Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Bis Okt. 2017 verboten)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Seit Okt. 2017 wieder frei)
________________________________


 

Sabinenliebe. (Auszug).

(...)
So beobachtete ich sie heimlich für mich. Zum Beispiel sehe ich sie noch heute an dem großen Braunschweiger Karpfensee, dem Kreuzteich, stehen. Es war während einem unserer halbjährlichen Schulwandertage, der dieses Mal nach Riddagshausen gegangen war. Da bog sich Sabine ins Hohlkreuz und lachte. Es war ein flatterndes, engels- oder auch teufelchenhelles sehr viel mehr Leuchten denn ein Klang und schien stärker als die Frühsommersonne. - Da, plötzlich, drehte sie sich mir zu. Sie hatte den Jungen offenbar gespürt, nicht mich selbst natürlich, aber meinen unentwegten Blick. Den fing sie nun ein. Doch ich, anstatt ihn zu halten, also zu meinem Schauen zu stehen, senkte die Augen sofort zu Boden, ertappt muß ich es nennen. Als wären meine Faszination und Verliebtheit schuldhaft gewesen, so daß ich mich hätte schämen müssen. Und genau das tat ich. Ich wurde geflutet von Scham, wurde röter und röter. Was sie selbstverständlich sah. Was sie ohne abzulassen präzis beobachtete. Wovon ich noch röter wurde. Woraufhin sie mich, ich spürte es doch, zu verachten begann. Da wußte ich, sie habe von nun an jedes auch nur nögliche Interesse an mir verloren – an einem wie mir.
Das verzweifelte mich. Besonders nachts dachte ich dagegen an, und zwar so intensiv, daß ich das Vermögen errang, meine Träume nach dem Willen dieses meines Wunsches vollkommen selbst zu gestalten,. Sogar in Fortsetzungen vermochte ich zu träumen, nicht anders, als wir heutzutage Fernsehserien schauen. Denn ich erinnerte mich all meiner Träume. So daß ich tags der allerunglücklichste Junge der Welt war, doch nachts der allerseligste. - Ich formte aus meiner Bettdecke Sabines Leib, den ich mit den Beinen, ja, umschlang, und mit den Armen. Je bevor ich in Schlaf und Wunschtraum hineinsank, küßte ich den oberen Zipfel der Decke, und zwar genau dort, wo, wäre er der Kopf meiner Geliebten gewesen, ihre Lippen sich befänden. Dabei geschah es zweidreimal, daß ich völlig überrascht ihre Zunge an der meinen spürte. - Ich war zutiefst irritiert. Zungenküsse waren mir doch noch ganz unbekannt, weshalb ich mit der Liebkosung gar nichts anzufangen wußte, so wunderschön sie andrerseits war. Deshalb ist Irritation genau das richtige Wort.
(...)

Pferde

In dieser Nacht träumte ich, dass ich über hügeliges Land ging, mit reifen, dunkelgrünen, im Wind raschelnden Maisfeldern und ungemähten Wiesen. Musik, die an Glasharfen erinnerte, wehte in weichen Wellen aus dem graublauen Himmel. Auf einem windüberspülten Hügel standen Pferde, die mich schon von weit her witterten. Erstarrt, mit hochgereckten Köpfen beobachteten sie mich, machten plötzlich kehrt und verschwanden.
Ich schwang mich über die Hügel, wie selbstverständlich konnte ich fliegen, suchte die Pferde überall, konnte sie aber nicht mehr finden. Diese überempfindlichen panischen Pferde waren der Inbegriff der Flüchtigkeit all dessen, was mir entglitt. Nur für einen Bruchteil einer Sekunde fällt das Licht durch die vom Leben selbst bewegten Zweige auf dich.

III, 356 - Merkwürdige Begegnung

Seit einer Woche war die Wasserrechnung fällig und ich somit irgendwie gezwungen, doch noch das Postamt aufzusuchen. Gestern hatte ich hinunterspazieren wollen, aber es waren Arbeitsbestätigungen abzuwarten, vor allem eine recht heftige. Und die kam dann auch prompt. Was mir für die nächsten Tage kein geringes Handicap beschert (“Andy Capp”). 26 Seiten und ein Gemisch aus Kunstgeschichte und Kulturgütergesetzgebung, geschrieben von einer der oberen Ebenen der Gerichtsbarkeit. Man will etwas zurückhaben. Deadline: Montag “ora di pranzo”, wie es hier so schön heißt, meint “so zwischen Mittagessen und Verdauung, möglichst aber noch vor der Verdauung”.
Hinzu kam eine morgige Deadline, an der noch herumzutricksen war und ist. Aber die Quelle habe ich mittlerweile ausgemacht, an der das entlanghangeln kann: EG-Maschinenrichtlinie, wo sich manches wiederfindet, was der Text enthält.
Also Ende der Tage der Enthebung von aller fremdbestimmten Sorgfalt und Weckeraufmerksamkeit.
Und fuhr dann hinunter mit dem Auto, erst zum Supermarkt, nein, nicht Coop, sondern zu dem einen etwas verborgenen gleich neben der Feuerwehr, wo mir neulich der Mond schien und eine Gloria eine einzige Zitrone wog.
Auf dem Weg zwischen abgestelltem Auto und Supermarkteingang hielt ein Auto neben mir. Der Fahrer gestikulierte wild mit den Armen. Bis ich mich gezwungen sah, die Autotür zu öffnen. Ein völlig unbekannter Mensch. Wo ich denn gearbeitet habe so ums Jahr 95 herum? Naja, unter anderem bei Enel, der damals noch staatlichen Elektrizitätsgesellschaft. Und was das für eine Arbeit gewesen sei? Naja, Deutschunterricht. Und kam mit einem “Wie heißt du?” heraus. Ich beteuerte, ihn nicht zu kennen. Er bestand darauf, einer meiner Schüler gewesen zu sein. Das Ganze verdatterte mich nicht wenig, auch weil er sein Auto seitlich eingeparkt hatte, um mich zum Sitzen darin aufzufordern.
Aber natürlich ein ‘Wie es mir gehe usw.’. Er sei mittlerweile in Mailand, mache in Lederwaren, sei in Terni gewesen, um Musterstücke aus der Produktion bei einer bekannten Bekleidungskette vorzustellen. Immer noch nichts, was mir bekannt vorgekommen wäre in dem Gesicht.
Sprach von seinen Musterstücken, fragte mich, welche Größe ich trage. Fummelte mir im Mantelkragen herum und stellte fest: “L”, ließ mich seine Musterstücke befummeln: eine Mischung zwischen Lederjacke und -mäntelchen und ein Lederjäckchen. Die seien insgesamt über 1000 Euro wert. Er wolle sie mir geben. Denn er müsse noch heute Abend nach Mailand zurück.
Ich war immer noch verdattert und hatte immer noch keine Ahnung - wie auch jetzt noch nicht -, wer da neben mir saß. Das einzige, was sich sagen läßt: einer, der mich wiedererkannt hat. Auch sein Name, den er nannte, sagte mir nichts.
Welche Größe denn die Frau trage, denn er hatte auch eine weiße Damenlederjacke dabei. Nun, sagte ich, ich sei mittlerweile geschieden. Also wurde das Thema beiseite geschoben. Und er fuhrwerkte mir die beiden zuerst gezeigten Jacken in eine große Plastiktüte. Und überreichte sie mir. Aber einen kleinen Deal wollte er dann doch machen. Ich solle ihm doch wenigstens das Benzingeld geben. Wahrscheinlich für die Fahrt zum Flughafen. Und nahm mir dann 70 Euro ab. Also “einmal Volltanken und Autobahngebühr”.
Er habe, wie er vorher beteuerte, die Musterstücke loswerden wollen, um nicht am Flughafen Mehrwertsteuer dafür entrichten zu müssen. Was ich allerdings nicht verstanden habe. Unbegreiflich auch, was er da bei dem entlegenen Supermarkt zu tun hatte. Ok, es gibt da einen Gebrauchtwagenhändler, der auch gebrauchte Motorräder verkauft. Aber danach zu fragen, war mir nicht eingefallen.
Und so gab er mir die beiden Lederjacken, und ab dafür.
Zuhause dann probierte ich. Die eine paßt und läßt sich tragen, das Jäckchen allerdings zu eng. Wäre zu verschenken. Unter den superschlanken Personen (bin ja selber nicht grad großleibig), die ich kenne, käme eigentlich nur eine in Frage.
Merkwürdige Begegnung. 1995? 22-23 Jahre her! Und ich sehe immer noch so aus? Enel, Piazza Verdi, Viale Regina Margherita mit den Platanen und den Pollen im Mai, es schien immer, als ob es schneite. Und der Pollenschnee dann in den Straßenbahnschienen.
III,355 <<<<

III, 354 - Neujahrsnacht e dintorni

Das Jahr begann mit einer unvorgesehenen Autofahrt bzw. mit der Gewißheit, mir am Vormittag Zigaretten kaufen zu können, wie das auch Weihnachten möglich war, denn zumindest an den Vormittagen der Sonn- und Feiertage hält der “ho più di 80 anni”-Vater (sagte er mir neulich) des Tabaccaio den Laden 100 Meter weiter offen. Am Neujahrsmorgen indes nichts. Alles zu. Da ich nur noch eine Zigarette hatte, blieb nur eine sichere Möglichkeit: die Raststätte an der Schnellstraße Richtung Orte zu erreichen und gleichzeitig dort zu tanken. Denn soviel Sprit war da nicht mehr. So ein Dreißigkilometerspäßchen. Unterwegs stellenweise heftiger Regen.
Zu dieser Sicherheit hatte mich am Vorabend der Gärtner bewogen: es fände nichts statt bei Tullia, sie sei woanders eingeladen, und er, der bei ihr mit der Japanerin untergebracht, wisse noch nicht so genau (somit durfte ich sicher sein: keine Feier, kein Zigaretten-Schnorren). Erstmal schlafen, meinte er. Sie, die Japanerin habe überhaupt ein wenig unter all dem “Kulturschock” gelitten (oder unter seiner Kultursorge? als sie beide am ersten Abend nach der Ankunft hier waren, schien das nicht so bei ihr (ich fürchte, er hat sie einfach nur überanstrengt mit der Reise nach Rom und zum Flohmarkt Porta Portese am Sylvestertag (alle paar hundert Meter sei eine Band spielbereit gewesen da in Trastevere - cool! (fand zumindest er)))). Wie lange sie denn schon bei ihm sei? Drei Monate. Direktemang aus Tokio zum Kaiserstuhl. Und dann die Reise jetzt nach Italien. Bereits am Tag davor, ich wollte zum Bioladen, standen sie vor dem Hofaufgang nach einem Spaziergang durch Amelia. Er schickte sie zum Ausruhen bei Tullia, begleitete mich zum Bioladen und saß noch ein Weilchen bei mir.
Übertriebene Schutzgesten. Und irgendwie unheimelig und wie aufgedruckt der etwas sterile Lippenkuß vorm Fortschicken.
Ein Zehntausendkilometerspäßchen? Auch Tullia, der ich gestern zum Neuen Jahr gratulierte, meinte, sie habe ihn nie so gesehen. Und sie kennen sich schon lange. Immer im Zimmerchen, die beiden. Und waren abgefahren, ohne sich verabschieden zu lassen.
[Cavalcai] con intenzione sincera nei miei desideri, la quale / mi portava a speranze bugiarde che venivano dalla preoccupazione dell’animo. Ibn Hamdis : Reiten in der aufrichtigen Absicht, die mir Wunsch gewesen und falsche Hoffnungen mir eingab, die der Sorge des Herzens entsprossen. Oder so.
Und landete dann an Sylvester lang nach der Essenszeit und wieder mal nach einigen Seiten mit Beschreibungen von Schwänzen (Penissen? Penaten? männlichen Geschlechtsteilen?) bei Pasolini (Dinner for One habe ich mir tatsächlich angesehen, aber das Kind ist nicht mehr in mir, das dabei lacht: Öde) beim ami belgique. Alles en famille. Ein Freund mit fünfjährigem Sohn noch dabei. Und Kindersprache üben. Die anderthalbjährige Tochter.
Im Ostello gegenüber ebenfalls eine Feier. Überraschend diskret. Ganz ohne Beat. Merci!
Heimgang gegen zwei Uhr nachts. Da hält an der Gärtner neben mir mit seinem Auto. “Zu Valda?” “Nur, um zu gucken.” Runter zu Valda. Anhalten. Ein Pulk junger Menschen davor. “Ich fahr’ wieder rauf.” Hatte nichts dagegen. Abschied mit einem “à demain” beiderseits, aber da kam niemand, also vorgestern. Dann die abschiedslose Abreise.
La dissociazione è ordine. L’ossessione dell’identità e la sua frantumazione è disordine. Pasolini, Petrolio

III,353 <<<<

Isola africana (1). Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 3. Januar 2018.



[Mâconièrevilla Uno, Terrasse im Vormittagslicht
10.32 Uhr
Britten, Rhapsodie für Streichquartett]
Arbeitsplatz vormittags 030118


Das Netz hier ist wahnsinnig langsam. Die erste Villa steht landeinwärts vier Kilometer, also entfernt vom Meer; bei der zweiten wird es ähnlich sein, fürs Netz möglicherweise noch problematischer, da diese frei, fort von jeder Ansiedlung, direkt aus der Vulkanlandschaft heraus erbaut wurde: als ein, soweit ich bislang vernahm, architektonisches Kunstwerk, das auf die Landschaft antwortet. Dort sei das Internet allein über Satellit erreichbar, und wir möchten doch bitte darauf verzichten, größere Datenpakete hin- und herzuschicken. Aber schon hier dauert es und dauert, bis ich allein nur aus meinem flickr-Konto eine einzige Fotografie heruntergeladen habe – was ich soeben für dieses Arbeitsjournal tue. Der Emailverkehr hingegen funktioniert problemlos. Ich muß mich nur darauf einstellen., daß alles langsam, sehr langsam vonstatten geht. Doch entspricht dies durchaus meiner Verfassung. Denn dieses Arbeitsjournal, wie wahrscheinlich die nächstweiteren Journale ganz genauso, wird auch ein Trauerjournal sein. Weshalb, Freundin, >>>> wissen Sie ja.
Da haben die langen Gespräche, die gestern seit meiner Ankunft und bis in die späte Nacht hinein die Mâconière und ich geführt haben, mehr als nur gepaßt - erwachsene Gespräche, die um leidvolle Erfahrungen und Prägungen kreisten und sicherlich weiter kreisen werden, zyklisch wieder und wieder liegen gelassene oder vorübergehend beiseitegestellte Motive an ihren offenen Enden wieder aufnehmend oder Dasselbe oder Gleiche aus anderer Perspektive betrachtend, miteinander dabei schonend im Umgang, zuhorchend, wobei ich Ihnen mehr, verehrte Frau, hier nicht erzählen möchte, denn darum hat die Mâconière mich gebeten. Sie war nach meinem Trennungstext erschüttert und verängstigt, so sehr, daß sie ihre Einladung fast wieder zurückgenommen hätte, jetzt aber froh ist, es n i c h t getan zu haben; auch ich selbst war bis direkt zum Abend vor der geplanten Abreise unsicher geworden, wobei es mir nun ganz genauso geht wie ihr. Es gibt eine Art Frieden im Einverständnis mit Leid ab dem Moment, da wir es als ein nötiges in uns integrieren, es also annehmen und dann schauen, auf uns zukommen lassen, welch eine Wandlung es in uns bewirkt.

„Keine Worte“, schrieb mir die Löwin am Neujahrstage und wünschte mir ein Jahr, das mich tragen werde. Manchmal weine ich still und trocken vor mich hin. Ich habe einen Teil von mir selbst amputiert; das Messer aber war das amputierte Teil selbst: eine Hand, die sich selbst abschneidet, ein sich selbst entnehmendes Organ. Wahrscheinlich macht alleine dies, macht dieser Diese Umstand macht den Vorgang bemerkenswert, der ansonsten so banal wäre, wie es die meisten Trennungen sind. Daß etwas banal sei, bedeutet ja nicht, es sei nicht voller Schmerz; doch das nicht-Banale begründet eine Haltung und garantiert wahrscheinlich auf eine besondere Weise den Fortbestand der Liebe. Wir entfernen sie nur aus der Realisierung; sie entfernt sich von der Notwendigkeit, vorgezeigt zu werden; nun braucht sie keinen „Beweis“ mehr.

Es ist dabei erstaunlich, daß ich ausgerechnet in dieser Zeit zu >>>> Steffens' Narbe griff, über dessen Buch ich nun auch anderswo, gewissermaßen zusammenfassend, schreiben möchte. Habe solch einen Text heute früh angeboten und warte nun ab, ob die Redaktion mag. Es hat sich, nebenbei bemerkt, ein Briefwechsel zwischen dem Philosophen und mir ergeben, der mit hoher Sicherheit fortgesetzt werden wird. Zugleich hat mein Arcoverleger für >>>> Gerd-Peter Eigners hinterlassenes Werk ein tiefe Leidenschaft entwickelt und sie in einem Brief an seine Rechtsnachfolgerin auf nahezu erschütternde Weise zum Ausdruck gebracht. Ich war, als ich – ins Cc gesetzt – ihn las, enorm bewegt.
Ich las ihn am Meer, wohin wir vor dem Einkauf gefahren und worin ich entgegen meiner Vornahme nicht schwamm, sondern wir hatten ein Restaurantchen direkt am Ufer, davor eine kleine Promenade entdeckt, bekamen einen Tisch, aßen eine Fischplatte und sprachen langsam weiter, während wir aufs hier fast ungedünte Wasser blickten, das zunehmend zu einem Spiegel wurde, zusammengehalten als Milliarden Miniaturspiegel aus dem blendenden Schuppensilber Hunderter Nymphen, wenn deren Flossen sich ins Licht herauf heben und aber langsam wieder senken; nein, sie schlagen die Oberfläche nicht, es ist vielmehr dem Streicheln gleich, mit dem übers Wasser wie uns über die Haut der Wind streicht.


Meere & Vulkane

Was ich hier nun tun werde außer weiterzusprechen, sicher auch hin und wieder etwas vorzulesen – der Mâconière wie mir, zur Selbstvergewisserung selbst? Vorrangig am Familienbuch der Contessa arbeiten, auch die Überarbeitung der alten Erzählungen wieder vornehmen, die beiden Rezensionen schreiben und gewiß viele Briefe schreiben. Ob ich tatsächlich tauchen werde, ist mir seit heute morgen fraglich. Denn ich habe das Glück geschenkt bekommen, arbeiten in der Sonne zu dürfen, unter freiem Himmel. Das möchte ich nicht für einen weiteren Terminplan gefährden. So ist meine Gastgeberin nun schon ans Meer gefahren, derweilen ich selbst mich in die Dichtungen versetze und Musik höre dabei (unterdessen Brittens Cellosinfonie). Allerdings hält mich gerade mal wieder der vermaledeite Unnetzzugang auf. Aus irgendeinem Grund wird nun auch mein mobiler Speedport nicht mehr erkannt, genauso wenig wie meine Bosereiselautsprecher von Bluetooth. Blöd das.

Sonne, Freundin, immerhin. Und dieses dort ist der Leseplatz der Mâconière:

Ohne Titel

Diesen, von ihr, werd ich zeigen dürfen.

Ihr, in der Sonne Ruhe, traurig
ANH

ANHs Traumschiff.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Die göttlichen Flügel der Sünde. Von Konwicki (2).


In den damaligen Zeiten standen die Menschen unter dem Terror der Sünde. Wie ein Raubvogel schwebte sie über einem jeden, lauerte hinter einem jeden wie ein unheilvoller Schatten, saß im Menschen fest, ähnlich einer tuberkulösen Kaverne. Die Sünde war allgegenwärtig.
Südigen konnte man durch den Gedanken, durch Wort und Tat. Die Sünden unterteilten sich in läßliche, und in Todsünden, in Haupt- und Nebensünden. Es gab eine solche Vielzahl, daß schwerlich alle zu behalten waren. Die Sünden schwebten in den Lüften, wälzten sich über die Erde, die drängten in jede Zelle des großen Planeten. Sünden scheußlich wie Menschen und Sünden wie Menschen schön. Sünden wie Gift und Sünden süß wie betäubende Ambrosia. Scheusale und Paradiesvögel.
(…)
In jenen Zeiten sank der Mensch, wenn er sündigte, auf den Grund der Hölle, wurde Gevatter und Faktotum des Teufels, oder er stieg, ein Tempelschänder, zu himmlischen Höhen empor und setzte sich Gott gleich. Die Sünde besaß Flügel und eine göttliche Seele, sie war von der Macht eines göttlichen Orgasmus.

Tadeusz Konwicki
Chronik der Liebesunfälle
S. 243/244
dtsch.v. Kristiane Lichtenfeld

Konvicki Liebesunfälle

Schöne Zeiten, bevölkert von häßlichen Menschen. Von Konwicki (1).


Es war die Zeit der krummen Beine, aus irgendeinem Grunde englische Krankheit genannt. Die Zeit der pockennarbigen Gesichter, von denen es hieß, der Teufel habe darauf Erbsen gedroschen. Die Zeit der Zahnlosigkeit, wo ein leerer Mund mit schwarzen Stummeln keinen erschreckte.
Die Leute trugen Buckel, schleppten sich auf morschen Gliedmaßen, litten Hornhautflecke an den Augen, spuckten unablässig tuberkulösen Schleim, faulten an Syphilis, erstickten an Asthma, bedeckten sich in Schwerstarbeit mit Krampfadern, schwollen und krümmten sich vor Gicht. Es waren schöne Zeiten, bevölkert von häßlichen Menschen.


Tadeusz Konwicki
Chronik der Liebesunfälle
S. 183/184
dtsch.v. Kristiane Lichtenfeld

Konvicki Liebesunfälle

Youn Sun Nah macht weiter ODER Von dem schönen Kommerz.


Ja, ich bin enttäuscht, fast ein bißchen verärgert. Dabei wird der Anlaß, die neue, bei ACT erschienene CD She moves on die allermeisten Hörer:innen erfreuen. Also lassen Sie sich von mir bitte nicht abhalten, sie zu erstehen und gerne auch zu mögen:

Nah She oves on ACT

Die Stücke sind gefällig, sie lassen sich gut als Hintergrundpolsterung grauer Alltage einsetzen; das gilt sogar für Jimi Hendrix‛ Drifting, worin die ungemein wandlungsfähige Stimme dieser doch tatsächlich Ausnahmesängerin zu einer gehallten Art Gänsechor wird, der über der hier angemessenerweise eGitarre Marc Ribots schwebt – eines der wenigen Stücke dieser Platte, das kurzzeitig aus dem klebrigen Wohlklang herausbricht; gleichsam röchelnd verendet es hier: für mich ein angemessener Ausdruck von Wahrheit. Denn sogar diese Nummer, ein komplett unrebellischer, gleichsam gesäuberter Hendrix, muß sich fast Verrat nennen lassen.
Konsequenterweise, immer dem Weichspülen folgend, schließt sich ein als Lullyby dargebotenes Traditional an: Black is the Color of My True Love‛s Hair. Ich selber erwartete, nein v e r l a n g e auch bei so etwas – wenn ich von Musik spreche – zumindest Entgrenzung à la Mahalia Jackson und nicht eine vorgebliche Leidenschaft, die in Wahrheit ständig im – kann man „bürgerlich” heute noch sagen? – ich sage es: bürgerlichen Kalkül des Erträglichen kleingehalten wird. Unterm Strich ist diese CD schlichtweg übersüßt. Nichts gegen Kitsch, aber hier schielt er nicht auf Radikalität des Gefühls (die eigentliche Stärke, die Kitsch und wirklich nur er hat: da nämlich liegt seine Wahrheit) und will Verschmelzung und Entgrenzung, sondern allein auf die Kasse.
Dabei wären die Möglichkeiten gerade für Youn Sun Nah unabsehbar gewesen: Sie hat ja sogar die Fähigkeit der grandiosen Imitation – zu spüren am schlagendsten in Joni Mitchells The Dawntreader, worin wir einen Moment die typische Intonation der berühmten Folksängerin vernehmen, gleichsam sie selbst singen hören. Oder sie, Youn Sun Nah, hätte die Stücke, und zwar jedes einzelne, kraft ihrer Kunst erst zitieren, dann nach allen Regeln der Modulation dekonstruieren können, sie etwa in ihre Grundakkorde auflösen, um diese dann frei zu improvisieren und sie vielleicht danach für unsere Herzen auch wieder zu heilen. Sie hätte schmettern, jubilieren, bisweilen auch schreien können, uns wirklich bewegen können, so daß wir von Stück zu Stück sprachloser gewesen wären und schließlich vielleicht sogar erschüttert dagesessen hätten. Doch bis auf die wenigen kurzen Ausnahmen, für die ich oben Beispiele nannte, erzeugen selbst die Instrumente nichts als einen Klangteppich, den Flokati zu nennen ich einfach nicht umhin kann; und weil er der Gefälligkeit noch immer nicht reicht, klingeln an manchen der vom vielen Drüberlaufen längst verfilzten Zipfel Glöckchen. Dazu das grausliche Wummern in Rube Blooms Fools Rush. Ja selbst die sogenannten Eigen„kompositionen” - etwa Traveller gleich zu Anfang, geschweige der versetzt walzerhafte Blues „Too Late” - ist von bei mir nur Kopfschütteln und leichten Ekel auslösendem Rückgriff auf eine UMusik-„Ästhetik”, die schon vor zwanzig Jahren nichts als falsch nostalgisch war - falsch weil wir uns gar nicht in eigene Vergangenheiten rückversetzen, sondern in solche, die wir über die Medien als Musikgeschichte vermittelt bekommen haben.
Ich nenne so etwas ein Unglück, den meisten Hörer:innen allerdings wird es zu ersetzbarem Glück werden. Auf eine ähnliche Karte haben ja schon >>>> Anoushka Shankar und >>>> Hélène Grimaud erfolgreich gesetzt. Lassen Sie mich diese kleine Rezension deshalb s o enden: She moves on ist eine wundervolle CD für alle meine musikalischen Gegnerinnen und Gegner. Genießen Sie sie.

ANH
Zweiter Advent 2017
Youn Sun Nah
She moves on

Youn Sun Nah – Vocals, Kalimba | Jamie Soft – Piano, Hammond Organ,
Fender & Wurlitzer | Brad Jones – Acoustic Bass |
Dan Rieser – Drums | Marc Ribot – Electric & Acoustic Guitar
The ACT Company | ACT 9037-2
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Der Fremde geht davon. Kleine Poetiken (4): Peter Huchel.


Der Fremde geht davon
und hat den Stempel
aus Regen und Moos
noch rasch der Mauer aufgedrückt
eine Haselnuß im Geröll
blickt ihm mit weißem Auge nach.

Jahreszeiten, Mißgeschicke, Nekrologe –
unbekümmert geht der Fremde davon.

Manchmal jagt eine unvermutete Böe durch den Garten, es ist Herbst, eben schien noch die Sonne: Jetzt räumen wir den Tisch ab, als müßten wir fliehen. Eilend tragen wir das Geschirr ins Haus, schon hat der Wind die Tischdecke an einem losen Ende erfaßt, sie flattert hinüber, wird in die Büsche gedrückt. Ein Gewitter vielleicht? Wir schauen fragend zum Himmel, die Wolke zieht vorüber, wird auseinandergerissen, zerfetzt, und die Sonne kommt wieder durch. Aber der Horizont, soweit wir ihn sehen können, ist tiefdunkelblauschwarz geblieben. Wir könnten klug sein und endgültig hineingehen, die Fenster schließen, vielleicht ein wenig fernsehen, vielleicht das Radio anstellen, um uns ablenken zu lassen. Aber wir bleiben auf der Terrasse und schauen eigenartig erschrocken auf den abgeräumten Tisch, der mit den weißen Plastikstühlen auf dem Rasen steht, als ob ihm etwas fehlte. Es strahlt einen süßen Schmerz aus, dies verlassene Ensemble, süß, weil er wirklich weh tut und wir uns dennoch nicht von ihm abwenden können. Vorbei, denken wir. Und begreifen, was das ist, fühlen es: Abschied. Es ist, als wäre, während wir in der Küche das Geschirr in die Spüle stellten, ein Fremder vorbeigekommen und hätte achtlos ein oder zwei der Stühle umgeworfen, und da liegen sie nun und sind Geschichtsspur geworden.
Dann geht doch noch ein heftiger Schauer nieder, immer noch bleiben wir stehen und schauen dem zu. Der Wind sprüht uns, die wir unter der Markise stehen, die prickelnde Andeutung von Nässe ins Gesicht und über unsere seltsam frostigen Arme. Es wäre jetzt gut, sich einen Schal um den Nacken zu legen, aber wir verlassen die Terrasse nicht, denn wenn wir es täten, wenn wir hineingingen und uns einen aus der Schublade kramten, und wenn wir dann wieder hinaustreten würden, wäre auch das Vorbei vorüber, und zwar so endgültig, als hätte jemand eine Buchseite umgeschlagen und sie mit der vorigen verklebt: Wir werden nie wieder zurückblättern, werden auch das Videoband nicht zurückspulen können. Nein, wir wollen den Übergang erleben, wollen spüren, wie aus dem Heute ein Morgen wird, aus dem Jetzt ein Dann, wollen es begreifen, endlich begreifen. Mit weißem Auge schauen wir dem Vorgang zu, mit >>>> l e e r e m Auge, denn natürlich verstehen wir ihn immer noch nicht – so wenig, wie die ausgeblichene, vorjährige Haselnuß etwas versteht, die – wie kam sie dorthin? – zwei Meter von uns weg im Kies liegt. So sind wir ein blinder Spiegel dessen geworden, was sich um uns herum vollzieht, was sich mit uns selbst vollzieht.
Heinz fällt uns ein, Heinz Welsberg, der letztes Jahr gestorbene Freund, ganz jung war er noch, keine sechzig. Ging abends schlafen, wachte morgens nicht mehr auf. Uns fällt die hübsche, kleinkindsquirlige Britta ein, drei Häuser weiter: Wann war es, geschah es, daß sie mit ihrem Dreirad auf die Straße fuhr, wann hat der unglückselige Motorradfahrer sie nicht gesehen? Vor anderthalb Jahren? Nein, es liegt schon wieder über drei Jahre zurück. W a r u m hat er sie nicht gesehen? Und wie war das mit Irene? Hatte sie mich nicht angeblickt vor zwanzig Jahren, war sie nicht vorbehaltlos in mich hineingefallen? War dann zu einem anderen gewechselt.
Unbekümmert geht der Fremde davon. Außer den umgeworfenen Stühlen hinterläßt er gar keine Spur. Es müßten doch Fährten auf dem nassen Rasen zu sehen sein, Tapsen, Fußspuren! Aber nichts davon, rein gar nichts. So daß wir beschließen einzugreifen. Irgendwie Ordnung zu schaffen, die Welt zurechtzurücken auf unser menschliches Maß. Schließlich ist auch die Sonne wieder da. Wie das Gras duftet! Will es uns versöhnen? Die Füße sinken ein, derart vollgesogen hat sich der Boden mit dem Regen. So stumm, daß die Bewegung fast hilflos ist, stellen wir die beiden Stühle wieder auf und stellen sie mit den anderen beiden je vor eine der Tischseiten. Schauen hoch, schauen zur Straße, schauen zum Kiesweg, schauen zu der halbhohen, bemoosten Steinmauer, die unser Grundstück von dem kleinen Friedhof trennt. Und haben noch immer nichts begriffen, haben nur gefühlt, Geschichte gefühlt – nicht in den großen Ereignissen der Weltpolitik, es war ja hier kein Krieg, es gab auch keine Katastrophe, eigentlich war alles normal, ein sogar ausgesprochen friedlicher Sonntagvormittag, an dem die alten Damen nebenan die Hügel, die ihnen von ihren Vorausgegangenen geblieben sind, mit kindlichen Blumengebinden schmückten und dabei Schwätzchen hielten. Jetzt ist allerdings niemand zu sehen jenseits der Mauer, man wird, als ich das Geschirr ins Haus brachte, vor dem Regenschauer geflohen sein wie ich selbst. Aber es sieht aus, als würde sich der warme Herbsttag nun halten. Dann gehn wir mal, einen Lappen holen, um die Stühle trockenzuwischen. Kurz bleibe ich auf dem Kies stehen. Soll ich die Haselnuß aufheben?
Ich lasse sie liegen. Denn wahrscheinlich hat der Fremde sie da hingeworfen. Oder sie ist ihm aus der Jackettasche gefallen, als er nach den Zigaretten griff. Vielleicht.
Der Fremde geht davon
und hat den Stempel
aus Regen und Moos
noch rasch der Mauer aufgedrückt
eine Haselnuß im Geröll
blickt ihm mit weißem Auge nach.

Jahreszeiten, Mißgeschicke, Nekrologe –
unbekümmert geht der Fremde davon.

Kurt-Wolff-Preis 2018 an Elfenbein.


Die Dschungel gratuliert dem Verleger Ingo Držečnik.


Kurt-Wolff-Stiftung

Der Kurt-Wolff-Preis wird alljährlich von der Kurt-Wolff-Stiftung auf der Leipziger Buchmesse „für das Lebenswerk, für das Gesamtschaffen oder das vorbildhafte Verlagsprogramm eines deutschen oder in Deutschland ansässigen unabhängigen Verlages vergeben”. Es habe der Elfenbein Verlag „seit gut zwei Jahrzehnten in schön gestalteten Büchern die Literatur der Gegenwart mit der Erinnerung an im Schatten liegende Traditionen der ästhetischen Moderne” verbunden.

Es ist für einen – mit der Anderswelt-Trilogie sogar zentralen – Autor dieses Verlages ehrenvoll, hier publizieren zu dürfen, war‛s aber auch schon vor dem tatsächlich mehr als „verdienten” Preis. Danke, Ingo Držečnik.


ANH bei Elfenbein:
2003. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen,
mit einer, als CD, Poetik für Kavita Janice Chohan.
Hörstücke.
2011. Das Bleibende Thier, Bamberger Elegien.
2013. Argo.Anderswelt, Epischer Roman.
2016. Buenos Aires.Anderswelt,
Kybernetischer Roman.
Zweite Auflage Zweiter Hand.
Im Frühjahr 2018. Thetis.Anderswelt,
Fantastischer Roman.
Zweite Auflage Zweiter Hand.


Ein verlegerisches Meisterstück, für das Elfenbein ausgezeichnet
werden freilich noch nicht konnte, ist dieses:

Kazantzakis Odyssee

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Verlagsabend ARCO Verlag Buchhandlung a.punkt, Wien. 30. November 2017


Verlagsabend Arco Buchhandlung a.punkt Wien 1.12.2017 mit Kammermusik (Joyce - ANH HS)

Verleger Christoph Haacker stellt die >>>> Kammermusik vor


Durch den Schornstein. Kleine Poetiken (3): Hans Carl Artmann.


durch den schornstein
geht es ins himmelreich –
bedenks..
durch den schornstein
da zieht der rauch
so leicht –
komm mit..
durch den schornstein
da siehst du
sonne und mond
durch den schornstein
siehst du den küchenherd –
verbrannt
wird deine hand
und zu rauch
und zu aschen auch
und dein haar
und dein kopf
und dein leib
und dein fuß
wird zu schönem
wirklich
schwarzen ruß –
komm mit..


Die vielleicht böseste, indes zugleich liebe- und machtvollste Absage an Theodor W. Adornos Verdikt, man könne nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben, hat kein Theoretiker, hat ihr keineswegs Hans Magnus Enzensberger mit seiner berühmten Replik, aber wahrscheinlich auch nicht Celan erteilt, sondern der im Jahr der Jahrtausendwende verstorbene österreichische Dichter Hans Carl Artmann, - eine Ikone der Gegenwartslyrik... eine AußenseiterIkone, das gebe ich zu, aber Ikone eben doch. Und welch ein Gedicht er dagegenhält! Es ist vielleicht der Gipfel politischer Inkorrektheit, doch in Form, Melodie und Bildgebung derart schlüssig, ja bildkräftig soghaft, daß auch nicht entfernt der Verdacht aufkommt, hier mache sich einer über die Opfer lustig. Eher liebt er sie, liebt sie auf seine schwarze Wiener Art, eher fliegt er mit ihnen und zieht sie selber noch hinein in den Ofen und sieht von oben, zerfaserter Rauch, von irgendwo aus den Wolken, gemeinsam mit den Opfern zu und verhöhnt dadurch die Täter – womit er zeigt, daß Kunst etwas anderes ist, als ein an moralische Direktiven gebundenes Sublimations-, gar Aufklärungsgeschehen. Wäre sie es, ließe in ihr nichts sich verarbeiten, nichts wirklich gestalten. Sie setzt sich vielmehr dem Grauen aus, sie zieht das Grauen in sich hinein, löst es auf und wirkt auf diese Weise sowohl unheimlich wie befreiend.
...krauchen solls/durch blut und bein/ bis ins herzens/kämmerlein heißt die kleine Gedichtsammlung, in welcher dieser Text enthalten ist. Bereits deren Zueignung spricht die Absicht und das Vorhaben aus: schreibe nicht/ein lichtgedicht,/weiß schreibt nur/der bösewicht...: Das bringt uns auf die Fährte. Versuch erst gar nicht zu begreifen, raunt der Dichter uns zu, was du nicht begreifen k a n n s t, sondern gestalte es, scheu nicht davor zurück, schau hinter die Tür, wo sich dein täglicher Nachtmar versteckt, versetz dich in das Grauen hinein und drehe es den Tatsachen im Maul rum. Mißtraue denen, die es so gut meinen.... - meine es b ö s e; wohlgemerkt: in der Kunst. Denn für sie gilt etwas anderes als das tägliche Leben & Brot. Was in diesem absolut unangebracht ist, macht die Qualität jener recht eigentlich aus.
Nun ist dies keine Botschaft im direkten, unmittelbaren Sinn, sondern etwas, das sich aus der Luft nimmt, aus verdichteter Geschichte, aus Mythos und Träumen. Wie in diesen, ist auch in ihr die Erfahrung das Material. Deshalb wählt Artmann in allen diesen Gedichten sehr ritualisierte Sprachformen. Sie haben etwas von Formeln, Beschwörungsformeln – „Hypage Satanas!“ -, sind wie ein sprachliches Zeichen gegen den Bösen Blick, sei es in dem Text über den Frauenzerstückler – was fang ich mit dem leib wohl an,/der mir manch schönes spiel getan?/den will ich in zwölf stücke schneiden../nach soviel liebesstunden.. -, sei es in dem Stückchen über Kannibalismus – ich bitt dich drum du vögelein weiß/ein aug mir zu erhalten. Zumal diese Formeln stets etwas Kindliches haben, eine gesuchte, ausgesuchte, geradezu elegante Naivität. Da wundert es nicht, daß manche Zeile wie aus einem alten Märchen herüberklingt. Wir wissen ja, daß die besten, daß die schönsten Märchen böse sind. Immer reißt sich einer ein Bein aus, nicht metaphorisch, sondern konkret, wobei er seine Stanzen wie Verhöhnungen ruft, ja wie Gebete: „Ach wie gut, daß niemand weiß...“ So etwas verliert sich unserem Gedächtnis nicht, sondern hat etwas Archetypisches, Überindividuelles... man könnte von kollektiven Bannsprüchen sprechen, wäre das Kollektiv nicht begrifflich längst desavouiert.
Aufs Märchenhafte geht auch manches Bild. Der Küchenherd läßt uns an Hänsel und Gretel denken, in und zu aschen auch scheint sich Celans Todesfuge zu spiegeln, der wirklich schöne schwarze Ruß nimmt das Haar, so schwarz wie Ebenholz auf, das seinerseits in >>>> Dein aschenes Haar, Sulantith zerfiel, und im komm mit schließlich schwingt die gewaltigste Versuchung, sowohl die Todessehnsucht der Romantik wie Novalis’ Hymnen an die Nacht, aber auch einfach die Verlorenheit eines Pubertierenden mit, der vergeblich liebt und schwarz von einer Freiheit, einer Gelöstheit jenseits der Welt träumt... Gedichte wie dieses lassen ihren Leser heilsam regredieren, lassen ihn noch einmal nach-erleben und gänzlich von Grund auf sich selber erschaffen, neu schaffen: Sie machen das Erwachsensein erst möglich, indem sie die Verdrängungen lösen. In den Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, nannte man das Katharsis.
durch den schornstein
geht es ins himmelreich –
bedenks..
durch den schornstein
da zieht der rauch
so leicht –
komm mit..
durch den schornstein
da siehst du
sonne und mond
durch den schornstein
siehst du den küchenherd –
verbrannt
wird deine hand
und zu rauch
und zu aschen auch
und dein haar
und dein kopf
und dein leib
und dein fuß
wird zu schönem
wirklich
schwarzen ruß –
komm mit..

Meere.


Meere mare Frühjahr 2018.png

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So streifen junge Kater


[Geschrieben für >>>> Faustkultur.
Dort erschienen am 6.11.2017]


Peirani Parisien Schaefer Wollny

Balladen erzählen in knapper und konzentrierter Form
eine Geschichte, die szenisch dargeboten wird: Häufig
treten in einer Ballade mehrere Sprecher auf; Teile der
Handlung werden dialogisch in wörtlicher Rede wieder-
gegeben.
(…) die Ballade nimmt dabei opernhafte Effekte wie Re-
zitative oder Märsche auf; die Klavierbegleitung ist ton-
malerisch und verwendet teilweise Leitmotive.
Wikipedia


Eine nahezu unfeine Freizügigkeit ist im Umgang mit Superlativen nötig geworden, wenn man heute noch gehört werden möchte. Lässt man sie unter der Zunge liegen, wie Stil und Stolz es gebieten, hört einen gar niemand mehr: So wär zwar der eigenen Haltung Genüge getan („zu wissen, dass es Platin ist” [>>>> Vacheron Genève]), kaum aber den Musikern, denen man viele Stunden des Wieder- und aber- und abermals-Hörens verdankt. Nicht eine, so oft ich diesen, ja, Balladen jetzt lauschte, hat jemals an Spannung nachgegeben – nicht an ihr, geschweige denn an Virtuosität. Auf die es aber weniger als auf den Ausdruck ankommt – der musikalischen Erzählung, zu der die Form des alten Tanzlieds über die Jahrhunderte geworden ist.
Und also sage ich es, schreibe es nieder:

Dieses ist für mich die schönste und ergreifendste Jazz-CD, die 2017 herausgekommen ist.

Sie wird mir Lebensbegleiterin bleiben. Und Balladen sind diese fünf Stücke fürwahr: Out of Land heißen sie zusammen, „Außer Landes” also oder „In der Ferne”, was nun aber nicht Heimweh bedeutet, sondern einen sich bisweilen klangekstatisch aufschwingenden Rausch, von dem mir erst, wenn er plötzlich wegbricht, die Traurigkeit des Verlassenseins bleibt – zu bleiben scheint, denn schon im nächsten Stück hebt sie sich auf und beginnt das Abenteuer, sich aufeinander einzulassen, von neuem und anders. Das eben ist der Charakter von gemeinsamen Improvisationen: „Wir haben uns an vieles, was wir in den Proben besprochen hatten, nicht gehalten – bewusst!” ruft im Booklet Andreas Schaefer aus, der Stimm- und Sangeskünstler, und zwar „weil die Musik im Moment einfach etwas anderes gewollt hat.”
So tragen diese Musiker die Höhen ihrer Live-Auftritte selbst noch ins nachbereitende Studio hinein: der grad genannte Schaefer, der Saxophonist Emile Parisien, am Klavier Michael Wollny und der Akkordeonträumer Vincent Peirani.
Das Akkordeon ist ohnedies ein unterschätztes, bisweilen sogar missachtetes Instrument – „Quetschkommode”, so dachte auch ich einst -, – bis ich in Aachen, es ist Jahrzehnte her, >>>> Jean Pacalet erlebte. Ich selbst war auf das Festival zu einer Lesung eingeladen. Pacalet trat nach mir auf – absoluter Höhepunkt der Veranstaltungsreihe. Unterdessen ist er, leider viel zu früh, gestorben.
So nimmt nun ein Nächster das Feuer. Wie es halt „geht” in den Künsten.
Tatsächlich ist es Peirani, der die Stücke legiert, mal wie ein subversiver Basso continuo als Humus der Musik, mal aber auch solistisch sich ins Licht hebend, was das Balladeske dieser Musiken noch erheblich betont. Wären die Stücke ein wenig länger, ließen sie sich sogar Rhapsodien nennen. Auf solche ist für kommende CDs sehr zu hoffen. Leute, n e h m t   euch einfach die Zeit!
Wie rhapsodisch sie sein kann, diese Musik, war unmittelbar zu fühlen, als ich das Quartett zum ersten Mal live hörte – Anfang April dieses Jahres beim >>>> Festkonzert zum 25jährigen Jubiläum des Labels ACT, das Out of Land produziert hat. Als etwas ganz Neues wurden die Viere angekündigt. Für experimentelle Musik, die zugleich unterhaltsam ist, nahezu immer bleibt, ist ACT auch bekannt. Dabei geht das Niveau so gut wie niemals verloren, oder höchst selten.
Diese Viere aber waren, und sind, eine Art Erleuchtungserleben. Wie nämlich sie Musik erzählen, hebt sie aus allem Jazz heraus, ja es spielt keine Rolle mehr, zu welcher Gattung sie gehört. (Auch Ragas werden improvisiert – des großen Imrat Khans zu gedenken). Unsere Assoziationsräume funkeln.
Schaerer, so schrieb ich am folgenden Tag in Der Dschungel, ist nicht nur ein Sänger vom Schlage >>>> Bobby McFerrins, er ist mindestens ebenso Mundschlagzeuger. Seine virtuosen Fähigkeiten gehen weit, sehr weit über die pure Imitation hinaus; sie wissen ihre Mittel ineinander zu verschleifen oder eines aus dem anderen herauszuholen, nicht selten parallel zu den Mitspielern geführt. Wie die Viere aber dann unvermittelt die Register wechseln, ja ganze Welten des Klangs ineinander verschachteln, sich Zeit, plötzlich ganz viel Zeit lassen – die auf einer CD aber leider begrenzt ist – , ist ungemein beeindruckend. Ich bekam vor Aufregung feuchte Handflächen und bekomm sie immer wieder. Doch schon spielt das Akkordeon an irgendeiner verlassenen Pariser Ecke alleine vor sich hin. Was vorher war, war Traum? So schubbert manches Mal ein Wind ein raschelnd' Etwas vor sich her.
Out of Land ist, in fünf Kapiteln, ein mal mit harten Schnitten, dann wieder elegischen Übergängen fantasierter akustischer Spielfilm. Wie wir im Live-Konzert unversehens in einer nachtkahl-nassen Chicagoer Straße standen, wo aus irgendeiner Jazzkneipe, fast ist es schon morgens, der Klang durchs Kellerfenster hochdringt, so hören wir auf der Platte – nichts andres aber ist's als unsere eigene Imagination – in einem sich seltsam dehnenden Moment den expressiven >>>> Piazolla, freilich diskret, mitsummen, bevor Peirani sein Saxophon geradezu hysterisch aufdreht. Erst Wollny läßt es sich wieder fassen. Ein Lullaby und Mantra zugleich, so perlt sich die helle Intelligenz seines Klavierspiels in die entbundenen Leidenschaften. Oder Peirani und Schaerer steigen simultan – also parallelgeführt – in die Höhe; da übernimmt Wollny auf komplett weggedämpften Saiten den dumpfen Drive eines Schlagwerks. Dann wieder wird Schaerers Mundraum zur Weltmusik-Percussion: Zunge und Gaumen als Klangholz auf Klangholz.
All diese Stücke sind verspielt zugleich und streng, groß ausholend, aufmotzend und dennoch bescheiden, hin und wieder sogar schüchtern und wenig später herrlich – (weil nie klebrig) – kitschig, dann süß verträumt vor Melancholie. Alles ist, dies vor allem, Geste und ist voll Abbrüchen auch, und voller Anspielungen, neuer Erfindung. Es wird geschmettert und gerufen, geschmachtet und liebkost, wird geraunt und gegurrt und umschmeichelt. Junge Kater umstreifen alte Häuser so, auf deren einem Fensterbrett die Kätzin in einen Mond schaut, der blaß sein Licht über ein in der Tonne loderndes Feuer streut.
Und wir, – wir hören die stiebenden Funkentöne: wie sie zu Mond streben selbst und Mond ganz selber werden. Bevor er selbst zu Tag wird – auch das dank dieser Musik.

Out of Land
Andreas Schaerer, Michael Wollny,
Vincent Peirani, Emile Parisien,
ACT 9832-2
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