Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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III, 308 - Ansichtspostkarten

Nach dem Kinoabend war nur noch Arbeiten angesagt. Lieferte insgesamt an die 200 Seiten (entspricht 300.000 Zeichen) ab, die allerdings schon angefangen worden waren. Heute morgen um 6 die letzten Korrekturen für die letzte Tranche und wieder ins Bett. Geschlafen bis 10. Und bis mittags lust- und etwas orientierungslos die nächsten Texte organisiert (PDF ausdrucken, Abgabetermine checken). Am Nachmittag dann eher Übersetzen gespielt als ernsthaft betrieben. Wichtiger war mir, die Mails hinauszuschicken, die meinen sogenannten “Urlaub” vom 6. bis zum 27. August und somit meine Indisponibilität ankündigten. Denn ich werde nirgendwohin fahren, es sei denn zu mir.
Denn alles Reisen türmt Umständlichkeiten im Kopf auf. Wäre ich nicht so ein hartnäckiger Weintrinker, ich wäre gestern nicht einmal zum Weinkeller gefahren. Und überhaupt: den Hof verlassen zu müssen, um zum Tabaccaio zu gehen, bedeutet immer, die Jeans anziehen, schlicht und ergreifend “arebeit”.
Zwar hatte ich Freitag einen Riesentopf Minestrone zubereitet, aß aber nur noch am Samstag davon. In den restlichen Tage schaffte ich es nicht, den Topf auf den Herd zu stellen. Der Abwasch blieb auch liegen. Wahrscheinlich wird der Minestrone jetzt im Kühlschrank sauer geworden sein. Wird also einer “Und tschüß!”-Geste zu überantworten sein.
Ich hatte mir nämlich Ritz-Cracker gekauft. Aß Stückchen Käse, löffelte in einer Honigmelone herum, ärgerte mich über das unschmackhafte Brot, die langweilige Salami, freute mich aber sehr über Tomaten in Öl (natürlich von Zanchi, wo ich auch meinen Wein kaufe).
Ein kühler Wind wehte am Wochenende. In der Gasse flatterten die Klamotten und Haare ins Vorn, also Nordwind. In der einen Nacht spürte es auch der bloße Oberkörper, nur der Kopf erweist sich nachts als nicht sonderlich tauglich, Handlungen hervorzurufen wie etwa diejenige, ein T-Shirt anzuziehen. Gleichviel, es wurde dann nach dem Aufstehen kompensiert.
Da ich doch immer etwas nebenbei lesen, wenn ich arbeite, wählte ich statt der sonstigen Jean Paul, Bernhard (zu dem kam ich heute erst wieder: er zog über Stifter (und mußte dabei dauernd an meine mediokre Seminararbeit über ihn denken, die der Prof, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, mit einer Vier bedachte) und Heidegger her), Wieland, Ibn Hamdis, Gibbon, Ariosto ein Buch, das der Besuch dagelassen hatte. Es gefalle, meinte er.
Nun habe ich tatsächlich 2-3 Sachen von Auster auf Italienisch gelesen, die mir auch gefallen haben, denn auf dem Umschlag dieses zurückgelassenen Buches nahm man Bezug auf diesen Namen. Aber das ist natürlich alles Humbug mit diesem “er schreibt wie…”. Er, Stefan Moster, schreibt wie >>>> Stefan Moster. Es ließ sich leicht lesen, dieses “Neringa”, hatte seine Höhen und Tiefen, also in etwa wie der Senf der langweiligen Salami manchmal eine spannende Seite abgewann. Nur daß dem Spannungsaufbau Hollywood folgt, aber keine Tiefe. Am Ende eine Ansichtspostkarte aus Litauen: von den Wellen beleckter Schnee. Genauso: Ansichtspostkarten einer Psychoanalyse, einer wichtigen Position in einem “Silicon Valley”-Unternehmen mit Sitz in London, einer Erinnerung an den pflasternden Großvater, bißchen zweiter Weltkrieg, bißchen Wiedervereinigung, bißchen traumatisches Erlebnis mit dem Pfarrer, aber man bekommt alles als Ansichtskarte, die man herumreichen kann: Da sei er auch mal gewesen, sagte der Großvater, als im Familienkreis mal eine solche herumging vom Mont Saint Michel. Alles wird korrekt benannt: es heißt “Endgerät” wie in der Zeitung. Einen umgangssprachlichen Schlenker erlaubte er sich aber doch, als er schrieb “in echt”. Diesen Ausdruck hatte ich zum ersten Mal auf der Höhe von Stendal in einem Regionalzug gehört, der mich von Berlin nach Wolfsburg brachte.
Auch die Gefühle sind nur Ansichtskarten. Erst sehr spät erfährt man, er sei fünfzig Jahre alt. Wie der Autor, zehn Jahre jünger als ich. Was allerdings keine Rolle spielen sollte. Aber er kokettiert dann doch damit. Denn die Neringa scheint wesentlich jünger zu sein.
Schade, das Buch rief nicht mal erotische Phantasien hervor. Wie auch die Versuche, mir eine Erektion beizubringen, in den letzten Tagen entweder scheiterten oder gar nicht erst aufkamen.
In faith: Yours lutherisch getaufter etrurian catholic heathen (Joyce, ALP).

III,307 <<<<

III, 307 - liechtensteinsch

Nach dem rasch gelöffelten Minestrone (nebenbei wie üblich das rasche Überfliegen der Zeitungen auch im alten, nun nicht mehr geläufigen Sinn) kippte mich das Arbeitskonzentrat des Tages in eine merkwürdige Sehnsuchtsbrühe aus Rausgehen-Wollen, Bier-bei-Valda-Trinken-Wollen, Ins-Kino-Gehen-Wollen, obwohl mich der Film überhaupt nicht interessierte: ein alternder >>>> Neil Young (weiter unten auf dieser Seite) unterwegs irgendwo in Ontario, dazu Konzertaufnahmen von dort. Gehörte nie zu meinem Audiorepertoire, auch wenn ich ihn wahrgenommen.
Blieb aber dennoch merkwürdig unentschlossen. Erstmal abwaschen. Die langgewachsenen Haare stylen (wer weiß, wie lange ich das durchhalte mit dem langen Haar: es ist zumindest ungewohnt, wenngleich etwas mir nicht Unbekanntes). Das Abwaschen hinterließ dunkle Flecken im grauen T-Shirt.
Ich zog das rote an, mit dem blauen Leinenhemd darüber. Ich laufe derzeit dauernd so herum, d.h. in der Kombination blau/grau. Ich brauchte dann eine halbe Stunde, mich an die Rot/blau-Kombination zu gewöhnen. An Neues kann ich mich schlecht gewöhnen, sofern das Alte nicht doch schon schwer langweilig geworden. Für das Bier bei Valda war’s nunmehr zu spät.
Wahrscheinlich wollte ich das erreichen. Denn ich hatte ja schon Wein getrunken.
Endlich ertappte ich mich beim Zuschlagen der Tür von außen. Ich ging betont langsam, fast wie schwebend. Stehenbleiben dann vor der Landschaft. Eine trat aus der Haustür. Lugte kurz zu mir hin. Rief dann wahrscheinlich den Namen einer Katze, den ich aber nicht verstand.
Und erreichte das Stadttor vorbei an besetzen Kaffeebar-Tischen. Einen Kaffee trinken, dachte ich. Rechts die Bar vor dem Tor, die ich gewählt hätte, machte zuviel Remmidemmi. Die andere links, in die ich ging, hatte als Gast außer mir in meinem Blaurot (ich war mir den ganzen Abend dessen bewußt (zwar sind’s die Farben von Liechtenstein, aber wer weiß das schon, selbst in der zweiklassigen Dorfschule war ich der einzige, der sagen konnte, wie dessen Hauptstadt heißt)) nur noch einen Mann auf Krücken. Fürsorglich wurde ich gefragt, ob ich ein Glas Wasser wolle. Nicht recht wissend, was antworten, sagte ich schließlich ja. Woraufhin wie in einem Schaltplan die nächste Frage kam: mit oder ohne Kohlensäure?
Weitere Optionen waren nicht vorgesehen.
Ich begann dann aber doch zu spüren, daß ich allein durch die Gegend stiefelte. Und erreichte immer noch zu früh den Chiostro Boccarini, der für die Projektion des Films unterm Himmel vorgesehen war. Aber doch schon mal Bluesmusik als Präludium. Lehnte mich an die eine und andere Säule, ging zu den Stufen, die auf den Platz davor gehen. Leute kamen.
Irgendwann auch der norwegische Kollege, der hier jetzt seine Sommerferien wie jedes Jahr verbringt. Vor zwei Tagen sah ich auch seine Frau kurz beim Hinuntergehen. Dummerweise fiel mir ihr Name nicht ein, und so ging das zwar in einem zögernden Wiedererkennen aneinander vorbei, aber eben doch in absoluter Namensabwesenheit. Was immer ein Hemmnis ist.
Er half mir darüber hinweg, und ich durfte zwei Zeilen aus ‘Gravity’s Rainbow’ zitieren, die ihren Namen zum Thema haben: “Julia, you make me peculiar.” Da freute er sich. Und ich sagte, ich sei eigentlich nur hier, um den Kopf von der Übersetzungsarbeit zu befreien: tabula rasa.
Selbst Peter Stein tauchte irgendwann auf in weib-/männlicher Begleitung. Hinzu kam ein Motorradpärchen aus Rumänien, das behauptete, es sei unterwegs nach Marokko. Wäre der Weg über Spanien nicht doch bequemer?
Der Film war nicht wirklich begeisternd. Die Rundfahrten in der alten Heimat eher langweilig. Die Konzertaufnahmen insofern interessant, als die Kamera sich penetrant auf den singenden Mund richtete. Ich dachte, das dürfte man mit mir nicht machen, denn da fielen mir ja alle Prothesen heraus. Ich konzentrierte mich also auf die Augen, die, wie ich erwartete, oft nach innen gerichtet waren. Das war eine Studie für sich. Das war das Natürliche daran, daß sie auch manchmal plötzlich das Außen in Augenschein nahmen, um dann gleich wieder in sich zu verschwinden.
Ich schaute ab und zu nach oben in den Sternenhimmel über dem Kreuzgang. Irgendwann erblickte ich eine Sternschnuppe. Das erste Mal, seit ich vor zehn Jahres meinen Landaufenthalt beendete.
Nach dem Film sollten noch Interviews dazu projiziert werden, aber während die anderen blieben, ging ich, der ich zwar noch in meinem Alleinsein nonchalant im Hinunter gewesen, beim Wiederhinauf doch mit einer Art “fardello” beladen war, was dieses Alleinhinaufgehen betrifft. Kein wirklich “stolzes Alleinsein” (Eigner, Mammut) mehr.
Ich, Pflanze, muß in meinem eigenen Garten leben. Bin auch heute nicht draußen gewesen. Die nächsten beiden Tagen arbeitsmäßig feurio!

III,306 <<<<

III, 306 - Hab’ ich jemals gebrüllt?

Hab’ ich jemals gebrüllt? Die Frage stellte sich auf Seite 299 von >>>> ‘Mammut’, das die Gedichte >>>> Gerd-Peter Eigners enthält, die 2016 erschienen sind. Letzte unverklausulierte Spur eines, dem ich beim Lesen gern das Epitheton “Voilà, un homme” zumesse. Es ist, wie es ist. Nicht das, was man sich unter einem Gedichtband vorstellt. Nichts Destilliertes, eben anders hochprozentig. Und mit Bernhard bin ich sowieso nicht einverstanden, der in ‘Holzfällen’ Paul Celan als einen “beinahe wortlosen Dichter” bezeichnet. Es ist mit dem Dichten eine ganz eigene Navigation. Und so steht es da auf Seite 299 als Titel des IX. Kapitels: “Hab ich gebrüllt”.
Stieß mir auf. Ich kann mich nicht erinnern, jemals gebrüllt zu haben als hier ab und zu am Schreibtisch, dann aber mit Lust. Brüllen als Selbstzweck. Nicht als Entfesselung aggressiver Tiraden. Auch nicht vor Schmerz. Eher verkroch ich mich in ein unbestimmtes Beten, das einfach nur den Schiß übertönen wollte, der sich einstellte. Mit Sicherheit wahrscheinlich das eine Mal, als ich mit gebrochenem Arm auf dem Sofa auf die abwesenden Elter wartete (als ich auf den abwesenden Eltern auf das Sofa wartete).
Aber zum Anbrüllen braucht es immer jemanden, den man anbrüllen kann. Und statt des Brüllens zog ich in solchen Fällen das Zertrümmern von Gegenständen (2006) oder die Entfernung meiner selbst vor (Weglaufen, einmal Pillenschlucken). Einmal endete es in einer Ohrfeige für meinen Cousin, der einem anderen den Vornamen Mutter gesagt hatte, über den er, der eigentlich Nichtswürdige und Ohrfeigenuntaugliche, sich dann lustig machte.
Gestern herrschte noch Durchzug, und hatte seinen Sinn zu sagen: Lorbeer im Wind und Wörter, die mit S anfangen. Nichts davon heute. Die S-Trümpfe schon längst ausgespielt. Der Lorbeer rührt sich nicht.
Nicht bei den Kartenspielhexen in der Garage, die mich gerade mal so bemerkten, aber eben doch bemerkten: ein Blick geschieht immer.
Ebenso gestern, da saß mein Tabaccaio dabei und fragte aus der Garage heraus: “Wohin des Wegs? Zu mir?”, obwohl er in Wirklichkeit fragte: “Vai là?”, und ich antwortete: “Sì, vado là.” Womit all das Gemeinte gemeint war. Als ich auf dem Rückweg wieder daran vorbeikam, saß er immer noch da, bemerkte mich aber nicht, denn er schaute auf den Garagenboden.

[...] und anstimmen die Untertöne
die herber sind als die Melodie
denn dunkel ist das Licht
das im Hellen leuchtet
und schwerer
genauer
gerechter die Nacht
als der Tag

Eigner, Omelett und Nachtisch

III,305 <<<<

III, 305 - frgnznvmtt

Insekten. Eine Fliege auf der Hand. Recht standfest. Bis ich mich bewege. Fliegen übertragen etwas Nervöses. Ganz anders die Grillen oder Zikaden auf dem Weg im warmen Nachmittag Richtung Bahnhof. Da nahm ich das intensive Zirpen als Zeichen des Sommers erstmals wahr in diesem Jahr, das lautstark aus den Bäumen hervortrat, an denen wir vorbeifuhren. Beide Fenster weit offen. In der Oberstadt gibt es weder Grillen noch Zikaden, aber ich weiß den Unterschied nicht. In Delphi sah ich tatsächlich mal einer Grille beim Zirpen zu. War es eine Grille?
All das bereits ins Vorgestern verkippt. Und immer wieder die Frage: Wer die Grille zuerst entdeckt da in Delphi (der Touristenprospekt sprach dauernd von “die Delphoi”, was mich irritierte), also dies wahrscheinlich die Sibylle, der ben-zi-bena-Omphalos, das Zirp-Orakel dort. Das eigentlich Betörende das “Meer der Oliven” beim Hinunterfahren nach … Wie letztlich auch nie die Frage eindeutig geklärt werden konnte, ob sie damals im September 1981 ein Kleid oder eine Hose getragen. Merkwürdige Diskrepanzen. Aber Sibyllen sind schwer zu interpretieren, besonders dann, wenn sie sagen: “È la verità!” Scilicet: Pravda. Womit zum Begriff “Wahrheit” alles gesagt ist.
Die Fliege blieb weiterhin regelmäßiger Gast zu bestimmten Uhrzeiten und setzte sich, sagen wir, zwischen der Hundsfliegen- und der Wolfsfliegenstunde immer mal wieder auf den Handrücken, penetrant wie ein tonloses Zirpen, ohne jedoch wie jenes Sommer zu evozieren, sondern nur offene Türen und Fenster, die immer das Gegenteil von Wärme wollen. Wahrscheinlich ist sie nun tot, die Fliege, wenn sie eine Eintagsfliege war. Der Nachmittag heute war fliegenlos. Es hilft auch nichts, wie bei Bienen oder Wespen das Fenster aufzumachen, damit sie nicht mehr dauernd mit dem Glas kollidieren. Das Licht draußen war der Fliege egal.
Wie auch mir im Grunde genommen, was sich gefährlich einem “eigentlich” nähert. Es wäre besser, man sagte, im Brunnen besehen. Der nämlich ist zwölf Stunden tief (heute). So lange saß ich am Schreibtisch und werd’ ich die nächsten Tage sitzen müssen. Seit Montag häufen sich die Papierschlangen, um Arbeitskarneval zu feiern. Ich empfinde es im voraus tatsächlich als “carne macinata”, was da am Ende als mein Körper hoffentlich wiederaufersteht. Wobei “carne” durch Brägen ersetzt werden kann.
Nicht als Laokoon, obwohl ich fast diesen Vergleich zöge. Nur Papierschlangen, die sich ringeln. Und wäre heute nicht die eine sehr kurze Aug’-in-Aug’-Begegnung gewesen, er glaubte nicht wirklich daran, daß es außer Hexen noch andere Epitheta für das gibt, was in semitischen Sprachen ohne Vokalangabe wiedergegeben wird: frgnznvmtt… immerhin begreife ich jetzt, warum der Lindenbaum am Brunnen vor dem Tore Lendenbaum heißen müßte… ganz ohne Grund und in Absehung alles dessen, was man so “eigentlich” nennet.

III,304 <<<<

Ab Herbst 2017:


Joyce Chamber Arco Entwurf
Arco, Wien
>>>> Herbstvorschau 2017


III, 304 - Aprikosenhälften


arapacis
[Fotografie (c.): Helmut Schulze, um 2006]

Und in der Tür stehen, in der Rechten eine halb verspeiste Aprikosenhälfte, in der Linken, die dem Herzen näher, ein noch nicht angebissenes halbes, merkwürdigerweise aprikosenfarbenes Herz: dies sei die angebissene Halbwelt, und dies die ganze. Und aus der Halbwelt vor mir scholl, ja was? Töne-Invasion. Außerdem begegnet mir dauernd jemand im Hof. Bzw. ich stoße auf Jemanden, der an einem Tisch sitzt und dauernd in ein schwarzes Loch hineinstarrt.
Der Versuch, die Welt in Halbwelten zu teilen, erzeugt aber keine Doppelwelten. Der Alltag wird eher zu einem Doppelwalten.
Der dunkelbraune Kern wandert eh’ im Biomüll. Wahrscheinlicher aber eher “in den”. Ich habe indes nicht die Angewohnheit, den Biomüll zu beobachten, oder einem Grashalm beim Wachsen zuzusehen. Es wäre aber die perfekte Übung im Sich-Auslöschen, darin, sich auf ein sich doppelndes Einzellerdasein einzustellen. Sie, sagte er, stehe immer vor der Espressomaschine und warte schauend, bis die schwarze Flüssigkeit heraustrete. Und wenn es fünf Minuten dauere. Ihm, sagte er, wäre das überhaupt nicht möglich.
Die Wärme legt eine Decke um die Haut, sie beginnt zu schuppen, zumindest auf dem linken Unterarm, mehr zeig’ ich ihr nicht, der Sonne, als die Unterarme. Das unterscheidet uns. Drinnen ist es kühler. Die Mauern sind dick. Mache dir ein dickes Fell, und du sollst nie ein blaues Wunder erleben. Aber so kühl, daß man blaue Lippen bekommt, ist es nicht.
Für schlimmer und ewig. Bibelkuß, haut ab auf die Pauke (Hildesheimer in seiner ALP-Nachtdichtung (denn es gehe ja, so Joyce, um die Sprache der Nacht in dem ganzen Finnegans Wake (und ich, sagte ich, sei mir fast sicher, daß die andere Nachtdichtung, wahrscheinlich düsterer ausfallen wird (heißt, der Hildesheimer gefällt mir sehr)))).
Tatsächlich war es gestern düster genug, der Sterne ansichtig zu werden, zumal auch des Großen Wagens, aber seit ich nicht mehr auf dem Land lebe, habe ich Schwierigkeiten, den Norden nach den Sternen zu bestimmen, denn er will gar nicht mehr dort liegen, wo ich gewohnt war, ihn zu positionieren. Wäre es nach dem gestrigen Stand der Dinge gegangen, ich landete auf dem Bateau in Afrika. Aber das merkwürdige Holfvieleck ist nun mal nicht der ganze Himmel, aber doch immer Himmel genug.
Also Ara Pacis (siehe die blauen Lippen, als er noch restauriert wurde, muß 2006 gewesen sein) und Bibelküsse auch am vorvorigen Abend, pisces inbegriffen und Dancefloor, cheek to cheek.

III,303 <<<<

Lektorat in Amelia


Lektorat in Amelia
Morgengang zur Panetteria hinab
(Pizza bianca per il prosciutto
La mia prima colazione giornaliera)

Und an ein Gedicht mal wieder gedacht
zu leben und sterben - und wiederzuleben -
im Süden mit von Sonne brennendem Nacken


Joyce Chamber Arco Entwurf

III, 303 - Sitz gerade!

So eine Einladung zu einem Convivium nach dem Motto “Jeder bringt was mit” scheint seine Tradition zu haben, selbst in Wielands ‘Aristipp’ ist irgendwo die Rede von einem solchen Usus, aber ich hab’ die Stelle nicht angestrichen und auch nicht notiert, es stand einfach kein Convivium an, und es war sowieso das erste Mal in diesem Jahr, und bereitet dem Eingeladenen einen halben Tag lang Kopfzerbrechen und wiederholte Eingaben von Worten wie “Kartoffelsalat” oder “Griechischer Salat” oder überhaupt “Sommersalat” in die Suchmaske des Browsers. Und von den Zutaten, die ich dann für den “griechischen” kaufte, läßt sich noch ein zweiter zurichten. Es nicht zu tun, wäre Verschwendung. Wie üblich hatte ich übertrieben.
Es hätte in einem Garten stattfinden sollen, aber draußen regnete es. Dort dann gelegentlich mit aufgespanntem Regenschirm zum Rauchen. Was zu den besseren Momenten des Abends gehörte. Man hatte mich wohl eingeladen, weil man mich als dazugehörig begreift. Zumal ja auch die Südamerikanerin und Tullia dabei waren. In gewissem Sinne ist es ja durchaus reziprok.
Gut, daß auch der Livornese dabei war, mit dem es sich im Spekulativen ergehen läßt, aber es geht wohlgemerkt nicht über dialektale (also nicht dialektische) Bedeutungsnuancen und den Unterschied zwischen deutschem -ch nach a,o,u und e,i,ü,ö,ä hinaus (“ach, Karl” - “ich, ja!”) hinaus. Ihm ist die Fähigkeit zugute zu halten, daß er stets vom Hundertsten ins Tausendste geht, so daß einem Versiegen kein Sieg verheißen.
Das sei, sagte ich, mein Yoga. Denn es gab einen Zeitpunkt, wo plötzlich alle über Yoga und über die Qualitäten ihrer Yoga-Lehrer als Schüler redeten. Die Südamerikanerin wollte mich zur nächsten Yoga-Lektion abholen, was ich mir verbat. Ich sei langweilig. Ich sagte, sie sei ebenso langweilig mit ihrem Insistieren. Immerhin bekam ich mein Recht.
Der Gedanke bei mir: keine Lehrer mehr! Die einem etwas beibringen. Und wieder der Satz “Sitz gerade!”. Abermals die Südamerikanerin. Meine Antwort: “Ich bin Kriegsdienstverweigerer.” Auch die Morgenröte sagte neulich diesen Satz. Auch da wehrte ich mich mit meiner Abneigung gegen “Brust raus, Bauch rein!”.
Am Ende wurde es gar noch “künstlerisch” (allerdings nicht grad so wie beim “künstlerischen Nachtmahl” in Bernhards “Holzfällen” (und hab’ ein Hütchen, das ich lüpf’, every now and then, vor ihm)). Eine Gitarre wurde angeschleppt, und drei Frauen selbdritt fingen das übliche “Venceremos”- und “Bella Ciao”-Repertoire an. Beim Venceremos (oder etwas Ähnlichem in der Richtung) machte ich das Spielchen auch noch mit erhobener Faust mit (ein bißchen Schauspielerei, um über die schon eintretende Müdigkeit hinwegzuspielen (sie mit diversen Liqueurs hinwegzuspülen, die, aus verschiedensten mysteriösen Substanzen hergestellt, aufgetischt wurden, erwies sich als unproduktives Wortspiel, ebenso wie das nicht wirklich anschlagende Gras)), nur daß mich dann der Livornese darauf aufmerksam machte, daß man nicht die rechte, sondern die linke Faust heben müsse. Und ich dachte, Faust sei Faust. Und somit addio Faust.
Und als Tullia versuchte, mir Proletarisches von Brecht vorzusingen, da flüchtete ich lieber in den Regen. Nicht wegen Brecht, wegen der Inhalte, die immer noch hervorgeholt werden, um eine gewisse politische Kultur zu propagieren, die bloß noch von - nicht mal Nostalgie - lebt, sondern sich schon in mythische Fernen versteigt. Die italienische politische Kultur bleibt mir nach wie vor eine fremde. Man wuchs schließlich mit einem “Geh doch nach drüben!” auf. “Sitz grade!”
Um eins endlich hundemüd’ zu Haus.

Einen Fogosch um dreiviertelein Uhr nachts wegen eines Burgschauspielers, in dessen Barthaaren sich jetzt, da er seine Kartoffelsuppe mit der größten Geschwindigkeit, also wie ausgehungert, halb ausgelöffelt hatte, diese Kartoffelsuppe verfangen hatte. Der Ekdal, sagte er und löffelte die Suppe, der Ekdal ist schon jahrzehntelang meine Wunschrolle gewesen, und er sagte, wieder Suppe löffelnd, und zwar alle zwei Wörter einen Löffel Suppe nehmend, also er sagte der Ekdal und löffelte Suppe und sagte war schon und löffelte Suppe und immer meine und löffelte Suppe und sagte Lieblingsrolle gewesen und löffelte Suppe und er hatte auch noch zwischen zwei Suppenlöffeln seit Jahr- und dann wieder nach zwei Suppenlöffeln -zehnten gesagt und das Wort Wunschrolle genauso, als redete er von einer Mehlspeise, denke ich.
Bernhard, Holzfällen
Es wäre für alle besser gewesen, wir hätten Santana gehört, denke ich mal. Aber da war leider keine Musikanlage. Nur ein Didgeridoo lag noch herum.

III,302 <<<<

Maria Evans-v.Krbek,


die Lektorin der >>>> Fenster von Saint Chapelle, ist am Abend des Sonntags, dem 25. Juni 2017, aus dem Leben geschieden - einen Tag nach ihrem 34. Geburtstag. >>>> Peter H. Gogolin hat dafür >>>> ein inniges Kondolenzgedicht verfaßt, worin er sie Ariadne nennt, die aus den Händen den Faden verlor. So bleibt auch Theseus ohne Ausweg.
Ich selbst hatte zu Maria seit Jahren nur noch einen allenfalls losen Kontakt; er verlor sich mit meiner Trennung von den Kulturmaschinen. Nur am Rande hörte ich immer mal wieder von ihr. Und daß sie unglücklich sei. Nun hat der Engel auf dem Buchumschlag, dessen Fotografie >>>> Isolde Ohlbaum dieser Ausgabe unentgeltlich zur Verfügung stellte, eine beklemmende Bedeutung bekommen.

Maria war eine kluge, sinnliche und gerade in dieser Sinnlichkeit mutige Frau. Auch aber deshalb war ihr der Weltlauf nicht gut.

ANH, Juni 2017

Fenster von S Chapelle amazon

III, 302 - Auch eine Art Jukebox

Gibbon lesen, Santana hören, mich über einen Satz vom >>>> 17.7.07 ärgern, in dem zweimal das Wort “eigentlich” vorkommt, mir vorstellen, die Südamerikanerin käme jetzt vorbei, die sich mit Sicherheit sofort entsprechend bewegen würde.
Gibbon vorerst unterbrochen, Santana unterbrochen, um zum Bioladen zu gehen (Joghurt, Tomaten), vorbei an der offenen Garage, die geradezu überfüllt war heute abend. Vier spielten wie üblich Karten, der Rest schaute zu.
Und ließ mich zu einem Tee einladen. Am Tisch saß tatsächlich auch die Südamerikanerin, aber es war naturgemäß keine Santana-Atmosphäre, stattdessen hatte eine, F., die rechts neben mir saß und sonst das Mittwochsbrot backt, einen Stapel Stoffstücke vor sich.
Es stellte sich recht schnell heraus, daß es sich um “handwerkliche” Monatsbinden handelte, die sie da in Serie hergestellt hatte. Bequem zusammenzufalten mit Druckknopf für die Handtasche. Es folgten Einzelheiten über das Umgehen mit der Menstruation. Die Südamerikanerin nickte immer wieder entzückt.
F., die sich so mit Brotbacken, Nähen und, wie sie sagte, auch mit Bach-Blüten über Wasser hält. Und überhaupt unglaublich, wie viele Leute hier Yoga-Kurse anbieten.
Gibbon und Santana gleichzeitig ist mir schon Yoga-Übung genug, wie einst das Hören der Beatles beim Lesen Adornos. Methode steckte und steckt indes nicht dahinter. Momente, die sich ergeben und erst in der jeweiligen Vergegenwärtigung immer wieder als solche in der Nichtnachahmung und im Verzicht auf Wiederholung hervorgerufen werden können, sobald sich wieder so verquere Überschneidungen ergeben.
And it came to pass…
Das aber machte den Moment spannend. Kurz auch erschien der “young man” am Flipper in der Dorfkneipe, der gerade an der Jukebox Santana gedrückt hatte, der ich war. Und >>>> Casarsa ersteht (Pasolini lebte hier einst und ist hier begraben, in welchen Ort Handke sich in seinem >>>> Versuch über die Jukebox begibt (P., wenn man weiter assoziiert, treibt noch weitere Blüten, und Handke bleibt seiner singulären Erscheinung treu (es heißt, es gebe demnächst einen Film über ihn))), während die heidnischen Tempel nach Julians Tod endgültig veröden und die Bischöfe am Hof des neuen Kaisers sich über den rechten Glauben streiten. Kuriose Geschichte allemal. Christi Motten.
Langsam aber verlieren nun die Santana-Töne ihre evozierende Kraft. Nein… noch nicht ganz (Soul Sacrifice)... es hält die Anfangstakte ziemlich lange aus. Denn meistens ist es so, daß Gruppen jener Zeit am Anfang fürchterlich aufflammen, um dann zu versumpfen.

Es sagte ‘Abd al-Gabbâr: “Der Dichter Abû Muhammad ‘Abd al-Galîl b. Wahbûn aus Murcia hatte für uns in Sevilla am Guadalquivir einen Zeitvertreib organisiert, an dem etliche Dichter, Gelehrte und Sänger teilnahmen, und sie blieben vom Morgen bis zum Abend. Nachdem die Luft sich gekühlt, entstand eine leichte Brise, die das Wasser sich anmutig kräuseln ließ. Da sagte ich zu den Anwesenden: “Vollendet diesen Vers: Der Wind hat mit der Welle ein Panzerhemd geschmiedet, und jeder machte sich an den zweiten Halbvers, der ihm in den Sinn kam. Unter den Anwesenden befand sich der Dichter Tammâm Gâlib b. Rabâh, allgemein bekannt als al-Haggâm [...] und er fuhr fort: Wie vortrefflich ein Panzer, würd’ er zu Eis, für die Schlacht ... “[Aus dem Diwan des Ibn Hamdîs nach dem Italienischen des >>>> Celestino Schiaparelli, Bruder des Astronomen Giovanni Virginio Schiaparelli, nach dem die jüngst beim Anflug auf den Mars zerschellte >>>> Sonde benannt worden war.]Auch eine Art Jukebox heute.

III,301 <<<<

ANHs Traumschiff.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Selbstverständnis: nicht Credo, doch Wille.


Es war und ist ein Ziel meines Lebens, ein freier Mann zu sein – selbst, sollte dies Unglück bedeuten.

(Daß Freiheit glücklich mache, ist ein Irrtum der Ideologie und des Kitschs.)

>>>> Credo & Wille

III, 297 - Steinwege

Als der jüngste Bruder meiner Mutter starb, da war der gerade mal vierundzwanzig und ich vierzehn. Meine Mutter saß in einer Ecke der Stube und weinte. Er war nachts mit seinem Auto unterwegs gewesen und dabei eingeschlafen in voller Fahrt. Diesen aufgebahrten Onkel hat man mir nicht mehr gezeigt, es sei alles ziemlich entstellt in seinem Gesicht. Andeutung meines Großvaters mit der Hand, die das Lenkrad vorstellen wollte, das ihm ins Gesicht gefahren.
Das kommt mir jetzt alles, während ich wieder einmal >>>> Tschaikowskis Klavierkonzert Nummer Eins höre, gespielt von einer, die beim Spielen den Mund bewegt und deren Haar mich an ein Bild von >>>> Sylvia Plath erinnert, die ihre Gedichte vorträgt, als spielte sie Klavier, aber nicht auf einem Steinway, sondern auf einem Steinweg. Schuld trägt daran auch “naturgemäß” der ‘Untergeher’ von Bernhard an dieser ganzen Klavierspielerei, der sich um ein gemeinsames Studium des Icherzählers und seines Freundes mit Glenn Gould bei Horowitz und um dessen Folgen für den ‘Untergeher’ (ein ihm von Glenn gegebener Nahme (ich bin überhaupt der Meinung, der Name sei ein Nahme, weil er einen nimmt, weil man ihn ungefragt bekommt (der einen belangende Nachnahme))) und den Icherzähler dreht. Auch der Icher ist eine ganz eigene Kategorie, die icher als andere ist.
Steinweg und Steinway. Auch eine Braunschweiger Geschichte.
Den Was-Erzähler hat man als Kategorie noch nicht erfunden, wahrscheinlich, weil man sich vor dem Doppel-S fürchtet. Was indes verständlich ist. Auch weil es hier schon lange nicht geregnet hat und daran zu denken ist, das darbende Grün im Hof zu gießen.
Von dem Onkel erbte ich ein Kofferradio und das Geld für eine Olympia-Schreibmaschine, mit der ich dann die Übungen des Schreibmaschinenunterrichts in der Handelsschule in WOB zu Hause nachvollziehen konnte: jklö asdf…
Das Kofferradio, also sozusagen mein geerbter Steinway, lag nach dem Zubettgehen unter meinem Kopfkissen. Meistens lief BFBS und seine Hitparaden. Die Regel war: ausstellen nach dem ersten Song, den ich nicht kenne. So knallten oft die Gefängnistüren in dem einen Stones-Song oder blues-ten die Canned Heat usw. usf. Nebenan schlief die Mutter und schnarchte der Vater. Das Kofferradio brachte es sogar bis nach Berlin und bis zu Message in a Bottle. Was ich nebenbei machte, will mir nicht in die Tasten. Und es gab überhaupt Momente, in denen ich mich nicht als normal einzustufen vermuchte (sei’s drum: mit u halt).
Welches Ende es genommen hat, weiß ich nicht mehr. Die Schreibmaschine steht hier noch in ihrem Koffer. Die Tasten verklemmt, das Farbband nur noch gut für Geheimschriften.
Heut’ in der Sonne zur Mittagszeit vorm ‘Fußgängerzonen’-Café. Lachtasten antippen. Sie, sie und er. Gegenüber die neue Eisdiele: Girotti. Zur Eröffnung sei extra >>>> Terence Hill gekommen, der ja nun eigentlich Girotti heißt und irgendwie hier in Amelia aufgewachsen sein soll. Kurz hineingesehen: alles voller Filmplakate von Terence-Hill-Filmen.
“Steter Lampe holt den Igel ein”. Und die, der’s galt als Kommentar, möge doch bitte die nächste Berliner Rede zur Poesie halten.

thine hær
I twone
on some
mine tips
& did
is done
when coma
comes


Soeben beigetreten.


Diem25

III, 296 - MONDän

Cirrocumuli und die schreienden Dämmerungsaviatoren verlockten mich ins Weite, und so ließ ich eine gewisse Veronika “herzklopfend” stehenbleiben „vor einer buntbemalten Bude, vor der (...) ein Kalb mit nicht wie sonst vier, sondern fünf Füßen“ (>>>> Britting, Valentin und Veronika (je nun, juristische Spitzfindigkeiten erfordern leichte Lektüre nebenbei (siehe >>>> vorigen Beitrag))) angepriesen wurde. Und ging. Erst nach Westen.
Dort die Ukrainerin M. mit ihrer Freundin, die ich zwar oft sehe, aber nicht kenne, sie trägt oft einen Pferdeschwanz, führt einen kleinen Hund mit sich und fährt einen Mini, aber sie sprechen italienisch miteinander, also kein Relikt der Sowjetunion, aber aus dem Osten schon nach meiner Einschätzung.
Kurzer Wortwechsel mit M. vom Platz herauf zur hochgelegenen Eingangstür mit der Nummer 1 oben rechts. Wieder kam ich an der entweihten Kirche vorbei. Ich dachte schon gar nicht mehr ans Tanzen, als ich hinter mir Schritte hörte.
M.’s Freundin! - Es wäre popelig gewesen, sie nicht anzusprechen. Immerhin weiß ich jetzt, wie sie heißt.
Aber vorm Tor sah ich von weitem schon jemanden sitzen. Das verleidete es mir. Es wäre einfach zu viel gewesen, noch ein Minigespräch anzufangen. Also umblättern, um gen Osten zu spazieren: Porta Posterola. Wo mich ein Mondkuß mit Halo umfing (ein zweites ‚l‘ gehörte eher mir) bzw. empfing. Und rauf zum Dom! Let’s got, let’s go, noch mehr Küsse rauben! - Aber so erwischt man sich, denn als ich grad googelte, ward mir der assoziierte Mohrenkuss zum Negerkuss. So hieß er nämlich tatsächlich. O tempora, o mores!
Niger eher ich in der Dämmerung, der ihm, der leuchtend und ziemlich groß (weil noch nicht so weit über dem Horizont (nachts gibt es zur Zeit einen Moment, wo er als gleißender Punkt und nunmehr hoch am Himmel mir in den Schlaf hineinfuchtelt), dann gegenüberstand, lützelhübsch (den Zettel, auf dem das Wort von >>>> Fischart stand, heute zerrissen) ein feiner Spiegel, und unsereiner als Negativ verlangt nichts anderes, als ins Entwicklungsbad gelegt zu werden. Aus Schwarz mach Weiß und viceversa.
Der Soratte war noch gut zu sehen, die Lichter von S. Oreste auf seinem niedriger gelegenen linken Sattel.
Hinab erneut am Palazzo Petrignani vorbei und zu dem Platz, wo ein Gebäude immer noch eingemeißelt die Aufschrift “Poste e Telegrafi” trägt, darüber eine Garibaldi-Büste. Da klang’s aus dem Palazzo oben wie Klavier.
Ich ging zurück.
Jemand rauchte draußen. Wer da spiele? „Kinder“, sagte der.
Tatsächlich, der Saal voller Eltern, Tanten, Onkel, vielleicht auch Omas und Opas, Geschwistern, Cousinen. Vorne ein schon etwas reiferer junger Mann am Klavier. Was er spielte, weiß ich nicht. Dem Abend gemäß hätte ich mir einbilden können so etwas wie ‚Claire de lune‘ oder irgendein Nocturne. Dann folgte etwas Rhythmisches.
Wahrscheinlich war’s die Lehrerin, die ihm die Notenblätter umblätterte. Was mir auffiel. Denn oft sah ich mir auf youtube >>>> Schuberts Nummer 100 an, weil es für mich kurios war, solche Notenumblätterinnen tatsächlich zu sehen (meistens -innen, ja). Vorher sah ich sie nie. „Meine geniale Umblätterin, hat er einmal gesagt, dachte ich.“ - Bernhard, Der Untergeher.
Ich klatschte sogar, doch verließ den Saal, als zwei kleine Mädchen anfingen, auf Querflöten ihre zwar Fähigkeiten zu zeigen, die Töne bewirkten, mehr aber nicht.
In meine Wohnung zurückgekommen, lief immer noch Monteverdis ‘Il ritorno di Ulisse in patria”.

AN DEN MOND

O huldreicher Mond, ich denk’ daran zurück,
wie ich vor Jahresfrist auf diesen Hügel stieg,
dich zu betrachten – im Herzen beklommen:
Du hingst damals über jenen Wäldern dort,
wie du jetzt in deinen hellen Schein sie tauchst.
Doch getrübt schien mir und zitternd in Tränen,
die in die Augen mir traten, dein Antlitz
dem Blick, darüber, wie so mühselig
mein Leben war: und ist, noch auch sich ändert,
o mir so teurer Mond. Und dennoch hilft es,
mich zu erinnern, zu messen die Dauer
meiner Schmerzen. O wie willkommen ist dann
in der Jugend, wenn lang’ noch währet Hoffnungs=
Schimmer und kurz nur reicht Gedächtnis=Lauf,
sich zu erinnern an das, was vergangen,
ob es schon traurig und der Kummer stets währt!
 
Giacomo LEOPARDI, Alla Luna (dt. von mir)


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