - als Supervisor - Amélie herzustellen oder zu halten helfen kann. Es kommt jetzt öfter vor, daß sie Kunden außerhalb des festen Etablissements besucht; dann ist es gut, wenn sie mich zwischendurch in Abständen anruft; ob alles in Ordnung sei usw.
Mehr als daß sie die Kunden erotisch befriedigt, sorgt sie also für ihre seelische Wohlfahrt. Ich erinnere mich, daß das zu meinen Jugendzeiten nicht unbekannt war; selbst meine Großmutter hat sich bisweilen dahingehend geäußert. Aber dieses Wissen ging in den ideologischen Auseinandersetzungen verloren, sollte verloren gehen, weil man offenbar ein Frauenbild institutionalisieren wollte und will, das sich nicht sehr von der marxistischen Idolisierung des idealen Arbeiters als eines „wahren Menschen“ unterscheidet. Die Wirklichkeit ist hingegen komplex und also sehr viel komplizierter. Was allgemein für gut gehalten wird, kann die Wurzel eines argen Übels sein, in das die Menschen aber aus Güte und Emanzipationsgeist wider ihre Anatomie hineingepreßt werden; im Zweifel bricht solche Güte auch Knochen.
Seit gestern abend, Geliebte, denke ich über diese Zusammenhänge wieder verstärkt nach, auch über unsere eigenen realisierten Fantasien, die sich zum Beispiel nicht in festen „klassischen“ Partnerschaften leben lassen, sondern auf Affären angewiesen sind; sie auszuleben kann überhaupt, schreibt auch >>>> Pfaller, die Bedingung der Möglichkeit einer glückhaften Partnerschaft sein, das heißt, daß die strikt durchgezogene Monogamie das monogame Beisammensein zutiefst schädigen kann; gleichsam zerstört sie sich selbst von innen. Sie kann dann nur noch, will man sie wahren, mit zusammengebissenen Zähnen durchgehalten werden und oft unter großen seelischen Schmerzen, was dem eigentlichen Aufwind der Liebe, das ein glückhaftes Aufbäumen ist oder sein sollte, einen Messerstich nach dem anderen versetzt. Schließlich blutet er, der Aufwind, aus und ein dünnes Lüfteln bleibt zurück, an dem sich die ältlichen Paare wärmen: Sentimentalität.

Sie hat sich verliebt, meine Amélie, frisch verliebt, rief gestern an, sie sei versetzt worden, ob ich mit ihr was trinken gehe. Es war wie ein Loch in der Welt, das sie schließen wollte. Dabei ist ihr Rendezvous nur um zwei Tage verschoben. So schockhaft kann sie sein, die Liebe, übernervös, furchtsam und doch voller Energie, die nur darauf wartet, sich zu verschießen. Und auch hier: „Von diesem Mann hätte ich gerne ein Kind.“ - Ich lächelte, freute mich. - „Er hat gesagt, daß es zufällig entstehen soll, er möchte nicht planen.“
Besser geht eine Liebe nicht. Und es tut mir enorm gut, eingeweiht in sie zu werden, sie ansehen zu dürfen und hier und da, wenn nötig oder gewünscht, ein bißchen zu stützen oder ein Weichlein mitzustellen.

Das wollte ich Dir heute morgen schreiben und hab es jetzt getan. So daß ich einigermaßen ruhig an die Überarbeitung des achten Triestbriefs gehen kann. Den siebten schaffte ich gestern. Vieles, was in einer Webpräsenz wie Der Dschungel funktioniert, läßt sich auf ein gedrucktes, also fixes Buch nicht ohne weiteres übertragen; einiges muß sogar ganz weg, das meiste neu gefaßt werden – eine Erfahrung, die ich schon bei den >>>> Fenstern von Sainte Chapelle gemacht habe; sie bestätigt sich aufs neue. Für Germanisten wird es eines Tages spannend werden, die Versionen zu vergleichen. Wahrscheinlich werden sich nicht nur über strukturelle Rezeptionsmodi, sondern auch über ästhetisch notwendige Konstruktionsnormen Aussagen daraus gewinnen lassen. Vor allem sie könnten der Grund dafür sein, daß die Publizierung belletristischer Arbeiten im Netz ein Buch nicht „ersetzen“ kann, dieses aber auch nicht eine Netzpublikation, sondern wir haben es, wahrscheinlich, mit einander zwar verwandten, aber doch wesenhaft verschiedenen künstlerischen Feldern zu tun – und nicht nur in ihrer Wirkung. Dabei dürfte „Unmittelbarkeit“ auf die Seite des Netzes punkten, Distanz indessen auf die des Druckwerks, das heißt, beide Kunstformen gehen verschieden mit Zeit um. So gesehen ist ein gedruckter Roman immer ein historischer, der im Netz veröffentlichte aber utopisch. Hier spiegelt sich Pfallers Idee der Zwei Welten in die Konstruktionsbedingungen von Büchern, was wiederum, Geliebte, bedeutet, daß sich auch die Zwei Welten in einer ständigen Bewegung von Bifurkationen befinden. Aus stilistischer Sicht gesprochen: Die „Wahrheit“ ist bei der Hypo-, nicht bei der Parataxe.

So, neunter Brief.
In Liebe,
A.

P.S.:
Ich nehme heute das Training wieder auf. Mein Körper war stark genug, den grippalen Infekt innert zweier Tage von sich abzuschmettern. Geheizt ist hier nach wie vor nicht, sogar das Fenster steht offen. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, überhaupt nicht mehr anzuheizen, sondern schon jetzt alle Kohleutensilien wieder in den Keller zu schaffen. Mal sehen. (Imgrunde sprechen nur die Frauen dagegen, sollte es in nächster Zeit mal wieder welche geben für mich, und die angesetzten Sauerteige und Bige, deren gutes Gedeihen eine gewisse Wärme braucht. - Auch aus so etwas versuche ich immer wieder, für ganz andere Belange gültige Aussagen zu ziehen. Das ist fast ein Reflex. Physische Prozesse als Manifestationen seelischer. Oder sind es nur „Gleichnisse“?)

*

Das Ressentiment gegen die Beute. Von Pfaller (1).


Das meiste, was wir derzeit für Befreiungen oder Fortschritte halten, besteht in Wahrheit darin, dass wir die armseligen Standards der Unterdrückten zur Norm für alle machen.
Robert Pfaller, >>>> Zweite Welten, S. 79.

Aiga und Hybris

Wie ich dann doch einmal komplett verzweifelte, war eine Geschichte, die ich mir selbst erzählt hatte. Vor langer Zeit. Näher gebracht hatte ich sie dir. So nahe, dass du eigentlich durch sie hindurchschauen konntest. Denn noch näher wäre nicht möglich gewesen. Unmöglich gar. Aber das Wunderbare am Unmöglichen ist ja, dass wir es wieder und wieder versuchen. Manchmal auch mit einer gewissen Hybris, egal ob beide Beine mitmachen oder nicht. Ob du einfach einen Fuß vor den anderen setzen kannst oder nicht. Bis es wieder in Ordnung ist und du über Schrittabfolgen nicht mehr nachdenken musst. So, wie zuvor.

H y b r i s. Allein das Wort legte sich manchmal wie ein Kranz um ihren Kopf. Als wär´s ihr Haar. Dann ist das, als wolle sie nackt, nur mit einem Rock bekleidet, diese Nordwand erklimmen. Und sie tat es. Während Aiga, die felsige Trollin, herzlich darüber lachte. Ihr Handy trug sie dabei in ihrer Rocktasche, um mit ihrer Mutter sprechen zu können, sollte es möglich sein. Ihr zu sagen, dass sie, immer wenn sie mit ihr telefonierte, wenn diese in den Bergen weilte, jedes Mal empfand, sie spreche höre mit einem Mädchen zu, das noch ganz leicht seine Träume träumt.

Oftmals, nach einem solchen Gespräch, stellte sie sich vor, dass sie irgendwann einmal ein Säugling war, den diese junge Frau gestillt hatte. Und so muss es ja auch gewesen sein. Nur kam ihr dieser Gedanke dermaßen seltsam vor. Sie. Ein Säugling? Denn tatsächlich war ihr diese jene hellklingende Stimme, die sie soeben auf der anderen Seite der Leitung gehört hatte, fern, irgendwo inmitten der Berge, derart real, dass es sie selbst -in diesem Moment- doch gar nicht geben dürfte. Eine Tatsache über die sie lächeln musste.

Ein quasi Pariser Triest. Untriest 26: Sonntag, der 15. Februar 2015.

[Arbeitswohnung,
10.49 Uhr.]
S c h o n aufregend, Liebste,
wenn der eigene Sohn zum ersten Mal alleine fliegt und ihn der Vater, der vorm SicherheitsCheck stehenbleiben muß, in der Warteschlange verschwinden sieht:


Also ich war sehr früh auf, um halb eins zu Bett gegangen, zwischendurch einmal aufgewacht, unruhig auf die Uhr geschaut, weitergeschlafen. Um vier endlich hoch, schnell noch einen Espresso, dann hinübergeradelt, den jungen Mann abgeholt und nach Tegel begleitet. Es war recht gut, daß er zum Terminal D mußte, so war ich weniger erinnert, als ich befürchtet hatte.
Riesenschlange an der Abfertigung, aber immerhin eine ausgesprochen schöne junge Dame hinterm Schalter, die sich über mein „Bonjour, Madame“ deutlich freute. Den Rest überließ ich meinem Sohn.
Es war nicht einmal mehr Zeit für einen Abschiedscafé; als der ziemlich elegante und ziemlich stolz, fast ein bißchen blasiert wirkende Bursche den SicherheitsCheck endlich hinter sich hatte, war der Flug schon fürs Boarding aufgerufen worden. Letzte SMS meines Sohns: „bin am einsteigen, viel spaß hier! lg“. Seither nichts mehr, obwohl er unterdessen längst angekommen sein muß. Sein Ifönchen ist wohl noch auf Mailbox gestellt, wahrscheinlich weiter im flight mode. Klar habe ich gleich angerufen, nachdem ich aus dem Sportstudio kam.
Hatte mir nämlich, Du Schöne, gedacht: Wenn ich denn ohnedies schon draußen bin, kann ich nach Tegel auch gleich zum Training weiter. Nur noch eben das bei der Mama abgestellte Fahrrad nebst Sportzeug geholt und durch ein eiskaltes Berlin, das von morgenerwachten und deutlich schwankenden Jungmännern durchzogen war, zum Studio geradelt, aufwärmen am Stepper, dann an die Gewichte, abschließend dreieinhalb Kilometer laufen und wieder hierher. Eine pralle Schüssel Fruchtsalat geschnitten, Nüsse drauf, Honig, den Saft einer ganzen Zitrone – pappsatt bin ich jetzt. Und will gar nicht gleich arbeiten, sondern erst einmal lesen. Amélie hatte recht: >>>> Dieses Buch könnte mir einiges geben, auch Dir... sozusagen uns; schon auf den ersten Seiten gibt es gewissermaßen eine Teilerklärung für das, was zwischen uns geschah und dann eben nicht mehr, ob nun für immer oder nicht:


Allerdings deutet ein bißchen was darauf hin, daß sich Pfallers und meine Wertungen unterscheiden. Doch darauf kommt es erst in den Schlüssen an. Jedenfalls will ich mich über die Triestbriefe nicht früher beugen, als bis ich, sagen wir, fünfzig Seiten gelesen haben werde.
So mein Tagesplan.
Ihn erhellt, daß ich weiß, wie gut Du es Dir vorstellen kannst, wie wohl mir das viele Licht tut, das heute abermals auf Berlin fällt. So läßt sich, daß Du nicht hier bist, wenigstens leidlich ertragen. Und selbstverständlich habe ich gleich für Triest geschaut. Da ist es ähnlich. Drum geh hinaus, Du Schöne, und lock uns den Frühling. Dir wird er ebensowenig widerstehen können wie ich.

A.
*

Abmahnung, nämlich Netznepper: Dirty Passion. Rechtsawälte Richter Clemens Falke in Kiel.



Berlin, den 5. Februar 2015


RCF10228 & RCF 10229

Liebe – ggbf. – Rechtsanwältinnen,
liebe – ggbf. – Rechtsanwälte,
liebe – ggbf. – beides,

soeben von einer literarischen Reise zurückgekommen, finde ich Ihre beiden freundlichen Abmahnungen vor und danke Ihnen sehr herzlich. Denn von meinem besten Freund, seinerseits Rechtsanwalt, ist mir selbstverständlich bekannt, daß der Abmahnmarkt eine nahezu unerschöpfliche Quelle juristischer Einkünfte darstellt. Um sich allerdings die Feldflasche aus ihr nachzufüllen, bedarf es nach wir vor eines begründeten Anspruchs. Ich erlaube mir hiermit von ganzem Herzen, solch einen auf unser aller weiter Flur nicht erkennen zu können, weder als Pflänzchen noch gar als Baum. Insofern verhehle ich erst gar nicht meine Begeisterung, nun gleich nach meiner Rückkehr solch einen heiteren Brief schreiben zu dürfen. Glauben Sie mir, für einen Schriftsteller ist das ein Exerzitium von hohem stilistischen Wert, auch kann er an ihm seine metaphorischen Ideen wetzen, ohne sich – schließlich haben wir draußen Winter – etwas oder gar einen abfrieren zu müssen. Da ich bekannt dafür bin, an meine Leser:innen zu denken, hoffe ich zugleich, auch Ihnen ein wenig Vergnügen zu bereiten.
Zum einen sollten Sie mit Ihrem Computersystem gelegentlich ein Arbeitsgespräch führen; seine administrativen Prozesse gehen nämlich insofern, hab ich den Eindruck, durcheinander oder laufen gar fehl, als sie ganz offenbar denselben Vorgang gleich zweimal für nur einen halten. Mit etwas Intelligenz wäre ihm, dem Computer, die darin liegende Komik sonst doch aufgefallen, daß jemand, wenn er einen Film denn überhaupt schon mal heruntergeladen haben sollte, es mit demselben ein zweites Mal tut.
Nun weiß ich freilich den künstlerischen Wert des mir, nebenbei bemerkt, unbekannten Werkes überhaupt nicht einzuschätzen; der von Ihnen genannte Titel, „Dirty Passion“, legt eine Extremsportart nahe, zum Beispiel leidenschaftliches Schlammsurfen. Andererseits könnte es sich auch um einen pornographischen Streifen handeln; ja, ich habe die Vermutung, daß es so ist. Dann aber wäre, daß ich solch einen Film auf mein iPhone heruntergeladen haben solle, schon deswegen ausgeschlossen, weil ich ein Liebhaber großer sekundärer, jedenfalls weiblicher, Geschlechtsmerkmale bin, die aber auf dem Handybildschirm alle, und zwar technisch notwendigerweise, zu ausgesprochen kleinen würden, was mir wiederum jegliche Freudlust vermieste. Also nein, liebe Anwältinnen, Anwälte oder beides – völlig ausgeschlossen: Nachweisbar (ich kann viele Zeuginnen benennen) habe ich zu masochistischen Akten nicht einmal die Neigung.
Also zumindest zusammenlegen sollten Sie die beiden – aber, worauf ich wie auf ein am Feldrain gar nicht äsendes Reh schon zu Beginn unseres Spaziergangs gezeigt habe - mir gänzlich unbekannten Vorgänge; es wird dann auch, glauben Sie mir, übersichtlicher.

Tatsächlich habe ich ein Mal eine MMS geöffnet, die mir über meine iPhone-Nummer als Nachricht eines oder einer Bekannten avisiert wurde. Die, in der Tat, stellte sich dann als ein überdies ziemlich langweiliger pornographischer Streifen heraus, dessen verdatterte Beguckung.mir bizarrerweise später >>>> in Rechnung gestellt worden ist, und zwar ebenfalls zweimal und sogar ein zweites Mal zweimal, wenn auch von einem nunmehr anderen Absender; beide Male habe ich, da damals anders als heute gestimmt, relativ entschieden reagiert. Ich lege Ihnen die entsprechenden Briefe in Kopie bei, sehe auch keine Notwendigkeit, Ihnen gegenüber Namen oder Firmen zu schwärzen, sondern werde sogar auch diesen Brief für meine Webpräsenz nutzen, einfach, weil meine Leser:innen sich über so etwas freuen.
Wie auch immer, wäre es sicherlich auch für Sie recht fein, bekämen Sie heraus, ob meine Vermutung stimmt. Jedenfalls stelle ich gerne mein iPhone zur Durchleuchtung zur Verfügung. Da ich selbst im künstlerischen Bereich tätig bin, wenn auch keinem so, wahrscheinlich, lukrativen wie Ihr katalanischer Mandant, ist auch mir am Urheberrecht überaus gelegen; Sie können insofern auf meine geradezu leidenschaftliche, wenn auch nicht schmutzige Mithilfe rechnen.

Einen Moment lang hatte ich übrigens gedacht, daß vielleicht mein minderjähriger Sohn versucht haben könnte, seines Vaters Gerät, sagen wir, zweckzuentfremden (es dient mir hauptsächlich zur beruflichen Kommunikation; schon deshalb lade ich auf das iPhone prinzipiell keine Unterhaltungsdaten), aber zum einen bestritt er dies, zum anderen glaube ich ihm und zum dritten ließ sich auch gar nichts nachweisen; es gab und gibt nur den von mir für den gerichtlichen Streitfall geloggten Vorgang. Also wirklich, die „Sache“ ist nicht ohne Mysterium.
Jedenfalls sähe ich einem Prozeß geradezu mit Vergnügen entgegen, auch, weil er im Wanderrucksack etwas Aufklärerisches mit sich tragen könnte oder, je nach Perspektive, müßte: etwa dahingehend, wie bestimmte Spaziergänger, bzw. Wanderburschen und -burschinnen in die Vielfalt unserer Kommunikationsmittel neue Formen des Wegelagerns oder auch Wilderns einzubringen versuchen – nicht aus Boshaftigkeit, bewahre! sondern sie haben bloß Hunger. Das ist nach längeren Märschen auch gut zu verstehen. Könnten wir uns und die unsren anders nicht ernähren, täten wir‘s wahrscheinlich auch. Nur bringt ein Gesell, der auf Walz ist, sein Säckel vorsorglich mit, und weil er‘s doch selber geschleppt hat, will er‘s auch behalten, bzw. vorbehalten, nämlich seiner eigenen Sättigung – zumal, da ihn und mich der für Künstler an sich nicht unbekannte Umstand einer gewissen Mittellosigkeit verbindet.

Es grüßt Sie aus Berlin:

ANH

P.S.: Nicht nur, weil mir an Leser:innen-Zuwachs gelegen ist, schicke ich eine Kopie dieses Schreibens gleich an die Staatsanwaltschaft Ellwangen direkt, von der Ihre beiden Schreiben mir bedeutet haben, sie habe bereits ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Gerade eine Staatsanwaltschaft wird sicherlich interessieren, auf welche Wald- und Wiesenwege sogar das Recht gelockt werden soll, wenn es am Himmel bedeckt ist, so daß man gar nichts richtig erkennt, aber vor drohender Kälte doch Unterkunft sucht.

Kleine Theorie des Literarischen Bloggens, 155.

>>>> Dort.

Die Fenster von Sainte Chapelle.


Kulturmaschinen Berlin
Paperback, 180 Seiten
14,80 Euro
ISBN-10: 3940274348
ISBN-13: 978-3940274342



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Für Paulus Böhmer! Der Peter-Huchel-Preis 2015. Eine Danksagung.


Viel und oft habe ich über Paulus Böhmer, den älteren Freund, geschrieben, auch in Der Dschungel zuweilen, zuletzt >>>> dort, doch vor allem in den Neunzigern, als wir oft, es war meine Frankfurtmainer Zeit, die Köpfe zusammengesteckt haben, nicht selten von Lydia, seiner Frau, umsorgt und bekocht, die seine schweren Jahrzehnte tief begleitet hat; manches Glas haben wir miteinander geleert, uns auch schon mal gestritten, was bei solchen wie ihm und mir recht heftig werden kann. Wir saßen als Ratgeber für junge Autoren unter Dieter Betzens, meines Wahlvaters, Ägide miteinander im Jungen Literaturforum Hessen, einem Pool, aus dem unterdessen wichtige Figuren der deutschen Gegenwartsliteratur gestiegen sind, Ricarda Junge, Thomas Hettche, Jan Volker Röhnert, Maike Wetzel, einige weitere mehr; sie alle haben ihm manches zu danken. In Böhmers Garten, den er unterm Goetheturm damals noch pflegte, trafen wir uns, er und ich, im Schuppen mit einer imaginären Marika Kilius, die wir dort tagelang noch sehr viel imaginärer interviewten; die Axt stand im Fenster:


Paulus Böhmer und ANH,
Winter 1984:
„Zum Eise drängt, am Eise hängt doch alles“.

Wir lasen uns nachts gegenseitig vor, ich häufiger ihm als er mir; er zog es meist vor, mir kopierte Schreibmaschinenseiten zu geben. Dann diskutierten wir, das war nahezu immer prinzipell – wie der gesamte Mann prinzipiell ist, und so seine Dichtung.
1983 oder 84 lernte ich ihn kennen, auf einer Versammlung des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS), dem ich seinerzeit noch angehörte. Es war die Bernt-Engelmann-Zeit des Verbandes; die Aussitzmentalitäten der, mehr oder minder, marxistisch sitzungsgeschulten Funktionäre machten solche Zusammenkünfte furchtbar ermüdend, auch meistens fruchtlos. Imgrunde nahmen wir beide daran teil, weil wir irrerweise hofften, in diesem, ich schreib jetzt mal, Kreis auf poetisch Gleichgesinnte zu treffen. Jedenfalls trat nach der Versammlung ein riesiger breiter Mann auf mich zu, streckte die Hand aus und sagte: „Endlich jemand, dem es um Literatur geht.“
Paulus Böhmer hatte da schon Geschichte, hatte mit Uve Schmidt, es waren die brodelnden RAF-Jahre gewesen, in die bohème Gruppe um Günter Bruno Fuchs gehört und im heute legendären März-Verlag ein erstes Bändchen veröffentlicht; doch seither war er quasi untergegangen. Seine nächsten Bände erschienen bei Draier und anabas und blieben ignoriert, wurden allenfalls spärlich besprochen, etwa von dem beharrlichen Jürgen Linke. Wir waren wirklich nicht viele, die begriffen, welch ein Werk da vor unseren Augen entstand. Es gab Momente, in denen ich dachte, es darf nicht abermals ich sein, der drüber schreibt, und Linke halt, wir beide in die Öde rufend. Damals malte Böhmer noch, das heißt, er fertigte Collagen, die teils ebenso riesenhaft waren wie er selbst und mit bunten kommunizierenden Röhren vermalt:


Paulus Böhmer, Selbst (1983)

Im Zentrum seiner Bilder wie seiner Dichtung stand immer die Sexualität. Gerade das hat man wenig gemocht.
Ihn verbitterte das, zunehmend. Er konnte tatsächlich tun, was er wollte, immer stieß er auf Mauern, auf das Mauern. Als ich nach Berlin ging, bekam ich es schließlich nicht mehr nur indirekt mit: in den Literaturinstitutionen nur gerümpfte Nasen, abfällige Bemerkungen, Ignoranz. Tatsächlich hat sich Böhmer nie und nirgends eingeschleimt; ihm lag und liegt es nicht, sich zu beugen. Abgesehen von den letzten Jahren, ging er fast zweieinhalb Jahrzehnte davon aus, vergessen zu werden. „Es ist alles nicht wichtig“, wurde sein ständiger Satz, „alles ist nichts.“ Er durchzieht, aber mit großer Trauer, seit den Kaddish-Büchern sein Werk, das insgesamt eine glühende Trauerarbeit ist und insistierendes Gedenken.
In diesem Jahr, im April, wird er den wichtigsten deutschen Lyrikpreis erhalten, den es gibt.
Paradoxerweise mußte das Internet dafür entstehen, das er haßte, dann verachtete und schließlich grollend akzeptiert hat, ohne es freilich, weiterhin, zu nutzen. Und es mußte eine ganz neue Generation, die sich über dieses Medium schnell austauscht, von Lyrikern werden, denen die Vorbehalte namentlich des Literaturbetriebs am, um es deutlich zu sagen, Arsch vorbeigingen. Für sie und ihre Arbeit wurde er zum Großen Alten Mann der modernen deutschen Dichtung, als der er fortan dastehen wird. Mit kleinen Schritten, namentlich durch Jan Volker Röhnert, begann es, aber sie wurden entschieden gesetzt, und weitere Junge, gemeinsam, legten das Ruder herum.
Das kommt, persönlich, ein wenig viel zu sehr spät. Da ist nun eine schwere Leidensgeschichte; kein Erfolg wird ihre Spuren wieder tilgen; Böhmers oft harte Wutausbrüche - eine Folge anhaltenden Mißerfolgs -, seine depressiven Zerknirschungen, sein Mißmut haben ihn gezeichnet, aber auch seine poetische Unerbittlichkeit und das poetische Beharren: sein Werk gegen jeden Widerstand weiterzuschreiben, auch wenn er oft – oh sehr oft! - alles, alles hinwerfen wollte und nicht selten suizidal war. Es ist keine Frage, daß ihn der deutsche Literaturbetrieb geschädigt hat, und zwar bewußt, ja absichtsvoll, sowohl in der Seele wie der körperlichen, einer gesundheitlich schließlich höchst heiklen Verfassung. So gesehen, ist diese Preisvergabe eine Wiedergutmachung - von etwas indes, das sich wiedergutmachen nicht läßt. Ich habe beobachtet, wie die sich langsam einstellenden Ehrungen der letzten Jahre und die Bewunderung, die Böhmer nun von den jungen Lyrikerinnen und Lyrikern entgegengebracht wird, ihn fast gar nicht richtig erreichen; jedenfalls nimmt er sie skeptisch zugegen, mit einem müden Abwinken fast, anstelle über sie so froh, ja glücklich sein zu können, wie es bei jüngeren der Fall wäre und ist, wenn sie noch auf der Höhe ihrer Kraft stehen oder erst noch zu ihr hinaufsehen.
Dennoch symbolisiert diese Preisvergabe Hoffnung - vielleicht gar nicht mehr für Böhmer selbst, doch für alle, die sich nicht unterkriegen und sich nicht unter Doktrinen und ein ob politisches, ob poetologisches Marktverdikt beugen lassen wollen. Deshalb ist der Symbolwert dieser Preisvergabe sogar ein Fanal – gerade in einer Zeit, die der passepartouen Geschmeidigkeit huldigt und den Widerstand, den politischen wie poetischen, für obsolet erklären will. Mit Paulus Böhmer wird er selbst, der poetische Widerstand, geehrt, in quasi dessen Auftrag der Mann am kommenden 3. April ans Staufener Pult treten und Danke sagen wird. Dieses zu tun aber - wäre an u n s:

Danke, Paulus.
ANH, 22. Januar 2015.
Berlin.

Und kein Kranich erwacht mehr
schreiend in Wiesen, als würde man erdrückt
von etwas Seltenem, glaubte, daß etwas
über einen komme wie der anorganische Schlaf
der Steine, wie Verfahren, deren Geräusche manch-
mal noch durch die Mauern der Engelsburg dringen.
(Im Herz der Dinge,
erzählte mein Vater,
finde die Wissenschaft nur einen ver-
rückten, niemals endenden Tanz von
Schildkröten-Wellen und Griffin-Teilchen.)
Und es stirbt das große, das schöne, das wundervolle
gottfürchtige Warschau. Die Trümmerwolken
der Super Nova stoßen ins Leere.
Daß ich Dich niemals wiedersehen werde.

Ein Junge. Ein Mädchen. Ein Motorrad.
Das Motorrad gewinnt.


Paulus Böhmer, >>>> Säugerleid,
Dielmann, Frankfurtmain 1996.


***

Lars Popps „Haus der Halluzinationen“.


[Geschrieben für >>>> Volltext,
erschienen in der Ausgabe 3/2014.]
„Éternel, là à’l Montagne magique. Et possible partout.“
Jean Pascal Tijbner, Memoires.


Es ist >>>> dies nicht nur das erste Buch, das ich als eBook gelesen, obwohl es als solches noch gar nicht erschien, sondern eines, das ich selbst geschrieben habe, doch anders, völlig anders, geradezu nicht vergleichbar. In einem anderen, möcht ich fast sagen, Zeitalter, einem, das sich unterdessen so normiert hat, daß nicht damit zu rechnen war, es würden sich die Gestalten noch einmal zusammenfinden, geschweige öffentlich zeigen, die mich damals zu ihm führten, bzw. nicht mich selbst als das, was Ich in seinem zweiten Vornamen ist, sondern das Er darin, bevor Hans Erich Deters fast unmittelbar – denn es war ja nur eine einzige, wenngleich zehn Jahre währende Woche – in die Anderswelt einging. Und in ihr.
Nein, damit war nicht zu rechnen, daß all die folleti, dames vertes, Vampire, Leprechauns sich abermals für ein Stelldichein zusammenraufen würden, um an die fünfundzwanzig Jahre später eine Zwischenbilanz zu ziehen, bzw. sie von einem Autor, mit dem weder ich selbst noch Deters jemals etwas zu schaffen hatten, ziehen zu lassen; erst recht aber nicht, mit welch einer Eleganz und welchem Reichtum an perspektivischen Tricks er dies tun würde. Ich spreche (und tue das schreibend) von Lars Popp und seinem in diesem Jahr bei >>>> Hablizel http://www.hablizel-verlag.de/ in Lohmar (beides Namen, die mir ebenfalls vorher nicht bekannt gewesen) erschienenen Roman „Haus der Halluzinationen“, der allerdings den bereits deutlich warnenden Untertitel „Umwelts Heimkehr“ trägt. Ich überlas ihn, als stünde er nicht da. Vielleicht wäre ich andernfalls weniger überrascht gewesen.
Überrascht worden zu sein, ist ein Euphemismus. Sowieso hatte der Autor selbst mich gewarnt, über Facebook.
Die Sprache der Geister hat sich gewandelt; ihr Reflex auf den Zauberberg ist kaum noch zu spüren, wenngleich da; sie reden modern, auch im Jargon, und wechseln dabei ständig unsre Perspektive. Es kann sein, daß sie ihren Autor manipuliert haben, immer wieder, ohne daß er das merkte, der ganz bewußt nüchtern beginnt, wenn auch nach einer anderen Warnung, die er doch selber vor den Anfang des Buches gestellt haben muß. Sie stammt von Jean Cocteau und lautet, frei übersetzt: „Wir müssen uns ihnen in einer Gestalt zeigen, in der sie selbst uns schufen; andernfalls sähen sie nichts als Leere.“ Das spricht eine Mythe zur Mythe. Schon stecken wir tief in der Kunst-, aber eben auch der Erkentnnistheorie, die ihr zugrundeliegt, jene aber liegt ihr zu Füßen. Verzeihen Sie die Paradoxien, wir kommen für dieses Buch um sie nicht herum. Genau das macht es zu einem großen.
„Stellt euch vor: die Erde +++ Europa, die Alpen +++ Stellt sie euch vor, die Schweizer Alpen +++ Dort stell euch ein abgelegenes Seitental vor (…) +++ (…) stellt euch auf dem Schattenhang zu eurer Rechten ein Hotel inmitten der eisigen Witterung vor, in seinem Rücken von Fichten und Lärchen umstellt, einige kleine Chalets an seiner steinernen Seite +++ GRAND HOTEL PARAMONTANA steht auf einem Schild überm Eingang“ - und die – nun schon dritte – Warnung sogleich: „So riefen es noch alle Wesen, als jene Woche begann +++“
So also ein Vierteljahrhundert nach „Wolpertinger oder Das Blau“ das „Haus der Halluzinationen“. Alles Wesentliche wiederholt sich, aber - weil Zeit irreversibel ist - in ständig neuer Form; es sind Zyklen, schrieb ich anderswo, deren Spiralen sich durch die Zeit vorandrehen: Zukunfts-Bohrer. Deshalb ist nichts abgeschrieben, ja der Begriff Plagiat für sich schon Absurdität, die sich nur Menschen ausdenken können, die ihr doch ohnehin nur scheinbares Eigentum für ihre Substanz halten. Weshalb sie ganz substanzlos sind. Ich nicht allein, deshalb, war überrascht, der Autor des hier weniger „besprochenen“ (schließlich sind wir keine Schamanen) als gedanklich umkreisten Romanes war‘s ganz genauso.
Geister erschrecken einen gern, sie stehen hinter der Tür und rufen dann „Buh!“ in unsere Rücken. Und kommen aus ihrem teils Kichern, teils dröhnenden Lachen gar nicht mehr raus, wenn ihnen ihr witziger Horror wieder gelang. Freilich kann man nicht sagen, daß er immer, wie in diesem Fall, gutartig ist.
„Welche der beiden Treppen hinab wirst du nehmen: die rechte oder die linke? Du tastest dich die linke hinab im Bemühen, leise zu sein; die Stufenabstände sind ein wenig zu groß für deine Beine, immer muß erst der andere Fuß hinterher, bevor du den nächsten Schritt setzen kannst“: hier ist von einem Kind die Rede. Daß es in der Erzählung angesprochen wird, ist System; eine jede Figur wird immer zugleich angesprochen, wenn und bevor sie erzählt wird. Dieses, das anfangs wie eine Manier wirkt, führt schließlich zu einer fast magischen Nähe mit jeder Figur. So daß wir Leser:innen uns wirklich mit einer jeden identifizieren, aber stets nur für das jeweilige Kapitel, schon wechseln wir nicht nur die Perspektive, sondern das gesamte Sein. So etwas habe ich zuvor noch nirgendwo gelesen. Popps Roman vereint die Vorzüge des auktorialen mit dem subjektiven Erzählen über die zweite Person Singular. Das ist schlichtweg grandios.
„Das Portal schwingt trotz der späten Stunde ohne Widerstand auf, als du=Marwin dagegen drückst. Außer Atem stürzt du ins Warme, direkt auf den Empfangstresen zu, hinter dem ---- ‚Anatol, ich muß dringend mit Ihnen reden. Ich habe etwas Unglaubliches herausgefunden, wir müssen -‘ ---- “ Und einhundert Seiten zuvor: „Diese Therapietussi hat gestern also Geburtstag gehabt, nickst du dir=Fritzi zu. Die gesamte Belegschaft, flankiert vom Hausherren-im-Rollstuhl, steht darum nun auf der Matte und versucht sich brav klatschend an einem HAPPY-BIRTHDAY-Karaoke. (…) Was die Leute nur mit diesen Tag haben. Man wird geboren, man lebt und man stirbt. So laufen die Dinge.“ Doch sie laufen darüber hinaus. Und darunter. Weshalb der Kater des Hauses Settembre heißt, was ganz gewiß nicht ohne Absicht den großen Gegenredner Naphtas anspielt. Denn ob „Wolpertinger“ oder „Haus der Halluzinationen“: beide Bücher kamen nicht umhin, über einen Teppich zu schreiten, den Thomas Mann ihnen ausgerollt hat (bei Popp findet sich sogar, oh Fülle des Wohlklangs, ein Schneekapitel), aber vor dem schon ihm ein andrer und wieder einer diesem zuvor: so tief ist der, wie Sie wissen, Vergangenheit Brunnen. Immer neues Wasser schöpft sich herauf: bei Popp die neuste Gegenwart. Der Computer, bei ihm, ist Literatur schon geworden, er schaut von weit später auf sie zurück und auf ihn als auf deren neuen Beginn: Imaginations-Realismus:
„Du blickst auf dein Arsenal aus Silizium und Kunststoff. Diese so seltsam benamten Gegenstände: das GSM-900-Handy, das ATARI ST Book, der plastikvergilbte POWER MAC, mit dem du viele Stunden in den COMPUSERVE-MUDs verbracht hast und dessen Tastatur du eigens auf die meistgebrauchten Befehle deiner selbstentwickelten Programmiersprache ALKALABETH angepaßt hast (…)“,
- kurz: Es geht um nicht weniger in diesem Buch als um eine Maschine der exakten Zukunftsprognose. Die Geister indessen, erneut, ringen um Freiheit. Doch alles dies nicht ohne, und zwar einen ziemlich großen, halluzinogenen Witz. Nämlich, so Jean Pascal Tijbner auf der Seite 76, „Descartes glaubte nicht an Wunder, wissen Sie. Das ist das große Problem.“

(ANH, 28.5.2014.
Paris.)

Lars Popp,
Haus der Halluzinationen oder Umwelts Heimkehr
Hablizel Verlag, Lohmar 2014
272 Seiten, 16,90 Euro

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IM HAUSE DES

NACHT

... NACHTTEUFEL FILMT EIN TIER MIT ROTEN SCHUPPEN IM HAUS DES VERSTORBENEN SCHNEIDERLEINS ZOG DER HERR DIE GRETE AM HAAR SO SCHÖN BISS SIE IHM SEIN BLUT SAUGTE DAS STICKDECKCHEN AUF SEINEM RECHTEN STIEFEL HINTERLIESS EINE SCHNECKENFROUWE DIE SCHILLERNDSTEN FARBSPUREN DIE ICH JEMALS GESEHEN HABE OHNE MEINE AUGEN ZU ÖFFNEN SAH ICH WIE DAS WEISSE FLAGGSCHIFF IM ROTWEIN DER WANNE VERSANK DAS BLUTJUNGE MÄDCHEN MIT EINEM CYBORG DER HIERONYMUS HIESS ZU LEBZEITEN EINER ANDERS ALS HANS CHRISTIAN HAT MAN IHM DAS SCHAFOTT MIT AIRBRUSH VERSCHÖNERT BEVOR MAN IHN WIEDER UNHELDENHAFT NACH HAUSE SCHICKTE SIE SICH NACHDEM SIE DEN TÜRSTEHER BEI DEN HÖRNERN PACKTE SIND VERABREDUNGEN EINZUHALTEN MIT DEM NACHTTEUFEL IM HAUS DES VERSTORBENEN HERRN FILMT EIN TIER MIT ROTEN SCHUPPEN DIE STIEFEL DES SCHNEIDERLEINS POLIERTE SIE NACKT DAS SILBER UND DECKTE DEN TISCH AUF IHRE WEISE SEHR FESTLICH FÜR DIE GELADENE GESELLSCHAFT DIE SIE AUF EINER FREMDEN HOCHZEIT KENNENGELERNT HATTE ER SIE AUF EINER BDSM MESSE SANG MAN DAS AVE MARIA FÜR DIE TAUBEN GURRTEN WAS VON DER LIEBE VERSTEHST DU MICH DENN NICHT ICH WEISS NICHT WIE MAN DIE LIEBE MACHT UNICA LIEBTE DEN HANS BELLMERS STUDY FOR GEORGES BATAILLES AUFNAHMEN DER TAUSEND SCHNITTE SAH ICH AN EINER FRAU DIE SICH AUSPEITSCHEN LIESS SIE SICH MAGNOLIEN AUF DIE HAUT MALEN KATHOLIKEN DEN EROTOMANEN ALS TEUFEL AN DIE WAND ZU STELLEN WÜRDE IHR GEFALLEN …

Zweiundreißigster Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 38).

„Geh!“ sagte Lenz, als die Lydierin
Arbeitswohnung, den 19. Januar 2015,
Montagnachmittag um 15.50 Uhr,
Pettersson, Neunte,

vor ihm stand, draußen noch, er hatte ihr gerade geöffnet. Es war derselbe scharfe, doch leise Ton, mit dem Gerald ihn Wiebkes Wohnung verwiesen hatte, fortan der seinen auch wieder, wäre es zu der allerdings nun verworfenen Version unserer Geschichte gekommen. Die Schärfe rechtfertigt das Ausrufezeichen.
Der Frühling stieg aus dem Karst, das Gras war schon gesprossen, sein Grün von Gelb und Weiß durchsprenkelt.
„Läßt mich herein?“
Er antwortet nicht, sieht sie nur an, erst in die Augen, dann ihren Körper hinab; sein Blick ruht keine zweidrei Sekunden auf ihrem Bauch. Jessirs Kind. Langsam gleitet sein Blick wieder an ihr hoch, bleibt in dem ihren liegen.
Alles braucht nur Momente: Bevor er „Geh!“ sagt, vergeht nicht mehr als eine Minute.
Ihr wiederum, in dieser wenigen Zeit, wird sein ganzes Leid bewußt und die Zumutung, die ihre Wiederkehr bedeutet. Sie kann nicht garantieren, begreift sie, sich auch selbst nicht, daß sie Lenz nicht eines Tages oder vielleicht sogar schon sehr bald abermals verlassen würde. Das macht sie unsicher. Schon deshalb wird sie nicht mehr Sìdhe, weder für ihn noch für sich.
Geliebte, auch das ist nämlich möglich, daß sich sein Leid in Skepsis gewandelt hat, nicht nur gegenüber dieser Frau, sondern prinzipiell. Härte kann das mit sich bringen. Dann ist kein Raum mehr für die Projektionen, auf die solch eine Elbe angewiesen ist. Nur wenn man sie glaubt, kann sie sich selber spüren; die Kraft ihrer so wundervollen wie erschreckenden Wirklichkeit speist sich aus der des Liebenden.
„Geh!“ sagt Lenz und schließt vor ihr die Tür. Sie bleibt fast noch zehn Minuten draußen stehen, als hoffte sie, daß er sich umentscheide. Wahrscheinlich glaubt sie, daß er drinnen, wie sie draußen, weiter vor der Tür steht. Das kann doch gar nicht anders sein! jetzt, wo sie diesen schweren Entschluß gefaßt hat. Denn es ist doch nicht so, daß sie nicht auch Jessir weiterliebte.
Die Überraschung ist zu groß, Lenz muß sich wahrscheinlich erst fassen. Darum einfach stehen bleiben und warten. Die Vögel tirilieren, ein leichter warmer Wind spielt in den Baumwipfeln des Waldsaums. Um nichts in der Welt will die Lydierin jetzt wieder weg. Dabei hat sie selbst nicht die geringste Vorstellung, wie das mit ihnen, Lenz und ihr, denn werden soll. Wahrscheinlich war es eine Schnapsidee. Und trotzdem, man weist doch eine Sìdhe nicht ab!
So schwankt sie vor dem Stufenauftritt zwischen Not, Enttäuschung und sekundenbruchteilskurzen Wutimpulsen. Nein, sie wird sich nicht herablassen und noch einmal klopfen, schon gar nicht bitten. Ich fahre in die Stadt zurück und tu später so, als wär nichts gewesen.
Daß ihr die Tränen in den Augen stehen, ignoriert sie, wischt sie nicht weg. Überhaupt war das ja gar nicht mehr Lenz. Diese tiefen nasobialen Faltenschnitte. Die zerfurchte Stirn und die in ihre Höhlen versunkenen... ja, muß sie denken, occhi delle grotte: fahle, so fahle Grottenaugen, in denen gar kein Licht mehr ist. Aber sie selbst war es doch, damals in Lydien, die es überhaupt in sie hineingetan hat! Hat sie das, Liebste, denn gar nicht gewußt? Völlig natürlich, daß es, als sie ihn verließ, wieder erlosch.
Und knochig ist er geworden, ihr Lenz. Er kommt ihr sogar gewachsen vor, derart gerüsthaft wirkte er: wie wenn er sich bücken müßte, um durch die Tür zu kommen. Obwohl er doch drinnen stehen blieb. Trotzdem sah es so aus, wie wenn er in Gefahr sei, ständig mit dem Kopf an die Decke zu stoßen, woraus sich natürlich erklärt, weshalb er diesen Bogen im Nacken hat, ein bißchen wie ein Geierhals führt er zum an ihm aufgehängten Kopf.
Aber die Lydierin irrt sich. Lenz steht nicht weiter an der Tür, sondern hat sich, nachdem er sie, der Lydierin quasi vor der Nase, zugedrückt hatte, ins Zimmer umgewendet und an seinen Eßtisch gesetzt, den Briefeschreibtisch, aus dem die Triester Venus herausgewachsen war. - Und auch Du, meine Nahste, irrst Dich, meine Fernste. Daß Lenz die Lydierin abweist, anstatt sie zu sich herein und überhaupt wieder zu sich zu lassen, hat mit ihrer Schwangerschaft nichts zu tun, nichts mit Jessirs Baby. Das nähme er in liebender Bereitschaft als seines, auch wenn alles ein wenig kompliziert werden würde. Denn selbstverständlich wird Jessir nicht bereit sein, sein Kind anheimzugeben, kampflos sowieso nicht. Sein Beruf mag für das Vatersein nicht taugen, ein guter Vater wär er dennoch, sogar ein ganz vorzüglicher. Und die Gefahr, in der er quasi ständig schwebt, wäre für das Mädchen der Grundstoff für Legenden. Das, in der Tat, ist ein andres Menschenholz als der Span, aus dem Bankangestellte gepreßt sind. Überdies wird er seine Tochter vergöttern und ihr, wenn sie noch klein ist, von überall her Spielzeuge mitbringen, die niemand sonst in der Grundschule hat; später auf dem Gymnasium werden es Kleider aus exotischen Stoffen sein, und Schmuckstücke, Perlen, Muscheln an Ketten. - „Papa, ich hätte gern ein Äffchen...“ „Kommt ja gar nicht infrage!“ ruft die Lydierin. Lenz, auf seine verschlossene Art, interveniert. Jessir zwinkert ihm zu. „Um Gottes willen“, so abermals die Mutter, „ein Affe! Und wer kümmert sich schließlich um den? Du, Frollein, n i c h t...“ -
Die beiden Männer treffen sich im Tommaseo, das für Lenz nicht die Bedeutung hat wie für mich; wiederum Jessir verkehrt da täglich, wenn er nicht auf Reisen ist. Man hat sich arrangiert, sogar miteinander angefreundet. Zoë ist da bereits um die fünfzehn. Die Lydierin arbeitet frei als Fremdsprachenkorrespondentin, Lenz hat es in den Servizio Verde Pubblico geschafft und beaufsichtigt Triester Gartenanlagen; gern legt er auch selbst mal Hand an. Er lebt aber weiter in seinem Grenzhäuschen, auch wenn er während der Schwangerschaft meist bei der Lydierin war und sowieso im Säuglingsjahr, schon wegen der Nächte. Aber seine Sìdhe ist in die via della Guardia gezogen, schräg gegenüber Lenzens erster Triester Wohnung; die repräsentative Unterkunft an der XX Settembre hat sie Jessir gelassen, der so viel Platz gar nicht braucht. Das wendet er auch ein, nachdem sich die beiden ein Jahr später, schon Zoës wegen, wieder zuammengerauft haben und insgesamt die schmerzhafte Spannung nachgelassen hat.
„Nimm d u doch die große Wohnung, was soll ich damit?“ Aber jetzt kann die Lydierin sentimental sein, ohne spöttische Bemerkungen einzuheimsen; es hängt ihr einfach zu viel Erinnerung an dieser Viale, noch weit übers Teatro Rossetto zum Botanischen Garten hin, zu viel Vergeblichkeit und Verlust enttäuschter Hoffnungen. Ich meine, die beiden sind vor Lenz zehn Jahre zusammengewesen, und dann noch einmal mehr als eines.
Jedenfalls hat Jessir das größte der Zimmer für seine Tochter eingerichtet, die ihn auch täglich besucht und nicht selten bei ihm übernachtet. Einverständig haben die Lydierin und er das Sorgerecht gemeinsam eingerichtet. Dennoch ist Lenz ständige Bezugsperson; trotzdem hofft er auf eigenen Zuwachs, bespricht sich sogar mit Jessir – oder nein, aber der redet ihm immer mal zu, wenn die beiden wie jetzt im Tommaseo beisammensitzen, wo sie grad das Äffchen besprechen und daß es doch oben bei Lenz ganz gut einen Platz haben könnte...

Stellt sie sich, die nun verhinderte Sìdhe, das so in ihren zehn Minuten vor, die sie noch vor der Tür des Grenzhäuschens steht? An geraffter Zeit wär es genug.
Und Lenz? Nein, die Schwangerschaft ist es wirklich nicht, was ihn dieses „Geh!“ hat aussprechen lassen. Er sprach es auch nicht selbst, sondern etwas tief in ihm drückte es aus ihm hoch und heraus. Wir werden, darüber, mein Herz, noch sehr nachdenken müssen.
Tatsächlich beschäftigt ihn, während er auf die Tischplatte starrt, etwas ganz anderes: Weshalb hat er nicht wenigstens jetzt auf die Haarfarbe seiner Geliebten geachtet? Sie stand doch eben noch vor ihm, schön wie je, begehrenswert wie je... und ja! er begehrt sie immer noch, liebt sie weiter und weiter, vielleicht sogar eine Spur tiefer als früher. Und er weiß ganz genau, daß sie draußen weiterhin steht, bislang immer noch wartet; er spürt sie bis fast zur Erblindung, hört sie sogar, hört sie atmen, also glaubt, sie atmen zu hören. Doch wozu dann all die Briefe an den Wänden? Er müßte sie herunterreißen, sich herunterreißen. Und aus dem Ravoltella verschwände die Venus, machte einfach Plopp, und weg wär sie. Niemand kann sich das erklären, daß die Kiste, in der man sie aufrecht verwahrt hat, plötzlich leer ist. Auch die Polizei tappt im Dunklen.
„Geh!“ - Die Lydierin hört es wieder und wieder, da sie endlich aufgibt und, wie seinerzeit Lenz, als er das Grenzhäuschen für Wiebke verließ, nicht über den Sandweg, sondern über quer die Wiese bis an den Waldrand und dort den Rain entlang zu ihrem Auto schreitet, na ja, eher wohl stapft, das an einem Seitenpfad der Strada statale abgestellt ist.

*
18.04 Uhr,
Pettersson, Neunte.

Ich war schwimmen, Schönste, zog meine Bahnen und dachte und dachte. Und dann, seltsam berührungslos erst, begriff ich. Es war ein großes Glück, daß ich mich bewegen mußte. Im kleinen Thälmann-Bad hätte es ohnehin kaum Sinn gehabt, es mit dem Ertrinken zu versuchen. Zu viele schwimmende Leute und unentwegte Bademeister, die zu genau aufpaßten.
Zwei, Geliebte, Monate, daß Du Dich trenntest; es war der 19. November. „Ich kann nicht annehmen, verzeih.“ Am 19. Mai, vielleicht, steht die Lydierin vor Lenzens Grenzhaustür, vielleicht dem eines ganzen Jahres später. Jedenfalls hatte ich unrecht, als ich von Spätsommer schrieb.
„Läßt mich herein?“ Er tritt zur Seite, sie nimmt die zweidei Stufen, ihr Blick gleitet über die Wände. „Das muß dann weg.“ - So wird er wirklich wieder schwach?
„Und mach endlich die Tür zu. Ich darf mich nicht erkälten.“
Oder zeigt er sich ihr nunmehr gewachsen und dem, dafür wäre es die Voraussetzung, was auf beide nun zukommen wird? Ich weiß sehr gut, wovon ich spreche.
„Ich muß dir etwas sagen.“
Was will sie? Man sieht es doch längst.
Jessirs Baby.
Lenz könnte ausrufen: „Jetzt?! Jetzt kommst du zurück?!!“
Zwei Monate, mal neun.
So vieles ist geschehen.
Er weiß gar nicht mehr, wie ihr Mund schmeckt, kennt nur noch den seines Innenbildes, dessen Hemdchen er allnächtlich in seine Schultermulde und an sein Herz gedrückt hat.
Zwei Monte, Liebste, sind schon schwer genug. Achtzehn aber? Nein, keinen Ton bringt Lenz heraus. Aber es genügt auch völlig, diese Frau zu s e h e n, man kriegt sowieso keine Luft.
Andererseits sind achtzehn Monate eine Chance, nach zweien, vielleicht sogar nach sechs noch ist alles zu frisch, zu belastet; nicht nur der Lydierin objektiven Umstände umschatten uns, ihre Hoffnungen, gefährdeten Wünsche, auch die Vergeblichkeiten, um deretwillen solch eine neue Liebe aufgegeben wurde oder, wie Du tatst, geflohen; da war zu wenig, wahrscheinlich, selbständige Entscheidung, Enscheidungsmöglichkeit. Da fühlte man sich bedrängt, nicht Du von mir, aber vom Schicksal, das Dir durch mich die Autonomie nehmen wollte. Du konntest gar nicht frei entscheiden, sondern ich kam über Dich wie ein Sturm, gegen den Dein Dach nicht gesichert war. So brauchtest Du Zeit, die zerschlagenen Schindeln zu ersetzen. - Während in der Lydierin noch lange die Enttäuschung darüber bebte, daß Lenz sie nicht empfangen ließ.
Jetzt allerdings war alles anders.
Möglicherweise hätte sie Jessir auch ohne den Umstand wieder verlassen, daß sie nun Mutter wurde. Ihre Wesen waren zu verschieden und das, was sie erstrebten, womit sie sich umgaben, er mit seinem harten Jazz und dem rigorosen politischen Wollen, sie mit ihrem Schubert und den schönen Künsten, auch mir ihrer Phantasie und Fantastik, die wiederum ihm fremd war, sogar, wenn er ehrlich zu sich war, ein bißchen lächerlich fand. Er sah das imgrunde an, wie er es bei einem Kind tun würde und gegenüber dem seinem später auch tat, da aber nicht herablassend, sondern bei der kleinen Zoë empfand er es als altersgemäß und freute sich dran. Doch bei einer erwachsenen Frau, da kann man wohl Pragmatik erwarten. Da möcht man nicht gerührt sein, das geht sonst auf den Sex..
Doch die Lydierin war nicht pragmatisch, weder so noch so, aber über Jahre bemüht, es für ihn zu werden. Also verkniff sie sich ihre „Romantik“. - Worauf kam es an im Leben? Auf diese Frage hatten die beiden – sie fühlten sie – grundsätzlich verschiedene Antworten. Ja, wäre auch sie, die Lydierin, eine Reporterin gewesen, hätte sie m i t ihm reisen können und wollen, denselben Reiz verspürt wie er... Doch so?
Nicht nur, seit sie Mutter wurde, konnte sie keinen Sinn darin sehen – fühlen – , sich permanent in Lebensgefahr zu bringen. Und sei‘n wir mal ehrlich: Was änderten seine Fotoreportagen am Elend der Welt? Imgrunde ihres Herzens dachte sie, sie machten es genießbar, nein, bedienten zwar nicht, oder nur wenig, die bestens verkäufliche Sensation, aber gaben ihm einen gewissen ästhetischen Wert, der sich überdies als moralische Aufklärung ausgab. Die Lydierin war, anders als Jessir, auch schon von ihrer akademischen Ausbildung her, kritische Theoretikerin, er Aktionist. Hätte er sich freilich, statt für den Stern und, bis ganz zuletzt, 2008, für Life zu reisen, im Eismeer für Greenpeace anketten lassen, sie hätte seiner Arbeit zur Seite gestanden. Nur bekam man dafür keine Pulitzerpreise.
Sie brauchte die achtzehn Monate einfach, um sich über alledies klarzuwerden, auf ihre Weise nüchtern, und hätte sich nun auch getrennt, ohne daß es einen Lenz gab. Nachdem sie die Entscheidungsfrage, wenngleich nur in Form einer Bitte, gestellt hatte: Begib dich nicht in Gefahr, wenn du ein Vater wirst. Deine Verantwortung, jetzt, liegt woanders. - Übrigens ebenso Wiebke, nachdem Gerald Lenz aus der Wohnung geworfen hatte: „Ich will nicht mehr, daß du in diesem Job tätig bist, der dich s o weit ausgehöhlt hat – u n s, Jerry, aushöhlen konnte.“ Ihrer beider Glück war, daß Gerald g e l e r n t hatte, seelisch gelernt; indem sie ihn derart abzockte, hatte ihm die Stone-Sìdhe die nötige Lehre erteilt. Letztlich, wie viele Federn er auch hatte lassen müssen, wäre es ihr zu verdanken, wenn es mit Wiebke und ihm und nicht zuletzt für Dianamaria ein sehr langes gutes und gegenseitig sorgendes Ende nimmt.
Nein, Gerald fragte n i c h t, und was soll ich dann machen? Sondern wickelte seine Firma a b. Dann versuchte er sich mit Immobilien. Nicht daß das auch nur ungefähr dieselben Gewinne brachte. Es kann auch sein, daß er seine Unternehmen nach bereits einzwei Jahren abermals aufgab, daß sie vielleicht, die beiden, ein kleines Restaurant eröffneten, irgendwas in dieser Art; doch es kam darauf nicht an, nicht einmal dann, wenn sie, Wiebke, die kleine Familie würde mit ihrem Lehrerinnengehalt durchbringen müssen; er übernähme die Hausarbeit dann und die Tagessorge für die Tochter. Worum es wirklich ging, war, niemals wieder hohl zu werden.

„Ich habe“, sagte Lenz endlich, nachdem er die Tür geschlossen hatte, „so lange auf dich gewartet.“
„Ich weiß.“
„Fast hab ich dich nicht mehr geglaubt.“
Doch das war nun falsch: Er hatte sie n u r noch geglaubt. Genau darin, in der dunklen Variante unsrer Erzählung, hat sein „Geh!“ seinen Grund. In ihrer hellen indessen zittert, als Lenz ihn ausstreckt und seitlich die Hand auf das Gesicht der Geliebten legt, sein ganzer rechter Arm.

Zwei Monate, Sìdhe, in denen ich nicht täglich an Dich denke, sondern Stunde um Stunde, Minute um Minute, unterbrochen nur von gelegentlichen Treffen mit Freunden; bei aber auch denen bist Du mein ständiges Themas. „Ich hatte etwas Angst“, sagte vorhin E., wir haben uns zum Billard getroffen, „daß du dir etwas antun würdest .“ So auch Do: „Du warst wie eingefallen. Du standst auf der Kippe.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es geht mir“, sagte ich, „wahrscheinlich besser als ihr. Denn ich weiß, wohin mit meinen Gefühlen. Ich kann zu ihnen stehen und schreib ihnen einen Roman. Sie hingegen, mit den ihren, ist völlig allein. Sie kann sie nicht ausleben, ihnen keine Form geben, darf sie nicht brennen lassen, um aus dem Feuer und seiner Energie etwas zu gewinnen. Sondern sie muß sie verdrängen, so daß es in ihr schwelt, und selbst das muß sie ersticken. Sie ist viel gefährdeter, als ich jemals war: daß nicht nur das Feuer erstickt, sondern mit ihm, im quellenden Rauch, sie selbst.“

Alban
*

Arbeitswohnung, den 20. Januar 2015.
Dienstagmorgen, 7.55 Uhr,
Paul Hindemith, Requiem „For those, we love“ (1946)
auf Gedichte von Walt Whitman,

Ich habe Angst vor Deiner Stimme, Geliebte,
vor Deinem Schweigen, Fernste, Angst -

und furchtbar geträumt:

Wir gingen über ein Bergland, dessen Öde sich, wie vorgestern die Dächer unter den Nebeln, in weiße, schnell treibende Schwaden zerflatterte; wir gingen Hand in Hand, entweder Du voraus, mich ziehend, oder ich, Dich ziehend, Dir. Weit und breit außer uns keine lebendige Seele. Etwas, abwechselnd, s o g an uns, zog uns hinab, und immer die andere, der andere hielt fest, um die Geliebte, den Geliebten nicht versinken zu lassen. Es fühlte sich so an, nach einer Art Sumpf, aber aus Leere, die uns einschlucken wollte, aber nicht uns beide zusammen, sondern eine, einen nur. Wir wurden immer mehr auseinandergezerrt, doch wenn wir es schafften, je die andere, den anderen aus diesem hellen Nichts wieder hervorzuziehen, fügten wir uns wieder zusammen. Die Kraft gab uns die Wärme, die aus den Händen fühlbar ineinanderströmte, und wirklich kamen wir voran, immerhin das, erreichten eine Höhe, mußten den sich anschließenden Hang wieder hinab.
Das Schlimmste war, daß wir nicht sprachen. Es wäre aber sinnlos gewesen, es zu versuchen, weil sich kein Schall in diesem Medium übertrug, das wir stundenlang durchzogen, die ganze Nacht hindurch, die sich gleich unsren Körpern streckte, auseinanderstreckte, fasrig, zunehmend dünn. Dann, mit aufgerissenen Augen, sah ich zu, wie Dein linker Arm, dessen Hand in meiner Rechten lag, entsetzlich lang wurde, und diese blieb in meiner, aber nur sie, bis nur ein wenig über ihre Wurzel hinaus; er selbst, Dein Arm, zerriß. Ich konnte Dich nicht mehr halten, mich nicht mehr Deines Verlustes erwehren, Dich vorm Verlorenwerden schützen. So gingst Du unter, und ich... ich blieb allein. In meiner Hand indessen blieb die Deine haften und völlig körperlich und hielt mich, hielt sich an mir fest, als wäre da noch etwas, das sich an ihr aus der Leere noch einmal herausziehen ließe. So vergeblich, fühlte ich, führte Orpheus aus der Unterwelt Eurydike hinauf, die sie jedoch, als er sich umdrehte, in sich zurückrief.
Ich hätte mich nicht umdrehen dürfen, nur auf Deine Hand vertrauen müssen? Aber auch ich war doch hinabgezogen worden, und D u hattest Dich umgedreht, um mich zu halten! So wären wir einander Orpheus gewesen, Du mir Orphea, ich ein Eurydicus Dir? Und wieso träumte mir der Hades als dieses Gebirge? zudem es, der wehenden Schwaden wegen, milchig hell war und nicht dunkel... - In den Tod steigt man – hina u f?
Es war zu kalt, um zu weinen.
Ich verharrte, dachte: Ich muß an diese Hand, Deine wunderbar flache und schmale, nur genügend glauben, um Dich wiederzugewinnen - und tat es, glaubte, ließ auf keinen Fall von ihr den Blick; sie trug sogar noch, wie einen Beweis ihrer Konkretheit, den silbrigen Ring. Doch als ich darüber nachzudenken begann - fühllos, Liebste, fühllos vor einem Entsetzen, das uns jedes Begreifen verwehrt -, darüber nachzudenken, daß Deine abgerissene Hand gar nicht blutete, sondern es zog aus ihrer Wurzel ein fasriger Nebel in die wehenden Schwaden; so würde sie doch noch dünner werden und dünner - als ich das zu verstehen glaubte und darüber in Panik geriet, wachte ich auf.

Ich stelle mir vor, Dich zu sehen, stelle mir vor, Du habest angerufen nach so langer Zeit, über Facetime; vielleicht ist hier etwas liegen geblieben, das Du nun dringend brauchtest. Jedenfalls meldet sich das iPad, und ich erstarre. So eine Angst habe ich. Und dann siehst Du mich an, wobei Du zugleich meinen Blick vermeidest, unser Blicken, das sich aber augen-, im Wortsinn, -blicklich wieder einstellt – und daß wir uns nicht weglügen können. Du hast ja ganz recht: Das einzige, was hilft, ist, sich nicht mehr zu sehen, nie mehr, Geliebte. Denn jedes neue einander Ansehen höbe unser Lieben aus ihrem Vergangenen wieder heraus, ihr Unvergehen, Sìdhe, das wir nur leugnen, nicht aber enden können.
Die Lydierin, als sie vor der Tür des Grenzhäuschens stand, achtzehn Monate später, sah Lenz so an wie ich jetzt Dich ansehen würde; auch Du bist hart geworden in den Zügen, ein bißchen bitter, und sehr blaß. Daß Du, wie als ich Dich zum ersten Mal traf, zehn Jahre jünger aussahst, als Du bist, ist gänzlich vorüber, und die Leichtigkeit gleichsam ermüdet, die Du, als wir noch sprachen, Deinen Erschütterungen immer wieder zu geben vermochtest. Denn nicht nur hast Du den möglichen tiefsten Vertrauten verloren, der Dir jemals geworden wäre, sondern, wie Du zugleich mit Deinem Vorwurf fühlst, aus Not hat er dieses tiefste Vertrauen gebrochen, bevor es wirklich w e r d e n konnte: während. Dies nicht zuzulassen, sondern es zu kappen, ging als D e i n Vertrauensbruch vorweg. „Ich kann nicht annehmen, bitte verzeih“, hast Du mir deshalb geschrieben, ich versteh das „verzeih mir“ erst jetzt. Und läßt mir dennoch, wie in dem fürchterlichen Traum, Deine Hand.
S o jetzt, wenn wir uns ansähen, sähen wir uns an, und keiner, Du nicht, ich nicht, wagte zu fragen: „Wie geht es Dir? Erzähl.“ Aber vielleicht würde ich sagen, Du sehest nicht gut aus: „Du bist sehr blaß.“ Worauf Du, mit einem schmerzlichen Lächeln, erwidern würdest, das sei nur die schlechte Beleuchtung Deiner Elbenkämenate. Und wichest abermals meinem Blick aus.
„Kann es sein, daß ich bei Dir einen Füller liegen gelassen habe? Ich vermisse ihn, er ist ein Erbstück.“
„Nein, tut mir leid. Ich habe keinen gesehen. Aber Dein Shampoo steht noch hier, oben auf dem Regal neben der Dusche, und der Conditioner.“
Kein Wort indes zu dem Hemdchen, das allnachts an mir schläft. Und Du erwähntest keinen der Briefen, deren jeder einzelne Dir wehtut. „Ich weiß, Du willst mir gut“, schriebst Du. Und dann aber d a s! Weshalb, müßtest Du mich fragen, tust Du mir das an?
Also wenn wir sprächen. Wenn nicht ausgewichen würde.
Der Klang Deiner Stimme, wenn wir uns sprächen, wäre um Abstand bemüht, Kopfstimme rein, geradezu geschäftlich. „Professionell“, stelle ich mir vor, würdest Du das nennen. Ich aber nennte es „unwahr“. Schon deshalb wird es zu Deinem Anruf nicht kommen, und ich, meinerseits, habe gesagt, daß ich, sogar mit einem „selbstverständlich“, Deine Entscheidung akzeptierte. Das schließt, daß ich Dich kontaktiere, selbstverständlich aus ( - „kontaktiere“!).
So weiß ich gar nicht, wovor ich mehr Angst habe; davor, daß wir miteinander doch wieder sprechen, geschweige uns ansehn, oder davor, daß wir es n i c h t tun. Wir haben einander viel zu viel zu sagen, als daß wir‘s, als Getrennte, noch dürften. Doch hier, in meinen Briefen an eine für mein Leben Tote, doch in dem Roman bist Du für mich am Leben geblieben, nehme ich mir die Freiheit heraus – eine poetische, die sich ihres und auch Deines Leides ermächtigt, und unserer Hoffungen und Lüste. Damit all dieses nicht vergessen wird, nicht später als ein Niegewesenes wegsinkt und nie gewesen dann auch i s t.

(Heilige Anachoreten gebirgauf verteilt, gelagert zwischen Klüften.)
Ich stehe, Deine lose Hand in meiner, zwischen Felsen in den milchigen, über sie dahinfliehenden Schwaden. Und wenn ich auch erwacht bin, ich h a l t e auf sie, Deine Hand, den Blick. Und laß sie, Liebste, nimmer los.


A.
*


Einunddreißigster Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 37).

Vergangenheiten, Liebste, die sich gleich

Arbeitswohnung, den 18. Januar 2015,
sonnabendspätnachmittags: 17.18 Uhr,
Allan Pettersson, Siebte Sinfonie,

flachen, aber zähen Nebeln über die Dächer der Hinterhäuser schieben, sind mir von meinem letzten Schlaf geblieben. Es gibt Sätze, die wir nicht eigentlich verstehen, doch sie haften an uns wie ein Geruch, dem auch zu duschen nicht wehrt. Innere Gerüche sind es, denen wahrscheinlich gar keine Wirklichkeit zukommt, sondern wir riechen sie allein mit unsrem Gehirn, olfaktorische Halluzinationen, die noch erschütternder als optische sind. Allerdings fehlt ihnen das Erschreckende oder Beglückende und Berauschende, das optische Visionen und solche des Gehörs begleitet, wobei letztere schlimm genug sein können, etwa ein Tinnitus. Doch der immerhin läßt sich greifen, indessen Gerüche, die uns auf diese Weise umgeben, unbestimmt bleiben, sowohl in ihrer mitunter plötzlichen Erinnerungsschönheit wie einem fast stammesgeschichtlichen Schauder. Mit ihm schau ich zum Fenster hinaus und kann diese Nebel fast fühlen, wiewohl es draußen längst so eingedunkelt ist, daß nicht einmal mehr das blasse Rot der Schindeln zu erkennen ist. Vielmehr stehen die Hausfassaden als dunkle Scheiben da, in denen hier und dort, hinter konturierten Fensterkreuzen, rechteckig ein gelbes flaches Leuchten glimmt; oder es ist, wo der Fernseher läuft, bläulich nervös. Und vor mir spielt die Musik, im Halbdunklen meines Zimmers, das sich hinter den hohen schmalen Boxen in einen Konzertsaal ausgeweitet hat.
Ich hatte Dir, als Du bei mir warst, diese Musik vorspielen wollen. Aber wir kamen nicht dazu. Jetzt werde ich sie Dir von meinem Plattenspieler in eine Tondatei einspielen und in die Dropbox tun. Ich könnte es mir leichter machen und eine der flac- und/oder mp3-Dateien von meiner Musikfestplatte nehmen, aber die haben bei weitem nicht den Frequenzgang; es ist mir wichtig, daß Du die Details hörst und sich in Deiner Elbenburg die gesamte Dynamik entfaltet. Petterssons Siebte gehört zu meinen absoluten Lieblingssinfonien, in ihren Härten wie ihrer Schönheit, und in ihrem Beharren, das, so fühlte ich schon, als ich das Stück zum ersten Mal hörte, ein Bruder meines eigenen ist. Jedesmal wieder, wende ich mich dieser Musik zu, beginnt mein Herz zu rasen. Seit nun über zwanzig Jahren hat sie für mich nicht an Wirkung verloren, eher noch gewonnen. Die Tragik, von der sie singt, und die Hoffnung dennoch, s t e i g e n mit dem Alter und seinen Vergangenheitsnebeln, zu denen auch mein Leben zunehmend wird, steigen in es auf.
Keiner, wirklich keiner der berühmten Dirigenten unserer Tage hat sich Petterssons jemals angenommen, weder Rattle noch Barenboim, nicht Gielen, nicht, als er noch lebte, Solti, weder Abbado noch Maazel, nicht Mehta, um nur ein paar mögliche zu nennen; diese große Musik ist eine Angelegenheit der zweiten und dritten Reihe geblieben. Dabei gibt es durchaus begründete Stimmen, die Pettersson den wichtigsten Sinfoniker nach Gustav Mahler nennen. Aber der Mann war zu schwierig, zu querköpfig und stand vor allem den Musikdoktrinen seiner Lebeszeit im Weg: Abgesehen von einer frühen, von ihm bis zu seinem Tod zurückgehaltenen Arbeit hat er zeitlebens tonal komponiert – ein Umstand, der ihm eigentlich die Zuhörer hätte zuströmen lassen müssen. Aber der Markt verstand es, ihn zunehmend zu verdrängen, was wiederum bei dem längst schon schwer erkrankten Mann zu einer Bitterkeit führte, die ihn seinerseits, dem späten Lenz ähnlich, schroff und in seinen Aussagen scheinbar grob und ungebärdig werden ließ. D a s war dann im Blick, weniger die Musik selbst, ja sie so gut wie gar nicht. Einige Zeit lang, als sich auf den Wegen der Postmoderne das Tonalitätstabu lockerte, entdeckten einige junge Komponisten den Schweden, aber auch sie ließen ihn so gut wie alle wieder fallen. Seine Unerbittlichkeit, die kein Tändeln zuließ, schon gar nicht mit dem Markt, mag sie schließlich abgeschreckt haben, ganz ebenso sein Pathos, dem im Nu das Stigma des Selbstmitleids angepappt wurde, ein Urteil, das nur ausgesprochen werden muß, und der Betroffene ist zeitlebens diskriminiert. Argumentieren läßt sich nicht dagegen.
Bitte hör die Musik Dir an. Wenn sie Dich erfaßt, schicke ich weitere ihr nach. Hör Dir an, welch künstlerisches Wunder uns dieser Schwede hinterließ. Ich habe mehrfach über ihn geschrieben, Du hast einen langen Artikel gesehen, weil er hier an eines meiner Bücherregale gepinnt ist. Dennoch würdest Du nun, nach Deiner Trennung, ohne ihn bleiben, wenn ich nicht beharrte, würdest ihn niemals gehört haben bis zu dann Deinem Tod – eine Vorstellung, die mir, Du Nahste, unerträglich auch dann ist, wenn Du mir zur Fernsten wurdest. Aber vielleicht wirst Du auch scheuen und bewußt nicht zuhören wollen, weil Du ahnst, daß ich Dir andernfalls wieder näher kommen würde, nicht als Körper, sondern als ein Nebel in dem, Du wirst ihn in Dir spüren, Abschiedsklang. Allan Petterssons Musik – nicht seine Person, die mir wesenhaft fremd blieb – ist mir über die Jahre zu einer geradezu Identifikationsfigur geworden, im Sinn einer Figuration. Denn wie meine Dichtung stand sie und steht sie fremd in der Welt, vom Allgemeinen abgewiesen. Aber Einzelne gibt es, die hören, und w i r d es immer geben.

Ich bin Dir, Sìdhe, an der letzten Schwelle begegnet, vor der man beidrehen, die Richtung ändern kann, sofern sich die Dinge u n s noch einmal zuwenden. Tun sie es nicht und treten wir deshalb darüber, fängt das Alter für uns an. Meine Panik, nachdem Du mich verließt, rührt auch aus dem Wissen davon. Ich hab mir selten etwas vorgemacht, dem Kommenden fast immer ins Auge geblickt, bin ihm allenfalls gelegentlich ausgewichen. Es niederrennen oder mich verweigern, nie wirklich furchtlos, doch auf keinen Fall bereit, mich einschüchtern zu lassen, das ja. Sich aber beugen lassen? Nein. Das hast erst D u vermocht, auch wenn ich weiß, daß Du nicht anders konntest. So tat ich den Schritt, e s tat ihn m i r, schob mich unversehens hinüber, und nun steh ich, gleichsam plötzlich, drüben und seh von dort in die Nebel zurück.
Obwohl es, wie ich eingangs dieses Briefes schrieb, längst schon draußen dunkel ist, formen sich immer mal wieder Gestalten meiner selbst heraus, des jungen Mannes, der ich war, sogar des Kindes, dann wieder des Heißsporns von sechsundzwanzig, dreißig Jahren und vorher eines Jünglings, der allen Ernstes vermeint hat, aus ganz eigener Kraft und eignem Vermögen eine neue Form von Literatur in die Welt zu setzen und dafür weder auf, sagen wir, Mentoren noch Gruppen angewiesen zu sein und in ihre Regularien eingebunden. Einfach die Qualität genüge. Wie sehr ich mich darin geirrt habe, weiß ich heute, weiß es seit ein paar Jahren und mag es doch immer noch nicht für wahr halten.

19. Januar 2015.
Sonntagsmorgenshelligkeit,
ein Licht wie im März.

Ein abgelehnter Mann zu sein, >>>> damit läßt sich‘s nicht gut leben. Aber ich wurde durch Lieben entschädigt, durch tiefe, verläßliche Freundschaften, die, selbst wenn man sich über Monate nicht sah, Bestand hatten, und besonders durch die Liebe von Frauen. Sogar die mich verließen oder die ich selbst verlassen habe, blieben immer bei mir, auch wenn sie zuweilen, die Liebe, ein anderes Gesicht bekam. Du hast es gesehen, von allen denen stehen hier Fotografien – so, wie nach wie vor Dein Bild als Hintergrund meines iPads fungiert. Ich werde es, sowie dieser Roman beschlossen sein wird, von ihm herunternehmen und aber ausdrucken lassen, um auch dieses dann bei mir aufzustellen, für immer in meinem Blick. Wäre ich Maler, ich malte ein Bild, das ich Die letzte Mögliche nennte, „möglich“ im Sinn eines letztmaligen Versuches unantastbarer Einheit – was ich „pubertär“ genannt habe oder, etwas weniger wertend, „jugendlich“ - und meiner Freundin A.s Satz folgend, daß jede große Liebe ein Kind will, um sich auch jenseits beider Liebenden sowohl zu entäußern wie in die Zukunft fortzuschreiben. Davon habe ich Abschied zu nehmen. Unsere Trennung ist für mich also nicht „nur“ die von Dir, sondern insgesamt vom Leben als ein zeugendes Lebendigsein.
Selbstverständlich hast nicht Du, Geliebte, das zu verteten und nicht einmal zu bedenken; es geht Dich imgrunde nichts an, kann Dir mit vollem Recht einerlei sein, ja das muß es sogar. Wir waren zwei aufeinandergetroffene Strahlen, die es für ein paar Wochen ineinanderhielt, die sich drin umeinanderwanden, enge, enger, aber deren einen stieß es dann wieder ab, und er suchte das Freie, schoß fort und fort, der andre sieht ihn schon nicht mehr. Das ist das Schweigen. So ruft ihm der andre nach und nach. Nur ist der Schall so viel langsamer als das Licht, er wird es niemals einholen können, ja ihn, Deinem Licht, ist es, selbst wenn es sich umdrehen könnte, naturgemäß unmöglich, mein Rufen überhaupt zu hören. Weshalb ich es wieder, in dem zweiten Sinn dieses Wortes, „eingeholt“ habe, nämlich einem Wurfnetz gleich, doch einem leeren, es eingezogen rück zu mir, und jetzt Text aus seinen verknoteten Schnüren mache, sie weiterverknote, presse und modelliere und schließlich mit einer Bronze überziehe, aus der die Statue wird, die man in Lenzens Grenzhäuschen findet. So daß ich in dieser Variante meiner Erzählung unrecht hatte: denn sie, die Statue, ist nicht aus Marmor. Was für ein Staunen schon deshalb, als man ihren, sagen wir, Kern begriff! daß der aus verknoteten Schnüren bestand, und aus Korkstücken, Bleien, hohlem, späterem Auftrieb dienenden Glas - komplett unklar, wie ihr so etwas als Skelett dienen konnte und daß es offensichtlich nie eine Gußform gegeben hatte. Noch surrealer war, daß der doch im weiten Sinn textile Netzkern hätte eigentlich sofort verbrennen müssen, als die Bronze, immerhin an die eintausend Grad heiß, über ihn floß. Die Triester Venus hätte dann hohl sein müssen. Statt dessen umschloß ihr Körper dieses Netz wie ein Bernstein den Einschluß. So war sie, und blieb es, allein schon technisch Mysterium.
Metaphorisch gesprochen, allerdings, verhütet sie, diese Venus, daß ich das Treibnetz abermals auswerf, indem sie aber meinen Fang, Dich, zugleich symbolisiert, meinen für immer nun Nichtfang. Was wir nämlich tatsächlich wissen und was sich schlichtweg beweisen läßt, ist, daß ihre Gesichtszüge den Deinen vollkommen gleichen, und nicht nur sie, sondern ihre gesamte Gestalt scheint Dir nachgeformt zu sein. Ich könnte außerdem beweisen, daß sich ihre linke Achselhöhle in der Cava gigante, Du weißt schon: Sgonico, wiederfinden läßt, in der Form einer natürlichen Seitenkapelle fast am Grund dieser riesigen Höhle. Man kann da sogar, muß nur sehr genau, den Kopf weit zurück, hinschauen, den kleinen Schnitt erkennen, den Du Dir beim Rasieren, hier in Berlin, zugefügt hast, nur daß er nicht blutet, sondern tropft. Lenz war davon wie vor den Kopf geschlagen, als sie, die Lydierin und er, diese Kapelle damals besuchten, bevor sie sich dann in ihr liebten. Gleichsam hast Du Deine Achselhöhle über das Paar da gewölbt, um es zu schützen, und aus dem Spalt, der der Schnitt war, fielen Lenz immer und immer wieder, während des Aktes, Tropfen auf den Nacken. Nur deshalb, weil sie ihn kühlten, konnte er so lange in der Lydierin bleiben. Übrigens verstand er erst nun, weshalb seine Geliebte drei große zusammengerollte Decken mitgebracht hatte, eine sich selbst unter den Arm geklemmt, die beiden anderen sollte e r tragen. Als sie noch in dem Grüppchen Wartender standen, weil erst genügend Leute zusammenkommen mußten, um eine Führung auch ökonomisch zu rechtfertigen, hatte er sie ziemlich verwirrt gefragt, was sie denn damit wolle. „Es ist kalt da unten“, hatte sie in ihrem leicht schnippischen, jedenfalls spöttischen Ton geantwortet, „was denkst denn D u?“ Und aufgelacht. Wobei ich, der ich ja ebenfalls dort unten gewesen bin, aber seinerzeit mit Dir, bei meinem ersten Besuch in Triest, überhaupt jetzt erst verstehe, weshalb Du so unbedingt wolltest, daß ich diese Deckenspalte erkennte. Du hast richtiggehend beharrt, weil ich sie lange Zeit nicht sah. „Dort! So guck doch, Liebster, h i n!“ Aber auch dann, als ich sie sah, blieb mir der Zusammenhang mit dem Rasierschnitt verborgen. Bis eben blieb es mir völlig rätselhaft, weshalb Du diesem Spalt solch eine Bedeutung beigemessen hast. Doch jetzt, Herz, plötzlich... - verzeih mir, zu spät.

Kannst Du Dir vorstellen, wie oft Lenz, in seinem Grenzhäuschen, darüber nachdenkt, ja wie so sehr wahnsinnig ihn das macht, daß er gar nicht anders kann, als eben deshalb so wortkarg und immer schroffer zu werden? Er muß das niederhalten. Wenn einer die Zusammenhänge völlig begriffe, er müßte seinen Verstand wirklich verlieren. So kann man sich nur noch dagegenstemmen, versuchen, jedes Erklären sein zu lassen; statt dessen muß man sein und gewesen sein lassen und sich, letzlich, ergeben.

Alban
*


18.22 Uhr,
Pettersson, Achte Sinfonie.

Wieder lasse ich mich, mein Herz, von der Musik tragen, nunmehr von Petterssons Achter, einer langgezogenen Elegie in zwei Sätzen, in der wir schon zu ahnen beginnen, welch härtere Tone der Schwede demnächst anschlagen wird, und abermals schneide ich in meinem Tonstudio mit, um Dir, solltest Du wider alles Erwarten dennoch eines Tages fragen, das Stück gleich nach Triest hinüberschicken zu können; bitte verzeih dann die leichten Knackser, die meine Quelle, neuerlich eine Schallplatte, unterdessen hat. Viel lieber, sowieso, lauschte ich der Musik mit Dir gemeinsam, Du an mich gelegt wie ich an Dich, im Spüren durch die Haut unser beider Atmens, und meine rechte Hand auf Deinem Bauch, Deinen Kopf, das Gesicht mir zu, mir zwischen Schulter und Brust, ein wenig vielleicht hinabgeneigt, damit Dir der Nacken nicht steif wird. Dazu begänne, was in der Tat nun geschieht, meine Wohnung nach dem neuen Brot zu duften, das im Backofen gart; von Zeit zu Zeit gehe ich hinüber, um es zu bestreichen, damit die Kruste angenehm kross wird. - Was wollt ich Dich versorgen!
Ich bin mir gerade nicht sicher, ob auch Lenz, in seiner Zeit mit der Lydierin, solch ein Verlangen hatte. Wenn ich zurücksehe, kommt es mir eher so vor, als hätte er gewünscht, seinerseits umsorgt zu werden. Jetzt freilich, in dem Grenzhäuschen, ist das anders, da baute er, sowie sie es nur brauchte, Kartoffeln für sie an. Aber seine Vorgeschichte, obwohl auch ich einst im Geldgeschäft war, unterscheidet sich von meiner, zumal ich nie eine Ehefrau hatte, die mich bestimmt hätte wie seine, und gegen mein Elternhaus lief ich schon frühe an; Lenz hat das nie getan. Seine Emanzipation begann imgrunde erst mit der Lydierin, paradoxerweise gerade, indem er ihr verfiel; das gehört zu ihrer, dieser Emanzipation als Mann, Vorgeschichte: Sie brauchte den Verlust.
Deshalb wird er, wenn seine Sìdhe erneut bei ihm in der Tür steht, schwanger und für diese stolze Frau seltsam verloren, die Zumutung annehmen können, die das doch zweifelsfrei bedeutet. Denn tatsächlich ist Jessir n i c h t tot, nein, er wurde n i c h t exekutiert, sondern sie, als er für den neuen, sagen wir, Einsatz, losgezogen war, rechts an der Schulter die schwere Fototasche, links in der Hand sein Köfferchen, an persönlichen Dingen und Kleidung brauchte er auf seinen Reisen nie viel – sondern sie hatte da, kaum war in dem repräsentativen Palazzo der viale XX Settembre die Wohnungstür ins Schloß gefallen, nur ein paar Schritte vom Jugendstil-Ambasciatori entfernt, fast fluchtartig ihrerseits einen Koffer gepackt, sich schließlich ins Auto gesetzt und war über die Battisto und die Piazza Rossetti quasi zwischen dem Parco di Villa Gulia und dem Giardino pubblico hindurch, ihren wechsel- und stimmungsseitig täglichen Jogginggründen, in schließlich weitem Bogen zur Strada statale und diese hoch Richtung Opicina gefahren, direkt Lenzens Grenzhäuschen zu.
Sie wußte gar nicht genau, was in sie gefahren war, schon gar nicht in dieser Situation. Plötzlich, Jessir und sie hatten beim Abendessen gesessen, feierlich beinahe, so hielten sie es vor jeder seiner großen Reisen – plötzlich hatte sie an Lenz denken müssen, ja sie hörte ihn, roch ihn.
„Was hast du?“ fragte Jessir.
„Nichts“, sagte sie.
„Aber ich merk doch, daß du was hast!“
Man kann nicht sagen, daß er sich auf das Baby nicht freute, im Gegenteil, manchmal war er ganz aus dem Häuschen und, soweit er vermochte, überaus zärtlich, aber seinen Beruf aufzugeben, das kam nicht infrage. Sie hatten darüber nun schon mehrfach diskutiert. „Und was soll ich dann machen? Im Büro hocken? Du weißt genau, daß ich das nicht kann!“ - Seine, so nannten wir es schon, Sucht. Er brauchte einfach, Kind her, Kind hin, den Kick.
„Ich kann so nicht leben, nicht weiterleben“, sagte sie. „Nicht, wenn ich Mutter bin.“
Kam das Gespräch an diesen Punkt, wich Jessir aus, umarmte sie, küßte sie. „Ich liebe dich.“ Und stieg schon in den Flieger. Tatsächlich war ihm ein, sagen wir, bürgerliches Leben unvorstellbar, Kleinfamilie, jeden Tag derselbe Trott. Wie sollte er das durchstehen? Die Wahrheit ist, daß er sich, seit es darauf zulief, sogar verstärkt um Auslandseinsätze bemühte; ohne es sich selbst zuzugeben, war Jessir auf der Flucht eher als seine Gefährtin. Was sie wahrscheinlich gespürt hat. - Nein, finanziell wäre es kein Problem gewesen, Jessir wurde gut bezahlt; seit seine ersten Fotos im Live erschienen, sogar vorzüglich. Also darum ging es nicht.
„Du bist über vierzig! Wie lange k a n n s t du das noch machen, überhaupt? Rein körperlich, meine ich.“ - Er hätte lachen sollen, so in Form, wie er war. Aber war wieder einmal resolut: „Bis ich umfallen werde“, gab er ihr zur Antwort.
So daß sie ihn knien sah, Hände auf den Rücken gebunden; Exekutionen wie diese werden von hinten durchgeführt, den Lauf nahe am Kopf. Dieses so spontane wie furchtbare Bild vor den Augen, ein derart grelles scharfes Aufblitzen, daß sie die Lider schloß, stand am Anfang ihrer Entscheidung, einer aber, von der sie noch nichts wußte. Zwei Wochen später, an dem Abendessen vor Jessirs Abreise, stieg dann Lenz vor ihr auf: unfaßbar wärmend, wenn auch noch unzugegeben, nicht nur gegenüber Jessir, sondern auch für sich selbst.
„Was hast du?“
„Nichts.“
Wenn Frauen sich entscheiden.
Dennoch schliefen sie in dieser Nacht noch einmal miteinander. Sie ließ ihn gar nicht mehr los. Deshalb schlief er in ihr ein; sie, unter ihm liegend, sah noch lange, an seiner Herzschulter vorbei, zur Decke. Möglich, daß sie geweint hat, stumm und ohne Erschütterung; ihr liefen einfach die Tränen. Wenn dem so war, hat er es nicht bemerkt. Und ihr Bedrücktsein morgens, wie vor jeder seiner Reisen, kannte er schon. „Mach dir keine Sorgen“, sagte er, gab ihr einen schnellen Kuß und legte die Hand über die deutlich erkennbare Bauchwölbung. Der Satz war die übliche Stanze, bevor er seine Fototasche über die Schulter wuchtete, auch das Köfferchen nahm und sich zur Tür wandte. „Unkraut vergeht nicht.“ Abschiede lagen ihm nicht; Sentimentalität, ich erzählte es in einem meiner ersten Briefe, war ihm wesenhaft fremd.
Ihr freilich auch, aber nicht eigentlich; vielmehr hatte sie nach und nach über ihr, wie er es nannte, „Romantisches“ eine Folie der Ironie gezogen, mit der er besser umgehen konnte; auch ihr jugendlich Unbedingtes tat er gern mit einem Spottwort ab. Schließlich war man erwachsen.
Auch so etwas, Liebste, verwundet. Wir mögen es Kleinigkeiten nennen, doch auch die, über die Jahre, fressen sich ein. Zwar meinen wir, uns dran gewöhnt zu haben und nehmen es schließlich nicht mehr recht ernst, ja lachen selber mit. Dennoch, eines Tages... ein einziges falsches Wort, eine noch einmal falsche Entscheidung, irgend ein Abtun... -
Während der nicht sehr langen Autofahrt zu Lenz war die Lydierin noch zittrig, ihre Entscheidung um sich gerafft wie im Winter einen Mantel, wenn die Bora aus dem Karst stürzt. Aber als er die Tür öffnete, brauchte es nur seinen Blick und ihren, ihrer beider Blicken, und sie wurde wieder Sìdhe.
Hinter ihr die Spätsommerwiese, noch dahinter der Wald, vor ihr der hartgewordene Mann.
„Läßt mich herein?“
Er tritt zur Seite.
Sie nimmt die zweidrei Stufen. Drinnen streift ihr Blick die Wände.
„Das kommt dann weg.“

A.
*


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Eugenio Montale, zweite Motette. Versuch einer Übersetzung.

(Für E.M.)
Viele Jahre, und eines war härter über dem flachen 15
fremden See, über dem die Abende brennen. 12
Da stiegst du aus dem Bergglühn, mir rückzutragen 12
Sankt Georg und den Drachen. 7

Die wollt ich auf die Reihe Fahnen prägen 11
deren Herzen im Peitschen des Grecale sich 12
zerflattern … Und hinabsteigen in einen Strudel 13
aus, unlöschlich, Treue für dich. 8
(Für I.B.)

Molti anni, e uno più duro sopra il lago 15
straniero su cui ardono i tramonti. 12
Poi scendesti dai monti a riportarmi 12
San Giorgio e il Drago. 7

Imprimerli potessi sul palvese 11
che s'agita alla frusta del grecale 12
in cuore ... E per te scendere in un gorgo 13
di fedeltà, immortale. 8