Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009Selzers Singen, Phantastische Gedichten. Kulturmaschinen 2010 e

 

Spiegel

ein abend im regen am meer, das trügerische gefühl zu existieren, unter all diesen lemuren die sich für existent halten, ein foto auf dem man selbst zu sehen ist, hunde, möven in paarformation, das brüllen des meeres, ganze familien in jack wolfskin-jacken, ein mädchen, das sich hinter einer mauer auszieht, über den strand rennt und sich in die wellen stürzt, ein angespülter gummihandschuh, verblichenes rot, eine hand die aus der wand wächst und nach der deinen sucht, ein blütenregen, dunstiges unterholz - und dann mit einem mal ist sie vollständig da, hockt sich hin und pisst über deine ausgestreckte hand.

die vorstellung eines optimierten Bewusstseins, eines bewusstseins das weit und weiter über das hinausgeht was im bewusstseins eines über- menschen vorkommt, die welthaltigkeit des geistes, der sich selbst übertrifft, ein allumfassendes, allesdurchdringendes bewusstsein - das ist das was sie als Gott bezeichnet haben.

was, wenn die generierung von bewusstsein, so sie fortschreitend sein sollte, was allerdings unwahrscheinlich ist, weil ein bestimmter bewusstseinsgrad gleichbedeutend mit selbstvernichtung ist und einen entropischen prozess startet, selbst integraler teil des göttlichen bewusstseins wäre, das sich in sich selbst spiegelt und seine autogenese, einem narzistischen wiederholungszwang folgend, auf ewig wiederholt?

was, wenn wir selber masken und spiegelmasken eines göttlichen bewusstseins wären, das sich selbst immer und immer wieder in millionenfacher vervielfältigung durchexerziert?

... wie jeder mensch mehr ist als das, was in
psychologischen aspekten von seiner realität
gewußt werden kann (K. Jaspers)
- weiss ein mensch über sich selbst bezgl. des
anteils an lüge und aufrichtigkeit sich selbst
und anderen gegenüber
weniger als die anderen über ihn. eine lüge die nicht
decouvriert wird = keine lüge, denn ihr fehlt
ihre sich selbst als lüge konstituierende
korrespondenz im Bewusstsein der anderen. zwei die
sich gegenseitig belügen können gleichzeitig
durchaus vollkommen aufrichtig zueinander sein -
ohne sich ihrer verlogenheit im geringsten bewusst
zu sein. das bewusste verfälschen einer tatsache
kann der wahrheit dieser tatsache ganz und gar
entsprechen, vorausgesetzt, diese tatsache
entzöge sich aus irgendeinem grund einer
wahrhaften Auffassung. man lügt, um sich oder
andere zu schützen. das = eine akkreditierte form
v. kommunikation. mit der wechselseitigen
unterstellung dass man sich anlügt, stellt man
die bedingung der möglichkeit her, sich auch die
wahrheit sagen zu können. der umkehrschluß ist
problematisch: auf der basis der unterstellung,
dass man sich wechselseitig notorisch aufrichtig
begegnet, das lügen gewissermaßen ausschließt,
schließt man auch jedes unwillkürliche irren aus,
das intentional als lüge identifiziert werden
könnte. das lügen kommt, weil im vollen
Bewusstsein der gekannten wahrheit, der wahrheit
selbst näher als die als obligat genommene
aufrichtigkeit, die das reich der lüge negiert -
und als potenz der wahrheit nicht zur Kenntnis
nimmt und infolgedessen nicht nutzen kann. die
lüge = der spiegel der wahrheit: der spiegel, in
dem sich die wahrheit, eitel und selbstherrlich
wie sie ist, nicht zu sehen wünscht. aber wenn
die wahrheit aus diesem grund vor dem spiegel
verschwindet überlässt sie den spiegel seinem leeren
spiegelbild - und die lüge selbst wird zur
wahrheit, die sich im spiegel betrachtet.

so - oder so ähnlich träumen katzen.

Über die Eunuchen. Neues von Eisenhauer.


>>>> D O R T.

Schon wieder so ein Bild!

Bei >>>> Phyllis Kiehl.

(Wie man nervösisiert wird...).

Öl

wir im westen versuchen seit 3000 jahren das unbewusste zu erobern, wie columbus die neue welt.
das mittelalter hat uns zumindest eine gewisse hochachtung vor den frauen beigebracht.
thomas v. aquin und seine arabischen freunde haben uns über ihre höchstpersönlichen leidenschaften und lüste eine lupenreine analyse hinterlassen, die im wesentlichen darin besteht, dass die eigene lust immer die des anderen ist - und das war es was sie Gott nannten, aus gewohnheit, nachlässigkeit und schlampigkeit, diese schlampigkeit, die ich über alles schätze: die schlampigkeit der philosophie des 20. jahrhunderts, das jahrhundert, in dem wir eingelegt sind wie anchovies in öl.

Das schwarze Biest bei Literaturkritik.de: Der Engel Ordnungen. Von Jost Eickmeyer.

>>>> D o r t. Der-Engel-Ordnungen-2

MEERE und die Universitäten. Nachträge.

Meere-VolltextSehr geehrte Frau J.,

Daniello, der mein öffentliches Email-Postfach verwaltet, hat mir Ihre Anfrage weitergeleitet. Im Absender finden Sie nun mein direktes Postfach.
Es scheint an den Universitäten derzeit einen Seminar-run auf das Buchverbotsthema zu geben, was ich aus soziologischen Gründen zwar verstehe. Allerdings sehe ich mich rein aus zeitlichen Gründen außerstande, jede Anfrage detailliert zu beantworten. Bislang habe ich solche Anfragen an meinen Anwalt weitergeleitet; doch der Schwemme solcher Anfragen wegen kann ich damit auch ihn nicht weiter belasten.
Prinzipiell einmal, das möchte ich klarstellen, hat es sich bei dem Prozeß um >>>> MEERE nicht um Zensur gehandelt, sondern um einen Konflikt zweier Grundrechte, die zugunsten des einen entschieden worden sind. Das ist etwas anderes als Zensur. Ferner bestehen zwischen Maxim Billers, Michael Lentz’ und meinem Roman allein schon dahingehend Unterschiede, daß es bei Lentz meines Wissens nie zu einem Prozeß gekommen ist und bei Biller, anders als in meinem Fall, auch nach Prozeßende keine Einigung zustandekam. Das mag nicht nur persönliche Gründe haben: hier wäre also zu schauen. In der Tat glaube ich, daß es prizipiell ästhetische Gründe waren, die eine Rolle spielten; daneben gibt es auch sozialpolitisch-ökonomische usw.; all dies ist von den Prozessen nicht abzulösen. Ich habe mich weit mehr als die beiden anderen Autoren zu meinem Buchprozeß öffentlich immer wieder geäußert; das ist vielerorts dokumentiert und nachlesbar.
Nur habe ich mit dem Kläger unterdessen eine Einigung erzielt, die ich nicht brechen will. Selbst wenn ich noch Exemplare der ursprünglichen Fassung haben und selbst wenn ich wollen sollte, was nicht der Fall ist, würde ich keines davon zugänglich machen. Handelte ich anders, bräche ich die Einigung, was schon im Interesse der Verfügbarkeit des Romans >>>> so, wie er jetzt erhältlich ist, nicht liegen kann. Das gilt auch für Auskünfte über die zwischen uns Rechtsparteien vereinbarten Änderungen in der von mir so genannten „persischen Fassung”. Meinerseitige Inhaltsauskünfte über die in der Tat geringen Änderungen kämen einer Rücknahme der Einigung gleich. Das einzige, was ich Ihnen sagen kann, ist, daß die von einem Großteil der Presse als inkriminiert behaupteten „Stellen” des Romans n i c h t aus dem Buch herausgenommen werden mußten. Weder wurden Sexualstellen gemildert, noch hat der Handlungsaufbau des Buches, geschweige seine Ästhetik irgend einen Schaden genommen.
Daß Ihnen der >>>> Mareverlag kein Exemplar der Fassung, um die der verlorene Rechtsstreit ging, zur Verfügung stellen will, liegt auf der Hand; ich wundere mich ein wenig, daß Sie da überhaupt gefragt haben. Eine Zuwiderhandlung zöge unmittelbare Sanktionen nach sich, auch wenn - aber eben v o r der seinerzeitigen Einstweiligen Verfügung - meines Wissens an die 2000 Exemplare bereits verkauft worden waren, nämlich in der ersten Woche nach Erscheinen des Buches.
Meere-Umschlag1Mit den besten Grüßen aus Berlin:

ANH
>>>> Herbst & Deter Fiktionäre

Alexis Sorbas und Überlegungen zu geschlossenen Systemen (Mittwoch, am späten Abend: vom eckigen Tisch der Dichter, zum runden Tisch der Philosophen. Ich hörte nur zu. Und komm Melusine, komm!)

In diesem Patriarchat wird eine Geburtswehe eines Matriarchats, das sich in diesem bereits aufhebt, rational eingeleitet über den logischen Schluss der aufgeworfenen Fragestellung: -Ist ein Mann dazu verpflichtet eine Frau zu befriedigen, die es von ihm verlangt obwohl keine, für ihn wahrnehmbare (!), Anziehungskraft von ihr ausgeht, bzw. wenn er für diese nicht empfänglich ist? Obgleich es doch von ihr erwartet wird.-, die zu einer zwingenden Verpflichtung der beidseitigen Geschlechterbefriedigung führt. Ist diese Ratio übersetzbar? Anders ausgedrückt: Ist solch eine Utopie umsetzbar? Kann sich eine Gleichzeitigkeit zweier Gesellschaftsstrukturen nur durch Verpflichtung vollziehen?
Meine Überlegung: es gibt keine Attraktivität Null.

:

"Du redest wie ein Schullehrer, und du denkst wie ein Schullehrer. Wie kannst du da verstehen?" (Anthony Quinn, alias Alexis Sorbas)

Wir tranken und machten reinen Tisch. Die Welt wog leichter, das Meer lachte, die Erde bewegte sich wie das Deck eines Schiffes, zwei Möwen stolzierten auf den Kieseln und unterhielten sich wie Menschen.
Ich erhob mich.
“Komm, Sorbas!” rief ich, ”Lehre mich tanzen!”
Begeistert sprang er auf, sein Gesicht strahlte.
“Tanzen, Chef? Tanzen? Dann komm!”


(Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas)

Mit einem Dank an die mir unbekannte Philosophin vom runden Tisch.

Nicolas-Born-Preis für Gerd-Peter Eigner

Die frohe Botschaft sei hier schnell verkündet: Gerd-Peter Eigner erhält den Nicolas-Born-Preis 2010 des Landes Niedersachsen.

Seine Romane "Golli", "Brandig", "Mitten Entzwei", "Lichterfahrt mit Gesualdo" und "Die italienische Begeisterung" – zyklisch miteinander verbunden – seien Protokolle einer Selbstvergewisserung und zugleich Zeugnisse einer mit großem Erzählatem verorteten Weltzugewandtheit, so das Urteil der Niedersächsischen Literaturkommission.

Mit dem Nicolas-Born-Preis, so heißt es in der Presseerklärung, werden herausragende Schriftsteller mit Bezug zu Niedersachsen ausgezeichnet. Er ist mit 15.000 Euro dotiert.

Herzlichen Glückwunsch, mit Sicherheit auch im Sinne des momentan abwesenden Seiteninhabers ANH, lieber Eigner, für die Auszeichnung!

slt

Gärtnerin in Doppelkorn.

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Der zum Ewigen umkehrt. Anmerkungen zu Benjamin Steins Roman Die Leinwand. Von Alban Nikolai Herbst.

Die Weisen waren der Ansicht, daß nicht nur bei der Geburt
eine auf Rückkehr in die Welt wartende Seele in einen neuen
Körper übergehen kann, sondern auch während der Tevila
eines Konvertiten. In gewisser Weise, meinte Ariel, gelte
dies auch für einen, der zum Ewigen umkehrt.
SteinDieLeinwandZichroni

>>>> Dieses ist ein guter Roman.
Ich meine dies durchaus unspöttisch im Sinn des „guten Buches”, das jemand zur Hand nehmen möge; ich meine es aber auch sowohl wegen der Spannung, die >>>> Benjamin Stein aufzubauen versteht, wie aufgrund des für mich eigentlichen, im Wortsinn, Kunst-Stücks dieses Buches: die zumindest m i r völlig ferne Lebenswelt festen jüdischen Glaubens präzise und plastisch, vor allem, und zwar warmherzig, als eine gegenwärtige Normalität zu vermitteln. Nicht ein Gran eiferischen Überzeugenwollens fällt über die Leser einher. Dabei ist „Die Leinwand” als gläubiges Buch durchaus streng; es macht aus seiner Sympahie für die Orthodoxie keinen Hehl, ja weiß sogar westlichen Auffassungen über Freizügigkeit, namentlich der Erziehung, sein sehr Kluges entgegenzusetzen. Dafür steht Nathan Bollag, eine der klarst umrissenen Figuren dieses Romans. Insofern er sich einer leidenschaftlichen Kenntnis der Künste verschrieben hat, ist er geradezu ein Repräsentant des gebildeten, aber nicht assimilierten europäischen Juden. Vermittels einer großartigen Metapher weiß er seinem Neffen und uns das rechte Verhältnis von orthodoxer Gläubigkeit und den weltlichen Einschlüssen darin zu demonstrieren. Bollag ist nämlich Juwelier, und er liebt >>>> Demantoiden.Die Farbe des Steins war intensiv, klar und völlig gleichmäßig. Ich betrachtete die Einschlüsse, ein Bündel feinster, goldener Härchen, die allesamt aus einem Punkt entsprangen und sich zu einem leicht in sich verdrehten Bündel auffächerten. Drehte man den Stein im Licht, schien es, als wären Funken eines Feuerwerks in ihm eingefangen und erstarrt (…).
Er ist schön, sagte ich (…).
Ja, sagte mein Onkel (…). Wie viel Raum, fragte er, nimmt das Chrysolith ein in diesem Stein? (…) Nicht ein Viertel? fragte mein Onkel: Könnte es nicht ein Viertel sein oder noch mehr?
Auf keinen Fall, erwiderte ich (…).
Das denke ich auch, sagte Onkel Nathan: Der Eindruck fliegender Funken könnte nie entstehen, hätte der Einschluß nicht genügend Raum inmitten des Grüns. (…)”
Auf diese feinsinnige, sehr oft parabelhafte Weise, die durchaus der orientalischen Erzählung von Moral entspricht - immer hat sie etwas mit Deutung zu tun und vergleichsweise wenig mit Weisung -, werden einige Male mehr die Kriterien eines angemessenen Verhaltens beleuchtet.

Beeindruckend ist aber vor allem die romanästhetische Könnerschaft. Kein Zweifel, daß man es mit einem zeitgenössischen Roman zu tun hat, der bezeichnenderweise einen großen Teil seines Reizes gerade aus dem Verhältnis zu einer wiederwirkenden konservativen Religiosität bezieht. Diese ist, nicht nur bezüglich des Jüdischen, beileibe keine Randerscheinung der modernen Gesellschaft. Stein bettet darein eine auf den ersten Blick verzwickte Personengeschichte: die Geschichten nämlich zweier Personen, Amnon Zichronis und Jan Wechslers, die sich dadurch komplizieren, daß eine dritte Person hinzuzukommen scheint. Das wird in Wechlers Erzählung deutlich, als ihm ein Koffer zugestellt wird, der seiner nicht ist, jedenfalls nicht sofort. Denn wir begreifen wie er erst allmählich, daß der Mann seine Vergangenheit vergessen zu haben scheint und sich für einen völlig anderen Menschen hält, als er in Wahrheit ist. Was aber ist das, die Wahrheit? Die persönliche Wahrheit im Verhältnis zu einer scheinbar objektiven, also faktischen, ist eines der großen Themen dieses Romans, eben aber auch eine der brennendsten Fragen der Mediengesellschaft. „Was (…) ist eine Wahrheit, die tötet, wert gegenüber einer Wahrheit, die jemanden leben läßt?” fragt Amnon Zichroni.

Man muß fast sagen: notwendigerweise hat der Roman zwei Enden, die sich übereinanderlagern, und zwar in der Mitte. Das ist konkret gemeint: buchräumlich nämlich. Indem Stein Zichroni wie Wechsler je von vorn bis zur Mitte ihre Geschichten erzählen läßt – wir Leser müssen, um von des einen in des andren Erzählung zu wechseln, das Buch umdrehen –, bewegen sich beide Ich-Erzähler aufeinander zu. Wie in Julio Cortázars berühmtem „Rayuela” steht es uns dabei nahezu frei, wo wir zu lesen beginnen, wie oft und wo wir das Buch wenden, um beim jeweils anderen Erzähler weiterzulesen; alles steht in solch engem Zusammenhang; entsprechend ähnlich sind beider, bzw. aller drei, Sprachen: Man ahnt, daß eine Personenzusammenführung stattgefunden hat, eine Verschiebung, vielleicht auch Besetzung des Characters durch einen anderen, und man ahnt, daß dies nicht nur technisch begründet ist. Auf das geschickteste legt Benjamin Stein, in der Exegese religiöser Schriften bewandert, seinen Lesern die Spuren. Das geschieht mitunter derart unauffällig, daß man völlig überrascht ist. Die Seelen der Gerechten, erklärte mir Ariel, verlassen die Welt nicht, solange sie gebraucht werden. Stirbt ein Zaddik, schlüpft seine Seele in den Körper einer jungen Taube. Dort wartet sie, bis ein Mensch geboren wird, dessen Körper als Gefäß für sie taugt. So kehren die Gerechten in die Welt zurück und setzen ihre Werke fort.Solche scheinbar nebensächlichen, wie Illustrationen rechter Gläubigkeit, ja vielleicht sogar religiöse Befangenheit wirkenden Passagen erweisen sich als Schlüsselszenen:Als wir in den Monaten zuvor die Gesetze studiert hatten, die sich mit Konversionen befassen, war Ariel noch einmal auf die Ansicht des Arisal zur Seelenwanderung zu sprechen gekommen. Tritt ein Fremder ein in den Bund, erhält er mit der Tevila einen neuen Namen. Er erhält auch neue Vater- und Mutternamen. Das Band der Generationen wird zerschitten und ein neues geknüpft. Den Namen zu wechseln, ändert das Schicksal, die Zukunft und die Vergangenheit. Die Weisen waren der Ansicht, daß nicht nur bei der Geburt eine auf Rückkehr in die Welt wartende Seele in einen neuen Körper übergehen kann, sondern auch während der Tevila eines Konvertiten. In gewisser Weise, meinte Ariel, gelte dies auch für einen, der zum Ewigen umkehrt.Zum Ewigen umgekehrt zu sein, ist nämlich offensichtlich das, was Jan Wechsler, einst ein Enthüllungsjournalist in Sachen Holocaust-Industrie, widerfahren ist; nur weiß er das anfangs nicht mehr. Denn seine innere Wahrheit, die Erinnerung ist, erzählt etwas anderes. Mühsam versucht er, seine eigentliche Geschichte zu rekonstruieren. Das bringt Opfer mit sich – ein weiterer zentraler Begriff. Wechsler verliert seine Familie darüber und kann gar nicht anders, als selbst das für gerecht zu halten. Er klagt kaum, so groß ist sein inneres Gewissen. Er reist nach Israel, um in einer alten Mikwe, einem heiligen Tauchbad, gereinigt zu werden, die Tevila zu vollziehen also. Der „Zufall” läßt ihn bei Amnon Zichroni unterkommen, dem zweiten Erzähler des Romans, der einen ganz anderen Wechsler, der den alten Jan Wechsler in ihm erkennt. Es ist von großer Faszination, wie Benjamin Stein das Verhältnis der beiden Männer zueinander beschreibt, wie sie sich anziehen und wie sie sich abstoßen. Nun hat Zichroni, unterdessen ein methodisch eher ungebundener Psychoanalytiker, seit seiner Jugend die Gabe, die Erinnerungen anderer Menschen, sofern er sie körperlich berührt, unmittelbar nachzuerleben... und er berührt Jan Wechsler, berührt ihn lange, lange, als der im eisigen Wasser der Mikwe steht, um sich zu reinigen von sich -
Das alles ist, selbst wenn man es nur romantechnisch betrachtet, großartig gemacht.

Doch indem Erinnerung zur leibhaften Wahrheit wird, sind auch die scheinbar falschen Erinnerungen Wechslers wahr. Was Benjamin Stein erlaubt, ganz nebenbei ein Pasticcio der untergegangenen DDR ins Leben zu malen, weshalb er, sozusagen nebenbei, mit derselben Erinnerungskraft die Frage stellen kann, was denn Heimat sei und sein könne und müsse. Selbstverständlich zielt das auf Israel, selbstverständlich meint das auch das Gelobte Versprochene Land. Vergegenwärtigt man sich Zichronis außergewöhnlich empathische Gabe, ist dringend zu fragen, wen denn der in der Mikwe gereinigte Wechsler berührt hat... - : Es gibt ein Zentrum des Buches, das sich nur räumlich benennen läßt. Doch der Raum ist Metapher. Wir umkreisen sie, aber wissen kaum ihren genauen Ort. Irgendwo bei Moza...
Interessanterweise ist das keine Schwäche des Romans, sondern eine seiner Stärken. Man legt ihn nach dem Lesen nicht einfach beiseite. Es sind da Fragen, aus denen er nachwirkend Kraft bezieht. Es wäre nämlich selbst ein „Fehler” nichts, das seine Wirkung aushebeln könnte. Auch dafür hat das Buch eine Erzählung, die abermals das Verhältnis von innerer und faktischer Wahrheit in den Blick nimmt, von Wahrheit und Fälschung nämlich:(...) die Aufdeckung des Schwindels konnte ihn nicht beschädigen. Ich nahm es als Bestätigung, daß das geschriebene Wort selbst über Jahrtausende noch stärker ist als jeder wissenschaftliche Beweis – oder auch sein Fehlen. Die erzählte Geschichte ist, was am Ende zählt.Aus der Sicht der positiven Wissenschaften ist das pessimistisch. Nicht so aus der der spekulativen, zu denen religiöse Deutungsverfahren ganz sicher gehören. Für sie gebiert es die Möglichkeiten zur Freiheit und also überhaupt erst eines moralischen Handelns, das von einem Handeln nach Gesetz strikt unterschieden werden muß: widerspruchsloses Befolgen unabhängig von der Einsicht ins Gesetz ist gerade nicht, was das Gesetz des Glaubens verlange. Darum ist es Benjamin Stein, bei aller Freude an erzählerischen Konstruktionen, ganz offenbar letztlich zu tun. Sein Wahrheitsbefund ist kein Relativismus, wofür ihn ein ungenaues Lesen halten könnte. Denn so bildhaft streng, wie Nathan Bollag den Sinn des eher an Exezitien gemahnenden, als daß es westlich frei wäre, orthodox-jüdischen Ausbildungssystems in seine demontoide Parabel faßt, so ernst ist auch Benjamin Steins hochliterarisches Spiel, mit welcher Lust auch immer er sich seinen plot ausgedacht haben mag.

Zu dieser Strenge gehört offenbar auch, daß Stein, der ganz anders kann, sich sprachliche Besonderheiten nicht erlaubt, man könnte, ja m u ß vielleicht sagen: sie sich nicht durchgehen läßt. Möglich, daß der Grund dafür wirklich dieser ist, den er mir auf mein Nachfragen schrieb: „Ich will, daß das Buch auch gelesen wird.” Mag sein. Wir sind auf eine Doktrin sprachlicher Simplizität, die man Nüchternheit nennt, ausgerichtet worden, und überschäumende Sprache, sofern sie aus dem deutschen Raum kommt, wird schnell als manieriert abgetan, während wir sie in den romanischen Literaturen genießen; das hat sicher etwas mit internalisierter Buße zu tun, auch mit mangelndem Katholizismus. Doch Steins nüchterne Sprache - abgesehen davon, daß fast das ganze Buch in Rollenprosa steht – entspricht auch den Exerzitien der Lehre, denen sich Amnon Zichroni unterzieht. Deshalb stellt sich für die Sprachbehandlung Steins die Frage nach den Einschlüssen, ob also nicht, wie bei Bollags Demantoiden, etwa für die Schlüsselszene in Moza solch ein Überschießen und Funkeln, ob nicht da ein glühender Pferdeschweif hätte hingehört, dieses „Bündel feinster goldener Härchen, SteinDieLeinwandWechslerdie allesamt aus einem Punkt entsprangen und sich zu einem leicht in sich verdrehten Büschel auffächerten”. Denn auch ich, mit Nathan Bollagn meine, daß Kunst Gottesdienst sei „im sich ständig erneuernden Werk der Vollendung der Welt”; daran nicht mitzuwirken, wenn man die Gabe doch hat, sondern sich in die Lehre zu bescheiden – dies wäre, wär sie nicht wohlfeil, meine Kritik an dem Buch. Ist nicht Zichroni Psychoanalytiker geworden, weil ihn sein Freund Eli auf seine Gabe mit vollem Recht verpflichtet hat? Die aber, ich möchte sagen: selbstverständlich, in Schuld führt -

Wenn uns freilich die Lektüre eines Romanes solche Fragen stellen, sich also das Buch nicht eigentlich „auslesen” läßt, dann ist es mit Sicherheit gut. Ob auch ein „großes” - das steht in den Büchern geschrieben, in die uns allen die Einsicht verwehrt ist.


„Wer mit dem Ewigen kämpft, hat wenig Aussicht auf Erfolg.” Von Benjamin Stein.

Dieser Satz hat deshalb eine solche Kraft, weil er ein doppelsinnig Furchtbares hat; für ihn gilt, was Günter Steffens schrieb: es gebe Sätze, die bereits bei ihrer Erfindung Zitat seien. >>>> Stein meint mit dem Ewigen den EInen GOtt, der Satz selber meint aber auch alleine die Zeit; es ist ein Satz über Vergänglichkeit ganz unabhängig von IHm, der nicht stirbt, also in j e d e m Fall ein Satz über uns. Er braucht GOtt nicht, der dennoch in ihm enthalten ist. Wer sich in ihn versenkt, dem wird schwindlig, wobei das „wenig” einen so kleinen Widerhaken dazuträgt, daß er fast unsichtbar ist. Aber er schmerzt in der Haut.Stein-Leinwand1

Irden

Als ein Vogel
über dem Totentuch
schwirrte, löste sich
dein Federgesicht,
flog davon
im Hörweiß der
Spracheinblutungsblume,
die sich entband
aus dem Schmettermosaik
eines Engels.

Erden (kein Wort kann)

Entbunden
aus dem
Schmettermosaik
eines Engels,

liegt ein
blutig Wesen
in den Dingen

-aufgehoben-

Herkunftsnackt,

kann kein Wort
es ent-
decken.

DIE FENSTER VON SAINTE CHAPELLE. Alle Kapitel der Erzählung.



Alban Nikolai Herbst.

DIE FENSTER VON SAINTE CHAPELLE.

Eine Reiseerzaehlung.


Le-mort-du-Canard


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> Aus Berlin (1)> Aus Berlin (2)


(Dies ist der 13.800ste Eintrag in Der Dschungel.)