Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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Mit wieder einmal ACT. Im FürKurzesZurückJournal des Dienstags, dem 27. September 2016.


[Arbeitswohnung, 6 Uhr
E.S.T Symphony (Only for promotion)]

E.S.T. Symphony
(Erscheint am 28. Oktober 2016)

>>>> Esbjörn Svensson kam 2008 bei einem Tauchunfall um. Er war einer der europäischen Jazzpianisten und die europäische Kunstmusik, die sogenannte Klassik, ihm immer Bezugspunkt. Nun hat Hans Ek die bekanntesten Stücke des Trios, in dem Svensson auftrat, in eine sinfonische Form gebracht, eingespielt vor einem guten Vierteljahr in Stockholm und von Lars Nilsson in Götheburg abgemischt. Unter den Musikern war auch Iiro Rantala, über den, u.a., ich bereits >>>> dort geschrieben habe. Die nun fertige CD lag, mit einer weiteren von >>>> ACT, nach meiner Rückkehr im Briefkasten. Erscheinen wird sie zum 28. Oktober.
ACT ist unterdessen mein entschiedenes Lieblingslabel für neuen Jazz; dessen europäische Entwicklungen lassen sich hier in sowohl geradezu Echtzeit wie geradezu enzyklopädisch miterleben. Ich komme kaum nach. Auf dem seitlichen Arbeitstisch stapeln sich die CDs. So hier doch immerhin schon mal ein Hinweis, auch wenn Sie, liebe Freundin, diese Scheibe noch noch nicht bestellen, aber doch immerhin >>>> vorbestellen können.

Der Schreibtisch ist voll, so voll, daß ich gestern gar nicht in meinen Terminkalender sah, jedenfalls tat ich‘s nur oberflächlich, übersah nämlich, daß es einen Grund hatte, wenn ich – was ich in der Gedrängtheit aber auf morgen vorschob – bereits heute nach Frankfurtmain weiterfahren wollte – nämlich um >>>> Madame TT bei der Einrichtung ihres neuen Ateliers zu helfen. Immerhin habe ich gestern die Bilder >>>> ihrer Austellungswände abgehängt und die Werke gut in den Kartons verpackt, die in den nächsten einzwei Wochen dort abgeholt und in die Heimatstadt zurücktransportiert werden. Dennoch habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen.
Kurzum, es ist nicht alles zu schaffen, was auf der Agenda steht. Ich war auch schon wieder am Flügebuchen, abermals Sardinien, diesmal allein, um tzurückgezogen dort zu schreiben, dann noch einmal auf die griechische Insel, für denselben Zweck. Ich erzählte es Ihnen schon >>>> vor fünf Tagen, mit als Bewacher Jean Reno. Und nächste Woche Sizilien, zur vorerst letzten Recherchereise. Mit der Buchmesse werde ich quasi den gesamten Oktober unterwegs sein, bis zum Anfang der zweiten Novemberwoche, an deren Ende wiederum der erste Block meines Marburger Lehrauftrages stattfinden wird. Dann aber, versprochen, bis Ende Dezember Ruheberlin: hier dann schreiben.
Mir gefällt dieses Reisen, selbstverständlich. Es ist einer der großen Vorteile dieser Auftragsarbeiten, daß ich im Süden arbeiten darf, daß die Contessa mir dieses ermöglicht. Im übrigen schrieb sie mir ziemlich eindeutig, sie werde mich mit weiteren Aufträgen derart überschütten, daß ich für andere als ihre Projekte fortan keine Zeit mehr fände. Ich antwortete lieb zurück, für meine eigenen sehr wohl. Eines der ihren ist nun schon auf dem Abschlußweg. Nein, nicht der Roman. Doch den will ich nach wie vor bis Ende Februar lektoratsfertig haben.
Dabei muß sie Geduld mit mir haben, nicht wegen der poetischen Arbeit, sondern weil ich nach wie vor etwas behindert bin: Ohne Kreditkarte mal eben ein Auto zu mieten, scheint schlichtweg unmöglich zu sein, weil es immer die des Fahrers sein muß. Das war früher anders. Jetzt brauch ich also so ein Ding, muß dazu aber erst einmal meinen, nennen wir es so, „Bohème-Status“ ein wenig normalisieren. Ich hab auch schon eine Idee und sie in die Wege ihrer Realisierung geleitet. Das Ganze geht ja auch auf die mir so wichtige Ehre.
Auch anders aber muß gewaschen werden: konkret. Als ich der Contessa vom Waschsalon erzählte, schüttelte sie nur ihren feinen hellen Kopf; ich hatte aber gute praktische Argumente. Überdies werde ich die Waschzeit-selbst für mein Reisebürochen nutzen, das mal herauskriegen soll, weshalb sich zwei von mir ausgeguckte Flüge nicht einfach kombinieren lassen. Stellen Sie sich vor! Wenn ich von Sardinien nach Athen will, um von da wieder das Boot auf die Insel zu nehmen, kostet der Flug ein horrendes Geld. Fliege ich aber einfach erstmal nach Rom und steige dort in den nächsten Flieger, bleibe ich preislich weit unterhalb der Hälfte. Nur kombinieren wollen sich die Flüge offenbar im Netz nicht lassen. Also müssen sie zeitlich weit genug auseinanderliegen, um das Gepäck erst ausschequen, dann neu wieder einchequen zu können. Gut, „not“falls werde ich zweidrei Tage >>>> Parallalie dazwischenschieben, wovon er allerdings noch gar nichts weiß. Ich werde ihn auch erst dann fragen, wenn das Reisebüro mein Anliegen nicht sollte umsetzen können.
Liegen bleibt derzeit auch >>>> die Béart, doch werde ich, worauf ich mich sehr freue, die als Hommage an >>>> Paulus Böhmer geschriebene No XVIII am Donnerstagabend >>>> öffentlich vortragen können. (Hat mich aber schon etwas geärgert, daß mich das Literaturforum als u.a. aus dem Titel der Veranstaltung fegt.)

Zweiter Latte Macchiato. Der Schreibtisch sieht aus wie Sau.
Planung eines Bandes meiner (bisher) sämtlichen Erzählungen; ich darf nicht vergessen, die verstreut erschienenen Erzählbände mit zur Buchmesse zu nehmen. Völlig liegengeblieben ist nun der nächste Gedichtband, ich hatte keine Lust mehr auf Vertröstung, Hinausschieben, „nicht vor 2018“. Er ist mir nicht mehr wichtig.
So hat alles ein bißchen was von Abschluß, Abschluß einer Lebensphase. Derart deutlich steht im Raum, daß eine nächste begonnen hat. Ich bin jetzt Adjutant, persönlich wie poetisch: Über „pures“ Ghostwriting geht diese Arbeit weit hinaus. Mir gefällt das. Es ist mir lieber als strikt definierte Verhältnisse, entspricht meinem Temperament, entspricht meiner Mentalität. Die Trennung von Arbeit und Freizeit, so etwas gar wie „Feierabend“ war mir immer fremd. Flüssig sein. Einfließen, Herausfließen, durchlässige Grenzen: Man sieht sie, aber sie spielen keine Rolle oder eine nur geringe. - Moment, die Pavoni. (Früher hat sie gezischt, einer defekten Dichtung wegen, ich erinnere mich. „Früher“. Wann früher? Um 2004, 2006. Ein Dezennium. Die Zeit der Kinderwohnung, Vater-WG, seither diese | Arbeitswohnung genannt ist.)

Die Orchidee, die ich zum siebten Februar geschenkt bekam, blüht in diesem Jahr nun schon ein zweites Mal, wie aus dem einen Leben hinaus in das andere, neue hinein:

Orchidee

Ich denke, Freundin, stets an Sie. Muß mich nun aber sputen. Auch wenn ich heute morgen meine linke Hand auf Ihrer Spalte liegen fand.

Ihr ANH,
im Rücken die Septembersonne


III, 166 - mit zusammengekniffenen Augen

Die Gurke macht sich Sorgen, scheint’s, die dünnere obere Hälfte beginnt zu schrumpeln, die drei Kirschtomaten davor aber sehen noch proper aus. So wie ich mich im Spiegel anschaute mit zusammengekniffenen Augen, als führte ich etwas im Schilde, auch wenn ich keinem Hause abstamme, das ein solches hatte, bevor ich mich entschloß, den Reis zu dem gestern mir eingebrockten Süppchen, das aus dem Gemüse bestand, das ich am Samstag im Chiostro Boccarini gekauft, bevor ich mit dem Fahrstuhl sprach, zu kochen und den Knoblauch dazu zu “mondieren” und zu zerschnippeln wie überhaupt die aufgestaute Drangsal wieder, was durchaus gelang, nur daß ich mir dann nach dem Knoblauch doch die Hände wusch, um dann noch im Egger zu lesen, er sei ja eigentlich die “Kuh Europa”*), wobei er vermutete, es habe dies noch niemand gemerkt, aber mir kam’s nach dem ganzen Grenz- und Terminus-Kram nicht wirklich überraschend, ohne ihn aber zu verknoblauchen, und so ritt ich denn meine Essenskuh und schaufelte sie mir rein, wie gestern schon. Der vorherrschende Gedanke, auch dies jetzt hinter mir zu haben.
Aber etwas wollten die zusammengekniffenen Augen schon sagen bzw. sehen. Wahrscheinlich nicht mich, denn ich kam auch ganz anders vor als sonst vorm Spiegel. Es hatte etwas von Fuchs und Traube. Sonst schaut eh’ nur der Dämlack aus mir heraus und tut sich was mit dem “Evil” an der Wand im Rücken. Führt mich jetzt aber auf den Holzweg des Schlauseins und ihr recht italienisches “Non sei furbo!”. Worauf ich mir was einbildete. Ein anderer Ausdruck hierzulande wäre “Scemo di guerra senza pensione”, also wörtlich Kriegsidiot ohne Rente… einer mithin, der’s nicht geschafft hat bzw. zu blöde war, sich eine Kriegsversehrtenrente zusichern zu lassen. No, non sono furbo, ma tatsächlich abbastanza scemo.
Was die Augen wieder ins Enge führt.
schneiden tagliare schnitt geschnitten
schnieben sbuffare schnob geschnoben
schrauben avvitare schraubte geschraubt oder schrob geschroben

Fand ich jetzt getippt auf Durchschlagpapier mit weiteren Verben in einem Büchlein (Arturo Schnitzler: Der blinde Geronimo und sein Bruder, im deutschen Original und eingeschlagen in ein Papier mit Motta-Werbung, dem Abbild des Mailänder Doms und des Castello Sforzesco (Bleistiftanmerkungen zu den Vokabeln im Text: “umzubringen” - “uccidere”)). Sir Giulio kam nämlich vorbei. Brachte dies und ein Büchlein über Alpenblumen, wahrscheinlich aus dem Bestand seiner Erbschaft am Lago Maggiore (eine Tante? jedenfalls mit deutschsprachigem Fundus in der Bibliothek (unweit der Isola Bella, wo mich Stendhal heute schon hingeführt)). Die Werther-Ausgabe bat ich, jemand anderem zu schenken.
Drei Tomaten. Welche davon sind die Kulleraugen, welche gegen die grüne Schlitzgurke was im Schilde führen? Und welche die Tomate?

*) Dass ich das Gedicht, das ich wirklich schildern will, wo ich mich als “Kuh Europa” erlebe, unter die Leute gebracht habe - in diesem Augenblick - weiß ja noch immer keiner.

III,165 <<<<

III, 165 - Süßlich vor sich hin schimmelnd

Den Vormittag über der süßliche Geruch einer halben Zitrone, die schon Schimmel angesetzt hatte, mitten im Biomüll. Bis ich ihn rausbrachte. Aber erst am späten Vormittag. Ein paar Fruchtfliegen schwirrten schon in dem Behälter. Dies geschah indes nicht, als er gegen halb zehn zum Tabaccaio ging und ihm ganz entgegen seines Appetits, der die ganze Stunde davor sich eher einen Cappuccino vorgestellt hatte, nicht jedoch den Gang zur Bar, der ihm deshalb verwehrt blieb, weil er dort einen Raum hätte betreten müssen, in dem das Schlürfen einer Tasse Cappuccino, weil er ja ohne Begleitung dort aufgetaucht wäre, ihn zu einem Schauspiel gemacht hätte und er vor so etwas sowieso - der Name sagt’s schon - Lampenfieber hat, so daß ihm nur der Gang zum Tabaccaio übrigblieb und die Zwangsvorstellung, er müsse sich etwas zu trinken kaufen, da ihm nach dem Aufstehen das Halbflüssige und Halbsaure des Jogurts gefehlt (die Schuld liegt natürlich beim gestern nicht funktionierenden Fahrstuhl, denn ich wollte ja gerade ihn kaufen im Supermarkt), und er nur ziemlich dröges Zeug zu sich genommen und die Tasse Tee schon ziemlich schnell ausgetrunken hatte, und er also dort, beim Tabaccaio, kurz entschlossen nach einer kleinen Plastikflasche in der Kühlbox griff, die Coca Cola enthielt, und einen runden Zehner für die auch noch benötigten Zigaretten zu zahlen hatte, um dann ziemlich schnell wieder in seine vier Wände zurückzukehren, um nicht mit den beiden Schachteln Zigaretten und ihren Abschreckbilderchen (Impotenz (ein junger nackter Mann auf einem Bettlaken))? mir entfuhr nur ein: ‘haha said the clown’ (Manfred Man?)) und der Flasche Coca Cola gesehen zu werden.
Es geschah, das Herausbringen des süßlichen Geruchs, als ich mich highnoonmäßig entschloß, der Phobosphäre wie gestern schon einen Garaus zu machen. Garage Sale im Chiostro Boccarini. Der Wie-Geht’s-Täter kehrte an seinen Tatort zurück. Immerhin schuldete ich’s der Glorie, die es organisiert: Alzheimer-Funding. Ich überstand’s besser, drehte meine Runde. Halli-hallo. Und ging wieder. Stahl mich fort.
Ganz folgerichtig zeigte Di Dio an diesem Wochenende Alzheimer-Filme. Ob ich nicht auch kommen wolle heute am Spätnachmittag: >>>> Floride. Wiegelte ab: könne sein. Brachte den Nachmittag, arbeitend, damit zu, mir diesen Film abzuwiegeln, den ich nicht wirklich sehen wollte. Und bloß, um einen Gefallen zu tun, zwei Stunden dort sitzen? Einen >>>> Lanmeister lesen, aber nicht sehen, das ja. Die Frage der Innenwelt der Außenwelt. Der Film höchstens als Außenwelt der Innenwelt, sofern ihm das gelingt. Aber das Altern schau’ ich lieber an mir selber ab. Also schickte ich dem lieben Gott eine Lüge: ich sei verhindert. Womit ich mich erlöst und den Rest der Eichendorff’schen Deutschtümelei um den letzten Ritter von Marienburg in christlicher und Polen vertreibender Glorie lesen konnte. Lag an der Nogat. Daher Nogatstraße. Eins Berlin vierundvierzig. Seinerzeit. In der dortigen Küche oft dieser süßliche Geruch.

III,164 <<<<

Sardinien (3), vor der Rückreise. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 25. September 2016.


Contessa Der Saal
Der Saal

[La murgia, 7.08 Uhr
Gar nicht so fernes Mövenlärmen,
Polizeisirenen bisweilen hindurch]
Seit sechs auf. Die Contessa schläft noch. Ich höre sie sich wenden, hin und wieder, und hin und wieder ein leises warmes Seufzen, das aus dem Traum rührt. Daß ich so früh Licht gemacht habe, schon des Caffès wegen, nahm ihr Schlaf heut willig hin.
Es ist auch Abreisetag.
Wir haben weitere Orte unserer Handlung gefunden, einen entscheidenden sogar – wie mir aber erst in den Sinn kam, als wir zurück auf dem Boot waren, einem motorisierten Ausflugskahn. Anders aber als für den Besuch der Grotta Azzura downrock Capri, wird man nicht ausgebootet (das alte Wort hier in seiner nicht übertragenen Bedeutung, sondern konkret) und dann mit Ruderbooten eingeführt (ein sexuelles Bild, bewußt, für die Penetration der Felswand in die Gebärmutter jener Farbe, die der Höhle ihren Namen gibt); vielmehr muß man außen auf den Fels und wird dann über Stufen hineingeführt. Andere, außen bis hoch in, ja quasi um das Massiv geschlagene Stufen führen zu dem Leuchtturm hinauf.
Jedenfalls schipperten wir bei extrem ruhiger See („gespannte Seide“, sagte ich, und „gespannte Rohseide“ korrigierte mich zurecht die Contessa) über den Golfo zurück, als mir der Einfall für eine der ganz großen Szenen des Romans kam. Ich sah jedes Bild vor mir, bei jetzt sonnenstrahlendstem Tag ein ausgefackeltes, vor Nacht geradezu flammendes Szenario, über das ich hier selbstverständlich nicht schreibe. Aber bei Tisch nachher – Fregola al nero di seppia, voller Krebs- und Krabbenteilchen, dazu ein Cala Reale –, als wir an der Bastion immer noch zu dem Liebeshaus hinübersehen konnten, erzählte ich selbstverständlich der Contessa davon. Sie muß bei sowas ja zustimmen, es muß ihr einleuchtend sein. Und am liebsten habe ich, wenn es sie begeistert – was ja „mit Geist füllt“ bedeutet, einem neuen, weiteren Geist. Oft genug geschieht dies auch, sehr spontan, ihrer inneren Schnelligkeit entsprechend; oft aber wirft sie später wieder um oder modifiziert meine Einfälle, will ihr meine Hosen aus- und ihr eigenes Kleid überziehen; es soll ja ihr Roman sein. Sie will sich mit Recht identifizieren, und es ist eine meiner poetischen Aufgaben, es ihr so zu ermöglichen, daß zugleich keine tatsächliche Erkennbarkeit gefürchtet werden muß.
Mit dem beglückenden Gefühl, auf dieser wenn auch nur kurzen Reise tatsächlich alles zusammengefunden zu haben, was wir hier brauchen, aßen wir vorzüglichst zu abend, und sie, lustig, doch auch berührend anzuschauen, nahm immer wieder von den Muscheln, die aber „Natur“ waren, ohne fremde Sugogeschmäcker. Sie mochte sie nicht, die Mollusken, so, und mochte sie d o c h; solch eine gute Lockung war drin: es ließe sich von einem Vertrautmachen sprechen. Mir selbst geht es genauso mit Leber. Die mag ich nicht, finde ich sogar abscheulich, aber in Spuren Gerichten beigetan, werd ich nach ihr süchtig. Mag sein, daß dies ein Schlüssel für sehr vieles ist, das wir erfülltes Leben nennen. (: Auch das für den Roman notieren.)

Noch einmal allerdings werde ich im November herkommen, hab auch eine Idee, wohin, will noch ein paar Orte, die uns hier aufgefallen sind, sagen wir mal inspizieren. Doch das hat nun Zeit.

Jetzt aber dieses einstellen, Freundin, dann wird gepackt und losgefahren. Morgen schreibe ich Ihnen wieder aus Berlin. Haben Sie einen guten Tag,

Ihr ANH

III, 164 - Brot

Im besten Staat gekleidete Leute, was man so Staat nennt, auf dem Platz heute vormittag, während den Fingern Pausen und den Augen Neugier gegönnt wurden bzw. wurde. Weiße Schleifen erschienen. Also wohl eine Hochzeit (und später wurde es mir bestätigt). Mein Staat eher Pommerland: irgendwas Intestinales, mußte aber doch hinuntergehen, mir Geld und, wie ich dachte und tat, Porchetta besorgen und allfälliges Gemüse. Chiostro Boccarini.
Ging schließlich los trotz aller Bedenken, allerdings bänglich hinsichtlich unangenehmer Grenzüberschreitungen. Immerhin passierte es einmal drei Unglücksvögeln aus meinem Dorf, als sie nach einem Schützenfest in einem nah an der Grenze (zur DDR) gelegenen Dorf im Suff die Demarkationslinie überschritten und dann ein paar Jahre in Magdeburg im Knast einsaßen (später wiedergesehen in der BRD nach ihrer Freilassung: waren irgendwie geknickt (mitgenommen: wohl der rechte Ausdruck)).
Gut, diese Grenzüberschreitung trat nicht ein. Auch nicht die der Konversation. Im Grunde wußte ich es schon im voraus. Jeden, den ich traf, war bereits in ein Gespräch vertieft. Und ich im voraus der Ausländer dieses Gesprächs. Manche bemerkten mich gar nicht, so vertieft waren sie in ihre Gespräche. Einmal die verfängliche Frage nach dem “Wie geht’s” an eine andere Person, die mir retour geschickt wurde. Ein anderes Mal dieselbe Frage an mich, auf die ich buchstäblich mit Nichtssagendem antwortete.
Di Dio und seinen Angelo getroffen: “Ciao ragazzi.” “Ciao ragazzo.” Ich sei so rot im Gesicht. Der spöttische Di Dio. “Mann, hast du Tomaten gefressen?” - hieß es mal. Kaufte mir dennoch welche. Stand-By-Witztum. Wisdom? Braungebrannte Deutsche, so etwas sei irgendwie unmöglich.
Wie ein Verirrter, der niemandem mehr begegnen mochte, zum Fahrstuhl jenseits der Post, der zu den Bushaltestellen hinabführt, um zu dem darunter gelegenen Supermarkt zu gelangen. Out of order. Da entstand dann doch endlich ein ernstes Gespräch. Mit dem Fahrstuhl. Die Zunge war der Finger, der auf den Knopf drückte. Aber der Fahrstuhl reagierte grad so, wie ich zuvor auf die Frage nach dem “Wie geht’s”.
Auch das Brot jetzt. Ich beiß’ halt rein. Und: Sitz!
So bei Fuß entschläft der Hunger. Hält seinen Staat in der Vorstellung, daß ihm Sattsein vermählt. Und nochmal reinbeißen.

und wer sich aus dem Gehäuse stiehlt, aus seinen eigenen vier Wänden - wie in einer dunklen Nacht der Seele, ihre innere Befestigung -, sollte wollen, dass der Hof offen ist, und mag es mögen, nach dem Wind zu haschen, ganz ehrlich. Oswald Egger, >>>> Was nicht gesagt ist:

Egger Erste Berliner Rede zur Poesie

Sardinien (2). Arbeitsnotiz als verkürztes Reisejournal das Sonnabends, dem 24. September 2016.


[La murgia, 8.46 Uhr}
Es wurde sehr spät gestern, nachtspät bis zur Morgenfrühe. Deshalb heute nur kurz; aber irgendetwas möchte ich halt doch schreiben. Das Wichtigste wohl: Einer der grundlegenden Spielorte ist gefunden.


Liebeshaus

Es ist der Rückblicksort.

Wir fuhren mit dem Wagen hin, nicht schon wissend zwar, ich aber ahnend. Wobei zwei Häuser ins eines zusammengelegt werden müssen, nunmehr. Und da es gestern eben so spät oder früh ward, ich also viel zu spät hinauskam, überdies nachts kein Wasser lief, was die Contessa nah an den Rand des Verdurstens brachte, wollen und müssen wir jetzt gleich los. Am Fastverdursten das schlimmste aber war, daß es zwar zu trinken denn doch etwas gab, aber ausgerechnet --- (Sie müßten, Freundin, den Ton hören, unter dessen Zuhilfename sie, die Contessa, das Wort über ihre Lippen brachte) Milch. Darüber beschwerte sie sich beim Aufwachen heftig, nicht aber ohne einzugestehen, daß dem Umstand etwas nicht Ungerechtes geeignet habe. Dennoch, nicht einen Schluck habe sie hinunterbebekommen.

Schließlich ein langes Stück wilder Küste abgefahren, von einer Quelle getrunken (links ging das Gebirge steil >>>> Unter Geiern, deren aber nicht einer kreiste, hinauf, rechts lag bis an den Horizont geglättet das Meer). Und jetzt gleich geht es aufs Boot, damit wir auch die Seestrecke kennen.

Vielleicht (allenfalls) am Abend mehr, ansonsten morgen früh. Jetzt dürfen wir das Boot nicht verpassen.

Ich küsse Ihre feine … nein, nicht die rechte, sondern linke … Hand. Ja: Hand.
ANH

III, 163 - ihm fehlte die Zeit, vorsichtig zu sein

Vorgestern das Wort “Zeitluxus” war fatal und hatte im nachhinein etwas von: den Teufel an die Wand malen. Noch am selben Abend eine Arbeit, urgentissima, für den gestrigen Nachmittag. Wie üblich, ritt ich mich selbst in die Falle mit einem “nee, Freitag schon eher”. Prompt kam: “Freitag ok”. Und so saß ich gestern bis halb zehn abends und heute morgen noch etwas und lieferte schließlich meine 4500 Wörter ab, ohne sie noch einmal durchzulesen (Otto-Graf-Vieh-Check, klar, zwei-drei terminologische Verbesserungen), wußte aber ungefähr, was ich da runterhämmerte. Nur wenige Unsicherheiten. Etwas benommen danach. Da hatt’ ich eine Grenze erreicht, und der sonstige Kram heut’ ging nur zeilenweise voran zwischen den intercalierten bzw. dazwischengeschalteten Leseseiten (gestern nur Stendhal mit der Beschreibung seiner italienischen Reise im September/Oktober 1811: freute mich, als er den Soratte erwähnte; notierte diesen Satz: mi mancava il tempo per essere prudente, mir fehlte die Zeit, vorsichtig zu sein).
Im Lauf des Tages dann die Ausbuchung bis Ende nächster Woche. Am Rande der Überbuchung. Es beruhigt, daß bis Montag keine weiteren Mails zu erwarten sind. Es sei denn, daß der verrückte Albaner wieder zur Unzeit anruft und von einer Arbeit faselt, von der man nie wirklich weiß, ob sie dann kommt oder nicht. Jedenfalls hatte er mich Anfang der Woche angerufen, berichtete eher von einem Streit mit einem Kunden, was den Kostenvoranschlag betrifft, d.h. über die zu veranschlagende Textmenge einer PDF-Datei, wo es eh’ immer ins Vage geht. Kam aber glücklicherweise nichts.
Terminus. Terminus und Grenze. So wie sie anhebt, eigentlich doch hochaktuell Eggers Rede, die ich heute im Briefkasten fand (und Dank dem Absender!), las aber erst die ersten drei Seiten. Und war in der Begrifflichkeit, der Terminologie, gleich zu Hause. Selbst der Titel ‘Was nicht gesagt ist’: eine bessere Metapher für Poesie ließe sich wohl kaum finden (eine andere war für mich bisher Celans “Mit den Sackgassen sprechen”). Gut, aber erst mal ganz lesen. Ich hatte ja schon neulich angebissen. Zucke also, Fisch ich, dieweil an der Leine, aber noch unter der Wasseroberfläche, bis ich gegen Ende langsam aus dem Wasser gezogen hinauszappele und im Eimer der letzten Seite ende.
Terminus. Exitus.
Ohne selbst dort angekommen zu sein. Dennoch so eine Vorstellung von Exitus heute. Wie genau die aussah, habe ich jetzt Mühe zu rekonstruieren. Vielleicht bedingt durch die Texte, die ich lese, die keine modernen sind. Tod ist allgegenwärtig. Ungefähr so: ich sei am Beginn des Verfalls. Denkt er zuweilen. Möchte nicht mit ihm tauschen. Dennoch die ewige Bestätigung (nicht die Bestätigung des Ewigen): wenn er sich am frühen Nachmittag hinlegt, kommt er schließlich in seinen Phantasien fast schon automatisch an eine Stelle, an der es steil hinunterzugehen droht, und dann schreckt er auf. Wahrscheinlich aber ist’s der Beginn des Schnarchens…

III,162 <<<<

Sardinien (1). Das Reise-, nämlich Arbeitsjournal des Freitags, dem 23. September 2016.


Jet Athen-Olbia 220916
(Athen-Sassari, 22.9.16)

Die Contessa hat neben mir gelegen. Denn diese Unterkunft hatte ich diesmal gebucht, andernfalls wir ganz sicher in einem nächsten Chatelet ge-, im quasi Wortsinn, -l a n d e t wären. Indessen bevorzuge ich, bekanntlich, die Haut eines Landes, also seiner Menschen. So fanden wir in dieser Dachwohnung Quartier. Konnt' ich denn ahnen, daß es nur ein, zwar großes, auf einem eigenen Etag'chen, doch eben e i n Bett geben würde?
Wir nahmen es beide mit Fassung, brachten diesen ja nun doch ein wenig übergriffigen Umstand überhaupt erst zur Sprache, nachdem wir wunderbar zu Abend gegessen. Wir mußten erst zum geparkten Mietwagen zurück, weil noch mein großer Rucksack drinlag, den ich für unsre Mansarde nun brauchte. Da erst sagte ich leise: „Ich schlafe unten auf der Couch.“ So eine gibt es hier, sozusagen für den Fall, daß die Bewohner sich streiten. - Sie wollte nichts davon hören. „Unsinn, das Bett ist groß genug.“
Wir sind züchtige Menschen, ich bin's ja sowieso: zwischen uns >>>> Notung (das Wort Gram träfe weder in der alten noch der neuen Bedeutung zu). Auch ließ ich die Lady zuerst hinauf aufs Lager steigen und gruschelte unten herum, bis ich sie eingeschlafen wähnte, also packte meinen Rucksack aus und verteilte die siebenundsiebzig Sachen im Raum: neuer Arbeitsplatz, Ablage für technisches Equipment, schon mal das Tischchen für den Morgencaffè vorbereiten, mich um den WiFi-Zugang kümmern, sämtliche Geräte mit den Ladestationen verbinden - usw.
Leider gab es keinen Wein, aber wir hatten im Ristorante (auf einem schmalen Dach, zwischen den Wänden zweier höherer, doch ebenfalls schmaler Häuser, grandiose Cozze) schon genügend getrunken, sogar sie, die Contessa, die sonst Alkohol ablehnt, wie auch Tabak. Nein, hier trank sie gerne, nicht viel, einiges nur ich, aber eben doch: einen schweren Wein, der mich an den Westen Siziliens erinnerte, nahe am Likörwein, also durchaus süß, aber mit ebenso öliger wie bitterer Note.
Sie war erst gar nicht begeistert von dem Restaurantchen, außerdem hatte die eine der beiden Serviererinnen deutlich schlechte Laune, was entweder an ihrer fortgeschrittenen Anorexie lag („Noch weiter abnehmen“, bemerkte die Contessa, „darf sie aber nicht“) oder an dem Oberkörpertattoo, das man durch den Ausschnitt ihrer Bluse sah und, also was ich sah, den Eindruck vermittelte, es sei vom Schlüsselbein über die Brüste flächendeckend eingestochen. Dazu rechts unterlippig das Ringlein eines Piercings. Kann ergo sein, daß die junge Dame beim Sprechen Schmerzen hatte. Dann hätte auch ich, an ihrer Stelle, ungern meine Gäste nach ihren Wünschen gefragt. - Die andere Serviererin hingegen, nun deutlich eine Sardin, schimmerte im Seidenglanz allergeneigtester Freundlichkeit.
Ich bestellte Muscheln. Die Contessa verzog ihr Gesicht, als ich die erste Molluske aufgebrochen hatte. „Wie das schon aussieht!“ Kostete dann aber doch, vielleicht, weil ich so verzückt aussah. Dann war s i e verzückt. Allerdings zuerst überrascht. Daß ihr so etwas schmecken konnte! Wie geschrieben: Sie ist mindestens so züchtig wie ich es bin; nur meine Sittlichkeit fällt halt vor Muscheln in die Knie.
Gut, daß sie schon gegessen waren, als wir in unsre Soffita zurückkamen. Enge Scale, mehrfach gewunden zu Seiteneingängen, mir schon die Gassen sehr vertraut: Sie erinnern an Siracusas Ortigia. Als wäre es mir Heimat.
Und die Diskretion meiner Rechnung ging auf: Als ich zum Bett hinaufstieg, schlief die Contessa schon. Vielleicht tat sie auch nur so, den gebogenen Rücken zu mir, in die zwei Decken geradezu eingewickelt. Es ist hier kühler nachts als auf dem griechischen Eiland, entschieden kühler sogar. Tags nehmen sich die Temperaturen nichts, 26 bis 30 Grad C., nachts stürzen sie um zwölf Grad hinab.
Ich also aus der Unterhose, kann ja nicht bekleidet schlafen, und mich, nicht sie, danebengelegt, also neben die Contessa, und mir die Decke bis über die Beckenknochen gezogen; ich konnt' ihr ja schlecht - der Contessa, nicht der Decke - meine nackten Hinterbacken entgegenwölben. Meine gesamte Innenmoral wölbte sich gegen so etwas auf! Sie schwebte über meinem Einschlaf wie der, so hätte André Heller den Vergleich gewählt (und h a t ihn ja auch mal gewählt), 17. Juli über Paris.
Nun hatte ich der Contessa während unserer Herfahrt die Handlung des Tristans erzählt. Deshalb war es nur logisch, daß mir nunmehr, zu meiner eigenen Sicherheit, der Siegfried und also Notung einfiel, sein Schwert, das er zur Wahrung ihrer beider, wie gesagt, Zucht zwischen sich und Brünnhilde legt. Kaum hatte ich diese imaginative Leistung vollzogen, fiel ich denn auch in Schlaf, aus dem ich mich sehr zum Unwillen meiner Contessa wie gewohnt um 5.30 Uhr mit markerbebendem Jaul von dem Ifönchen wecken ließ.
Bis 5.45 Uhr blieb ich liegen, dann stand ich auf, sehr sehr leise, ließ meine Gräfin schlafen und begann meine Arbeit -

… die ich aber nun unterbrechen muß, denn sie ruft mich soeben, will frühstücken gehen. Ich darf nicht abstehn, sie zu begleiten, habe meine Pflichten. Von unserm Flug erzähle ich später, vielleicht auch erst, wenn wieder in Berlin zurück. In ihrer, der Contessa, Gegenwart bin ich als Adjutant gefordert.

(11.03 Uhr)
Kurz zurück. Ein langer Gang die Fortifikation des alten Hafens entlang, ein sehr schlechter Latte macchiato und mindestens ebenso schlechter Cappucino direkt an der Anleger-Passegiata, aber mit Blick hinüber auf die Villa, die unser Buch auf die Felsenzunge bauen will, drüben. Dahin werden wir jetzt fahren. Mit dem Boot wären es vielleicht zwanzig/fünfundzwanzig Minuten, mit dem Wagen wird es erheblich länger dauern. Mal sehen.
Es ist ja auch nur unsere erste „angedachte“ Möglichkeit. Später werden wir gen Süden einige Kilometer die Küstenstraße entlang nach anderen Orten schauen.
Haben Sie einen guten Tag!

ANH

Das Arbeitsjournal des Donnerstags, dem 22. September 2016.


[κάπου (σαλέ), 7.04 Uhr]
Wegen der Überfahrt nach Athen müssen wir heute schon vormittags los, die Contessa und ich, der Jet dann startet gegen 18 Uhr. Aber jetzt war ich hier auch schon schwimmen im Meer. Ende Oktober werde ich zurückkehren, dann aber allein, um hier zurückgezogen am Roman zu schreiben. Dann werden sämtliche Recherchen abgeschlossen sein. „Bewachen“ soll mich – ich scheue mich, von „überwachen“ zu sprechen, wiewohl es wahrscheinlich der zutreffendere Begriff ist, Reno. Immerhin besser als Lundgren. Ich werde ihn, also Reno, fragen, ob er mir das Tauchen ohne Luftgerät beibringt, tiefzutauchen, meine ich. Sie wissen schon, Freundin, warum.
Außerdem wird noch der Verwalter dasein, selbstverständlich. Die Contessa selbst wird in der Zeit in New York sein, City New York, nicht etwa upstate wie damals ich war, bevor ich dem Künstlerressort entfloh und, statt dort behütet und rundum versorgt zu schreiben, in einem Abbruchhotel Manhattans meinen Sohn zeugte, und dennoch schrieb, 8th Av/32nd St, >>>> diesen Roman. Siebzehn Jahre ist das nun her, meine Güte. Jeden Morgen über die Straße ins Diner für Spiegelei mit flachgeklopftem Hackklops im „Roll“: Wog 300 Gramm, aber ein Kilo nahm man davon zu.
Hier ist das Essen besser. Wir hatten Seewolf und Kabeljau, Calamari und Langusten, frischen Spinat und kleine ovale Nudeln, die nach großen Insekteneiern aussahen; bei einer Capitesse Nemo wären es auch welche gewesen. Ich entsinne mich gut des Gesichtes Ned Lands, als er bei Tisch erfuhr, was aufgetragen wurde. Sein Abscheu war größer als der objektive Wohlgeschmack, den er empfand. Also in der Nautilus Kapitänsmesse.
Wiewohl die Contessa nicht trinkt, gab es an den Abenden Wein; sie nippte aber zweimal von meinem Glas. Nachdem wir noch lange auf der Terrasse gesessen hatten, welch eine Sommernacht!, ließ sie sich von Reno in ihr Privatgemach begleiten, derweil ich noch einen Cigarillo rauchte – sehr zu ihrem Unwillen – und mich dann ebenfalls zurückzog – nein, in kein Gemach, sondern es ist eher eine Kammer. Man könnte auch Zelle dazu sagen, im Sinn einer Mönchszelle, die aber den hohen weiten Blick aufs Meer erlaubt. Ich schreibe hier mit dem Meer, es ist ständig präsent.
Die Contessa erzählt ihre Geschichte wieder und wieder, zeigt ihre Verletztheit und Verletzlichkeit, die sie ansonsten verbirgt; wenn wir arbeiten, legt sie auch ihr Smartphone weg. Manchmal laufen ihr Tränen.
Nein, ich schreibe ihr nicht nur ein Buch (oder mehrere Bücher). Sondern ich begleite sie.
Und sehe auf das Meer, das Meer. Darüber dachte ich gestern nach, wie sehr ich das Mittelmeer als ein Urmeer empfinde, eines des Geistes, Kulturmeer. In dem die Flüchtenden ertrinken, aber. >>>> „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist“ und nunmehr so an mich.

Aber ich werde gerufen, soll wahrscheinlich zusammenpacken. Immerhin, gestern war ich Schwimmen im Meer, ohne allerdings, daß die Contessa mir zugesehen hätte. Statt dessen war Lundgren mitgekommen, der aber auch nicht badete. Er sah wohl keinen Anlaß, die Haie zu vertreiben, deren es hierzumeer durchaus noch manche geben soll. Doch auch die sehr kleinen und um so fieseren Mücken vertrieb er mir nicht, nachts, die mit irre hochhellem Singen auf einen zudüsen, sofort stechen, saugen, alles in kaum zwei Sekunden, und schon wieder fortsind.

Ja, ich soll packen. Wir hören uns, geneigte Freundin, auf Sardegna wieder. Da dann wird es auch Fotos geben.

In Eile, ANH

III, 162 - dear drops

Ich hätt’ noch länger so stehen mögen in der Tür im letzten Tageslicht (noch nicht entre chien et loup), im Rücken Bachs französische Suiten, im teils blauen, teils bewölkten Himmel flogen Schwalben, ihr Schnäppen, wenn sie niedriger flogen, die eine, hoch oben, die sich von der Finster- zur Federwolke schwang. So eine Ewigkeit. Und gegenüber die scheinbar festgemauerte Wand, standhaft inmitten der Glockenschläge, die dann dazwischen klangen.
Merkwürdige Assoziation jetzt: vor mir auf dem Tisch steht eine Flasche Olivenöl von >>>> Zanchi. Das Etikett zeigt im hellen Feld oben den Namen Zanchi, darüber und darunter sternchenförmiger Zierrat. Ziemlich schlicht. Unten rechts drei Tropfen Öl, olivengrün. Der eine davon schon auf der dunklen unteren Hälfte des Etiketts mit den näheren Angaben zum Öl. Aber als ich es merkte jetzt, waren’s plötzlich Tränen. Ohne daß mir tränenselig zumute wäre. Wahrscheinlich die Klangtropfen, die ich höre. Möglich auch, daß von ferne Harlekinsgesichter auftauchen mit aufgemalten Tränen im Gesicht, was ich aber nie schön gefunden habe. Auf der Flasche ist’s in Ordnung. Denn es spiegelt ja tatsächlich den Vorgang des Kaltauspressens wieder. Hab’s ja selbst gesehen, wie das zerquetschte Olivenfleisch sein Öl so ähnlich von sich gibt zwischen den metallenen Sieben, die aufeinanderpressen. Grasgrün läuft’s hinunter, und riecht fast auch so. Und dafür ist’s noch zu früh.
Ich schaute auch nach der Gottesanbeterin. Aber die war nicht mehr da oder hatte sich meine Art, nach ihr zu schauen, gemerkt und sich geschickt verborgen.
Tagsüber ein plötzlicher Zeitluxus, mit dem umzugehen ich Schwierigkeiten hatte, er versperrte sich der vermeintlichen Leichtigkeit, die man davon erwarten könnte. Stattdessen ein hypochondrischer Anfall: das Gespenst von plötzlichen Oberschenkelfrakturen wegen Knochenbrüchigkeit. Es brauchte die anderthalb Stunden des finalen Teils von Eichendorffs Ezelin von Romano, mich endgültig davon abzubringen und mich in die Tür zu stellen. So bekommen die Öltropfen noch einen anderen Sinn und färben sich rot.
Regieanweisungen in ‘Titus Andronicus’ gegen Ende: (Er durchschneidet ihre Kehlen) [...] (Er ersticht Lavinien) [...] (Er ersticht Tamora) [...] (Ersticht den Titus) [...] (Ersticht den Saturninus): so alldieweil auch dort. Und mit einem Schluß so ungefähr wie bei ‘Timon von Athen’: Krieg erzeuge Frieden. (Bei Eichendorff: Trutz der Gewalt! (wie man ihr so trutzt: Syrien (Montaigne: ein Machiavelli in Pantoffeln))).
Es harret meiner nun mein Süppchen, das ich schon vor vier Tagen gekocht und auch schon durch halb Florenz getragen, welcher Stadt ich aber nun adieu gesagt. Sofia war übrigens der Name der Locanda.

III,161 <<<<

Das der ersten Septemberreise erstes Meeres-, nämlich Arbeitsjournal. Am Mittwoch, dem 21. September 2016.


[κάπου, den 21. September 2016, 6.10 Uhr
Meer. Kleiner Schreibtisch vor bodentiefem, offenweitem Fenster.
Eine Grille beharrt drauf, Zikade zu sein]

Liebe Freundin,

nun werden Sie erst recht meinen, ich erfände nur alles, Contessa, Auftrag, Adjutanz – und meine Leser:innen werden es m i t Ihnen meinen. Aber sie hat mir zu fotografieren strikt untersagt, untersagen lassen, schon gleich auf der Yacht; sie selbst war auf den ****den geblieben, ließ mich nach meiner Ankunft auch lange warten. „Geschäfte, mein Lieber!“ rief sie aus, als sie, von einem wehenden Seidenschal verfolgt, der wie ein grüner Umhang aussah, in den Salon gestürmt kam; wie dünn er war, kaum eine Haut, sah ich erst, als sie stand. Was sie nie lange vermag. Selbst im Sitzen bewegt sie permanent die Füße – übrigens sehr feine, gliedrige; an Elfen würde man denken, wenn es sie denn gäbe. Außerdem sollen die Füße haben wie Hobbits, also in Wirklichkeit. „Geschäfte halten einen immer nur auf. Aber sie gehen vor, selbstverständlich.“ Sie trug das Haar heute hoch. „Und unser Geschäft, nun, ist was andres.“
Wie frau in solchen Schuhen derart eilen konnte!
Sie bemerkte meinen Blick. „Ich bekomme niemals, merk dir das, Blasen an den Füßen, keine Druckstellen, keine Striemen – niemals!“
„Bitte?“ Mir war der Zusammenhang völlig unklar, sei's der mit ihren Geschäften, sei es einer mit mir.
„Merke es dir einfach. Und zeig mir, was du unterdessen getan hast.“
Ich klappte mein neues Nettbuckchen auf, meinen Nettbuck (was eine ziemlich übermütige Heinzelmännchenart ist), mein Nettbückerl also, und öffnete die entsprechenden Dateien. Vorm Saalportal, von ihnen hinter der Contessa geschlossen, standen rechts und links zwei Schwarzeneggers, rechts ein Lundgren, links ein früher Jean Reno. Selbstverständlich gab die Contessa ihm seine Anweisungen auf Französisch, derweil auf – kann das sein? – Schwedisch dem rechten. Lundgrenegger, wie ich ihn bereits im >>>> Wolpertinger nannte, ist US-Amerikaner, oder? Jedenfalls benimmt er sich so.
Ich nahm mir vor, ihn zu fragen, traute mich schließlich aber nicht. Ich meine, diese Arme dienen auch als Maschinenpistolen, „dienen“ ist das ganz richtige Wort. Andererseits tat es mir gut, meine Contessa derart beschützt zu wissen. Ich bin ihr unterdessen ziemlich nahe. Ein selbstverständlich einseitiges Gefühl... nein, Empfinden, es ist ein Empfinden. Sie selbst schiebt stets ihren Spott zwischen uns. Allein schon das mit der Milch... - Hab's Ihnen nicht erzählt?
Also sie bekam mit, daß ich auf längeren Bahnreisen (Anlaß war meine erste >>>> Düsseldorffahrt, die selbstverständlich ganz woanders hingegangen sein kann, zum Beispiel nach Stuttgart) immer einen Liter Milch nicht nur bei mir habe, sondern auch trinke; ebenso mittags, sofern ich da was esse. „Also Männer, die Milch trinken“, rief sie aus, „haben jede Sexyness verloren!“ Und fügte hinzu: „Milch ist für Kälbchen.“ Seither zieht sie mich quasi jeden Tag damit auf. Aber gestern erreichte es einen eigentlich gar nicht erreichbaren Gipfel, als sie den Reno bat, mir ein Glas Milch zu bringen. „S'il vous plaît, Jean, apporte nous invité un verre du lait.“ - Apporte! Und dann noch „nous invité“! Als wäre ich auch sein Gast. - Später am Tag bemerkte die Contessa durchaus nicht unanzüglich, die beiden Gorillas stünden ihr ganz zur Verfügung, was vielleicht den Raubtierkäfig erklärt, von dem mir vorhin träumte. Träumte, ja, denn diese Insel ist mitnichten der Drehort des bekannten 007-Streifens gewesen, darin des nachts ein Tiger durch das Anwesen streift, um Eindringlinge abzuschrecken. Außerdem hat der 25-Meter-Pool auch keinen Zufluß, um Haie einzulassen. Es ist ein ganz normales Becken, wenn ich mal davon absehe, wie sehr es mich ans Thälmannbad erinnert.
Neinnein, die Insel ist karg und felsig, jedenfalls außerhalb des contessa'schen Geländes. Es wächst hier nicht mal Macchia; nur innerhalb der zweimannhohen und auch sonst ziemlich großzügigen Ummauerung dschungelt >>>> der duftende Garten des Scheiches Nevzaui.
Reno brachte mir die Milch auf einem mit lenorweißer Stoffserviette gedeckten Tablettchen, das in seiner Pranke nach einem Asseçoir für Puppenstuben aussah.
Jedenfalls, weil ich keine Fotos schießen darf und schon gar nicht hier welche posten, glauben Sie mir dies alles sowieso nicht. Auf Sardinien freilich dürfe ich wieder. Es gehe allein um dieses Eiland und seine Lage. „Aye aye“, sagte ich und, nun meinerseits spöttisch, „Capitesse Nemo“. Das gefiel ihr. „Weshalb schmückst du deinen Desktop nicht mit meinen Füßen? Ich maile dir nachher ein Bild.“ Wobei sie mich aber gar nicht ansah, das tut sie eh selten. Vielmehr tippte sie, wie überhaupt ständig, auf ihrem Smartphone herum. „Sei nicht so empfindlich! Die Geschäfte müssen, ich sagte es doch, laufen!“ Was ihre in der Tat schönen Füße, ich sagte es doch, ebenfalls taten, obwohl wir einander gegenüber auf den schmalen Sesseln vor dem Kaminglas saßen. Und Bing - da kam schon das Bild. Vermeldete mein 4S'chen.
Nein, bei den Temperaturen selbstverständlich kein Feuer in der Feuerstelle, auch dann nicht, wenn ich zu Übertreibungen neige. Zwischen uns aber lag der Tiger von nachts, nur aber dessen Fell, das rechtzeitig gegerbt zu haben den Lundgren schlaflos gehalten haben wird; indes hatte er, wahrscheinlich, sowieso Wachdienst. Da ist man für jede Ablenkung froh.
Die hohen Sandaletten waren von Jimmy Choo: das wenige Leder ein quasi gehämmertes Gold. Für Damenschuhe gilt dasselbe wie für Bikinis. Je weniger Stoff, desto teurer. In diesen beiden Fällen aber zurecht. - Sie hatte in der Tat, meine Contessa, während wir sprachen und ihre Füße sich im Dauerlauf befanden, sie, die Füße, schnell geknipst, ich nehme mal an Verschlußzeit 1/2000stel, sonst wäre das Bild ganz unscharf geworden, und mir den Schnappschuß geschickt. Er war in beiderlei Sinn scharf.
„Scharf“, sagte ich.
„Na siehst du. Und aufs Nettbückerl bitte.“ Das letzte Wort nicht bittend, sondern als Auftrag, der, wie alles von ihr, statim ausgeführt werden muß: Die stehenden Füße haben immer die andren. Zu haben. So issie. Ich sagte ja schon, das kommt mir entgegen.
Jetzt wirklich Details zu meiner Arbeit. Sie hatte wieder hunderte Einfälle, ich tippte notierend. Dann gingen wir im Wintergarten essen, der -park ist. Ein eingeglaster Sommerpark mit zwei kreischenden Papageien. Ich sah auch Baumschlangen, unter anderem eine grüne Mamba, aber die in einem viel zu engen Terrarium, das direkt vor dem Tisch stand, auf dem serviert wurde. „Die hungere ich aus“, erklärte die Contessa. „Bis sie hin ist“, fügte sie hinzu. In ihren hellen Augen blitzten plötzlich Verwundung und Haß. Zu der Schlange: „Ja guck nur! Guck's dir nur an, wie wir essen!“ Da ich die Hintergründe kenne, bemerkte ich lediglich, daß eine Schlange ziemlich lange ohne Nahrung auskommen kann. „Um so länger wird mein Vergnügen währen.“ Die Replik ohne jede Zeit, sich etwas auszudenken: ein aus dem tiefsten Inneren herausschießender Impuls.
Sie räusperte sich. „Verzeih. Aber du weißt doch.“
Ja, ich wußte.
Eine der Papageien schrie, lange und gellend. Schrie nochmal. Der andere schwieg. Brüder der Aras des prächtigen Blumencafés Schönhauser Allee. लक्ष्मी sitzt da oft mit den Kindern. Wahrscheinlich habe ich daher die Idee. Denn wenn ich jetzt nachdenke, sind es dieselben Papageien, nicht nur deren Brüder... verzeihen nun Sie mir, liebste Freundin: denn in der Tat, Schwestern könnten es auch sein. Ich bin der Correctnesse glühendster Anhänger, bekanntlich, sogar für sie berühmt. Das eben ist der wahre Grund, mir etwas Übles nachzusagen, >>>> zum Beispiel Antisemitismus. Hat mich s c h o n geärgert gestern, zumal ich nicht richtig reagieren konnte, weil auf dieser Insel das Netz wenn überhaupt erreichbar, dann schrecklich instabil ist.
Es gibt hier weder einen Telefonanschluß, also auch kein Fax, noch Lan oder gar WLan. Die Contessa sei allein über die Geheimnummern ihrer verschiedenen Smartphones erreichbar; so auch der Meier des Hauses, der es mir erklärte. Ich meine den maior domus Sven (alle duzen sich hier, auch die Contessa, nicht nur mich), so auch der Hauswart, der nur Spanisch spricht, so auch der Küchenchef. Die Lundgreneggers sowieso.
Geduzt zu werden, ist für mich fast noch ungewohnter als selber zu duzen.
Unterdessen habe ich mich damit abgefunden, kann sogar einen Reiz daraus ziehen.
Wer mich für antisemitisch hält, hat schlichtweg einen Knall, einen aber infamen. Dabei hatte ich in dem Journal, >>>> unter dem die Angelegenheit losging, sogar noch Heine verlinkt, ihn vorher zitiert. Am liebsten hätte ich mir jetzt bei der Contessa Hilfe geholt. Ich hatte das Zeug auf der Yacht während der Überfahrt gelesen, weil ich das Satellitennetz der Brücke nutzen durfte. Kam also imgrunde voller Brass an, wollte ihn der Contessa aber nicht gleich und am besten gar nicht zeigen. Es wäre unvernünftig gewesen, wäre noch jetzt unvernünftig.
Außerdem dachte ich, es ist ihr eh egal, ob mir was Böses nachgesagt wird (manche sagen's sogar voraus; das ist n o c h schlimmer). Freund Broßmann, der ebenfalls hart kommentiert hatte, rief ich an, bat drum, es wieder herauszunehmen und erst nach meiner Rückkehr wieder einzustellen; es brächte mich in des Teufels Suppentopf, in dem sowieso immer alles zusammengerührt wird. Der Bursche hat ja keinen Geschmack, schon weil seine Zunge verbrannt ist, wenn er dauernd an den im Höllenfeuer brennenden Sündern leckt, die er in dem Suppentopf auch noch siedet. Dazu Kröten, Viperngift zum Abschmecken, die Oberhäute von Fliegenpilzen, verschiedene Arten Exkremente und Werberknechtbeine, nein, „Weberknecht“, ohne erstes „r“.

Dann hatte ich frei und konnte die Insel erkunden, vor allem aber: schwimmen. Dachte ich. Aber ich fand keine Uferstelle, von der sich ins Meer steigen, vor allem aber wieder heraussteigen ließ, also ohne heftige Gefährdung. Alles ist, hatte ich den Eindruck, nur Fels, gegen den die ziemlich hohe Brandung knallte, gischtete, sprühte. Da hatte ich einfach Angst und blieb deshalb trocken, hockte mich und spähte nach >>>> Amphitrite. - Dochdoch, sagte spätabends die Contessa, es gebe einen Einstieg, aber halt versteckt. „Ich zeig ihn dir morgen früh.“ „Schwimmst du dann mit?“ „Aber auf gar keinen Fall! Meine Haut verträgt das Salz nicht. Doch gerne seh ich dir zu.“ Und sie zwinkerte. Wobei ihre Füße immer weiterliefen, weiter und weiter, ich hörte dauernd die Absätze klacken – wie Nägel fast, wenn man sie ins Holz schlägt – , und simultan ihre Daumen über das digitale Tastaturchen ihres Smartphones jagten, das dauernd eine Antwort gab, auf die dann erneut zu antworten war. „Gut“, sagte sie, „soweit die Börse. Ah ja, du warst doch auch mal da. Und? Hast du gespielt oder investiert?“ „Broker sind Croupiers“, gab ich zur Antwort. „Die spielen nicht, sie setzen nur für andre.“ „Das tu ich lieber selbst. - Aber wolltest du mir nicht eine deiner >>>> Elegien vorlesen?“ „Gerne. Aber erst nachher. Erst später beim Wein. Jetzt würde ich lieber noch mal die Charaktere durchgehen. Uns fehlen auch noch ein paar Namen.“

Was ich vergaß. Athen.
Manches passiert, das man nicht für möglich hält.
Also ich war noch auf dem Weg zum Gepäckband, hatte mich ein wenig verirrt, weil auf der Toilette gewesen, die ein wenig abseits lag, jedenfalls die, die ich fand... - und plötzlich sagt jemand hinter mir: „Alban! Was machst denn d u hier?!“ Ich war nicht minder erstaunt. Barbara, tatsächlich Barbara Z., die ehemalige langjährige Gefährtin des Profis. Wir nahmen uns in den Arm. „Und du?“ „Ich fahr nach Kreta weiter, hab dort ein Ferienhäuschen.“ „Kreta? Seit wann?“
Undsoweiter.
Doch ich hatte es ja eilig, wurde erwartet.
„Erwartet? Von wem?“
„Kann ich nicht drüber sprechen, nicht auf die schnelle. Lies mein Arbeitsjournal.“ Ich deutete eine Kußhand an und enteilte.

Sonne. Licht, Freundin, Licht! Das Meer ist heute ein von Blau bedampfes Silber. - Nein, nicht mal davon ein Bild. Haben Sie Geduld bis Sardinien.

In Zuneigung
Ihr

ANH

III, 161 - Signorina Richmond

Ballo dei pipistrelli entre chien et loup. Mal pirouettierten zwei, mal kam eine dritte hinzu. Wagte mich auch gar nicht vor in den Hof, so niedrig flogen sie heute abend. Ich glaube dennoch nicht an das Märchen, daß sie sich in den Haaren verfangen. Denn einst auf dem Lande hatte ich eine in meinem Arbeitszimmer, aber an die Haare ging sie mir dann doch nicht. Leider ist auch eine ertrunkene Fledermaus zu beklagen: Ninno, der heute eine sehr krächzende Stimme hatte (auf seinem Stück Land gearbeitet, geschwitzt, Zugluft usw.), habe eine solche in der auf diese Weise verstopften WC-Spülung gefunden. “Armes Tier.” sagte er.
Zum ersten Mal sah ich, wie sich die Gottesanbeterin bewegt. Auf jeden Fall sehr bradipod. Wodurch sich eine gewisse Gemeinsamkeit herstellte: vorm inneren Blick meine extrem langsamen Schritte auf dem steilen Stück, das vom östlichen oberen Tor zu meiner Höhe hinaufführt.
Extrem langsam auch, wie ich mich erinnern will. Sofern Wollen sich tachometrisch messen läßt. Heißt ein zögerliches Hineinblicken in das Tagebuch von vor 35 Jahren. Da gab’s an jenem 20.9. eine Dichterlesung auf der Piazza della Signoria. Allen Ginsberg las ziemlich zu Beginn, hatte eine Riesenmannschaft bei sich. Die Stühle wurden leer neben mir, als Erich Fried auftrat. Da setzte sie sich dann hin. Allgemeines Aufbrechen dann, als die endlose >>>> ’Signorina Richmond’ von Nanni Balestrini vorgelesen wurde. “Non finisce mai.” Kam’s mir endlich über die Lippen. Am Schluß Riesenpfeifkonzert für “Signorina Richmond”: pipistrella, mortadella, signorella : oh, la signorina Richmond.” Sagt mein Tagebuch. Naja, und dann hinterhér. La signorina war noch nicht zu Ende.
>>>> Anleitung zum praktischen Gebrauch von Fräulein Richmond.
Damals konnte ich wenig damit anfangen, beschreibe mich im Tagebuch als begeisterten Leser von Groddeck. Brachte meine van-Laack-Hemden brav in die Wäscherei und ließ sie bügeln. Wohnte in einer Locanda in einem Zimmer mit weiteren fünf Leuten direkt über einer Bushaltestelle. Aber das machte nun wirklich nichts. Ich hatte auch schon in einem Straßengraben geschlafen. Und lernen, gleich nach dem Mittagessen “buona sera” zu sagen, wie’s dort üblich war. Irgendwann kam sie mir auf der Treppe entgegen. Das hieß: adieu, Locanda.
Sofia, richtig, so hieß sie.

III,160 <<<<

III, 160 - sed florens

... denn ich hatte ja noch den Aufstieg zur Kuppel zu machen. Bezahlte ich also meine 1000 Lire und schritt frohgemut hinan, aber das währte nicht lang. Bald begann ich arg zu keuchen (und die Lust (hoch oben überm Kirchenraum) runterzuspringen, brachte Magenkribbeln mit sich). Erbarmungslos ging es weiter (4-500 Stufen). Naßgeschwitzt kam ich oben an: da lag Florenz im Dunst: die Leuchtanzeige an der Piazza della Repubblica sprang, als ich hinsah, von 19° auf 20°. 19.9.81.
Plötzliche Lust, in den drei Spiralblöckchen zu blättern, die ich vor 35 Jahren (eine Art mezzo del cammin, aber nicht in der Mitte des Lebens, die mußte erst noch kommen (dies annorum nostrorum septuaginta anni, zitiert die Anmerkung zum Inferno-Incipit aus der Bibel)) in Florenz vollschrieb. Sie, durch die ich hierherkam (wegen der ich hier bin, wie ich zunächst schrieb: ist mittlerweile falsch), lernte ich erst am darauffolgenden Tag kennen.
Immer wieder bemerkenswert, wie sich Vergangenes in einem verklärt. Es sind aber immer nur einzelne Episoden, nie das Ganze. Das Ganze ist die flache Ebene. So läßt sich besser herankommen an die mental stets ausgeklammerte Zeit des Zusammenlebens mit ihr. Ich muß nur sie ausklammern, dann weiß ich schon. Nicht Beatrice, eher schon: Sensui ignoto, cuius taedium, cuius suavitas me capiunt, tristitiae nomen, tristitiae pulchrum nomen et grave induere sane haesito, Francisca Sagana, Tristitia salve (vel j’hésite à apposer le nom, le beau nom grave de tristesse). Auf diese Weise verselbständigt sich alles und wird etwas Anderes.
Und am Nachmittag noch ein langes Kapitel bei Montaigne über den Tod, der im Grunde nüscht ist. Und so geht’s weiter wie beim Flippern: Jean Pauls Todestraum, mein eigener, als ich so alt gewesen wie der junge Mensch, mit dem ich vorgestern abend noch ein Bier getrunken, und zum ersten Mal bei einem Psychologen landete. Das war ein Jahr vor den oben erwähnten Spiralblöckchen. Schluckte Betablocker. Belastungs-EKG: “na, Leistungssport werden Se wohl nich treiben könn’”. Nichtrauchen vor lauter Hypochondrie. Schlag eine Krankheit nach, und du hast sie. - Nachdem ich dann damals eines Abends noch in Florenz mir im Kino den Don Giovanni (Losey) angeschaut und danach auf sie gewartet hatte, fing ich wieder an zu rauchen, und auch die Betablocker waren bald vergessen.
Die Gottesanbeterin hat sich weiterbewegt. Nach unten. Kopfabwärts nunmehr fast senkrecht. Erdwärts. Was sonst. È ovvio. (Stendhal, Diario, der mit dieser zitierten Aussage einen geistlosen Menschen charakterisiert, der ihn in Mailand durch die Brera-Galerie begleitet (auf dem Lande gab es einen benachbarten Bauern, der stattdessen immer Logico! sagte)).
Troppo Ovvio.

III,159 <<<<

Contessa ff: Vor der ersten Recherchereise. Das Arbeitsjournal des Montags, dem 19. September 2016. Darinnen Deuschland und zum Narzissmus.


[Arbeitswohnung, 6.05 Uhr
Stille, nur durchs offene Oberlicht vorn fern ein höhlern-metallnes, flüchtiges...
läßt es sich „Raunen“ nennen? der SBahn
Und das verhaltene Rauschen der Laptopslüftung]

Ich darf die Insel nicht nennen, die Contessa bat mich darum. Es wäre zu schnell heraus, wer sie ist. Schon, daß ich Griechenland nannte, hat sie ein wenig düpiert. Doch sind es ja hunderte Inseln, die derzeit >>>> unter den Hammer kommen. Und es ist mein erstes Mal überhaupt, Griechenland, mein‘ ich, für mich. Und dies bei meiner >>>> Verbundenheit mit Ovid. Wie kann ich da schweigen?
So sagte ich es ihr. Wobei ich ein wenig bezweifle, daß meine Argumentation mit der für mich wichtigen klassischen griechischen Mythologie ihr wirklich nahe ging; als einen Spleen aber sah sie sie ein - und war mir wieder gut. (Allerdings, zugegeben, Ovid ist mehr das Schwarze Meer, also nach seiner Verbannung; doch aber auch vorher eher Rom).
Außerdem habe ich das Kinderbuch schon fertigbekommen, das sie für eine ihr sehr nahstehende Cousine geschrieben haben wollte.. nein, Sie irren, keine Hohenzollern. Ich schob den sanft-phantastischen Text in die andere Romanarbeit kurzerhand ein, nachdem mir beim Laufen die Grundidee gekommen war. Daß es so kommen würde, hatte ich ihr auch angekündigt. Nun funktionierte es wirklich.
Deshalb habe ich mich in den letzten Tagen hier nur sporadisch melden können, immer nur vermittels eines >>>> DTs und indem ich >>>>> Bruno Lampes >>>> Tagebücher je auf die Hauptsite stellte oder auch schon mal auf einen Kommentar antwortete. Im übrigen war ich mit diesem Kinderbuch beschäftigt, aber auch mit der technischen Ausstattung meiner nun anstehenden Recherchereise.
Ich brauchte ein Netbook, das nicht so schwer und unhandlich wie mein Laptop ist und vor allem über lange Akkulaufzeiten verfügt, fand auch eines, erstand es, und mußte es dann aber einrichten. So ganz fertig bin ich damit noch nicht, aber doch so, daß mir jetzt die Arbeit unterwegs gut von den Fingern gehen kann. Die ebenfalls neu gekaufte externe und sehr kleine 2TB-Platte liest das Gerät leider nicht; zu wenig Stromversorgung, denke ich. Also bin ich auf einen 128GB-Stick gekommen, der imgrunde alles speichern kann, was direkt mit meiner Arbeit zusammenhängt; vielleicht hole ich mir nach Griechenland und Sardinien n o c h einen solchen Stick dazu, außerdem eine 64GB- oder sogar 128GB-Flashcard. Momentan kann ich mir das leisten, bzw. wird es sowieso gegen die Steuer gerechnet werden, bzw. gibt die Contessa etwas hinzu. Wichtig ist, daß diese Zusatzteilchen nicht vorstehen, also während der Reisebelastungen nicht abbrechen können; mein USB-Stick jetzt ist extrem klein und sitzt bombenfest.

Abflug morgen, Göttindseidank von Tegel, bereits um 6.55 Uhr, dann leider ein Stop in Brüssel, dort weiter um 9.15 Uhr und Ankunft in Athen um 13.20 Uhr. Spätere Flüge ließen mich erst gegen Abend ankommen. Aber ich muß ja noch aufs Boot. „Etwa zwei Stunden Überfahrt“, erklärte die Contessa. Vielleicht hat sie auch „anderthalb Stunden“ gesagt oder „drei“ - ich will ja nicht, daß Sie – auch Sie nicht, liebste Freundin – die durchschnittliche Knotenzahl einer Privatyacht ermitteln und dann den Zirkel nehmen...
Daß ich überhaupt auf die Insel reise, hängt daran, daß ich das Gebäude sehen muß, um dann auf Sardinien einen Ort zu finden, wohin ich‘s für den Roman stellen kann. Deshalb wird mein Aufenthalt auch nur anderthalb Tage betragen; jede Ecke der Villa werde ich mir da einprägen, jeden Treppenhandlauf, jedes Portalchen. Auch der 25m-Pool muß ja irgendwo hin. Danach dann, wieder von Athen aus, der Privatjet. Die Insel sei selbst für eine Chessnalandebahn zu klein, jedenfalls nicht gefahrlos so nutzbar... aber einen Hubschrauber könnten wir nehmen.
Ob man auf der Insel tauchen könne, fragte ich bescheiden, gebe es da einen Tauchclub? - Die Contessa, in FaceTime, lachte laut auf. „Verzeihung, die Insel gehört alleine mir... also meiner Familie natürlich. Also Touristen haben da gar nichts zu suchen.“ Womit sie freilich unterschlägt, daß die unmittelbaren Küsten, bzw. Meereszugänge in Griechenland prinzipiell öffentlich sind. (Ich weiß das aber auch erst, seit ich den oben verlinkten Artikel las.) „Aber mein Verwalter ist ein Taucher. Wenn Sie sich verstehen, wird er Sie sicher auf einzwei Gänge mit hinausnehmen.“ - Nein, morgen und übermorgen nicht, da ist keine Zeit. Aber ich plane für Ende Oktober (erst geht‘s Anfang Oktober noch nach Sizilien, dann kommt die Frankfurtmainer Buchmesse) einen ein/anderthalbwöchigen Rückzug auf die Insel, um direkt vor Ort zu schreiben. Die Contessa hat es schon abgenickt. Außer dem Verwalter, der auf dem Gelände sein Häuschen stehen hat, und ein paar Zuwartkräften wird dann niemand dort sein. Da dann werde ich morgens Zeit für je einen Tauchgang haben, statt des Sports – das „statt“ selbstverständlich in Häkchen. Während es hierzustadt regnen wird und regnen und klamm werden, nebelnovembrig. Ach, laßt mich doch im Süden leben! - Dies ist für meine Seele die wohl schönste Seite dieser Ghostwriter-Arbeit, daß ich im Süden so oft sein kann.
„Aber wenn du da jetzt“, fragte mich Freund Christoph von >>>> Arco in Wien, „ein wirklich ein gutes Buch schreibst, hinter dem du zur Gänze stehst, tut es dir dann nicht weh, wenn der Titel deinen Namen nicht nennt?“ - Ich >>>> deutete es in Umbrien schon an: Nein, gar nicht. Sondern die Freude darüber, einmal nicht gegen Widerstände und Vorurteile, bzw. hinter mehr oder minder vorgehaltener Hand längst gefällte Verurteilungen anzuschreiben und zu wissen, daß meine Arbeit gewollt ist, überleuchtet alles andere. Es ist doch ganz falsch, den zweifellos wirkenden künstlerischen Narzissmus für einen persönlichen zu halten; es ist ein Narzissmus der Arbeit, der wird von Mobbing und Abwehr gekränkt, nicht etwa die Person des Künstlers selbst, bzw. nur insofern Künstler und Arbeit identisch sind oder sich als identisch empfinden. Dies unterscheidet sich gewaltig von jedem Individualnarzissmus. Genau deshalb spielt eine Nennung meines Autorennamens gar keine Rolle. Es befriedigt mich, tun zu dürfen, was ich kann und möchte, ich gehe in der Arbeit-selbst auf. Möge sie unter welchem Namen auch immer hinausgehen. Oder meinen Sie, Freundin, daß ich, wenn dem nicht so wäre, diese zahllosen Dschungelbeiträge (in der Numerierung meines Archivs mit diesem hier 18.209 [!]) in das Netz geworfen hätte, ohne etwas dafür zu bekommen und frei und durch jedermann kopierbar? Es kommt darauf nicht an. Nicht fecit, sondern invenit, Freundin! Und ein „invenit“ schreibt man nicht...
Man kann meine jetzige Arbeit aber auch wie die eines Unternehmenskünstlers betrachten, sagen wir für Apple. Kennen Sie die Entwickler dort? Wer kennt die Zeichner bei Disney? Eingeweihte, ja, aber ein größerer Kreis wohl nicht. Ecco. Doch die Dinge gehen in die Welt und strahlen in sie aus – vielleicht kräftiger, als es ohne nennenswerten Support oder „Lobby“ einem Einzelnen überhaupt möglich wäre.
Nein, ich werde bei dieser Ghostwriterarbeit nicht unter mein Niveau gehen, aber es anders als bisher realisieren, mit einer anderen als der bisherigen „rein“ ästhetischen Zielsetzung. Dies sei meinen Gegnern lächelnd gesagt. Lächelnd, weil sie eh schon grollen. Da muß ich keinen Bauchschmerz hinzutun. Nachzutreten ist feige.

So, an die Vorbereitungen. Das nächste Arbeitsjournal wird auf der Insel geschrieben. Sofern die Contessa mir Zeit läßt. (Ich freue mich auf sie, ihre kapriziöse, dabei extrem schnelle Art kommt mir ausgesprochen entgegen; auch ihren Spott mag ich sehr. Und ihre Lebensfreude, die auch sie nicht einfach so geschenkt bekommt, sondern die sie sich täglich erringt. Daß sie mich quasi dauerbeansprucht, kommt mir dabei entgegen; ich kenne keine Abgrenzungsproblematik, brauche das nicht, „mal für mich zu sein“, brauche keine sogenannte Freizeit, muß nur arbeiten dürfen. Wobei die Contessa, als die Löwin hier war, kurz schrieb, sie wolle nicht stören, wir sollten unsere Zeit genießen. Was wir denn auch taten. „Format“, kommentierte die Löwin, „ist halt Format.“
Zu meiner bisweilen schon geäußerten Auffassung, daß „Freizeit“ ein Quatsch ist, werde ich mich in einem späteren Journal noch mal äußern, dann nämlich dezidiert. In der DDR nannte man Altersheime „Feierabendheim“. Das Grauen, das von diesem Wort ausgeht, sitzt mir in den Knochen, seit ich‘s zum ersten Mal las. Es kann dies aber wohl nur mitempfinden, wer nichtentfremdet arbeitet. Für die „normalen“ Angestellten ist es was andres. Das gebe ich zu.)

Genießen Sie Ihren Tag. Hier kommt gerade, unter einem grollend verhangenen Himmel, die Sonne durch. Und surreal erglänzt Berlin. Meine Güte, über 11% AfD! Nicht in einem bayerischen Hinterweltsdorf, nicht in einem desparaten DDR-Ort, sondern hier. Was sind das für Menschen, die andere Menschen in den Tod schicken wollen, in Krieg und Elend zurückschicken, Frauen, Kinder, Väter? Man kann sich vor denen nur ekeln. Die, am liebsten, trieb‘ ich dort hin. Auch wenn ich weiß, daß sie letztlich erkrankt sind vor innerer umfassender Unfreiheit. Denn Deutschland? Was ist bitte Deutschland? Da bin ich >>>> um den Schlaf gebracht.

Ihr, Freundin, Europäer:

ANH

III, 159 - Abendschatten

Seit gestern unter den oberen Blättern meiner Strahlenaralie vor der Tür eine Gottesanbeterin, gestern noch horizontal, jetzt leicht oblique, bewegte tatsächlich ihre Fühler, als ich kurz nachschauen ging (vielleicht zigarettenrauchempfindlich), aber nur in einer nach aufwärts bzw. abwärts gehenden Richtung, da sie nach unten hängt, um dann wieder nichts weiter zu unternehmen. Und in ihrer länglichen Gestalt fast schon ein horizontales Abbild des >>>> Abendschattens.
Der kleine dreieckige Kopf, fast unmerkliches Bewegen mundähnlicher Werkzeuge. Die fressen ihre Männer.
Daß ich ebenso stille stand, kann ich nicht behaupten. Der scheinbar reglos auf den Schreibtischstuhl angeheftete Unterleib mit seinen Extremitäten fuhrwerkt, steht in direkter Verbindung mit dem Blick auf die Uhr wegen der nächsten Pause. Und zappelt in Gedanken schon los. Aber ohne den Hof zu verlassen. Wo er verwundert einen Haufen Hundescheiße im schmalen Beet bei der Passiflora und ansonsten ein reges Sprießen kleiner grüner Pflänzchen bemerkte. Da hübscht’ es lächelnd über sein Gesicht, wie ich gestern abend ohne Apostroph notierte, als Tullia und der junge M., den es vom Kaiserstuhl nach Leipzig verpflanzt (siehe >>>> Nr. 158), sich stikum und quasi zum Essen eingeladen. Höflicherweise ließen sie mir Zeit zur entsprechenden Vorbereitung.
Immerhin reichten die Zutaten für drei. Wie ich auf den Satz kam, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich war mir danach, mit einem obliquen Satz Eindruck zu schinden. Tatsächlich fragte ich ihn, als wir noch ein Bierchen tranken bei Valda (die nicht da war), wie alt er sei. Meine Einschätzung war durchaus richtig.
Er sei jetzt eigentlich obdachlos, wohne mal hier, mal dort bei Freunden. Und insistierte auf seinem Trauma, von dem schon vorgestern die Rede war: er habe mit einem zusammengewohnt in Leipzig, der noch zu DDR-Zeiten eine Sportlerlaufbahn absolviert mitsamt einer Medaille (Ringer), und der habe ständig geredet über das, was er in den Nachrichten gehört und gesehen, und der dauernd von “wir” sprach und ihn als “ihr” titulierte in einem gewissen Sinne. Also ein beständiges Vollgelabertwerden. Und schließlich dieses wahrscheinlich daraus resultierende Höhlendenken: entweder sich einigeln in Leipzig oder in Freiburg (Heimspiel wegen der Kaiserstuhl-Herkunft) Mathematik studieren, aber als ein Mittel, sich auszugrenzen. Nun, ich erzählte ihm, wie ich Mitte 20 eine ähnlich desperate Situation erlebt hätte. Hinter unserem Tisch wurde laut Geburtstag gefeiert. Im Grunde Kinder, die an uns vorbei hin- und herliefen. Ein Mädchen fiel mir auf, die ein Mädchen noch war, aber (wahrscheinlich von den Eltern) auf Frau gestylt war. Ganz in rot-weiß gekleidet, ein aufgebauschter Haarschopf. Hübsch auf jeden Fall, stellte sich auch brav zu den größer gewachsenen Freundinnen, die eben nicht so hübsch aussahen. Aber es war schon alles Rolle. So ein Dazugehören spielend, wo sie eigentlich lieber spielen sollte. Eltern, behauptete >>>> Aldo Busi immer im Fernseh’, so lange ich noch Fernseh’ sah und ihn wohl auch las (mir gefiel sein Italienisch, egal, ob er nun beschrieb, wie man sich in Marokko unter Männern gegenseitig vergewaltigt), seien Verbrecher. Nun gut, viel konnt’ ich nicht anfangen mit dem jungen Mann (er 26, ich 62), hoffentlich er mehr mit mir. Good luck.

III,158 <<<<

III, 158 - Senf güldet, Ratschläge mitnichten

’Senfgelb’ fiel mir ein, als ich noch vor dem Essen den letzten Abendschein in die Tasche gesteckt bekam. Es waren wieder die Mauern gegenüber. Aber selbst im Hof, in den hinein mich wieder Kraftwerk verfolgte und sich mit einem Fernseher gegenüber vermischte, hatte Senfgas sich breit gemacht, ohne daß ich an Schützengräben dachte wie neulich bei des Dichters Besuch (ich mußte es ihn einfach anhören lassen (Marinetti, sagte er nur)), während es fast unmerklich tröpfelte und fernes Wetterleuchten kurz auf den Mauern sich spiegelte. Aber das Donnern war eher dem Geräusch eines vorüberfliegenden Flugzeugs ähnlich.
Ein bißchen mußte ich mir dieses senfgelbe Für-Mich-Sein tatsächlich erkämpfen. Mit guten Worten, immerhin. Denn im nicht allzuspäten Nachmittag, bereits entschlossen, nichts mehr verrichten zu wollen, kehrte ich zurück vom Weinkeller und vom Supermarkt.
Tullia schritt auf der anderen Seite des Platzes vorüber, neben ihr ein junger Mann. Sie seien gerade auf dem Weg zu mir. Ah. Der junge Mann sei indes ein Cousin des Schönwetterbauern vom Kaiserstuhl. Ah. Und ob ich nicht eine Tastatur übrig hätte. Hatte ich. (Neulich die Usbekin: ob ich nicht eine Mouse übrig hätte - hatt’ich ooch (und hundert Geschichten von ihrer Misere mit dem Ex und mit dem Sohn und mit dem Geld ( понима́ю, sagt’ich bloß immer))). Und setzten sich beide aufs Sofa. Und blieben.
Tullia ging dann. Der Cousin blieb. - Er wohne in Leipzig (aber doch in des Schönwetterbauern Dorf aufgewachsen). Habe gerade aufgehört, Fotografie zu studieren. Dachte laut, nein leise vor sich hin. Den angebotenen Wein schlug er mitnichten aus. Setzte sich sogar auf meinen Stuhl am Küchentisch. Und dachte weiterhin laut, nein, leise vor sich hin.
Ich versuchte einzugehen auf seine Gedankenwelt, die immer dahin tendierte sich vorzustellen, wie es wäre, in einer Gesellschaft zu sitzen und nichts zu sagen, sich nicht einmal zu rühren. - Wie alt wird er sein? Mitte zwanzig? Flaumbärtchen. In die Welt hineingestakst, aber noch nicht in ihr heimisch geworden. - Hätte ich nicht abgebremst, er wäre noch länger sitzen geblieben: mein Ich-Freiraum nach des Tages Mühen fühlte sich bedroht. Möglich, daß ich ihn morgen in Valdas Pizzeria verfrachte, dann kann er seinen Gedanken weiter nachgehen, um sich dann mit den meinen zu treffen (doch, das klappte schon, ich war selbst überrascht). Hab’ jetzt fast ein Pappa-Bewußtsein ihm gegenüber. Rrraatschläääge fürs Leben. Hätte nur nicht das Wort ‘Ratschlag’ etwas von ‘schlagen’. Nee, tu’ ich nich’. Geb’ ich nich’. Will ich selber nich’. Das ratscht an mir vorüber, wie hoffentlich an Jedem. Seinen Senf dazugeben, das darf man immer.

III,157 <<<<

14. September 2016: „Erzähl mir nichts“. Ein Aktions- und Leseabend im Rahmen der NOVELLE der Galerie Nord, Moabit.


Abendtitel

Mit Martina Altschäfer, Phyllis Kiehl, Matthias Beckmann und Sebastian Rogler
Die Pilze in die Suppe schneidet Uwe Schäfer
Musik von Christine Lorent und Adrian Rovatky
Moderation ANH

>>>> Galerie Nord I, Moabit
Kunstverein Tiergarten
Turmstraße 75
10551 Berlin

19.30 Uhr


III, 155 - Zukommendenfalls

Die Welt scheint sich mit neuen/alten Gesichtern bevölkern zu wollen. Gestern wollte die Brooks-äugige Freundin/Kollegin aus Rom wissen, ob es sich hier gut sein lasse. Immerhin ein paar Gedichte, die ich ihr damals widmete. Aber wo? Ich sollte eventuell alle meine Passwords aufschreiben und in einen Umschlag für die Kommenden stecken. Manchmal zumindest fällt mir das so ein. Kann sein, daß es dem mittlerweile begonnenen Montaigne zu schulden ist, der, wo es ums Sterben geht, eigentlich doch eher einem ‘anständigen’ (was Anstand eben so bedeutet) Begräbnis zuneigt, aber gleichzeitig Sokrates zitiert, der auf die Frage, wie er beerdigt werden wolle, geantwortet habe: “Wie es euch beliebt.”
Ok, Gedichte seien die Spur eines Vogels, die plötzlich aufhört. - Also sie, die Freundin, überlege zusammen mit ihrem ‘compagno’, Rom zu verlassen.
Honey was never so sweat als meine Worte, dieses Städtchen zu versüßen trotz der kommunalen Vetternwirtschaft, die Fahrstühle errichtet, die wie Lattenroste aussehen und dazu einladen sollen, das Auto kurz vor dem Erreichen der Oberstadt stehenzulassen, um bequem Rat- und Krankenhaus zu erreichen, nachdem man auch noch durch ein Kommerzzentrum geschleust wird, wobei der aus einem niedergeschlagenen Wald gewonnene Parkplatzraum völlig unzureichend sein wird. Und alles mit EU-Finanzierung. Zudem hat die neugewählte Kommunal-Junta einen bekannt-berüchtigten Kunstkritiker zum Kulturbeauftragten ernannt, der sich neulich medial dahin äußerte, Aids werde nicht heterosexuell übertragen, sondern nur unter Schwulen. Vittorio Sgarbi sein Name (als ‘wir’ das erste Mal Perugia besuchten, stand sein Auto irgendwo auf der Straße, aber verunziert mit Abfällen). Und überhaupt, er werde Rubens nach Amelia bringen. Gut’ Nacht, Marie. Wahrscheinlich ist damit Peter Stein als Organisator des herbstlichen Festivals abgesägt. Wer weiß.
Ach ja, neue Gesichter. Morgen werde ich wohl angedichtert. Mein Favorit des >>>> Dichterstreits im August will mir Ausgedrucktes vorbeibringen. Ich äußerte damals den Wunsch, seinen Vortrag, der mir gefiel, in Buchstaben zu sehen. Bin gespannt. Auch auf das, was die Freundin entscheiden wird, sobald sie nach der derzeitigen ‘nervigen’ Romanübersetzung vorbeikommt.
Aller üblen Wünsche bar und der Dinge harrend heut’.

III,154 <<<<

Abermals mit Füßen. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 11. September 2016. Angesext.


Maske Napoli Schreibtisch
[Arbeitswohnung, 9.30 Uhr
Britten, The Rape of Lucretia
Erster Morgencigarillo]

Erst um kurz vor acht hoch, nachdem erst um kurz nach drei Uhr nachts ins Bett gekommen, zumal ich seit drei noch etwas, einen Calvados vor mir, nachsann. Es hatte sich nämlich >>>> vorabends, als ich mit der Contessa auf dem Dach des Hotels de Rome saß, eine ihrer Freundinnen, wohl nur Bekanntin, zu uns gesetzt; ich kann nach wie vor nicht recht einschätzen, wie eng die beiden sind. Aber Erscheinung wie meine Auftraggeberin; insofern paßten beide schon.
Irgendwann kam die Sprache auf eine Party, zu der Mme Desolée, ja, so nannte sie sich, geladen sei; ob die Contessa nicht mitkommen wolle? Ihr „Baiseur“ - das sagte sie wirklich! - habe sie versetzt. Die Contessa kräuselte ihr Aristokratinnennäschen; ob aber der Wortes-selber wegen oder weil die Umsitzenden pikiert aufschauten, weiß ich nicht. Neinnein, da müsse sie wieder in „DDorf“ sein, aber vielleicht – sie war echt frech – „mein Adjutant?“ Das erst ließ Mme Desolée mich wahrnehmen. Also wahrgenommen hatte sie mich schon, aber wohl das „genommen“ für leicht degoutant gehalten. Sie trug ihren Standesdünkel als bodenlange Stola außen.
Nun reizt mich sowas. Ich bin dann nicht beleidigt, sondern denk in mir: Dir zeige ich die Hölle. Es ist wie mit diesen Krawatten aus den Siebzigern: Ging man mit denen zu nahe an der Wand lang, gab es eine kurze Stichflamme, und sie verschmauchten. Zu allem Überfluß ‘n -druß bekam man dann das kokligdunkle Plasteteil nicht mehr vom Kragen ab. Also die Frau sah einfach >>>> die Maske nicht auf meinem Gesicht. Bin ja auch ‘n unauffälliger Typ.
„Sie würden mich begleiten?“ Sie hätten, liebste Freundin, dieses „Sie“ hören müssen! Schon daß sie das W o r t in den Mund nahm (ihre Generation lehnt es ab), zeigte den Abstand.
„Oh“, sagte die Contessa. „Man sieht es vielleicht nicht, aber er hat Qualitäten.“
Es war nicht schwer zu begreifen, daß ihrerseits sie diese Bekannte etwas degoutant fand und ihr jetzt eine, sagen wir mal, Falle stellte. In die die auch hineinfuhr, etwa wie (Lukas 8,33) Teufel in die Schweine, nur daß die Schweine selber Teufel und als solche ziemlich größer sind. Und selbst Sie, Verehrte, hätten sie nicht von der Bettkante geschubst. Denn unter dieser Stola leuchteten die marmornsten Schultern hervor, die Sie sich vorstellen können; von der übrigen Anatomie schweige ich, wie Sie‘s von mir gewöhnt bleiben dürfen.
Das Problem, also, bestand darin, nicht ebenfalls „Baiseur“ zu werden. Ich löste das ziemlich geschickt, indem ich mich eines Kollegen entsann, der - bezüglich einer von uns beiden avancierten Frau – mir einmal gesagt hatte: „Mach nur. Ich bin eh impotent.“ - Lange, sehr lange habe ich dazu gebraucht, die diesem Satz inneliegende Macht zu begreifen. Eine ungeheure Umkehrung! Man macht das Vakuum zur unerfüllbaren Lockung und bleibt gänzlich unantastbar. Damals, als dieser junge Kollege den Satz von sich gab, ahnte ich noch nicht, daß er der Schlüssel zum Zölibat ist. Allerdings hat sich vor Jahren schon Oberst Baumwolle, im >>>> Wolpertinger, zu Hans Deters (erinnern Sie sich, lieber Deters?) gar nicht anders geäußert:Genieren Sie sich nicht. Ich bin gewissermaßen impo­tent."
"Wie bitte?" Deters hatte sich erhoben, herumgedreht, streckte die Hände zum Koffer aus, zog ihn herab, öffnete die Schließen; währenddem sprach Baumwolle weiter.
"Nennen wir mich der Einfachheit halber einen Macht­men­schen", erläuterte er (...).

Wolpertinger oder Das Blau, 59/60
Doch so isses mit den Lehren, die man selbst schreibt; der Finger weiß nicht, was er tippt. Und erst Jahrzehnte später sitzt da so ein gutaussehender und überdies begabter junger Mensch und bringt es einem bei.
Ich habe in meinem Leben echt Fehler gemacht.
„Aber Sie müssen wissen“, sagte ich der Desolée, damit ihr Name wirklich w ü r d e, als wir uns dann gestern nacht trafen, „daß ich impotent bin.“
Sie war wie vor den schönen Kopp gekloppt, wiederholte Deters‘ "Wie bitte?"
„Wäre es anders“, antwortete ich, „ich würde Sie begehren. Das dürfen Sie mir glauben. Doch nach Lage der Umstände...“
So daß sie die Falle plötzlich begriff, aber nicht mehr herauskam.
Ich hab dann in dem Club ziemlich viel Gin Tonic getrunken, auch ein bißchen getanzt, was mich normalerweise dazu bringt zu balzen; das „z“ in beidem verrät das prinzipielle Ziel: Denn bei zuviel körperlicher Nähe wird dann die Partnerin ganz naß, wenn einer - das spritzt ihm dann einfach vom Schädel - so fontanen schwitzt wie ich und ihm die Musik eigentlich zu laut ist. So daß er sich willentlich euphorisiert und schon in die Entgrenzung wirbelt. Nun konnt‘ ich das vermeiden. Ich hätte ja zum Beispiel eine ihrer Hände nehmen können, um sie, die Frau, herumzuwirbeln. Als Impotenter muß man all das nicht. Richtige Frauen freilich reagieren mit einem „Das wolln wir doch mal sehn!“ (Worauf mit Garantie damals mein junges Vorbild gesetzt hat – erfolgreich, übrigens).
„Diesen Gin Tonic noch, dann geh ich“, sprach ich gegen zwei Uhr in das desolate Ohr.
Es sah erleichtert aus. Leider war es schön. Schon deshalb wollte ich die Qual nicht noch überstrecken.
Außerdem trieb es mich in die Lobby, worin die schönen jungen Reichen unsrer schönen armen Stadt sich die Begehren, ihre roten fleischdurchzuckten, gegenseitig bleichen. - Erinnern Sie sich? Konstantin Wecker? >>>> „... nie wieder einen Dichter einzuladen“....? - Aber die Lobby kam zu mir.
Ich weiß es nicht, weil ich mich nicht mehr umdrehte, aber stelle mir vor, daß Mme Desolée, wie sie uns hinterhersah, ihrem Namen Ehre machte wie Unehr‘ ich der Impotenz.

*

Nun ist die junge Dame längst gegangen... neinnein! Haben Sie, Leser, denn g a r nichts verstanden? Freundin, klären Sie ihn bitte auf! Ach, Männer sind s o... wählen bitte Sie das Wort. Ich muß nämlich endlich endlich arbeiten. Mein >>>> DTs, schon jetzt, ist gänzlich unerfüllt. Die Mönche haben völlig recht... - So habe ich‘s denn wieder mal versaut, und Mme Desolée, in Wahrheit und auf ihre Weise, hat letztendlich doch gewonnen. Das wird der Contessa, wenn sie es hier liest, vermutlich nicht gefallen. Wenn ich Pech hab, zieht sie‘s mir vom Honorar ab, und ich dürft nicht mal nölen.

Kjaerstad-Kritik.
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>>>> Béart vielleicht
Mit einem wunden Schwanz. (Ich muß Ihnen, liebe Freundin, unbedingt von diesen Füßen schreiben... erinnern Sie sich an die Achselkapellen? Gewiß. Es waren ja die Ihren... Und diese Füße sind deutliche >>>> Motivverstärkung. Sie haben einen Unterspann, der denen beinah gleichkommt. Ich hab sogar ein Bild gemacht. - Doch nein! Genug. Genug. „Ich bin impotent“ und zeig es Ihnen n i c h t. Ende.)

Aber den Kraftsport wieder aufnehmen heute. Wiewohl das Wetter lieber laufen würde. Warum eigentlich das Training nicht einfach in den Park verlegen? ‘s gibt ja genügend Vorrichtungen dort. Keine Lust auf geschlossene Räume.

Am Abend schließlich Amélie.

Ihr,
bei nunmehr >>>> Peter EötvösDoReMi (Zweites Violinkonzert)
und gänzlich ununholdig jetzt:

ANH

 



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