Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008 d e

 
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„Durch die Nähe zur Technik und Industrie ist Forschung Produktivkraftentwicklung geworden.“ Die Moralisierung der Wissenschaft ODER Das Ende des Bacon‘schen Zeitalters (1).

Hier liegen Tretminen. Denn darunter liegt >>>> die Frage nach Gott, die eine danach ist, was moralisch sei. „Wenn die Wissenschaftspolitik bisher die Aufgabe hatte, die Wissenschaft qua Forschung soweit es irgend ging zu fördern, unter der Bedingung knapper Mittel Prioritäten zu setzen und ein innovatives Klima zu schaffen, so geht es jetzt darum, die Forschung zu überwachen, für Forschungsvorhaben Genehmigungsverfahren einzurichten, einen moralischen Konsens über mögliche Forschungen sicherzustellen, die Anwendung von Forschungsergebnissen zu beschränken und zu kanalisieren. Man könnte sagen, es geht um Wissensmanagement, aber das wäre ein zu schwacher Ausdruck. Genauer gesagt geht es darum beständig auszuhandeln, was wir überhaupt wissen wollen und welche Anwendungen von Wissen wir als legitim ansehen. Es geht darum, einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, aufgrund dessen die Erzeugung und Anwendung von Wissen geregelt wird. Diese Verschiebung im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft hat einen Grund in einer Tatsache, die mir Anlass gegeben hat, von einem Ende des Bacon'schen Zeitalters zu sprechen (Böhme 1993): Das Vertrauen, das seit Francis Bacon die Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft getragen hat, ist zerbrochen, nämlich das Vertrauen darauf, dass wissenschaftlicher Fortschritt in jedem Fall zugleich humaner und gesellschaftlicher Fortschritt sein werde.“ Gernot Böhme, 2004.

Weiter >>>> d o r t Abermals, letzten Endes: Wir kommen um den Glauben nicht herum. Im Zeitalter der Globalisierung bedeutet genau das aber - Krieg.

>>>> Es ist notwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses geschehe, wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches eine bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem Verhalten nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau entsprechenden Ausgang, es sei in diesem, oder einem anderen Leben, bestimmt. Ohne also einen Gott, und eine für uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt, sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung, weil sie nicht den ganzen Zweck, der einem jeden vernünftigen Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori bestimmt und notwendig ist, erfüllen. Kant, KdrV, II,2,2

Fast immer etwas von Liebe. Kleine Bemerkung zu Bruno Maderna.

[Geschrieben für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Erschienen am 6. September 2009.]

40532320Mit zwölf debütierte er als Dirigent an der Scala. Später, in den 50er und 60er Jahren, wurde er zu einer solchen Schlüsselfigur der Neuen Musik, daß es Wunder nimmt, wie er so vergessen sein kann. Doch bereits in den letzten Jahren seines kurzen Lebens war er als Dirigent bekannter denn als Komponist. Denn er unterwarf sich keiner Doktrin, durchbrach schon früh das serielle Dogma in Richtung Aleatorik, hatte eine musikalische Liebesbeziehung zur tonalen Tradition, synthetisierte - man kann sagen: im guten Sinn ein früher Postmoderner - elektronische und natürliche Klänge, hatte auch nicht die mindeste Scheu vor komponiertem Gefühl. Klangcollagen wie sein Venezianische Tagebuch sind bis heute eine Legende, wie es scheue Botschaften haben, die keiner laut aussprechen mag. Wer aber mit heutigen Komponisten redet und mit Dirigenten, der wird, kommt die Sprache auf ihn, fast immer etwas von Liebe spüren. Dennoch gibt es neben Dallapicolla, für den etwas Ähnliches gilt, kaum einen so selten aufgeführten Neutöner wie ihn; wer seine Arbeiten kennenlernen will, muß auf CDs zurückgreifen; einiges ist auch als mp3 übers Netz zu bekommen. Man kann das ideologische Naserümpfen direkt spüren, das ihn nach und nach aus dem Musikbetrieb hinausgeschoben hat. Es wäre jetzt seine Zeit – anstelle daß man sich das E-musikalische Kitschbedürfnis esoterisch von Philip Glass zuschmieren läßt. Das hat man bei Ricordi wohl gleichfalls gedacht und die „Grande Aulodia“ als CD wieder zugänglich gemacht – ein in Episoden geradezu erzähltes Konzert für Flöte und Oboe. Der Aulós (αὐλός) war eine Art doppelläufiger Schalmei: kompositorisch ein typischer Rückgriff Madernas, der über die Oboe einen vermeintlich alten Klang mit dem modernen der Querflöte mischt. Das läßt einen bisweilen schwebenden, fast überzeitlichen Ton entstehen, den in manchen „Szenen“ scharfe Perkussionspassagen dramatisieren... keine neue Einspielung, nein, aber die Radioaufnahme von 1970 klingt frisch wie je, frei von jeder Starre und erstaunlich unhistorisch. „Ich hasse es, konsequent zu sein, denn das ist tödlich“, hat Maderna gesagt. Die strengserielle Musik bekam das per Publikumsverdampfung zu spüren. Daß es sich bei Maderna gleich mitverdampfte, war, mit einem Wort, masochistisch.

Bruno Maderna
Grande Aulodia
Ricordi oggi
STR 57010
>>>> Klangbiennale des Hessischen Rundfunks.
21. und 22. November 2009.
Bruno Maderna gewidmet.

Bamberger Elegien (123). Aus der zehnten Elegie, Fünfte Fassung.

Was sie, die großen, vergaßen, das halten die kleineren Städte noch fest, halten am Land fest, Perioden des Jahres und Tagen aus Frühling und mittags dem Sommer, der Nacht im Dezember. Das geht dahin mit dem bleibenden Tier, bis daß man uns selbst, genkybernetisch, durch Cyborgs substituiert hat: kosmetisch normiert, Artefakte, hygienisch und glatt, allzeit Bereite, der Menge als Ding geruchloser Körper zu sein. Replikanten stehn an, korrekt auf die Null und die Eins programmiert, stehen in Schlange, die Quote nicht macht, sondern ist und es will, daß man's sei. Ausgestattet mit Macht, die das Besondre verabscheut, kennt er, der Kommende, Ahnungen nicht, kennt nicht die Lust, die riskiert, sondern errechnet die Rente und mißt den Genuß an der Krankenversorgung. Kein Ausweichen ist; irre das Jaulen der Melder, entfernte sich einer, den Kopf aus der Longe gezogen, das Haar noch gesträubt, unzugerittener Hengst noch, nicht Wallach, und bricht aus der Koppel, solang nicht Maschinen Empfängnis besorgen. Das kommt bald, das ist schon: Vermehrungshygiene. Dem Übergriff endlich die Fresse polieren, und sei es mit AIDS. Samenspender, kontaktlos, die Väter bespermungstechnisch entvirt; bakteriologisch bedenklos die Mütter wie Kühe bestellt. Sind ja Retorten, die Utren, und Föten genetisch designt. Kein November, der graute. Die Sommer wolln nicht mehr scheiden. Wir sehen geshaped wie als neunzehn den Tod an; so mädchenhaft stehen die Brüste im Schnee ihrer Reife, gestylten Moorleichen gleichend im Altern der trocknenden Fraun. Plastinate Mumien, bemalt wie die schmuckvollen Deckel von Schmuck-Sarkophagen, sind sie zum Sterben schön gebliebne Schneewittchen.

BE 122 <<<<

Die letzten Exemplare. THETIS. ANDERSWELT & BUENOS AIRES. ANDERSWELT

thetis21Buenos_Aires_Anderswelt_BerlinVlg
Beide Bände signiert, Erste Auflage, hardcover.
Zusammen 1165 Seiten: 100,-- Euro zuzüglich Porto.
Bestellungen
>>>> hier.

Bamberger Elegien (122). Aus der neunten Elegie, fünfte Fassung.

Offen die Tür zur Terrasse. Nichts, schrieb eine Frau, klingt mit geschlossenem Beckenboden. Sie schrieb's mit dem Cello zwischen den Beinen. Ich dachte erneut an Empfängnis, Geburten, den Tod. Dachte an Gier. Du lebtest, mein Sohn, ohne sie nicht, ohne Sekret nicht. Wie darf man's da abwehrn, das bleibende Tier? Wie es obszön nennen? Denn lästert die Löwin, die schrie, als sie der Löwe in Kenia, wir sahen vom Pickup aus zu, packte? Sie wandt sich, den Hinterleib sichtbar gehoben, unkeusch und fordernd. Sie schlug ihm die Krallen, und fauchte dazu, über die Nase. Bis daß er sie nahm, in ihrem Nacken verbissen, dann stieß er zu. Nichts pipettierte. Es grub. Sieht das noch wer, sieht er Kinder? Wie wenn Zärtlichkeit ursprünglich wäre, und Eisprung nicht Schöpfungsgewalt. Macht und Ergebung und Abwehr, aus diesem Begehr sind wir auch. Aber verwerfen es, wie wenn's uns schändet. Anstelle zu sagen: so sind wir dann, wenn wir vollkommen sind: Spucke und Votze und laut. Wollen ein Schwanz sein, nichts weiter, ein Trieb, der zurücktreibt, dunkeles Sais, dem wir die Schleimhäute heben. Ist das nicht genug, um zu wissen? Gewimmel der Spermatozoen. Seele wär das nicht auch wie das Ei, das sie ansaugt und sucht sich, wählt sich, den stärksten der Träger - ein Überträger auch er? Später das kackende Kind, der Geruch in den Windeln; der spitze Duft aus der Restmilch wär Seele nicht gleichfalls? Der Schauder, den wir, wenn unerregt, in der Geschlechtsnähe fühlen, was sagt er uns, den Besetzten, Besessenen, sind wir erregt? Daß das, was ekelt, Erregungen Quell intensivester Lust ist - hier wäre Seele denn nicht? Aber doch Anlaß der höchsten Inspirationen. Kein Buch, das es wert ist, Bild nicht, nicht Film, die sich nicht hieraus erhöben. Nicht Gott. Wie es das bleibende Tier tut mit Beute, die erst als Gerissene aufsteht, aufersteht, als Niedergerissene, Einverleibte, das Ich abgegeben, ganz weg unser Geist, wenn er ganz da ist, im Andren, vom Anderen, fremdpenetriert, schmerzvoll erleuchtet. So glüht's. Glühen ist immer enticht. Das nicht zu achten, wer sind wir? Zu meinen, wir wären erst Ich, wenn wir getrennt sind, monadisches Selbst, undurchdrungen. Durchdrungen erst sind wir. Wenn wir einander trinken, als äße einer vom andren, als kauten wir uns. Manche tun es. Haben sie Unrecht? Der Stoffwechsel wär nicht das Urbild jeder Verwandlung? Wir brauchten nicht einen Ritus der Physis und Durchlässigkeiten, unfester, fließender Stoffe, Altäre des Wechsels, religio?

>>>> BE 123
BE 121 <<<<

Pauls Wahn gesprochen von Bruno Lampe. 01. 11. 2009.







Text: >>>>H I E R

„...die in der deutschen Gegenwartsliteratur ihresgleichen kaum finden.“ Neuerlich MEERE.

Bernd Blaschke >>>> in Literaturkritik.de.

Viele sein, die sich ausschließen ODER Unter Künstlern.

Noch etwas anderes geht mir im Kopf herum: wie man so vieles gleichzeitig und immer mit selbem Recht ist: ich als Familienvater, überhaupt Vater, ich als Liebender, ich als Benutzer von Frauen, also dieses Dominante, das „Erziehungsspiel“ etwa, das die moralischen und genderkorrekt-modernen Regulative nicht nur überschreitet, sondern - für den Zeitraum des „Spiels“ - durchstreicht, ja sie im Wortsinn mit Füßen tritt, aber genau dadurch Traumata aufhebt, nämlich zur Lust bringt; dann wieder ich als der Schriftsteller, als der Träumer, der politische Humanist und und und... all diese einander eigentlich ausschließenden Rollen, die dennoch jede für sich voll erfüllt werden. Was all das für unser anthropologisches Verständnis bedeutet (die Aufhebung des Geheimhaltens, des Privaten usw), darüber will auch einmal einen Aufsatz schreiben. (Daß sich das so auf mich selbst konzentriert, liegt einfach daran, daß ich meine eigene - um es mal s o zu sagen - Versuchsperson bin; ich habe aber durchaus den Eindruck, nicht einzig zu sein, sondern nur etwas offen auszutragen, das andere lieber verbergen.)

[Poetologie.
Zum Perversen.
Öffentlichkeit und Privatheit.]

„Immer mit selbem Recht“ schreiben Sie. Genau das ist es, was dieses Selbst-Konzept für alle anderen so schwierig macht: Wenn man liebt, will man imstande sein, beim Geliebten eine Art override-Modus aufzurufen, der alle eingespielten Verhaltensweisen außer Kraft setzt. Indem Sie Ihre Beziehungsprozesse öffentlich zugänglich machen, verhindern Sie das. Sie entmachten jene, die davon betroffen sind, sie können nur noch re-agieren. Im künstlerischen Bereich ist das ein spannendes Angebot, bei dem niemand, der darauf einsteigt, das Gesicht verliert - auf intime Zusammenhänge ausgeweitet "funktioniert" es nur für Sie. Weil Sie derjenige mit der Produktion sind. Eine mögliche Schlussfolgerung wäre, auf privater Ebene nur Menschen öffentlich zu machen, die ebenfalls eine Produktion haben, um die Augenhöhe zu gewährleisten.

Bamberger Elegien (121). Aus der Achten Elegie, Fünfte Fassung. Frettchen, sie jagen am Dachstuhl.

Chemie ist sakral und die Physis, der Bios (fließ, Regnitz, fließe): organisches Regen, Orgasmen, Regresse. Heiliges Progesteron, das die Uterusschleimhaut aufschüttelt wie für den Kopf eines Liebsten, der herziehen möchte für die Empfängnis. Da­mit sie's bequem hat. Sagt: Niste dich ein, Ei, wo du auch her­kommst. So wächst es, und irgend ein Teil von Sizilien ist drin, das in spätren Jahrzehnten in Enna heraussteigt, dem fremden Touris­ten. Wie auch am Glienicker Park dieser See aus Erinn’rung ge­macht ist, die nicht die deine sein kann. Auch hier warst du nie, nicht in der Villa, nicht in dem Park. Doch ein Treppenhaus ahnt sich, Stiege, der Gummibaum, dort. Da die Tür, eine selig vertraute. Der Duft eines nahen Bohnerwachses ganz sicher nicht deiner Ge­schichte, aus Vorzeit und Vorhängen, gelb leuchtenden, bauschen­den in einem Wind, der dem Kind weht im Bettchen und der es nicht einschlafen läßt. Frettchen, sie jagen am Dachstuhl und jagen die Entchen, mit denen die Decke putzig bestickt ist. Bis eine Stim­me kommt, tröstend, bevor sie Gesicht wird, und hebt dich zu sich heraus. Wie auch das Röhricht ganz sicher nicht dir sirrt, fonte di Ciane, vergessen. Das Jungfernsilber des Sees blickt nicht für dich so. Es schaut aber in dich hinein, suchend, wie wenn du hättest schon deiner Befruchtung des andren Plazenta mitgebracht, die sich im hebenden Alter erst öffnet. Vorsichtig späht da was raus, rau­nend, so spricht es. Verfemtes Wort. Wiedergeburt aber geht so? Ist's embryoblaster Reflexrest neuronalen Bewußtseines, was in uns nachzuckt wie toter Aal in der Pfanne? Wir spüren‘s sich winden und halten den Deckel besser darauf. Schauernd vor Ahnung, be­schwörn wir Vernunft. Licht! rufen wir, und Demokratie. Wie wenn's das abschafft, was nicht in uns Ich ist. Als schwänd es, so­lang wir's verschweigen.

>>>> BE 122
BE 120 <<<<

Aus dem TB. Zyklus: Selbstgespräche. Wahn.

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Wahn

So jetzt liest Pawel, Tag für Tag.
Schreibt.Wirft hin, was durch den Sinn ihm
geht. Lässt seinen Träumen freien
Lauf. Lässt sie heraus aus seinem
Kopfe kriechen, fliegen, die Dä-
monen, die Gespenster, kappen-
süchtig, hornbestrumpft, hirschge-
sichtig. Und Diana immer
unter ihnen. Beschreibt sie mit
wilder Inbrunst, hält sie fest, es
ist ihm Qual und Lust, sie so zu
orten, ist ein guter Wahn, fast
komisch, nicht so tierisch schmerzhaft
wie der Wahn, der Paul die Brust und
ihm den Kopf zerdrückt, wenn er nur
sitzt und denkt und wird nicht fertig
mit dem Denken. Nein, solang er
wörtert, darf er närrisch sein. Ist
ein Hellsehdichtwahn und Paul freut sich
seiner, er genießt ihn. Und wird
schreiben.

Im Tb >>>>H I E R

Die Beat-Bibliothek.

Haben Sie auch schon mal ein BED-IN gemacht? Das sollten Sie unbedingt tun, und dabei dem tollen Debüt der Fleet Foxes lauschen, über den Weltfrieden nachdenken, in unserer BEAT BIBLIOTHEK schmökern und sich fragen, was eigentlich aus Woodstock-Heroen wie Melanie geworden ist. Wenn Sie dann noch wissen wollen, was Deep Purple mit einem österreichischen Zisterzienserkloster zu tun hat, kann Ihnen Josef Haslinger auf die Sprünge helfen.
Viel Vergnügen mit der dritten Ausgabe von >>>> Beatstories.de – d e m Online-Magazin für Literatur & Rockmusik!
Herzliche Grüße, >>>> Thomas Kraft

Pauls "Monolog" in 2 Varianten gesprochen von Bruno Lampe. 22.10.2009.

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Seligsprechung & Buchverbot. Wiebke Porombkas Katholizismus bei ANH in der ZEIT.

Wegen des Romans Ende einer Nacht von Olaf Kraemer stand dem jüngst von München nach Berlin umgezogenen Verlag nämlich etwas ins Haus, was sich langsam zur Mode auswächst – man denke nur an Alban Maria Herbst und Maxim Biller (...)
>>> DIE ZEIT online.

Rezensionen als Rechtsmittel.

Eine juristisch besondere Novelle scheint dem SPIEGEL vor Augen zu stehen. Auf Seite 110 der Ausgabe 43/2009 beschäftigt sich der Redakteur mit dem Rechtsfall Romy/Magda-Schneider bei >>>> Blumenbar. Des Verlegers Wolfgang Farkas Anfechtung des erstinstanzlichen Urteils, demzufolge einige Passagen des Buches geschwärzt werden mußten, hatte bekanntlich Erfolg. Das sei, so Farkas, von grundsätzlicher Bedeutung, zumal, so der Spiegel, gegen das Urteil keine Rezension zugelassen worden sei. Ob es de jure um Berufung her oder Revision hin gegangen ist, ist bei des SPIEGELs Wortwahl an sich ohne Interesse. Nur wissen wir nicht, ob hinter ihr ein wirklicher Novellierungswille steht, der nun auch die Strafprozeßordnung aufs Korn nimmt, oder ein redaktionelles SemantikKalkül oder ob, sagen wir, „Freud“ und sein Machtwunsch, der schon das deutsche Wunder der Frolleins bewirkt hat.

Bloch, Gluck und Singermann...

Vater zweier Söhne war ich. Beide Söhne Krieger, in einer braun-grauen Welt, es gab keine Farben in ihr. Der älteste Sohn hatte ein Waffenarsenal, mit dem er viel Unheil anrichtete. Es gab Handkanonen, die Rede war von einer 19er Handkanone, die ich verkaufte, weil ich nicht wollte, daß noch mehr Unheil geschah. Als mein Sohn das erfuhr, kam er zur Tür herein... die erste Kugel traf meine Halsschlagader, aber ich spürte keinen Schmerz, dann zerfetzte ein Trommelfeuer meinen Hals. Ich spürte den Einschlag einer jeden Kugel, mein Kopf fiel zur Seite, dann fiel ich um. Mein Sohn stellte sich über mich, nahm einen Revolver, schoß mir noch eine Kugel in den Kopf, zu dem Zeitpunkt war ich schon tot, spürte aber trotzdem den Einschlag der Kugel in meine Stirn. Während ich im Nichts versank, stellte mir jemand eine Frage: "Was haben Bloch, Gluck und Singermann gemeinsam?"

Literaturnobelpreis 2009. Moralische Anmerkung.

Seltsam, wie klein der Preis plötzlich wird, den man seit Kindheit für riesig gehalten, für fern. Nun ist er plötzlich ganz nah. Dadurch werden die Dinge aber, anders, als geht man an etwas Wirkliches nahe heran, nicht größer, sie verschwimmen auch nicht, sondern werden – übersichtlicher, schrumpfen sich gleichsam in etwas so Begreifbares wie Voraussehbares zurecht; man sieht die Menschen der Jury und empfindet ihre Willen, Hoffnungen mit, auch ihre vermeintlichen Identitäten, die Selbstbilder. Es geht zu wie überall sonst, und die „Macht“ zeigt sich als etwas, das rein aus dem Ruf kommt. - Auch dies ist eine Form der Profanierung. Der Lebenslauf[(t) - in Mehrzahl „-läufte“ - bringt sie mit sich.
Andererseits ist da auch Schönheit: Welch Glück jetzt über eine Verwundete kam! Wie sehr's ihr zu gönnen ist. Diesen Aspekt hätte eine ästhetisch begründete Preisvergabe n i c h t gehabt; der Literaturpreis an, z.B., Thomas Pynchon, wäre auch nicht von ungefähr so menschlich gewesen, auch der an Philip Roth nicht. Die Humanität der Entscheidung macht glücklich, nicht die Entscheidung.

Bamberger Elegien (120). Aus der siebten Elegie, fünfte Fassung.

Hab mich vom Schreibtisch erhoben, ich steh in der Tür. Rauchend betracht ich's. Physik und die Physiologie; Wunder, Christìn, sind sie nicht? Zwar ist die Wissenschaft Notwehr und Abwehr, Erklärung als Werkzeug, mit einem Knochen begann es, und dennoch, erschauern und staunen, das können wir trotzdem. Es gäbe sonst keine Musik, gäb nicht die menschliche Hoffart, die durchsetzt, was Alltag und Anbau nicht wollen; sich Fügen vernichtet's. Das Kindchenschema, wir wissen, es täuscht zu den Brauen der Abstand, und klein ist das Kinnchen und zärtlich; Statistiken haben wir drüber, und dennoch, wir sprechen zu recht von der Schönheit der Frauen, interpretieren sie, schaffen sie, ganz, und wir fühln sie. Daß ich nicht wegdenken kann! Von Strenge zu Wähnen, methodisch vagem, diffusem Gefühl, daß ein methodisch Gerechtes nicht sei, nur ein gutes Als-ob, willentlich imaginär, das uns heraushebt und singt, wie die Tiere nicht können. Weil's sich begreift. Städten verging das. Doch Bamberg hält daran fest. Zwar kennt es Zeit, nicht aber Zeiten, moderne, die Rom schon zu Stein für Eventzüge fror, lärmende, weißem aus Marmor, den Historismen, verklärende, cleanen. Bamberg hingegen ist still; Touristengedränge herrscht nur auf dem Brückchen am Wehr neben dem farbigen Rathausbaröckchen, wo's Eis leckt, entspannt zwischen der Bürger- und Bergstadt (wie Rom, heißt es, sie habe sieben Hügel). Sie gehen dann, aufsteigend, ein, aufgeleckt, eingeleckt in ihr, in sie, Stille des kleineren Roms, eingeatmet von mürben Mauern, den stehenden Orgien der Rosen, in Hecken, verwunschnen Gärtchen an leuchtenden Satteldächern. Hier meditiern konzentriert Katecheten in weiten Gebäuden machtloser Schönheit, in milden Gebäuden, bergan; Missionen, die nichts mehr wollen als schlafen, doch selbst in den Träumen noch streng sind. Deswegen ist hier kein Kitsch.

>>>> BE 121
BE 119 <<<<

Obama und Osama.

Ises-Osiris-Mozart-

Letztlich ist Obama nichts als ein politischer Pop-Star und als solcher replikant. Er muß gar keine Inhalte „bringen“, es reicht völlig, für die Hoffnung-als-Inhalt zu s c h e i n e n. Dafür hat ihn das Markinteresse designt. Er ist seine eigene Boy's Group; genau so sieht er auch aus: der „reine“ Vater als demokratischer Bubmann. Imgrunde aber bleibt es beim Alten: Menschen wollen Führer. Obama ist das Sed libera nos a malo der Gegenwart, das die fundamentalen Islami ganz genauso säkularisiert von Bin Laden erbeten. Bin Laden, der maskuline Patriarch, auf der einen Seite, Osama, der feminisierte Hybrid, auf der anderen.
Obama & Osama, so sprechen wir alle das Amen.

(DXII).

Friedensnobelpreis 2009.

Wofür bekommt er ihn? Dafür, daß nicht ein einziger Guantánamo-Folterer vor Gericht gestellt ist? Man mag das politisch einsehen, aus Gründen vielleicht innenpolitisch notwendiger Kalküle, um vielleicht eines Tages eine andere USA-Politik möglich werden zu lassen, - aber: dafür schon jemandem den Friedensnobelpreis geben? Obama bekam ihn, letztlich, d a s ist die Wahrheit, nix anderes: weil er als USA-Präsident – s c h w a r z ist. Er bekommt ihn aus Rassismus zuerkannt. >>>> Diadorim, das ist ein A x thieb ins Gesicht Nelson Mandelas. Und die Leute werden jubeln wie am Großen Stern. Und, wenn es die Zeit ist, auch wieder die Hand heben.

(Nobelpreise scheinen insgesamt zu reinen Gesinnungspreisen zu werden. Es sind Preise der kapitalistischen Sozialdemokratie, genau so, wie Gerhard Schröder ein deutscher Kanzler der kapitalistischen Sozialdemokratie gewesen ist; er hätte den Friedensnobelpreis, so gesehen, sehr viel mehr verdient. Und zwar zusammen mit Putin.)

Die große Verkündung


Thermodynamische Absurdität
in einem bis eintausend Akten.


Personen:
ANH ... Denker u. Dichter
Diadorim... Suchende Dichterin und Denkerin
Parallalie... Dichter u. Denker
Condor: ein Wissender


Condor
tritt auf und blickt sich um

ANH, DIADORIM, PARALLALIE u.a.
sitzen schreibend unter den Bäumen und sind in
stillen Gesprächen miteinander versunken.


Condor
Zieht sich eine Kutte über und Sandalen an die Füße,
holt ein Megafon aus seinem Rucksack und brüllt hinein:

„Alle mal herhören. Ab heute ist hier Schluss mit lustig. Die Menschheit
hat lange genug in der Bedeutungslosigkeit gelebt. Dagegen hab ich jetzt
ein Rezept. Die ultimative Formel für...
Es geht um .... äh...... (Faltet ein Blatt auseinander)

ANH
blickt genervt von seinen Bamberger Elegien auf

„Wer stört uns hier in der Kontemplation?“

Condor
„Ich hab genau verstanden, was Sie gefragt haben, aber es ist nicht von Belang. Sowieso kann man, wenn man genau hinschaut, erkennen, dass bereits früher nichts von Belang war. Genaugenommen ist die ganze Evolution bis hierher ein einziger belangloser Vorgang. Ein belangloser Irrtum sozusagen. Sie alle und Ihre Dichtungen inbegriffen.

Diadorim:
"Aber mein Arm schmerzt, und ich spüre mein Herz klopfen. Was ist damit?"

Condor:
Thermodynamik. Nichts als Thermodynamik. Da ist ein kleiner Gärungsprozess im Gang. Mehr nicht. Das Herz. Hahaha. 5,7 Hertz. Mehr ist das nicht. Da müssen Sie nicht so ein Geschrei machen.

Diadorim: schweigt betreten.

Parallalie: rezitiert leise
„Wald
in dem
ich ging
für mich
so hin...“

Condor
tippt sich an den Kopf
"Da haben wirs. Die totale Verirrung des Menschen.
Wem soll man jetzt den Vorwurf machen? Der Physik? Oder vielleicht einer Bande von Halbaffen, die da die Revolution ausgerufen haben?"

Parallalie
schüchtern:
Goethe. Sein Name war Goethe.

Condor
"Wollen Sie mich belehren? Ich habe Goethe studiert. Ich habe ihn analysiert, infiltriert, destilliert und spontifiziert. Mit einem einzigen Ergebnis: Der Belanglosigkeit."

Parallalie
"Oh."

Condor
"Goethe war ein Schwachkopf. Wie Newton Joyce auch. Überschätzt. Alle miteinander. Haben alle nicht begriffen, dass die physikalischen Erkenntnisbewegungen nun einfach mal eine ganze Ecke vorgerückt sind. Und was da passiert ist. Und wie es passiert ist. Und warum es passiert ist. Nichts haben die begriffen. Überhaupt nichts. Das gehört aufgearbeitet. Und eingeordnet in eine neue Welt – und... ähm....
schaut auf seinen Zettel
...prozessbegleitende Gesamtverständigung. Aber dafür bin ich ja jetzt da."
(will Parallalie seinen Goetheband entreißen.)
"So, und das geben wir jetzt mal dem guten Onkel. Her damit!"

Parallalie

klammert sich an sein Heft
"Halten Sie ein, das ist doch Dichtung."

Condor
"Machen Sie sich doch nicht lächerlich! Minzgeschmack. Nichts als Minzgeschmack. Geklagte Ausscheidungen. Tschüss Goethe und Danke."

Parallalie
Gibt ihm traurig das Heft.

Diadorim leise zu ANH:
"Nun unternehmen Sie doch etwas."

Condor:
"Das hab ich genau gehört! Aber wahrlich, ich sage Ihnen:
Wer dynamisiert, und sagt: "Ich unternehme." - der partizipiert, und prosperiert, in dem er seinen Ort in einer Strömung behauptet, der jederzeit von jemanden Anderen eingenommen werden könnte. Dieser Ort aber ist ein Futterort!"

ANH:
"Ich hab Hunger. Könnten Sie sich ein wenig beeilen mit Ihrer Verkündigung?"

Condor:
"Also hören Sie mal, solange Sie sich von dieser Mechanik nicht emanzipieren können, werden Sie nicht erwachsen."

ANH:
dessen Magen mittlerweile hörbar knurrt
"Natürlich. Verzeihung. Fahren Sie fort."

Condor
"Ich verfolge die Kunst, so zu sprechen, dass niemand was damit anfangen kann. Das ist aber genau die Kunst. Genau so zu reden, dass niemand etwas damit anfangen kann. Das selbst noch ein Missverständnis ausgeschlossen ist."

Diadorim:
"Sie meinen, man muss nicht nur nichts zu sagen haben, sondern auch sehr unfähig sein, dieses auszudrücken?"

Condor
Keine Frage. Darum geht es nicht. Ebensowenig wie um alles Andere.
(zieht eine kleine Figur aus dem Rucksack und spuckt drauf, reibt dann
mit dem Taschentuch daran herum.)


ANH:
"Aber, das ist ja ein... Nobelpreis. Wann haben Sie den denn bekommen?"

Condor:
"Wissen Sie, Vergangenheit oder Zukunft, das spielt unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten eigentlich keine Rolle. Ich hab ihn schon, oder ich hab ihn nicht. Popper und Weizäcker haben sich immer aus der Affäre gezogen. Und Mandelstam hatte einfach Pech, dass er Jude war. Ich hingegen könnte Ihnen den Weg in die nächste Reflexionsmenge aufzeigen."

Diodorim:
"Igel retten wäre mir persönlich jetzt wichtiger."

ANH:
"Ich hab Hunger."

Parallalie:
quengelt
"Ich will mein Buch zurück."

Condor:
Stellt den Nobelpreis, ein kleines goldenes Kalb, in die Mitte, und
tanzt drum herum. Singt:

"Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich ....."
Unterbricht und schaut fragend zu ANH, der mittlerweile an einem Grashalm
kaut.

„Ahm... Wie war nochmal mein Name?“


Ende des 1. Aktes