Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013

Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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III,35 - sei cresciuto lontano da lui

Die Welten bzw. Mythen verweben sich. Und während der Sohn des Odísseo im Palast des Diomedes an einem Bankett teilnimmt, ist die Rede auch von Äneas und seiner Dido, als ich grad angefangen hatte, eine andere Purcell-Version dieser Geschichte anzuhören. Diomedes sei ihm, Äneas, begegnet. Circe, die Mutter, webt, Kalypso webt: beide weben Geschichten. Im Hof des Palastes von Diomedes in Stein gehauen die Mühen des Herakles, die pünktlich aufgezählt werden. Ventre webt alles zusammen in diesem Vers-Roman ‘Verso Itaca’, und die Verse tragen’s wie die Wellen das Schiff. Aber das Schicksal der Arachne wird ihn wohl nicht ereilen. Das heißt, er spinnt mitnichten. Eher dräut Ödipales. Aber das ist abzuwarten. Vielleicht auch nur in der Art, wie ich von Rom aus zur Beerdigung meines Vaters fuhr. Im Zug damals. Zum Lesen hatte ich dabei ‘Demoni e streghe’ von Walter Scott (steht immer noch hier mit dem Lesezeichen dort, wo ich damals - Februar 1986 - unterwegs die Lektüre unterbrochen habe). Aber zum Lesen kam ich nicht, solange ich in Italien fuhr. Im Abteil eine Kleinfamilie und ein fabulierender Pfarrer, ich selbst bekam kein Wort heraus. Hörte zu und dachte: “Fremde Welt!” Sonst hätte ich davon erzählen müssen, ich sei zu meinem toten Vater unterwegs. Hätte geheißen, Vertrauen zu zeigen, wo im Grunde nur Allgemeinplätze gedroschen wurden. Die restliche Weiterfahrt liegt im Dunkeln. Bei der Ankunft im Dorf war er schon eingesargt. Dennoch mußte ich ihn noch einmal sehen, mich vergewissern (das Verb ist falsch: ich wollte sehen, ob sein Gesicht noch dem Gesicht entspricht, das ich von ihm in mir hatte). Und bat den Tischler, den Sarg zu öffnen, aber es war kein Leben mehr in ihm, das Gesicht war ihm nur noch ähnlich. Aber nicht dort kamen mir Tränen, nur irgendwann im Keller des Elternhauses gab es diesen Moment, wo er seine Schnapsflaschen versteckt hielt. Hart der Sohn in dieser Verlautbarung, der indes sich ein Glas Wein holt und den Porré in der Pfanne kontrolliert, während die Mauersegler draußen schreien. 3794 Schritte heute, sagt mein Schrittzähler. Enorm! Schuld daran: ein Gang zur Post. Mehr werden’s nicht werden, trotz Filmvorführung um die Ecke (‘Sophisticated Dinner’ - 1933). Morgen wahrscheinlich ja: ‘Pandora’ von Pabst mit Klavierbegleitung. Youtube bringt dieweil ‘Lully: Les journées au château de Versailles’ (und das, nachdem ich im letzten Jahr Sue’s ‘Misteri del popolo’ gelesen: vier enorme Quartbände mit Lederrücken: liebevoll eingebundener Fortsetzungsroman und ein Fluch auf alle Fremd- und Frankenherrschaft und zuletzt auf Napoleon III. nebst minutiöser Chronologie der französischen Revolution! (zufällig mal gefunden an den Bücherständen in der Via Terme di Diocleziano (lange nicht mehr in Rom gewesen… (so etwa: den Bibliophilen durch Lesen Lügen strafen))).

III,34 <<<<

Aufbruch und Ernüchterung: Anoushka Shankars Land of Gold. Deutsche Grammphon 2016.










Es ist eine Reise an einen Ort, den man Heimat nennen kann, einen Ort der Sicherheit, der Geborgenheit, der Ruhe. Die Reise steht auch für eine innere Suche. Wir alle unternehmen sie, um inneren Frieden, Wahrheit und Wertschätzung zu finden – es ist ein universelles Verlangen und eint die Menschheit.
Anoushka Shankar




Ein grandioses Stück birgt diese CD - und, nämlich außerdem, ein melancholisch-gutes. Alles andre hak ich ab, auch wenn mir das humanitäre Anliegen Shankars, siehe hierüber das Zitat, ausgesprochen nahe ist. Schon das erste Stück, „Boat to Nowhere“, rückt es in den Fokus: Immerhin ist Land of Gold ein stehender, fast schon mythischer Topos, der allerdings unwillentlich das Gelobte Land mit El Dorado verknüpft, das brutalst für eine Geldgier steht, die auch vorm Völkermord nicht haltgemacht hat. So etwas nicht mitzubedenken, ist eine typische Schwäche des Kitschs.
Shankars neue Produktion ist von dem leider nicht frei, allzu sehr wirft sie mit den Speckseiten nach dem Applaus. Unterdessen, nachdem ich zuvor >>>> Hélène Grimaud mit Schiller gehört habe, kommt es mir so vor, als hätten die großen Schallplattenfirmen ihren Künstlern geradezu die Direktive erteilt, unbedingt an den Mainstream zu denken. Dabei, seit >>>> meiner ersten Begegnung mit ihr, schätze ich diese Musikerin. Doch schützt das nicht vor Kritik.
Vieles auf dieser Platte ist banal rhetorisch. Sie bedient Erwartungen, formt nicht, geschweige daß sie transzendierte. Dazu fehlt allerdings auch die gerade östlichen Dynamiken, um etwa an >>>> Imrat Khan zu denken, nötige Zeit. Wo uns im klassischen Raga die Wiederholungsmuster allein durch die Dauer - bei in der Töneharmonik meist versetzten, bzw. um oft Nuancen verschobenen Phrasierungen - in intensiv meditative Zustände versetzen, bleibt die Wiederholung hier Wiederholung, also banal. Daß nicht selten arabische Sehnsuchtsklänge in die indischen Harmonien übergehen, mit denen sie ohnedies verwandt sind, führt in Shankars Land of Gold nicht wirklich zum Aufhorchen, erst recht dann nicht, wenn sie sich in europäischen Standards aufheben oder der umgekehrte Weg gegangen wird: so im vierten Stück, „Dissolving Boundaries“, dessen Reiz sich in einer untergelegten Stimmencollage erschöpft, als liefe im Hintergrund ein Radio mit. Dazu gibt der programmierte elektronische Beat den Stücken oft etwas Kindliches, als stampfte ein Mädel oder Bub dauernd mit dem Fuß auf. Entsprechend sind die Melodien nicht selten kinderliebhaft, bzw. erinnern an adoleszenten Folk, zum Beispiel das der CD den Titel gebende, von Alev Lenz zu sehr gefälligem Cello gesungene Lied, über das Shankars Sitar weniger improvisiert, als daß sie bestärkend etwas kommentiert, das schon als Text allzu bequem ist. Alles ist wie für unentwickelte Ohren geschrieben, denen das scheinbar Fremde vertraut-regressiv verpackt werden muß. Es wird quasi nichts vom Hörer erwartet, die Musiker betten sich in Gefälligkeit – auch im dritten, „rappigen“ Stück, „Jump in“, das schließlich nur noch nervt. - Doch keine Frage: Hätte man sich Zeit gelassen, um die musiksynkretistischen Ansätze, die mir ausgesprochen zusagen, sich musikalisch entwickeln zu lassen und sie auch mal ausbrechen und überborden lassen, es wären zwar weniger CD-Tracks geworden, vielleicht nur zwei oder drei. Die aber hätten in etwas wie musikalische Erleuchtung führen können, statt im pop-ästhetisch behaupteten Ineinander klebenzubleiben.
Politisch betrachtet ist die Nähe damit vertan, die avisiert werden sollte. Kunst, schrieb Benn, sei das Gegenteil von gut gemeint: Shankars Ethnopop macht den Ausdruck von Solidarität zu einer gut zu verscherbelnden Ware. Genau dies ist ärgerlich, zumal sie‘s ganz sicher nicht wollte, sondern, ecco Benn, nur „gutgemeint“ hat. Zu gut vielleicht, für Kunst.
So wird denn auch Pavana Reddys an sich ausdrucksstarkes Gedicht „Remain the Sea“ - ruhig und dunkel von Venessa Redgrave gesprochen – harmonisch, ja harmonisierend verkitscht, anfangs sogar so, wie man im deutschen Schlager der Fünfziger orientalische Nächte unterlegte (jedenfalls, was man dafür hielt), und der dann chaconneähnlich drunterlaufende, ohnedies beschwörungshafte Chor („Hara Ring/Hara Rung/Hara Ring Rung Hung“) vom Herzschlag des Synthesizers schlichtweg verdoppelt, was das ohnedies schon allzu Rhetorische noch unangenehm verstärkt – ein Umstand, den ebenfalls Zeit aufgehoben hätte, hätte man nämlich dem Muster erlaubt, zum Mantra zu werden. Es ergänzen sich die kulturell verschiedenen Zeitbewußtseine hier eben nicht, sondern das westliche Diktat der Knappheit, das Zeit als begrenzten Wertstoff sieht, nimmt der östlichen Kontemplation den Atem, kürzt sie quasi weg und verkleistert diese Kastration als Wohlklang für alle. Übrig bleibt ein allerdings umso (ein)gängigeres - „für alle“ halt - Behauptetes, und das Muster, pattern, wird zum Klischee -

- … wäre dann nicht eben d o c h ein Ausbruch:

„Den Rubikon überschreiten“, bezeichnenderweise, heißt das durchaus rhapsodische (von ῥαψῳδία) Stück. Es überschreitet ihn und geht also ein Risiko ein. Genau dies hebt es aus dem sonstigen Gefälligkeitsbrei heraus und steht damit, viel mehr als das Titellied, für das, was Shankar „eigentlich“ bewirken wollte. Man sollte es, es ist die Nummer 8, unbedingt sehr laut hören, damit sich seine Dynamik entfalten kann.
Das Stück dauert nicht grundlos mehr als doppelt so lange wie jedes andre dieser Platte. Es hebt mit einem perkussiv untersetzten, mandolinenartig flirrenden Vorspiel an, das in die Vorstellung des Themas führt, über welches Sitar und Klavier meditativ improvisieren, immer mit ein bißchen Glöckchenklimpern der >>>> Ghungroo, bevor besonders die >>>> Pakhawaj den Rhythmus anzutreiben beginnt, wohinein, nachdem sich das Stück immer leiser werdend, ja morendo, gedreht hat, so plötzlich wie lebenfordernd die >>>> Shenaj bläst – und zwar, das ergreift unmittelbar, wie eine heftig rufende menschliche Stimme. Dazu versetzen sich die Rhythmen gegenläufig, selbst das sogenannte Beat Programming wirkt hier an tatsächlich großer Musik mit, die sich die Zeit nun endlich auch nimmt, die sie braucht. Dann erliegt der Ausbruch, sinkt verebbend in die Stimmung des Vorspiels zurück. Was in den erlösenden, weichen Gestus des neunten Stückes leitet, des zweiten guten der CD:
„Say your prayers“ ist ein leiser instrumentaler, mit zurückhaltend und darum elegant gutturalem Baß unterlegter G e s a n g – einer, dem die angestrebte Vereinigung, und ohne jedes Auftrumpfen, nun auch gelingt: Der Rubikon ist überschritten. Selbst die Glöckchen vermitteln kitschlose Schönheit und, ja, Wahrheit. Wie gerne, ach!, ich ich die CD damit hätte mögen aufhören hören!
Aber die dahingetändelte Ohrwurmigkeit der Nummer 10 – programmatisch „Reunion“ geheißen – wirkt nun geradezu, unbeabsichtigterweise freilich, höhnisch, wenn sie nach einer durchaus noch nachvollziehbaren Rückkehr in den klassischen Sitargestus vermittels jazzstandardisierter Klavierphräs‘chen zum banalen Tanzsatz wird, der ein bißchen nach irischer Volksmusik klingt, aber sich in seinen Wiederholungen und den draufgesetzten Glocken plus noch obendrein lächerlichem Gänsechor geradezu werbeverkitscht – mir fiel was wie „Vernell“ ein oder irgend ein sonstiges musikalisch an die Hausfrau zu bringendes Weichspülungsmittel. Daß allerdings dieser letzte Track wie mittendrin wegbricht, als hätte er seine Verlogenheit plötzlich erkannt und schlüge sich erschrocken selbst auf den Mund, hat Wahrheit dann aber d o c h: daß Erlösung nämlich nicht ist. Bau dir kein bleibendes Haus. Also sitzen wir schließlich unbefriedigt, ja ernüchtert da. Manchmal erkennt auch der Mainstream sich selbst.

Anoushka Shankar
>>>> LAND OF GOLD
Max Baillie: Violine und Viola | Caroline Dale: Cello | Arif Durvesh: Tabla | Mitch Jones: Klavier | Akram Khan: Ghungroo | Larry Grenadier: Baß | Anoushka Shankar: Sitar | Sanjeev Shankar: Shehnaj | Pirashanna Tevarajah: Ghatam, Kanjira, Pakhawaj, Miradangram, Moorsing
Matt Robertson, Manu Delago, Blaqstarr: Perkussion, Hang, Beat Programming
M.I.A, Alef Lenz, Venessa Redgrave: Gesang und Rezitation
Corzano e Paterno Choir
Vokalcollage: Chris Kemsley


III,34 - Ein Wort gibt das andere

Cosa fatta, capo ha. Was getan ist, ist getan, ursprünglich wohl im Sinne von: vollendete Tatsachen schaffen. [Ein Sprüchwort, das er [ein gewisser Mosca in Dantes Hölle XXVIII, 106] zur Antwort gab cosa fatta capo hà, ward gleichsam eine Blutlosung, die man, ohne daß die Florentiner zusammenschauderten, nicht aussprechen konnten. Geschichte der italiänischen Freistaaten im Mittelalter von J. C. L. Simonde Sismondi, Mitglied der kaiserlichen Universität zu Wilna und mehrerer andern Academien. Aus dem Französischen. Zweiter Theil. Zürich 1807]. So ungefähr. Selbst der “Pflicht”-Gang zum Bioladen gegenüber: Jahresversammlung, Jahresabrechnung verabschieden, Events für die kommenden Monate besprechen. Mit Absicht eine halbe Stunde zu spät hinüber. Zehn Leute, mehr nicht. Und hörte im Grunde nur zu, und auch das nur halb. Wie’s so läuft, man frequentiert die Leute und bekommt irgendwann einen Mitgliedsausweis, füllt ein Formular aus, gibt eine kleine Spende usw. Wäre er nicht, er fehlte mir. Aber all’ die Organisationsfragen? Die einzige Organisation, die ich zwangsläufig und rigoros auf die Beine bringe, betrifft die Arbeit. Der Rest ist Chaos. Aber in diesem Falle recht unblutig, abgesehen von seltenen Essensresten mit Blutspuren, wie die kalabrische ‘Nduja im Darm, die Streichwurst, die aber auch deshalb so blutig aussieht, weil recht heftig mit Peperoncino durchsetzt. Ein kleines weißliches Möttchen. Der langsam ins Süßliche übergehende Geruch nach Biomüll, den ich vergessen hatte, am vergangenen Freitag herauszustellen, weil ich dachte: also dann Montag. Dann aber stellte sich heraus, daß es ein Feiertag und somit kein Abholtag ist. Mithin Morgen. Hm, wieder die Stelle bei Dante aufgeschlagen in der Hertz’schen Übersetzung, paßt irgendwie zum heutigen Text, mit dem ich nicht recht glücklich bin: Gewiß sah ich, als säh ich es noch eben, / Ein Rumpfstück ohne Kopf in meiner Nähe / Und vorwärts wie die andern sich begeben: // Am Haar hielt seinen Kopf es in die Höhe; / Gleich einer Lampe hing er an der Hand / Und sah uns an und sagte nichts als: “Wehe!” Wobei stets zu bedenken, daß in einem Text ein Wort das andere gibt. In diesem Sinne. Das Tagebuch ist das, was in der Pfütze des herabgeregneten Tages sich spiegelt, sobald sich die Wolken verzogen, aber eben auch nur in diesem bestimmten Moment. Wobei man mutwillig selbst noch hineinschaut: Mal gucken, wie man aussieht.

III,33 <<<<

Poetologie der Anderswelt. Von Friedrich bei Stern (2).

(...) und noch, während meine Zunge sich bewegte, fragte ich mich, was es mir an Gutem und Bösem noch alles eintragen würde in meinem Leben, daß ch einen Verstand hatte, der schneller, als ein Augenlid auf- und zugehen kann, die disparatesten, durch die Logik voneinander getrennten Dinge zu einem neuen Ganzen zu fügen imstande war, >>>> das nicht Wahrheit ist und nicht Lüge, sondern ein Neues, das noch keinen Namen hat und von dem die Philosophen nichts sagen.

>>>> Mann aus Apulien, 122


Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin in vierzehn Partien und einem Epilog.


Nunmehr als eBook erschienen:


Die Kommentare zur Erstveröffentlichung blieben erhalten und lassen sich über >>>> diese Verlinkungen weiterhin aufrufen.

ANH, 26.4.

Machismo des Hohen Intellekts. Von Friedrich bei Stern (1)


Erst die männliche Wollust des >>>> sprachlichen Nachschaffens körperlicher Ekstasen hebt die Leiber vom schweißnassen Laken und macht aus einer Bettgenossin eine Bewegerin des Geistes.

>>>> Mann aus Apulien, 76


Weiße Messe (Frühsommerpastorale)


Von Fußsohlen träumen verlorenen schmalen
„meist sind sie trocken und kühl“

Von den konkaven Seiten der Spanne
über die gliedrigen Fersen hinauf-
steigen zubein junger Fähen

Den Rasen drauf mähen zur Weißen Sonate
Skrjabins, Du weißt schon
Und aus der Tülle der Kanne

neben dem Gartengestühl
trinken wie Blumen in grünen Schalen


ANH, März/April 2016
Berlin

„Corruptissima re publica plurimae leges.“


(Wenn ein Staat am verdorbensten ist, bestehen die meisten Gesetze).

Tacitus, >>>> Annalen

Neapel im April (Entwurf)

Schon sind sie hart, die Schatten im April
doch ist die Luft noch zart
Ich will den Schweiß, der warm
mir meine Schläfen näßt, genießen

Die alten Männer, Arm in Arm,
flüstern an Ecken von den Tagen
und wie sie damals hießen,
als sie fast noch ohne Bart warn

und lagen doch schon beinah fest
zum ersten Mal auf Frauen
Die seufzten still, noch unbereit,
aber im scheuen Willen,

den wilden Jungs zu trauen,
die sie verrückt am Corso fassen,
und gaben sich
Und waren nun zu zweit -

So hockt die ganze Stadt zum Sprung
im Hang vorm silbergleißen Golf
unter der Sonne, die sich breit
durch die opaken Schlieren drückt

in die Verdunkelung der Gassen

Einundsechzig

Ich stehe da mit dem, was ich tat,
und was ich nicht tat, steht mit mir
nach all den Jahrzehnten

steckt es hilflos seine Hände
in meine Hosentaschen

Jene nicht, nicht meine
werd ich in Unschuld waschen können

der nun zurückersehnten Gnade,
die sich das junge Menschentier
tollkühn vor Stolz verbat

Ästhetische Urteile.

Woraus sozial unbeliebten Menschen der Strick gedreht wird, knüpft man die Hängematte der beliebten: Es ist derselbe Stoff.

(DLI)

Mit Til Schweiger. Das Arbeitsjournal des Montags, dem 11. April 2016.


[Arbeitswohnung, 10.45 Uhr]
Schon mal >>>> die Münchener Veranstaltung >>>> bei Facebook annonciert, dann Briefe geschrieben wegen der >>>> WDR-Lesungen. Daß der Sender immer noch, nach über einem Jahr, >>>> mein Kreuzfahrthörstück als Podcast bereithält und darauf auch verlinkt, trifft sich gut, auch wenn dadurch die Möglichkeit einer Übernahme durch andere Sender quasi ausgeschlossen ist – was nicht so schöne Folgen für meine Einnahmemöglichkeiten hat. Aber wichtiger ist die Präsenz.

Til Schweigers >>>> Schutzengel gesehen. Nun kann ich das Schweiger-Bashing überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Klar, der Film ist voller Geballer, ein Actionstreifen halt, kann aber eben locker mit US-amerikanischen Produktionen mithalten. Mich berührte anderes, etwa und gerade, was man Schweiger so oft abspricht, nämlich sein virtuoses Charakterspiel von Härte, Machismo und Schwäche und Liebe; auch daß unter anderem Ciane ihm, Schweiger, vorwarf, er könne nicht sprechen, finde ich hier unangemessen. Im Gegenteil. Es ist seltsam modisch, Schweiger nicht zu mögen; dabei kenne ich derzeit keinen anderen Schauspieler, der derart intensiv im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist. Erst recht der Vorwurf der >>>> Prisma, er habe von >>>> Bessons Leon abgekupfert, ist schon deshalb hanebüchen, weil Schweiger auch darstellerisch einen völlig anderen Männertyp repräsentiert als Reno: Wo dieser bei einem Abschied von einem Kampfgefährten, den jemand wie Leon aber eben gar nicht hat, den Schmerz in sich hineinnehmen und eben nicht äußern würde, z e i g t ihn Schweiger und bedient eben n i c h t das standardisierte Männerbild. Wie statt dessen Schweigers Vaterschaft wirkt! (Die Mädchen- bzw. jungeFrauenRolle spielt seine Tochter.)
Nimmt man ihm d a s übel? Oder ist es einfach nur der Markterfolg, der den Leuten aufstößt?
Interessant finde ich vor allem die Ambivalenz. Bei der Danksagung zum Schluß – für die seinerzeit in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten – zuckte selbstverständlich auch ich, empfand sie – aus meiner politischen Position – als inkorrekt, jedenfalls nicht als „links“. Sie stieß mir auf, ich spürte Abwehr. Doch konzentriert man sich auf die Menschlichkeit von Schicksalen-an-sich, bekommt diese Danksagung eine ganz andere Bedeutung, egal, ob die Bundeswehr gejubelt hat oder nicht.
Solche Zusammenhänge und Seitenwege muß man ertragen können und also zulassen; tragische Geschehen lassen sich auch, so habe ich‘s in einem der Aufsätze >>>> dort formuliert, in den Geschichten der Gegner erzählen, und sie werden dort erzählt. Um berechtigte Aussagen über die Wahrhaftigkeit einer Ästhetik treffen, muß ich von meiner eigenen politischen Überzeugung Abstand nehmen können.
Ziemlich berührt haben mich auch – abgesehen davon, daß diese Frau von beklemmend schöner Filigranität ist – >>>> Karoline Schuhs Mienenspiel und besonders ihr etwas versetztes Lächeln: Auch hier diese extrem hohe Intensität einer Charakterzeichnung alleine durchs Gesicht:


Ich habe mich ziemlich ducken, ja geradezu verteidigen müssen, als ich für die männliche Rolle meines Nicht-Sirius-Theaterstückes Schweiger vorschlug, also als dieses Stück noch in Rede stand. (Hat sich ja nu‘ erledigt). Aber wenn es d o c h einmal zu einer Inszenierung käme, würde ich nun neuerlich Schweiger vorschlagen, und zwar beharrend – in der nur Hoffnung freilich, er ließe sich seinerseits ein. (Wenn ich mir vorstelle, was für eine Knallcharge stattdessen die Sympathie hat, gegenüber Schweiger, werde ich im Nachhinein – kunstästhetisch, nicht etwa privat – regelrecht wütend.)
Kann es sein, daß in Deutschland ein Mann künstlerisch abgelehnt wird, allein weil er gut aussieht? Das würde passen. O Deutschland, unselige Nation!
Was den Film übrigens außerdem auszeichnet, ist sein Selbstbewußtsein, eines nämlich, das sich öffentlich z e i g t. Auch das können hierzulande wahrscheinlich wenige ertragen, die etwas zu sagen haben oder meinen, es zu haben, seien es Kritiker, seien es Kollegen.
Wurscht, weg mit dem Zeug!

Und weiter mit den WDR-Aufnahmen, ein paar O-Ton-Versuche....
Dann zurück zu den Gedichten.
Außerdem kriege ich trotzige Lust, einen neuen Roman anzufangen. Denn als ich die Traumschiff-Aufnahmen einsprach, ja noch, als ich sie mehrmals abhörte, schoß immer wieder Glück in mir auf. Das habe ich lange nicht mehr gehabt. Eine solche Gewißheit.

ANH

Napuledue, wieder aus Berlin: Il aprile cinque e sei duemilleseidici, an nämlich aber dem Donnerstag, dem 7.



la preda

[Arbeitswohnung, 8.10 Uhr
Jarrett, Creation]

Der Sog war stark, als ich vorgestern frühnachts für den Cigarillo des Tages auf der Steinbrust über der >>>> Scala di Montesanto saß, die Beine überm Abgrund hängend. So hatten nachmittags drei junge Frauen, ebenfalls rauchend, hier gesessen und geschwatzt und gelacht; da war ich ein wenig neidisch gewesen. Nun aber war es dunkel, zur ersten Empore geht‘s an die, schätze ich, zwanzig Meter hinab. Drittels den Vulkan hinauf und den langen Hafen entlang und weiter rund um die Küste flimmerten die Lichter bis ganz drüben nach Sorrento. Zwei weitere quasiTerrassen hinab lagerten die jungen Stadtstreicher auf ihren Matratzen, bisweilen schlug einer ihrer Hunde an. Jedesmal, stieg ich an ihnen vorbei hinauf, grüßten sie. Wenn ich morgen Neapel wieder verließe, würde ich ihnen den Rest Wein vorbeibringen, die geöffnete Literflasche, die ich nicht würde mit nach Deutschland nehmen können.
Hinterneben mir vier Männer, die den Aublick über den Hafen und zum Vulkan ganz ebenso genossen. Na, der hat Mut, sagte einer.
Hatte ich aber nicht. Wie geschrieben: der Sog war groß, zu groß.
Ich lehnte mich zurück, hielt mich quasi fest und noch fünf Minuten durch, dann zog ich die Beine zurück, kraxelte herab, nahm die letzten paar Stufen zum Corso hinauf, tat ein paar Schritte, stellte mich dann an die Brüstung, wie man an der Reling eines Schiffes steht, und rauchte zuende, bevor ich zum letzten Schlafen in mein Quartier ging, ein Stückerl den Corso weiter, in Richtung Pza Mazzini, dann rechts durch den schmalen Bogen die einundfünfzig Stufen hinab


und drinnen wieder zwanzig, aber weniger hohe, hinauf.
Ein Sprung oder ein Fallenlassen wäre gefährlich gewesen. Nicht für das Leben, nein, für den Tod.

Mit dem immer wieder Hermann Nitsch „gehandelt“ hat. Seine Erklärung ist wichtig:


Erklärung Hermann Nitschs.
>>>> museo Hermann Nitsch, Napoli

Keine mir bekannte andere Stadt, außer vielleicht noch Mumbai, scheint mir so perfekt auf seine Arbeit zu passen; in Mumbai fehlte allerdings das stark präsente katholische Element. Ich habe über das Museum >>>> schon einmal geschrieben und möchte mich nicht wiederholen; es ist auch >>>> in mein Hörstück eingegangen. Tatsächlich waren es von meinem Albergo dorthin nur wenige Minuten.
Unendlich bescheiden ist das Museum angezeigt:


Innen aber öffnet sich ein freier, durchweg eleganter Galerieort, dessen „Haupt“atelier nahezu denselben Blick auf den Vulkan öffnet, nur viel weiter, den ich von meinem Fenster aus hatte:


Wiewohl vorbereitet, wurde mir dann aber doch etwas schummrig, als ich lange die Videoaufnahme eines der Rituale ansah: wie auf den gänzlich entkleideten und hingestreckten Leib Mengen über Mengen Calamari und Polipi gehäuft wurden, die immer wieder wegrutschten, immer wieder aufge-, ja, -schmiert wurden, wie sich der Imagination da der Menschenleib-selbst öffnete, wie auf das verwiesen wird, was wir im Innersten sind. Dazu paßt, was ich zweidrei Stunden vorher am Lungomare >>>> Chiaias sah: Ein Fischer bot nahe Mergellina seinen kleinen Fang an, unter anderem zwei noch lebende Tintenfische, deren einer ständig zu entkommen versuchte:


Es ist mit Nitschs Aktionen, wenngleich vielleicht anderes zu vermuten wäre, gar kein Sexuelles verbunden. Sie erregen nicht, man müßte denn nekrophil sein. Schon weil dieses Sexuelle fehlt, läßt sich nicht von Pornographischem, gar von „Perversem“ sprechen. Viel deutlicher, nicht schreiend, sondern i n n i g deutlich ist der religiöse Nexus, in dem die Arbeit steht. Ich kann nur jedem empfehlen hinzugehen und sich ihr auszusetzen. Eintritt 10 Euro, vergleichsweise teuer, aber das Museum trägt sich privat und ist äußerst sorgsam gebaut – bis hin zum Konzert- und Vortragssaal, dessen Wände Nitschs Malaktionen zeigen, einige von ihnen:


Es gibt Verwandschaften zwischen Nischs Arbeit und Aspekten der meinen; nur bin ich nicht so ausschließlich wie er, aber eben auch kein Maler, indessen >>>> Fichte, eben w e i l hoch sexualisiert – und weil geschichtsbezogen – anderes Material favorisierte.
Wenn in Neapel, immer, pilgere ich in dieses Museum, wie ich auch stets wenigstens eine der Kirchen besuche und auf Stirn und Herz und Lippen vom geweihten Wasser nehme. Kerzen lassen sich nicht überall entzünden, weil der gschaftlhubernde Katholizismus sie weitgehend durch Glühbirnen-Fakes ersetzt hat, die mich abstoßen.
Eine Stunde etwa blieb ich.
Zu diesem Museum gehören wie zum >>>> Madre aber unbedingt nicht nur die Kunstwerke, sondern vor allem auch die Ausblicke auf die „weltlichen“ Ensembles der Stadt, Gassen, Gärten, Dächer:


Man darf frei herumgehen, die meisten Türen, auch solche, die nach draußen führen, stehen offen, man wird kaum beobachtet. Es ist aber auch kaum jemand je da - außer den freundlichen, meist sehr jungen Mitarbeitern; knapp davor, daß sie einem Kaffee bringen.
Woher ich käme? - Besucher fallen auf.

und die Düsternis wiedererschien
stieg aus den Gassen mir zu
gestern abend in Wut und disparazione
la lingua sola mea, sola per me
in Unverständligibilità für alle gli altri:


So saß ich auf der Brüstung, ließ die Beine hängen und sah hinüber zum Vulkan

Schon wieder rochen meine Finger nach Fisch

Meine kleine Pescheria, Montecalvario sotto: Spaghetti al vongole, un bichier‘ di vino bianco:: sechs Euro plus einen für das Wasser. Wann immer ich vorbeiflanierte, war ich ab da gegrüßt.

War zu müde abends, um noch zu schreiben, die Oberschenkel pochten. Um halb elf schon ging ich schlafen. Morgens wären Einkäufe zu tätigen, für die Beute. Um neun wär aufzubrechen, Tintenfische (totani, polipetti, calamari – es darf nichts durchseien, und hoffentlich halten sie durch) sowie Käse, Prosciutto und Salami verstaut, und die Tomaten, die wie Pralinen schmecken. Es ist immer ein kleines Abenteuer, wenn ich aus Neapel fortflieg: - bekomm ich alles mit, anstandslos durch die Kontrollen? Neun Kilo mehr im Rucksack als bei meiner Ankunft.

6.4., 9.58 Uhr
Alter Platz am Rand der Piazza Garibaldi. Hier saß ich früher oft.
Eine Stunde noch Zeit bis zur Abfahrt des Alibusses. Um herumzustreunen, zuviel Gewicht auf dem Rücken. Also Caffè und Cigarillo, SMSen, die Straße beobachten, 26 Grad Celsius:


Nochmal die Idee von gestern nacht überdacht: eine eigene Sprache, nur für die Gedichte, aus Deutsch und Italienisch komputieren. Und die großhofigen Palazzi in den quartieri spagnoli mit ihren großen Bögen über den in sie verschummernden Treppenfluchten. Die Topographie einer Stadt im Kopf haben. Und wieder, beim Beobachten/Betrachten, meditativ, der Passanten und des Treibens: „Alle Menschen schlafen“, Roman.
Notlächeln.
Eine sehr dicke Frau steigt hinter ihrem nicht ganz so dicken Mann auf die Vespa, nimmt im Damensitz Platz. So rattern die beiden davon.
Evolutionäres Erfolgsmodell Mensch.
Ein Anruf aus Deutschland: ob der Aufnahmetermin im ARD Hauptstadtstudio von 14 auf 16 Uhr verschoben werden könne, am Freitag..?

Im Alibus schimpft der Fahrer auf einen Passagier ein: Er habe den falschen Biglietto; der gelte nicht für diese Linie. Dann nimmt er den Mann aber mit und läßt ihn an dessen Wunschstraße hinaus, obwohl dort gar keine Haltestelle ist. Aus dem Streit hat sich während der Fahrt ein geradezu freundschaftliches Gespräch entwickelt – eine Freude, dessen Zeuge zu sein.
Der Rucksack geht anstandslos weg, die drei Kilo Übergewicht werden mit Schulterzucken registriert.
Noch anderthalb Stunden.
Der (noch) überflüssige Mantel über der Stuhllehne. Letzter Cigarillo Napules. Letzte Wärme:


*******

Abends Essen mit लक्ष्मी und Broßmann; ich bringe neapolitanisches Brot und kampanische Tomaten hinüber und zweierlei Sorten Prosciutto, eine Salami dolce dazu und den Rest Calamari al nero di seppia, sowie gekochte (!) Gorgonzola, jungen Pecorino und sehr alten Parmigiano; außerdem die beiden Flaschen des frizzanten Weines; geht alles restlos in die Mägen.
Die erste Nacht wieder, nun jà: „daheim“. Tiefer Schlaf, auf um Viertel nach sieben und zehn Minuten vor Jarrett.

Die Deutsche Grammophon hat Anoushka Shankars neue CD geschickt, >>>> „Land of Gold“; offiziell wird sie erst morgen erscheinen.
Die WDR-Lesungen aus dem >>>> Traumschiff müssen heute zusammengestellt werden. Das Antidepressivum bleibt abgesetzt, Neapel soll halten:


[Jarrett, Radiance]

Napuluno: Domenilun. Il aprile tre e quattro nel anno duemillaseidici.


[3 aprile 2016
>>>> Buonanotteebuongiorno, stanza senza numero, ore 22.05]
So der Blick aus meinem, von dem ich „unserem“ hatte schreiben wollen, Zimmer:


Ich sehe direkt auf den Vesuvio und seine, so Helmut Krausser in den wunderbaren >>>> Hunden von Pompeji, Frau; ab Bildmitte, hintergrundartig nach rechts, also Süden, ist der Molo Beverello zu erkennen, der große Fährhafen für die Schiffe nach Sizilien, Malta, Afrika. Folgen Sie der Kurve nach rechts, gelagen Sie nach Pendino und Mercato, wo ich früher immer gewohnt habe, im Garküchenbereich der ganz einfachen Menschen, der Fisch- und Gemüsehändler und kleinen Bäcker, unweit derer >>>> Masaniello enthauptet worden ist.
Jetzt sitze ich auf dem Berg, sogar billiger, wenn ich außer acht lasse, daß ich ein Doppelzimmer nun alleine bezahle; es ist jugendlich eingerichtet, mit einer Weltkarte, die eine gesamte Wand tapeziert. Das (sehr große) Bett befindet sich auf einer in Eigenarbeit eingelassenen Zwischendecke. Es gibt einen Fernseher mit Flachbildschirm, die ich beide nicht brauche, außerdem einen gewaltigen Ghettoblaster; ich schaue auf eine sehr schöne Terrasse hinab, von der ich noch nicht weiß, ob sie „zu uns“ gehört. Als ich ankam und klingelte, öffnete niemand. Doch eine Telefonnummer steht auf dem Klingelschild. Also anrufen.
Ich solle links nach dem Wasserzähler schauen...
Ich sah aber nur einen Gaszähler...
Das verstand er nicht, dann verstand ich nicht. „Can we do this conversation in English?“
Allmählich wurde ich heller. Ah! Hier sieht der Wasserzähler wie in Deutschland der Gas- und Stromzähler aus... - „Dietro...“ - Ich fühle. Upps, da isser, der Schlüssel.
Es sei etwas „tricky“, er hake.
Das kenne ich aus Frankfurtmain, bringt mich nicht aus der Fassung.
Das Zimmer, das offenstehe, sei meines.. „unseres“, wie er noch glaubt. Ich korrigier ihn nicht, das kann ich morgen noch machen.
Später eine SMS, ob alles ok sei.
Moltissimo bene. Ich bin schon auf dem ersten Gang, es zieht mich in die vertrauten Quartiere, mercato, stella, sanità. Noch sonntagnachmittags sind die pescherie offen, allerdings bauen sie grad ab, spritzen die Auslagen sauber. Hat mein Weinbauer offen? Hat er, aber is‘ nicht da. Nur abgepackte Ware.
Es ist nicht wärmer als in Berlin, 23/25 Grad, aber erheblich feuchter: 90 %, hab ich gelesen, Luftfeuchtigkeit. Seit ich aus dem Flughafen bin, läuft mir der Schweiß. Den wenn auch dünnen Mantel hab ich bereits am Gepäckband in den Rucksack gestopft. Wie gut, wie geradezu erlösend, daß ich keinen Hut mitgenommen habe! Die beiden Schals haben was ziemlich Lächerliches.
Neapolitaner sehen das allerdings anders. Winter is‘ Winter. Ich sah echt noch ein paar Frauen mit Pelz. Allerdings trugen sie ihn überm Arm, sie wollten ja nicht stinken.
Die jugendlichen Paare haben bereits, am Lungomare von >>>> Chiaia, die brecherbrechenden Felsen im Meer eingenommen, einander umschlingend. Da bin ich nämlich hin, nachdem ich noch einen Wein gefunden in Flaschen ohne Etikett, sicherheitshalber zwei Brote dazu, also Wein (1 lt), die Brote und anderthalb Liter Wasser, lievemente frizzante, zusammen drei Euro... (Dafür bezahle ich später für ein Miniglaserl frisch gepreßten Granatapfelsafts ebenfalls dreie, und der Grappa ((die Grappa)), allerdings der feine, leicht gelbe, kostet vier...)
Das Brot ist gerade sehr hilfreich, mein Besäufnis zu bremsen. So hatte ich es auch geplant.
Immerhin, ich habe das Antidepressivum abgesetzt, will wissen, ob Abstand und Sonne reichen und dieses gute Fremdsein, weil in der Fremde.
Bisher reichte es. Gar keinVerlangen nach Hinunterdimmen.
Ich geh durch die Straßen und Gassen und bin, wiewohl ein Fremder objektiv, daheim.
Sogar ein Gedicht fing ich an (bevor ich zum zweiten Mal die >>>> Scala di Montesanto hinaufstieg):
Schon sind die Schatten hart
im April
Die Luft ist zart noch und schon warm
Ich will den Schweiß genießen
Die Männer gehen Arm in Arm
und sprechen leise von den Tagen
und wie sie einmal hießen
und hatten kaum schon Bart
Und wie sie lagen
zum ersten Mal mit einer Frau
zu zweit
und waren für XXXXXXX bereit
Selbst ohne die „X“e weiß ich noch nicht weiter.
Aber es ist ein Wiederanfang. Gleich am ersten Tag.
Insgesamt habe ich heute 36,10 Euro ausgegeben. Ich führe pedantisch Buch, tat das immer, auf jeder Reise. Mentale Erbschaft meiner kleinbürgerlichen Omi, ohne die ich aber heute nicht mehr wäre. Ihr Name war Else Eggers. Der wichtigste Begriff, den sie mir hinterließ, lautet „Herzensbildung“. Kein Machtverhältnis wird ihn mir wegnehmen, nicht einmal relativieren können.

[3 aprile 2016
>>>> Buonanotteebuongiorno, stanza senza numero, ore 21.41
Mag nicht mehr hinaus, war bereits hinaus, nach dem Abendessen: Penne al nero di seppia:

IMG_8360
Die Tintenfische morgens in Pendino gekauft, vorher, was sich in Napule nicht vermeiden läßt, ein Schuhpaar: „absolut unauffällig“, spottete in Facetime mittags die Löwin. Gedecktgrüne Schuhe, mit den erhobenen Schnäbeln, die ich seit drei Jahren liebe, die Sohlen handvernäht. Bekommt man wirklich, meines Wissens, nur hier.
„Solissomo, ma à casa, quasi, per dirlo così“ SMSte ich der Elve. Da saß ich schon, n a c h der Cena, auf der kleinen Piazza am nördlichen Ende des Corsos Vitt. Emanuele, der Salita Tarsia gegenüber und nahm meine Abendgrappa, heute chiara, zum Cigarillo ansonsten nur e-gedampft über den Tag):


Über diese Stadt nachdenken. Wie sie sich ineinanderwühlt. Vom Lungomare aus denkt sich‘s, ah, da geht‘s bloß den Hang hoch. Stimmt aber nicht. Diese Stadt besteht aus Schluchten: Es kommt nicht von ungefähr, daß sfogliatelle zu den heimischsten Gebäcksorten gehören. Einer baut, der nächste baut drüber, woraufhin der Eine seinerseits wieder höher baut. Von Durchlässigkeit schrieb schon Bloch, und „alles kommt aus dem Singen“ wiederum Henze.
Zuhaus sein in der Fremde. Wie Menschen leben. Habe wohl die falsche Entscheidung getroffen, sie wäre im Süden möglicherweise anders gefallen. Mich meines Temperamentes nicht schämen müssen. Hier stört mich auch der Kitsch nicht, der greller ist, noch greller, als anderswo.
Erste, wieder, Schreibversuche. Es ist l‘art pour l‘art, l‘art pour mois-même-seul: geschrieben, nur um geschrieben, nicht mehr, um auch gelesen zu werden. Wer liest denn noch, wenn etwas nicht simpel? (Der Tintenfischgeruch meiner Finger, die gesamte Albergo riecht nach meiner Cena...)
Der Wein aus Pozzuoli, leicht frizzante und mit einer Süße am Zungenhals.
Der zweite Tag ohne Antidepressivum.
Wie hier das Wasser s c h m e c k t!
Das Chaos, Ungeregelte, fast nicht Regelbare. Einen Laden haben. Den Laden leben: gar nicht mehr wollen von der Welt. Mich fasziniert diese mir verschlossene, vor mir zugesperrte Einfachheit. Kinder bekommen. Darin aufgehen, sie großwerden zu lassen, Welle um Welle.
Die Stadt bereitet sich auf die Hitze vor, ich hab‘s schon gestern und heute ganz besonders gespürt, sie kauert vor der Hitze auf dem Sprung. Es ist gar nicht viel wärmer als in Berlin, aber die Luftfeuchtigkeit, ich schrieb' schon, bei 90 %, und die Sonne hat eine andere, jetzt schon heftige Kraft. Abends kühlt es leicht aus, doch schon ein Schal ist fast zuviel. Für Nordeuropäer die ideale Jahreszeit für Neapel: man muß nicht befürchten, daß nachts die Hitze im Raum steht und sich keinen Millimeter bewegt.
Die erste Schnake gesehen, sie grüßte. Ein enormes Tier, ich war völlig baff. Erwiderte aber den Gruß. Wart nur ab, sagte sie sirrend.
Zwischen Stadt und Vulkan der Smog eine Fläche:


Im >>>> Madre gewesen. Nach wie vor, für mich, das schönste Museum der Welt. Ein Kiefer von 1991 hängt jetzt dort: Elisabeth von Österreich. Von Kiefer, scheint mir, beeinflußt, ausgesprochen eindrucksvoll, >>>> Lawrence Carroll:


Vielleicht umgekehrt? Kiefer von ihm beeinflußt?
Keine Ahnung. - Kommt‘s drauf an?
Vorher,.ebenso beklemmend, >>>> Raffaela Mariniellos Video „Still in Life“. Sie nimmt die Reste der – wahrscheinlich von der Camorra – niedergebrannten >>>> città della scienza auf, Nahaufnahmen, Detailaufnahmen, langsame, sehr langsame Einstellungen. Nur der Sonnenuntergang ist überflüssig, und einmal sieht man, ebenfalls ein Fehler der Konstruktion, den Schatten eines Teammitglieds. Das schwächt die Ästhetik. Ansonsten saß ich gebannt in dem dunklen Raum und starrte auf die Leinwand. Eine junge Frau setzte sich zu mir. Wir schwiegen. Draußen brandete der Verkehr.
Ins >>>> museo Hermann Nitsch ging ich dann nicht mehr, tu ich morgen. Es sind nur elf Gehminuten, sagt Google Earth, von hier.
Blick aus einem engen Fenster des Madres durch den engen Zwischenraum auf eine Kirche.
Immer wieder riecht es in Neapel nach Weihrauch, ganz plötzlich, auch auf Marktplätzchen.
Heisere Stimmen von draußen. Leises Hintergrundverkehrsrauschen. Der Vulkan ist nahe, er gilt als einer der gefährlichsten der Welt. Wir haben uns die Harmlosigkeiten angewöhnt, machten sie zu unserer Conditio sine qua non... - nun jà, ich tat nie mit und kann nun meine Hände waschen, wie ich will, sie riechen immer und weiter nach Fisch.
Noch einen Tag in Napule. Dann wieder Deutschlands Berlin.

ANH
(daß ich bereits betrunken bin, dürften Sie, Leserin, merken).

ANHs Traumschiff. Verlegt von mare in Hamburg.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


 

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