Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
________________________________


 

NICHT VÖGELN! (nachgetragen: ODER::) „Das Schöne und das Ordinäre der Realität“. Aus der Körperwerkstatt (4). PP201, 1. August 2014: Freitag. Auch Sighard Gille, jetzt zum zweiten.

(8.44 Uhr, MariaHeimsuchung.
Zum Tagesordnungspunkt Vögeln siehe 9.46 Uhr.)
Nein, doch noch nicht....: „Frühstück!“ ruft die Schwester - - -:

--- an sich sieht mein Arbeitsplatz aber anders aus:
Was mich zugeben läßt, daß ich wahrlich Glück hier habe, enorm privilegiert bin: Imgrunde verbringe ich alle Zeit, außer der Kernnacht, draußen auf „meinem“ Balkonchen, so daß mir völlig erspart bleibt, was meinen Beobachtungen nach Krankenhausaufenthalte fast durchweg bestimmt: ein halbes VorSichHindämmern, ausgestreckt, nie richtig schlafend, nie richtig wachend, duselig unkonzentriert, ohne inneren Focus, sondern schwammartiges Verschwimmen, das den Gesunden krank wie jemanden macht, der an Tuberkulose, bei Thomas Mann, sich auflöst, hell wird, immer heller, bis er gleichsam zur Zimmerwand-selbst wird, in ihren Kontrast hinein zerfasert. Nein, ich habe es zu tun mit der Hitze, wenn die Sonne prallt, und ihrer Strahlung, die mich die Augen zusammenkneifen läßt, wenn ich auf dem Bildschirm erkennen will, was ich schreibe, und mit der unversehenen Kühle, hat eine Wolke sich vor sie geschoben, und auch Regen gab es schon, kleine Böen, die es nötig machten, sich den Pullover zu holen oder doch, besser ist's, die indischen Sandaletten gegen immerhin geschlossene Espandrille zu tauschen. Gestern abend, wiederum, saß ich erneut beim Italiener, trank meine zwei Viertel klaren Weins und las dabei in >>>> Hametners Gesprächsbuch mit Gille – einem Maler, der mir, jedenfalls meinem Bewußtsein, bis dahin unbekannt, dessen Kunststil auch jetzt noch nicht zu meinem favorisierten gehört – den bestimmen andere Namen: Kiefer, Rainer, Schumacher –, dessen Erzählungen nun aber schon in mir so sehr sitzen, daß ich nach Abschluß des Buches meine Unterstreichungen und Randnotizn exzerpieren und unter >>>> Notate in Der Dschungel einstellen werde; der Verleger wird mir die kleine Urheberrechtsverletzung verzeihen, Michael Hametner, der gesprächs„führende“ Autor ebenfalls, denn möglicherweise bringt mein Engagement einige Verkäufe, und davon leben Verleger und Autor; vor allem aber kommt es vom Herzen. Zum Beispiel, daß es „einen bestimmten Qualitätsanspruch (gibt), den man sich im Laufe des Lebens erarbeitet hat. Den möchte ich anerkannt wissen.“ Dreimal unterstrichen das und meinen Mißgünstlingen unter die Zunge gestrichen, mit einem spitzen Nagel, und mit einem Spatel in ihrer Sphinkter Münder, darin es aushärten möge. -Bon.
Mehr zu Gille später.
*

Überraschend, mich beglückend, erschienen gestern nachmittag die Zwillingskindlein hier, mit लक्ष्मी, die frisches Obst mitbrachte: erste Brombeeren, den Viertelriesen einer Wassermelone, letzte Erdbeeren; die Kleinen sahen neugierig zu, wie ich meine blutverdünnende Spritze bekam (gegen Thrombosegefahr); „... müssen sie doch nicht sehen“, so die bedenkliche Schwester, wollten sie aber, wie ich: i m m e r alles sehen. „Warum müssen Sie immer so genau hingucken?“ hat mich vor Jahren, als der >>>> Prozeß um Meere begann, eine Regisseurin gefragt, die einen Film über mich drehte... na, nicht über mich, sondern über diesen vermaledeiten Prozeß:discende alla sua foce
la vita brulla.

Montale
Also die Zwillingskindlein erschienen, es war wirklich wie Familie, nichtquasi-Familie, MutterVaterKinderGlück, ich brachte sie dann noch halb zur SBahn-Station und winkte aus der Sonne, bevor ich in meinem Weiß über einen anderen Weg zur Körperwerkstatt zurückschritt, da noch nicht ahnend, daß bereits heute früh ein Luftgeist des Herbstes erste Frische in meinen Sommer hauchen würde, eine Ahnung von Reif, die angenehm in die Nase geht, wie uns eine Ende vorschmecken lassend, einen Zwischengang, der mit dem Dessert süß harmoniert, ohne daß man das schon weiß; der Gourmet aber ahnt es.
Dies währte auch nicht lange. Bereits nach fünf Minuten ging ich in mein Zimmer zurück und sagte meinem Nachbarn: „Sehn Sie, jetzt muß ich den Pullover schon wieder ausziehen.“ In Wahrheit, Leserin, beruhigt mich aber der Umstand viel mehr, in etwas mehr als drei Wochen wieder in Italien zu sein zur dortig heißesten Jahrszeit – was wiederum mich darauf bringt, bei der Visite, die heute früh noch aussteht, zu fragen, ob ich denn bald wieder tauchen dürfe. Daß ich's tue, egal, wie die Antwort, steht auf gesondertem Blatt; ein Ja hätte ich dennoch gern. Mein Ruhepuls heut morgen betrug 72; das ist zu hoch für mich. Normalerweise liegt er bei 60 - und bei 50, wenn ich täglich trainiere. Dahin will ich wieder zurück.
Jetzt Hametners Gillebuch auslesen, dann die Exzerpte, dann weiter mit den O-Ton-Protokollen von deren 80 Files ich schon 52, bis gestern in die Nacht, aufgezeichnet habe. Auch davon will ich etwas in Die Dschungel stellen, aber erst, wenn ich hier wieder rausbin. Vielleicht, daß mich der Arzt ja doch schon heute entläßt, vielleicht gegen Abend. Wie auch immer, ich möchte mich für die Betreuung gerne bedanken; den Schwestern hab ich vorhin einen ganz runden Kuchen hingestellt; aber fürs Krankenhaus denke ich, wenn denn mein Blut in Ordnung ist, ihm davon zu spenden. Ich werde also fragen. Denn, mit Montale abermals:

È pur nostro il disfarsi delle sere.


(Bezeichnenderweise, लक्ष्मी, heißt dieses Gedicht „Serenata indiana“.)

(>>>> Die Trauerweide hat das Grün einer von zu viel Licht ermüdeten Wiese angenommen, an diesem Morgen eines ersten Augusts. Ganz Pankow steht an der Schwelle eines Dorfes, das sich vorm Erwachsenwerden einrollt: um nicht Stadt zu werden, sondern diese, als eine Werdende, ersucht, weiter schlafen zu dürfen.)

***

(9.46 Uhr.)
Das'ssssss nu' allerdings heftig: Ich komm aus der Caféteria mit frischem Latte macchiato, treff noch mal den Arzt, der mich morgen entlassen will, und mir fällt dummerweise zu fragen ein: „Sagen Sie mal, wie ist das eigentlich mit vögeln?“ Er: „Womit?“ Eine halbe Stunde vorher hatte er mir gesagt: „Ganz wichtig in den nächsten vier Wochen: Nicht schwer heben. Und schwer ist alles über fünf Kilo. Das ist nicht viel, denken Sie daran!“ Und da frag ich jetzt nach der Liebe.
Blick zur Kollegin, dann ganz ernstes Gesicht: „Also damit wäre ich vorsichtig. Das ist wie Sport. Halten Sie sich damit zurück, bitte.“ Womit wir abermals erfahren, wie gefährlich sie ist, die körperliche Liebe.
Werd ich nicht aushalten. Oder ich leg mich auf den Rücken und laß die Damen machen. A u c h eine Form der Befreiung – wenn man denn Zyniker wäre. - Vier Wochen Abstinenz? Niemals!
Jetzt aber Gille weiterlesen.
****

Aus der Körperwerkstatt (3). PP200, 31. Juli 2014: Donnerstag. Und nochmals mit Montale.

(9.10 Uhr:)
Da man hier statt von Brötchen abbeißen zu können, abreißen von ihnen muß und dabei den Kopf hin- und herschleudern, um Teigfetzen herauszubekommen wie Raubkatzen das Fleisch aus der Beute, war ich früh schon hinaus zum Bäcker, wo es auch einen guten Latte macchiato gab und wo ich den hier nur gelinden Verkehr besann. Meinem neuen Zimmernachbarn, der eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit auf und in seiner Hinterseite zu operieren hatte und bereits gestern spätabends auch hinter sich gebracht, kaufte ich gleich zwei Brötchen mit, die er dann aber noch nicht essen durfte - die Nacht über quälte er sich mit Schmerzen herum; ich wachte davon von Zeit zu Zeit auf, war hilflos, ärgerte mich auch über die eine Schwester, die ihm gegenüber zu ruppig war, man könnte von genervt sprechen, stünde dahinter nicht eine Mitleidlosigkeit, die aus der Routine, wahrscheinlich, stammt. Ich verbiß mir aber eine Bemerkung, um sie nicht - und dann eben gegen ihn - noch weiter aufzubringen, bot ihm nur an zu helfen, wo es gehe, und heute morgen brachte ich auf diese Schwester noch einmal das Gespräch. Ich selbst bin ja in einem Zustand, der Kämpfen nicht ausweichen muß, nach wie vor, aber sowas läßt sich für andere nicht entscheiden. Es kommt hier auch wirklich nur selten vor, daß Schwestern, sagen wir, grantig sind; die meisten sind sehr freundlich und sehr da, und selbst die Grantler lassen sich knacken - siehe >>>> meine Antiarie zur Körperrasur. Mir der Schwester, jetzt, ich bin mir sicher, könnt ich unterdessen Pferde stehlen; zumindest stünde sie Schmiere und haute nicht ab.
Nun merkte allerdings auch ich gestern abend ein bißchen Schwäche, hatte den ganzen Tag draußen auf dem Balkon verbracht, auch, als es regnete und abends kühler wurde, hatte gearbeitet einiges, einiges gelesen; dann war mir nach Schokolade gewesen - eigentlich nach einem Wein. Aber da heute neuerlich Blutwerte bestimmt werden sollten, wollte ich da nix verfälschen oder ungünstig aussehen lassen, und verkniff mir deshalb den Alkohol. Dennoch, runter ins Foyer, "gibt es hier ein Büdchen?" "Büdchen nein, aber hundert Meter weg einen Aldi. Wenn Sie sich beeilen, kommen Sie noch vor Ladenschluß hin." Da merkte ich dann, auf dem Weg, die Wunde doch sehr, und als ich wieder auf meinem Balkonchen saß und es immer kühler wurde, dachte ich, ui, krieg ich Fieber? So daß ich mich klüglicherweise ins Zimmer begab und hinlegte, noch versuchte, einen Film zu sehen, von dem ich aber nur den Anfang, dann eine Mitte mit ziemlich vielen Zombies sowie ein komplett wirres, mir in keiner Weise mehr nachvollziehbares Ende mitbekam, auf das hin ich in den Schlaf nicht fiel, sondern sackte - den halt meines Nachbarn Schmerzen immer wieder mal, nein, nicht störte, so etwas stört mich nicht, sondern bloß minutenlang unterbrach. Heute morgen dann war ich um fünf Uhr quietschfidel, tat schon mal paar Schritte durch die Station, aber es gab ja noch nirgendwo Kaffee, also legte ich mich noch einmal hin. Um sechs aber war es genug.
Um sieben kam der Arzt zur Blutabnahme, um acht frühstückte ich mit meinen frischen Brötchen, um neun wurde das Verbandchen gewechselt. Ich war selbst gespannt darauf, wie die Wunde aussieht, bzw. die Naht. Zur Zufriedenheit des Arztes so:

(Das Foto zeigt eigenlich mehr, aber weil ich da drüber so nackicht jetzt bin,
machte mir ein Hupf übern Jugendschutz keinen wirklichen Spaß.)
Allerdings, obwohl ich unbedingt morgen schon nachhause wollte, will er, der Arzt, mich erst übermorgen lassen. Dabei hatte ich mir so eine schöne Rede zurechtgelegt: von wegen auf eigene Gefahr; daß das Leben-selbst eine Gefahr sei und auch sein solle, es wär sonst nichts wert usw., halt mein Credo. Aber dann dachte ich: hm, wegen eines einzigen Tages? Was soll's, ob nun Freitag oder Sonnabend? Zum Übertragen der Kreuzfahrt-Aufnahmen brauch ich die Zeit doch sowieso, und es ist egal, w o ich sie verbringe. Also gut, häng ich halt einen Tag noch dran. Und ich hör ja von verschiedenen Seiten, wie beliebt meine Krankheitserzählungen sind, die ich für Die Dschungel schreibe. Faß ich's mithin als Leserservice auf. Und kann dann auch noch etwas länger meinen Lieblingsbaum, hiesig, betrachten:
*

Gestern abend schon und wieder heute früh las ich >>>>Montale, bin aber zunehmend von Ferbers Übersetzung beärgert; ich muß unbedingt >>>> Parallalie deshalb schreiben. So geht das einfach nicht.
Zum Beispiel:
Ma nulla paga il pianto del bambino
a cui fugge il pallone tra le case.
Daraus macht Ferber:Nichts aber zählt wie die Tränen des Kindes,
dem der Ball zwischen den Häusern entschwindet.
Bei Montale zählen sie eben gerade n i c h t.
Aber auch schon, im selben Gedicht, darüber, erste Strophe:e dunque non ti tocchi chi più t'ama.Ferber:so rühr es nicht an - und du liebst es am meisten.Nein, eben nicht! sondern es liebt dich am meisten. Ferber okkupiert das fremde Liebende mit dem lyrischen Ich, das bei ihm autonom wird, bei Montale aber eines ist, dem etwas, hier Liebe, geschieht. Und in einem anderen Gedicht macht Ferber aus Montales „l'azzurro tranquillo“, stillem Blau, „Bläue und Stille“.
Es gibt solcher Schrecklichkeiten noch weitaus mehr, aber diese meine Beispiele mögen Ihnen genügen. Ich will jetzt auch mal mit den O-Ton-Protokollen weitermachen. Der Tag verspricht, wieder schön zu werden. Es gibt Sonne, und in den Blättern meines Parkes turtelt der Wind.
„Das ist wohl“, sagte gerade meine entstumpfte Rasierklingenschwester, „eine Art Urlaub für Sie?!“ - da sie mich abermals hier sitzen sieht. „Oh nein“, so nunmehr ich, „sondern ich arbeite. Aber es ist ein Privileg meines Berufes, dies zu tun, wo immer ich mag.“ Und es gehört in der Tat zu meiner Lebensüberzeugung, das nie, nie, niemals wieder zu ändern. Auf keinen Fall mehr angestellt sein: niemals Vorgesetzte haben.

>>>> Bestellen.

Aus der Körperwerkstatt (2). PP199, 30. Juli 2014: Mittwoch. Darinnen Röhnerts Thrakien und Eckers Große, aber, Kränkung.

(8.56 Uhr, MariaHeimsuchung.
Balkon.)
Nein, ich war >>>> gestern nicht zu schwach, um, Leserin, Ihnen zu schreiben. Sondern zum einen dachte ich, das sei zu früh, übersteige Ihre - verzeihen Sie meine Incharmanz - mit meinen Innenbildern gewiß noch viel zu beschäftigte Vorstellungskraft; zum anderen indes wollte ich vor allem lesen, erst einmal >>>> Röhnerts Thrakisches Tagebuch:
das mich dann aber doch nicht genügend überzeugt hat, um darüber, wie ich's wollte, zu schreiben; es gibt darin sehr schöne Formulierungen, zwar:Trübsinnige und bedächtige Hunde;
S.62;
(… die Bilder wachsen ständig an, zu vielfältigem Gebrauch, durchaus, doch statt Tiefe tut sich nur die Oberfläche mit ihrem leeren Abgrund vor uns auf;
Ebda;
freilich auch mit diesem da:(....) einen Moment der Schönheit (…), der nur so lange dauert, wie der Atem die Strophen haucht;
A.19
doch trotz einem solchen Strophen hauchenden Atem bleiben die Tagebucheinträge-selbst auf der Oberfläche, ist mein Eindruck, der Eindruck meiner Sinne, denn der Geist ist selbst ein Sinn, wenn man denn noch Instinkte hat, solche nämlich abermals des Geistes selbst; bei Röhnert hingegen, hier in diesem einen Buch, oder Halbbuch im Quartsformat, bestimmt ein gewisser pädagogischer Ton, einer des Lehrens, den Stil; ja bisweilen ist es, als belehrte er sich hie und da selbst, und weil man aber als Leser an die Rwzeptionsstelle des Autors tritt, wird man d o c h selbst belehrt, wo wir imgrunde fühlen wollen, und zwar auch die Lehre. Röhnert steht hier, wie ich glaube, sein akademisches Lehramt im Weg, ein Vorherrschen der profanen Rationalität, die er zugleich beklagt, aber eben pädagogisch beklagt, anstatt Mänaden loszulassen. Deshalb wird das Bücherl immer da nur vorzuzüglich, wo es einerseits Pound, zum anderen Nietzsche die Zügel gibt, um sie dem Pferd, das dieses Buch sein sollte, freizulassen. Hinzu kommen die vielen reproduzierten Handy-Fotografien, deren Kraftlosigkeit fast schon Qualität ist, so eine Art Deutschland-privat-in-Thrakien, doch ohne FKK, um von Dionysos zu schweigen. Über den ist gelehrt nicht zu schreiben, sondern man muß Orgien wollen, um ihn zu erfassen. Nein, ich verstehe beide nicht, nicht Röhnert, mit dem ich befreundet bin, noch Leukert, mit dem ich sogar e n g befreundet bin, - verstehe nicht, weshalb ausgerechnet solch eine müßige, wenn auch gutgemeinte Publikation in die erste Reihe der neuen Faust-Edition gesetzt ward. (Kann sein, daß meine Bemerkungen mich nun abermals Zuneigung kosten, aber ich bin der Dichtung verpflichtet: prima le parole.)
Anders, völlig anders dagegen – das war so auch zu erwarten – Christopher Eckers neues, im just verstrichenen Frühjahr erschienenes Buch „Die letzte Kränkung“. Dessen einzig Mäkel„wertes“ ist, daß es sich keineswegs um einen Roman handelt, wie aber der Buchtitel will, sondern viel eher um eine Novelle, bzw. Phantastische Erzählung, deren „Schlitz“, das heißt narrativer Focus, ein nunmehr nicht rundes, sondern längliches und gleichsam begehbares >>>> Aleph ist, ein in zwiefachem Sinn ver/rücktes Schwarzes Loch, das sich auch als ein Auge ansehen ließe, das sehr geschwollene Lider umgeben. Dabei lesen wir wahrscheinlich nichts anderes als die Geschichte eines deutschen Deserteurs, jedenfalls eines Mannes, der sich vor dem Krieg in einem bretonischen Dorf verkrochen hat und den, statt der Jäger des Feldes, solche des eigenen Geistes und der eigenen Schuld in das Verschwinden treiben. Das ist in einer höchst klaren, fast kleistmodernen Sprache geschrieben, womit ich sagen möchte, daß ein Kleist unserer Gegenwart genau so schriebe, vielleicht, und - ecco! - schreibt. Nicht nur gibt es in der Erzählung „nach Baumrinde und Ebbe duftende“ Sommernächte, nicht nur „neben dem Bett“ den „leere(n) Leuchtturm der Weinflasche“, nein, die Erzählung zielt auf uns Menschen fast allgemein:Wir alle sind Bündel aus Geschichten, die wir anderen über uns erzählen oder die wir von anderen über uns erzählt bekommen, und diese anderen sind Bündel aus Geschichten, die sie uns über sich erzählen oder die die von uns oder Dritten über sich erzählt oder die wir über sie von Dritten erzählt bekommen.
S.62.
Und, bereits in der Coda, abgesehen von den „Tiden des Atmens“:Die vierte Kränkung war der Tod. Nicht der eigene Tod, sondern der Tod derer, die man liebt.
S.118
Ich kann Ihnen wirklich nur empfehlen, dieses Buch – es liest sich bequem an einem einzigen Tag – sich zu kaufen und abermals, bitte, auch für es zu >>>> „votieren“:

>>>> Bestellen.

*******
Aber zurück in die Körperwerkstatt, auf deren Balkonchen ich nun wieder sitze, bereits seit knapp sieben Uhr morgens, um dort gelesen zu haben und nun zu schreiben; sogar gefrühstückt habe ich hier, und wenn auch die beiden Brötchen so weich waren, daß man von ihnen nicht beißen konnte, sondern abziehen mußte, mag ich dennoch nicht in das allgemeine, mir viel zu wohlfeile Lamento über die Krankenhausverpflegung einstimmen; wer mag, kann ja nach gegenüber gehen, wo es einen guten Vietnamesen, aber auch den Ihnen schon bekannten Italiener gibt. Interessanter ist etwas, nein mehreres, anderes:

Zum einen erlebe ich hier die Tendenz ganz sicher gar nicht beabsichtigter Entwürdigungen; die ergeben sich durch Einschliff, niemand meint es wirklich böse. Aber der ständige Umgang mit Kranken und Selbstentscheidungsbehinderten läßt einen Ton wie gegenüber Kindern entstehen, und die Patienten selbst, ist mein Eindruck, ergeben sich der Regression. So, wie sie auch geneigt sind, eigene Entscheidungen in fremde Hände zu legen. Etwa – das ging gestern morgen gleich los – die „Frage“ meiner Körperrasur. Ich hatte Ihnen schon erzählt, daß ich da heikel bin; alles unterhalb der Brustwarzen sollte weg, was ich für eine Operation in der Leistengegend für komplett übertrieben hielt und halte, dem Arzt das so auch gesagt hatte, und er hatte mir schließlich zugestimmt. Also enthaarte ich mich vorgestern abend „brav“ unter halb des Bauchnabels bis zu den oberen Oberschenkeln. Das sieht bizarr genug bei einem Mann mit Fell aus, der ich bin.
Jedenfalls wachte ich gestern morgen auf, ich schlafe auch hier nackt, und die eine Schwester sieht mich und sagt: „Und rasiert hat er sich a u c h nicht...“ Schon der Ton brachte mich in Harnisch, den ich aber mit einem Lächeln verfruchtgummite, indem ich säuselte: „Aber gewiß, junge Frau“ (sie ist sowas um fünfzig), „alles unterhalb des Nabels.“ Darauf sie, rüde: „Das reicht nicht. Da muß a l l e s ab.“ „Tut mir leid, aber das hab ich mit dem Arzt anders besprochen.“ „Das gibt es nicht!“ Und zur Kollegin: „Hol schon mal den Rasierer.“ Ich: „Sie haben Pech, damit kommen Sie bei mir nicht durch.“ Ich spürte es deutlich, es ging hier um eine bestimmte Form von Entmannung. Klar hätte ich beiden jetzt von Samson erzählen können, vermutete aber, daß sie zu dieser Stunde in der Schule gefehlt – wobei man von Glück sprechen kann, wenn dergleichen heutzutage noch durchgenommen wird; man kann da nur auf die Jesuiten noch hoffen. Egal, denn nun wieder sie: „Das m u ß abrasiert werden. Das wird hier immer so gemacht.“ Ein Satz, den ich besonders liebe, wie Sie wissen. „Dann reden Sie erst einmal mit dem Arzt, schicken ihn her, und er selbst soll mir das erklären. Wenn ich den Grund einsehe, werde ich folgen.“
Es kam kein Arzt, und die Angelegenheit wurde fortan nicht mehr erwähnt. Aber meine Aufsässigkeit hatte noch kein Ende. Nämlich kriegte ich Pillen hingestellt. Ich: „Was i s t das?“ „Das hat die Narkoseärztin verschrieben.“ „Ich will keine Narkose. Also sagen Sie mir, was das ist.“ „Da müssen wir nachgucken.“ „Eben darum bitte ich Sie.“
Und wieder hörte ich nichts, ging also selbst zum Glaskasten, fragte bei anderen Schwestern nach. Die wußten auch nichts Genaues, nur: „Ein Beruhigungsmittel..“ „Ich bin nicht beunruhigt.“ War ich auch tatsächlich nicht. „Vielleicht sehen Sie mal nach, wie die Tabletten heißen. Dann kann ich sie googlen und dann entscheiden, ob ich sie nehme.“
Man begibt sich viel zu schnell in anderer Leute Gewalt, vor allem aber in die Gewalt von Institutionen und genormten Abläufen, die kein Mensch mehr hinterfragt. Zugleich spürte ich, wie schwierig der Widerstrand ist und daß man sehr viel Rückrat braucht, um ihnn zu wagen. Wenn jemand wirklich krank ist, hat er – hat sie – das nicht mehr, k a n n es gar nicht haben.
Ich schluckte die Pille schließlich aber doch, eine Art Valium – und bereute es nachher. Weil ich müde wurde davon und doch aber meine OP voll bewußt erleben wollte. So nahm ich alle Konzentration zusammen, um mich gegen diese Müdigkeit zu wehren – schaffte es auch, verschob sie auf mittags nach der OP, wo ich dann fast zweieinhalb Stunden lang schlief – bis meine quasi-Familie in de Tür stand.
Zur OP das schon bekannte Nachthemd mit freiem Gesäßblick und aber einem Stoffhöschen und einer ziemlich dicken Damenbinde als Einlage. Das war zu verstehen, ich war noch nicht auf Toilette gewesen, hatte ja nach der Kolo auch nur sehr wenig zu essen bekommen. Prinzipiell möglich, daß ich während der OP was verlor. Da ich bei Bewußtsein blieb, tat ich's aber nicht. „Das ist vielleicht ein Gefühl!“ rief ich mit der Binde zwischen den Beinen aus. „Da sehen Sie mal“, antwortete die Schwester – ebendie, mit der ich zuvor die kleine Auseinandersetzung gehabt - „was wir Frauen dauernd müssen.“ Woraufhin ich: „Na ja, bei mir ist da aber a bisserl was im Weg.“ Woraufhin sie laut auflachte, womit wiederum zwischen uns ein Frieden geschlossen war, der immer noch anhält. Begegnen wir uns jetzt, müssen wir beide jedesmal lächeln.
Dann ging's also im Hemdchen, das ein irgendwie seinerseits Regreßmuster hat, anstelle, daß man's einfach weiß oder blau oder gerne auch knallegrün oder rot sein läßt, --- also im Hemdchen gefahren in den OP, gerollt heißt das, wobei ich viel lieber zu Fuß gegangen wäre. „Na gut“, sagte die, jetzt eine andere, Schwester, „auf der Rückfahrt rollen Sie m i c h.“ Sie jedenfalls hatte von Anfang an Humor. Ich stemmte mich gegen die Tablettenmüdigkeit und setzte mich deshalb aufrecht. „Bitte legen Sie sich hin, das ist Vorschrift.“ „Ich bin meine eigene Vorschrift.“ Woraufhin sie abermals lachte. „Verfluchte Tabletten“, sagte ich. Und Sie: „Sie lassen sich nicht unterkriegen, oder?“ „Schon gar nicht von Tabletten.“
Wir langten an.
Vorraum. Vorbereitung für die Rückennarkose, unterhalb des zweiten oder dritztenm Wirbels, wo es kein Mark mehr gibt, hatte ich mir erklären lassen,“nur“ noch Nervenadern, die aus dem Mark herauszüngeln. Ich fand das rasend spannend, und bsonders diese Spannung bot der Müdigkeit pari. Nochmal Puls, nochmal Blutdruck, 60 :120, ich will auf meinen Ruhepuls von 50 zurück.
„Setzen Sie sich bitte hin, die Füße auf den Sockel, ja, richtig, und den Rücken runden“ - wie bei einer Trainingseinheit für die Rückenmuskulatur, bei der man sich gerundet, nicht etwa, was die meisten falsch machen, steif gestreckt wieder nach oben gleitet, dabei in der Beugung das Kinn in die Schlüsselbeinkuhle gelegt. Erste Betäubung für die Spritze selbst, dann die Spritze – ich ließ sie mir erst einmal zeigen, 10 bis 12 cm Länge – hinein. Zu spüren war schlichtweg – nichts.
Und langlegen wieder, Einfahrt in den kleinen OP-Raum, dreivier Schwestern, der Chirurg, Begrüßung. „Sie wollen bei Bewußtsein bleiben?“ „Klar.“ Nur daß so eine Art Gardine zwischen mich und meine Brust gezogen wurde. „Ich mach jetzt den Schnitt.“ „Ich hätte hier gerne ein Fenster. Nehmen Sie das bitte in die Wunschliste auf?“ Er lachte. „Offen.“ Wieder nichts zu spüren. Meine Füße waren warm, auch die Oberschenkel, sonst nichts zu fühlen. Ob ich noch einen Schwanz hatte? Das prüfte ich als allererstes, als ich schließlich wieder in meinem Zimmer lag, nach. Zu fühlen war er wirklich nicht, also nicht von sich aus. Aber ich hatte ja Fingerspitzen, um mich zu beruhigen; das taten sie denn auch.
Doch vorher noch, von der OP, bekam ich wirklich alles mit. Der Arzt erzählte, was er grad tat, und ich war nur traurig, daß ich nichts sah und daß mir vor allem nicht erlaubt worden war, die Originaltöne mitzuschneiden. Das wird mich noch wochenlang wurmen.
„Fertig.“
„Ja, dann sage ich herzlich danke“, sagte ich. - „Aber gerne.“ - „Tschüß“, sagte ich. „Tschüß“, sagten die Schwestern, derweil mein Chirurg bereits in den nächsten OP-Saal davonwar. Diese Menschen arbeiten wirklich; ich habe tiefste Hochachtung vor jedem richtigen – wahren – Beruf. Jobs hingegen find ich verächtlich.
Dann lag ich wieder auf dem Zimmer, und eigentlich war mir nach Aufstehen, gleich hinaus wenigstens auf meinen Balkonplatz, mit eCigarillo und, wenn schon nicht einem Talisker, so doch wenigstens Kaffee. War aber nicht. Nicht, daß man's mir verweigert hätte, aber ich war halt unterhalb des Bauchnabels irgendwie nicht da. Immerhin meldete sich schon sehr bald das linke Bein, erstmal zehzuckenshalber, dann auch der Oberschenkel; nur das rechte befand sich noch im Nichts. Geduld, also, Herbst, Geduld – was die für mich schwierigste aller Disziplinen ist. Schmerz? Unfug, kann ich mit umgehen. Aggressionen? Okay, aggressier ich zurück. Verachtung? Bitte sehr, ich überführ meine Verächter der Korruption, nahezu immer. Hunger? Kriegt man ebenfalls schnell in den Griff. Müdigkeit? Ähm, wovon sprechen Sie? Ach, Sie meinen Erschöpfung. Na, wenn Sie sowas h a b e n, bitte, nur zu. Is' I h r e Entscheidung, nicht meine. Aber Geduld? Daran kann ich sterben. Dagegen ist der einzige, sagt Heller, Fluchtpunkt der Schlaf. Der aber nicht kam, ich war viel zu aufgedreht. Erst, nachdem ich ein, horribile dictu, Süppchen bekommen und, wie meine Oris meinte, es auch an der Zeit sei, drehte ich mich zur Seite und schlief zwei Stunden durch. Da stand dann mein Sohn mit der Mama am Bett.

Der Tag verging im Geplauder. Die Wunde tut ein bißchen weh, ich ging auch nicht grad in aller Frische herum, aber kam gut von hier nach dort und zurück und wieder von dort nach da und abermals zurück; überhaupt hatte ich ein irres Bedürfnis nach Bewegung. Im Bett liege ich quasi nie, es sei denn zur Nacht und auch dann nicht vor halb nach Mitternacht. Blöde ist, daß die Kantine erst um neun öffnet; also wenn ich, was der Fall ist, um halb sechs auf bin, krieg ich weder Espresso noch Latte macchiato, ja nicht einmal von der Plörre, die die Deutschen Kaffee nennen; denn das Frühstück gibt’s erst zwischen acht und halb neun. Was alles zu einer Art Zwangsschlaf zwingt. Und eben, heute, 30. Juli, teilt mir der junge Betreuungsarzt mit, daß ich morgen „auf jeden Fall!“ noch hierbleiben müsse, wahrscheinlich auch noch am Freitag. Morgen werde noch mal ein Blutbild gemacht, und mit der Physiotherapeutin solle ich sprechen, was ich flug vorgeholt habe, weil sie mir grad entgegenkam auf meinem Weg hinauf zu einem Espresso. Also: Kraftsport einVierteljahr lang bitte nicht, auch niemandem beim Umzug helfen. Über meinen Rucksack sprach ich nicht. Besondere Hitze bitte meiden. Das wird am schwersten für mich sein. „Bitte bei allem nur Mittelmaß“ - was für mich einem Todesurteil gleichkommt, woran ich mich auch nicht halten werde, ja gar nicht k a n n. Aber ich denke mir, so sprechen eh nur Menschen, die auf halber Flamme leben. Schließlich gibt’s auch in Arabien Leistenbrüche, und auch dort werden sie operiert, und in Süditalien und den Tropen. Wir in unseren in jederlei Sinn gemäßigten Zonen nehmen das alles zu ernst. Es ist die Furcht, die zur Krankheit führt. Im übrigen gilt, daß sich mein Wille auch nicht vom Körper dominieren läßt.
Jetzt aber zurück zur guten Laune, die mir gerade vergehen wollte. Und wenn man mich am Freitag nicht heimlassen will, unterzeichne ich das Papier, daß ich auf eigenes Risiko heimgehen werde. Sowieso: Mein Leben i s t mein Risiko, ist niemandes sonst, und ich habe nicht vor, es zu delegieren, noch, es mir abneghmen zu lassen. Ich gebe Verantwortung auf keinen Fall ab

Punkt:     .

Christopher Eckers unheimlicher Großroman F a h l m a n n.

(Geschrieben für >>>> Volltext.
Dort erschienen in 4/13.)

Jede Pfütze Ozean.
>>>> Thetis.Anderswelt.
Bis hierher haben sich die Roman-
schriftsteller damit begnügt, die Welt
zu parodieren. Jetzt handelt es sich darum,
sie zu ersinnen.

>>>> Blanche oder Das Vergessen.
Man muß nur wollen. Und können.
>>>> Fahlmann.

Dieses Buch - so äußerte sich einer der derzeit wichtigsten, aber auch kenntnisreich-s­ten deutschen Kritiker der Gegenwart - sei eines der großen Lebensabenteuer der letzten zehn Jahre. Doch für den deutschen Buchpreis eigne es sich nicht, weil es sich nicht verkaufen werde. Der Buchpreis werde nur an potentielle Bestseller verge­ben.
Abgesehen von dem Armutszeugnis, das sich der Mann damit ausgestellt hat – eine Verbeugung bis zu den Knien vor dem Markt – gibt die erhellende Äußerung nicht nur Einblick in die heutige Praxis des Feuilletons, sondern leuchtet überaus scharf das Verhältnis von Markt und Wirkung aus. Das eigentlich zu Betrachtende bleibt hingegen im Schatten, also das Sprachkunstwerk selbst: Alle jene, die auf die öffentliche Stellungnahmen von Kritikern angewiesen sind, erfahren gar nicht mehr von seiner Existenz. Sondern ihnen nahegebracht wird nur noch, was sie sowieso schon kennen. Es geht, kurz gesagt, nicht mehr um Qualitäten, auch nicht einmal mehr um den Konsum, sondern allein noch um Umsatz. So werden Bücher selbst von den Experten zur Ware reduziert. Kaufgrund ist >>>> nicht mehr das, was Kunst eigentlich ausmacht, sondern ihre Erscheinung als „Plot“. Der schließt immer schon seine Ver­filmbarkeit ein, ja sie wird geradezu eine Voraussetzung für ihren Absatz.
Für manche Bücher – die besten – ist das fatal. So auch für Christopher Eckers Ro­man „Fahlmann“, der vor anderthalb Jahren im >>>> Mitteldeutschen Verlag erschienen, aber, wiewohl ein Riesenbuch von über 1000 Seiten, geradezu geheim geblieben ist; die Leute, die es kennen, sind an fünf Händen abzuzählen. Das ist schon deshalb skandalös, weil davon ausgegangen werden muß, daß sehr bewußt verschwiegen wurde und weiterhin wird – möglicherweise aus Angst, es könne dem so bequem in klingende Münze und unterdessen internationalen Einfluß umtauschbaren sogenannten Realismus ein empfindlicher Riß beigebracht werden.
Tatsächlich >>>> widerstrebt Verfilmbarkeit der poetischen Grundbewegung dieses Buches. Doch nicht nur deshalb gehört es zu den bedeutendsten deutschsprachigen Ro­manen der letzten Jahre, sondern weil es ihm gelingt, gleichzeitig die Gebote des Realismus zu beherzigen wie eben auch sie auszuhebeln. Ecker, gleichsam, „über­zieht“ den Realismus sogar; ich möchte sagen, er transzendiert ihn bis ins Verschwin­den. Und zwar, indem sein Erzähler, Georg Fahlmann, aus seinen Geschichten im­mer wieder herausspringt, oft mitten im Satz, und sie in inneren Monologen mit Ar­beitsanweisungen kommentiert: Wieso mache ich eigentlich kaum noch Absätze? Wann hat das angefangen? Und warum? Wird das wieder aufhören? Und wenn ja, wie? Absatz. Ebenso verspottet er gern die Lesererwartung: Aber als Fahlmann den Linienbus verläßt (...), findet er zur Erleichterung des geplagten Lesers zum traditio­nellen Erzählen zurück. Wobei er allesdies immer wieder in die Erzählung zurück­bindet, ja, den „Plot“ daran aufhängt. Was zu einer Verwischung von Erzähltem und Erzähler führt. Doch Eckers eigentliche Kunst besteht darin, daß er das Übergreifen der Fiktion auf die Realität fast allein aus dem Stil seines Buches entwickelt: Er be­hauptet nicht, sondern läßt passieren, bis Georg Fahlmann endlich nicht mehr anders kann als dem Umstand ins Auge zu sehen, daß sich meine Notizen selbständig mach­ten. Da ist es für ihn aber längst zu spät und für die Leser sowieso.
Fahlmann ist ein, sagen wir mal, ergrauender Student, der Anerkennung als Schrift­steller sucht, als solcher auch viel arbeitet, mal inspirierter, mal verkrampfter, seinen Unterhalt aber als Aushilfe in einem von seinem Onkel geleiteten und von seinem ver­storbenen Vater mitgegründeten Bestattungsunternehmen bestreitet. Mit dem grotes­ken Unfalltod des Vaters fängt das Buch auch an. Auffällig teilnahmslos sieht Georg Fahlmann dem Geschehen zu. „Mein Vater ist tot“, sagte ich tonlos zur Fenster­scheibe. (...) Weder empfand ich Trauer noch ein Gefühl der Leere, bzw. hat ihn Lee­re schon lange gefüllt, schleichend drang sie in ihn, zum einen als Entfremung von seiner eigenen kleinen Familie, zum anderen, weil seine schriftstellerischen Impulse so völlig ohne anerken­nenden Reflex bleiben – das heißt: Anerkennung hat er durchaus gefunden, sogar in einem „großen Frankfurter Verlag“, doch dummerweise für Gedichte, die er im Totalsuff mit seinem Freund Achim zusammengeulkt hatte. Die werden nun regelrecht nicht etwa als Nonsense, sondern als Avantgarde abgefeiert, ja, schlimmer: Der Verlag will noch Nachschub, und wenn Fahlmann Lesungen wahrnehmen muß, sitzt er mit schiefem Lächeln entgeistert vor dem Publikum und fragt sich, wo das denn seinen Kopf gelassen habe oder ob es überhaupt je über einen verfügte.
Es ist eine Stärke des Romans, daß solche Szenen nicht satirisch angelegt sind, son­dern etwas durchweg Existentielles haben: Ontologie einer Gesellschaft, die – man muß fürchten: bewußt – dem falschen Schein huldigt. Vor dessen Zumutungen Fahl­mann sich auf den Dachboden geflüchtet hat, in seinen von ihm „Spitzbergen“ ge­nannten Elfenbeinturm, worin er an einem >>>> 1910 in Ostafrika spielenden Roman schreibt. Anfangs nach Kapiteln gesondert, bestimmt dieser Roman-im-Roman einen großen Teil des Buches und fängt schleichend, sich einschleichend, an, mit den realistischen Szenen zu verschmilzen, bis sich Zeiten und Orte unablösbar übereinandergelegt haben. Deren Nahtstelle ist Paris, wo Fahlmann als noch sehr junger Mann seine heutige Frau kennen und auf Anhieb zu lieben gelernt hat. Damit hat es auch gar nicht aufgehört, aber das Begehren ist schal geworden, vom Alltag gefressen, durch Gewohnheit ermüdet. Weshalb Fahlmann halb verzweifelt, halb ge­trieben geradezu wahllos Frauenbekanntschaften pflegt oder sie bis knapp vors Stalking überhaupt erst zu machen versucht. Dabei entspricht seiner durchaus machistischen Perspektive eine gewisse Neigung zur halben Impotenz, die er auch immer wieder formuliert – darin, wie in vielem anderen, durchaus „nachvollziehbar“ realistisch, auch wenn man sich mit sowas nur ungern identifiziert.
Georg Fahlmann ist insgesamt ein nicht wirklich angenehmer Held. Doch genau hier liegt eine nächste Stärke des Buchs, daß es nirgends zur Verschönung neigt, sondern physiologische und die deutlichen Schwächen des Charakters nahezu immer auf den Punkt bringt – ihn bringen läßt, muß das heißen, weil der „Held“ ja selber schreibt –, – bis er gegen Ende des Romans den ungeheuren Eindruck bekommt, selbst geschrie­ben zu werden, also selbst eine Romanfigur zu sein. Wobei er, Fahlmann, nicht sei­nen „wirklichen“ Autor, Christopher Ecker, im Auge hat, von dem er tatsächlich nichts weiß – insoweit bleibt das „klassische“ Verhältnis von Autor und Erzähler un­angetastet – , sondern seinen konkurrenten Freund Winkler. Ist er, Fahlmann, wohl selbst Bestandteil des „Großen Planes“, an dem jener arbeitet? Dies bleibt so notwendiger- wie verzweifelnderweise ebenso im Dunklen wie der Auftrag, mit dem Fahlmanns Romanheld Bahlow nach Afrika entstandt worden ist – ein Reflex, könnte sein, auf Pynchons berühmte Verschwörungsnovelle >>>> The Crying of Lot 49:
Noch manches andere Motiv Eckers legt nahe, bei wem er in die poetische Schule gegangen ist. Dazu passen auch die im Roman direkt genannten Bezüge von >>>> Sherlock Holmes über Treasury Island bis zu den Schlümpfen, die dem Buch eine der zugleich hellsichtigsten wie witzigsten Partien bescheren, und zwar ausgerechnet in erkenntnistheoretischer Hinsicht und obendrein als Reflektion über Thomas Manns Praxis der Namensgebung: Durch den Akt des Benennens nimmt der Benenner nämlich Platz auf dem Thron und vermenschlicht, vielleicht ohne es zu wollen, die göttliche Schöpfung. Nicht von ungefähr erinnert Linnés Akt der Aneignung der Welt durch das Wort an die Schlümpfe und ihre monosyllabisch-omnivalente Sprache. [….] „Schlumpf mir mal einen Kuchen!“, sagt der Brillenschlumpf und schlumpft sich so hinein in eine begriffene, beherrschte, durch das Schlumpfen vertraut gemacht Welt. Nicht anders menscht der Mensch die nackte Andromeda ins Punktechaos des Sternhimmels und menscht so das bedrohliche Durceinander mit Struktur und Bedeutung auf. Bei dem „Zauberer“ klang das noch so: Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen verfügen und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten (>>>> Joseph und seine Brüder, I). Genau das wird Georg Fahlmann zum Verhängnis, wenn seine Wähnung denn richtig ist, daß er selbst erfunden – hier also: benannt – wurde. Und so benennt denn er seinerseits die Welt, das heißt: erfindet sie. Es bleibt ihm imgrunde gar nichts anderes übrig. Wie Christopher Ecker seinen Helden uns das vorführen läßt, ist das poetologische, ja philosophische Zentrum des Buches. Aus der gescheiterten und eigentlich unsympathischen Hauptfigur wird so tatsächlich ein, und wahrscheinlich großer, Künstler. Aber dieses Zentrum ist kein Zustand, sondern Alles ist Bewegung. Alles ist gleitender Prozeß.
Dennoch ist Eckers Roman nicht nur ein theoretisches Manifest der Nach-Postmo­derne, ja, das vielleicht am wenigsten. Es geht nicht darum, noch einmal die auch schon nicht mehr neusten Thesen der DieWeltIstEinText-Verfassung wie auch immer spielerisch durchzudeklinieren, sondern „Fahlmann“ lebt eben recht eigentlich von den Anleihen oder sagen wir: von der Referenz, die es dem zugleich infrage gestellten sogenannten Realismus erweist. Ecker tut das durch eine sinnlich-erzählerische Prallheit, die in unserer Ggenwartsliteratur ihresgleichen sucht. Das fängt bei der irrwitzigen Szene, in der Hunderte Urnen heimlich in einem See versenkt werden sollen, nicht erst an: Fahlmanns Onkel hat sich die in Auftrag gegebenen Seebestattungen aus, sagen wir, ökonomischen Erwägungen erspart, muß aber nun die vielen zu Asche zerstampfen irdischen Überreste irgendwie loswerden. Leider gehen ihre Behältnisse, was man sich freilich hätte vorherdenken können, nicht unter, sondern schwimmen schließlich Tonleib eng an Tonleib auf der Wasseroberfläche... und es hört in dem Pariser Empire-Hotel nicht auf, in dessen einem Zimmer eine gewisse Madame Chabas, frecher Anklang an Chauchat, ausgerechnet Hühner hält, die ihr immer wieder auf den Hotelgang entwischen.
Doch überhaupt dieses Paris! Weil Fahlmann Stadtplan und Weltkarte übereinanderprojiziert – übrigens tatsächlich: so, unter anderem, ist Christopher Ecker seinen Recherchen nachgegangen – ist es möglich, die berühmte Stadt auch auf dem Seeweg zu durchreisen, doch es braucht nur eine kleine Drehung des Kopfes, um aus Hammerfest die Rue du Potau zu machen und aus dem Boulevard Ney das Nordkap; wiederum der Nordpol ist das für den Stiel eines Sonnenschirms gefertigte Loch in einem Plastiktisch auf einer Verkehrsinsel.
Nachdem Fahlmann nämlich sein Elternhaus, Sitz des väterlich/onkligen Bestat­tungsungternehmens, verlassen mußte, umziehen also, und deshalb sein Spitzbergen verloren hat, absentiert er sich von seiner Frau, auch von seinem Jungen, nun gerade­zu restlos und kehrt in die Stadt seiner jungen Liebe zurück. Dort will er endlich den Ro­man fertigstellen, dessen Held, der 1910er Bahlow, von Ostafrika allerdings ebenfalls nach Paris gereist ist. So daß es nicht Wunder nimmt, wenn sich die beiden über sämtliche Zeitschranken hin­weg begegnen. Im selben Maß, in dem teils Fahlmann-selbst Züge von Bahlow be­kommt, teils seines Freundes Achim, verwandeln sich die Romanhelden flirrend zu­rück in ihre Urbilder – Palimpseste, aus denen ein früheres Fresko herausschimmert: eben die Menschen aus Georg Fahlmanns „realem“ Um­gang als Ehemann, Vater und gescheitertem Studenten. Doch ist das eben nie sicher und fixiert, fließt seinerseits. Das funktioniert wegen der ständigen Vermischung von Erzählung und Selbstkommentar geradezu organisch und ist alles andere als ein tro­ckenes, abstraktes Verfahren, sondern von einem kräftigen, manchmal bis ins Ka­lauern schäumenden Humor getragen, und zwar auch dann, wenn der durchaus mög­lichen Lesart dieses Buches als eines grandiosen Schelmenromanes eine Verzweif­lung widerspricht, von der sich Fahlmann unbedingt ablenken will. Er ist eben kein Eulenspiegel, der über seine Streiche frei verfügt, sondern bleibt bis zum Schluß, in dem er versinkt, eine verlorene Person: und als meine Augen nicht mehr tränten, blickte ich auf die Uhr, in der ein unbarmherziger Wind blies. Eingewoben dazu finden sich einige durchaus nicht latente Bemerkungen zum Literaturbetrieb und seinen Schiebe- und Schlampereien, die Ecker ganz sicher auch nicht beliebter machen. Mit etwas Glück kann ich die Rezension sogar beim Rundfunk unterbringen. Das ist eine feine Sache. Man nimmt den fertigen Text und streut minutenlang Zitate hinein. Und dann kann man auch die Miete bezahlen. Oder die Leasingraten des Jaguars. Ecker hat immerhin selbst einige Jahre für wichtige Zeitungen als Kritiker gearbeitet und weiß, wovon er spricht. Über die Vergab von Literaturpreisen zum weiteren Beispiel heißt es: Marsitzky – das ist der Lektor des „großen Frankfurter Verlagshauses“ - hat es versprochen. Er verfügte über gute Kontakte. Er zog an allen Strippen. Viele Leute waren ihm einen Gefallen schuldig. Dies aber sind nur Nebenschauplätze, auf denen, weil es sich grad anbietet, abgewatscht wird, was abgewatscht auch gehört.
Wichtiger ist der Umschlag von Stil in psychisches Geschehen, bzw., für Fahlmann, umgekehrt. Es geben sich in die­sem Roman, >>>> Ronald D. Laing hat es vorformuliert, Poetik und Psychose die Hand:

Die sehr bewußten Spaltungen Fahlmanns unterstreichen das noch. Etwa teilt er sich in Fahlmann und Fahlmann auf (im Buch „GF“ und „GF“), deren einer den an­deren interviewt, teils unangenehme Frage stellt, auf die der andere die Antwort bisweilen ver­weigert. Zudem wird mehrfach eine Perspektive eingenommen, in der Protago­nisten des Buches zu Schauspielern auf einer Bühne werden. Da liest man plötzlich ein Drehbuch, in dem es Stimmen aus dem Off und auch Regieanweisungen gibt. Alle erdenklichen literarischen Formen prallen bei Ecker aufeinander, ja es gibt Pas­sagen, die in einer Geheimschrift steht, dem sogenannten „Walgnastanzieni­schen“. Deshalb kann der Leser so wenig wie Fahlmann wirklich auf der Höhe des Textes sein. So daß dessen „Geworfenheit“ sich auf uns überträgt: nicht nur, aber auch ein böses Ziehen an der Nase des sich partout identifizieren Wollens, auf das das „realistische Erzählen“ so unbedingt abzielt.
Wen so etwas düpieren sollte, aber, der wird mit vollen Händen gleich merhfach ent­schädigt: Allein die Bild- und Spracheinfälle Eckers sind schlichtweg fulminant. Nicht nur, daß Mohnbrötchen „rasierte Brötchen“ genannt werden und Pferde selbst­verständlich „schnobern“; auch sind die Stühle einer Gaststätte aus Angst vor dem Besen auf die Tische gesprungen und in dem unversehens zu Afrika gewordenen Paris hän­gen Zweifel (…) über dem Bett wie ein Moskitonetz. Hunderte solcher Einfälle gibt es, vor staunender Achtung kriegt man gar nicht mehr den Mund zu. Trat er auf den meterbreiten Balkon, den es nur gab, wenn sein Zimmer im vierten Stock festgemacht hatte, sah er über sich dunkle Dachgauben […], hohe abweisende und sich doch lückenlos aneinanderdrängende Gebäude, die Köpfe in den Nacken gelegt, und die Zähne mit den Zinkplompen nagen am weichen Himmel. Dieses Zimmer nämlich, es trägt die Nummer fünf, bewegt sich in quasi permanenter Rotation durch das Hotel.
Je weiter der Roman voranschreitet, auf desto weniger ist insgesamt Verlaß. Schon ein anderer großer Romancier, Kazuo Ishiguro, hat in seinem wahrscheinlich bedeu­tendsten Roman damit gespielt: in >>>> The Unconsoled von 1995, einem der für mich grundlegenden Bücher des letzten Jahrhundertendes:

So steht Christopher Eckers „Fahlmann“ in einer breiten, doch im allenfalls geheimen kanonisierten Tradition der großen Menschheitserzählungen. Die hat er inhaliert und führt sie, mit in Deutschland nicht sehr vie­len Kollegen, entschieden fort. Wahrscheinlich ist ihm, weil er eben nicht ganz alleine steht, das Risiko durchaus bewußt, zu Lebzeiten genau so ignoriert zu werden, wie es dem Buch bislang auch geschehen ist. Womit ich zu dem eingangs erwähnten Groß­kritiker zurückkomme, der schon deshalb nicht benannt werden muß, weil er völlig austauschbar ist. Hingegen Autoren wie Christopher Ecker stehen solitär da, eignen sich nicht dafür, daß man sie „entdeckt“, sondern mit allem Recht selbstbewußt zei­gen sie auf sich. Man kann sie so wenig „machen“ wie im darauffolgenden Jahr wie­der entthronen, wenn wieder Platz für das nächste Jahrhundertwerk freigeräumt werden muß. Sie haben auch kein momentan opportunes oder aus historischen Gründen dauerhofiertes The­ma, gehören weder einem „Mainstream“ an, noch kümmern sie sich um marktgängi­ge Jubiläen, sondern schreiben unbeirrbar an der einen großen Literatur fort, die sich korrumpieren nicht läßt. Das, genau das, ist an Christopher Eckers „Fahlmann“ der­art provozierend, daß schon aus Sicherheitsgründen so getan wird, als wäre dieser Roman nie erschienen.
Aber er ist es. Und es liegt nun an Ihnen, ob ihn schon heute viele Menschen lesen werden oder ob er, still und Jahrzehnt um Jahrzehnt, nur von einer Handvoll Einge­weihter weitergereicht werden wird, Generation für Generation. Soferne sie denn eine Rolle noch spielen, die Bücher. Darauf, freilich, die Antwort steht aus.

Christopher Ecker
Fahlmann
Roman
Mitteldeutscher Verlag, Halle
Gebunden mit zwei Lesebändchen,
1025 Seiten, 39,95 EUR
ISBN 978-3-89812-877-3
>>>> Bestellen.


Die schlichte Form des Realismus. Einkreisen: Michael Hametner im Gespräch mit Sighard Gille.


In der deutschen Gegenwartsliteratur grassiert die schlichte Form des
Realismus. Möglichst dicht ran an die Lebenswelt des Lesers. Damit
der Leser möglichst wenig in seine Realität übersetzen muß.
>>>> S. 67.

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (3).

(...)

Sprecher 1     Wie durch vorzeitliche Traumstätten fremdartigster Ungeheuer, an die zudem unausgesetzt die Gischt schlug, glitt das Schiff da entlang,

Sprecher 2     Kurs schon neu aufs Hohe Meer,

Sprecher 1     das weithin, so weit die Augen sahen, alles überzog.

Sprecher 2     Die alte schwere Dichterin sitzt stumm vor dem Fenster und sieht nur hinaus, sieht nur die Zeit

Sprecher 1     Indessen in der Astor Lounge Sinatra erklang.

Lanmeister     Wer ein Herz hat, macht sich schuldig.

Sprecher 1     Der junge Mann war zu sauber dafür.

Sprecher 2     Sinatra braucht Sünde und Rauch.

Sprecher 1     Das scherte aber das Publikum nicht.

Lanmeister     Was hören die Menschen?

Sprecher 1     Und der Reisende notierte zu Zarah Leander:

Sprecher 2     Wenn mir auf dieser Reise etwas klar geworden ist, dann, daß mein Sterbebuch ein Gesang für das Leben sein muß. Die Utopie eines menschlichen Davongehens, das mir von Anfang an im Sinn lag, ist aus der Bereitschaft zum Abschied nicht zu gewinnen, sondern allein aus lebendigstem Leben.

(...)

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen. Aus dem Entwurf (2).

(...)

Musik: O-Ton Schubert mit Stimmgeräuschen. Und das dann „zurück“ ins Meer fließen lassen.

Sprecher 2     Ich will im Licht sein und an der Luft. Zurück in die Vergangenheit meines Schreibens: Bleistift und Notizbuch. Es ist so warm geworden, daß ich mein Hemd übern Kopf ziehe. „Don‘t do it!“ rufen mir von ihren Liegestühlen drei alte Damen zu, und amüsieren sich. Indessen Lanmeister, denke ich mir, vor der direkten Anstrahlung auf der Hut ist,

Sprecher 1     der ihm, ohne daß er oder wer andres es sah, am Bootsdeck im Rücken saß, genau dort, wo die drei Damen immer noch weiter kicherten.

Sprecher 2     Die Wolken hängen als eine Flotte dunkler, aneinandergerückter Zeppeline über der See; die Sonne lassen sie nur manchmal zu uns herunterblicken und immer nur kurz: eine Seeblockade zur Luft.

Lanmeister     In die Strukturen der Wogen versinken.

Sprecher 2     Es gibt Rutschen gleich gestraffter Seide, hochpolierte, wie glattes Metall. Dazu über Strecken sich erhebende Bergzüge, nicht eine einzige krisslige Unruh auf den Pässen. Dann wieder Wogen aus einem mit Silber bedampften Blei, über dem der Gischtschnee wirbelt. Auf Hunderte Seemeilen Krönchen dahinter. Und wenn wir uns

Sprecher 1     dachte Gregor Lanmeister

Atmo: O-Ton Meeressirren

Lanmeister      gehoben von einem Wogenpflug, wieder hinabsenken, schäumt es unweit vom Berg weg:

Sprecher 2     dann hebt ein ungeheures Sirren an, wieder und wieder, das sich aufs Gleichmaß des Brandungsrauschens senkt - oder sich aus ihm erhebt, es ist nicht zu sagen -. Das wiederum Ton in Ton mit dem unendwegten Stampfen des Motors.

Atmo: Meeressirren und Schiffsmotor

Sprecherin          Schweigen, ständig
                         in schweigendem Deutsch.

Sprecher 1     Wer dem Meer und dem Motor lange genug lauscht, vernimmt ein immer gewaltigeres Tosen

Sprecher 2     auf der Fahrt in Gregor Lanmeisters zufrieden stillen Tod.

Lanmeister     Ich liebe dieses sanfte hohe Wiegen.

Sprecher 2     Immer hat er gedacht, daß sie einander erkennten.

(…)

Akustische Keuzfahrt 1 <<<<

„Am Ende fallen Tränen aus Titan.“ Götze im Kyffhäuser ODER Erweckte deutsche Töne. Unheimliches Notat zur Fußball-Weltmeisterschaft.

Da kann schon erschrecken, wer einen deutschen Namen trägt und seine Geschichte überwunden hoffte. Die „Tränen aus Titan“ entstammen ausgerechnet der online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“. Ferner dürfen wir dort lesen: „Deutschland ist hart (…)“, ja von einem „Potpourri aus Blut und Wut“. Und in der FAZ aufersteht mit Götze der „Erlöser“, indessen als, f ü r dessen wohl, „Blutkrieger“ der Herr Schweinsteiger gilt: so in Die Welt. Als wäre alles vergessen. Das Unheil bleibt, doch profaniert. „Fußball ist längst Pop“, schreibt ebenfalls Die Zeit, und Pop ist die Ästhetik des Kapitalismus. So schrieb ich es an >>>> anderer Stelle. Der hat die Leute absolut im Griff und macht nun fröhlich Party, von „Trümmer“ bis „zerschmettert“.
Daß die „Weltpresse“ locker da mittanzt, beschlägt das Bild mit Eisen aus Jubel. Auf in die nächsten tausend Jahre. Ich erkenn sie an den Worten. So schreibt denn auch die Washington Post vom „erweckten (!) Nationalstolz der Deutschen“. Und Götze zieht in den >>>> Kyffhäuser ein, um das Reich zu retten.

Wo du aufhörst, fange ich an (nach einem Gespräch mit L., Station **)

Ich bin hier oben in den Wolken.
Nicht dort, wo die Sprachen gesprochen werden,
wo Schirme mein Ohrmuschelmeer bedecken.

Wo ich aufhöre, fängst du an.
Inmitten der Sprachen hörst du mich werden:
Hier bin ich. Hier fange ich an.

Am Himmel hängen Schirme. Umgedreht. Aus aller Welt.
Eine Ohrmuschel, die im Wolkenmeer versank, ist meine.
Hier oben. Hier höre ich mich. Sprechen:

G a n g a. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 2014. (Auch zu, leider, Fifty Shades of Grey).

Wir hatten uns in der Wohngarage einer Hippie-Gruppe zusammengefunden; ich war durch eine Frau hingebracht worden, die wiederum lockere Freundin eines dort lebenden Literatur-, glaube ich, -wissenschaftlers war. Unsere, der Frau und meine, Gespräche drehten sich aber um ihre Vorliebe für devoten Sex; vielleicht wollte sie auch von mir zur Dienerin abgerichtet werden. Irgend so etwas jedenfalls, die Situation war erotisch ziemlich aufgeladen. Was wir da allerdings bei den vor allem jungen Männern wollten, kann ich im Wachen gar nicht begreifen. Dennoch war diese Bewegung traum/logisch rein, ja organisch vollkommen und vollkommen organisch, dazu hochgradig schwül.
Ich wurde mit dem jungen Literaturwissenschaftler bekannt gemacht, der einiges von meiner Arbeit schon gehört, aber nichts von mir gelesen hatte; allerdings war er positiv präjudiziert und freute sich von deutlich ganzem Herzen, mich kennenzulernen. Auch mit „meiner“ jungen Dame, ich nenn sie mal Mademoiselle Hepburn, hatte ich einige Zeit über Literatur gesprochen und speziell über meine >>>> Melusine Walser, wie besonders darüber, daß mir die Löwin mit Recht ausgeredet hat, diesen Roman als den einer devoten Frau, sondern ihn vielmehr aus der Sicht eines dominanten Mannes zu schreiben: nämlich, was eben d i e s e n treibt, in eine Erzählung zu bringen. Unweigerlich kamen wir auf >>>> E.L.James' gräßliches, weil für die Zusammenhänge billig banales Buch zu sprechen und daß es aber gerade die innere Billigkeit (die nicht den Ladenpreis des Buches meint) sei, was seinen Erfolg begründet hat: Letztlich handelt es sich um eine sehr bewußt auf den Markt zugeschnittene Profanierung, während dominant/submissive Inszenierungen interessanterweise am schärfsten funktionieren, wenn man sie von Kirchenmusik begleiten läßt, etwa Pergolesis Stabat mater, aber auch – O Haupt voll Blut und Wunden - von Bachs Passionen. Will sagen, daß die treibenden und wirkenden Zusammenhänge die Metaphysik nicht nur streifen; ohne sie kann es gar keine Übertretungen g e b e n.
So das, im Traum!, vorhergegangene Gespräch, das sich nun mit dem jungen Literaturwissenschaftler fortsetzte, auch wenn jetzt >>>> Anderswelt ins Zentrum geriet. Um eine Formklammer zu schaffen, wies ich auf >>>> Die Fenster von Sainte Chapelle hin, das der junge Mann – im wachen Nachhinein erinnert er mich ziemlich an einen allerdings sehr bärtigen Brad Pitt, einen, sagen wir, D.H.Lawrence-Pitt –, aber auch nicht kannte. So ging das hin und her. Ich wandte mich wieder der kleinen Audrey Hepburn zu, der junge Mann stand abseits im Gespräch mit seinen Freunden. Irgendwann kam er wieder zu mir. „Ich verstehe gar nicht“, sagte er, „weshalb du so einen schlechten Ruf hast, auch hier, bei meinen Leuten. Das sind alles hochgebildete Menschen, aber sie lassen nicht mit sich reden. Sie mögen >>>> Krausser, sogar >>>> Kunkel, dich aber lehnen sie mit einer Entschiedenheit ab, die mich ganz sprachlos macht.“
So packte ich die Gelegenheit an der Rute und fragte selbst. Die Antwort, die ich bekam, frappiert mich noch jetzt: „Wie flach Sie in Ihrer Erzählung Ganga über Foucault hinweggehen, wie Sie ihn banalisieren, ist einfach grauenhaft.“ Ich war wirklich vor den Kopf gestoßen, denn diese Erzählung hatte ich, wollte ich ausrufen und tat es auch, niemals geschrieben. „Selbstverständlich haben Sie das. Das ist geradezu lächerlich, daß Sie das jetzt leugnen. Sie sind nicht nur ein schlechter Autor, sondern auch noch ein Lügner also und ein Feigling.“
Ich wurde immer verwirrter. Ganga, Ganga, ich konnte mich wirklich nicht erinnern. Aber mir dämmerte etwas, irgend etwas, ein Ungeheures, Schlimmes, ja Böses. Bis in mir eine Art Geständnis aufstieg, ein Selbstgeständnis, diese Erzählung tatsächlich geschrieben zu haben, nur daß ich sie in überhaupt keinen Zusammenhang mit Foucault bringen konnte. Ich hatte auch keine Ahnung mehr, was in der Erzählung eigentlich drinstand, nur, daß sie irgendwann vor Jahren in den >>>> Horen erschienen war, zu >>>> Johann P. Tammens Zeiten natürlich noch.
Ganga. Das mußte ein „indisches“ Sujet gewesen sein, und wenn ich jetzt drüber nachsinne, ist, abgesehen von meinem Bombay-Hörstück und einer vor anderthalb Jahrzehnten tatsächlich in den Horen erschienenen „Bombay-Rhapsody“, welches der Nukleus eines damals geplanten Mumbai-Romanes war, ein solches, aber auch nur indirekt, in der Erstfassung von >>>> Meere tatsächlich realisiert worden, nämlich allein in der Figur Irene Adhanaris. So daß jedenfalls die scharfe Auseinandersetzung, zu dem sich mein Taum nunmehr auswuchs, ganz offenbar abermals seinen Grund in diesem meinem umstrittensten Buch hatte. Aber das kapierte ich im Traum noch nicht, sonst hätte ich anders reagiert, besonnener und eingedenk, daß ich Tabus berührt hatte, deren Verletzung die Menschen mir übelnahmen und nach wie vor -nehmen. Ich wäre denn auf ihre Prägungen zu sprechen gekommen und hätte den politischen Zusammenhang von internalisierter Moral und ökonomischen Interessen deutlich gemacht. So indes, mit „Ganga“, blieb ich hilflos und in einer gegen die Wand gedrückten Verteidigungsstellung verohnmachtet.
Mit diesem lähmenden Gefühl und dem des Abgelehntwerdens und hilflos auch, weil sich der junge Literaturwissenschaftler mit einem Mal in einem Loyalitätskonflikt befand, aus dem er nur durch Rückzug von mir herauskommen konnte, wachte ich auf – hatte aber immer noch die im Traum aufgestiegene Gewißheit, die in ihm strittige Erzählung „Ganga“ tatsächlich geschrieben zu haben. Und daß an ihr etwas objektiv Unrechtes sei, das mich ein- für allemal disqualifiziert habe.

Was ich jetzt, im Wachen, anders sehe. Vielmehr denke ich, „Ganga“ nunmehr schreiben zu müssen. Als wäre es ein Auftrag, den mein Traum mir erteilt hat – etwas, das in meinem Unbewußten eine Forderung stellt, deren Erfüllung es bewußt machen soll. Nicht aber >>>> „Wo Es ist, soll Ich werden“, sondern ein geradezu ichloses Licht ist vonnöten. (Dagegen allerdings Bloch: „Nicht nur Verbre­chern ist ja das Dun­kel tauglich, auch Liebende wissen mit ihm etwas anzufangen.“)
*

Die Fenster von Sainte Chapelle.


Kulturmaschinen Berlin
Paperback, 180 Seiten
14,80 Euro
ISBN-10: 3940274348
ISBN-13: 978-3940274342



Bestellen bei >>>> Amazon.

Komm

Komm, leck mich wach
und lass mich an dich blühn:
Durchblute mich, ich leck dich,
blüh´ du an mich.

Was wär das für ein Duft, der
sich vermischte? Zeig mir, was
für Phyten wären das, die sich
öffnend so verströmen.

Podcast Reise & Literatur. WDR 3, Gutenbergs Welt. Mit Manuela Reichert.

>>>> Darin im Blick eines Mädchens von allenfalls zwölf. Von Alban Nikolai Herbst.

ARGO.ANDERSWELT. EPISCHER ROMAN. Elfenbein.


Alban Nikolai Herbst
Argo.Anderswelt
Epischer Roman.
Gebunden, Lesebändchen, 872 Seiten.
ISBN 978-3-941184-24-4
Im Buchhandel und bei >>>> Amazon.
39,-- Euro.

Sonderausgabe:
Auf 101 Exemplare limitiert, numeriert
und mit einem Autographen versehen:
101,-- Euro.
(Bestellung nur >>>> über den Verlag.)

Wieder auf See. 21. bis 26. Juni 2014. An Bord der Fridtjof Jansen.


Terrorismus, nach Lawrence. Die sieben Säulen der Weisheit (1).

… gegen Rebellion Krieg führen, das war eine mißliche und langwierige Sache, so als wollte man Suppe mit dem Messer auslöffeln.
Lawrence, >>>> Die sieben Säulen der Weisheit,
dtsch. von Dagobert von Mikusch, S. 173
 

twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner