Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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III,60 - Combiniamo menzogne...

(Rosselli) Den Freund, mit dem ich gestern allusiv aufgehört, danach angerufen, denn der ganze Eintrag von gestern fing tatsächlich an, Assoziationen noch und nöcher hervorzurufen, die gerade auch mit diesem Freund zu tun hatten (wir lernten uns einst in einem Jahnn-Seminar kennen). Fast schon unerträglich. Es war dann, als ob nach den fünfeinhalb Jahren, die wir geschwiegen hatten, nix gewesen wär’. Damals war schlicht ein Antwortbrief von mir nicht angekommen, dann schwieg erst er, was mich verunsicherte, dann ich usw. Und es gibt keine andere Möglichkeit mit ihm zu kommunizieren als telefonisch oder brieflich (er hat allerhöchstens eine elektrische Schreibmaschine, aus Überzeugung). Telefonate schaff’ ich nur in wirklich dringenden Fällen, oder wenn’s wegen der Arbeit unbedingt notwendig ist. Das Briefeschreiben ist in der Internet-Kommunikation sowieso völlig untergegangen. Jedenfalls schrieben wir uns zumindest damals in Westberlin täglich einander Briefe. Sind zwei dicke Aktenordner geworden. Gut, da habe ich also mal das Richtige getan. Alles in allem eine komplexe Geschichte, die ich nicht hier analysieren werde, es sei denn mit sporadischen Andeutungen je nach Verve und Tageslaune. Niemand ließ sich blicken heute, weder Siope noch (mal wieder) Ninno. Nur der Turm von S. Agostino strahlte in der untergehenden Sonne ungemein hell vor einem sehr dunklen Himmel. Nach wie vor relativ kühl, obwohl’s am Wochenende auf die 30 zugehen soll. Ich spürte es, als ich leichter als sonst bekleidet am Vormittag hinuntereilte zum Geldautomaten. Ging danach zum Laden, in dem es Klamotten aus zweiter Hand gibt. Küßchen, Küßchen mit L., die den Laden schmeißt. Insistierte mit ihrer Frage nach dem “Wie geht’s?”. Ob ich unglücklich sei. Nö. Ob ich Streß habe. Nö. Schließlich aber verstanden wir uns: In größerer Gesellschaft ist uns beiden unwohl. Und nach der Arbeit müsse man sich auf seine eigene Dimension hinunterschrauben. Und schimpften beide auf New Age, bevor ich dann mit einem Hemd den Laden verließ.
[...] La
sarta che guidava il plotone all’esecuzione scanzava
i passanti con un albero di pace [...] (Amelia Rosselli)

III,59 <<<<

Die Brüste der Béart (11):: Aus dem Entwurf der XIV:: Interludio 1.


...


Wer war er? Wer Du warst, ich wußt‘ es | Doch wer würde ich
Wer ist gemeint unter denen die lieben | wenn sie gemeint sind
und meinen eine in andren | die so zu den anderen werden
wie dort die Tochter die Mutter erfüllte, anfüllte – und
                                                                                  sie w a r d es:

                                                                                                - EIne

Wie von den Stores das Licht troff, den hellen, 10
die es leicht vorm Fenster zum Berghang blähte, 11
als ob es leise zu sein sich erbäte 11
in den hitzigen Erregungsschnellen, 10

wenn durch die schäumende Wildwassergischt 10
Orfea, durch ihrer Mutter Augen, 11
sah, doch die selbst durch das stürzende Saugen 11
am Strudelgrund, das Luft und Wasser mischt. 10

Sie legte, als ich mich bäumte, flach die Hand 11
über meine Lippen und schloß sie so, 10
kicherte fast kindlich, spitzte - „still!“ - zur Wand 11

und lauschte durch die Mittagszimmerfluchten, 11
ob sich Gerege regte irgendwo, 10
Flüstern, Huschen - und sank in unsre Buchten 11

an Hals und Brust zurück, Béart, da ferne von der Loggia
noch immer nur gedämpftes Gläserklingeln herdrang,
bisweilen Scheppern von Geschirr | und zweimal wehte
durch der Sala Kühle Mädchenkichern | flatternd unschuldshell
gleich den sich | in der Siesta warmen Stete | blähenden Gardinen,
da Kore doch nicht wußte, und ihre Mutter mußte,
die doch auch nur ahnte, daß sie ein Durchgang war,
den mir der Mann geöffnet, als er so ruhig aß,
non farti pregare, und mich maß, ein weitres Mal leis lachen.
Denn ich wahrscheinlich war der ihre, dacht‘ ich; | und mir schienen
unsere Körper wie Zimmer in Hotels zu sein, wohinein
Suchende kommen, die wieder gehn, wenn sie erwachen,
nachdem sie sich erkannten, | in den Monaden bekannten,
Repräsentationen von Prägungsprojektionen,
und noch im doch schon wie Duft | sich verwehenden andern
Körper zu fassen suchen, was sie Liebe nannten,
und plötzlich war es nur Begehr, das sie n i c h t nur gewesen,
sondern es war w i r k l i c h mehr – war ein sich selbst als
                                                                                  Selbstgewesenes
                                                                                                  verbuchen...


...



Die Brüste der Béart 10 <<<<
>>>> Vorabdruck der Stücke I - XIII


„O, sie sind auch nicht für Sie, sondern für eine spätere Zeit.“

Ludwig van Beethoven zu Felix Radicati auf dessen Bemerkung, daß er seine Streichquartette op.59, die Rasumowskis, „sicherlich nicht mehr als Musik ansehen“ könne.
>>>> Um 1810.


III,56 - conigli correnti peri nervu

Ladegeräusche unterm Fenster vorm Ostello. Ein Grüppchen sehr junger Männer, zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Riesenlautsprecher, später der Betreiber, in einem rosafarbenen Pullover (es war kühl heute). Mit Sicherheit frequentiert er ein Bräunungsstudio. Also Vorsichtsmaßregeln (heißt Ausreden sich erfinden): vorsorglich nicht zur Versammlung im Bio-Laden gehen, also den Platz überqueren, obwohl er jetzt ja frei wäre, aber das meiste wird ja sicher schon gesagt sein. Nicht ins Kino gehen, um morgen wie heute um sechs aufstehen zu können und dann 10-11 Stunden runterzureißen wie dito heute. Ansonsten bin ich, wenn wieder eine Disco stattfindet, aufgeschmissen (die Schweizerin wollte vorgestern 12 Seiten für heute Nachmittag, ich erhielt indes notgedrungen Aufschub bis Sonntagmittag!). Auch wenn die FB-Seite des Ostello nichts ankündigt, außer daß zwischen Ende Mai und Anfang Juni wieder das ItalyContactFestival den Platz unter mir beleben wird wie im letzten Jahr: da kommen dann lauter Tanzmenschen von überall, die sich draußen hinkauern, reden, essen, trinken werden, wenn sie nicht grad’ in der entweihten Kirche unterhalb des Theaters sich ihren Tanzübungen hingeben. Nein, das macht mir keine Sorgen. Kann auch sein, ich lese zu viel von solchen phobischen Anwandlungen in Moritzen’s Erfahrungsseelenkunde. Hab’ mich auch noch gar nicht getraut, meinen heute eingetroffenen Entsafter zu benutzen, muß wahrscheinlich vorher ein Dankopfer darbringen, indem ich die geheime Kemenate öffne, in der eine garstige Puppe ihre Tage in Dunkelheit damit verbringt, den Spinnen einzuflüstern, daß sie weben sollen, und dem Staub, daß er sich ablagern soll, wo immer es ihm beliebt. Dann ein paar Lichtworte mit ihr reden, die so hell klingen, daß man sie kaum versteht: [...] O sei muiei / conigli correnti peri nervu ei per / brimosi canali dei al mia linfa (o vita!) / non stoppano, allora sì, c’io, my / iavvicyno allae mortae! [...] - Rosselli. Ein bißchen so, wie die alternde Holländerin, die mir vor zwei Jahren den Hof machte und auf eine ebensolche Weise Italienisch sprach, mich sogar zu einem Weihnachten in Utrecht einlud, was ich nicht annehmen konnte und wollte. Danach fing sie an zu schweigen. Eine angenehme Tätigkeit, wie ich oft finde. Somit schweige auch ich jetzt.

III,55 <<<<

ANHs Traumschiff. Verlegt von mare in Hamburg.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Der autopoietische Sprachleib. Friedrich bei Stern (6).


Nun ist es meine Art nicht, um eines sprachlichen Effektes willen Sinnloses zu schreiben. Richtig ist nur, daß mir zuweilen Formulierungen von der Hand gehen, die nicht der Kopf gebar, sondern der Sprachleib, den ich den Ereignissen meines Lebens oder meinen Gedanken schuf. So wie sich mein Atem selber atmet oder ich willentlich nur auf seinen tiefen oder flachen Gang Einfluß nehme, so formuliert das Formulierte nicht selten aus sich selbst heraus etwas Neues, schreibt sich das Geschriebene selbst fort, während mein Wille ruht.

>>>> Mann aus Apulien, 358


[Poetologie]

Leszek Możdżer & Friends: Sangbarkeit und Rasanz. Jazz in der Berliner Philharmonie Nr. 3.


[Geschrieben für die Frankfurter Allgemeine Zeitung,
dort erschienen am 30. November 2015]


… und wie das schon losgeht!

Ein rasend-rasantes Klaviersolo leitet Możdżers gleich danach sehr lyrisch werdende CD ein – keines des Jazz, sondern fest notiert von Witold Lutoslawski, einem der berühmtesten Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts. So läßt sich gerade dieser Beginn als eine Hommage verstehen, die über die Sparten hinwegweist, in die wir Musiken einzuteilen gewohnt sind.
Genau darauf hat sich das Label >>>> ACT spezialisiert. Schon mit Wesseltofts und Kraggeruds „Last Spring“ legte es eine höchst ungewöhnliche CD vor, deren synkretistischer Ansatz Leszek Możdżers durchaus verwandt ist, wenn auch weniger in der Melodik.

Entstand aber deren, Wesseltofts und Kraggeruds, Scheibe im Studio, so ist Możdżers aus dem Live-Mitschnitt eines Konzertes zusammengestellt, das er am Klavier, und am Baß der Schwede Lars Danielsson, mit dem israelischen Schlagzeuger Zohar Fresco im vergangenen Mai in der Berliner Philharmonie gegeben hat, nämlich im Rahmen der längst umjubelten „Jazz at Berlin Philharmonic“ genannten Aufführungsreihe.
Auch Możdżer geht es um Sangbarkeit. Es sollte nur, so scheint es, mit dem furiosen Lutoslawski die virtuose Rhythmik erst einmal abgehakt und das Publikum aufgeheizt werden. Schon gerät die Nummer zwei, „Praying“, zu einem improvisierten, doch eigentlich Variationensatz über ein Lied, dessen Hauptstimme der ungeheuer elegische Baß gibt. Er spielt geradezu als Melodieinstrument, wiewohl alle Zeit gezupft. Dennoch streichelt er am Herzen – unaufdringlich dabei, doch in höchster und dabei samtener Präsenz. Danielssons Instrument hat einen ganz eigenen, einen geradezu singenden Ton, um den es manchmal schade ist, wenn das hinzukommende Streichquartett allzu standardisierte Klangfiguren unter die Improvisation legt oder allein als harmonischer Teppich fungiert. Da wird‘s schon mal ein wenig kitschig. Doch ließ mich Możdżer perlendes, den Baßklang sehr jazzig durchrennendes Klavier darüber gerne hinweghören, zumal die Musik Stück für Stück komplexer wird. Außerdem leiten die ein wenig zu dauerseufzenden Streicher durchaus organisch in den folgenden Gypsi ein, der sich ja ebenfalls, als quasi Gattung des Folks, aus sich wiederholenden Sentenzen aufbaut. Und Możdżers rhythmische Auflösungs- und Verwandlungszaubereien kühlen die kleinen Süßlichkeiten mit rhythmischem Drive, kühlen sie beinahe aus. Wenn dann abermals der Baß meditiert, als sänge Danielsson in sich hinein, und wenn darauf, vom Schlagzeugbesen unterrauscht, das freitonale Klavier aus dem Geschehen deutlich das Thema herausschält, ist dies ein mindestens ebenso sinnliches wie intellektuelles Vergnügen.
Tatsächlich, bei aller auch spontanen Hörfreude, erschließt sich diese CD erst nach mehrmaligem Hören vollkommen. Dann allerdings macht sie süchtig. Denn nun werden sogar komplexeste Vorgänge zu Ohrwürmern. Auch dies scheint mir eine Eigenart des von ACT vertretenen Jazz zu sein, eines, der trotz seines harmonisierenden Ansatzes nicht als wie auch immer „esoterischer“ Weltmusikkitsch hinauf- und davonschwebt. Statt dessen werden die Improvisationen ständig geerdet, sei es ins schlichte Volkslied, sei es in „Winter Song“, dem letzten Stück auf der CD, in die Arabesken einer unvermittelt orientalischen Harmonik – und sei es eben auch in die moderne „Klassik“ etwa Lutoslawskis, mit der die CD ja anhub. Doch genauso erweisen Możdżer ‘n friends dem Jazzstandard Referenz, z.B. in „Gsharim“, der siebten Nummer dieses Mitschnitts. Ohnedies enden die Stücke insgesamt fast immer vortaktig im Nebenbei, als wollten die Musiker ihre Ideen eben nicht feiernd zu Tode reiten, sondern sie spielversunken einfach nur im Wortsinn durchmusizieren – ohne daß da eine Botschaft wäre, die aus dem Jenseits stammt oder in eines verweist.
Das ist ausgesprochen - nämlich weltlich - erlösend. Ist improvisierend gesagt, was zu sagen war, hört man halt auf und widmet sich dem nächsten Stück. So endet die Scheibe denn auch, geradezu hingeworfen, was allerdings dazu führt, daß man sie sich gleich noch einmal anhören will. Oder man greift, weil ein Zusammenhang lockt, zu Henning Kraggeruds und Bugge Wesseltofts melancholischem „Last Spring“, wonach aber dann schon wieder Leszek Możdżer gehört werden muß. Und so weiter bis zum Abend. Tagelang. Und jeweils bis weiter hinein in die Nacht.

Leszek Możdżer & Friends
Jazz at Berlin Philharmonic III
ACT 9578-2 (2015)
15,99


>>>> Bestellen
       Bugge & Henning
Last Spring
ACT 9526-2 (2012)
29,84 EUR


>>>> Bestellen

Stadtgedicht ich will (Neufassung)


Kräne! will ich die Kanten der verschwinden-
den Straßen in den Wasserfällen aus Licht
von den hohen Bunkern stürzendes Blut
fällt mit ihnen ein Sandstein fällt eine Frau
und sie schlägt auf die Straße zum Abraum
der elendsten Junkies verspritzt

die sich ihr H auf dem Teller mischen
eines herausgebrochenen Katzenkopfpflasters
und mir zum Autorennen am Kuhdamm servieren
als ich ihnen hansguckindieluft die Spritze Kräne!
zertrete Maffay und Scelsi gläsern verschaltet
sirren in der Kuppel des Reichtstagsgebäudes

will ich das Gras in den Mauern den Müll
und die Alten die am Bürgersteig kentern
die Radfahrer die sich gesplittertes Bierflaschenglas
in die zischenden Reifen fahrn Kräne! will ich
das Krächzen der Mopeds den Jungen der
mit rotzender Nase über die riesige Kreuzung

flitzt.

Die Sirenen nachts will ich und mit-
tags heulende Martinshörner Geschrei
johlender Kinder besoffener Gröhler
im Rinnstein verreckend bedeckt von
der Motz Oh du Zeitung des Südens
desnachts

will Gruben am Potsdamer Platz und die Sperren
aus Einsatzwagen und Gummiknüppeln der
Gitter affichiertes Lachen an Leysieffers Düften
will Demonstrationen freitags um fünf
das leuchtende will ich blitzende glänzende Licht
in den Bautümpeln nächtlich widergefunkelt

will die Größenfantasie und den Protz
die Graffiti und die hohen besinnungslo-
sen die reinglatten Scheiben des archi-
tektonischen Krieges mit anderen Mitteln
des Musentempels Hund eines allheiligen
Penners der mit ihm vor Penny immer

sitzt.

Ich will die Kaufhausgalerien Lafayettes
und das Elend aus Masse und Trägheit
als der plötzliche Blick einer Frau sie
kurz doch innig durchbohrt und fremd
will den Turmbau zu Babel & Babbel
die Orgie der Sprachen Kostüme und Gesten

will nachts die Angst in den Hochhausklammen
wenn ferne ein Fuchs keckt ist doch der Mensch
gleich wie nichts will das klackernde Laufen
die Pfiffe und drüben rauschen durch Pfützen
die Autos unter den Pneus knirscht Zementgries
zur Elektronik der verschlossenen Kabelverteiler

und über den Kränen scheint aus der Smogmilch
der Mond auf das unablässiges Wispern herunter
das tags zum Aufruhr der Töne wird
Den will ich Krawall der Preßlufthämmer
Baggerschaufeln Walzraupen Pflüge
der Geschichte will ich Geschichten von
Sandstrahlnarben in Hausfassaden ge-

ritzt.

Ich will die klammen Sitze vor dem Café
die verödeten Brachen inmitten der
sich für künftigen Luxus schminkenden Viertel
die fantastischen Gruben von Jugendbanden
will die Vampire den Techno Piraten
will Wölfe und Wildsauen unter den Linden

flanierend vor kettenrauchenden Witwen
die in heruntergerissenen Abfallbehältern
Trüffel erschnobern will den Kräne! Aufruhr
der Notwehr wenn der Krankenwagen Gellen
mit breitem Pinselstrich Schneisen
in stockende Verkehrsströme malt

will die pochenden Bässe aus einem Club
und soutterraine CzernyEtuden
von Dächern herab wehende wie
Altweibersommer wehe Cellosonaten
will oktobers die Penner am Spielplatz
der Dosen und Tetrapacks Endmoränen

itzt

vor die fleckigen Büsche geschoben
will die Flucht vor den Bullen zersprungene
Scheiben will ich den Unfall Kräne! der
postmodernen Buschwindröschen Stukkaturen
sommers an Garment District Sarajewo
das Trottoir in Senken voll Tränen gespalten

will langgestrecktniedrige Wagenburgen
pumpswippend Ladies in Bocadasses Fogal
will den Pop und Parfums und die Pisse der
Punks will die Kippen und Hundscheiße vor Villen
der Bannmeile Schlickfluß die hüftelnden Schwulen
will die Geschmacksverschleifung des Doms

will Liebespaare umschlungen vorm Reichstag
die rotzenden Prols und der Burka Kräne! Love-
parades schäumende aus dem Schaum der Rhyth-
musschläge geborene Näbel und Schenkel
will Urwälder Wüsten Hunderte Zentren Neuronen
von Scateboards und Nutten Kräne! erhitzt.

III,39 - e sollevava lo scudo

Der gestern erwähnte G. postete als Antwort einen Videoclip mit dem Titel “Teutonic Terror”... Schulterzucken. Natürlich nicht angeklickt. Stattdessen, während die Tür aufsteht (lustiger Lapsus: die Tür steht auf!), um zu lüften und darauf zu warten, daß sich Ninno mit der “damigiana” voller Wein blicken läßt, ein paar Erkenntnisse zu Ventres Versroman. Die sechste Rhapsodie (wie er die Gesänge nennt) erzählt von Odysseus als Herrscher der Thesproter (irgendwo im heutigen Epirus, auch Dodona wird erwähnt mit dem Eichenorakel (mit dem damaligen Fiat Uno und einer nörgelnden Frau dort gewesen, weil ich die Schnellstraßenabfahrt verpaßt hatte (“Ausgerechnet an meinem Geburtstag!”), σαράντα χρόνια war er damals alt (ich lernte diese griechische Version meiner Altersangabe auswendig vor der Fahrt, als wollte ich damit eine Lebensschwelle beschwören (zwei weitere -zig sind dieweil hinzugekommen))) für sieben lange Jahre. Hier kommt nun wirklich Spezialwissen ins Spiel. Dies sei eine Episode aus einem Epos, der den Troja-Zyklus abschloß. Titel: Telegonie (vermutlich 6. Jh. v.Chr.). Der Telègono des Versromans. Es hätten sich nur wenige Fragmente erhalten. Weiteres bei Wikipedia unter dem Stichwort “Telegonie”. Dort jedenfalls laufe es auf das hinaus, was ich neulich ventilierte: son kills father. Es gibt dort eine Schlachtbeschreibung. Erinnerte mich fast in der Lautlosigkeit des Lesens an die fast pantomimisch anmutende Schlacht in der Mahabharata-Inszenierung von Brooks (den Namen wieder benutzen zu dürfen, war mir ein Quasi-BeDÜRFnis). Dort wird Wortklang zur Geste. Und hie Geste zum Wortklang, und sei’s, um zu sagen, daß eine Zunge die Bronze schmeckte, die ihn von hinten im Nacken durchbohrt.. Insofern das, was Ventre macht, die Rekonstruktion von etwas, das es nicht mehr gibt. - Irrwitziges immer wieder vom Markt der Übersetzungen. Vor Jahren - in der Krise (lief nicht gut damals) - schrieb ich mich ein bei einem Internet-Übersetzungsservice (translated.net). Stutzig machte mich damals schon, daß meine Preisvorstellung sofort abgedasht und mir empfohlen wurde, sie um ein Drittel zu kürzen. Da ich nach wie vor eingetragen bin, kommen gelegentlich Anfragen (also per Rundum-Mail): halsbrecherische Zeiten! Absolute Akkord-Arbeit. Nee. Hab’ nie etwas angenommen zu diesen Dumpingpreisen. Mittlerweile hat dieser Service auch noch selbst ein CAT-Programm (Computer Aided Translation) entwickelt. Ich hab’s mal ausprobiert, es ist gratis (matecat heißt es). Zunächst wird “machine translation” vorgeschlagen, die auf den vorhandenen “translation memories” basiert, einem typischen Bestandteil dieser CAT-Programme, die vor allem nützlich sind, wenn man Technisches mit Wiederholungen übersetzt, und die ich selbst benutze: etwas mehr als 1000 Euronen investiert in den letzten beiden Jahren. Das “Schöne” daran: dieses matecat-Programm zeigt gleichzeitig an, daß bei der jeweiligen Übersetzungsgeschwindigkeit noch so und so viel Zeit bleibt, um ans Ende zu kommen. Nö, muß nich’ sein!

III,38 <<<<

Le labbra di Cerere. Friedrich bei Stern (5).


Schließlich das Rot als die letzte der vier dominanten apulischen Farben. Im Süden, Tarent zu, bricht es unterm Pflug des Bauern im Boden auf, schrundig die Ränder, die Innenflächen ins Bräunliche changierend und glänzend, darin den kleinen Labien der geschlechtlich erregten Frau ähnlich, Frucht verlangend, dem Samen offen. Aber diese extravagante Sehweise eines agrarischen Bildes mag sexuellen Obsessionen zuzuscheiben sein, denen ich unter der Tür in kältere Lebensräume nun öfters anheimfalle – mehr zu meinem Ärger, weil viel Niedriges daran mich demütigt, als zu meiner Lust, die sich ohnehin in einem schleichenden Prozeß des körperlichen Verfalls in den Geist verlagert: Wachen, Wahrnehmen, Denken sind höchste Lust, ebenso Hoffnungen und Erinnerungen. Aristoteles. Aber Metaphern wie jene von den Labien der Frau sind krude Sublimate dieser umgekehrt verlaufenden Transsubstantiation: vom weißen Leib der Lebensfülle ins schwarze Brot des Alters.

>>>> Mann aus Apulien, 265


Poetologie der Anderswelt. Von Friedrich bei Stern (2).

(...) und noch, während meine Zunge sich bewegte, fragte ich mich, was es mir an Gutem und Bösem noch alles eintragen würde in meinem Leben, daß ch einen Verstand hatte, der schneller, als ein Augenlid auf- und zugehen kann, die disparatesten, durch die Logik voneinander getrennten Dinge zu einem neuen Ganzen zu fügen imstande war, >>>> das nicht Wahrheit ist und nicht Lüge, sondern ein Neues, das noch keinen Namen hat und von dem die Philosophen nichts sagen.

>>>> Mann aus Apulien, 122


Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin in vierzehn Partien und einem Epilog.


Nunmehr als eBook erschienen:


Die Kommentare zur Erstveröffentlichung blieben erhalten und lassen sich über >>>> diese Verlinkungen weiterhin aufrufen.

ANH, 26.4.

Machismo des Hohen Intellekts. Von Friedrich bei Stern (1)


Erst die männliche Wollust des >>>> sprachlichen Nachschaffens körperlicher Ekstasen hebt die Leiber vom schweißnassen Laken und macht aus einer Bettgenossin eine Bewegerin des Geistes.

>>>> Mann aus Apulien, 76


Weiße Messe (Frühsommerpastorale)


Von Fußsohlen träumen verlorenen schmalen
„meist sind sie trocken und kühl“

Von den konkaven Seiten der Spanne
über die gliedrigen Fersen hinauf-
steigen zubein junger Fähen

Den Rasen drauf mähen zur Weißen Sonate
Skrjabins, Du weißt schon
Und aus der Tülle der Kanne

neben dem Gartengestühl
trinken wie Blumen in grünen Schalen


ANH, März/April 2016
Berlin

„Corruptissima re publica plurimae leges.“


(Wenn ein Staat am verdorbensten ist, bestehen die meisten Gesetze).

Tacitus, >>>> Annalen

 

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