Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
________________________________


 

DURBAN oder VOM LEBEN.


(Gestern, am Dienstag, dem 15. April 2014.)
Bereits um halb fünf in der Frühe, liebe Leserin, hatte es mich nicht mehr im Bett gehalten, auch wenn schwer noch die Nacht über dem Wasser lag, das, ich muß nur den Kopf etwas drehen, um es zu sehen, kann dafür einfach liegenbleiben, unter der Bordbeleuchtung schäumte. Afrika, Afrika, dachte es dauernd in mir, und ich stand auf. Ich habe nicht mehr gewußt, wie tief meine drei bisherigen Begegnungen mit diesem Kontinent sind – Nordafrika zähle ich nicht hinzu, eigenwilligerweise; aus wahrscheinlich literarischen Gründen gehört Tanger für mich zu Europa. Sondern die Savanne hat sich mir in das Herz gesenkt und ist dort, merkte ich, geblieben, ebenso die kleinen Reservate der südafrikanischen Ostküste, dort, wo sich Flußpferde, Krokodile und Haie tatsächlich dieselben Gewässer teilen, Schwarzafrika jedenfalls. Das nervöste in mir herum.
So stand ich auf und, jaja, lief an Deck, sah noch gar nichts, lange noch nicht, aber ein enormer Wind ging; man konnte am Bug kaum stehen, und achtern warf er dauernd die schweren Holzstühle um und verrückte die Tische. Es blieb aber hell, beinah sonnig, als denn das Licht gekommen war; erst als wir an Land waren, stürzte es um.
Bis dahin aber verging sehr viel Zeit. Bereits die Einfahrt in den riesigen Hafen erwies sich als ein wenig kompliziert und wollte schließlich ein höchst ungewöhnliches Manöver. Nicht nur, daß wir, wie der Ausdruck lautet, „auf dem Teller“ wendeten, das Schiff also mitten im Hafen einmal herumdrehten, nein, wir „parkten rückwärts“ ein, fuhren dafür auch rückwärts einige Zeit. Lässig der Lotse beim Captain, dieser stoisch die Hände auf dem Rücken, bedacht umherblickend, mal ein wenig an seinen Reglern nachkontrollierend, eine insgesamt höchst elegante Angelegenheit, als hätte der Lotse mal gucken wollen, was der Mann so kann, und dieser ruhig mitgespielt:
Später kamen die beiden durch die Abfertigung flaniert und schienen, indem sie völlig schwiegen, vertraut wie befreundete Spieler zu sein.
Später, dies ist das Wort. Afrika. „Als Gott die Zeit schuf, hat er genug davon gemacht“: Selten hatte ich das indische Sprichwort so oft auf der Zunge wie gestern. Bereits mit der Abfertigung der Paßkontrollen ging das los. Wir wurden in Gruppen eingeteilt, die schwarzen Kontrolleure kontrollierten bei uns an Bord – aber nur jene Passagiere, die geführte Exkursionen gebucht hatten und draußen von Bussen erwartet wurden. Alle anderen mußten warten, warten aber auch dieser, weil das Problem darin bestand, daß es diese Busse nicht gab, jedenfalls noch nicht.
Nun war ich ja früh genug, um still für mich zu sein, ahnte noch nicht, was würde. Denn vorabends hatte ich mich mit den beiden Musikerinnen des „Diamond Duo“s verabredet, die Durban gerne sehen wollten, aber alleine sich nicht trauten. Es geht die Rede davon, die Stadt sei gefährlich. Also wollten sie sich mir anschließen, und ich mußte nun, und wollte auch, warten. Dennoch kam ich schließlich für alles weitere immer noch früh hinaus; wir, die wir „individuals“ genannt wurden, weil wir zu keiner Gruppe gehörten, wurden denn auch nicht wie die anderen an Bord, sondern am Terminal abgefertigt, was Ewigkeiten dauerte, weil die im übrigen ausgesprochen freundlichen Grenzer die Pässe nicht etwa nur scannen, nein, sie tippen sie ab. Dann wird der Sichtvermerk mit der Hand ausgefüllt und je in die Pässe hineingeklebt. Sowas braucht schon seine Zeit bei einer Kreuzfahrtbelegung. Also dachte, ich stell mich gar nicht erst in die Schlange, sondern setz mich draußen vor den Eingang und guck dem Vorgang stille zu. Was eine gute Idee gewesen wäre, hätte nicht der Wind derart aufgefrischt, daß man kaum aufrecht stehen konnte. Es flogen denn auch die Hüte davon, und einmal riß es fast den Pfeiler, der das Vordach das Passagierhalle hält, aus seiner Bodenverankerung; bevor dieses Dach nun runterkallen konnte, schlenderten zwei Arbeiter herbei, um die Stütze mit einem dagegengekeilten schweren Steinstück zu fixieren. Mehrmals traten sie das Ding dann fest. Man hörte es geradezu so: „So, das hält.“ Auch das war nett zu beobachten, weil man dabei eine Vorstellung davon bekommt, daß es Leben auch jenseits allen TÜVs gibt. Problematisch war nur, daß die dann endlich abgefertigten „Individuals“, nachdem tatsächlich Busse aufgetaucht waren und die, sagen wir „Groupies“ davongebracht hatten, von draußen wieder hereinkamen, ja aufs Schiff zurückstiegen, denn es gab draußen keine Shuttles in die kaum einen Kilometer entfernte Innenstadt, und zu Fuß zu gehen, verwehrten einem die Sicherheitsleute. Die Astor hatte, weil sich eben dort die Kreuzfahrer-Mole befindet, mitten im Industriehafen angelegt; Passage nur für autorisierte Kräfte. Ohne Shuttle kein Davon – oder man sollte eines der vier Privattaxen nehmen, die draußen standen und eine angemessene Lizenz hatten, oder auch nicht hatten, sondern mit Hafenleuten verbandelt waren, die sie halt durchlassen und -ließen. Afrika. Alles sehr einsichtig, wenn ich heute zurückdenke. Doch die Individuals, die allein in die Stadt wollten, waren nicht richtig afrikanisch. Und strömten eben deshalb sie aufs Schiff immer wieder zurück. Afrikanisch ist zudem, daß man zwar bei der Einreise sehr genau überprüft und auch das Handgepäck gescannt wird, aber nachher, hat man dreivier Worte mit den Kontrolleuren gewechselt und, vor allem, gelacht, kann man sich völlig frei hin- und herbewegen, auch immer mal wieder durch den Körperscanner zurückschlendern, der dann tutet, die Grenzer lachen und winken ab. Nur aus dem Hafengebiet selbst kommt man nicht raus.
Nun saß ich in der Falle. Denn die Crew darf das Schiff erst verlassen, wenn der letzte Passagier heraussen ist, und diese Passagiere aber, jedenfalls einige, stiegen über die Gangway halt in das Schiff immer wieder zurück, teils verärgert, teils einfach nur verwirrt, und da sich manche nicht mehr richtig bewegen können, sondern rollbare Gehhilfen brauchen, müssen nun auch diese immer wieder die Gangway hochgetragen werden, kommen aber logischerweise auch wieder runter, weil es ja darum geht, irgendwie in die Stadt zu gelangen.
Ich saß immer noch draußen und guckte mir das Hin und Her an, immer stoischer werdend, und immer heftiger riß der Wind an mir. Das Schiff, derweil, wurde betankt. Dann erschien Ioan, um mir weiszumachen, die Mädels seien schon hinfort. Kann nicht sein, sagte ich, es gibt einen anderen Ausweg – ja, „Ausweg“ sagte ich – als hier diesen, und da säße ich und paßte auf. Er also wieder hinein, winkend dann von oben, jaja, die beiden warteten, aber es seien immer – derzeit wieder – dreißig Passagiere an Bord, die müßten erst hinaus. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, wurde mir erklärt, auch ich müsse mich erst abfertigen lassen, egal, auf wen ich wartete, und warum, weil die Grenzer das so vorgesehen hätten: Erst würden auch afrikaseits immer – es fiel wirklich das Wort „immer“, always – zuerst die Passagiere mit Visae versehen, danach erst die Mannschaften.
Es hat wenig Sinn, einer solchen Vorschrift auf den Grund gehen zu wollen, schon gar nicht, sich ihr zu widersetzen; allerdings läßt sich eine jede, wie ich dann abends bewies, einfach unterlaufen. Was allerdings zu, kleinen meistens, Abenteuern führt. Jedenfalls mußte ich jetzt doch, ohne die beiden Damen, durch die Kontrolle, aber sah immerhin Tatjana oben schon stehen; wir winkten kurz, dann war ich fort und wartete außerhalb des Terminals, immer noch freilich innerhalb der Security-Zone, nahe die Stadt, die ersehnte, und doch so fern, und weitere Passagiere, hilflos, gingen wieder in den Terminal rein und wahrscheinlich abermals aufs Schiff zurück, so daß es wirklich dauern konnte, bis meine Begleiterinnen hindurchwärn. Aber so war mir Zeit, mich zu entschließen, daß wir gleich eines der Taxis nähmen; für mich, der ich am liebsten alles zu Fuß erschreite, durchaus ein Haltungssprung.
Nichts störte mich aber, eher fand ich die Situation ziemlich komisch; außerdem hatte ich Zeit, ein paar Wörter Zulu zu lernen, um wenigstens „Guten Tag“, Suwabona, sagen zu können, „Danke“ (schwer auszusprechen für unsereinen:), Ngiyaonga, weil „Ng“ geschnalzt werden muß. Aber es ist der mindeste Respekt, den man dem andern Land bezeugen muß, und erwies sich später als geradezu wundervoll, weil, wenn man es, so falsch auch immer, sagt, ein breites Lächeln zurückkommt. Alles übrige darf man dann sprachgemixturet radebrechen. Tun die andern auch.
Gut, und dann waren sie da, die beiden Schönen. Schon saßen wir im Taxi. „Market“, sagte ich, der vorne einstieg mit dem witzigen Gefühl eines, der glaubt, daß das Steuer auf der „falschen“ Seite angebracht ist, und will deshalb immer selbst auf die Pedale treten. Wo keine sind.
Indian market?“ fragte er.
„Indian Market“, sagte ich.
In keiner Stadt der Welt, außer in Indien selbst, leben so viele Inder wie in Durban. Das wußte ich noch von vor dreißig Jahren. Aber die gesamte Hafenfront, die Erscheinung der Stadt selbst hat sich enorm verändert – sofern sich derart alten Erinnerungen vertrauen läßt.
Wie das Geschäft gehe? fragte ich. Schlecht, sagte er, very very bad. - Aber er habe doch einen ganz guten Standort dort. Nein, sagte er, die meisten Passagiere würden organisiert von Bussen abgeholt, sie, die Taxifahrer, hätten imgrunde kaum eine Chance. Und als er uns mitten im Getümmel absetzte, fragte er, ob er uns vielleicht auch wieder abholen dürfe, nein, das mache ihm nichts aus, ein paar Stunden zu warten... - Es tue mir leid, wirklich, von Herzen, aber wir wüßten ja gar nicht, wo wir schließlich landen würden. Das sah er ein. Die Fahrt kostete 100 Rand, das sind keine sieben Euro.
Und dann warn wir drin in der „gefährlichen“ Stadt. Gingen von Laden zu Lädchen durch Ladenpassagen und längst den überdachten und nicht überdachten Ständen. Von einem „Slum“ hatten von den Sicherheitskräften abgewiesene Passagiere erzählt, am Terminal noch, müsse man hindurch, wenn man zu Fuß gehe. Ich frage mich noch jetzt, wo sie den wohl gesehen haben. Man mußte durch endlos wirkende Industrie- und Containeranlagen durch, das ja, aber „Slum“? Und die Stadt selbst ist wild, weniger aber als >>>> Port Louis gewesen, nur halt größer, sehr viel größer, das Risiko aber nicht bedeutender als in einer unserer europäischen Städte, ob Paris, ob Rom, ob Berlin. Auch arme Leute wollen leben und holen sich, was sie brauchen, ob legal oder nicht; auch sie ernähren Familien. Wenn man das weiß und achtet, sind sie nicht nur fair, sondern ausgesprochen freundlich. Wie überhaupt Freundlichkeit ein Charakterzug der Menschen Durbans ist, und Neugier, klar. Wo wir drei uns schließlich herumtrieben, sah man nur ganz gelegentlich jemanden Weißes, und wenn, waren auch das Südafrikaner. „Man könnte denken, du bist hier zuhause“, sagte Kateryna, die innerhalb von fünf Minuten alle Sorge verloren hatte; kichernd durchstöberten die Damen die Textilindustrie, und kichernd wurde ihnen begegnet. Und ich, ich liebe das, Frauen beim „Shoppen“ zuzusehen, ebenso, wie es immer geliebt habe, ihnen beim Schminken zuzusehen. Zwischendurch wickle ich meine eigenen Geschäftchen ab, einen Schlangenleder dort, Süßigkeiten hier, das Gespür bekommen, wo man handeln muß und wo man das aus Anständigkeit eben n i c h t tut, weil der Preis für jemanden wie uns sowieso schon so lächerlich ist, daß man sich schämt. Sie haben ja r e c h t, die Diebe, die uns bestehlen. Es kam aber keiner. Im Gegenteil: Wo seid ihr her? Was macht ihr? Seid ihr zum ersten Mal in dieser Stadt? Dann die Nummer mit dem Internetzugang; die Damen wollten unbedingt Kontakt mit ihrem Zuhause, Tatjana mit ihrer Mutter, Kateryna mit ihrem Freund, wurden nervös, nirgends ein WiFi. Wir fragten an einem komplett leeren, dafür sehr großen Informationsraum für Touristen nach; der Berater stand auf und sagte: Wartet, ich bringe euch hin. So folgten wir ihm durchs Gewimmel über zwei riesige tutende hupende bremsende jaulende Verkehrsadern in eine Mall zu „Nino‘s“, welches eine Mischung aus Kaffeehaus und Mittags-Speisegaststätte ist. Verhandlung mit einem der Kellner, Hand streift dann Hand, nein, nur die Finger streifen; innerhalb von Minuten hatte ich mir diese Geste angewöhnt. Selten habe ich so viele Hände berührt und so viele meine wie gestern in Durban. Angstfreiheit ist das beste Visum, das es gibt; man trägt es auf der Stirn wie ein unsichtbares Drittes Auge, von dem, aber allein als Wärme, Licht strahlt. Damit waren wir schon alle drei gesegnet. Auch wenn es zu regnen angefangen hatte, na gut, zu schütten. Aber da waren Kinder, die den Regen betanzten, auch wenn er, weil dieses Stürmen dazukam, kalt war. Er ist ein Segen für das Land: Und wiederum, nur die Perspektive wechseln, und es gibt keinerlei Grund zur Klage.
Witzig das Geldwechseln dann in dem Filialchen der Western Union. Zwei Schalter, zwei, sagen wir, Beamte, beide mit indischen Wurzeln, der eine füllt die Formulare aus und prüft die Pässe, der andere zählt das Geld ab, der erste gibt es einem dann. Wir verstanden nicht, weshalb beide die Pässe der Damen nicht akzeptierten, den meinen aber sehr wohl, so daß man zwar das australische Geld der Damen annahm, aber mir die südafrikanischen Valuten auszahlte – für jede Damen getrennt und für mich auch, doch es lief über meinen Paß. Dann fragt einer der beiden Männer, ob ich ihm vielleicht eine der Damen abtreten würde. Das ist als Flirten gemeint, geht aber wiederum über mich. Woher sie denn kämen? Mich gefragt. Auch aus Deutschland? Er schien in die Pässe gar nicht erst geschaut zu haben. Nein, Ukaine und Moldawien. Na gut, wenn ich ihm keine abträte, dann müsse er dort halt hinfahren. Er habe erst fünf Ehefrauen. Ich hob den Finger: das wisse er doch, daß der Prophet nur vier erlaube... - Er stockte, war irritiert. Woher wissen Sie das? Na, weil ich den Koran kennte, und diese Vorschrift sei zum Schutz von Frauen gedacht, jedenfalls gewesen. Sie seien aber sehr schön, diese beiden, wiederholte er und lächelte. So flirtete er mit ihnen, aber indem er mich zum Medium machte.
Kann er sich gar nicht leisten, fünf Frauen, sagte ich, als wir wieder auf der Straße waren. Könnte er‘s, ganz sicher säße er nicht d o r t: hinter seinem Schalter in einem Kämmerchen. Und an der nächsten Ecke fragte mich einer, ob das meine Töchter seien. Da schluckte ich dann doch ein bißchen, aber nur kurz. Nö, sagte ich, nur Freundinnen. „No“, nein, heißt „cha“; um zu nö‘en, machte ich „chä“ draus.
Massenhaft Flugblätter für Potenzmittel, gegen Infertilität, und „Dr. Ramah tells all about you before you say anything to him“ mit drei Ausrufezeichen; anderes auf Zulu, es ist bestimmt eine Schweinerei, was ich jetzt abtippe, drüber eine „Herbal Cream for Ladies“, die, zeigt die Abbildung, riesige Brüste haben oder bekommen wollen: „Uma induku Ingafuni Ukuvuka“. Jedes Flugblatt nahm ich mit, meine obligatorische Plastiktüte hing mir am Handgelenk sowieso schon.
Es wurde Zeit für eine Rast. Wir fanden eine Art Café, auf das wir nur deshalb aufmerksam wurden, weil wir eine bestuhlte Holzbrüstung sehen konnten, die rund um das erste Stockwerk lief. Da saßen auch zwei Leute.
Drinnen: Tiefe Dunkelheit, schwerer Biergeruch, Spielautomaten, kleiner Dancing Floor. Paar Jungs an der Theke, die Bier tranken. Eine doppelte Metalltreppe führte durch die wie solarisierte Dunkelheit hoch, die wir nahmen. Oben ein zweiter Thresen, hinter dem ein junger Mann den Sportteil einer Zeitung las, wozu er gleichzeitig eine Fernsehsoap konsumierte. Kriegen wir hier einen Kaffee? Geh runter, bestell unten, mußt du dir holen. Klar, mach ich.
Wir nahmen draußen Platz, also die Damen taten es, ich treppte wieder abwärts. Ein bißchen genervt wurde geschaut, als ich ausgerechnet Kaffee bestellte. Junge Frauen auf schwindelerregend hohen Absätzen kamen herein, alle hatten ein Lunchpaket dabei, das sie ungeniert öffneten; junge Männer ebenso. Bestellen tat man nur Bier oder Saft. Die Boxen dröhnten Agropop. Den Kaffee zuzubereiten dauerte und dauerte. Afrika, dachte ich. Als Gott die Zeit schuf und so weiter. Der erste Kaffee kam, es brauchte wieder zehn Minuten, dann kam der zweite, und auch der dritte schien sehr eigens zubereitet zu werden. Nach etwas mehr als einer halben Stunde – der erste Kaffee war kalt, während der dritte noch glühte – war ich bei den Damen zurück. Die Zubereiter hatten den Kaffee süßen wollen, was ich abgelehnt hatte; jetzt begriffen wir alle drei, daß das ein schwerer Fehler gewesen war. Süße hätte dem Kaffee eine Ahnung von Substanz verliehen.
Während sich der hölzerne Umlauf mit immer mehr Menschen füllte, die ihre Lunchpakete brachten, Fastfood aus Hähnchen und einer Masse, die aus Erbsen und Kartoffeln gemust war – zu verzehren mit einem sehr schmalen Fladenbrot -, wickelte ich die Gebäckstücke aus, die ich bislang erbeutet hatte. Und wir durften rauchen hier draußen, auch die anderen rauchten, bisweilen, während sie aßen: sehr gut gekleidete meist junge Leute, entweder Angestellte aus den Büros ringsherum oder Studenten von der Uni gegenüber; riesige Vorliebe für High Heels, atemberaubende, aber makellos vollzogene Equilibristiken fordernd, oft ganz schmale Taillen bei enormen Hinterteilen, die wie Fahnen geschwenkt werden, doch Sitzkissen sind, vollkommen unscheues Flirten, immer wieder Hinsehen, hochgradig sexualisiert, ohne Scheu und Vorurteil, einfach nur wollend und lebendig und spöttisch verspielt, auch hochmütig manchmal, weil man das kann oder es sich leistet, weil man es eben n i c h t kann. Wogend. Wirbelnd. „Women tight vagina“, steht auf dem einen der Flugblätter, „Good vaginal smell“.
Die Damen unterhielten sich auf Russisch; ich stand an der Brüstung und sah hinab. Eine Polizistin gab mit vollem Recht die Phryne, doch ohne Aeopag. Der hätte sich, na sowieso, nur lächerlich gemacht.
Sann ich.
Und wir zogen weiter.
Es goß und goß, immer wieder, in schräg vom Himmel schießenden Wasserböen. Innerhalb von Sekunden waren Hunderte Regenschirmverkäufer aus den Straßenecken gewachsen, an den Wandkanten der harten hohen Klotzgebäude, zwischen die sich eine neue Architektur gedrängt hat, die repräsentieren will und soll, aber es immer nur, verglichen mit Hong Kong, halbherzig schafft, weil nicht genug Kapital in der Stadt ist; eine wirkliche Aura verleihen ihr die alten kolonialen Gebäude, oft mit hölzernen Fassadenteilen, Säulen, Umgängen, dazu einiges Art Decot, aber eben übernommenes, vom Zweckrationalem wie von Armut und einer gewissen, ungewissen Anarchie übermischtes, so daß die Gefahr nicht besteht, musealisiert zu sein. Hier ist Disneyland nirgends, allenfalls polierte Oberfläche an den als Surfgründen ebenso berühmten Stränden, wie bisweilige, so genannte Hai-„Angriffe“ sie berüchtigt machen. Aber bis dahin reichten unsere Streifzüge nicht, zumal es doch regnete, heftig, weiterhin in Böen; wir hätten auf dunkles Meer gestarrt, wie es anrollt, zurückgezogen wird, wieder anrollt, und hätten gefroren.
Das taten wir, wenn uns der Wind erwischte, aber auch jetzt immer wieder und wühlten uns deshalb in die überdachten Passagen. Perücken, Perücken, Haarteile dann, wieder Perücken; die Menschen möchten glattes Haar. Dreihundert Rand, vierhundert Rand. Da widerstand Tatjana nicht mehr - ein Spaß, sich die Erscheinung zu verändern:


(Abends, beim Konzert zurück auf dem Schiff, machte das die Runde, und einer ihrer jungen Verehrer mußte sich, sagte er, „setzen“. Überhaupt, der Captain‘s Club war fast voll dieses Mal, und die beiden Damen, ich sag Ihnen, s p i e l t e n! Aber noch sind wir nicht zurück.
Noch suchen wir nach einem letzten Café vor dem Aufbruch-)
- nur, daß um fünf Uhr nachmittags die Läden alle schließen, das geht ganz unmittelbar, plötzlich sind Gitter vorgeschoben und müssen für Nachzügler, die drinnen noch durch Waren stöbern oder ihren Einkauf noch zu zahlen haben, eigens wieder aufgerattert werden. Kateryna stand noch drinnen...
Lachen. Gefangenenbefreiung. Sie war ja nicht allein.
Und das Café?
Wir fragten.
Oh, wir müßten zur „Sun Beach“, da sei alles offen bis spät in die Nacht...
Junges indischstämmiges Paar; sie hatte, stellte sich heraus, hier an der Uni Germanistik studiert.
Doch, doch, ein Café gebe es noch. Klar, in einer der Passagen. Wir warn schon dort gewesen, vorhin; dort hin hatte uns der freundliche Herr vom Touristenzentrum wegen des Internets gebracht. Das aber auch dort nicht funktionierte, auch wenn in den Geräten das WLan-Zeichen andres suggerierte.
Doch für die „Sun Beach“ war nicht mehr die Zeit, wenn wir an Bord zurücksein wollten, ohne zu hasten.
Und dort drüben das Kentucky Fried Chicken?
Für einen Kaffee? Nein, nicht wirklich. - So blieb nur noch, Sie werden es nicht fassen, McDonalds. Wo wir dann wirklich landeten und eine Substanz zu uns nahmen, deren Qualität sich vom Kaffee am Mittag wirklich nicht abhob. Aber sie war heiß.
Neben uns der junge Rapper wollte wissen, woher wir kamen, ich, wo die nächsten Taxis hielten. Ich war ein wenig unruhig geworden, weil im Straßenbild nur selten eines zu sehen war, und wenn, dann besetzt. Ja, die halten ganz woanders; man muß im System der Einbahnstraßen denken; am besten, wir gingen zum Bahnhof. Doch wozu? fragte er, der Hafen sei doch nur drei Straßen entfernt.
Mir, dem Fußgänger, leuchtete das sofort ein. Trotz der Regenböen.
So machten wir uns auf, mußten aber schließlich im Gießen über einen riesigen Flyover, und weil es überdies dunkel wurde und die Hafenanlagen durchaus verwirrend sind, standen wir schließlich tropfend und von den Sicherheitsleuten angehalten im Nirgends einer Holzbaracke. Einer der Männer rief einen Shuttle, wir sollten warten. Das Shuttle kam, einer der für fast ganz Afrika typischen zehn- bis zwölfsitzigen Kleinbusse, in die sich aber, so auch hier, zwanzig, wenn nicht dreißig Leute drücken, pressen, schieben. Zumal es blöd war, daß das Gefährt in ganz die falsche Richtung fuhr. Wir wiesen sanft draufhin, dann etwas weniger sanft, „ah, zu dem Kreuzfahrtschiff wollt ihr“, man hatte ganz vergessen, dem Fahrer das zu sagen. „Nein, da müßt ihr ein anderes Shuttle nehmen. Wartet, ich fahr euch da hin.“ Wir wieder ausgestiegen, nächste Sperre, nächste Baracke, wir aber noch mehr naß als die.
Dunkel und Gepladder. Container um Container, ganze Chinesische Mauern aus Containern, hin und wieder ein Hangar. Paar Arbeiter und wir. Die Sicherheitskräfte. Walky Talkies. Bibbernde Tatjana, zunehmend, aus Abwehr, vergnügte Kateryna und ein ANH, der ahnte, es sei der Odyssee ganz sicher noch kein Ende.
Das Shuttle, das nunmehr kam, war eine Art Cabby, wie sie fürs Golfspiel herumfahrn, sechssitzig ohne wirkliche Hülle um einen herum, wenn man von festen, fettigen, milchtransparenten Plastesichten absieht, die auch als Türen dienen. Schnurrender, weil elektrisch angetrieben, Motor. Rumpeln, durch Hallen, triumphierender Fahrer: Na bitte, da sind wir!
Riesiges Schiff, stimmt. Nur nicht unsres. „Ja, wie heißt es denn?“ Zum zehnten Mal: „MS Astor”. Er neuerlich ins Walky Talky. Dann: „Oh je, da darf ich mit diesem Wagen nicht hin.“
- Es regnete, erzählte ich das schon?
Und weil es regnete, na ja, goß, und weil es dunkel war, knalleduster, aber die vielen Arbeitslampen übers Gelände blendend gleißten und das, was wir noch erkennen konnten, sich in den Planen der Plastescheiben gänzlich verschmierte, war allenfalls zu ahnen, wo unser Schiff lag.
„Da müßt ihr ein anderes Shuttle nehmen. Keine Sorge, ich bring euch da hin.“
Wieder eine Baracke. Wieder Wachschutzleute, vor allem aber Arbeiter für die Nachtschicht.
Ach ja, es regnete. Und gab nicht wirklich Unterstand. Dazu der Wind, der nicht blies, nein, stürmte, nein, auch nicht, sondern tat etwas Drittes, für das mir momentan der Begriff fehlt; aber es ist mit dem Regen eng alliiert. Es muß ein komisches Bild gewesen sein: wir in unseren Shorts, T-Shirts, Sandalen, Wachschutz und Arbeiter in schwerer Sturmmontur, teils Sturzhelme auf, wenigstens aber Mützen, von denen es in die Krägen der wächsernen Regenmäntel troff. Dunkelheit mit Nachtglitz, das sich verwäscht und verwäscht.
Und das nächste Shuttle. Mit Leidenschaft alle hinein. Wir auch.
Welches Schiff? Nee, da fahren wir nicht hin.“
Diskussion der Arbeiter, Rufe, Abstimmung.
„Bleibt hier drin jetzt“, sagt die Frau neben mir. „Erst bringt er uns zur Arbeit, dann euch zum Schiff.“
Wir lagen aber gut in der Zeit. Zumal es diesmal klappte. Und selten hat jemand, der dort nicht tätig ist, einen Industriehafen derart gründlich kennengelernt wie wir an diesem Abend. Normalerweise wird Geld mit solchen Führungen verdient, sofern sie überhaupt zugelassen sind. War die unsre nicht, ich bin mir sicher.
„Was hat er gesagt? Daß mein Shuttle zu dem Schiff fährt?“ Nachher der Fahrer zu mir, als ich neben ihn auf den Sitz geklettert war, um wenigstens etwas zu erkennen. „Dahin? Nee, wirklich nicht mehr meine Tour.“
„Hat ihr Kollege aber gesagt.“
Lachen, tiefer tiefer Baß. „Das war bestimmt der schwere Stoff, den er geraucht hat.“ Lacht weiter. „Den Rest müßt ihr nun aber zu Fuß gehen.“
Er hatte vor einem Sperrzaun angehalten, dessen Tor ganz unbewacht war, das ich aber vom Morgen noch kannte. Auch wenn die Sintflut drüber hinging.
„Ab hier darf ich nämlich nicht weiter.“
Weil es, um das nicht zu vergessen, denn es ist entscheidend, regnete, legten wir diese letzten fünfzig Meter in einem Nu zurück, der, hätte es Zeugen gegeben, ins Guinessbuch der Rekorde aufgenommen worden wäre. Doch außer eben ihm, dem Regen, gab es, und außer diesem Fahrer, keinen, der aber vielleicht längst gewendet hatte und davongefahren war. Indessen uns die Grenzer mit einer Art afrikanischer Müdigkeit im Terminal empfingen, der ein einziger Blick auf uns genügte, von jeglicher Kontrolle Abstand zu nehmen. Statt derer starrten sie in das Naß zurück, aus dem wir wie Wassergeister hervorgetaucht waren. Wir schritten durch die Scannertüren, die warnten trötend. Interessieren tat das keinen.
„Hamba kahle“, sagte ich, mich noch einmal herumdrehend. Und das Lächeln, das ich an diesem Tag schon so oft gesehen hatte, leuchtete auch aus dem Dunkel dieser Gesichter.
***

Knapp zwei Stunden später saß ich, heiß geduscht und im Leinenanzug und mit guten Schuhen im Captain‘s Club und hörte meinen Begleiterinnen dieses Tages beim Musizieren zu, beide in eleganten Kleidern und Durbans purstes Rauschgold an der Geige:

Gen Mosselbay. PP150: Abermals ein ganze Tag auf See. Mittwoch, der 16. April 2014.

(10.55 Uhr.)
Wir schippern die südafrikanische Küste südwärts entlang. Sie ist allezeit in Sicht. Die Sonne ist wieder hervorgekommen. An der Erzählung zu Durban arbeite ich, heute abend wird sie fertigsein und hier drinstehn. „DURBAN oder VOM LEBEN“, so wird er heißen.
Jetzt aber muß ich unterbrechen: Es geht für die nächsten Tonaufnahmen unter Deck in die Mannschaftsquartiere. Das Schiff rollt in gleichmäßigem hohen Schaukeln. Das werde ich dereinst vermissen; ich weiß es schon jetzt.
***
(Eingestellt, >>>> d o r t: der Durban-Text.
ANH, 16.4., 18.38 Uhr.)
*

A f r i k a !




Seit morgens um halb fünf kann ich vor Aufregung nicht mehr schlafen, schnüre wie fiebernd an Deck auf und ab. Afrika! Afrika!

(Die Erzählung folgt dann morgen. Wir fahren soeben in den Hafen ein, und ich will Töne nehmen, Töne!)

Einen Tag vor Afrika. Am vierzehnten Tag der Großen Fahrt. PP149, mit einer kleinen Rückschau auf den dreizehnten, der melancholisch ausging: „fern“. 14. April 2014. - Sowie am Abend: Vor Durban.

(Montag, 8.12 Uhr.
28º04‘ S/37º29‘ O.
Kurs 222º SW.)

Dies war nun zum ersten Mal auf dieser Reise: Einsamkeit. Nicht nur Fremdheit, aus denen ich auf Reisen ja durchaus Reize zu gewinnen weiß, sondern ein Alleinsein wie hinter Glas. Die fremde Sprache funktioniert da allenfalls so, wie Mikrophonanlagen, die den Gefangenen mit dem Besucher verbinden, aber über Tausende Meilen, so daß die Kommunikation immer wieder abgebrochen und/oder zerhackt wird, wie ich es hier bei Skype mit der Löwin ständig erlebe. Räumliche Entfernung, indes, ist verstehbar, seelische nicht oder nur sehr viel weniger.
Es war „Disko“ angesagt für die Nacht, und ich, ja, Sie lesen richtig, freute mich drauf. Ein tropisches Buffet dazu, dessen Früchte unser Herr der Gastronomie persönlich auf Mauritius‘ großem Markt ausgesucht hatte, handverlesen reich. Nun kam ich selbst freilich ein wenig spät, erstens gewohnt aus Berlin, daß man zu Tanzveranstaltungen auf keinen Fall pünktlich geht, sonst steht man lang noch allein herum, sondern erst sowas, sagen wir, einzwei Stunden später; zweitens weil ich die Nachtserenade noch hören wollte, im Herzen ein wenig die Hoffnung, die Musikerinnen, nachher, begleiteten mich. Aber die schmale Ukrainerin, noch schlechter im Englischen als ich, ist scheu wie eine Wölfin, tritt auf, lächelt von unten herauf mit ungemeiner Innigkeit ihre Duopartnerin an, wenn sie wählen, welches Stück sie nun als nächstes spielen; dann aber, ist die Serenade vorüber, entflieht sie wie eine Meerjungfrau und bleibt, bis der nächste Auftritt erfolgt, unter Wasser, tief drunten, in einer Muschel vielleicht, verborgen. Ich stelle mir vor, sie, die Muschel, sei ganz aus Musik. (Sie wird aber voll der Sorge sein, um, bemerkte vorhin die Löwin bei Skype, ihre Lieben daheim im geschüttelten Mutterland).
Jedenfalls kam ich aufs Achterdeck, da war die Party voll im Gang, die Oldies tönten übers Meer, und halt die Oldies tanzten. Es ist keine Vermessenheit, wenn ich das so erzähle, wie ich es tu, aber so sehr es mich in den Beinen juckte, ich mich bewegen wollte, ich hätte da einfach nicht hingehört. Zum einen, weil es etwas sehr Bizarres hat, wenn sich alte Leute bewegen, wie wenn sie fünfzehn wären, sich so zu bewegen versuchen, zum anderen, weil diese Ausgelassenheit, die herrschte, keinen Beobachter haben darf; für sich alleine ist sie in Ordnung, menschlich, sogar nahe, nicht aber, wenn das Fremde hinzutritt und seinen Blick darauf wirft. Hinwiederum war dieses Fremde ein Steppenwolf aber, der gerade deutlich auf eine Beute auswar, die sich unter den Tanzenden eben nicht fand. Und dort nicht finden konnte. Die aber, die es hätten werden können, saßen, sofern sie denn dort saßen, abseits im Rauchereck beieinander und sprachen; es geht eine Grenze zwischen dort und hier, und ich stehe mitten darauf: Sie geht, so empfand ich, mitten durch mich hindurch; ich bin von ihr durchstochen und auf diese Weise fixiert.
Es ist besonders eine Angelegenheit der Körper; ich bin nach wie vor trainiert und, abgesehen von der blöden Achillessehne rechts (wenn ich zurück bin, werd ich nun doch mal zum Sportarzt gehen müssen), in geradezu vibrierender Verfassung: So etwas will. Aber geht nicht zusammen mit den Älteren, kaum denen der gleichen Generation, weil eben die Körper der anderen so vernachlässigt wurden; kaum jemand, der nicht Bauch hat, kaum mal eine elastische Biege der Rücken, Spiel der Sehnen der Schenkel, Gesäße, die nicht hängen; und dazu der Geist: bei wem er ist, war gestern nicht beim Tanzen, denn das, denkt Gregor Lanmeister, der ja auch nicht mittanzt, hat Gründe, deretwegen er eben nicht mitttanzt. Ja, beschämt ein wenig, hat er sich auf sein Bootsdeck zurückgezogen, wo er nicht einmal mehr die Musik hört, sondern nur immer das Meer, das Meer, auf dem er davongleiten wird.
Und „natürlich“, so möchte ich schreiben, waren es alles Paare gestern abend, die ja ihre Reise machen, man ist als Einzelner auch insofern schon fremd, Paare, die zurückblicken und sich im Tanzen erinnern: ein höchst intimer, persönlicher Vorgang, der sich nur unter Gleichen mitteilen läßt und sich so austauscht und nur unter Gleichen nicht affig wirkt, sondern da ganz für sich wahr ist. - Also wartete ich, bis sich die Reihen lichteten. Der Mond stand hoch über uns, beinahe voll, mit einem riesigen Halo, und warf achtern ein glimmendes Silber über das Meer. Noch saßen die jungen Leute in der Raucherecke, auch die Geigerin. Vielleicht sie doch, dachte ich. Und fing für mich, abseits, zu tanzen an. Eine Art Lockuf der Gesten. Er wehte und verwehte über die Reling, wie mir der neue Schal um den Nacken flatterte in seinem blassen und nach Braun verwischten Ockergold. Eine Filmszene, dachte ich, es dürfte niemand sonst da sein. Selbstgenügend autoerotisch: aber eben das war es ja nicht, sondern vergebens. Hätte ich sprechen können, wirklich sprechen, ohne nur radezubrechen, ich hätte dem allen eine Wendung gegeben, vertraut in meiner Sprache mit meinen Abgründen, die ich in den Wörtern schillern lassen kann, schlittern, kreisen; es wäre mir nicht schwer gewesen, das no go zu unterlaufen, das durchaus sinnvollerweise Crew von Passagieren getrennt hält, aber diese Abgründe sind mir in der fremden Sprache vergittert. Ich ahne, wo die Fallen liegen, aber zeige immer daneben, und stürzte selbst hinein, wo ich im Deutschen mit Eleganz hinunterzuklettern verstünde, Surfern gleich hinunterzu<>gleiten. Ohne Vollendung der Sprache, ist man als erotischer Spieler disqualifiziert; eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, hier aber, in der doppelten Zwischenwelt dieses Schiffes, seiner selbst wie der meinen, brennt sie sich unter die Haut, und man trägt sie wie ein Tattoo aus Fremdheitspheromonen: Keiner sieht es, aber jeder nimmt es wahr.
Welch eine Erlösung dann, momentlang selbstverständlich nur, als einer der Sängerinen, mit der ich schon ein paarmal geplaudert, auf mich zutrat, nach meinem Befinden fragte, und ich legte kurz den Arm um ihre Taille und sie sich, ebenso kurz, in ihn hinein: Berührung. Dann ward sie schon davongerufen von den Freunden und Kollegen. Ich aber ging zur Bar, nahm einen nächsten Whisky und gab es auf.


*****


Einen Tag vor Afrika. Morgen werden wir die Ozeanüberquerung abgeschlossen haben, dann noch die Küste hinunter auf dieser See etwas schippern, bis wir das Kap umrundet haben und in den Atlantik einfahren sein werden. Vorher aber, morgen, Durban. Ein Wiedersehen für mich - nach, rechnete ich vorhin übern Daumen, achtundzwanzig Jahren -, dem ich entgegenfiebre. Um acht Uhr werden wir im Hafen angelegt haben und von Bord gehen können; erst um 20 Uhr abends wird es weiterfahren. So daß es unwahrscheinlich ist, daß ich morgen hier schreiben, bzw. von dem Erlebten schon etwas erzählen werde, sondern wohl erst übermorgen wird in Der Dschungel etwas davon stehen. Ich möchte mich aber, weil es zwar wahr, zugleich aber so unfair ist, was ich über die gestrige „Disko“ schrieb - weil es letztlich frustriert ist („frustra“ heißt „vergeblich“) - entschuldigen, bevor ich dieses schließe, und tu es, und meine Entschuldigung sieht so aus:

Damit ist bei i h n e n alles Recht, nicht bei mir.
*******

(20.41 Uhr.)


Ich war gestern zum Früchte-Buffet ein wenig zu spät gekommen, das schrieb ich Ihnen bereits. Die Küche, heute, schuf den Ausgleich, was zudem den Vorteil hatte, daß ich auch dort, zur späteren Verwendung, einige Töne aufnehmen konnte. Und ich habe einen neuen Cocktail entdeckt, auf der Basis meines allabendlichen Campari-Sodas: Negroni. Bitter und schwer, serviert im Whiskyglas. Campari, Gin, roter Wermut.
Als ich aß, unterm vollen Mond, war das Meer wie eine Elefantenhaut so zäh. Und schillerte doch. Ich esse fast immer allein, bin dessen aber zufrieden. Schon deshalb, weil alle anderen drinnen dinieren, indessen mich, wenn es nur geht, nichts, aber auch fast nichts unter Deck hält, schon gar nicht ein Restaurant.
Für Durban, morgen, gilt Sorgfalt in der Kleidungswahl. Nicht zu westlich, vor allem nicht „kolonial“. Weiße aufgekrempelte Hose, lose das Hemd darüber, am besten die indischen Sandalen, aber weil ich weiß, daß ich wieder Kilometer um Kilometer gehen werde, nehme ich auch noch die unterdessen fast zerrissenen Chucks mit, schon wegen der wehen Achillessehne. - Eine, übrigens, der besten Tarnungen, die es gibt, ist eine Plastiktüte, die man wie frisch vom Einkauf trägt. Schon mein kleiner Arbeitsrucksack, so praktisch er ist, wär mir zu provokant. Daß ich weiß bin, ist Risiko genug – nach den bitteren Erfahrungen, die diese Menschen mit uns haben. Und gegenüber den allermeisten von ihnen ist jeder von uns, auch wenn nach westlichen Kategorien arm, nicht nur begütert, sondern - reich. Und das ist ein Fakt.
*******

(Ab morgen, Leserinnen, Leser, sind wir wieder zeitidentisch.)
*

Wieder der Indische Ozean: g a n z. Am zwölften auf den dreizehnten Tag der Großen Fahrt. PP148, 13. April 2014.

(Sonntag, 7.34 Uhr.
26º00‘ S/44º54‘ O.
Kurs 332º NW.)

So hat das Meer uns wieder. Wir fuhren „unter“ Madagaskar durch, aber sahen nichts von dem Land; auch Seebewohner haben sich keine gezeigt. Nur das ewige Spiel der Wellen im Rhythmus des Windes und den bisweiligen Umbrüchen von harter Sonne in Regen: abends stand ich vorn am Bug, im weißen Smoking, eine „Paris-Gala“ war in der Astor Lounge angesagt, aber ich war noch etwas früh und sinnierte. Mit einem Mal fielen Tropfen in der Größe von Wachteleiern vom Himmel, mehr mehr und mehr, und ich kam grad noch nur halbnaß davon, schon schüttete es aus Eimern und Feuerwehrschläuchen. Die See selbst blieb dabei ruhig, verhältnismäßig.
Die Tage ver-, im Wortsinn, streichen wieder; ohne täglichen Sport, in der Tat, geht es nicht. Zwei Tage, der Maskarenen wegen, ausgesetzt, schon ein Kilo mehr auf den Seiten; aber es genügt eine Trainingseinheit mit übern Daumen 1000 kCal Verbrauch und daß man zwei Mahlzeiten ausfällen läßt, schon ist das wieder ausgeglichen. Wehe aber, man läßt sich selbst verstreichen.
Andererseits, ich komme dem Roman wieder näher, denke ständig vor mich hin, und auch mein Personal wächst. Allmorgendlich, wenn ich für den ersten Kaffee aufs Achterdeck schlendre und am Captain‘s Club vorbeikomm, spielt dort ein alter Herr am Klavier vor sich hin: tastend mehr, als daß er wirklich spielte, eine morgendliche probende Fingermeditation:

Morgen will ich etwas früher hinaus, um davon etwas für das Hörstück mitzuschneiden, wobei – an die dreizehn Stunden O-Töne habe ich bereits; ich werde später sehr genau auswählen müssen und sollte wirklich damit anfangen, sie zu protokollieren, also die fili di suoni durchzuhören und nach Sekunden „abzuschreiben“, ansonsten die Arbeit in Berlin unübersehbar würde.
Anderthalb, fast zwei Stunden in der prallen Sonne gelegen, über Mittag, dann nachmittags noch mal, nach dem Training, in ihrem Fluten gesessen und gelesen; dazu Aufzeichnungen: bei der Serenade etwa – ich hatte grad die Neigung, „Seerenade“ zu schreiben, aber es wäre ein nur leeres Wortspiel; trotzdem merken, man kann es ja füllen – also beim Konzert im Captain‘s Club, wie da die alte Dame unvermittelt, ohne hinzusehen, nach der rechten Hand ihres Gatten greift und er nun um die ihre die seine herumlegt, und wie er da lächelt! So sitzen sie da und hören zu, zwei der wenigen, die nicht quasseln. Kataryna und Tatiana spielen wieder das Air; oder daß das technische Personal strahlendweiße Overalls trägt, im Gegensatz zu den, sagen wir, Arbeitern, die blaue tragen; oder
Der Posten

Der Posten ist zu stehen hier
zu sehen – wir
durchgleiten beinah still
die See

und dann schon wieder der Roman: Die „Geweihten“ geben immer an, ein bestimmtes Fahrtziel zu haben, aber ist es erreicht, haben sie ein anderes und behaupten leise, dieses andere immer schon gehabt zu haben, sowie, was mir nach der „Paris-Gala“ deutlich wurde, die ein paar Evergreens aneinanderhing und mit Tanzeinlagen durchsetzte, viel Glitter, immerhin allerdings paar auf Französisch gesungene Chansons, doch Abschluß mit, womit sonst, dem berühmten Can-Can, aber einem, der jeglichen Skandal schon längst verloren hat. Um das, was er einmal gewesen, wiederahnen zu lassen, genügt es nicht, Strumpfhalter und Rüschenhöschen zu zeigen; damals war das schwer obszön, heute ist es harmloser als ein unterm Bademantel getragener Bikini. Nein, die Damen müßten komplett nackt unter ihren Rücken sein, wenn sie die Beine werfen, und so, wie D‘Annunzio schrieb, „glatt wie der Marmor von Paphyr“. Dann wär das Zucken wieder da, und die Entrüstung, freilich, auch.
Aber die Menschen sind es zufrieden, man ist um ihr Wohlsein von morgens früh bis abends spät bemüht, und sie fühlen sich wohl, wenn ihre Weltsicht sich streichelt. Dazu gehort das „Unsitthafte“ n i c h t – oder nur für wenige. Denn womit verbringen die meisten ihre lange Zeit hier an Bord? Einige stricken, andere sitzen da und, tatsächlich, sticken Muster auf Taschentücher, die in runde Rahmen gespannt sind; andere spielen Karten, viele lösen Kreuzworträtsel, manche lesen, bedienen sich in der Bordbibliothek. Im übrigen wird vor allem gegessen, wahnsinnige Mengen, ich frage mich immer, wo das eigentlich reinpaßt in die Leiber.
Einige Außenseiter – das können durchaus Paare sein – aber sitzen und schauen, schauen aufs Meer, in die Wolken, oft schweigend. Andere plaudern von früh bis spät. Ich setzte mich dazu. „Oh, Sie kommen zu uns? Wir dachten schon, Sie seien ein unsozialer Mensch, weil Sie immer nur dastehen an Ihrem hohen Tisch und schweigen.“ Wie könnte ich Ihnen erklären, daß ich nachdenke, vorausdenke, ständig denke, im Sinn einer sehr zielgerichteten Tagträumerei, einer Freiheit des empfindenden Denkens, deren Zielgerichtetheit im Umkreisen besteht?
Überhaupt gebe ich einigen unterdessen Rätsel auf. Nach der Show trat eine s e h r alte Dame auf mich zu, eine s e h r gepflegte, wenn auch nicht mehr wirklich bewegliche, so doch höchst elegante Erscheinung, und legte mir eine Hand auf den Arm – was eine pure Geste war, die aber die Macht hatte, mich zu ihr hinunterzuziehen, ohne eben daß sie zog; es genügte das Handauflegen völlig, und ich, ja, gehorchte. „What ist your role on this ship?“ fragte sie. „It must be something secretive...“ - Aber wir standen im Durchgang, in der Tat setze ich mich kaum je, sondern stehe meist hinten in den Räumen, weil ich von dort die Übersicht habe. „Bitte, Lady, fragen Sie mich das morgen. Es ist zu laut jetzt, zu viel noch los, um Ihnen die Antwort zu geben.“ Leider fiel mir das englische Wort für „angemessen“ nicht ein; die angemessene Antwort, d a s hatte ich sagen wollen. Dabei war das Geheimnis, so nämlich schritt sie dann, und lächelte, weiter, gar nicht auf meiner Seite, sondern ganz auf ihrer. Und ich bin mir sehr unsicher, ob sie das nicht vielleicht sogar gewußt hat. Ihre Art zu gehen, insgesamt, war wissend.
Eine greise Elbin, dachte ich, die sich aber ihre Luzidität völlig erhielt; une femme verte. Und wußte, eine nächste Person des Romans hatte sich zu erkennen gegeben, vornehm, nicht ironisch oder spottend auf Schabernack aus wie diese zwei, ich sag mal, Kobolde dort meiner Abenteurergruppe:

Zu denen freilich paßt, daß einige an Bord davon überzeugt sind, es gebe hier einen Geist, „Klabautermann“, erklärte ich zwei Musikerinnen am Abend, „nennt man den in Deutschland“. Auch an sowas hatte ich für den Roman vorher noch gar nicht gedacht, und auch im Hörstück könnte er eine Rolle spielen. Lanmeister jedenfalls wird ihm begegnen: als Entsprechung zur kleinen wellenreitenden Nereïdin, von der ich neulich schrieb.
Es war lange schon dunkel, der Mond geht auf voll; die Wogen rauschten, grollend stampft der Motor drunten im Schiffsbauch, und hell im Licht des Trabanten zieht aus den zwei schweren Schornsteinen unser Rauch übers Meer. Wir sitzen in der Raucherecke. Und die Musikerinnen klagen leise: jeden Tag, seit Monaten, dasselbe spielen, und niemand hört doch wirklich zu. „Ich tue meinem Instrument weh“, sagt A. „Es geht nicht mehr so weiter“, bestätigt B. „Wir brauchen etwas anderes, etwas, wo wir auch gehört werden und nicht nur Staffage sind, die ebensogut aus Lautsprechern als Background laufen könnte.“ „Wir können uns nicht mehr entwickeln, ja, anfangs war das toll, daß wir die ganze Welt sehen konnten, aber was, in Wirklichkeit, sehen wir denn?“ Und ihr Instrument sei mit ihr böse, sie merke das sofort, wenn es – im übertragenen, aber eben auch dann wirklichen Sinn - verstimmt sei. Außerdem, mit 19 sei sie aus dem Haus, jetzt sei sie 26 und habe in all den Jahren ihre Eltern nur dreimal gesehen; „ich sehne mich danach, einmal wieder umsorgt zu sein, daß man nach mir schaut, und dann ist man immer doch auf sich allein gestellt und träumt nur von daheim.“ „Ich bin kein Zirkuspferd.“
„Ihr könntet“, sage ich, „den Menschen etwas geben. Es müßten Geschichten erzählt werden, so daß sie zuhören wollen – und dann auch der Musik zuhören würden, weil sie dann etwas verstehen würden. Wenn wir etwas nicht verstehen, hören wir es auch nicht. Es muß uns jemand bei der Hand nehmen und in die Dinge einführen; geschieht das, gehen alle r e i ch hinaus, geschieht es aber nicht, ist man zwar befriedigt, aber man bleibt arm.“

Was mir die Wogen erzählen.
(Zwei Tage noch bis >>>Afrika).
*******

Entr‘actes: S a l z. Der elfte auf den zwölften Tag der Großen Fahrt, darinnen nachgeholt Der Maskarenen Zweiter Teil: La Réunion. PP147, 12. April 2014.

242ºS/SW.

(Wogen-Rhaposodie)
Es sprüht Salz von den Wogen, das ist überall: körnig auf den Relings, auf der Haut, beißt sich in die Sonnengläser – es s c h n e i t das Salz hinauf! verweht es wie sehr langes Haar, das keine Konsistenz mehr hat. So rollen wir durch das Meer, teilen die wütigen Wellen, schneiden sie durch, die uns heben, klatschen hart wieder herunter, zu den Seiten nächstes, endlos vieles Salzhaar und Seehaar und Kessel und Höhen, und ein Wind, der jedes lose Teil in seine Arme nimmt und an der Brust zerdrückt. In den Himmel geht es hinauf, in die Täler wieder hinunter:

Wir kommen auf wie in Kissen, dann wieder schlagen wir auf Beton. Das Innere der Seele ist unser Körper, so spüren wir‘s nun, kraft der Schöpfung gegen den Wind und sein Heulen und das Sprühen angeschrieben.


Nachts schwangen die Sterne: Amplituden von bis zu vier oder fünf Metern. Ich schrieb: Das Universum schaukelt. Wer den Kopf hob, konnte es sehen. Die meisten hatten sich unter Deck geflüchtet. Johan, lachend, auf mich zu: „Du hast es gewollt, nun hast du es.“ Wer immer ging, schlingerte. Die Hartgesottenen saßen in der Raucherecke und vor der Hansebar im überplanten Bereich, streckten die Beine von sich. Ich dachte: „Anschubsen, Papa! Noch mehr anschubsen! N o c h mehr!“ Höher, höher. Und wieder tief.
Abermals hinauf.
Ansage (mitgeschnitten) über Bordlautsprecher: Bitte lose zerbrechliche Gegenstände aus den Regalen nehmen, bitte jede Tür sorgsam schließen. Die seitlichen Außendecks seien aus Sicherheitsgründen gesperrt. Auf keinen Fall mehr den Swimmingpool benutzen; aber man ließ dort ohnedies das Wasser wieder aus. Hie und da gingen, stoisch mit Eimer und Feudel, Stewards, mancherorts knieten zwei am Boden, um zu wischen, auch zu rubbeln, bei den Treppen, Teppichboden. Eine Dame suchte ihren Gemahl. „Wo ist er nur? Er fühlte sich krank.“ Ich hatte ziemlich einen im Tee, als ich schlafen ging nach der kleinen Nachtserenade.
***



Heute früh ist die See wieder still, wir schaukeln leicht dahin nach unsrem Indischen Ozeantraum, in den die Nereïden bliesen, weibliche herrliche Sturmdschinns. (Prima Idee für das Hörstück: Das mitgeschnittene Heulen des Windes und ein zwei Stücke aus der Nachtserenade zu einem eigenen Klangraum montieren und unter die Fahrt legen.)

(Sonnabend,
9.36 Uhr).
***

*******


La Réunion, 11. April,
Freitag.)

Es war vielleicht einfach der „falsche“ Hafen, denn meinen Unterlagen nach und nach meinen Vorbereitungen hat die Insel mehr, viel mehr zu geben als die paar Dürftigkeiten, die ich sah. Wobei, mir gefällt nur allzu oft, was andre Menschen furchtbar finden, und was denen gefällt, ist wiederum fruchtbar für mich. Dazu gehört etwa eine gewissen „Aufgeräumtheit“ der Straßen, ihre Beruhigung, Begradigung, Normierung.
Ich war den anderen, die auf den Shuttle-Bus warten wollten, zu Fuß vorausgegangen, fast zwei Stunden früher, die ganze lange Straße entlang, über die die Trucks donnerten, einer nach dem andern. Einige Kreisverkehre waren zu durchmessen, unübersichtlich für mich, wohin ich gehen müsse: Die Stadt sah ich als weit verstreute flache Würfel liegen durch die Ebene bis in die Hänge hinein, ohne daß sich ein Zentrum ausmachen ließ. Immerhin kam ich wieder zur Küste, die entlang bis zu eienm abermaligen Industriegebiet ein ausgebauter Trimmdich- und Joggingpfad führt; dahinter schwere Steine, schließlich grober Kies bis an die Wellen. Dort standen ein paar Angler und prüften ihre Geduld. Fahrradfahrer tauchten auf, im Dress, Mountainbiker. Und sowieso: das erste Mal wieder, seit ich Europa verließ, Rechtsverkehr. Ich brachte, geb ich zu, ein bißchen Heimatgefühl mit an die Pointe des Galets: La Réunion ist der von Europa entfernteste Ort der Welt, an dem mit Euros bezahlt wird; als französisches Departement, eigentlich muß man sagen: als eine letzte Kolonie, gehört die Insel zur EU. Das machte mich ein bißchen Hüpfen: in der eigenen Währung zu bezahlen, und zwar gerade dann, wenn alle anderen Reisenden das nicht tun können, sondern mit, für sie, Fremdwährung hantieren, läßt einen fast schon zuhause sein.
Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß, denn logischerweise traf ich an, was ich doch immer fliehe: eben die Normierung, das Gleichmaß und auf ein Mittel Heruntertemperierte; nichts hier, gar nichts, war ekstatisch.
Nachdem ich das „Zentrum“ des Ortes erreicht hatte, etwa fünfzig Minuten strammen Wegs waren das gewesen, das sich aber vom übrigen Ort kaum unterschied, nahm ich immerhin einmal Platz. Denn dieses nun war angenehm: das vor den Cafés Stühle stehen. Also einen Cafè bestellt und ein Baguette, das auch dann nicht wie eines schmeckte, wenn „La Porte“ den Spitznamen „Petit Paris“ erhalten hat.

Sondern es schmeckte nach einem Baguette von McDonald‘s. Insofern allenfalls ein Petit Paris/Texas, öde Einstöckigkeit, puritanisch gecleant, selbst die Mini-Moschee sah in ihrer Ecke wie ein Fallerhäuschen aus. Obendrein war Feiertag, geöffnet hatten ein paar Textilbillighändler. Markt gab es es nicht, und zwei Stunden später liefen quasi alle Passagiere meines Schiffs auf der einen einzigen Straße herum, die man mit sehr gutem Willen „belebt“ nennen könnte.
In der Ferne lockten die Berge.
Ich hatte einen Fehler gemacht. Hier, auf La Réunion, hätte ich mich einer der Landschaftsexkursionen anschließen sollen, auch wenn wir nur im Bus gesessen hätten. Es wäre zumindest etwas zu sehen gewesen. Für Weiteres gab es ohnedies nicht die Zeit; wir hatten gerade vierfünf Stunden, ansonsten ich umgehend einen der Tauchgründe aufgesucht hätte, für die die Insel berühmt ist. Und für die Haie. Im Alten Hafen etwa, völlig vernachlässigt, selbst die Sportyachten liegen dort am Kai, als würden sie vor Langeweile zerschmilzen, sah ich dieses Schild:

So viel, immerhin, Abenteuer ist hier d o c h, daß die Haie bis in den Yachthafen schwimmen – wahrscheinlich, weil zu häufig von den Booten Essensabfälle ins Wasser geworfen worden sind; auch andere Tiere, nicht nur wir Menschen, tendieren zur Bequemlichkeit. Na gut, zugegeben, ich tu es nicht so sehr, aber da sind wir wieder beim Thema von oben. „T h i s is nice here!“ hörte ich sagen, mehrfach... „and so clean!!“ And comfortable, dachte ich, und rauschlos. Halt auf ein Mittel temperiert. Dahin ging auch ein kleines Gspräch, das ich nach der Serenade nachts mit einem der Barkeepers hatte. Ich hatte gesagt, die Leute hörten einfach nicht zu, hatte die Musik gemeint, und er erwidert, Menschen könnten das nicht, sich dauernd konzentrieren, einzweimal im Monat, dann sein es genug. Er wisse das, seine Frau sei ebenfalls Geigerin an Bord eines Kreuzfahrers; er zog sein Smartphone vor, zeigte mir ein Filmchen. „Auf der Marco Polo“, erklärte er. Man müsse die Menschen unterhalten, dürfe sie nicht fordern.
Es ist mir von Herzen unverständlich, wie jemand nicht immer im Herzen der Dinge sein möchte, wie man neben den Dingen her- und nicht in ihrem Sog leben möchte, wieso man lau sein will, anstatt in Flammen zu leuchten - . Wie? Sie sagen Müdigkeit? Ja-Göttin denn!!: von w a s? Davon, gut zu Mittag gegessen zu haben? und muß sich erholen? Und wenn von einer Arbeit, die man nicht will, weshalb sie dann nicht wechseln und tun, wonach einen verlangt, was uns erfüllt? Geld zu verdienen, allein, ist kein Lebenssinn, sondern es ist - - - sein völliger Verlust. Nur deren Gemüse wird schmecken, die den Acker auch lieben, den sie bestellen, und die Pflanze und das Tier. Wenn es wehtut, daß wir töten, und nicht gemütlos ist, Routine.
Selbst die kleine Moschee war in ihrer zugewiesenen Ecke gemütlos, selbst der kleine indische Laden, alles geordnet ins Kleinstadtbild. Ich seh da sofort David Lynchs abgeschnittenes Ohr auf dem nach Katalog glattgetrimmten Rasen; das Objektiv der Kamera, das auch unser Auge ist, muß nur nah genug heranfahrn, anstelle sich mit dem Schein der Oberfläche zu begnügen.


Und noch mal der Alte Hafen, La Porte Ouest: Abgeschnitten von der Kleinstadt durch zwei schwer befahrene Lastwagentrassen, verrottet hinter Zäunen. Jetzt aber wollen sie ihn wieder herrichten, mit europäischen Mitteln, und dort eine repräsentative Hafenfront bauen, man kann sich schon vorstellen, wie das mal aussehen wird mit all den Einkaufs-Malls und „Club“ genannten Diskotheken:

Und doch tu ich La Rénunion-ingesamt ganz sicher unrecht. Es gibt hier atemberaubende, las ich, Bergstürze, Wasserfälle, Wälder, auch Orte mit wirklichen Märkten, sowie die Tauchgründe, von denen ich bereits erzählte, und es gibt den Vulkan:

Er zählt zu den aktivsten, gefährlichsten der Welt. Daß ich da hin will, steht außer Frage, aber es ließ sich auf dieser Reise nicht machen. So war ich denn von Herzen froh, als ich auf der schönen Astor zurück war und daß uns dann wirklich das W e t t e r empfing. Das Wetter und sein Salz:



*******

UM GLÜCKLICH ZU SEIN. Port Louis auf Mauritius, und keine Stadt ist danach. Die Erzählung des 10. und 11. Aprils 2014, an ebendiesem nachgeholt. Der Maskarenen Erster Teil.


<div align=justify.
Wie bin ich traurig gewesen, als wir Port Louis gestern abend wieder verließen! Kaum war ich ins Dickicht der maritischen Stadt eingedrungen, spürte ich es mir in die Adern und aus den Venen strömen: daß ich hier gerne bleiben möchte, zumindest, und ich wußte es wirklich bereits nach zehn Minuten, wiederkehren würde. Und ich schreibe Ihnen das noch heute, fast einen Tag danach, zumal zu Schostkovitschs Cellokonzert, dessen Solopart Sol Gabetta spielt. Seltsames Wort, „spielen“, wenn man von der Durchdringung eines Instrumentes spricht -
Wie also traurig bin ich gewesen, als wir uns von der Insel entfernten, und stand lange noch am Achterdeck und schaute:



Und dachte, ich würde den Abend anders verbringen, als es mir hier Gewohnheit wurde, und statt dessen gleich schreiben, Ihnen niederschreiben, was so in mich ging. Aber auf dem Weg hinab kam mir dieses dazwischen und hielt mich fest:

Und es stärkte meiner Melancholie noch den Rücken, zumal die allerdings nur wenigen Leute, die noch im Captain‘s Club zugegen waren, einfach nicht zuhören konnten, auch nicht, als ich, der Pianistin im Rücken stehend, ihr leise zusprach: „Please, be so kind to playing a piece of Bach.“ Erstaunt wandte sie sich um, ein bißchen scheu, „Johann Sebastian“ fragend mit ihrem ukrainischen Dialekt. Man kann auch nicht wirklich, stellte sich später heraus, miteinander sprechen, ihr Englisch ist n o c h dürftiger als meines. Wir können direkte Willen mitteilen, Hunger ausdrücken und Durst und uns Gute Morgen wünschen, aber die Tiefen bleiben immer ganz bedeckt. Doch ihre Antwort war Musik. So ging es denn noch bis fast 23 Uhr, da mocht‘ ich nicht mehr schreiben. So weit weg Mauritius bereits.

Wenn man einem Insel­be­woh­ner glaubt, dann könnte man
die Mei­nung bekom­men, dass Mau­ri­tius zuerst geschaf­fen
wurde, und dann der Him­mel; und die­ser Him­mel ist
eine genaue Kopie von Mau­ri­tius.

Mark Twain.


Allein das Völkergemisch, das hier auf engem Raum beisammenlebt, Kreolen, Inder, Chinesen, nicht sehr viele Weiße, Hindus, Christen, Moslems, alles treibt Handel, permanent, und schläft wohl auch miteinander. Und die Genetik scheint sich ästhetisch zu entscheiden. Aber allein der überdachte Markt hält alle Herrlichkeiten bereit, die uns nur Früchte geben können, von den Gewürzen ganz zu schweigen. Der kleine Kühlschrank meiner Kabine ist nun voll mit Chilis, aus Chilis und Limonen gestampftem Senf, und mit frischem Safran, sowie liegt Curcuma in einer meiner Schubladen mit indischem Knabberwerk zusammen, salzigen Biscuits und dem besten Basmai, den es zu kaufen gibt. Außerdem habe ich für den dem Meer geopferten Schal einen anderen bekommen, der so weich ist, daß meine bloßen Schenkel, denen er jetzt aufliegt, vor gestreichelter Verzückung zucken, weil das, zu zucken in der Wohligkeit, ihre Art der Seufzer ist. Und alle Wohlgerüche salbten mich, die der Orient kennt; ich schwamm in ihnen, tauchte, trank süßen schweren Tee um 20 Cents das Glas, der an Chai erinnert, aber Chai nicht ist, sondern in der Konsistenz von mit warmem Honig angerührtem Lassi. Es ist ein großes Glück, das ich nicht empfindlich bin, also in der Verdauung; selbst in Indien konnte ich mich aus den Straßenküchen bedienen... - wenngleich, gestern, einmal kurz, hupfte mein Magen d och, aber nur für eine Viertelminute. Upps, hatte ich gedacht, warst du vielleicht doch etwas zu unvorsichtig? Ich hatte am Straßenrand einen Saft gekauft, umgerechnet für 19 Cents, 8 Rupien sind das, von einem Straßen-Wallah. Der hob den Deckel seines Kühlkastens an und zog ein prall gefülltes Plastiktütchen hervor, dessen verschlossene Öffnung rosettenhaft einen Strohhalm umküßte, an dem ich nun zog. Zwei Minuten später meldete sich ein drängender Hinausdruck... Nein, nicht nervös machen lassen, das kommt alles, dachte ich, vom Kopf. Also ging ich Buryani essen, etwas Reis, zwei kleingeschnetzelte Fleischsorten, Gemüse, Pickles und die dicken rosa Zucchini, die diese Breiten kennen. Überdachte Garküche, gleich an den großen Markt angeschlossen, quasi nur Einheimische dort; nur bisweilen schaut mißtrauisch ein Tourist herein, der garantiert, wie ich, von der Astor kam, aber sich, klugerweise, vorsah. Ich nahm da Mahl draußen zu mir, weil es drinnen keine Sitzplätze gibt. Ich möge bitte den Teller wieder zurückbringen, was ich selbstverständlich tat. Bevor ich mit der schönen Sennerin, einer indische Variante von Sophia Loren, beim Lassi flirtete:


Ich hatte gar keines gewollt, aber sie derart gelächelt... fordernd, übrigens; etwas , das mir in Port Louis auf Schritt und Tritt begegnete: die Blicke der Frauen, auch sehr junger Mädchen, weichen nie aus, auch nicht die der Muslima, deren man bisweilen als gänzlich verschleierte begegnet, aber ihre Augen, schwarze, aus den schwarzen Kaftanen, blitzen. Es gibt das: schwarzes, allschwarzes Flammen. Unfaßbar schöne Menschen, wohin ich auch blickte. Aber auch viele behinderte Alte, und Menschen, denen es nicht gut geht, erkennt man zuerst an den Zähnen.
Vorher, als ich morgens ankam, ich nahm den allerersten möglichen Bus, hatte ich sofort ein Roti gefuttert, vegetarischer scharfer Gemüsebrei mit Stücken von Kartoffeln im gerollten Fladenbrot. Und auch das süße Lassi hätte es in sich haben können; der bei uns gerade unter Kindern so beliebte „Bubbletea“ ist hierzulande unter die flüssigen Joghurts gelangt, der zusätzlich mit Kofi, einem indischen Vanilleeis, versetzt wird. Indessen im Fleischmarkt, nachmittags, ein Schlachter mit seinen wehen Füßen lag und die Söhne tun ließ, was auch ihr Beruf nun war; er aber schlief, schaute allerdings, ein melancholischer Singh – was auf deutsch „Löwe“ bedeutet -, manchmal nach dem rechten hoch, graunzte ein paar Anweisungen und ließ seinen Kopf zurück in den Traum, auf seiner Schlachtbank, wohlgemerkt:



Und die Avokados sind hierzuland riesig, man muß sie nur anschaun, um auf der Zunge zu spüren, daß sie wie weichstes Mus auf ihr zergehen würden:


Jedenfalls schlug ich mich gastronomisch mit dem Volk durch, und genoß es. Dabei insgesamt fast sieben Stunden auf den Beinen, nicht einmal gesessen, sondern den gesamten Ort abgeschritten bis dort hinauf, wo er in den Berghang übergeht, der schnell steil wird, in der Ferne atemberaubend bizarre Felskulissen:


Ich muß nicht erzählen, daß nichts hier Norm ist, die Straßen voller Schlaglöcher, die Hauswände Bedienstete der Zyklone, und dort, schauen Sie!, geht man zum Zahnarzt:
*****

(Ah, und wie das Schiff wieder schaukelt! Wir fahren nun das letzte Stück des Ozeans durch, unter Madagaskar entlang Richtung Durban. Die Sonne gleißt auf das Meer. Drei Tage Seefahrt liegen vor uns.
11. April, 14.28 Uhr.
Die Gläser rollen im Schrank.
Der Kurs genau auf Süd, zwischen 174 und 187 schaukelnd.
Wir haben wilden Wind.
Ich muß mal eben an Deck.
***
Hoch und gleich wieder runter: den LS 11 holen, um am Bug das wirklich irre Heulen des Windes aufzunehmen. Da dürfen wir noch hin, obwohl das Bootsdeck bereits gesperrt worden ist:



Zehn Minuten lang da oben gestanden, erst nur die Atmos aufgenommen, dann versucht, ein Bild der Gischt hinzubekommen, wie sie immer wieder vorn übers Schiff geht: sprühend, man möchte meinen zischend, sich rasend verfliegend; es ist wirklich allerbestes Windsurf-Wetter.



Und am Achterdeck einen Cigarillo rauchen, dazu verfrüht den Campari Soda, frei stehend aber. Meine geliebte Großmutter sprach gerne von „Matrosenbeinen“, die jemand habe: bekommen habe während der lebenszeitlichen Versuche der Gleichgewichtwahrung. Daran über ich einige Zeit, was schließlich fast anstrengungslos geht. Obwohl meine Waden motzen, wegen der nach wie vor wehen Achillessehne; es war nicht sehr klug von mir gestern, für die ganzen sieben Stunden in meinen indischen ledernen Sandalen loszuziehen. Man gewöhnt sich, um die Sehnen zu schonen, eine bestimmte Gangart an, die nun wieder dazu führt, daß sich abends die Waden verkrampfen. Jetzt aber, im „Matrosenstehen“, hab ich den Eindruck, daß sie sich genau davon lockern.
Und noch mal in den Übersseeclub geschaut. Abgesehen von den zahllosen Kuchen und Torten sieht das Verlockendste so aus (hier an Bord wird immer, zu jeder Mahlzeit, so getafelt):
*****


Aber zurück nach Port Louis:

16.20 Uhr.
Nachmittags Massen von Fliegen auf einem massiven Thunfischstück auf der Fischbank, das rosarote Fleisch fast völlig in wimmelndem Schwarz. Und plötzlich, es ist wie ein süßer Erinnerungsschock, entsinne ich mich, daß ich als Junge von ungefähr fünfzehn Briefmarken zu sammeln begann, was ich allerdings nicht lange durchhielt, und daß damals die „Blaue Maritius“ eine besondere Rolle gespielt; mein Bruder, erinnere ich mich ebenfalls erst jetzt, nach all den Jahren, wieder, hat Münzen gesammelt. Und die Straßenhändler, ganz ebenso plötzlich aufgescheucht, schlagen die Decken um ihre am Boden darauf verteilten Waren zusammen, TShirts, Schuhe, Gürtel, und ziehen die so entstandenen fetten Halbsäcke an die Hauswände und setzen sich drauf, sozusagen tirilierend. Kein zwei Minuten später ertönt von irgend woher Entwarnung, und lässig wird alles wieder ausgebreitet.
Lachend die Blicke und her.
Und neuerlich kommt der alte weißbärtige, weißhaarige hagere Mann heran, ein Verrückter vielleicht, so schimpft er und gleichzeitig singt er und fuchtelt Zeichen vor sich in die Luft, indes ich, als ich, um mich endlich auf den Weg zurück aufzumachen, die Unterführung hinab will, ohne die man da tatsächlich auf Kilometer Länge nicht über die Straße käme, von einem geradezu märchenhaft fetten Schwarzen, der dort auf den Stufen weniger sitzt, als daß er sich in sie hineingegossen hat, ohne jede Lücke, wie ein seit Jahren Vertrauter begrüßt werde. Selbstverständlich grüße ich zurück. Das gegenseitige Lachen auch hier.
Und ich bin in der Moschee gewesen, sogar in beiden, und habe in der ersten, der großen Jummah Mosque, vor dem Bassin, in dem riesige Karpfen und welsartige Fische durcheinanderschwammen, meine Füße gewaschen und mein Gesicht, wie es Islami tun; gegenüber, aber noch in der Moschee, eine offene Koranschule für Acht- bis Zehnjährige, denen der Lehrer, der einen Stock in Händen hält, vorsingt, worauf sie jeweils nachsingen müssen: einen immergleichen, ich sage einmal, Psalm, bis sie ihn noch im Nachtschlaf hören. Einer der Jungen machte dabei einen Fehler und mußte vortreten. Er stand ganz gerade und verzog, nachdem der Stock sausend auf seinen Knabenpopo gepfiffen, nur eine Bruchsekunde lang das Gesicht, gab aber keinen Wehlaut von sich, sondern hing still an seinen Platz zurück, und die Prozedur des Vor- und Nachsingens wurde wieder aufgenommen, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Dieser offenen Schule gegenüber, selbstverständlich sitzt man am Boden, ebenfalls am Boden die Korangelehrten, drei oder vier vor den vor ihnen aufgebahrten Büchern. Ein alter Mann, dem ich auffiel, bat mich erst, dann forderte er mich auf, doch bitte ebenfalls zu beten. Ich hätte aber nicht gewußt, zu wem.

Dennoch kam ich mir gereinigt vor und trat in die Sinnlichkeit der wilden Royal Street zurück, um mich auf meinen Rückweg zu machen. Saß dann noch an der – völlig anders als die übrige Stadt – touristisch hergerichteten Hafenfront und trank die Milch aus einer dort, na klar, zu teuren, aber vor meinen Augen geköpften Kokosnuß.
*******

Mauritius ist mit Port Louis bei weitem nicht erschöpft. Aber ich nutzte die Zeit, die ich hatte, um zu sehen, was irgend ging. Dazu gehört das Amalgam der Architektur aus vierfünf Jahrhunderten, dazu gehört das älteste Theater der südlichen Hemisphäre, dazu gehören die Gänge hinan zu den Bergen und daß mir eine Sehnsucht blieb, die mich ganz sicher wieder einmal hierher ziehen wird, und vielleicht für länger dann. Es ist mein Klima, ist mein Temperament, ist das Chaos, das ich von jeher suche. Da hab ich von den Tauchgründen noch nicht einmal ein Wort verloren. Und davon nicht, daß auf der Insel „nebenan“ einer der aktivsten Vulkane der Welt lebt. Aber von jener, der anderen Insel, erzähl ich Ihnen morgen. Ich brauche etwas Abstand dazu, denn ungerecht will ich nicht werden. Außerdem lockt es mich wieder hinaus.

La Réunion ODER Der elfte Tag der Großen Reise zur See. PP 146, 11. April 2014: Freitag.




Auf die Pointe des Galets zu, noch in die Nacht, indessen es achtern schon tagt:



(Auch dieseErzählung wird erst folgen. Nachdem wir Mauritius, das berauschend schöne, gestern erst um 20.30 Uhr verließen und heute bereits um sieben auf La Réunion sein werden, werde ich erst ab dem heutigen Nachmittag/Abend zum Schreiben kommen und bitte Sie, dies nachzusehen. Es ist bereits jetzt vieles zu erzählen, vom Glück der Blicke, vom Glück der Kulturen, zu denen unbedingt das Essen gehört, daß ich einfach ein bißchen Zeit brauche. Ab heute nachmittag werden drei weitere „reine“ Seetage vor uns liegen. Die werd ich dafür nutzen, jetzt mich aber, wie gestern, den Geschehen, Bildern und Tönen überlassen: Die Welt ist Klang hieß der Wahlspruch des Ensembles Modern und heißt er sicher immer noch.
Ihr ANH.)

Mauritius ODER L‘Île Maurice. Am zehnten Tag der Großen Fahrt. In den Abend (15)/Traumschiff 21. PP146, 10. April 2014.



(Die Erzählung hierzu finden Sie nunmehr >>>> d o r t.)

Der neunte Tag, einen vor der Isle Maurice. In den Abend (14)/Traumschiff 20. PP145, 9. April 2014.



So endete gestern der Tag, und auch der Abend und die erste Nacht blieben warm und unbedeckt, indessen während ich schlief, neue Wolken aufgezogen sein müssen, es ging gegen Mitternacht auch ein aufgeböter Wind, doch nun, innerhalb weniger Minuten, riß der Himmel schon wieder auf. Das Blau strahlt hindurch, und darüber, über dem Schwarz, werden wir einen gloriosen Sonnenaufgang erleben. Da bin ich mir sicher -

- und tatsächlich:


(„Es ist kurz nach sechs“, hatte ich zu Anfang dieser Erzählung geschrieben, „wobei sich das so nicht sagen läßt, eigentlich wäre es schon sieben, doch abermals waren unsere Uhren um eine Stunde zurückzustellen; quasi jeden oder jeden zweiten Tag eine Zeitverschiebung.“ Dann wurde ich mir unsicher: Sollten wir die Uhren nun heute zurückstellen oder lag das Zettelchen dem Veranstaltungsprogramm bei, das je abends auf die Kabinen verteilt wird?



Ich war mir also unsicher und dachte, na gut, dann siehst du mal nach.
Nicht nur mir scheint es so gegangen zu sein; denn zwar war in der Tat auch für die „Early Bird“s der Kaffee im Überseeclub noch nicht aufgestellte und noch kein Tisch auch nur „ange“eingedeckt, aber auf dem Achterdeck war völlig unüblicherweise bereits ein reger Passagierbetrieb:

Der offenbar erwartet worden war, denn draußen s t a n d Kaffee, und um die Schornsteine, die aus der Mitte des Achterdecks aufragen, eilten nicht joggend, aber walkend die Leute. Wiederum sah ich Bestzungsmitglieder, deren Unterlider unterhalb der Wangen hingen, was mit der Crew-Party zu tun hat, die gestern nacht stattfand, von 23, hier es, bis 2 Uhr. Es hatte mich gejuckt, dran teilzunehmen, aber dann war das wirklich nicht meine Musik, auch keine, mit der ich mich befrieden kann, einfach nur laut und rummsend. Also hatte ich mich zurückgezogen. Rückzug ist ohnedies eines meiner, hier, ständigen inneren Themen. Dazu gleich etwas später noch.
Aber erst einmal.
„Wissen Sie, für unsere Leute, Personal wie die technische und seemännische Besatzung, sind die Angebote sehr eingeschränkt. Auf den großen Kreuzfahrtschiffen haben sie eigene Räume, eine eigene Bar, eigene Videothek, eigene Sport- und sonstige Freizeitbereiche, ja oft sogar einen eigenen Friseur. Hier, auf solch einem kleinen Schiff gibt es davon quasi nichts. Das ist schon, auf Monate währenden Fahrten, nicht ohne Schwierigkeiten. Da sollen sie jetzt tüchtig alle feiern, finde ich.“ So der Chef der Service-Belegschaft. Und nach 23 Uhr - über dem Sonnenbereich der Hansebar, quasi direkt vor den Schornsteinen, waren lange Holzbänke aufgestellt und ein paar Tisches fürs BBQ, sowie die großen Boxen, aus denen es dann auf die Brustkästen hieb – war es nett anzusehen, wie die Leute, vor allem die Jungen, aus ihren Unterschlüpfen kamen, teils aufgedonnert, nämlich die Damen, teils bewußt lässig in Jeans und TShirt oder im Hawaiihemd; und sie duften alle nach bekannten Parfums. Allein die Führungsoffiziere, die aber teilnahmen, waren in ihren Uniformen geblieben. Was sonst stolz und dezent und bisweilen ein wenig steif die Passagiere bediente, wippte in den Knien.
Ich trank noch meinen letzten Abendwhisky aus, bestellte, ums auf die Kajüte mitzunehmen, noch ein Bier und ging. Zuvor freilich hatte ich dies noch bewundert:


(Es geht nicht ohne Sinnlichkeit.)


Wieder hörte ich der Geigerin und „ihrer“ Pianistin zu, diesmal der Pianistin mehr, die ein berückendes Kleid trug, unterhalb der Knie aus transparentem Chiffon bis zu den schmalen langgestreckten Waden. Ein Rätsel, aber auch ein Wunder, daß man auf solchen Absätzen gehen kann. Und sie kann‘s. Sogar, wenn das Schiff rollt.
***


Aber zurück aufs Deck, zurück in diesen Morgen! Wir nähern uns Mauritius, der Isle Maurice, morgen früh um sieben wird der Lotse an Bord kommen; ich habe es über den Hotelchef hinbekommen, dann auf der Brücke sein zu dürfen, um dort die Töne mitzuschneiden. „Melden Sie sich bitte kurz vorher an der Rezeption, man wird Sie dann abholen.“ „Oh, ich kenne den Weg aber, kann ihn auch allein gegen. Es ist ja nicht das erste Mal...“ „Der Kapitän möchte das nicht.“
Er ist ohnehin sehr auf Distanz, Kapitän Zhukov, anders als der Kapitän meiner ersten Kreuzfahrt, der sehr offen war. Etwa wird es mich einigen Charme kosten, d o c h in den Maschinenraum zu dürfen; erst einmal wurde mir die Mitteilung: Nein, auf gar keinen Fall. Man habe einen Elektroniker an Bord, der könne ja mein Aufnahmegerät nehmen und für mich die Töne sammeln; nur: was soll ich mit denen, wenn ich die Bilder nicht beschreiben kann? Mein Eindruck ist allerdings, daß Charme nicht verfängt; der Mann, ich sah ihn bisher nur zwei Male, wirkt wie ein zur Person gewordener Katechismus, durchaus militärisch-strikt; quasi der Gegenentwurf zu einem Anarchisten wie mir. Aber wir werden sehen. Die erste wirkliche Begegnung wird ja erst morgen früh stattfinden. Und ich hab Stoff genug, nicht zuletzt den inneren des Imaginierens, um auch ohne Maschinenraum erzählen zu können.
Zum Beispiel davon, daß der Kreuzworträtsellöser jede Nacht im Freien verbringt; morgens gegen fünf, wenn der erste Service sich vorbereitet, findet man ihn unter der Überdachung für die Raucher; geht der Betrieb los, verzieht er sich ans Bootsdeck, und wenn auch das die ersten Leute fluten, gegen halb zehn oder zehn, erst dann, verzieht er sich für zweidrei Stunden in seine Kabine, um erfrischt wieder zum Mittagessen zu erscheinen, das er ebenfalls draußen einnimmt, bevor er sein erstes Bier bestellt und das erste Kreuzworträtsel löst. Er muß eine Bibliothek aus Kreizworträtselheften mitgenommen haben. Vielleicht ist das sein einziges Gepäck, denn er trägt – oder scheint zu tragen – immer die gleiche Kleidung.
Man kennt ihn schon an Bord; es ist nicht seine erste Tour.
Oder der bis zur Panik Flugängstler, der eben seiner Flugangst wegen lieber 42 Tage heimwärts zur See fährt, als nur 12 Stunden des Luftwegs auf sich zu nehmen; ein noch junger Mann, um die 35 mag er sein, kräftig, gut trainiert, humorvoll; die Abendzeit verbringt er meist mit Sugar, er dies-, dieser jenseits des Thresen, zwischen ihnen die Karten. „Er hatte die Befürchtung, auf die Astor nicht zu passen, nicht zu diesen Passagieren. Normalerweise versucht er, eine Passage auf einem Containerschiff zu bekommen. Aber nun sagt er, es seien doch viele verschiedene Typen hier, vor allem Typen, und er passe ganz gut.“ In der Tat habe ich gestern begonnen, immerhin, für den Roman eine Personenliste zu skizzieren, in die
- der Norweger gehört, der bis Skavanger weiterfahren wird, also noch über Bremerhaven hinaus; ein Seebär, der lange Zeit an den Maschinen gearbeitet habe, ein Mann mit sehr breitem Mund, wenn er lacht, und dabei flachem zwischen dem Wikingerbart; helle, witzige, schnelle Äuglein;
- Patrick selbstverständlich, der globesegelnde Ire, gut aussehend, markant, hager bis schmal, auf der Suche, ich werd noch erfinden, nach was;
- John, der Gambler; jeden Tag gewinnt er beim Bingo zwischen fünfzig und achtzig australischen Dollars; er hat ein einziges Problem auf der Reise: daß nie die Suppe wirklich heiß ist;
- der alte hagere Dichter, vollbärtig auch er, ein wenig in der Bechterew-Haltung, die Peter Kurzeck immer war, aber er kann nicht mehr ohne rollbare Gehhilfe gehen, bewegt sich sehr sehr langsam deshalb, kritischen Blicks, begleitet von einer schmalen hochgewachsenen Frau, die einmal, man sieht das noch immer, eine Schönheit gewesen, deren wie Schatten lange Untergänge sie allabendlich festlich kleidet, und sehr stilvoll, dabei sehr „plietsch“ geblieben, um ein altes Wort der Umgangssprache wiederzuverwenden; flirtende Blicke, ständig, wirft sie um sich und läßt doch keinen Zweifel daran, zu wem sie gehört;
- die abenteuerlustige Dickmadame, gepflegt, locker, offen, deutlich auf Abenteuer aus und vermeinend, sie habe Patrick am Haken; es steht aber zu fürchten, er hat mehr sie;
- Sugar selbstverständlich; (er übrigens mochte zur Crew-Party nicht mitgehen, „I don‘t like the music“, sagte er, um eine Viertelminute danach beizufügen: „I want to go home“, womit er Mumbai meinte, in dessen Nähe seine Familie und er leben – mit der wiederum, namentlich seiner Mutter, er ein Problem zu lösen habe; nämlich habe er in Australien eine Frau kennengelernt, „die müssen meine Leute akzeptieren; wenn man heiraten möchte, heiratet man eine Familie, immer, nicht nur eine Frau...“;
und dann noch
- eine geheimnisvolle Asiatin, die zum Servicepersonal gehört, von der ich aber meine, daß das nur Tarnung ist; links hat sie eine Lücke zwischen ihren ansonsten sehr schönen Zähnen, die ganz ebenso nach einer Geschichte verlangt. Ich treffe auf sie, diese Frau, jeden Abend im Captain‘s Club, wenn ich den Diamonds lausche.



[Nach dem Frühstück.
8.40 Uhr.]

Ich nutze nicht mehr die Speiseräume, wenn das Wetter ist, wie es ist, sondern esse im Freien; abends bin ich dabei in aller Regel allein, aber auch morgens sind nur wenige mit mir. Und die, wovon ich oben sprach, Typen treffen sich, sind immer häufiger beisammen; manchmal sitze auch ich dabei. Da ich aber nicht wirklich sicher im Englischen bin, und immer nur ein Drittel verstehe, vom australischen Englisch nich erheblich weniger, und oft verstehen auch die anderen mich nur sehr schlecht, ist das letztlich wenig gedeihlich, gibt mir aber zwischendurch Nähe. Davon reichen mir fünf bis zehn Minuten täglich vollkommen; allein von den Damen hätte ich bisweilen etwas mehr, nicht von den Passagierinnen, nein, nun wirklich nicht, aber an diese Pianistin zu denken, und an die Asiatin... - Kommt nicht infrage. Wäre auch ein arbeitsvertragliches Problem für sie. Und wirkliche, eine ebenso sinnliche wie Nähe des Geistes ist nur über dieselbe Sprache zu erlangen, ihre tiefe Ausgehorchtheit, die Eleganz des Ausdrucks und der Idiome; alles jenseits davon bleibt oberflächlich Fick. Das gilt nicht nur unter einander fremden Sprachen, es gilt auch im eigenen Mutterland, nur daß wir‘s daheim nicht sogleich merken. Aber sind erst einige Wochen vergangen, um von Monaten zu schweigen... -
(Dennoch erwachte ich vor, glaub ich, zwei Tagen, mit einer Erektion, auf die die Sonne schien, ein geradezu klassisches und ausgesprochen schönes Bild. Doch ebenso vergebens. Der sinnlich drängende Ausdruck des Körpers wird zu einem Phänomen der Ästhetik.)
*

Um aber zu uns Typen zurückzukehren, die einander treffen – heute früh hatten sich sich erweitert, typischerweise sind wir, also die Typen, alle Raucher, und unter der Ägide - ich bin versucht, „dem Dirigat“ zu schreiben - des Kreuzwortätslers fingen sie plötzlich zu, ja, sie lesen richtig, singen an, mehrfach angesetzt im Chor, in ihrer Raucherecke, d a:


An Bord sein.
Wir sehen, was wir sind.
Und wenig anders hören wir auch.




*****


(17.44 Uhr.)
Heute, den gesamten Tag über, schaukeln wir, sowohl in gerade Linie voran sticht das Schiff in die Wellen hinab und hebt das breite Hinterteil, senkt es dann wieder, in gleichmäßigem Rhythmus, wenn der Bug sich gegen den Himmel richtet, als auch besonders nach starboards hin, bisweilen gleiten wir schräg. Dazu hatte der Morgen mit einem geteilten Regenbogen begonnen, den nur sah, wer vorn am Bug gestanden: Dann hob sich im Norden der Fuß des Bogens aus dem Meer, verschwand in den Wolken völlig, tauchte aber im Süden aus ihnen wieder auf; jeder Fuß, mitsamt dem Unterschenkel, vielleicht zehn, vielleicht fünfzehn Meter hinauf, bzw. hinab. Und nun am Nachmittag, ebenfalls Steuerbords, wandernde Regenbögen, direkt über die Meeresoberfläche gleitende, wenn der Wind die Gischt noch weiter zerstäubt und zu uns weht und sich die Sonnenstrahlen darin brechen; die Erscheinungen währen immer nur kurz, die Dauer eines dreimal springenden Steines vielleicht, der flach über Teiche geworfen und dann versinkt. Ich hab versucht, es einzufangen; wenn Sie genau hinsehen, können Sie es erkennen:


Die Wellen selbst wiederum laufen heute weit und gehen hoch, deshalb unser Schaukeln. Und zwischen den Bergen bilden sich nicht Täler, sondern Kessel, tief, fast mathematisch rund, ein wenig wie vulkanische Calderae. Tief auch das Blau einer gespannten Seide, die von Krönchen aus Scheinschnee geschmückt ist. Also diesen Abend noch und diese Nacht, und wir werden den Ozean überquert haben und andere und ich erstmals wieder Land betreten. Ich kenne das von anderen Seefahrten, daß man in der ersten Stunde gar nicht glaubt, sicher dort stehen zu können, weil der Körper gelernt hat, die Dünung auszugleichen, wenn er geht; dann ist aber nichts auszugleichen, und er tut‘s trotzdem – weshalb sich das Gefühl einstellt, daß sich der Boden bewege.



Doch wovon ich schreiben wollte. Geschrieben hatte mir Chromò, mich werde diese Reise verändern; sie sei sich da sicher. Und in der Tat denke ich ständig nach, darin Lanmeister wohl wirklich nahe: nicht zielgerichtet, geschweige zweckorientiert, sondern schweifend, fast meditierend manchmal und vor allem direkt aus den Beobachtungen heraus, die mir werden, ich möchte sagen: aus gewollten, vielleicht, nein sicher sogar: menschlichen Akzeptanzen, und alles dieses hat mit der Fremdheit zu tun, über die ich nun schon seit Monaten nachdenke, indem ich sie zugelassen habe: es zu s e i n, nämlich im Sinn einer personal-ontologischen Kategorie.
Den Anlaß gab wieder einmal die Musik, Unterhaltungsmusik, Pop, Schlager, auch einfacher, in seinen Harmonien unmittelbar populärer Jazz; und ich sah die Menschen dabei beglückt, teils wippten sie mit, teils tanzten sie, teils sangen sie mit, manche leise, andere summten nur, aber sie waren daheim. Und dann dachte ich: Wenn dem so ist, und es ist dem so, und es läßt sich dagegen doch gar nichts sagen, weshalb den Menschen etwas nehmen, das ihnen Glück bedeutet? - wenn dem so ist, wie kann ich denn erwarten, daß meine Romane ebenso geliebt werden, die doch für etwas ganz anderes stehen und für etwas anderes kämpfen? Das geht doch gar nicht, daß ein Kritiker, der, sagen wir, gerne Michael Jackson hört, mit einer Erzählung von ANH etwas anfangen kann. Weshalb wundere ich mich? ja, verlange geradezu, daß er‘s tut? Es betrifft ja auch nicht nur die Musik, sondern vieles anderes. Ich teile die Begeisterung für die USA nicht, ich teile die Moralisierung nicht, ich teile das Bedürfnis nach Freizeit nicht... was teile ich also denn? was an mir ist denn gemeinschaftsfähig? Wie soll da meine Literatur es sein? Völlig undenkbar.
So einfach ist das.
Und dann ist es deutlich, worum es geht, nämlich das Grundgefühl zu erlangen, einverstanden zu sein: eine Art Weisheit, vielleicht, die den Schmerz, den Verlust, die Getrenntheit, aber auch das immer unerreichte Wollen in eine in sich selbst ruhende Zuversicht auflöst, ohne Schmerz, Verlust usw. aber zu leugnen, so wenig wie die Erfüllung, die uns zuteil wurden und nach wie vor werden, nicht ständig, aber zuweilen – und dann mit großer Macht. Es mag aber sein, daß solch ein Zustand sich tatsächlich nur in der Fremde erreichen läßt oder besonders im transitorischen Zustand, der mir zunehmend der eigentliche des Schriftstellers zu sein scheint und nicht die Zugehörigkeit; das Wandern vielmehr, im weiten Sinn des Wortes, das Fremde, für das ich bestimmt bin, ohne daß es jemanden anderes gäbe außer mir selbst, der ein Bestimmender wäre. Kann es sein, daß der Name - nicht etwa sein Begriff - „Selbstbestimmheit“ genau dieses meint?
Aber unterm Strich: Wie habe ich erwarten können, daß Menschen, die den Pop lieben (und der, offenbar, liebt auch sie; so ist das völlig in Ordnung), in meine Bücher finden? Diese Erwartung kommt mir hier auf See, entfernt von allem Direkten, nun geradezu komisch vor, bizarr. Denn wenn i c h von Musik spreche, meine ich etwas phänotypisch anderes, als wenn andere das tun. So ist doch imgrunde alles in Harmonie, ich selbst bin‘s mit mir, andere sind es mit sich, und was man auch sagen wird in Zukunft: die Bücher sind ja geschrieben, und wer das immer mag, kann sie sich nehmen und zu den seinen/ihren machen.

Der achte Tag auf See, an dem von einem kleinen Opfer erzählt wird, das dem Indischen Ozean gebracht werden mußte. In den Abend (12)/Traumschiff 19. PP144, 8. April 2014: Dienstag.

[Dienstag,
7-25 Uhr.
]
Das Schlechtwettergebiet ist durchsegelt („a ship is sailing sagt die englische Sprache nach wie vor, auch dann, wenn es sich um ein Motorschiff handelt), bereits zum Frühstück war es ausgesprochen warm. So saß ich in der Sonne und sann der gestrigen Nacht nach, die ein kleines Opfer von mir wollte.
Ich war von den beiden Konzerten hochgekommen, erst einem mit Jazz-Standards, die, freilich, selbst schon Schlager sind, aber bisweilen rief aus dem Publikum jemand „... and Stan Getz, too!“, und Nicolae Petrovici ist mit an Bord und spielte das Klavier, der seinerzeit, bei meiner ersten, dieser sehr viel kürzeren Kreuzfahrt, dem Freund und mir zur Seite gestanden, als wir Asche einer Freundin in die See versenkten... er also improvisierte so fein über ein „Summertime“, das sich alleine dafür das kurze Hineinschaun gelohnt hat:

Technik in der Astor-Lounge.


Danach wieder zu den beiden Damen, der Geigerin, der Pianistin, in den Captain‘s Club, eine halbe Stunde ebenfalls zu Schlagern gewordene Klassik (ich werd die beiden wirklich bitten, einmal etwas anderes zu spielen, vielleicht Skrjabin wirklich; es wird ihnen so oft nicht geschehen), dann mit meinem Drink in meine Kabine, um die Töne zu überspielen und ein paar Notizen zu machen, und als ich schließlich im Dunkeln auf das mit Background Evergreens moderat beschallte Achterdeck hinaustrat, wo noch einige Paare beim Cocktail beisammen, saß nun auch Johan wieder dort, ein bißchen steif vor Zurückhaltung seines diskreten und herzenswarmen Begehrens, doch in seiner, hätte meine Omi gesagt, „schmucken“ weißen Uniform, und bei ihm saß die Geigerin. Beide lachten, er blieb zurückgelehnt, auf Abstand, aber alles an ihm hätte sich vorbeigen, ihr zubeugen mögen, vielleicht nur einmal kurz eine ihrer gesegneten Hände berühren... - Ich sah mir das von „meinem“ Pult aus an, wo ich oft zu stehen pflege, gleich neben den Starboardsteps zum Sonnendeck, nicht überdacht; wiewohl außerhalb des für mein Empfinden immer zu dunklen Raucherbereichs, darf ich dort meine Cigarillos rauchen, niemand bisher hatte etwas dagegen.
Brillant glühten die Sterne aus dem Universum auf uns herab, aber ein scharfer, dennoch handwarmer Wind ging, eine durchaus steife Brise, die die breite Persenning knallen ließ, mit der zwei Drittel des Achterdecks überzogen sind, und auch bisweilen Wolken schob, weit oben über uns nach Osten zurück. Ich trage abends lange Schals, und der jetzt umflatterte mich, als ich nach Achtern weiter schritt, um hinten an der Reling auf das Meer zu sehen und dort nun einen der eCigarillos zu rauchen. Mit einem Mal schoß mir der Wind unter die Achseln, schoß mir zugleich den Nacken und vorne über die Brust herauf, erfaßte den Schal und hob ihn, entschlang ihn mir, trug ihn ---- Wie eine elfenbeinfarbne und blaßrote Fahne wehte er in seiner gesamten Länge, langgezogen, ja, auch wie zum Mangeln auseinandergenommen, winkend hoch überm schäumenden Fahrwasser, dem nachtglitzernden, wehte und wehte und senkte sich und legte sich wie ein schmales Blatt, das sich vereinigen möchte, dem Wasser auf, mit dem er verschmolz. Und dann war er weg.


Ich war nicht betrübt, ich wußte, daß ich etwas hierlassen müsse, nicht aber, was. So hat das Meer nun selber gewählt. Und ich muß sagen, die See hat Geschmack. Seide, handgearbeitet, der tuchfeine Schal war meiner seit meinem ersten Aufenthalt in Indien; das ist 1997 gewesen, fünfzehn Jahre also her.
***

Das Leben auf See, auf solch einem Schiff, ist vor allem jenseits von uns Passagieren ein ganz eigenes System, Sozialsystem;: zwar sind die Verträge besonders für die Servicekräfte nahezu immer fest terminiert, vier Monate, manchmal sechs, seltener anderthalb Jahre, und danach weiß man erst mal nicht weiter, reist nach Hause, verbringt dort ein paar Monate, vielleicht auch nur Wochen – bis der nächste Anruf kommt: ob man von dann bis dann Zeit habe, ob man sofort einspringen könne für jemanden Erkranktes und so weiter. So sind viele bereits auf vielen Schiffen gewesen, bisweilen miteinander, bisweilen mit ganz anderen Menschen, und die Schiffe werden untereinander erzählt, er gibt Hierarchien des Respekts, etwa, wenn, wie hierzuschiffs der Manager des Küstenexkursionen, Glenn Wallis, jemand auf der Queen Mary gefahren ist, in seinem Fall der Queen Mary 2; es ist ausgesprochen deutlich, welch eine Autorität er davon genießt. Und auch die Musikerinnen und Musiker sind oft auf Keuzfahrtschiffe, man kann das wirklich sagen, spezialisiert, kennen die Bedürfnisse der Passagiere, wissen, sie zu erfüllen, auch wenn das zuweilen, gewiß, mit einer aufgegebenen Sehnsucht einhergeht, etwa der nach internationalen Podien und vielleicht auch einem Publikum, das, wie man selbst war, der Kunst verfallen ist, und: - wie man selbst, stell ich mir vor, es im geheimen immer noch ist. Ganz wie ich selbst weiß, der ich begonnen habe, Ian Macdonalds international bejubeltes „Cyberabad“ zu lesen, daß sich meine Anderswelt-Bücher mit großem Selbstbewußtsein könnten danebenstellen, sogar um einiges drüber, aber ins öffentliche Bewußtsein gerät das nicht mehr; verschwiegen ist verschwiegen, ignoriert ignoriert, und Musiker an Bord zu sein, bedeutet, es zu bleiben. So stellen sich, wie Weichen, unsre Leben. Zeit ist irreversibel, jeder Rückwärtsgang sinnlos.

Hansebar, oberes Achterdeck, Blick hinaus.


Aber das Vorne lockt auch und entschädigt nicht selten mit etwas, das wir nicht erwartet haben und nicht erwarten konnten. So sind wir dann doch überrascht und, gegen allen Schmerz der ergebenen Einsicht, beglückt. („Cyberabad“ ist übrigens wirklich spannend und genießt auch sonst, hab ich auf Seite 90 schon den Eindruck, ganz zu recht seinen Ruhm. Über Lars Popps furioses „Haus der Halluzinationen“, auf das ich >>>> dort schon hinwies, will ich gesondert schreiben. Und werde das auch tun. Jetzt aber dieses hier für Sie einstellen, dann ein wenig in die Sonne, mit dem Notizbuch und mit dem Roman, und nicht die Sonnecreme vergessen, und gegen halb eins zum Training. Können Sie sich – als diesen? – einen grandioseren Workout-Anblick vorstelln?:
)
***
Noch knapp zwei Tage, dann werden wir den Indischen Ozean einmal fast ganz durchmessen und in Mauritius angelegt haben. Meiner Reise erste Phase, die der, fühl ich, Zeit galt, wird dann vorüber sein, die des Niemalsneuen, des scheinbar Immergleichen, sich Wiederholenden, das eins, im Wortsinn, der Oberfläche ist, einer bewegten und bewellten. „... doch in der Tiefe wimmelndes Getier.“



Bläue. So weit die Augen tragen. Der sechste auf den siebenten Tag. In den Abend (11)/Traumschiff 18. PP143, 6. (ff) und 7. April 2014: Montag.

[Montag,
8.25 Uhr.]
Als ich erwachte, gleißte die Sonne bereits, vom Meer reflektiert, zu mir herein: eine weitere Stunde haben wir gestern nach die Uhr zurückstellen müssen:: Ich irrte mich::: wir gewinnen an Zeit, indem wir in Ihren Morgen reisen; der Unterschied zu dem Ihren beträgt nunmehr nur noch vier statt der Hongkonger und Fremantler sieben Stunden. Dafür (seltsame Logik-Verbindung) scheinen wir die Regenzone durchfahren zu haben, schauen Sie sich‘s selber an:
BILD
. Dies bedeutet nun aber, daß die Verwendung von Sonnenschutzmitteln obligatorisch wird; schon gestern, da die Sonne immer wieder durch die Wolken kam, besaß sie enorme Kraft; abends spannte die Glatze. Insgesamt war der Tag sehr angenehm, die warmen Zwischenschauer erfrischten, und nachts stand ich unterm Kreuz des Südens und sag nicht nur dieses, sondern in die Milliarden Sterne empor.
Neben mir Johan, am Bug, die Augen ferne vorausgerichtet, ich stellte mich mit dem Whisky zu ihm, leise sprachen wir. Dann erzählte ich von dem Cellofreund >>>> und seinem Angebot. Johan, sich zu mir wendend, „Das kann doch nicht wahr sein!“ Er lachte kurz, lachte wieder. „Wir sind hier im tiefsten Niemandsland, es gibt nicht einmal einen Schiffsverkehr, der der Rede wert wär... und da erzählen S i e mir.... Das ist hier W ü s t e!“ „Doch doch“, bestätige ich abermals, „ich brauche nur die Adresse... und den Namen, selbstverständlich.“ Er lacht ein drittes Mal, seufzt dann: „Nicht mal das Internet funktioniert doch richtig...“ „Stimmt, das ist nervig. Ich brauche fast zwei Stunden morgens, mitunter geht allein eine Viertelstunde dafür drauf, daß man eingeloggt wird... wobei das aber schon als zu bezahlende Zeit zählt...“ Er: „Das habe ich längst aufgegeben. Aber nun, Ihr Leser.... es ist wirklich nicht zu fassen.“
Übersprunghaft möchte er wissen, ob es in Deutschland jetzt kalt ist. „Nicht mehr“, sage ich, „glaube ich. Als ich fortfuhr, hatte schon der Frühling begonnen.“ „Oh, und dann sitzen, nicht wahr?, alle draußen vor den Cafés, auch wenn sie Wintermäntel tragen müssen...“ „Und Handschuhe, ja.“
Unten am Achterdeck erzählt John, der Abenteuer 2, vom Gambling: Hunderennen in Hong Kong, Pferderennen in Australien, er gamble aber nur noch, unterdessen, Roulette. Und vorhin, Einsatz 5 AUD, beim Bingo in der Astor Lounge, „I made eightyfour...“ Wiederum zuvor das Ehepaar im Waldorf beim Dinner; er mit zwölf nach Australien gekommen, sie stammt in gerade Linie von den ersten britischen Siedlern ab, nein, nicht von den Gefangenen... Jetzt wollen sie, angekommen in London, hinüber in seine alte Heimat, die Niederlande, und Verwandte besuchen, „in Holland“, sagt er. Ich taste mich vor, erzähle, weshalb ich hier bin, muß immer wieder erklären, was ein „broadcast play“ ist, ein treffenderes Wort für „Hörspiel“, geschweige „Hörstück“ fällt mir nicht ein. Umschreiben: „It‘s a combination of feature and spectacle für radio, composed from stories, interviews, original sounds“ und so weiter. Vielleicht werde ich demnächst von einem Roman zum Anhören sprechen, „a novel to be listened to“, irgend sowas.
„Look“, sagt John, er Brandy, ich Whisky, „I know, you like it... so take one.“ Er hat, wo auch immer, ein gänzes Päckchen Cigarillos aufgetrieben, schmale Stifte, „try!“ Patrick, der zweite Abenteurer, ist heute abend nicht zu sehen; ich fantasiere, daß er Geschäften nachgeht, seltsamen, für die er an Bord acquiriert. Das ist selbstverständlich schon der Roman. Selbst hier ist die Wirklichkeit nur pragmatisch, nüchtern, nicht selten banal; sie braucht Aufladung. Die Sehnsucht, immer, ist stärker als die Realität. Sowohl erfüllter wie erfüllender.


Ich wachte also im Gleißen auf, schob mir die Kissen in den Rücken, sah mich um:


Dann etwas übergezogen und zum ersten Kaffee ans Achterdeck. Drunter, auf dem Rundgang außerhalb des Waldorfs achtern, ist Ruheplatz für die Servicekräfte; eine junge Dame ruht sich dort dem gleich beginnenden Dienst entgegen, der nicht selten bis spät in die Nacht geht. Einer der sehr wenigen Orte auf dem Schiff, der nur für sie ist:

Finden das nicht auch Sie schön, es zu betrachten? Ich tat das fast eine Viertelstunde lang.
Noch zehn Minuten, bis das Morgenbuffet eröffnet wird. Paar Schritte nach Backbord, dort an die Reling, und plötzlich... das gibt‘s doch nicht! silbern, fein die zu Segelschwirrern ausentwicklenten Flößchen... ein knapp unterarmlanger fliegender Fisch, der gar nicht mehr eintauchen will, nicht zu fassen, wie weit ihn die Luftströmung trägt. Dann ist er wieder weg. (Ich bin nicht gut im Fotografieren, merke es immer auf neue; schon gar nicht mag ich mich mit der Kamera in irgend einen Anstand legen; irgend eine Übertretung, eine Blasphemie, wär immer dabei, anders, als wenn ich beschreibe... Auffällig, daß ich diese Scheu nie verloren habe, ich, der ich in Übertretungen lebe. Ich spüre etwas Heiliges, das ich durch Fixierung nicht zerstören möchte. Andererseits fotografie ich ja oft, aber immer aus dem Handgelenk, immer etwas provisorisch, zufällig, skizzenhaft... Zum Beispiel mein Frühstück:
BR>
).


Aber auch die Tiefe ist nicht selten nüchtern. Wohin, zum Beispiel, mit dem Abfall? Denken Sie an die Fäkalien täglich. 300 Passagiere, ebenso viel Personal, macht 600 mal, niedrig übern Daumen gepeilt, ein halbes Kilo, sind 300 Kilo Scheiße täglich, in der Woche 2100, auf der gesamten Tour 12.600. Und ich spreche nur von einem kleinen Kreuzfahrer; rechnen Sie das mal auf die Aida hoch, mit an die 2000 Passagieren...
Also dieses. Dann die Essensabfälle. Die übrigen Abfälle.
Ich frage nach.
Organischer Müll wird gepreßt, dann wird ihm das Wasser entzogen. Hochtechnisierter Standard. Die zerpulverte Trockenmasse wird ins Meer gegeben, „Dünger“, sagte Christian, „ein besseres Fischfutter gibt‘s nicht“. Ebenso wird mit Glasabfall verfahren: bis zur Konsistenz von Sand zermahlen, dann gepreßt. Und verklappt. Kein Plastik aber. „Aber die Wirklichkeit“, so Christian weiter, „die sieht leider anders aus, oft. Zum Beispiel dort, wo sie gerade das abgestürzte Flugzeugs vermutet wurden, aufgrund von Messungen, die das indizierten... Nichts als ein riesiger wandernder Abfallteppich.“
*

Bläue.
Bläue.
Der blaue Planet.

(Von den Pythons gehört, die in Florida eingeschleppt wurden, da gar nicht hingehören – aber was gehört schon wo hin? Kartoffeln nach Europa, Palmen in die Karibik? – und die sich nun derart vermehrt hätten, daß Jagdlizenzen auf sie ausgestellt würden, sozusagen Kopfprämien. Ebenso, erzählt das Ehepaar von gestern abend, die australischen Krokodile, die unter Artenschutz stehen, bzw. standen. Sie hätten sich derart vermehrt! - Aber wissen wir, was wir aus Reden erfahren? Der silbern blinkende, ja blitzende Fliegende Fisch. Ich dachte erst, wo einer sei, seien auch andre. Wartete. Doch keiner kam mehr nach.)



Bläue, so weit das Auge reicht. So weit die Wünsche tragen: Silber. Ein paar Quellwolken. So jetzt der Blick aus dem Fenster (daher die Streifen: Salzstreifen, außen auf dem Glas der Scheibe).
(9.50 Uhr.)


(17.55 Uhr.
Sir Granville Bantock, Sapphic Poems.)

Die Abläufe an Bord eines solchen Kreuzfahrers ist quasi immer gleich: Frühstück zwischen 7.30 und 10 Uhr, entweder am Buffet des Überseeclubs oder gedeckt und bedient im Waldorf; Mittagessen zwischen 12 und 14 Uhr, dito; Tea Time mit enorm vielen Torten und Gebäck von 15.30 bis 16.30 Uhr; Dinner von 18 bis 21 Uhr, wobei Sie neben Buffet und Waldorf nun auch die Möglichkeit haben, die Separées zu buchen, sei es des Ristorante Toscana, sei der des Asian Chili Restaurants; und zwischen 22 und 22.30 Uhr werden noch einmal Snacks gereicht, die von Abend zu Abend variieren.
Dies ist das Skelett solcher Fahrten; die Sehnen sind die Bars, und an ihnen hängt die Muskulatur des Entertainments, das bereits morgens mit Glücks- und Gesellschaftsspielen und dem einen und/oder anderen Kurs beginnt, sei es Yoga, sei es Handarbeiten; überdies wurde ein „Poetry Corner“ eingerichtet, eine Art Kreatives Schreiben, halbstündig täglich: hier schreiben die Passagiere, die das mögen, Gedichte über die Fahrt.
Hinzu kommen Tanzkurse, auch ein Kurs in basaler Harmonielehre wird angeboten, auch ein bißchen Klavierunterricht, und nachmittags gibt es kurze Tanzkurse, deren Lernerfolge gleich nachts ausprobiert werden können – nach den großen Shows in der Astor Lounge, aber auch hinter der Hansebar am oberen Deck, wo nach 22 Uhr immer noch mal aufgespielt wird.
Das alles ist, zugegeben, nicht ohne eine allerdings liebenswerte Banalität; niemand ist ja gezwungen teilzunehmen; es gibt die stillen Räume nach wie vor, nicht nur seitlich am Promenadendeck, wo alte Damen sticken, nicht nur im Kartenspielraum, der auch oft gut gefüllt ist, nicht nur in der Bibliothekl, wo riesige Puzzles gelegt werden, sondern eben die Außenränge der Bootsdecks sind ohne jede Bespaßung; dort schaut man einfach, wie Gregor Lanmeister, auf das Meer, oder schläft, oder liest, oder unterhält sich leise; und vorne, am oberen Bugsdeck ist ohnedies so gut wie niemand jemals.... nur nachts treffen sich dort stille Schauer, um ob der Weite zu erschauern, die wir durchmessen. Vor allem aber derjenigen, die wir überfahren: Was unter uns ist, Tausende Meter, wer weiß es, wer spürt es?
Ich kam vom Training und legte mich zur Ruhe. Das Bootsdeck leerte sich zur Tea Time. So war ich alleine, als der, für mich nur, zweite Fliegende Fisch sprang. Er sprang Richtung Norden, also auf den Äquator zu. Ich sah ihm nach, vielleicht daß noch ein nächster käme... und da?? was war d a? Scharf erhob sich das Dreieck der Rückenflosse und ließ darunter den graubuckligen, glänzenden Rücken sehen, zu langsam aber, und zu flach, für einen Delphin, und für einen Hai, oder nicht), zu flachgestreckt. Fast eine ganze Minute lang ließ dieser Botschafter der Tiefe sich unaufgeregt dahintreiben, es war keine Täuschung. Dann tauchte er ab, auch dies ohne eigentlich Wille und Absicht, sondern, als ließe er sich gleiten wie große segelnde Vögel.
Ich habe keinen Zeugen, hatte auch die Kamera nicht mit, die ich ohnedies fast immer auf dem Zimmer lasse; und vom Sport noch war dort auch mein Ifönchen verblieben. Andererseits, ich wollte den Moment trinken und nicht in die Distanz des Dokumentes gehen. So werden Sie mir glauben müssen, und glauben Sie mir nicht, was tut‘s?
***
Ob ich den Seegang nachts auch so sehr gespürt hätte, fragte mich auf der Treppe ein älterer Herr; vielen bin ich vom Ansehen bekannt, ich falle auf, nicht nur des Alters wegen, sondern auch wegen meiner Kleidungswechsel zum Abendbrot, und weil ich diese Dinger rauche. Nein, ich hätte nichts gemerkt. - Es sei aber, so wieder er, doch ziemlich heftig gewesen. So hab ich das wohl überschlafen.
Dafür, vor einer knappen Stunde, geradezu aufregende Wolkenformationen voraus, sowie zu den Seiten: hell und lichtblau gen Norden, dunkler gegen Süden, und voraus Schlösser, Welten, Luftschiffe, die Phantasten konstruiert haben und von denen bisweilen dunklere Lifts, und transparent vibrierende, bis auf die teils ultramarine, teils grausilberne Meeresoberfläche hinabgehn, teils leuchtet sie türkis – vielleicht, daß diese Wolkenschiffe Trinkwasser aufnehmen müssen, in den Lifts wird es entsalzt... oder es gibt einen regen diplomatischen Austausch, wer weiß das? Man spürt bisweilen Verstimmungen zwischen den Himmels- und den Meeressphären, dann schiebt sich eine Ballung vor die Sonne, als Drohgebärde vielleicht oder um wirklich nur die Verärgerung auszudrücken, die so ein Engel oben hat oder unten ein mächtiger Neck, wer weiß, wer weiß... doch schnell klärt sich das wieder, und abermals wirft die Sonne Millionen silberner Pailletten über das Wasser bis ganz zu uns dahin...
So stehe ich hier bei meinem abendlichen Glas Campari-Soda, das auf dem gut breiten Holz der Reling steht, und sinne der kommenden Nacht entgegen und daß ich dann abermals die Lustbarkeiten fliehen werde, zwar, immer schau ich mal kurz hinein, lasse mich sehen und grüße und flirte ein bißchen mit dem Personal, aber möchte doch immer schnell in meine gute Fremdheit zurück. Sie beinah alle glauben an den Pop, „Abba“ gab es gestern, warum ich denn nicht käme? Ich mag nicht erklären, mag nicht sagen, daß ich Abba nicht mag, auch Elvis nicht, daß ich nicht dazugehöre und die Beatles seit jeher zum Davonlaufen fand. Niemanden muß das etwas angehn, es ist alleine meins. Nur wünschte ich mir, daß die beiden Damen, die Geigerin, die Pianistin, wieder ein bißchen Bach spielen, wieder ein bißchen Schubert spielen, aber ohne, daß man das Klavier künstlich verstärkt. Auch das hört niemand hier, daß es dann nach einem dumpfen Pappkarton klingt, einem hallenden Klangsarg. Dennoch dringt, was sein könnte, heraus. Die Utopie ist gegen schlechte Umstände niemals empfindlich; sie beharrt in ihnen auch - -

Es bleibt, daß wir eines der Sieben Weltmeere durchmessen. Da ist es egal, ob das Wetter freundlich ist oder nicht. Denn über den Tag wechselte es wieder, es regnete auch noch mal, dann schien wieder die Sonne. Immerhin wurde in den kleinen Swimmingpool des Achterdecks das Wasser wieder eingelassen; gestern war er abends geleert worden. „Wissen Sie, das kann gefährlich sein, wenn die See so dünt: dann bauern sich Wellen in dem Pool auf, und wer dann nicht völlig sicher ist beim Schwimmen, kann erfaßt und gegen die Wände geschlagen werden. Solche Unfälle möchten wir wirklich gerne vermeiden.“ Für geübte Schwimmer ist der Pool ohnedies zu klein: zwei Stöße reichen, und man kommt gegenüber schon an. Außerdem, ich bitte Sie!: 31 Grad Celsius Wassertemperatur.

Unversehen ist es nachtschwarz draußen. Ich stehe kurz vom Schreibtisch auf und trete an eines meiner beiden großen Fenster und hebe den Kopf: Dort scheint der Mond, genau eine Trabantenhälfte, und Venus ist zu ihm in seinen und meinen Abend getreten:


*******

Der fünfte auf den sechsten Tag: Am Morgen etwas Sonne. In den Abend (10)/Traumschiff 17. PP142, 5. (ff) und 6. April 2014.

[Sonntag,
8.50 Uhr.]
Etwa die Hälfte, vielleicht etwas mehr, liegt für die Überquerung des Indischen Ozeans hinter uns; wir fahren noch immer durch Regengebiet, heute früh sind auch die Wellen etwas höher, mir durchaus angenehm, aber nicht allen; und erstmal hat sich, es gibt sie also noch, die Sonne sehen lassen: pünktlich zum Frühstück:



Aber wer hätte das für möglich gehalten? ich doch am allerwenigsten: daß ich eines Tages beginnen würde, demn Luxus einer Suite zu schätzen? Doch es war so. Den ganzen Tag über Grau und Grau, wenngleich das Meer in diesen Breiten selbst bei Meilen über Meilen schwarzverhangenem Wolkenschild mitunter ein nicht faßbares Blau annimmt, das gleichzeitig tief und dunkel und aber eben auch hell ist... - jedenfalls war ich draußen über die Decks gestreift, hatte mich immer wieder vollregnen lassen, es ist ja nicht kalt, und in meiner Kabine, das war die erste konkrete Lockung, waren dumpf und laut die Schläge des Schiffsbugs in die Wogen zu hören; es geht von meinen Fenstern, die bis zu meinen Füßen hinabreichen, vielleicht vier Meter bis an den Meeresspiegel hinunter, nicht mehr; da bekommt man auch die fliegende Gischt mit, die aufgeschossen kommt. Und statt mittagzuessen hatte ich einen ziemlich harten Workout absolviert, Kraft u n d Kondition und obendrein zwei Saunegänge angefügt, tiefunten im Spa-Bereich des Schiffs, einen Aufguß inklusive, der mich schaffte, geb ich zu, und statt nun kalt zu duschen, schlang ich mir das Handtuch um die Hüften und hing den Bademantel lose über die Schultern und eilte die sechs Treppen zum Bootsdeck hinauf, wo außer mir, weil es so goß, niemand war, und zog mir einen der Liegestühle an die Reling, breitete den Bademantel darauf aus und ließ mich hineinfallen und bestürmen und beregnen. Grandios, dies so mitten auf einem Ozean, und man pfeift nicht nur aufs schlechte Wetter, sondern dreht es sich zur Wohltat herum.
Doch halt nicht lange. Irgendwann geht die Fröstelei los, da sollte man heiß duschen. Was man sowieso tun sollte von Zeit zu Zeit. Und dann überkam‘s mich: Ich hab doch eine Couch, kann mich auf sie legen und von ihr aus hinaussehn, die Wellen ansehen, die Brecher ansehen, die Gischt ansehen, und eigentlich könnte ich hier lesen und/oder dösen und/oder nachdenkend träumen. Und so, nachdem ich mir noch eine Bloody Mary besorgt hatte, t a t ich:



>div align=justify>In dieser Vefraßtheit, freilich, komme ich mit dem Roman nicht voran, oder allenfalls kaum. Außerdem merke ich, wie meine Schreibdynamik von ihm, dem Roman, durch diese Berichte abgesogen wird; was ich eigentlich vorhatte, nämlich das ganze Buch hier an Bord zu schreiben, wird sich nicht mehr realisieren. Ich zerteile mich zu sehr: zum einen in den „Mich“, der Ihnen diese Erzählungen schreibt, zum anderen, was aber wichtig und richtig ist, in das „Mich“, das hört, für das Hörstück, und dafür auch Gespräche führt und recherchiert und beobachtet, und schließlich noch in das „Mich“, das einfach nur diese Reise genießt und auch jede Unbill – sie ist immer nur scheinbar – in ein Erlebnis herumdreht, das ich nicht missen wollte. Es ist wirklich grandios, den Ozean bei Regenwetter, immer hart an der Kante des Sturms, zu überqueren, und berauschend, minutenlang nichts zu tun, als Wellen zu beobachten, ja Welle im Inneren selbst zu werden. Da ist dann für Gregor Lanmeister aber kein Platz mehr, oder der war es noch nie, und deshalb sehe ich ihn auch nirgends.
Aber andere. Ich habe begonnen, Namen zu vergeben, Charakternamen wie den der „zwei Abenteurer“, für Patrick und John, dort sitzen sie am Achterdeck und, ja, Abenteurer tun das, rauchen:



Ich bin mir sicher, in dem Roman werden sie eine Rolle bekommen. -
(Wenn ich hier aus dem Fenster sehe, ich muß nur den Kopf nach „starboard“ wenden, habe ich gerade den Eindruck, wie flögen dahin!


Außerdem hat‘s wieder aufgeklart, in den wenigen Zehnminuten, die ich hier nun sitze und tippe)


- Und so auch der Mann mit der Pudelmütze, der den ganzen Tag über auf dem Achterdeck in der überdachten Raucherecke sitzt und Kreuzworträtsel löst, eines nach dem anderen; dazu trinkt er vom frühen Morgen an Bier, leise, aber entschieden. Er aber auch, wie alle die anderen Passagiere, sind auf die Sonnenseite des Lebens gekommen, der Alters, verglichen mit jenen alten Menschen, die in Berlin लक्ष्मी betreut. Hier wie dort lagert das Sterben am Weg bereits, aber für meine Mitreisenden und, ja, auch für mich, hat es ein Lächeln aufgelegt. Wohin wir geraten, ob aus eigener Befähigung, eigenem Kampfgeist oder ob aus Mangel und angeblicher Selbstverschuldung, letztlich, sieht man den Gründen bis auf den Boden, ist es allein eine Frage des – Glücks. Ob man Glück gehabt hat, so oder so, oder nicht. Daß dieses, Glück gehabt zu haben, eine ontologische Kategorie ist, wird mir gerade erst bewußt. Es könnte einer der entscheidendsten Gedanken Gregor Lanmeisters sein. (Zum Beispiel, daß sich die Leute, die hierher gekommen sind doch wohl, um auf dem Meer die Zeit zu spüren und wie sie eben stillesteht, sich dann zusammenfinden, um sie zu – vertreiben; so geht das Wort: zum„Zeitvertreib“ ... das Kostbarste vertreiben, das wir haben: unsere Zeit:


„Ich glaube eher, es lebte sich hier.“ Glaubte oder „meinte“? Jedenfalls Rilke, Malte.)



Abends setzte ich mich zu Christian, dem Hoteldirektor – das wäre wohl auf Schiffen, die keine Passagiere befördern, der Quartiermeister, oder wär es gewesen -, und dem Chef des Servicepersonals und fragte und ließ mir erzählen: etwa, wie man es hinbekommt, daß das Gemüse ständig frisch ist, eben nicht gefroren und wieder aufgetaut, das müssen riesige gekühlte Lagerräume sein, und sind es; erfuhr von der bisweilen diffizilen Versorgungs-Logistik sowohl von hier auf der Astor als der von anderen, meist sehr viel größeren Schiffen mit eintausend und mehr Leuten allein an Personal, wo deshalb eng an eng die Passagierkabinen, „das rechnet sich nur über Masse“, so daß für die Lagerräume kaum mehr ein angemessener Platz bleibt, „zumal“, so Christian, „wissen Sie, als die Astor gebaut wurde, war sie von vornherein für Weltreisen angelegt; nicht so die riesigen Kreuzfahrtschiffe; die waren erst einmal nur für Wochentouren in Europa gedacht. Dann begann der Markt zu boomen, alles änderte sich, und diese Riesendampfer sind mit Bedürfnissen konfroniert, zu deren Erfüllung sie nie entwickelt wurden.“ Ich werde in den nächsten Tage gucken gehen dürfen, werde auch mit der Mannschaft essen, die Seiten, sozusagen, wechseln; vielleicht ziehe ich auch einen Blaumann an.



Nachtsog


Dann steh ich an der Reling, Bootsdeck wieder, bin allein, denn es regnet luv, in scharfen dichten Spitzen. Unter mir formen sich die Wogen, zerfallen wieder, klatschen, rauschen, um die beiden Schornsteine und sämtliche Verstreben sing der Wind. Ich beuge mich weiter vor. Besser, ich steck mein Ifönchen in die Hosentasche, stecke alles hinein, was ich in Händen halte, denn der Sog ist so groß, es fallen zu lassen. Es würde fallen und sinken, immer weiter sinken, Hunderte, ja Tausende Meter hier. Ich weiß das genau, bin mir bewußt, aber es ist solch ein Reiz da, solch eine Lockung, die ihn halb zog, halb sank er nicht hin, sondern riß sich noch beizeiten los, schritt das Deck bugwärts weiter, öffnete die Tür und ging hinein und zur Bar, um seinen Whisky zu holen. Und hat nicht bemerkt, wie jemand ihn beobachtet hat. Mir wird das erst klar, als ich, in meiner Kabine zurück, vom Nachtsog ins Notizbuch skizzier und mir dafür die Szene noch einmal vergegenwärtige. Er ist also d o ch da.

*****
Noch vier Tage der reinen See. Dann werden wir Mauritius erreichen, „L‘Île Maurice“.


Sugar sinniert in den Regen.
MS Astor, nachts.
Oberes Achterdeck vor der Sonnenterrasse.

*******

*******
[12.20 Uhr (6.4.).
27 51‘02‘‘ S/ 79 55‘14‘‘ O

Launisches Windwetter, aber immer wieder kommt kräftig die Sonne jetzt durch. Übern Bug gehen bisweilen Gischtnebel, wenn sich drunten eine Welle direkt am Schiff gebrochen hat. Die Gischt anderer Wellenkämme, die sich weiter fort auf See, aber gegen den Wind brechen, wehen gleich fatamorganen Fahnen, stehen sekundenlang über dem Meer, zerstäuben. Es ist, als näh,men manche Wogen Anlauf, die Astor hebt sich und senkt sich, aber versucht, die Dünung zu schneiden. Wir „machen“ 17 Knoten.
Ich steh lange draußen, erst oben am Achterdeck, dann vorn am Bug, um den nicht nur singenden, nein, in den gespannten Drähten und Haltungen jaulenden, lauthals jaulenden, wimmernden, heulenden Wind aufzunehmen. In der Ferne begegnet uns ein Riesentanker, zu weit weg indes, um zu grüßen; die Kapitäne werden über Funk miteinander gesprochen haben:



Auf den Sonnenterrassen werden bereits die Cocktails serviert, allerdings die Gäste auch wieder vertrieben, weil uns eine Wolkenmasse, so sieht es aus: verfolgt. Ich warte auf sie, an die obere Relign gelehnt. Schon sind wir eingeholt, und sofort beginnt es zu sprühen, aber nicht nur von, wie zu erwarten, achtern, sondern auch vom Vorne her, das un sim Rücken liegt: Wir sind von den Wolken in die Zange genommen.
Die Wellen schaukeln sich auf, werden länger, immer länger, auch höher, so daß das Traumschiff mitschwingen muß über seine ganze Länge, ganze Höhe. Aus den Fenstern meiner Suite, in der ich das nunmehr schreibe und die aufgenommenen Töne als Dateien sichere, sieht es wieder aus, als ob wir flögen, und Schaum ist - weißer, als wenn er Schnee wäre, Feim: selbst hier herein hört man das dumpfe schlagende Klatschen, und sogar das Sirren, wenn die Milliarden Bläschen platzen, meine ich, vernehmen zu können. Mit einem Mal ist es nachtschwarz, hat sich in Bruchteilen von Sekunden eingedunkelt, klart aber schon wieder auf, und im ganzen Rund der Horizonte gleißen Lichtinseln her.

(Meine Haut schmeckt nach Salz, meine Handflächen fühlten sich taub an, zugleich schmierig; auch dies kam vom Salz, das auf den Decks wie Staub auf jedem Holz liegt; es bleibt haften an den Fingern, ist leicht klebrig. Das Meer ist hoch in die Luft gestiegen.


Der vierte auf den fünften Tag, an dem es weiterregnet. In den Abend (9)/Traumschiff 16. PP141, 4. (ff) und 5. April 2014.

[Sonnabend,
9.06 Uhr.]

Noch immer fünf Tage Meer vor uns, bis wir Mauritius erreichen werden. Das Gleichmaß der Abläufe bringe es mit sich, daß ich mich zunehmend wie daheim fühle – als wäre man schon immer hiergewesen. Erster Kaffee um sieben (deshalb hat es wenig Sinn, früher zum Arbeiten aufzustehen, weil eben noch gar kein Kaffee da ist, auch kein Tee), dazu der Gang erst an Achtern, dann über die Treppe zum Brücken- und noch eins weiter aufs Sonnendeck, dort den schmalen Joggingpfad, der um die Schornsteine führt, entlang bis vorn an den Bug und in Richtung Westen geschaut, einige Minuten, bis ich auf backbards zurückgeh, vielleicht noch ein Schwätzchen mit einem der Passagiere halte, der mir erzählt hat gestern nach, er sei einst selbst zur See gefahren – Fischerflotte, solche Dorsche!, die dann gesalzen auf Gestänge bordquer gehängt und getrocknet, Stockfisch... und damals... das waren T a u s e n d e Delphine! - als das Meer noch nicht überfischt war... oh, ob ich mir einen Bart stehen ließe, „you got the permission?“: scherzhafte Anspielung auf einige complaints, die bei der Rezeption eingegangen, meiner eCigarillos wegen, „der raucht! der raucht!“, so ward gepetzt – doch dazu später etwas mehr, oder auch nicht: ‘s sind halt alte Leute, ich ergab mich drein und dampfe nun nur noch draußen oder in meinem Raum. (Und oben vielleicht, wenn niemand sonst da ist, in der kleinen Hansebar, Sugar, mein Barkeeper, schüttelte nur den Kopf, und mein Seebärenfreund von heute morgen, mit dem ich gestern nach den Stern des Südens gesehen, bemerkte dahin: „Some people always have to complain, it‘s the purpose of their life.“) - Dann, um halb neun, frühstücken. Auch hier schon schränke ich mich jetzt ein: paar Früchte, Haferflocken, Joghurt. Denn kaum hat man danach etwas getan oder auch nur gelesen, ist bereits Lunchtime. Die ich nicht mehr wahrnehme, sondern statt dessen geh ich in den Fitnessraum und trainiere. Ich kann das nur jeder und jedem empfehlen, wer immer solch eine Kreuzfahrt mitmachen möchte: Sparen Sie mindestens eine Mahlzeit aus, Sie werden sonst fett. Weil aber das Essen so gut ist, muß man etwas finden, das den Appetit reduziert. Also an der Grenze der Leistungsfähigkeit trainieren, dann ist an Hunger nicht zu denken, nicht-Trainierte bitte aerob, Trainierte leicht darüber. Man will danach allenfalls schlafen, jedenfalls ruhen. Und hat man das getan, tja, gibt es bereits Kaffee, bzw. Tee und Kuchen. Auch darum mach ich einen Bogen, aber erlaube mir gegen fünf den ersten Martini (shaked, ye know?, not stirred) und einen „echten“ Cigarillo. Und ab sieben gibt es Dinner, entweder als Buffett im Übersee-Club oder à la carte im Waldorf-Restaurant, wobei man auch, allerdings nur bei Vorbuchung, im „Romantic Dinner“ oder „Ristorante Toscana“ speisen kann. Das „Romantic“ bietet heuer ein fernöstliches Menü an; ich habe für heute abend reserviert.
Ja, und dann ist‘s bereits neun, und entweder Sie gehen in die Astor Lounge, um sich entertainen zu lassen, oder Sie sitzen draußen, wenn‘s nicht zu arg regnet, und süffeln wie ich Ihren Whisky. Wenn ich unterdessen - nach nur, ich bitte Sie!, vier Tagen - in der Hansebar aufkreuze, hat Sugar bereits die Flasche in der Hand und schenkt mir nach Maß seiner Augen ein, das dem seines Herzens entspricht. So lange unten, am Kopf des Promenadendecks, die Bespaßung, ist es bei Sugar nahezu leer. Klart das Wetter auf, wird Tanzmusik gespielt, draußen vor der Bar, und gestern nacht tanzten auch vier Paare. Wer seine Ruhe möchte, geht sanft gen Bootsdeck ab und schaut nach, ob dort Herr Lanmeister sitzt.
Noch sah ich ihn nicht, aber ich bin mir sicher, in irgend einer Kabine, da lebt er. Will nur noch nicht in den Text. Statt dessen sammle ich Typen – das ist nicht abfällig gemeint, sondern meint Repräsentanten bestimmter Typologien. Und da nun wird man fündig.
Ich vergaß zu erzählen, daß nach 22.30 Uhr immer noch ein Abendsnack gereicht wird. Jetzt werden Sie die absolute Notwendigkeit begriffen haben, hier den Körper heftig zu fordern. - Nach 22 Uhr sind die Laufbänder im Fittnessbereich auch dauernd in Benutzung – durch die Crew, nicht uns, die wir dann ja trinken.

Auch die Offiziere essen:
Stilleben nachts auf Achterdeck.
Notate im Notizbücherl:Zwei Herren, die allabendlich ihren Brandy trinken, der in weiten Cognacschwenkern serviert wird. Der eine Herr weißhaarig und weißkurzbärtig; sein dazwischen leuchtendes Gesicht wird immer röter und röter, glüht fast schon, nun, am fünften Tag der Reise.
Wie der Himmel wechselt Bootseck, 1805 Uhr. Über die Wolken etwas schreiben.
Tatiana Bespalova, die Geigerin, jeden Tag mehrere Stunden üben, zusammen mit ihrer Partnerin am Klavier, Kateryna Rodina; sie spielen sogenannte Klassik, auch davon, freilich, nur die Evergreens. Tun sie‘s im Captain‘s Club, Mitte Promenadendeck, ist das bisweilen herzrührend, weil oft kaum dreivier Leute zuhören, wenn es hochkommt, zehn. Ein Schicksal erzählt sich hier, eines von vielen Schicksalen, denen wir an Bord begegnen – bei der Besatzung, die Passagiere sind so und so privilegiert. Als Charlie gestern nacht Ray Charles sang und, klar, grauslich wie immer, Elvis, aber auch das Lied eines schwarzen Sängers, dessen Name ich vergessen habe, egal, nein, nicht egal...

... wie auch immer: es war ein Sehnsuchtslied für alle fern der Heimat, da stand neben mir eine der ukrainischen Serviererinnen und sang leise mit. Und plötzlich liefen ihr die Tränen – wie hatte sie erzählt? bereits zwei Jahre fort von daheim? und einen fünfjährigen Jungen... - So sei das - sagte sie‘s nicht so? - Leben? Immerhin d i e Kraft hat er, der Kitsch, den Pragmatismus auszuhebeln. Und täuschen wir uns nicht! Das funktioniert nicht nur bei „einfachen“ Menschen.
Wie der Bespalova die Sehnen hervortreten, rechts am Hals über die Schlagader dort hinweg, fast ein Wellenstrang, selbst, wenn sie zur Seite gewendet mit besonderem Kraftstrich spielt.
Und andere rührende Bilder:
Das alte, sehr alte Ehepaar, im bereits Dunklen am Bootsdeck, Hand in Hand, beide können gar nicht mehr recht gehen, aber er, so Kavalier!, hält ihr die schwere Tür auf: ein Ritus, der wirklich Zeit braucht. Diese Reise hier gibt den alten Menschen, was Sie vielleicht nicht mehr haben, gibt ihnen davon eine gefühlte Unendlichkeit: eben Zeit. (Sehen Sie? Wieder hat mir Herrn Lanmeister auf die Schulter getippt: zu sanft allerdings, um mich erschauern zu lassen.)
„Manchmal“, notiert Herr Lanmeister in seinem Kopf, „springt eine sehr kleine Reiterin auf eine der Wogen und läßt sich hinauftragen oder gibt ihr die Sporen, um sich hinauftragen zu l a s s e n. Dabei winkt sie uns zu, vielleicht auch nur mir, vielleicht kann alleine ich sie sehen. In den letzten Tagen, oder waren es Wochen, scheint sie mir sich immer häufiger zu zeigen.“
Heute ist das Gesicht des Kurzbartmannes n o c h etwas röter geworden. Es glüht nicht nur mehr, sondern strahlt.
BILD WELLE
Die bisweiligen Ungewißheiten, wenn das Schiff schlingert: surreal. Man weiß nicht, ob Einbildung oder Realität – besonders übrigens beim Sport, weil sich da nicht mehr sicher entscheiden läßt, ob nicht nur der eigene Kreislauf etwas überfordert wurde.
Und wieder die Bespalova, gestern nacht, „klassisches“ Konzert in der Astor Lounge, diesmal nun endlich vor vielen Leuten. Wie wunderschön, wenn sie die Waden streckt bei einer Bogenführung, die der gesamte Körper mittut: aus der Wade sich drehend hinauf ins dreifach gestrichene c oder d. Beide Damen, übrigens, auch die Pianistin, tragen ausnehmend schönen hohe Pumps unter ihren schmalen Fesseln. Der Rotgesichtige – unterdessen gleißt er - hat dazu sein linkes Bein über die hölzerne Sessellehne gelegt. (Wie halten wir, als Musikerinnen, die ständige Wiederholung aus? und aus, was wir spielen? Welch eine Wohltat war unser Bach, vorgestern, das Air, und füllt nun heute das Ave Maria den Raum! Wir spielen darüber, Zigan!, hinweg, lösen all die Wehmut auf in unser Temperament: zu küssen, als ränge man um Luft.)
Es wiegt sich das Schiff zu Straussens Blauer Donau. Und die Conferencière spricht „Massenet“ „Me‘sse-nett“ aus und „Fauré“ wie die englische Vier: „Gay(!)briel Four“. Besonders hübsch war auch, daß das Programm aus „Après un rêve“ ein „Apres Unreve“ (Ey‘press A‘nreyve {Unrave}) gemacht hat.
Meine erste Sternschnuppe. Unter dem Kreuz des Südens. Nachdem das Konzert vorbei war.
Und wieder auf dem Bootsdeck, allein, der Nachtsog des Meeres. Darüber werde ich eigens schreiben: gesondert.Vielleicht ein Gedicht. Die Reiterin, die Gregor Lanmeister sieht, hat auch ein d u n k l e s Gesicht. Wie schrieben mir einige Leser? „Kommen Sie wieder zurück!“

K e i n Sturm, nur etwas Regen. Des In den Abends dritter auf den vierten Tag. In den Abend (8)/Traumschiff 15. PP140, 3. (ff) und 4. April 2014.


sub>(Freitag,
8.50 Uhr.)
Die Abläufe sind immer gleich, das läßt die Zeit n o c h mehr verschwimmen. Wir genießen dies oder setzen etwas dagegen, das strukturiert. Zum Beispiel „den“ Kalender („an sich“), indes die Sicherheit der Uhrzeiten bereits abermals torpediert wird: erneutes Zurückstellen heute nacht, um die nächste Stunde. So daß meine Zeit zu der Ihren ab morgen nur noch vier Stunden differieren wird.
*
Nach >>>> der kleinen Sturmmeldung gestern abend, die sich zu den meisten Passagieren aber gar nicht, sinnvollerweise, herumsprach, empfing uns heute früh nur Regen – ein leichtes, warmes Nieseln bei sehr verhangenem Himmel, aber ausgesprochen ruhiger See. Nicht mal die Dünung muß man erwähnen. Auch nachts, als ich dann lag, war kein Seegang zu spüren, abgesehen selbstverständlich von dem durchgehenden leichten Schaukeln, das uns täglich wiegt. Sie ist kein Abenteuer, diese Fahrt, und so auch nicht gedacht. Was aber auch bedeutet, daß ich schon deshalb die für unsere Häfen angebotenen Exkursionen, in Südafrika darunter zweidrei Safaris, nicht mitmachen werde; sie sind für die älteren Menschen ausgelegt, also komplett abgefedert. Für mich selbst würd ich mich da ärgern. Was nicht sein muß. Ich werd dann auf eigenen Füßen und mit dem mir eigenen Trotzkopf alleine losziehn.
Noch aber haben wir sechs volle Seetage vor uns, nicht ein Drittel der Überfahrt liegt hinter uns.
Schön auf dieser Fahrt die sehr persönlichen Gespräche , die auch ganz „einfache“ Besatzungsmitglieder mit den Passagieren führen, nicht nur Servicemitarbeiter, sondern auch Matrosen, ja die Schiffsarbeiter, quer durch die Ethnien, stehen bisweilen mit Gästen beisammen. Und allerweil und -wo ist auf solch einem Schiff jemand am Werkeln, sei‘s, daß gewischt, sei‘s, daß neu gestrichen wird; hier und dort, und da drüben auch, steht jemand mit Farbeimer und an langer Stange dem Pinsel; anderwärts wird das Holz der breiten Handläufe an den Außentreppen nachlasiert; es wird ständig ausgebessert, zumindest gewartet, oft verschönert – und ich spüre bei fast allen einen tiefen Stolz; das Schiff gehört zu einem und man selbst zu dem Schiff: gegenseitig Teil sein: über „pur“ entfremdetes Arbeiten geht das hinaus. Auch wenn, wie mir gestern eine Ukrainerin sagte, nach zwei Jahren unentwegter Fahrt sie sich denn auch nach Zuhause sehne, „auf dem Land sein“, sagte sie; eine andere hat ihr fünfjähriges Kind seit fast einem Jahr nicht gesehen, aber „man muß leben, so ist die Welt“. Johan wiederum, aus Rumänien, hat seit Kindheit vom Reisen geträumt, und nun reist er, „ich habe alles gesehen, Arktis, Antarktis, Australien, Afrika, Canada, alles. Warum auch nicht? Ich habe keine Frau und zur Zeit nicht einmal eine Freundin, niemanden, dem ich verpflichtet bin. Nur meinen Eltern. Sie leben bei Stuttgart, Böblingen, kennen Sie das? Aber mein Deutsch habe ich trotzdem vergessen“, so daß er in einer an Bord nicht ungewöhnlichen Mischsprache spricht, mit englischem Akzent - „Akzent“ in beiderlei Wortsinn.
Momentan ist mein Eindruck, es sei die Crew letztlich interessanter, als es die Passagiere sind. Aber das kann täuschen, jedenfalls in dieser Aussage-Generalität. Denn da ist Patrick, z.B., der Ire, der eine Zeit lang ebenfalls in Deutschland gearbeitet hat, als Holzfäller, im Schwarzwald, „ich habe vieles gemacht in meinem Leben“. Er sieht, mir dem eleganten Sporthut, verwegen aus, ist um die Fünfzig, kantiges Gesicht, schmal, fast hager; Abenteuerlust und Spott in den Augen gehört er zu den bei weitem jüngsten Passagieren. Das gehört hier ebenfalls dazu: Man findet sich. Ja, auch auf der Astor sei er selbst einmal beschäftigt gewesen, vor Jahren, wirklich, als Krankenpfleger drunten im Schiffsbauchshospital. Und nun habe er Verwandte in Australien besucht, habe dort einen Job finden wollen, but all doors are locked, like, ergänzt er, all over the world: mit Argusaugen werden die Arbeitsplätze bewacht, und man begreift, weshalb es sinnvoll ist, nicht staatenlos zu sein (- was ich selbst immer gern gewesen wäre: ein Traum von der Weltbürgerschaft).
Jedenfalls.
Schon gehen die Blicke hinüber und her, es wird morgens ohnedies immer gegrüßt, fremde Mitgäste wie Personal, aber manche schauen sich eine Spur länger an; die Ganglien entscheiden bereits. Und dann steht man „plötzlich“ nebeneinander und fängt an zu erzählen -

Der Stolz von dem ich sprach, kann aber auch mißverstanden werden. Es hätten sich, erzählte das schottisch/australische Ehepaar, von dem ich gestern schon sprach, nach der vorigen Kreuzfahrt einige Passagiere beschwert, daß die Besatzung so arrogant sei. Dies eben ist eine Verwechslung: namentlich dann den Stolz für Arroganz zu halten, wenn jemand ihn hat, der vermeintlich unter einem steht, in der gesellschaftlichen wie der Hierarchie an Bord. Es sind aber Menschen nicht minder als die Gäste; sie haben, mögen sie auch über sehr viel weniger Geld verfügen, dasselbe Anerkennungsrecht. Zu bedienen bedeutet eben nicht: unter den Bedienten zu stehen; vielleicht steht man sogar ein bißchen darüber. Wer sich diesem Gedanken öffnet, wird eine Schönheit der menschlichen Gleichberechtigungen spüren – durchaus eine auch ästhetische, nicht „nur“ moralische Kategorie. Aber hiervon abgesehen, dreht sich das hierarchische Feld spätestens in Notfällen herum: Wem dann, nämlich, wären wir alle hier auf See anempfohlen?
(Ich spüre, wie ich zum Philosophieren neige; gestern, fast scharf, bereits einmal, als ich nur ins Wasser starrte; das ist Lanmeister, der mir Gedanken schickt, die seinen, damit sie sich in einem Organismus, der nicht fiktiv ist, realisieren. Er ist mir, Herr Lanmeister, nach wie vor nicht begegnet. Statt dessen fielen mir bereits mehrfach dreivier Männer auf, die wie Patrick Geschichte verbürgen, und eine kraftvolle Eigenwilligkeit. Einer erinnert an deutlich an Melville, ein anderer an Hemingway, den späten, einer sogar an Tolstoj, des weißen riesigen Bartes wegen; der übrigens, Tolstoj, hängt als nicht sehr gutes Ölgemälde, doch immerhin, steuerbords am Promenadendeck, Puschkin ihm im Rücken. Und eine Druckgrafik, deren Signatur ich nicht entziffern konnte, stellt mehr und gleichzeitig minder abstrakt einen „Poet(en) auf Reisen“ vor. Ich hab mich aber nicht wiedererkannt. Außerdem müsse er, Patrick, nun wieder hinein zu seinen Freundin; die habe er nur dieser Zigarette wegen verlassen, aber „wir sehn uns“.
*

Es gibt auch Absurditäten. Zu denen gehört, nicht seiner selbst wegen, sondern des Procederes halber, die Captain‘s Welcome Reception. Die sieht so aus:
Man trifft sich in Abendgarderobe in der Captain‘s Bar. Ich erwartete, daß auch er kommen würde, quasi logischerweise. Smoking, geschweige Frack wäre selbst mir overdressed vorgekommen; also den Leinenanzug und zum hellen Hemd die allerdings hochedle, trotz ihres Rotes dezente Krawatte, die mir die Löwin einmal geschenkt hat, das war in Paris. Dennoch: Einige der „Overdressten“ machten plötzlich Figur, wurden scharfer Vertreter einer bestimmten, neugierig machenden Typologie; es war auch ein bißchen, wie überhaupt schon oft auf dieser Fahrt, als wär ich um ein Jahrhundert zurückversetzt worden. So war denn einiges zu erwarten.
Aber der Captain kam nicht. Sondern das, tja, „Ritual“ (?) begann damit, daß die Leute die Bar wieder verließen und sich in eine lange Schlange stellten, die bei einem Fotografen endete. Dort ließ man sich fotografieren, Paar für Paar. Ich beobachtete und konnte eine gewisse Rührung nicht wirklich wegschlucken, auch wenn ich weiß, daß auch sie schon arrogant ist und also ohne Gerechtigkeit. Immerhin kam ich mit einer der hübschen Hostessen ins Gespräch, oder sagt man Stewardess?, die dem Vorgang allein durch Dasein assistierte.
Nun müssen Sie mal rechnen, daß bei 313 Passagieren, wenn sich von denen nur die Hälfte ablichten läßt, in Abendgarderobe wohlgemerkt vor der großen Astor Lounge, die dem allabendlichen Schowbusiness die Heimstatt, das immerhin 151 1/2 Fotos ergibt, die aber noch nicht genug sind, denn nach der draußigen Ablichtung folgt drinnen, in der Lounge, eine zweite, und zwar zusammen mit dem Kapitän. Die Prozedur dauert lange. Ist sie vorüber, bittet er zum Abendessen und nimmt am großen runden hinteren Tisch in Begleitung einiger Honoratioren Platz; ihm schräg gegenüber, dennoch zur Seite, der Hotelchef, Christian, mit dem ich mich gleich um elf Uhr treffen werde:
(Normalerweise müßten, bevor sie selbst einen Bissen nehmen, wir anderen Gäste darauf warten, denke ich mir, daß als erster er das Glas erhebt; aber so förmlich ging es nicht zu, vielmehr von nun an zwanglos.)
Nun aber dieses hier einstellen, bevor ich zu meinem Termin gehen werde.
Guten Morgen.
*******

Zwischenmeldung: S t u r m. In den Abend 7.

Erzählt mir grad ein Officer. Ich war nach dem formidablen Abendessen hinaus aufs Achterdeck und hatte sofort gedacht: Meine Güte, was ist das w a r m geworden. Die Erklärung kam dann gleich im Gespräch. Als es nämlich zu regnen anfing... nun ja, zu nieseln. Direkt auf unserem eigentlichen Kurs liege ein sehr heftiger Sturm, den wir nördlich zu umsegeln versuchen; wir werden, wenn des Kapitäns Rechnung aufgeht, nur die Ausläufer streifen.
Noch ist alles ruhig; man spürt nur unter den Füßen ein etwas aufgefrischtes Rollen. Doch für den Fall, daß Sie morgen nichts von mir lesen, vielleicht auch noch übermorgen nicht: dann hat dieser Sturm die so weit auf dem Ozean ohnedies problematische Internetverbindung restlos gekappt, und es kann mir so gut gehen, wie es nur will, sie würden es erst einmal nicht erfahren.
Seien Sie also so ruhig, wie ich es bin (und wie der Kapitän es ist, der mit uns im Restaurant zu Abend aß, und der junge Offizier, mit dem ich sprach, lachte nur), auch so in meiner perversen Vorfreude-Art: Es wird dann zu erzählen geben, wenn sich Ruhe und Kontemplation über die MS Astor zurückgelegt haben werden. Meine Leser:innen vergangener Jahre haben vom Stürmen auf See ohnedies schon berichtet bekommen, auch wenn es damals nur in der Biskaya war, und sie wissen, daß dieses Schiff mehr aushält als jedenfalls die meisten seiner Passagiere.
Seien Sie mir mit einem leisen inneren Jubel gegrüßt:
Ihr ANH

Des In den Abends zweiter auf den drittenTag: Indischer Ozean ff. In den Abend (6)/Traumschiff 14. PP139, 2. (ff) und 3. April 2014.



(Mittwoch,
18.32 Uhr.)

Die ersten vierundzwanzig Stunden reiner See. Ich habe imgrunde nichts anderes getan, als den Wellen zuzusehen und so, wie wahrscheinlich Maler die Farben, Bewegungen, Gestalten in sich aufzunehmen versuchen, dies mit den Klängen des Meeres getan: wuchtige, feine, sirrende, auch klatschende, gegen den Bug, zuweilen, oder, um genau zu sein, er in sie. Ab dem späten Vormittag konnte ich nur noch mit einer kurzen Hose bekleidet liegen, stand bisweilen auf, um etwas zu trinken zu holen, aber die Zeit floß schon zu ihren – oder meinen – unsren? – Seiten aus sich und uns heraus, den vielen halb bis ganz alten Menschen und mir. Nur die Besatzung hatte laufend zu tun, Kleinigkeiten, scheint‘s, die auf See indes Notwendigkeiten sind: Nachbesserung der Farben an Reling und Bordwand, um Rost zu verhüten; Kabelrollen am Vorderdeck, Wartung des Außernborders eines Beiboots, um davon noch nicht zu erzählen, was unter Deck nötig ist, und was das Servicepersonal anlangt, so hat es ohnedies alle Hände und Füße voll zu tun.
Indessen ich meditierte.
Dabei bin ich Herrn Lanmeister immer noch nicht begegnet, vielleicht, weil er sich abseits seine ganz eigenen Gedanken über das Meer gemacht hat, damit wiederum ich sie niederschreibe und jetzt für Sie – und für mich als einje Erinnerungsstütze – aus der Löwin schönem Notatbuch in diese Datei übertrage:
(Selbstverständlich, Tonaufnahmen habe ich ebenfalls gemacht, mehrmals des Meeres, um das Sirren der Gischt einzufangen und um dei Verscvhmelzung von Motor und Woge im Hörstück wiedererzählen zu können; schließlich fand ich - gemäßigte, ich sage einmal: „Zigan-Klassik“ im Captain‘s Club: vorgetragen von zwei jungen diamantenen Duo-Damen – sogar ein Stück Schubert, das auch dem Hörstück die Stimmung von Gregor Lanmeisters Roman geben könnte --- also zur Gänze tatenlos war ich nicht. Dennoch so erfüllt von Herrn Lanmeisters, der dem Rauschen zuhört, Verspüren, wie sich Wogen und Motor vereinen, nur daß „vereinen“ noch ein „o“ haben müßte, um die Wirklichkeit wenigstens einigermaßen „treu“, alliterierend nämlich, wiederzugeben. Zumal sich, was ich eigentlich vorgehabt hatte – auf dem Achterdeck am iPad zu schreiben – , einfach nicht umsetzen ließ, weil der Bildschirm zu stark spiegelt; ich hätte mich für die Arbeit denn in meine Suite begeben müssen. Dort wollte ich aber nicht sein. Immerhin, die alte papierene Weise, etwas zu notieren, funktioniert ja nach wie vor: Essentialitäten (zu denen auch der freie Oberkörper gehört: „don‘t do it!“ riefen mir von ihren Liegestühlen drei alte Damen zu, als ich das Hemd übern Kopf zog – und amüsierten sich dabei).
So also Lanmeisters Platz eingenommen. Nein, denn wie andere ältere Leute hütet auch er sich vor der Sonne. Er sitzt mir also am Bootsdeck im Rücken, dort etwa, wo die drei alten Damen immer noch kichern:

Über der See hängen die Wolken wie eine Flotte dunkler, aneinandergerückter Zeppeline; sie lassen sie, die Sonne, nur manchmal zu uns herunterblicken und immer nur kurz: eine Seeblockade zur Luft. Und Gischtstaub.

In die Strukturen der Wogen versinken. Es gibt Rutschen, die gleich gestraffter Seide glatt sind, hochpolierte wie Metall. Dazu über Strecken sich erhebende Bergzüge, nicht eine einzige krisslige Unruh auf auf den Pässen. Dann wieder Wogen aus einem mit Silber bedampften Blei, über dem der Gischtschnee wirbelt. Auf Hunderte Seemeilen Krönchen dahinter. Und wenn wir uns, denkt Lanmeister, gehoben von einem Wogenpflug, wieder hinabsenken, schäumt es unweit vom Berg weg: dann hebt ein ungeheures Sirren an, wieder und wieder, das sich aufs Gleichmaß des Brandungsrauschens senkt - oder sich aus ihm erhebt, es ist nicht zu sagen -, das wiederum Ton in Ton geht mit dem Grollen des Motors.
***
(Der Roman beginnt mit 42 und zählt dann rückwärts auf Null, setzt ein, als hätte es davor eine 43 und davor eine 44, eine 89, 356 gegeben – de facto nie geschriebene Kapitel, auf die sich aber Lanmeister bezieht. Als kennten wir sie alle: „Wer aber zählt?“ - dies wird als Motto vor dem Roman stehen.) (Wir müssen von 13.30 Uhr auf 7.30 Uhr zurück. Die Tage werden kürzer.)
***
Schweigen, ständig
in schweigendem Deutsch.
***
Wenn man dem Meer und dem Motor lange genug lauscht, dann fährt Georg Lanmeister mit einem gewaltigen Tosen in seinen stillen zufriedenen Tod.
***
Ich liebe dieses sanfte hohe Wiegen; gewiegt, nicht gewogen werden, was, sic!, das Gegenteil wäre.
***
Die ganze Meeresoberfläche, möge sie auch konvulsieren, ist eine Haut.
Wellenformen ff: manche sind Vulkane, andre Hügelketten, auf deren Rücken der flüssige Sand zurückrutscht. Genau dabei entstehen diese glasglatten Flächen.
Die Buggischt durchleuchtet mitunter ein helles Türkis. Und in der Ferne, so Lanmeisters Eindruck, begleitet uns ein andres, sehr viel kleinres Schiff, vielleicht nur ein Boot. Vielleicht stimmt das auch, nur nehmen es nicht alle wahr, die an Bord sind. Aber w i r sehen es, die dazugehören. (Das Wasser, in all seiner salzigen Ungenießbarkeit, ist ein Element des Lebens. In der Ferne scheint sich das Meer, genau von Nord nach Ost, wie eine Mauer zu erheben, die der englischen Südküste ähnelt, nur sehr viel länger ist. Andren Wellenbuckeln sieht man die Wale an, deren Rücken sie kopieren.
***

(17.32 Uhr.)
Wir fahren in eine Haube aus Dunst, die die Sonne über das Meer warf... nein, sie zieht es seitlich grauschräg - und von hinter sich - aus ihm heraus und himmelan, mit einzelnen verwischten, weiter noch hinauflangenden Schlieren: leise drohendes Portal, durch das wir, derweil sich der Feuerall nicht entfernt, sondern flammend auflöst, in die Nacht gleiten werden. Noch liegt die sich sammelnde Ballung wie ein Kissen unter der Sonne, darauf sie ungefähr ruht, beginnt da, sich zu bedecken, und der Seewind frischt auf und kühlt aus.

Mich umkleiden. Rituale geben Struktur, sind Klammern aus Form. Wir begannen, die Welt uns gewogen zu machen, als wir sie teilten. Denkt Gregor Lanmeister, der jede Teilung davongibt. Wahrscheinlich findet er meine Krawatte ein bißchen, nein, nicht gleich lächerlich, aber doch banal. Dabei tu ich was, im Gegensatz zu ihm. Er findet wohl auch das banal.
*****
All die jungen Menschen, die das Entertainment der vielen vielen Alten besorgen. Diese schauen, wenn sie wach sind, zurück, jene aber, wenn sie sich trauen, voraus. Und das Meer ist die Zeit.

*******
*********
(Donnerstag,
7.43 Uhr.
Alban Berg, Erstes Streichquartett.)

Gestern nacht endete das kleine Duo, in der Captain‘s Bar, mit Bachs Air. Die Haltung der jungen Musikerinnen ward plötzlich anders nach all den bis dahin Evergreenigkeiten, und sie mochten danach nicht mehr weiterspielen, bzw. hatten das Stück sowieso an das Ende ihres Teilzeit-Programmes gestellt. Wenn auch im Hintergrund ge„werkelt!“, also tresenjenseits die Espressomaschine bedient und aber auch diesseits der Theke von einigen Gästen weitergeplappert wurde, war es, als hörten andere mit einem Mal wirklich Musik. Sie erhob sich durch den Raum, mitten im Promenadendeck, erhob sich und, wie ein Air wohl soll, schwebte und stand dann wie Luft im, >>>> so schrieb neulich tom, „Standpunkt der Erlösung“.

Es ist dies der zweite „ganze“ Tag auf See, e r s t, stellen Sie sich vor! Wie soll ich erst am fünften sie, die Zeit, empfinden? Das ist gewiß das spannendste: was diese Reise mit mir macht. Es gibt nur das Dahingleiten, ein, quasi, täglich Wiedergleiches und Widrigkeiten keine, die Akzente setzen könnten. Das wird sich erst mit der Ankunft auf Mauritius ändern. Deswegen scheint mir dieser Reiseabschnitt jetzt, dieser achteinhalbtägig erste, vielleicht der wichtigste zu sein: für den Roman (also für mich, schließlich will man wachsen) und vielleicht auch für das Hörstück. Für dieses interessieren aber noch andere Belange, etwa, fragte ich mich vorhin beim ersten Rundgang zum ersten Kaffee und nachdem ich ein süßes Stückchen... „vom Blech“ hätt ich jetzt fast geschrieben, aber nein: … aus dem Korb genommen hatte: -- etwa:: Hat solch ein Schiff auch eine Bäckerei? Wie halten sich die Dinge? Gibt es spezielle Techniken, Eingefrornes aufzutauen, ohne daß man den frühren Frost noch schmeckt? Es müßte, anders, doch sonst d u f t e n morgens um halb fünf. Oder um vier Ganz Dörfer duften dann in die Morgen, ganze Straßenzüge! (Oder: Nur die Teige sind gefroren? wie daheim ja auch? also fast nur noch: - „Bäck-Shops“ statt des süßen harten Handwerks. Uns die Geschmäcker zu normieren: modules Zungen/Geschmackswärzchenswerk ---)
Darüber sann ich, als ich das Sonnendeck entlang zum Bug spazierte, um Richtung Kurs zu kieken: dem Süden Afrikas entgegen:

Ich werde heute, was ich gestern versäumt, mein Treffen mit dem Hotelchef terminieren, vielleicht für abends beim Whisky, wenn er mag.
Unsere Position: 160º östl. L/30º südl. B::
Wie wenig Strecke wir erst zurückgelegt haben! Dabei kommt es mir so vor, als wär ich bereits seit drei oder vier Tagen auf See; wie wird da erst Lanmeister fühlen, der vielleicht schon seit Jahren auf diesem Schiff lebt? Was ein Jahr sei, kann es denn davon dann überhaupt noch eine Vorstellung geben?
Das Zeitempfinden verschiebt sich aber auch deshalb, weil wir Zonen der Zeitnorm überfahren: Heute nacht war die Uhr um eine Stunde zurückzustellen, was bedeutet, daß sich meine Zeit der Ihren ruckartig angenähert hat. Dies ist nun n i c h t nur eine Folge der im weiten Sinn kulturellen Norm, bzw. zivilen Übereinkünfte, sondern entspricht natürlichen Vorgängen: Entwicklungen geschehen viel mehr in Sprüngen, als daß sie stetig sind. So auch altern wir, es ist kein ununterbrochen fließender Prozeß, sondern zehn Jahre lang sehen wir wie die muntersten Vierziger aus, dann klatscht wer in die Hände, erschrocken blicken wir hoch und sehen in den Spiegel. Schlagartig sind wir fünfzig geworden, sechzig, achtzig. Die aus unserm Empfinden von Ununterbrochenheit erstandene Idee-selbst, des Stetigen, ist kulturell; in Wahrheit gibt es zwischen den Sternen das Nichts wie zwischen den Atomen, und wie zwischen Gestern und Heute.
Vielleicht, daß Gregor Lanmeister eben dies beobachtet? Er ist dem näher?
*

(9.15 Uhr Ozeanzeit.)
Die ersten Gespräch haben begonnen, mit einigen der Crew, Bekanntschaften aber auch, gestern abend bereits, mit anderen Gästen. Ich teilte zum Dinner den Tisch mit einem schottisch/australischen Ehepaar, das die Hälfte des Jahres, jeweils die Sommer, im jeweils anderen Land verbringt; sie sind nun auf dem Weg in ihr schottisches Cottage. Beide haben Kinder je aus auch vorherigen Ehen, sie vier, er drei, das jüngste ist vierundzwanzig, das älteste wird schon sechzig werden... - Normalerweise flögen sie ja, aber diesmal habe sich die Seereise derart angeboten, da hätten sie nicht widerstehen können. Er spricht ein australisches Englisch, von dem ich fast kein Wort verstehe, muß mich erst einfuchsen auf diesen, tja, ist es das?, Dialekt? - sie hingegen ein distinguiertes fast schon „Oxford“, also seh ich dauernd sie an, auch wenn e r spricht, weil ich ihn dann tatsächlich ein bißchen verstehe; es ist, als übersetzten mir ihn ihre Augen: als spräche er durch die geliebte Frau hindurch – eine Wahrnehmung, die mich bis heute früh beschäftigt, ja, deren Character ich eigentlich jetzt erst begreife.
Sie erzählen mir von Australien, unterstreichen meine Absicht zurückzukehren mit „tun Sie das, tun Sie das unbedingt!“, um die Dschungel zu sehen, den Norden, der für Australien, was für Europa der Süden, und mehr sogar noch: weil eben tropisch. Man muß ja nur Krokodile erwähnen, und ich springe an. Es ließen sich die Flüsse des Nordens auf hausbootartigen Kleinschiffen durchkreuzen; sie, die beiden Eheleute, hätte das einmal gemacht: Kabinen von der Größe unseres Abendbrottischs. Sie lachen.
Später plaudr‘ ich mit Sugar in der Hansebar und mit seinem burmesischen Kollegen; es sei ruhig, s e h r ruhig auf dieser Rückfahrt; die vorherige Tour, um Australien herum, habe sie oft bis vier oder fünf in der Frühe arbeiten lassen; die älteren Herrschaften jetzt aber gäben bereits um halb zwölf auf. Milan, der serbische Keeper, vorhin in der kleinen Bar auf dem Achterdeck, langweilt das indes; überhaupt sei er lieber auf Flußfahren engagiert, da sei mehr los. Und er liebe die langen Joggingpfade längs der Wasserwege.
Ich sammle. Sammle für das Hörstück. Mit wem ich sprechen werde dann auch bei laufendem Rekorder. Erst einmal brauche ich das Vertrauen, nicht nur, nein: Zuneigung. Die wird einem nur gegeben, wenn man sie ebenfalls hat. Weder in dem Hörstück noch gar dem Roman werde ich David Foster Wallace‘s Abfälligkeiten wiederholen. Es ist leicht, sich zu erheben, und mir zu billig. Das betrifft sogar die schlechte Musik, die viele so lieben; sie lieben sie mit Gründen und aus diesen Gründen heraus. Das zu wissen und zu erfahren, macht sie, die Musik, nicht besser, aber es behandelt die Menschen fair, die ihre Anhänger sind. Schon Rührung ist arrogant, indem sie nämlich hierarchisiert: den, der gerührt ist, über die, die rühren, stellt.
*

Bedeckt heute morgen, aber ruhige See. Das Mittagessen werde ich ausfallen lassen; ich setze zu, merk es an der Gürtelschnalle. Statt dessen an das Rudergerät und an die Kraftmaschinen ein bißchen. Aber erst mal nun dieses für Sie
*******
 

twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner