Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
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Dear Joseph (IX), ...

… uns fehlt die Zeit. Sie fehlte. Mir und ihm. Ihm, dem Gladiatorenzuhälter. Denn mindestens einmal die Woche muss er mit einem von ihnen hinunter in den Hof. Weil auch die schon mal knurren, wie die Hähne im Blumenmeer. Hin und wieder. Herrje: Geh´ mit mir in den Hof, rief sie aus: DIETREPPEHINUNTER,

ungepanzert, ohne das Rot abzurüsten! Mit blonder Mähne nur! So wäre doch auch sie eine schöne Gladiatorin. Round 1:

Penthesilea1

Fight!

-Nein, kein Kriegsspiel der Art, so wie Mann und Frau sich verspielen. Zu dumm das: Dafür bin ich zu alt. Und du. Du bist es erst recht! -Gelacht hat er, als ich das zu ihm sagte. Alt. -Das ist er nicht! Nur manchmal. Weil müde. Mein Gladiatorenzuhälter. Halt´ nicht zu, was mich betrifft. Fass´ mich an!

Schaff´ dich nicht ab! Reih´ mich nicht ein!
Müde, das bin ich doch auch! Will mein Gesicht in deinem Schoß vergraben.

Sieh´ mich an!

Dich auffangen kann ich noch immer. Immernoch. So,
wie du mich. Drei Mal. Erinnerst du dich?

Warum kämpfst du so viel?


So wie ich. Ich. Ich.

Woher hast du das?

… woher hat er das, Joseph? Glaub mir: Nur eine Runde mit ihr. Ihr. Ihr. Länger bräuchte sie nicht. Sanfte Penthesilea. Unbehelmte Penthesilea. Lächelnde Penthesilea. Amazone mit grch. Namen. So >>>wie sie, eine, die sich erinnerte.

Deine Häsin.

Dear Joseph (VIII), ...

… schiebe mir ein paar Sterne auf die Scham und ziehe mir einen Helm auf. Wie eine Astronautin. Dann ist mein mons pubis ein Sternenhügel, schrieb sie ihm. Weil sie dachte: Wow, klingt w e i t, als sie las:

… Vom Bekannten ins U n b e k a n n t e. Vom Einfachen zum K o m p l e x e n.

Hat sie aber nicht gemacht. Weil die Sterne sich dann überall an ihm verteilt hätten. Mehr oder weniger überall. Das >>>A l l ! Or: Hands all over. Wie schade! Denn das wäre ja so wunderbar zu sehen gewesen, welche Stellen seines Körpers, anatomisch betrachtet, die größte Besiedelungsdichte aufweisen würden. Wie auch bei ihr. Sternenkumuli. Oder haufenweise Sternenkeime. Die glitzern im Dunkeln. Funkeln an ihm. Blutrot wären sie teils gewesen:

gestreift auf seine Weite: Sie täte es auch ganz sacht! So sacht: wie er es schon tat!

... oder nackt in einen Raumanzug zu steigen. Aufzusteigen: um dann wieder schwer zu werden. Von seinem Raum aus. An jeweils einer Erdnabelschnur. Sicherer Raum. Vertrauter Raum. Gefühl der Schwerelosigkeit. Wie zwei, die noch nicht sind. Weit! Ja! W e i t: hörte sich das an. Da oben. Mit ihm. Nicht sprechen. Nur ansehn. Sich ansehn und lächeln. Was ist das für eine Sprache, Joseph? Die wir nie gelernt haben und dennoch verstehen. Eine schon immer dagewesene? So wie diese, eine, die er ihr beigebracht:

Hi! : Kuckuck!

Hi! : Kuckuck!

Kuckuck! : Hi.

Hi


Oder einfach nur: Hi. Wiederzugeben. -So,
wie Echo es tat!

… sag´ : Kuckuck! Sag´ lächelnd Kuckuck
zum Kuckuck noch mal.

Deine Häsin.

Sechsundzwanzigster Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 31).


Beziehungen, Liebes,
Arbeitswohnung, den 20. Dezember 2014,
Sonnabendmorgen, 8.30 Uhr,
Puccini, Edgar;

die auf permanenter Verletzung basierten, seien, sagte Amélie vorgestern abend, Beziehungen der Hoffnung: Genau das mache sie derart stabil. Nicht an ihnen selber werde imgrunde festgehalten, sondern eben daran, daß sie ständig dem Hoffen neue Nahrung gäben. So werde dieses schließlich derart mächtig, daß alles andere dagegen kaum zähle, schon gar nicht aber zähle erlebte Erfüllung. Im Gegenteil, die werde sogar besonders gemieden. Denn an ihr gehe die Hoffnung zugrunde – mithin genau das, woran man sich habe all die Jahre aufrechterhalten.
Ich habe darüber nachgedacht, auch gestern noch mit der Löwin gesprochen. Ist, Geliebte, so etwas möglich? Funktioniert nicht, der Katholizismus allem voran, auf diese Weise nahezu jede Religion? Sie verlegt doch Erlösung ins Jenseits; auf der Erde hingegen herrscht Schuld (für die wir mit dem Verletztwerden büßen), ja sie wird zur Schuld selber. Jedes erfüllte Bedürfnis ist Sünde. Und abermals wird man zurecht bestraft.
So begann Gerald sich zu verändern, zum Beispiel. Ich erzählte schon, daß ein Beruf wie der seine das geradezu notwendigerweise mit sich bringt. Die Sensibilitäten schleifen sich aus (Du erinnerst Dich? seine Hand auf Wiebkes flachem Bauch); es geht die meiste Zeit seines Tages um pure Äquivalenzform, production: ein Wort, das nur den Geldverkehr meint, in den als Waren die Dinge eingeschmolzen werden und alles, was sie eigentlich sind. Zum Beispiel sind sie Menschen, aber im Zahlenverkehr eben nur d a s, Zahlen. Es ist ein bißchen wie im Krieg: Sie sind zu verschiebendes Material, schon aufgrund der das Äquivalente beherrschenden Anonymität. Ganze Volkswirtschaften – s e l b s t schon eine abstrakte, „eigentlich“ aber eben existentielle Größe – werden von Schreibtisch und Screen aus dirigiert, Daumen hoch und Daumen runter. Vielleicht sitzt heute der Krawattenknoten etwas eng, und man schwitzt um Verlust auf dem Konto oder für den Gewinn, ist dem Kunden gegenüber verpflichtet, darf ihn nicht verlieren.
Uneigentlichkeit dringt in die Menschen tief ein, so auch in Gerald mit den Jahren. Daß seine unterdessen Frau völlig andere, nämlich wirklich innere Bewegungen vollzieht, mag er zwar merken, aber es stört seinen Ablauf, und zwar de facto: Folgte er ihnen, bliebe er Wiebke also nah, verlöre er im Beruf die Übersicht. Seele und Geldgeschäft sind nicht zu vereinen. Wenn es gut geht, schafft man sich eine Möglichkeit des Ausgleichs, der auch eine Art Buße ist: etwa ein Zehntel seines Einkommens an wohltätige Institutionen weiterzugeben, Patenschaften in der sogenannten Dritten Welt zu übernehmen, für die Krebsforschung zu spenden usw. Das läßt sich alles gut machen: ist ja nur ein Scheck, den man ausfüllt, oder nebenhin erteilter Dauerauftrag, statt der Beichte. Man muß da gar nicht gucken und gilt auch noch als wer. So daß Wiebke diesen verzweifelten Brief an ihre Mutter schreibt, den sie aber, wie ich Dir schon erzählt habe, nicht abschickt, sondern er bleibt mit anderen Briefen seiner Art als Datei weggespeichert. Indem sie ihn nämlich schreibt, ist ihr, als wäre damit alles zumindest ein bißchen gelöst: Sie hat es gesagt, hat geklagt, hat geweint, nun darf sie wieder Hoffnung haben.
So geht es über Jahre. Selbstverständlich ändert sich nichts, gar nichts; es wird im Gegenteil schlimmer, doch um so größer eben die Hoffnung, die auf sein, Geralds, „Eigentliches“ gerichtet ist, einem Etwas h i n t e r der Erscheinung, oder unter ihr, Verborgenes. Das ist es, was sie nach wie vor liebt: Es selbst ist nicht mehr als eine Figuration ihrer Hoffnung. Genau deshalb schreibt sie einmal von Projektionsfläche, durchaus hellsichtig. Auch das legt sie als Datei ab und beiseite. Daß sie später bloß keiner einnert!
Nein, Wiebke ist wirklich nicht dumm, geschweige naiv. Imgrunde weiß sie. Aber sie hat, Göttin!, doch so viel in diese Ehe investiert! Das kann doch nicht alles vergebens gewesen sein..! für „umsonst“, um in dem Finanzbild zu bleiben. Welch eine Niederlage wäre es, welch ein – abermals im Finanzbild – Bankrott ihrer Gefühle! - Was sie tragischerweise übersieht, nicht einmal spürt, ist, wie hierbei die Handlungsmuster der Geschäftswelt ihres Mannes auf sie selbst übergegangen sind. Nämlich ähnelt sie einem Investor, der alles auf eine Karte gesetzt, also seine finanziellen Engagements in keiner Weise diversifiziert hat, vielleicht das auch nicht konnte, weil ihm für so etwas nicht genügend Kapital zur Verfügung stand. Da hängt er jetzt in einer furchtbaren Schieflage und gibt das Letzte, das er noch hat, hinterdrein, um den Kurs irgendwie zu stützen – ein, wenn man keine Bundesbank ist, hoffnungsloses Unterfangen. Vielmehr sollte in solch einer Situation der juristische Rat gelten, dem schlechte Gelde kein gutes nachzuwerfen. - Ach, ich weiß doch, Liebste, wie grausam solch ein Vergleich ist. Dennoch: die Strukturen, die Strukturen...
Es ist nicht falsch, von Tragik zu sprechen.
Dabei hatte Gerald einige Male die Gelegenheit – sie, Wiebke, schenkte sie ihm, aus ihrem ganzen vollen, für ihn blutenden Herzen – , das Ruder herumzureißen.
Ach, Wiebke! Diese zarte blonde Frau!
Sie waren im Literaturhaus essen gewesen. Wiebke ging sehr gerne da hin, weil sie dort das Gefühl haben konnte, unter solchen zu sitzen, die fühlten wie sie. Ich hab Dir schon erzählt, daß die beiden in Berlin leben? Jedenfalls kam und kam die Bedienung nicht. Auch das wirst Du kennen, daß man, wenn sie nicht will, wie ein Glas ist, durch das sie hindurchschaut. Nach einer geschlagenen halben Stunde wurde es Gerald mit Recht zuviel. Also zog er einen 500er aus der Brieftasche, hielt ihn hoch und rief: „Wenn Sie das als Trinkgeld bekommen, geht es vielleicht dann?“ - Vor Scham hätte Wiebke im Borden versinken mögen. Sie starrte ihren Mann nur an. Im nächsten Sekundenbruchteil war ihre Scham vereist. Wirklich, sie fror, fror ein.
„Na ist doch wahr!“ empörte sich Gerald, der nichts merkte, zumal die Bedienung nun tatsächlich, ich kann es anders nicht nennen, sprang.
„Ich will sofort nachhause“, sagte Wiebke und stand auf.
„Ja was ist denn? Funktioniert doch...“
Man muß ihm zugute halten, daß er den Geldschein auf dem Tisch liegen ließ, bevor er hinter Wiebke herlief, die bereits ihren Mantel von der Garderobe nahm.
„Ich verstehe überhaupt nicht“, sagte er hilflos, „was du h a s t...“
Nein, er verstand nicht.
Sie diskutierten daheim bis in die Nacht. Schließlich fing er zu weinen an, brach völlig zusammen, und sie, wieder einmal, tröstete ihn. „Er kann ohne mich nicht leben“, schrieb Wiebke ihrer Mutter und ließ auch das als nie versendete Datei. Gerald schluchzte. Es war dunkel, er lag auf ihrer beider breitem Bett. „Ohne dich kann ich nicht leben.“ Es durchschüttelte ihn vor Verlustangst. „Ich verspreche, verspreche, mich zu ändern, schwör es, schwöre es dir!“ So hatte Wiebke neues Hoffnungsfutter. Indem er, Gerald, aber blieb, was er war, stand schon das nächste im Topf auf dem Feuer. Weiter so und immer noch weiter kochte sie das Essen, bis ihm die Sìdhe erschien – was für ihn nicht minder katastrophal als für seine Frau war. Plötzlich, wie Lenz, brach ihm sein bisheriges Leben entzwei, und wie Lenz zerbrach ihm seine Ehe. Hilflos, völlig hilflos blieb Wiebke zurück. Hatten sie nicht Kinder kriegen wollen? Nun war sie fast schon über die Zeit. Auch das hätte ihr Hoffnung gegeben, ihr unendliches Hoffen genährt.
Sie konnte und konnte nicht verstehen, sah stumm die Trümmer an. Wäre i h r ein Sìdhe begegnet, sie hätte sofort begriffen, welche Gefahr er für ihr Hoffen war, und ihn, nach vielleicht dreivier Wochen der Schwäche, hinweg ins Eis geschickt. Entsinne Dich, Geliebte, des Ausrufs der Lydierin: „Ein solches Arschloch, das seiner Frau nicht wehtun kann!“ Bei Wiebke hat er es doch ständig getan, weshalb nicht auch bei ihr? „Kapierst du denn nicht, wie schwach mich das macht? “ - Übrigens hat auch Geralds Sìdhe von ihm nie die Trennung verlangt. Wie die Geschichten jeweils fortgehn, legt sich hier aufeinander. Er wird zu dem, für was ihn Wiebke immer hielt - „eigentlich“ - , doch eben nicht durch sie. Wenn dann auch ihn die Sìdhe wieder verläßt, ich weiß nicht, Liebste, ob sie, Wiebke, ihn wieder in sich aufnehmen würde, also falls er die Chuzpe hätte, noch einmal bei ihr anzuklopfen. Wenn wirklich nur noch Hoffnung blieb, als eine indes, die man wegtrat. Als was müßte sie sich denn vorkommen? Als sein Passepartout, ihr selbst indes Désirpourtout?
Allerdings haben ihr die ständigen Verletzungen und die, schon ihrer Dauer halber, wahnsinnige Gewalt des dagegen auferrichteten Hoffens eine Durchsichtigkeit der Haut verliehen, die Betrachter restlos benommen macht, zugleich eine Klarheit, ja Edle der Züge, daß man beschämt den Blick senkt oder ihnen ein- für allemal verfällt. Und wenn zwar Geralds Sìdhe der Triester Venus Körper hat, vor dem die Eheleute keine zwei Wochen vorher sprachlos, weil völlig erfaßt, gestanden hatten, so hat Wiebke ihre Augen. Es ist mir unverständlich, wie Gerald das nicht auffallen konnte. Allerspätestens im Museo Ravoltella hätte er es spüren müssen. Statt dessen, 14. April, auf diesem Hamburger Geschäftstermin... sagen wir mal: Sharon Stone - . Noch am selben Abend fliegt auch s e i n Ehering ins Wasser, dem der Außenalster allerdings, Höhe Milchstraße (die Sharon wohnt in Pöseldorf).
Übrigens hat diese Frau dieselbe Kälte wie Lenzens schließlich von ihm geschiedene Gattin. Mag sein, daß jeder von uns eine eigene Sìdhe hat - eine, die zu unserm Wesen paßt. Deshalb überhaupt nennt man sie eine anima. - Kalt läßt diese, also die seine, den Mann schließlich fallen, nachdem sie sich mit hohem Geschick in seine Geschäfte geschlängelt und ihn allmählich aus ihnen verdrängt hat. Auch sie investierte. Nur daß ihr Deal g e l a n g: Schwache Männer lassen ihre Mundwinkel zucken.

(12.15 Uhr.)
Noch einmal, Liebste, Dein Ohr... Es wird Zeit für Dein Parfum. Mehr noch als ich ruft Dein Hemdchen nach ihm. Ich habe im Netz schon geschaut. Mein währender Abschied wird teuer werden. Doch niemand, gegen das Schweigen, kommt an. Es wirft uns in die früheste Kindheit zurück, da wir noch ichlos sprachlos waren und vor Verlassenheit krähten. Wir hatten doch noch gar kein Bewußtsein von Zeit, sondern was ging, ging immer für immer, jedesmal neu.
Wenn aber dann wirklich etwas nicht mehr zurückkehrt? - Sagen wir, ein Autounfall. Es war gar keine Absicht dabei, ist nichts als ein Unglück gewesen, irgend eine Vorfahrt nicht beachtet, oder ein LKW, in strömendem Regen, hat uns abgedrängt, ohne daß er es merkte. Wenn dann der Säugling überlebt. Was kann er später denn tun, um seine Leere zu füllen?
Der Weltenlauf, den schert es nicht. Säuglinge gibt es zuhauf.
Nicht reden können. (Wobei uns schon hinreicht zu sehen. Erinnerst Du Dich? Selbst in Facetime genügte immer ein Blick, sich zu dehnen und immer weiter zu dehnen: als Ruhe sich in unsere Körper zu strömen, langsam und den Seelen einander für ewig gewiß.)

Außerdem kann ich‘s und tue es, reden! Fast täglich, Geliebte, schreibe ich Dir. Wer fände wohl irgend ein Schweigen darin? Denn die Antworten stell ich mir selber und gebe Dir die Fragen. Nur fehlt mir, daß wir uns ansehn.

Alban
*

21. Dezember 2014,
sonntagsfrühe 6. 19 Uhr,
Dieter Ilg, Otello.)

Nur fehlt mir, daß wir uns ansehn:
Säh ich Dich wieder, es würd drum nicht helfen - Dir ebenso wenig: darum vermeidest Du‘s und schreibst nicht zurück, rufst schon gar nicht über Facetime an, hängst mit Fingern und Zehen verkrallt in Dein Hoffen, das ich Dir gefährdet habe, indem ich meine Liebe g a b. Da wär vor lauter Erfülltsein fürs Hoffen keinerlei Raum mehr gewesen und war‘s nicht. Denn anders als Κίρκη, die seinerzeit die, um das von Dir gewählte Wort zu verwenden, „Notbremse“ geradezu sofort zog, h a s t Du es zugelassen, unsere fünf Wochen lang. Ich bin mir sicher, träfen wir erneut aufeinander, alles wäre noch da, ließe sich nicht leugnen, auch nicht vor Dir selbst. „Gut, Dich zu sehen“, würde ich sagen, und Du antwortetest mit Deinem schlichten „Ja“.
Stell Dir vor, das geschähe, und Du aber hättest schon ein Kind... Vielleicht ist es gut so, deshalb, daß Du nicht Mutter wurdest; die Bindung wär viel stärker, die ich gefährde. Andererseits gilt wohl auch hier, daß, noch keines zu haben, ganz ebensolche Nahrung für die Hoffnung ist, um so mehr sogar, als die Wahrscheinlichkeit g e g e n ihre Erfüllung spricht. Was Wiebke und Gerald anbelangt, habe ich wohl deshalb die Möglichkeit gestern verworfen, daß die beiden bereits Eltern s i n d, wenn ihm die Sìdhe begegnet. Kinder nämlich tragen‘s immer am schwersten. Wiebke wohl, nicht aber Gerald würde es hindern, ihn so wenig wie Lenz. Eine dann zurückbleibende Wiebke könnte uns, Geliebte, nur noch dauern. Ich mochte uns einfach nicht auch diesen Schmerz noch antun, zumal ihn „seine“ Sìdhe nun wirklich nicht wert ist, diese eiskalte Sharon. (Charon...).
Wie eine hübsche Erwerbung, so führt sie Gerald in die hanseatische Gesellschaft ein. Man schmeichelt ihm, um ihr, der Sìdhe, zu schmeicheln; vielleicht daß man über ihn einen Zutritt in ihre Geschäfte erlangt, wissend aber, unmittelbar spürend, daß diese Brücke nur auf Zeit gespannt ist. So muß man sich beeilen. Die Sìdhe k e n n t anders als Du keine Bindung; manche Immobilie, so glänzend sie auch dasteht, veräußert sie Minuten, nachdem sie sie erwarb. Wenn sie andre länger hält, wartet das nur auf Gründe, ist lediglich Spekulation.
In meiner Brokerzeit bin ich niemals so harten, zugleich so geschmeidigen, vor allem so unsentimentalen Geschäftsleuten begegnet wie den Frauen unter ihnen; man war gut beraten, den Kopf schon bei der ersten Begegnung mit ihnen einzuziehen. Kein Wunder also, daß ihn auch Gerald einzog: daß er ihr verfiel, wertete sie - aus der Perspektive ihres Business‘ (sie kannte keine andre) – völlig zurecht als Schwäche. Im Gegensatz zu der Lydierin und Lenzens Liebe gab es hier von Anfang an keine Hoffnung, auch und gerade, wenn Hoffnung es ist, was nach der Trennung nun Gerald aufrechthalten wird, einigermaßen, so wie Lenz in seinem Grenzhäuschen. Nein, auch Lenz wird sie nie aufgeben oder erst aufgegeben haben, als er vor der Tür zusammenbricht und stirbt. Ein Herzanfall ist wahrscheinlich, sterben an gebrochenem Herzen. Freilich stellt nachher die Autopsie einen angeborenen Kammerfehler fest, eine vererbte Insuffizienz. Und Gerald schreibt jetzt ebenfalls Briefe, um Verzeihung, an Wiebke.
Sie öffnet nur den ersten. Alle weiteren legt sie verschlossen beiseite. Also, sofern es nicht ein Kind gibt. Gäbe es eines, womöglich lenkte sie um dessentwillen schließlich doch ein. Es wird aber nie mehr das Vertrauen werden, das einst war; auch die Hoffnung, die diese Frau über so viele Jahre trug, läßt sich nicht narbenlos renovieren. Aber im Alter, dreivier Jahrzehnte später, werden auch diese beiden zu alten Leutchen werden, die an der Spree auf einer Bank zusammen Händchen halten und sich dankbar denken: zusammen greis geworden; wie gut, daß wir es schafften. An, sagen wir, der Spree: bei den Räucherfisch-Ständen zwischen Treptower Brücke und der Insel der Jugend. Sie spüren, diese alten Leutchen, eine Art Stolz.
Zusammen alt werden, das hat ja Dir auch vorgeschwebt, schwebt Dir noch immer vor. Eine Liebe, die schon zurückguckt, wenn sie noch fast frisch ist. Das alte Angekommensein: auch dies ein Kinderwunsch nach der verlorenen Einheit. Imgrunde ein Regreß, den wir freilich alle ersehnen. Und abermals kommen wir auf Religion zurück. Wie sich das mit der Hoffnung verschränkt!

Ich habe gestern nicht weiterschreiben können, aber auch sonst nicht gearbeitet. So verloren, abermals, war mir zumute. Einen wirkliche Grund kann ich gar nicht nennen; es hatte sich doch nichts neues begeben seit vorher. Trotzdem war es so, mein Herz. Also surfte ich durch die Pornokanäle, was indessen kaum half, mich nicht einmal erregte, nicht ein Mal. Was ich suchte, war Betäubung: um nicht so arg das Vergebens zu spüren. Immerhin hatte ich den Gedanken, mir trotzdem, trotz Deiner gezogenen Notbremse, eine Bleibe in Triest zu suchen, es Lenz also nachzutun, der ja ebenfalls hinzog, damals, als die Lydierin mit Jessir noch zusammenwar. Ich dachte, wenn es knallt eines Tages, wäre ich doch zumindest in der Nähe, wenn Du zuhause ausziehst, um dann ganz folgerichtig einige Zeit für Dich alleine zu sein, um Dich zu ordnen nach dem Verlust. Unwahrscheinlich nämlich, daß Du dann nach Berlin kämest, unwahrscheinlich also, daß es trotz Deiner Trennung mit uns noch etwas werden würde. Sondern eines Tages begegnetest Du, und hättest ihn so wenig gesucht wie mich, irgend einem Triester Mann, der Dir gefällt, und Du gefällst ihm. Dann näherst Du Dich mit der Vorsicht der Verwundeten, die erst einmal, und wahrscheinlich lange, prüft und sich nur allmählich wieder einläßt, auch nie mehr mit der vorbehaltlosen Entschiedenheit der Jugend. - Wäre ich aber d a, lüde Dich ein von Zeit zu Zeit und backte Dir Brot... Wir müßten uns ja nur, wie ich‘s hierüber schrieb und weiß, ansehn.
Nein, wir wären nicht vereist, auch Du nicht. लक्ष्मी hatte recht: ein einziges Lächeln genügte, sogar, würdest Du mich sehr reserviert zu begrüßen versuchen, Küßchen in die Luft links und rechts der nahsten Wange. Minuten später, wir müßten nur allein sein, niemand dürfte stören, lägen wieder Hand in Hand, und auch das Blicken höbe einander uns ineinander zurück. Wir würden spüren, unmittelbar, wie alles andre Lüge wäre.
(Darum, Herz, schweigst Du? um nicht lügen zu müssen? Was man nicht ansieht, sei nicht?)
Weshalb ist ein Freies nicht möglich, das wahr ist? Wozu diese Gewalt, die eines niederschlägt, das ist, und es zertritt, damit ein anderes bleiben kann, das ebenfalls ist? Weshalb nicht beides auf eine Weise vereinen, die uns wahrmacht: wahr erst w e r d e n läßt? Wer hat die Ausschließlichkeit in uns gepflanzt? Als ich vor einer Woche bei der Löwin war, war alle Nähe, obwohl es Dich für mich unfaßbar gibt, völlig unbeschädigt; vielleicht gabst Du unserer Nähe, der Löwin und meiner, sogar noch etwas neues Reifes hinzu. Wie sagte Amélie? „Wahrscheinlich entspricht uns Menschen das Konzept der Monogamie nicht.“ Es entspricht vielmehr einer Ordnung, die Menschen führbar machen will. Darum ist es so rasend schwer, daraus auszubrechen, auch wenn sich beides mit- ja ineinander vereinigen ließe. Doch auch der Liebe, wenn sie mit solcher Macht über uns herein- und aus uns herausbricht, widerspricht das. (Polygame Lebensmodelle sind solche der freien Vernunft und eben deshalb keine Norm.)
Freilich wissen wir, und wollen‘s nur nicht glauben, schon gar nicht, wenn sie lodern, daß sich Leidenschaften mit der Zeit verklären, wärmend später, anstatt weiterzuflammen. Wir spüren dann, wohin wir wirklich gehören, aber das ist nicht nur Eine oder Einer. Dennoch, wir bringen‘s nicht zusammen, hilflos geprägt, wie wir wurden. Doch wenn ich Dich küsse, fehlt dann dem andern ein Stück Lippe? Wenn ich Dich lecke, leck ich dem anderen was weg? wird die Clitoris kleiner, als ob ich sie verzehrte? Versiegelt meine Hand auf Deiner linken Brust dem anderen die Haut? und meine Eichel, wenn Du an ihr saugst, bleibt weitren Frauen daraufhin leer? Ich kann Dir eine Nähe geben, die Deinem Mann verschlossen ist, er aber Dir, woran ich meinerseits nicht lange – sagen wir: ein Dir und Deinem Wünschen nähres Geordnetsein und Sichres für Gesellschaft (vor Gott, wie es heißt, und der Welt). Du brauchst die, denke ich mir, Konvention: Wir passen astrologisch nicht. (Ich habe wirklich nachgesehen, es ist nicht zu fassen. Habe unser Paarhoroskop angeschaut, gestern, im Netz auf mehreren Sites. So hilflos bin ich. Aber auch der Löwin und meines will nicht passen; das widerspricht den Horoskopen.)

(8.03 Uhr,
Dieter Ilg, Mein Beethoven:
„Release“-Datum 31. Januar 2015.)

Meine Lebensbewegungen dehnten sich stets zwischen Einheit und Ausbruch, ein permanentes Schaukeln aus Treue und offener Bereitschaft für das Fremde; Treue läuft aber als basso continuo durch: Das Neue sind Variationen seines immergleichen Themas. Darin, Innnige, unterscheide ich mich sehr wahrscheinlich von anderen nicht, nur daß ich zulasse, immer zugelassen habe und nicht wegdräng. Meine Arbeit oder, sagen wir, mein künstlerisches Selbstbewußtsein braucht das so sehr wie möglicherweise Deines die unerfüllbare Hoffnung.
Auch Künstler, oft, sind von Angst beherrscht, zumindest geleitet. Rilke verweigerte sich der Psychoanalyse, weil er meinte, andernfalls ginge ihm die poetische Kompetenz verloren; er wollte, sozusagen, weiter aus dem Es schreiben können, aus dem die Analyse Ich zu machen unternimmt. Er w o l l t e nicht reif sein. Und Kafka k o n n t e Milena nicht treffen. Auch er fürchtete die Realisierung, zu der es indessen mich immer treibt und trieb, einem in seinem Herzen Bauern, den es höhnisch stimmt, wenn jemand essen will, aber in nassen Lehm zu fassen scheut, weil dann die Fingernägel schmutzig werden. Auch daher mein instinktiver Vorbehalt gegen den Geist; an Schwanz und Möse glaube ich eher als ihm, dem Verdränger.
Ich glaube Deinen Achselkapellen und dem Erzittern Deiner Weichen. Das wirklich Magische unseres Blickens ist sein allein physiologischer Grund. Womit sich der prozeßhafte Kreis – es sind in Wirklichkeit Zyklen – zurück in das Kind dreht, auf das (verzeih mein >>>> Selbstzitat) ein jedes Meer hinauswill. Ich glaube der Dschungel, nähre mich an ihr und an den Städten nur, wenn auch sie zu ihr wurden – Zweite Dschungel wie Zweite Natur: >>>> Le Paysan de Paris (1924): „Braves gens qui m‘écoutez, je tiens mes renseignements du ciel. Les secrets de chacun, comme celui du langage et celui de l‘amour, me sons chaque nuiot révélés, et i y a des nuits en plein jour. (…) Votre cœur comme un papillon-sphinx au soleil, votre cœur comme un navire sur un atoll, votre cœur comme une boussole affolée par un petit morceau de plomb, comme la lessive qui sèche au vent, comme l‘appel des cheveaux, comme le millet jeté aux oiseaux, comme un journal du soir qu‘on a fini de lire!“ (Hierzu Elisabeth Lenk: „Von allen konventionellen Beziehungen befreit, verhält die Inidividualität sich direkt zur absoluten Natur. Sie liebt in ihr die eigene diaphane Körperlichkeit“ - ‚diaphan“ bedeutet ‚durchscheinend‘; einen zumindest ähnlichen Sinn hat wohl auch Benns Wort von der Zusammenhangsdurchstoßung im Blick).

Siehst Du, Geliebte, nun schreibe ich auch von mir selbst, der in mittlerweile vollkommen anderen Welten und Bezügen lebt als Lenz und Gerald zu den Zeiten je i h r e r Sìdhe-Begegnungen, auch aber in einer anderen Welt als Jessir, der auf eine anders-tatsächliche, nicht auf die indexbezogene Realität der Märkte verpflichtete Journalist. Er wie ich schauen auf die nicht-entfremdeten Wirklichkeiten, die von Lenzens und Geralds Geschäften eriedrigt und schließlich mitsamt der Menschen vernichtet werden, bzw. wurden. Bevor sie eben jeder auf seine Sìdhe trafen. Denn immerhin das bewirkt auch Geralds, daß er in seinen vorherigen Berufsalltag nicht mehr zurückkann. Ich erzählte Dir schon, er werde selbst nun zu Lenz, dem der Zeit seines Genzhäuschens. Und also schreibt auch er Briefe -

- in dieselbe Unerreichbarkeit, die nun mich, Ersehnte, in einer Hoffnung festbannt, welche der Deinen so entsetzlich entspricht, als wäre sie nichts als auf sie der Reflex.

A.
*

Fünfundzwanzigster Brief nach Triest <<<<

Probe- und Aufnahmetag der Sprecher:innen: Eine akustische Kreuzfahrt, 6.


(19. Dezember, 15.23 Uhr.
Arbeitswohnung.)

Soeben wiedergekommen von der Probe mit >>>> Elvira Magometschnigg, meiner Wiener Sprecherin, die sehr früh morgens mit dem Flieger ankam. Zwei Durchläufe, absurderweise in einem Hotelzimmer, an dem am absurdesten >>>> das Hotel selbst ist. Riesiger, aufgemotzter Empfang, der Zimmerbereich aber, im dritten Stock des alten Plattenbaus, geradezu kleinbürgerlich kleinlich; enge, mit altem, wie bereits zerfasertem Teppichboden ausgelegt. Das Zimmer wird vor allem von einem riesigen Fernsehbildschirm eingenommen, der zwei Drittel des schmalen Schreibtischchens besetzt. Direkt davor ein Doppelbett mit gerüschten Gardinen.
Also als allererstes das Bildschirmding runtergewuchtet. Durch die Fenster indes, immerhin, Blick auf die Spree – ein allerdings ebenfalls wenig erbaulicher, wenn es wie heute unentwegt regnet. Eigentlich hätten wir hier in der Arbeitswohnung proben sollen, dnn kam was dszwischen. Egal, so habe ich dieses "Riverside" einmal von innen gesehen: gute Vorlage für eine Erzählung, etwa, wenn ich die >>>> Yüe-Ling-Novelle wieder aufnehmen sollte, die ich, merke ich gerade, völlig vergessen habe - fast, sonst wär ich jetzt nicht drauf gekommen.
Die Probe selbst lief gut; deutlich ist nach wie vor, daß das Stück viel zu lang ist. Dennoch will ich es insgesamt, wie es jetzt vorliegt, aufnehmen und erst kürzen, wenn ich die Stimmen in der Montage angelegt und wohl auch schon mal ein paar O-Töne dazugemixt habe.
Pause also; Magomeschnigg ist mit einem Freund ins Museum, ich mochte da nicht mit.
Weiter geht‘s um 18 Uhr im Hauptstadtstudio der ARD, quasi gleich bei Magometschniggs Hotel um die Ecke. Ich leg mich jetzt mal eine Stunde hin.
***

(Gleich wieder aufgestanden; bin zu unruhig, um schlafen zu können. Ich fange am besten schon mal damit an, die Paulus-Böhmer-[Lanmeister]-Aufnahmen zu putzen.)
***

Nachtrag,
20. Dezember, 8.12 Uhr:


Dann waren sie alle zusammen, Kavita Chohan, Elvira Magometschnigg, Andreas Nickl, ich selbst, sowie für die Tontechnik Karin G,, mit der ich schon mehrfach gearbeitet habe; da wir unterdessen beim Du sind, vergesse ich peinlicherweise ihren Nachnamen immer.
>>>> Nickl, der bereits im >>>> Neapelstück mitsprach, hat in dem neuen Stück nur wenige Sätze, allerdings als jeweils als eine andere Rolle zu sprechen; deshalb zogen wir seine Aufnahmen vor. Zudem mußte er gegen 19.45 Uhr aufs Theater, konnte also nicht die ganze Aufnahmezeit bleiben. Dennoch, er mochte sich danach aus dem ersten Durchlauf nicht lösen, übernahm „einfach“ die Paulus-Böhmer-Partie (Lanmeister) als sozusagen Joker, bis wir tatsächlich einmal durchwaren. Gute Stimme, ich werde ihn öfter einsetzen; hier, leider, ist sie zu jung, also für den alten sterbenden Mann (der, anders als >>>> im Roman, worin e r spricht, bzw. denkt lediglich eine Innenstimme des Autors ist).
Chohan und Magometschnigg: wunderbar. Letztere anfangs etwas zu wenig Stimmendruck, was sich über den Abend aber gab, dafür sind die wienmelodischen Phrasierungen herrlich, teils an >>>> Peggy Lucac erinnernd, nur jünger, teils an Romy Schneider. Chohan mit der bekannten vollen Wärme. Ich selbst habe den Autorenpart gesprochen, dabei teils die Sprecher dirigiert. Vieles geht vor sich, als würden wir ein Musikstück einstudieren; ich schlage tatsächlich oft den Takt.
Gegen Viertel nach acht Pause, Nickl geht, wir andern drei, während mir die Technikerin die bisherigen Aufnahme schon mal auf den Stick zieht, gehen unten im Haus jede/r ein kleines Bier trinken, plaudern; die beiden brauchen diese Minuten der Stimmschonung.
Kurz nach halb neun dann noch einmal ein Durchlauf, ohne mich aber, nur die beiden Damen; ich sitze draußen am Regiepult.. Da wir die Mikrophoneinstellung beibehalten, damit ich später ohne größere Manipulationen mischen kann, seh ich sie witzigerweise nur von hinten:


Freilich hat das den Vorteil, daß ich mich allein auf die Stimmen konzentriere.
Gegen halb zehn läßt die Stimmkonzentration deutlich nach, zweidreimal muß ich in den Sprecherraum, um, wenn simultan gesprochen wird, die Einsätze zu geben, Taktschlag (je einen Schlag v o r). Die Aufnahme währt bis Viertel nach, die Technikerin läßt mich überziehen, gibt ihren spätern Feierabend dran, geht in dem Stück ganz mit – eine Erfahrung, die ich für meine akustischen Arbeiten immer wieder mache; ebenfalls, daß meine Sätze überhaupt erst zu wirken beginnen, wenn sie Klang werden dürfen.




Nachher noch in die >>>> Böse-Buben-Bar auf zweidrei Bier, etwas Wein; Magometschnigg ist erneut von dem Wiener Freund begleitet, der sie aus dem Studio auch abholt. Jetzt sitzen beide bereits zurück im Flieger, indessen für mich nun erst einmal die Schnitte anstehen: zu „putzen“, wie man sagt.

*
Eine akustische Kreuzfahrt 5 <<<<

Dear Joseph (VII), ...

Brumm Brumm: Ich, ein Geo-carrier.

... ich musste lachen. Dachte: Ja, spielen ist gut! Weil wir doch spielend die Welt begreifen! Muss ich dir ja nicht sagen. Daher setzte ich sie auf ihren Hosenboden zu ihm. Wie alt ist der Mensch wenn er so spielt? 5 oder 6 Jahre? 7? Ich ließ sie in ihrer Jackentasche kramen, zu schauen was sie anbieten konnte.

Und? Was glaubst du?

-Klar: Sie holte Land Rover hervor. Stellte sie neben seinen Geo-carrier und hat sich erst einmal groß gemacht, gesagt: Kuckuck, ich bin´s! Kennst du mich noch? Elfenamazone mit grch. Namen. Der bedeutet: Ich bin ganz tapfer und so weiter… Dann schaute sie sich um: Oh, ist aber arg rot hier auf deinem Kriegsplaneten! Was machst du hier? -Ich erforsche unentdeckte Krater. Steh´ voll auf den Mars, hat er ihr geantwortet.

Ich auch!!!

-Das wollte ich ausrufen! Weil ich voll drauf stehe wenn Einer ausruft: Da steh´ ich voll drauf!!! Dann erst einmal habe ich nichts mehr von ihm gehört.

Da saß ich. Fragte mich: Bist du jetzt fort mit ihr? Seid ihr beiden getürmt?
Das wäre ja irgendwie schön, aber …

… das war ja eigentlich nicht gemeint Joseph! Und trotzdem sah ich da Zwei vor mir sitzen. Die spielten. Sah mich selbst dabei noch einmal. Wie ich zusah. Darüber musste ich lächeln: Wirklich lächeln.

… ich habe, was das betrifft, keine Frage an dich! Wollte dir einfach nur davon erzählen.

Deine Häsin.

Briefe nach Triest, 30: Überlegungen 3.


Der Briefautor >>>> hat recht: Unterbrechungen stören den Fluß. Kommt dann noch etwas anderes hinzu, eine Kleinigkeit nur, über die ich mich ärgere oder die mir Sorgen bereitet, ist es irre anstrengend, den intensiven Ton wiederzufinden. Allerdings zeigt die Erfahrung, daß besondere Anstrengungen zu besonderen Bildeinfällen führen – als wären sie nötig, um in den Fluß wieder einzusteigen.
Innert der Blog-Veröffentlichung ist das an sich nicht problematisch, da die Triestbriefe zugleich Der Dschungel als neue Arbeitsjournale dienen; deshalb die Erwähnungen der Verlagskorrespondenz bezüglich >>>> Traumschiff und Lektorin, ebenso des Hörstücks. Für das Buch ist all sowas entbehrlich, wenn nicht sogar störend. Darauf wird sich die Überarbeitung zur Ersten Fassung fokussieren, bei der ohnedies gekürzt werden muß. Ein erster Überschlag ergab, daß ich bereits jetzt bei über 300 Buchseiten bin, was mir entschieden zu viel vorkommt – vor allem, weil ich erzählerisch manche Szene noch ausbauen, sagen wir plastischer gestalten will: sinnlicher. Außerdem werden einige Texte in den Buchtext mit hineingenommen werden müsse, auch sie freilich bearbeitet, auf die im Netz ein Link reicht. Dabei bin ich gerade bei zwei Dritteln der neununddreißig Briefe angelangt.
Nun werden es der Unterbrechungen aber in nächster Zeit mehrere werden. Morgen kommt meine Wiener Sprecherin an, abends werden sie, ein weiterer Sprecher mit sehr kurzen Passagen, sowie Chohan und ich im ARD Hauptstadtstudio aufgenommen werden, von 18 bis 22 Uhr; danach muß ich bereits mit der Schneidearbeit beginnen, also dieser Tonfiles, wenn ich denn zwischen den Jahren produzieren will. Meinen „angedachten“ Italienaufenthalt habe ich innerlich gecancelt; sehr wahrscheinlich werde ich auch in der Silversternacht an dem Kreuzfahrt-Hörstück arbeiten, will aber zu Silvester-selbst unbedingt einen Triestbrief schreiben. Insofern wird es wieder einmal sinnvoll weden, die Tage zu halbieren: morgens Triest, ab mittags bis in die Nacht das Hörstück; ganz sicher aber werde ich nicht jeden Tag einen neuen Brief schaffen, möglicherweise, wie schon die letzten beiden Male, Briefe über einzwei, vielleicht sogar mehrere Tage schreiben, bevor ich sie einstellen kann. Die „Normal“arbeit wird erst wieder beginnen können, wenn ich das Hörstück abgegeben haben werde. - Überdies stehen, mit der quasiFamilie, die Weihnachtstage an.
Weiters habe ich überlegt, ob ich die Triestbriefe schon jetzt, parallel zu ihrem Entstehen, überarbeiten soll, im Rohling also. Ein erster Versuch ging, ich schrieb es Ihnen, glaube ich, schon, erstaunlich einfach von der Hand. Dennoch habe ich die Idee verworfen. Ein solches Verfahren nähme zu den jetzt anstehenden Unterbrechungen hinzu Emotion aus der Arbeit. Diese aber ist ein Eisen, das heiß geschmiedet werden muß; einzig, es zu schärfen, erlaubt - und verlangt sogar – kalkulierende Kälte, insbesondere dort, wo simultan mehrere, aber einander ausschließende Geschichtsversionen erzählt werden, die magischen, mythischen wie „realistischen“, und ihr Ineinanderübergehen, dem die Spiegelfiguren der Personen entsprechen. Ich möchte einen Schwebezustand erreichen, der aber stets in die Trennungsarbeit des Briefautors geerdet bleibt, den ich auch im Buch weiterhin eng an mir selbst entwerfen will, Und nach wie vor habe ich ein Happyend im Auge, jedenfalls als eine der verschiedenen Möglichkeiten, die solch eine Verfallenheit hat, Mit ihm soll das Buch schließen. Ich weiß sogar schon den letzten Satz, werde ihn aber noch nicht verraten, nur so viel, daß er sich völlig organisch aus einigen der längst durchgespielten Motive ergibt.
Idee: Jede der in Verlassenen aufsteigenden, sei es die wahnhaften, sei es die faktischen Umständen entsprechenden Vorstellungen zum Kern einer neuen Geschichtsversion machen, sie also poetisch ernst nehmen und eben nicht verwerfen, wie man es normalerweise täte und tun sogar müßte. Sondern sie „wirklich“ durchleben, so sehr es einen immer auch quält: genau aus der Qual wird die poetische Intensität destilliert. (Daß all dies einiges von einem Selbstexperiment hat, liegt auf der Hand. Es ist nicht unspannend zu beobachten, wann und ob überhaupt es zu auch körperlichen Reaktionen kommt, oder ob gerade die poetische Arbeit davor schützt. Zu denken etwa an meine in den letzten Wochen aufällig häufigen Fluchtschlaf-Anfälle. Mich erinnert diese Arbeit insgesamt an die Zeit meiner Psychoanalyse, nur daß Übertragung und Gegenübertragung keine Prozesse zwischen zwei Subjekten, sondern der inneren Instanzen selbst sind, deren eine sich als Text objektiviert.)

Einiges ist noch offen - etwa, wovon Lenz in seinem Grenzhäuschen eigentlich lebt; Geldmittel stehen ihm ja nicht mehr zur Verfügung. In diesen realistischen Aspekten mochte und mag ich nie schummeln, es mir auch nicht zu einfach machen („Erbschaft“ usw.); noch weiß ich keine Lösung. Außerdem muß ich aufpassen, gerade nach der gestrigen Schlußszene, Lenz nicht zu einem zweiten >>>> Fichte zu machen. Das ist er nicht und wird er nicht und soll er nicht werden. In den Briefen ist Meere ohnedies schon fast zu präsent. Auch da ist später bestimmt der Rotstift anzusetzen. - Außerdem erzählt werden muß unbedingt noch der Lydierin erster Besuch bei Lenz in Zürich, also in der Zeit, in der er seine Ehe noch aufrechterhielt, vielleicht auch sein Ausweichmanöver, als seine Frau ihn nach dem Verbleib des Eherings fragt. Ich meine, sie ist ja nicht blöd. Und ausgesprochen reizvoll wäre eine Begegnung der beiden Frauen. Auch die ließe sich – in einer möglichen Version – ins Mythische drehen: Sie treffen sich zu dritt in einem Café, bzw. würde es mir einigen Spaß bereiten, das Restaurant „Zum Roten Keuz“ zu nehmen, in dem sich seinerzeit James Joyce und Carl Gustav Jung getroffen haben, während Wolf-Ferrari am Klavier spielte; nur weiß ich nicht, ob es diese Gaststätte überhaupt (noch) gibt oder ob sie schlichtweg eine Erfindung >>>> Anthony Burgess‘ war... das „Schwesternhaus Zum Roten Kreuz“ spricht sehr dafür. Gut, dann wäre der Witz um so hübscher. Jedenfalls bindet sich auf der „Anspielungsebene“ der Zürcher Joyce nett in den Triester zurück, was, um an den >>>> Giacomo Joyce zu denken, der gesamten Brieferzählung einen zusätzlichen, nur für Kenner freilich, Boden einzieht. Also bei diesem Dreiertreffen könnte es passieren, daß Lenz, sofern er den Mumm hat, seiner Frau die Lydierin vorstellt; dumm ist nur, daß sie sie nicht sehen kann. Zum Beispiel.
Des weiteren will ich das Wiebke-/Gerald-Motiv noch stärken; die beiden brauchen entschieden mehr Kontur, vor allem die junge Frau, auf die es mir eigentlich ankommt. Wobei mir grad einfällt und ich es hier mir selbst zur Erinnerung festhalte, daß mir in einem der Briefe noch ein viertes Paar vorschwebte, von dem ich bis jetzt noch gar keine Ahnung habe.
Mal sehen.

ANH, Berlin.
19. Dezember 2014.

Dear Joseph (VI), ...

… für Worte von sich, schrieb ich dir in meinem dritten Brief. Erinnerst du dich? Worte von sich. Was sind wir? Nichts anderes als Monaden. Ich bin nicht Narziss. Er ist Narziss. Er ist nicht Echo. Ich bin sie. Sie ist nicht ich. Er ist Echo. Ich bin Narziss. Er ist nicht Narziss. Ist nicht. Wie auch sie nicht. Die ich nicht sein darf, weil er ihm nicht vertraut.

Wie ihr nicht. Deswegen bin ich nicht.
Kann nicht sein. Nein, NICHT!

Streich das –ver-! Wieso nennen sie es Selbstverliebtheit? Selbstliebe ist etwas völlig anderes. Schönes.

Wie kann man Narziss und Echo nicht verstehen? Als wären das Freaks! -Die wir sind, die das lesen und nicht verstehen, was Ovid schon verstand. Was stand da?

Er hat´s bestimmt verstanden.
Wie auch ich. Und ein paar andere.
Das weiß ich.

Wer spricht?
Warst du das?

… ragten nicht zwischen den goldenen Locken, die sich in seiner Nähe immer wie von selbst aufkräuselten, ihre spitzen Ohren hervor? Ich betrachtete ihr Gesicht im See: so jedenfalls sah ich es vor mir, beim Lesen auf Seite 80 meiner Ausgabe: Sie lächelte mich an. Legte ihre schmalen Hände um meinen Hals und zog mich ins kalte Silbermondwasser. : Ins Dunkel hinein : ich hörte von fern noch Hundegebell:

Er will dich nicht beißen, dachte ich:

Er kann nicht, flüsterte sie in mein Ohr. Noch bevor sie mich hinab zog, und der See sich schloss. Wie der Schlund einer riesigen Haiin, die mich barg: denn ich weiß nicht mehr wie Joseph, … ich blutete noch immer zwischen den Beinen, hatte wohl irgendwie ins Parkhaus gefunden: den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt: und bin dann nach Hause gefahren: Das muss so gewesen sein! Denn seitdem liegen die Metamorphosen auf meinem „Schreibtisch“. Aber erst heute schlug ich sie auf.

… sag mir, was sind sie dir gewesen? Echo und Narziss.

Deine Häsin.

Dear Joseph (V), ...

sein Echostolz, mit dem er sich behauptet wie ein Fels, und er tut´s: das ist keine Behauptung, lässt mich ihm zurufen: Komm! Lass Kräfte messen! Mit ihrem Maß. Sie misst: Vermisst. Empfindet allein den Gedanken als recht muskulös. Ist vor lauter Sehnen schon ganz sehnig.

Er brachte mich darauf, Joseph. Fasste an, wie es meine weißen Akrobaten von ihm verlangten. Aber ich nicht mehr von ihm wollte. Und doch: sie wollte! Wollte wie er es tat. Zerflossene: Tat. Tat. Orales Netz der Zappelhaiin: Frau Fisch in ihrem Element. Obwohl sie längst schliefen. Und sie schlafen auch wieder: meine Turnerinnen im Lilienbeet. Zwischen den roten Haien: die ab und an Kuckuck sagen: wenn sie Herzrasen bekommen, weil sie seine Stimme hören: sobald man ihnen eine Muschel ans Ohr hält.

Aber ich: Ich: Ich. Wirklich, wollte das nicht. Irgendwann wirklich nicht mehr! Mehr! Mehr!

SCHhhht!

Ganz leise musst du sein
. Das war die Königsdisziplin, es ihnen beizubringen: meine Akrobaten loszulassen: sich niederzulegen: während im Blumenmeer die Hähne bellen knurren: IM LAND DES NARZISS : THE OUTSIDE EMPIRE!

Weißt du doch!

Sie hat ihm was entgegenzusetzen! Das muss nicht körperlich sein. Er würde es ohnehin ablehnen. Weil ein Berg sich nicht einfach so öffnet. Hat er recht früh: von sich gesprochen. Es von sich. So fasst keine Hand ans Herz durch Brustkorbs Felsen. Auch meine nicht! NICHT! NICHT! -Das muss ich verkraften. Weil Kraft auch davon kommt. Schau doch Joseph, wer denkt schon: die haut´ einen Mann um?!

Ich.
Weil ich weiß, dass sie es kann.

Er.
Weil er jetzt ahnt, dass ich es bei ihm konnte.

… was ist Kraft?

Und wieso trat sie aus, traf mit ihrem hinteren rechten Huf seinen Spiegel, der hinter mir stand, als er, NARZISS, mich verabschiedete?

Wieso war sie mir gefolgt? DIETREPPEHERAUF.

Deine Häsin.

Elbin: Im Zwischenraum (1). (Briefe nach Triest, 27).


(Selbst bei den Freunden auf der Toilette und dort an der Wand:)




*

>>>> Vierundzwanzigster Brief nach Triest
Dreiundzwanzigster Brief nach Triest <<<<

Dear Joseph (IV), …

kam nicht ich zu ihm? Ich zu ihm. Ich zu ihm.

Wer ging?

-Das erst: war doch Narziss?!

Sich heimtastend: tastend: tastend. Untenherum noch immer blutend. So anmutig. So dermaßen stolz, nachts durch die Stadt. Als hätte ich es gesehen. Ich hab´s gesehn! Nein, du Echo, brauchst wirklich nicht felsig zu werden. Weil ihr Gesicht ihr spürbar glühte. Hast es nicht einmal schauen können! Schon welkend, doch auf dem Weg so warm erblühte. Ich allein hätte es zweifellos nicht allein entdeckt. -Nicht dieses! Es als eines -ihres:seines-, das sich gegenseitig spiegelte, den anderen: auch zu sehen: wenn man kann. Oder dich? Mich. Sich. Wie seines: Eines, das lächelnd auf mir lag wie Licht.

Der Seen Lächelgründe. Los, hol´ es herauf: Auf! Auf! Aus den Seelenseen. Eines

dieser wunderschönen Gesichter.

… warum?

Was ist mit Echo und Narziss? Was sind sie dir gewesen?

Was?


Sag: Was? Sind sie dir
gewesen.

Deine Häsin.

WeinLese


(„Sie hat sich nicht in der Hand.“)
(„Geben wir ihr was dagegen.“)
(„Hey. Löwin.“)
((„Ich bin hier.“))

Setz Dich auf den Boden, dicht an die Wand. Schieb den Rücken fest gegen die Fläche, den Hinterkopf, lass den Hals in die Höhe wachsen, schließe die Augen. Umfasse deine Knie, zieh sie an den Körper, lass sie rechts und links zur Seite kippen, leg die Fußsohlen gegeneinander. Nicht verkrampfen dabei. Einfach nur gegeneinander legen. Ja, so ist es gut.
Warte.
Atme.
Nun die Arme. Lass sie hängen, leg die Hände mit der Innenseite nach unten über deinen Bauchnabel, spür ihre Wärme. Leg die Fingerspitzen zu einem Dreieck zusammen. Schieb sie etwas tiefer, über
((K n o c h e nblume hat er sie genannt.))
(Vergiss es.)
den Hügel. Bedecke ihn mit Deinen Händen. Atme.
((Test, Test))
Begehrst Du ihn noch? Im Ernst,


Wie


viele Jahre hintereinander war die alte Frau mit ihr zur Weinlese nach Westhofen gefahren. Die Dackel, ausnahmsweise, blieben zuhause. (Für den Rest ihres Lebens würde sie sich an die W e l l e erinnern, die ihr beim Einsteigen entgegenschlug: wie stark der Käfer nach Benzin und den Familiendackeln roch. Oft waren die Hunde auch nass vom Wald gewesen.)
Man ging noch vor Anbruch des Morgens hinaus.
Die Flanken der Hänge. Darauf, säuberlich gereiht, Rebstöcke.
Das Kind war bedächtig, doch das fiel nicht ins Gewicht, die Gruppe war groß genug, schweigsame Frauen und Männer, deren Hände an den nachtnassen Beeren von selbst wussten, was zu tun war. Drei Stunden wurde gearbeitet, dann Frühstück, die zweite Schicht dann ununterbrochen plaudernd, nur die Kleine sprach weiterhin nicht. Es war ihre Art. Die Erwachsenen kommentierten das ebensowenig wie ihre zögernden Handgriffe.
Stunden ver
gingen so lang
samfür die Kleine.

Drin, viel später, der Moment, in dem zwei oder drei von uns die Schuhe auszogen, in den riesigen Bottich frisch geernteter Trauben stiegen. Alle wollten, wenige durften, ich passte immer noch mit hinein. Wenn ich mich vom dicken, hölzernen Rand des Bottichs mit nackten Beinen in den Fruchthaufen niedersenkte, betrat ich den merkwürdigsten Grund der Welt.
Trauben treten,


während in


der Nacht im zentralen Raum die Entscheidungen gefallen sind. Ich sehe zu, wie er sie entrückt, ich weiß, wie sich das anfüllt, er berührt ihre Flanken, routiniert, fast widerwillig. Sie murmelt etwas, doch ich bin zu weit weg.
Ab- und an sieht er zu mir herüber, eine Brücke, gleich gültig. Es spielt keine Rolle, was die Frau sagt; sie ist nicht gemeint.
Beiwohnen.
Das Bild greift mir mit beiden Händen ins Gesicht, die Stirn, in die Öffnungen, streift die Wangen, die Ernte auf meinen Hängen einzufahren, reiche Ernte, Weinlese.
Im Getriebe des Blickens feinste Härchen, versiegeln meine Nüstern, die Muscheln der Ohren, die Zunge schmilzt, die winzigen Poren der Haut, bis keine mehr allein ist. Ich verliere mein Gesicht,
(scheiß drauf)
(XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)
doch die Augäpfel, verliebt, wie sie sind, rücken ein Stückchen zusammen, noch eines, dann aufwärts, die Verräter. Ich halte sie nicht auf. Als sie ineinander glitschen ist es, als wären sie nie getrennt gewesen.
Der Mann wirft mir einen Blick zu. Ich ihm auch. Nur einen aus einem.

Ganz
sacht
richte ich mich
her und



gehe aus:


Schwarze Corsage, langer, enger Rock, hautfarbene Bluse mit sehr kleinen, vielen Perlmuttknöpfen, Ringe. Keine Halskette. Schlichte, sehr hohe Schuhe. Mund nicht rot (vulg.), stattdessen das Auge verschatten, smokey!,
mein Stirnauge, meine Weide, Wimpern fast fingerlang, die Pupille eine süße Kirsche in dunklem Aubergine, riesig.
Ich tusche sie, die Wimpern. Versuche es: Das Bürstchen ist zu klein. Ebenso der Kajalstift. (Werde mir neues Schminkzeug besorgen, aber wo?)
Es klingelt.
Ich sehe aus dem Fenster; der Wagen wartet vor dem Haus.

Als ich den Raum betrete, Damen und Herren in Pulks und gewandet, ist mein Platz sicher irgendwo markiert, ganz gewiss aber geh ich nicht schildchenlesend durch die Reihen, ihn aufzuspüren. Man plaudert in den Gängen, jemand spielt eine Art (verdammte kack – Hirten...!) Flöte, Stoffbahnen, feinste, fallen weich von der hohen Decke, in ihrer Mitte Dutzende Amaryllis an Fäden, mit den Blüten nach unten erhängt. Ich schreite durch die
Reb
und
seh’ den Hünen. Sofort. (Klar.)
Er trägt Anzug, einen knappen Millimeter Haar auf dem Schädel, darunter definitiv XLarge. Verdammt, der Hüne hat von allem das Doppelte, will mir scheinen, und er kann g e h e n. Von Männern wie Frauen gibt es nicht viele, die das können.
Schon von weitem macht er eine HandPrankenbewegung, während er durch die
stöcke
pflügt.
Ich bleibe, wo ich bin und erwarte ihn.

EntGleisungen

(...)
Ich gelange an einen blossen Waldsee, nach der Winterpause frisch eröffnet. Eine Stimme (meine?) annonciert ausgesprochen ruhig per Lautsprecher, das Wasser sei nach dem langen Schlaf noch vermulcht und k
alt.
Am anderen Ufer seh’ ich wen einsteigen, erdmännchengroß; sein Handtuch eine Briefmarke an der gelehmten Böschung.
Ich bereite mich
vor
sichtig. Mein Luftkissen sieht mir ähnlich, nur die Arme sind am Rumpf festgewachsen und die Beine aneinander. Seitdem ich es fühlte hat es die Form behalten, schwarz, Gummi, nicht schlaff, nicht prall. Ich besteige es; es
schwimmt los,
hat einen geistlosen Antrieb, fährt schwarz,
ohne Fragen zu stellen.
Ich denke nie drüber nach, dass wir zusammen zwei sind.
Ab und an lasse ich einen Arm zur Seite fallen, zieh’ die Hand durch den Seh, betrachte, wie die Algen von meinen Fingern herunter hängen, entlasse sie wieder ins Wass
ER (!)
(- DU?)
shift
Das dauert eine Weile.
Später auf dem Rückweg hör ich Sirenen und das Geräusch heranfahrender Autos, folge den Stimmen. (Mal wieder)
Offenbar hat der See einen Zufluss, denn zwischen den Bäumen steht ein Schleusenhaus neben einer kleinen Brücke, nicht mehr in Betrieb, die Brücke verwittert, Stützpfeiler geborsten. Moosi
g. Auf einem der höheren Mauervorsprünge liegt ein Soigling. Ich halte wenige Meter vor ihm. Obwohl drei Männer versuchen, ihn herunterzuheben, gibt er keinen Laut ab, reckt nur die Ärmchen nach oben. Hat keine rechte Hand. Da, wo sie ansetzen sollte, ist die Haut zusammengedreht und säuberlich über dem Gelenk verknotet.
(...)

Es lag nicht in meiner Hand, sagt er.
E s vielleicht nicht, aber ich. Und sie.

Die Monitore, manchmal wünschte ich, es gäbe sie nicht: die ScheinWerfer, Briefe, Kunst, Intelligenzia. Den Geist des An:scheins über uns allen.
Stattdessen Unübersetztes: das größere Übel wählen.
„- Und wenn wir dabei vor die Hunde gingen?“
Erster Sprecher: ENDLICH! SIE STELLT EINE FRAGE.
„Lieber als Hund sein“, sage ich.
Ich antworte grundsätzlich immer, sogar mir selbst.

shift

Lass’ es laufen. Sei krass. Ich küsse Dich in Gedanken schreibt mein Mentor. Per Post. Und ich denke: Ja, Realität. Für mich. Und Dich, und alle die, die sich lieber vierteilen ließen, bevor sie ihre
- Nestwärme, sagt jemand
anheim gäben.
- Ich habe ihm noch nicht geantwortet. Meine Wörter sind Scharlatane, kann ihnen nicht mehr
TRAUEN.
Die Crux ist, die Löwin kann nur unmittelbar und r i g o r o s m, kann Krallen und DasNoieSpiel und Ein richtiges PAAR Karten mischen.

Erster Sprecher: VERDAMMT, DAS IST KEIN SPIEL.
Zweiter Sprecher: DOCH, NATÜRLICH. ALLES WIRD NOI GEMISCHT.

shift

- Sind Sie XXXX (Name geschwärzt)?
- Wer will das wissen, frage ich, doch da läuft schon die Warteschleife. Dann eine neue Stimme, männlich diesmal, distinguiert, leichter osteuropäischer Akzent.
- Schön, dass wir Sie zuordnen konnten.
- Mit wem spreche ich bitte, frage ich.
- Ich kontaktiere Sie im Auftrag von XXXX (Name geschwärzt), wir möchten Sie vergewissern. Wozu es aber zwingend
- Woher haben Sie meine Nummer?
- erforderlich wäre, dass Sie Ihre Präsenz in einem bestimmten Weblog beenden. Ihre Partizipation an dem genannten Webl
- Ich habe keines genannt!
- ist nicht mehr adäquat für sie, er will sich neu hingeben.
- Ich mich auch, verdMMT. Ich lege auf jetzt.
- Einen Moment noch, bitte. Er steht Ihnen, wir erkennen das an.
- Und deshalb wollen Sie - ?
- Neu verhandeln. Wir garantieren ein Mindestalter von siebzig.
- Nur für die Herren, nehme ich an.
- Selbstverständlich.
- Und die - ?
- Werden nach anderen Kriterien aufgenommen.
- Ich lege jetzt auf; streichen Sie meinen Namen VON IHRER LISTE.
- Wir schicken Ihnen einen Wagen. Morgen, zwanzig Uhr dreißig.

(Verrücktsein Verrückt zu werden ist so einfach.)

Adäquates Verhalten. Kann sie. Perfekt. Auch inadäquaTES.
SI
(RENEN SINGEN)
, Senor. Jederzeit!

Doch zurück zur Erzählung. Warum mir erst jetzt auffällt, dass ich nicht zählen konnte, jemals? Keine Ahnung. Ich will nicht er zählen, will nur
auf die andere Saîte. Bis zum Anschlag.
- Und dann?
- Alles erschöpftneuert sich, im Wahn
haften.

Doch ich hafte nicht mehr.
Bisous.

L.

Dear Joseph (III), ...

muss immerzu an Blumen denken: Blumen, Blumen, Blumen. Weil es mit Blumen auch angefangen hat. In gewisser Weise. Weil er mich mit Komplimenten überhäuft hat. Bis zum Schluss. So sonderbare! Andere. Aber das war nicht das Eigentliche. -Nein! Wirklich nicht. Ich würde sie eintauschen für Worte von sich.

Dennoch:

Guck mal! An mir herunter. Wie ich da stehe, in der bunten Anhäufung zu meinen Füßen. Bin anfällig geworden. So schnell anfällig geworden. Und bin es auch bis zum Schluss geblieben. Für alles. Von ihm. Wegen ihm. Achgott, Joseph! Auch dir, wie ihm, würde ich den Nimbus beblumen. Euer beider. -Mach ich noch! Bei nächster Gelegenheit. Oder Anfälligkeit: >>>Komm: komm: komm! Oder: Leck mich: wach: noch einmal: die Blumen auf meiner Haut leuchten zu sehen. Weil sie noch immer da sind: subkutan: blühen und blühen sie weiter: unangefasst weiter: Abart: die versehrt: weggesperrt: unangefasst versehrt. Fass mich an:

… erklär mir Liebe!

Deine Häsin.

Dieses ist (k)ein Liebesroman. (Briefe nach Triest, 18: Überlegungen 2).


[Gebhard Ullmann, Moritat (1994).]

Es wird zunehmend deutlich, daß >>>> die Briefe-selbst der Roman sind, und zwar, weil sie‘s ermöglichen, dem ästhetischen Konzept einer >>>>> „Möglichkeitenpoetik“ weitergehend zu folgen, als dies in einem linear erzählten Buch auch nur denkbar wäre. Linearität meint daber nicht nur das notwendigerweise sukzessive Aufeinanderfolgen der, so weit es ein- und dieselben Subjekte betrifft, Erzählstränge; dieses habe ich bereits in vielen der auf den >>>> Wolpertinger gefolgten Büchern unterlaufen, sondern vor allem die eineindeutige Konsistenz der Personen, d.h. ihre festgelegte Identität (auch sie freilich war in meinen letzten Romanen immer schon vage). Was aber hier möglich wird, ist sogar, einander eigentlich ausschließende Szenen jede mit derselben Wahrhaftigkeit zu entwerfen und zuweilen auch auszuerzählen, als wäre es tatsächlich so und so. Das geht durch die Vermittlung der Briefautor-Person vollkommen widerspruchslos ineinander. Lenz kann sich zur selben Zeit sowohl in Zürich als auch in Triest aufhalten, allein, weil dies an verschiedenen Briefstellen erzählt wird, zwischen denen als Legierung immer die grundlegenden Reflexionen stehen: Stets kommt es im Kopf der Leser:innen zu einem jeweils unmittelbaren Bild. Damit öffnen sich, erzählerisch, genau die Freiheitsräume, die Möglichkeiten eben sind. Strategisch gesehen erlaubt das dem Roman, ganz verschiedene, wenn nicht sämtliche Muster durchzuspielen, die auf die handelnden Personen als bestimmende Determinanten wirken. Mehr noch können an sich völlig verschiedene Romanpersonen direkt auseinander aufscheinen - Spiegelungen schrieb ich zwar, tatsächlich sind es ineinander wechselwirkende >>>> Palimpseste, bei denen sich einmal die „ältere“, scheinbar überschriebene Schicht in den Blick hebt, dann wieder die neue oder eine und/oder mehrere dazwischen. Das verdeutlicht die Nähe nicht nur der fiktiven Personen, sondern auch eine je zu Leserin und Leser. Diese selbst werden mitgeschrieben, schon weil die Zustände von Trennung und Not völlig allgemeine, zugleich aber die allerpersönlichsten sind. (Die Löwin erzählte gestern von ihrer seit Jahren schwer verliebten Freundin Z., die jede Abschlußformel in einer jeden Nachricht ihres - heimlichen und fast jugendlich-zart - Geliebten auf geheime Botschaften untersucht, ganz so, wie wir die Tendenz haben, uns an einer Stelle nicht mehr zu waschen, auf die jemand Begehrtes geküßt hat. Jede und jeder kennt das.)

Ich habe ein paarmal überlegt, ob es für die spätere Buchform des Romans nicht geraten sei, den Briefautor von meiner eigenen, der „tatsächlichen“ Person zu entfernen, also einen „Kunst-Briefautor“ zu erfinden, der an seine Sìdhe schreibt, und später dafür alles aus dem Text herauszunehmen, was quasi-autobiografisch an mich selbst angelagert ist. Mit dem späten Nabokov („Ich habe diese Fiktionsscheiße satt“) hielte ich das aber für einen Fehler, auch aus einem politischen, mithin „kritischen“ Grund: Es würde sich dem Gebot des Uneigentlichen beugen, von dem die westlichen Gesellschaften durchdrungen sind, und denselben Scheincharakter füttern, dem meine Arbeiten stets feindlich gegenüberstanden. Für jemanden, die und der mich nicht kennt, spielt es auch überhaupt keine Rolle, ob dieses und jenes „wahr“ ist. Eine Rolle spielt es allenfalls für Vertraute; die durchschauen aber auch die Verfremdungen und führen sie stets auf das real vorgängig Gewesene zurück (oder auf das, was sie dafür halten). Dasselbe gilt für die künstlerischen Verfremdungen sogenannter Urbilder. „Wer war die Sìdhe tatsächlich?“ ist eine für den Roman ebenso unmaßgebliche Frage wie „Hat es sie gegeben?“ Das interessiert allenfalls spätere Literaturhistoriker, bzw. in der direkten Gegenwart den Klatsch oder ein paar Juristen, die mit Persönlichkeitsrechtsprozessen Geld verdienen wollen. Für ästhetische Überlegungen hat so etwas keine Rolle zu spielen, allenfalls persönlich; doch Risiken waren der Kunst seit je immanent: Auf Ovid habe ich in den Briefen schon d i r e k t hingewiesen. Worum es vielmehr geht, ist, das unmittelbare Empfinden so lange wie möglich heißzuhalten, um den Text aus dieser Glut heraus zu schreiben und eben n i c h t in Distanz zu gehen oder nur, wie hier, zeitweise - damit künstlerisch kalkuliert werden kann und ich mir vor allem stets darüber klar bin, was ich eigentlich tue und welches Ziel ich künstlerisch verfolge.
Im Traumschiff habe ich – bevor ich es schreiben konnte – versucht, mich in einen alte Mann hineinzuversetzen, der den Tod vor Augen hat; das war ein fast drei Jahre währender sehr schwieriger Prozeß. Hier nun unternehme ich quasi das Gegenteil: radikale Gegenwärtighaltung eines unmittelbar erlebten Geschehens. (Gestern fand ich im Duschbecken ein paar Haare der Sìdhe; einzeln und dünn klebten und kleben sie auf dem Rand. Der Briefautor wird in einem nächsten Brief auf sie eingehen. Und noch immer steht der längst verdorrte Blumenstrauß auf dem Mitteltisch: Das konkrete Hemdchen ist unterdessen ebenso Leitmotiv wie die imaginierte Achselkapelle und das Thema von Zeugung & Empfängnis.)

Der Roman ist ein Liebesroman, weil er von zwei und in den „Spiegelungen“ sogar mehreren Personen erzählt, die auf zumindest anfangs nicht sanktionierbare Weise zu- und aufeinandergezogen werden und deren eingefahrene Lebenssituationen dadurch ins Taumeln gerate. Er ist aber auch k e i n Liebesroman, insofern die möglichen wirkenden Kräfte „untersucht“ werden, auch die, die eine dauernde Verbindung der Beteiligten schließlich unmöglich werden lassen. Daran wirkt besonders die jeweilige Sozialität mit, aber auch je Herkunft und Prägung, bzw. traumatische Dispositionen bestimmen die Ereignisse mit. Es geht also insgesamt (wieder) um das Menschenbild-allgemein: Was ist er. Dabei bin selbstverständlich auch ich selbst ein Experimentat.
Er ist vor allem aber deshalb kein Liebesroman, weil er „allgemein“ das Movens von Kunst in den Blick nimmt und die Frage stellt, inwieweit tatsächlich Schmerz, ein vorausgegangener oder währender, die - ausschließliche - Bedingung ihrer Möglichkeit sei – sofern es um eine Kunst geht, die ich >>>> an anderer Stelle die intensive genannt habe. (Unter Kunst verstehe ich quasi n i e informelle Spielereien). - Und er ist eben d o c h ein Liebesroman, als der ihm zugrundeliegende Schmerz aus dem Liebesverhältnis zu einem anderen Menschen gemacht ist. Roman aber ist er, weil er ab einem bestimmten Moment nicht nur vom Scheitern sprechen, sondern diese Liebesgeschichte auch als eine völlig erfüllte erzählen wird. Da steht die Sìdhe dann unvermittelt in der Tür und sagt „Da bin ich wieder“, was vorher in einem der Briefe schon als ein Motiv anerwogen worden ist. Und dann wird – während zugleich weiter von der Getrennheit gesprochen werden wird – vom WiederBeisammensein gesprochen werden, und beides steht als Möglichkeiten gleichbrechtigt nebeneinander. Schon „rein“ formal wird dann niemand sagen können, dieses und jenes ist richtig, bzw. „wahr“ - einmal abgesehen davon, daß es tatsächlich so kommen könnte (oder vielleicht gekommen schon ist?) -
Wahr ist, in jedem Fall, was wirkt, und wirken tut hier beides. Spätestens von dieser projektierten Stelle an wird der Briefautor-selbst in die Imagination gehoben, auch wenn er „meine“ biografischen Bestimmungen behält, vom ersten frühmorgendlichen Latte macchiato über Begebnisse mit meinem Sohn bis zu gerichtlichen Mahnschreiben, die ich erhalte (oder hoffentlich nicht). Begleitend dazu stetig die Gespräche vor allem >>>> mit der Löwin, aber auch mit weiterhin Amélie und anderen Personen meines direkten, das heißt konkret recherchierbaren Umfelds.

Als besonders schwierig hat sich, besonders in den letzten Tagen, erwiesen, daß gewisse Drohungen, aber auch Unterstellungen und Beschimpfungen den Ton gefährden, der die Triestbriefe trägt. Es kostet mich eine gewaltige Kraft, ihn immer wieder neu zu finden, neu aufzunehmen. Deshalb halte ich mir, wogegen ich normalerweise sofort in den Kampf ziehen würde, so gut es geht vom Leib. Imgrunde ist, es eben n i c h t zu tun, ein ganz ähnlicher psychischer Aufwand, wie die Erinnerung an die konkrete Sìdhe (sofern es sie gab) in meiner gefühlten Gegenwart zu bewahren und/oder unsere Liebesgesten, die Geschmäcker, Gerüche usw. in mir zu reaktivieren. Das ist auch deshalb schwierig, weil sich zwischen mich und die „tatsächliche“ Frau zunehmend die imaginierte schiebt, nach der ich mich aber gar nicht sehne. Nur daß, wonach ich mich sehne, zunehmend eine Leerstelle wird – nicht zuletzt durch den nun schon zum zweiten Mal erlebten radikalen Wegbruch jeder direkten Kommunikation, was sich schon für sich, bei so viel gewesener Nähe, nicht leicht verkraften läßt. Auch deshalb sind für mich die Lydierin und Lenz unterdessen fast schon konkreter als die „reale“ Sìdhe – ein Umstand, der sie erst recht zu einer mythischen Figur macht. Dem läßt sich nur begegnen, indem der Briefautor immer wieder von der Lydierin auf die Sìdhe zurückprojeziert, und zwar stets unversehens – als sozusagen Flashbacks, zugleich aber aufgrund der sich in den Briefen objektivierenden ästhetischen Bewegung. Wohl in demselben Sinn bemerkte die Löwin gestern am Telefon, womit sie auf eine Stelle im >>>> vierzehnten Brief, dort unter 14.35 Uhr, reagierte: „Du darfst dich jetzt gar nicht neu verlieben. Andernfalls wäre der Roman tot.“
Die poetische Konstruktion ist jedenfalls die notwendige F o r m des Erzählten, das heißt, sie wird es. Insofern ist auch sie prozeßhaft, nicht starr, ist nicht nur Gerüst, sondern greift viel weiter: Leben und Roman werden als identisch verstanden, nur als je in andersperspektivischer Drauf- bzw. Hin- und Hinaussicht. Dabei erdet sich sogar der ins Auge genommene Buchumfang symbolisch in die Geschehen, aus denen er eben auch abgezogen und hinaustransponiert worden ist: 3 x 13 Briefe.

So nah ich mich auch, wenn ich die Briefe schreibe, an die Entstehungsgegenwart halte, also täglich einen Brief schreiben usw., eine Ablösung läßt sich, wenn ich im Fluß bleiben will, nicht vermeiden. Das bedeutet, daß die Entstehungsbedingungen-selbst eine Bewegung ins Imaginäre bedeuten. Etwa ist es vorgekommen, daß ich einen neuen Brief direkt schon, am selben Tag, nach dem vorhergegangenen zumindest anfing; da ich aber täglich nicht mehr als einen Brief in Die Dschungel einstellen will, wurde er auf den folgenden Tag, an dem er dann erschien, schlichtweg umdatiert. Etwa werde ich auch heute schon den Brief von morgen schreiben, jedenfalls beginnen und ihn schließlich „falsch“ ausweisen müssen. Mir gefällt das nicht, doch ist es nicht zu vermeiden. (Diese seit langem von mir angestrebte Nähe zur Realität ist gerade der für glaubhafte Fiktionen nötige Boden: nicht e i n beschriebener Ort in der >>>> Sizilischen Reise, den es nicht gibt, wenigstens gegeben h a t, damals. Dasselbe gilt für den >>>> New-York-Roman, aber auch für die >>>> Andersweltbücher, also einen Zyklus, der sich der Phantastik und teils auch der Science Fiction zurechnen läßt. Insofern folgt dem der „autobiografische“ Ansatz der Triestbriefe, ja radikalisiert meine Poetik noch, s c h ä r f t sie - aber in einem der sogenannten realistischen Literatur rigoros gegenläufigen Sinn, zu einer nämlich Schneide, auf der die handelnden Personen keinen für Plot-Literaturen wesentlichen Identitäten entsprechen: Es geht hier auch um Unverfilmbarkeit, um etwas, das n u r in der Literatur möglich und nicht bloß „verstecktes“ Drehbuch ist.)

ANH,
5. Dezember 2014.
[Elvira Plenar, I was just... (1991).]

*

Nachtrag,
14.40 Uhr:
Weshalb nicht dem Roman E r f ü l l u n g geben, weshalb denn n i c h t, also insgesamt? Weshalb die Wirklichkeit verdoppeln? Wieso die permanente Scheu vor einem Happyend? - Der Gedanke tauchte beim Schwimmen aus mir auf und tauchte einfach mehr unter. So wog ich ihn die fast ganzen anderthalb Stunden hin und her, und bei jeder Bahn gewann er an Kontur, etwa: wie man dennoch die Briefform halten könne. Aber dazu will ich hier nichts verraten, sondern eine eigene Romandatei anlegen, nur bei mir, „Briefe nach Triest“, und darin, wie ich bei allen anderen Büchern tat, eine Notatdatei in den „Materialien“. - Plötzlich sehe ich das Ende des Buches, das, worauf es hinaus will, vielleicht sogar von Anfang an wollte. Was ich bloß noch nicht wußte. - Bin jetzt wirklich aufgeregt, schreibe von nun an nicht mehr ins Leere, sondern sehe ein Ziel.

[Wolfgang Rihm, Inschrift 2 für Orchester (2013).]

*

Dear Joseph (II), ...

ich stehe vor einem Problem. Mein braunes Pferd namens Land Rover kommt die Treppe herauf. Aber nicht mehr herunter! Ich habe noch Zeit. Bis es wieder wärmer ist. Bis zum Blumenmondmonat vielleicht. Wie soll ich es ihr beibringen? Pferde steigen doch keine Treppen herab. Davor haben sie Angst. Die habe ich auch! Weil ich nicht verletzen will, weil ich nicht weiß, wie es für einen ist, sich in Text zu lesen: Dich. Sie. Ihn. : Mich nicht! -Weil ich die Pläne der Schleierfee kenne. Weil ich mir selbst keine mache. Weil ich zu viel nachdenke. Ja. So wie sie. Die, die er mir gezeigt hat. Hat gesagt: Ist wie du! Eine Elfe. Denkt viel nach. Hübsch sah sie aus! Eine von Dreien. Ich frage mich manchmal, denkt er an mich, wenn sie ihn mit traurigen Augen anschaut?

... du hast mir doch die Bilder erklärt. Was ist DIETREPPEHERAB?
Was ist Angst?

Ich will einfach keine Hunde mit einem Pferd verrückt machen, das sich scheut, verstehst du?!

Deine Häsin.

Untanz

Wieder.
Auf Wolken laufen.
Unsicher.
-Ich kann das!
Ich kann alles.
Wenn es sein muss.
Ich kann.
Ich will.
Wegen Ihr.
Wegen Dir.
Mir.
Nicht müssen!
Wollen.

Leben.
Ist.

GrundRiss


Also, wenn ich besser aufgepasst hätte, wäre der Grund nicht gerissen? ruft die kleine Löwin schon von weitem.
Der Alte blickt von der Arbeit auf. - Setz dich. Dann schweigt er.
Ich bin hier, murrt sie und tappt auf den Boden.
Aber das weiß ich doch, sagt der Alte. Er beugt sich vor und fährt mit der Zunge über ihre rechte Wange. Siehst du?
- Ieeh, das kitzelt!
Ich weiß genau, wo du steckst, auch wenn meine Augen nicht taugen. Ich hör dich, ich riech dich, ich schmeck dich.
Die Kleine dreht den Kopf weg, doch er lässt nicht von ihr ab. Ich back dich, ich zwack dich, ich lack dich.
Lack dich?
Sonst hätte es sich doch nicht gereimt, oder? Jetzt du.
Ich kreis dich, ich beiß dich, ich reiß dich, schnurrt sie. Also, wie ist das mit dem Grund, warum ist er gerissen?
- Stell dich mal hin, sagt er, hoch mit dir.
- Du legst immer den Kopf schief, wenn du lauschst, wie ein Vogel.
Sein Drohen kommt tief aus der Kehle, doch die Kleine kennt ihn besser.
Antwort, Wandort, Landwort, singt sie. - Ich steh jetzt.
(Als wüsste er das nicht.)
Spürst du den Grund? fragt er. Reiß ihn auf. Er lauscht, während sie die Krallen über den trockenen Lehm zieht.
- Fester.
Er lehnt sich langsam zurück. - Da hast du ihn, Kind.
Den Mundbiss?
Er lacht auf. Schau doch, du kannst ihm nichts anhaben.
- Nur langschaben! Sie kichert. - Also bin ich nicht schuld?
Er sieht dich nicht einmal, sagt der Alte. Hat dich noch nie gespürt. Geh spielen jetzt.

Er sieht mich, er sieht mich nicht, er flieht mich, er flieht mich nicht

Als ihr Gelächter verklingt, streckt sich der Alte aus. Die Sonne steht bereits hoch.
Zeit, zu schlafen.

Kein Lüftchen regt sich, kein Schatten bewegt sich
Kommt nicht mehr heim, mein Ringelreim


.

Dear Joseph (I), ...

Wie-man-dem-toten-Hasen-die-Bilder-erklaert
ich bin im Sommer Einem das Bein runtergerutscht, der wahrgenommen hatte, dass ich eine Waldelfe bin. Ich glaube es ist ihm einigermaßen egal wie er herumläuft, die meiste Zeit zumindest. Das gefiel mir, wie du weißt. An diesem Rutschmirdasbeinruntertag trug er ein verflecktes T-Shirt. Ich sagte zu ihm: Du bist soo schmutzig! Und schrieb noch am selben: Du läufst rum wie ein belesener Penner. Dann gab es da noch einen anderen Tag, da stellte er sich hinter mich, schob mir seine Hände über meinen Bauch in meine Hose und tanzte mit mir (das war sehr schön!). Ich will heute nicht nackt sein: erklärte ich und kam mir dabei doch so nackt vor. Das lag daran weil ich am Tag zuvor von einem Fußball abgeschossen wurde, der mich direkt am Kopf traf. Bis dahin hatte ich mich einigermaßen mit Ibuprofen vollgepumpt. Insgesamt: 1600mg. Recht schepp war meine Wahrnehmung. Er gab zurück: Brauchst den Schutz. Ich dachte: Wie sensibel! Aber wo ist deine Nacktheit eigentlich…?

… erklär mir noch einmal Nacktheit!

Deine Häsin.

Die ganze Nacht hast Du gehustet


Die ganze Nacht hast Du gehustet,
sechs Mal, in Anfällen von Schmerz,
denen ich beilag, eng, mein Herz,
- ach, daß Du endlich ruhtest!

So nahe Dein Gesicht dem meinen;
Atem, einmal, ging in Atem,
im Flüstern da, gehaucht privatem,
ein Lächeln, das dem unsern keinen

Raum der Lippen weiten wollte,
aber den Raum der Schlafstatt selber
in warme, feuchte, weite Wälder. -
Daß ich vom Bett nicht rollte

und nicht vom Moos! Ich lag am Hang
die ganze Nacht und lauschte
auf Deinen Schlaf und tauschte
in jeder Körperdrehung bang,

gleich ob der meinen oder Deinen,
den meinen dankbar für ihn ein:
Laßt ihr den Heilschlaf endlich sein
und nehmt, was sie zum Schlafen braucht,

vom meinen.

Äste schwarz, veralgt ...

liegen nasskalt in den Handflächen. Holzsaft. Ziehe Verschnittreste, Äste über bemoosten Boden und zerre. Astwerk. Das Pfirsichbaumholz ist an der Schnittstelle hell und duftet, harzklebrige Tropfen. Pfirsichtarte. Blaues Blut? Kurz vorm Tod vielleicht. Sauerstoffarm. Sommer, Herbst, Jahreszeiten. Krähen äugen. Sind nur Vögel. Unwirklich still (hier). Umgebung melancholisch. Komm. Vernorden. Krabbatmühlenhorizont. Da und da zieht ein Lichtebogen ins Fenster.Rote Ziegel. Gebrannt. LEDs sind sparsam. Warmweiß. Kenne Schneeweiß oder Meerblauweiß, Frostweiß, ReinWeiß, Schneeköniginweiß. Die Dame, die gern mit Spiegelscherben wirft. Fühl arg und erstarr. Vorsichtshalber. Nicht bleiben. Die Krähen fliegen auf. Sind nur Vögel. Meine Hände kriegen Schrammen. die Nägel Dreck unter die Ränder. Hätte die Pfirsichbäume erst im Frühjahr … (ver)schneiden sollen.

EndGültig


Ein riesiges Areal, durch das sie (federnd) läuft, über einen Damm, oben nicht innehaltend, springt weichen Schrittes in das Graue, das dahinter die Ebene bedeckt. Versinkt sofort,
schlüpft
In den beiden Sekunden, die es (kaum) dauert, bis nur ihr Kopf noch außerhalb
Umschmiegt/Futteral
ist, denkt sie nach. Der Schlamm (oh Maria und Joseph!) ist warm; ihre Fußspitzen berühren den Grund nicht, würden ihn nie berühren: Von dieser Sorte ist er nicht.

Sie hat Zeit, warum auch immer, (vielleicht, dass die letzten Sekunden einer anderen Dimension angehörten, nicht mehr als Zeit gälten, tatsächlich un-mittelbar seien) sich zu überlegen, wie jemand, Jahre später, ihren Körper finden wird; es beruhigt sie, dass dann immer noch ersichtlich wäre, nicht wer sie, aber doch dass sie Frau gewesen: Das scheint wichtig.
Für ein Sekündchen. Wie angenehm es wäre, den Mund zu öffnen und ihn zu ver
schlingen.
Zwischenräume
füllen
Zeit für den Rest.
Denkt sie. Öffnet den Mund und
schreit.
Und natürlich ist da mit einem Mal wer, sieht, hört, auf dem Damm stehend, rennt um Beistand, natürlich umschlingt die Löwin ihren Schlamm, einem (plötzlichen) Entschluss folgend, wie einen Teig mit beiden Armen, verdickt sich der wie unter einer Wohltat, lässt sich verteigen, verändern, schenkt seine Sekunden wieder her, schiebt sie ein Stückchen, Weilchen; sie trägt den Kopf gereckt, walkt, voran, zum Rand, zum Damm, vergisst zu sinken.
Meine Schöne, ächzt der Schlamm.
Was er zu allen sagt.

(Garnelen, hat sie gestern gelernt, Müttergarnelen, bekommen von den Züchtern in Thailand ein Auge abgeschnitten. - Warum keine andere Methode, gibt es keine andere Methode??, fragt die Reisejournalistin, die der Prozedur schaudernd beiwohnt: Die Schere wird über einem Feuer auf Temperatur gebracht, bis sie glüht, schnippschnapp, Augenstiel ab, Wunde ausgebrannt, ein einziger, wenn auch überraschend robuster Handgriff für so einen dünnen Stiel. Der Züchter wirft das Muttertier in eine mit Wasser gefüllte Tonne, es sinkt auf den Boden, auf die Seite, die Beinchen wiegen.
Er blickt auf. - Weil sie dann schneller Babys machen, sagt er, das wissen doch alle Züchter. Nicht mehr Babys, aber schneller. Es ist die Natur. Als wüssten sie, dass ihnen weniger Zeit für Fortpflanzung bleibt, mit der Verwundung.

((- Das ist natürlich Unfug. Oder? Das Wissen der Garnelenmütter?
- Nein, gültig. Was die Journalistin in Erfahrung brachte, später, über die Hormone hinter dem Augenstiel, wie sie durcheinanderkommen, wenn keiner mehr da ist, wie sie dann nur noch diesen einen Befehl durch den Körper schicken, mehre dich: nicht wichtig. Nicht für den Züchter, nicht für seine Garnele.
- Was gilt, ist sein Glauben, dass sie vom Tod weiß, und seine Schere.
- Ja.))

(((Ich spreche mit dir, doch im Hintergrund schnippt)))


Dem Mann jedenfalls, seitdem sie sein Herz geflickt haben, schwänzt manchmal sein Atem. - Und die Beine, sagt er, - ertragen nicht mehr das bisschen Luft zwischen Haut und Textil, es sind die Nerven, ich kann nur noch eng anliegende Hosen tragen. Tu ich ebenfalls: mit Gürtel und reingesteckter Bluse, schlank wie ein Messer.
Futter-Aal
Er reicht mir Wasser. Zwei Mal. Der Tisch hat eine Glasplatte; ich stelle es so sacht ab, dass kein Geräusch entsteht. Er beugt sich immer wieder nach vorne, trinkt nichts, ich mich ihm entgegen, wie zwei Algenbüsche, wir wiegen uns.
- Du siehst nicht gezeichnet aus, sage ich.
Es kommt tief aus den Augenhöhlen, sein Lächeln, ich überseh’ seinen Mund, wir sprechen über Kunst und Schreiben, über Orgsamen (Orgsamen, perfekt eigentlich) und Frauen, ihre Ansprüche und Bedürfnisse, sexuelle, über Reibung, anspruchsgefüllte Männer, Prostatae, Bolagno, devote Frauen und Herr-ische, geniale, genial furchtsame und Haut, immer wieder Haut, Harold Brodkey, die Löwin meldet sich zu Wort, Bücher als Fort-Pflanzung, Tusche, über mein neues Vor-haben;
es waren schon immer die Augenhöhlen an ihm, die mich fasziniert haben, wie in den Schädel durchgedrückte Pflaumen, darin sein Blick wie ein keckes Würmchen, das mir zublinzelt.

- Ich schreib’ dir ein Vorwort, sagt er, wenn du willst, aber nur, wenn es wirklich krass wird, lass es laufen, schick’ mir, wenn du magst, Teile davon, will lesen, reagieren, aber per Post, bitte.
Couverts, wie hübsch, denke ich.
Einverstanden.
Im Türrahmen umfasst er meine Taille, zieht mich an sich, schiebt mir die Zunge zwischen die Lippen, greift in ein Festmahl, mit beiden Händen.
Die Löwin stolpert die Treppen hinunter, lächelnd. Ihr Ring
klimpert

Später lächelt sie einen Fremden an, schon durch die Fenster der Galerie, während er draußen sein Fahrrad anschließt an eben die Laterne, bei der ihres schon und er kommt herein, geht direkt auf sie zu und wir beginnen zu sprechen, als seien wir nur kurz unterbrochen worden.

Schwänz mich nie mehr.
 

twoday.net AGB

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