Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
________________________________


 

„So, Sohn, vernarrt bin ich ins Leben.“ Das Arbeitsjournal des Montags, dem 27. Juli 2015.


[Arbeitswohnung, 8.45 Uhr]
„Rätselhaft“, schrieb ich in Facebook eben den Freunden, „b l e i b t aber, weshalb der Gerätemanager, in dem ich, >>>> als es noch nicht und nicht funktionieren wollte, also das Interface falsch angeschlossen war, dennoch immer wieder vermeldete, daß das Gerät betriebsbereit sei, das dies eben noch n i c h t war. Ein wirklicher Verlaß ist auf windows insofern nicht.“ Und erstaunlich, mindestens genauso immer wieder, ist das Gehirn: Jetzt habe ich Schwierigkeiten mit der neuen Tastatur, so sehr haben sich meine Finger unterdessen an die engeren Abstände der Ersatztastatur gewöhnt. Dennoch merke ich eine Erleichterung, gewisse verkrampfe Handstellungen können fürs fließende Schreiben wieder aufgegegeben werden; die häufigen – versehentlichen – Doppelanschläge entfallen, nur daß ich jetzt, noch, immer mal wieder einen falschen Buchstaben anschlage; das Hirn lernt irre fix und lernt so auch Routinen. Wobei diese Art Übung geschmeidig hält.
An den Ersatzlaptop kam ich gestern nicht mehr. Sehr lange mit Bettina Hesse geplaudert, vor und nach dem kleinen Traumschiff-Interview, auch auf die leichten kritischen Abmerkungen reagiert und erklärt, später aus den >>>> Bamberger Elegien vorgelesen, die leider völlig untergegangen sind, oder nicht völlig, sie werden ja von Zeit zu Zeit noch geordert, aber doch nicht die Aufmerksamkeit errungen haben, die ich ihnen gewünscht habe und wünsche:


Ich las die neunte, weil sie zum Traumschiffthema paßt, meine erste bewußte Beschäftigung mit dem Ende, meinem, war. Ich war da 51. - Die Erfahrung aller, die älter werden: wie geradezu exponentiell schneller Zeit vergeht. Ein Vorübereilen oder, mit Herrn Lanmeister gesprochen, Hindurcheilen: Man selbst wird zunehmend schneller, kann nichts anderes dagegen tun, als die noch vor einem liegende Strecke mehr und mehr zu füllen, zum Beispiel mit Sommerabenden, zum Beispiel mit Übersetzungen, Nachdichtungen, zum Beispiel mit weiterer, einer noch enger gezogenen Formung, nicht zuletzt seiner selbst, oder ihrer selbst, wenn man denn Frau ist. Wenn frau denn Mann ist. Heute morgen fielen mir Liebestage mit C.S. ein, Liebestage für Liebesnächte, weil es Tage eben w a r e n, ganz zu Anfang meiner Berliner Zeit: fast vierundzwanzig Stunden lang durchgevögelt, zwischendurch nur aufgestanden, um Vitamintabletten in Wasser aufzulösen, das Zeug hinunterzustürzen und weiterzumachen. Oder die Katzenpaarungen, meine, ihre (einer andren), in der Massimo bei offener, der wunderbaren Hitze wegen w e i t offener Terrassentür, die freilich nach hinten, nicht vorne zum Kiesweg, hinausging, die Schreie und Übertretungen, der Schweiß, der wie Wasser stürzte und Wasser auch w a r, Lebenswasser, das reine stürzende Leben. Wie vieles noch zu erzählen es gibt! Und daß mich unter den Literaten auch das fremdgemacht hat und als Fremdkörper erscheinen ließ und läßt, daß ich nie – außer in meiner Pubertät – ein Klagender war, sondern im tiefsten immer Feiernder, ein Hymniker, ob in der Prosa, ob im Gedicht: „So, Sohn, vernarrt bin ich ins Leben, ich ginge freiwillig eher, als daß ich‘s beklagte“ (Neunte Bamberger Elegie).
Ich will mich in den Gedichtmodus bringen; in Bamberg füllte er Wochen. Es spielt keine Rolle, ob dieser Aspekt meiner Arbeit auf Gegenliebe trifft; wahrscheinlich spielt Gegenliebe sowieso, außer für den Narzissmus, keine Rolle. Richtete sich die Kunst nach ihr, hätten wir die größten Werke heute nicht, jedenfalls fehlten viele von ihnen. Die Psyche baut Wehrgänge auf, Schutzgänge: Wir erfahren, wenn etwas gelang, unmittelbar, als Empfindung, als Überschüttung, manche wohl auch als Erleuchtung. Hesse sprach gestern vom „Kreatürlichen“, das stärker werde, so beobachte sie, mit zunehmendem Alter. Mir sind aber Esoteriken fremd, ich kann mit ihnen herumspielen, sie auch schon mal zum Material einer Erzählung machen, aber glauben tu ich ihnen nicht. So werd ich bisweilen, möglicherweise unangemessen, ironisch. Glauben tu ich an Körper und an den Geist nur insofern, als er Ausdruck dieses Körpers ist, unserer Körper. Schon deshalb tauge ich nicht für den Monotheismus.
Gestern, als ich im Pound las, verstand ich weniger, als daß ich, körperlich eben, begriff, was so viele große Autoren für den Faschismus empfänglich gemacht hat: nämlich die Idee der Umformung von Realität zu Kunst. Ein alter meiner Gedanken tauchte wieder hervor: daß Künstler auf keinen Fall politische Macht haben dürfen, weil ihre, der Künstler, Gesetzmäßigkeiten, die ihrer Arbeit, unbedingt sind, Unbedingtheit aber in der Realität zu diktatorischem Unrecht führt. Was die Kunst nicht darf, Kompromisse einzugehen, ist in der Realität notwendig. Ein Künstler als Botschafter mag angehen, als Machthaber ist er, wenn er gut ist, die pure Katastrophe, als Hymniker zumal.
Auch „Die Brüste der Béart“ sind ein Hymnos; übrigens sind auch Elegien ursprünglich Hymnen gewesen; ihr Trauerton kam erst spät. Daß noch das Traumschiff ein Lobgesang ist: Huldigung. Dieses Wort fiel mir für „praise“ ein.
Die Übersetzungen gehen in mir um. Der kleine Junge geht in mir um, der übern Hang am Wannsee peste (ein Wort, das mit zwei „e“s geschrieben werden müßte, weil der Assoziationshof sonst in eine völlig falsche Richtung geht), und daß man ihn hätte sich austoben lassen müssen, bis er umkippt und einschläft. Sein Lachen kreist wie ein Echo in mir: so frei! so unvoreingenommen, so – unschuldsvoll d a!
Kinder lieben. Manche mehr, ich geb es zu, andere, aber nur ein bißchen, weniger. Was ungerecht ist. Denn denen wurde die Unschuld früh genommen. Sie ist ja wie eine Pflanze, muß sich erst entfalten, die ersten Triebe zu Blättchen entfalten, ohne daß gleich jemand drauftritt. Geschieht das zu häufig und wird zur jungen Erfahrung, werden sie im besten Fall pfiffig. Was man dann a u c h liebt. Wenn aber nicht -
Ach.
Und dennoch ginge ich freiwillig eher, als daß ich‘s beklagte.
Jedenfalls kam ich an den Ersatzlaptop gestern nicht mehr. Aber vielleicht heute. Mein Sohn und >>>> Schlinkert zum Abendessen im Gespräch, vorher noch mit Hesse, die auf Sizilien war; daß Sizilien einmal meine Zweitheimat war. Daß der Vater ihres Sohnes gestorben. Wie ihr das dort nachging. „Immer mehr Freunde, jetzt, sterben.“ Daß, Ursula, auch dieses nun anfängt: „Alles ist eitel“ (der alte Brahms) und „Was bleibt, sind die Dinge“ (der alte Goethe); – Ernst Bloch indes, auf dem Sterbelager: „Ich bin wahnsinnig neugierig!“ So ist es hintertragen. Egal, ob die Anekdote stimmt, wird sie für mich ein Lebensmotto bleiben. Der herumpeesende, lachende kleine Junge am See: so vorbehaltlos, so ohne Selbstreserviertheit, so ganz-die-Welt als er. Er als sie. Zähne wie Naturperlchen, und obsidialer Glanz auf den Augen.

Es sind Erledigungstage bis Paris. Die Pavoni muß in die Reparatur. Gewaschen werden muß. Zwischen Decke und oberer Wand hängen schwere Spinnennetze, an den Wänden die grauen Hauchs von Kokons, in denen Motten noch schlafen. Müßte man mal staubabsaugen. „Absaugen“, abortus: die Neigung, sie besser zu lassen, sie zu erlauben, zuzulassen.
Das Leben zulassen. Es zu erlauben: als gäb es Verbote. Wer verbietet? - Und dann „greift man“ d o c h „durch“. Oder delegiert es. Womit ich wieder bei der Vertrauensfrage wäre.
Form, Formung: Finger- und Fußnägel schneiden, das Haar schneiden, sich rasieren, die Achselhöhlen rasieren, das Geschlecht rasieren. Rasierte Gedichte. Unrasierte Gedichte. Wer mag schon Haare im Mund?
Achselkapellen.
Erde im Mund.

Mein Sohn, jetzt, sitzt im Zug. Mit einem Freund z u einem Freund. Daß der Begriff „Freund“, bei Facebook, von mir oft als unangemessen gerügt, auch wahrwird, wahrwerden kann... - man lernt sehr viel von den Kindern, auch dann noch, wenn sie Jugendliche sind. Ich will niemals diese Perspektive vergessen.
Das Leben findet einen Weg: >>>> Dr. Alan Malcolm. Man habe, erzählte gestern mein Sohn, den ersten erdähnlichen Planeten entdeckt, mit quasi denselben Bedingungen des unsren. 1600 Lichtjahre entfernt, allerdings. Die Götter reiten ziemlich geschwind. Im Amazonasgebiet werden nach wie vor neue Arten entdeckt.
Die harmonischen Stege der Schüsselbeine, inmitten ein Näpfchen fürs Öl (so der „Duftende Garten zu Erholung des Geistes“, worin >>>> Nefzaui die Clitoris mit einer Zunge vergleicht und das gesamte äußere Geschlecht mit der Spur einer Gazelle im Wüstensand: so gesehen wäre „Der wüste Sand“ ein wunderbarer Gedichtbandtitel, Der Wüste Sand: >>>> The Waste Land).


Ich brauche einen Babelfisch.

(Immer wieder eine Berückung, wenn es regnet, und doch scheint die Sonne. So gerade eben geschehen.)

Traumschiff│Roman │ mare. Die Verlagsvorschau.





(Erste Doppelseite)
>>>> Zweite Doppelseite)

(Als pdf: mare_Vorschau_Herbst2015_ANH (pdf, 2,525 KB)


(Siehe auch >>>> dort.)

Frühling von Sottoripa. Eugenio Montale, Mottetto uno. Zweiter Übersetzungsversuch (ANH).


Mottetto I

Lo sai: debbo reperderti e non posso.
12
Come un tiro aggiustato mi sommuove
14
ogni opera, ogni grido e anche lo spiro
15
salino che straripa
7
dai moli e fa l’oscura primavera
12
di Sottoripa.
5

Paese di ferrame e alberature
13
a selva nella polvere del vespro.
11
Un ronzìo lungo viene dall’aperto,
12
strazia com’unghia ai vertri. Cerco il segno
14
smarrito, il pegno solo ch’ebbi in grazia
13
da te.
2
E l’inferno è certo.           
7
Erste Mottette

Du weißt: ich muß dich neu verlieren und kann’s nicht. 12
Jedes Werk beunruhigt mich wie Schüsse, die ihr Ziel 14
verfehlten, wie jedes laute Rufen und sogar der Hauch 15
des Salzes, der über die 7
Mole hinaussprüht und den Frühling verdunkelt 12
von Sottoripa. 5

Landschaft des Eisens und der ragenden Masten 13
ein von Tagwerk allabends staubiger Wald. 11
Von draußen her ein langgezogenes Sirren, quälend, 12
wie ein Nagel auf Glas kreißt. Mein Blick irrt nach Zeichen, 14
verborgnen, einem einzigen Hinweis, du seist mir 13
noch hold. 2
           So ist die Hölle gewiß. 7

Erster Versuch,
auf den sich
>>>> Parallalies Kritik bezog, vom 17.7.:

Du weißt: ich muß dich neu verlieren und kann’s nicht. 12
Wie eine ungenaue Schußbahn beunruhigt mich 14
ein jedes Werk, jedes laute Rufen und sogar der Hauch 15
des Salzes, der über die 7
Mole hinaussprüht und den Frühling verdunkelt 12
von Sottoripa. 5

Landschaft des Eisens und der ragenden Masten 13
in einem von Andächten staubigen Wald. 11
Von draußen quält mich ein langgezognes Summen, 12
das wie ein Nagel auf Glas kreißt. Ich schaue nach Zeichen, 14
verlornen, einem einzigen Hinweis der Gnade 13
von dir. 2
           Und die Hölle ist gewiß. 7

„Das Schwarze Museum ODER Die Rache der Chassée.“ Aus der Ersten Fassung.

(...)
Hinter vorgehaltenen Händen lief bald um, der Vertrag mit Frau Chassée werde nicht verlängert, sondern unmittelbar nach Eröffnung des Neuen Museums aufgekündigt werden. Sogar von einer fristlosen Kündigung war die Rede, die man so kurz vor der Eröffnung des Neubaus aber wohl nicht wagte. Daß sich, wie durchsichtig auch immer, irgend eine arbeitsrechtliche Verfehlung hätte finden lassen, steht erfahrungshalber außer Frage. Aber der Schaden für die Stadt wäre zu groß gewesen – ein selbst für Frankfurter Verhältnisse furchtbares Eigentor, bei dem eine möglicherweise gerichtlich erstrittene Wiedergutmachung, etwa in Form eines Schmerzensgeldes, noch das geringste Übel gewesen wäre. In jedem Fall war offenbar, daß der Magistrat mit Madame Chassée jemanden eingekauft hatte, deren selbst von Gegnern des KKMs anerkannte Bedeutung für die Durchsetzung dieses neuen Museums ideal genug war, um die hinter dem Projekt eigentlich stehenden Interessen in genau dem Schatten zu verbergen, den der Ruf dieser Frau ihnen warf. Und daß man ihn nach der Eröffnung, hätte die Mohrin ihre Schuldigkeit nur erst getan, billig überblenden wollte. Ihr selbst blieb nichts, als das auszuhalten.
So etwas ist nicht leicht. Ich nahm daher an, daß sie sich wenigstens symbolisch zur Wehr setzen wollte, als sie zur Eröffnung den eigentlichen Haupteingang des KKMs verschließen ließ, der zum Park, also nach hinten hinausging, um die Besucher nunmehr auf der Mainseite zu empfangen. Da es dort aber keinen Uferweg mehr gab, über den sich dieser Eingang erreichen ließ, wurden wir gezwungen – auch die Parteigrößen, die Vertreter der Kirchen und der Industrie; alledie nämlich kamen – , uns auf dem Fluß übersetzen zu lassen. Dazu pendelten eigens zwei Fähren, die aber kaum je zwanzig Leute faßten, allein weil der drübige Anleger so schmal war. Auf der rechten Mainkaiseite aber drängten sich die Leute trotz der Hitze fast übers ganze Ufer von der Untermainkaibrücke bis zum Eisernen Steg und nach hinten in die Innenstadt hinauf. So spielte zu meiner völligen Überraschung das Wetter gar keine Rolle. Alle erhofften sich den satten Skandal, in dem sich die angestauten Aggressionen endlich entladen könnten. Sogar Fahrzeuge nicht nur des Hessischen Rundfunk standen die Promenade entlang, nein, auch die anderer ARD-Anstalten, des ZDFs und einiger Privatsender. Kameras und riesige Leuchtanlagen wurden aufgebaut, egal wie sonnengleißend der Fluß sowieso reflektierte. Gleichsam vermeinte man, noch durch das wogende Reden und Rufen die Filmspulen schnurren zu hören.
Natürlich war das Unfug, kein Mensch filmt mehr auf Zelluloid.
„Um Gottes willen!“ rief Consuelo aus, als wir endlich einen Parkplatz gefunden hatten und bis in die untere Karmelitergasse vorgedrungen waren. „Du willst dich da wirklich reindrängen?“
Über der Szenerie lag etwas überaus Altes, quasi Urvorzeitiges, von dem auch ich nicht ahnte, wie zutiefst venerisch es war. Überdies waren die meisten Besucher in schwarzer Garderobe erschienen. Man konnte den Eindruck einer ungeheuren Beerdigung haben. Und Stunden würden vergehen, bis wir endlich drüben wären. Dennoch, ja, ich wollte mich reindrängen. So sehr sog die dunkle Front des Museums mich wie alle anderen an, als wären wir der Gravitationskraft eines Schwarzes Loches zu nahe gekommen.
Dabei wirkte das fensterlose Gebäude gar nicht viel größer als die anrainenden Museumsvillen links von ihm. Also schien irgendein optischer architektonischer Trick, den ich nicht durchschaute, die ungemeine Attraktion zuwegezubringen. Um so absurder kamen mir die den Schaumainkai nach Osten hinauf errichteten Büdchen vor, die Kunsthandwerkstände, dazwischen die aufgepumpten Wülste einer überdimensionierten, orange leuchtenden Hüpfburg. Hunderte Luftballons stiegen dort auf. Kinderschreie, Bratwurstduft. Und daran direkt der weltallschwarze Quader des kosmischen Museums. Als schnitte er ein ganzes Stück Wirklichkeit aus der Stadt einfach heraus.
(...)

Aus einer Email an Nora Gomringer.

„Und jetzt noch Büchner für Goetz. Allmählich scheint sich was zu tun. Der Generationenwechsel wirkt. Man kriegt direkt wieder Hoffnung.“
[Peter Huchel für >>>> Böhmer.
Ingeborg Bachmann für >>>> Gomringer.
Georg Büchner für >>>> Goetz.

Ergänzend schlage ich vor:
Heinrich von Kleist für >>>> Eigner.
Alfred Döblin für >>>> Krausser.]


Über den Mittag (u n t e r dem Mittag) des 6. Julis 2015.


Ich hatte eine Lesung aus dem >>>> Traumschiff in einer Wiener Schule, dem Alter der jungen Zuhörer:innen nach einem Gymnasium. Und ich begann. Alle hörten mir aufmerksam zu, bis mir, plötzlich, die Sätze vor den Augen verschwammen, Satzteile. Ich sehe das Buch vor mir, eine Stelle etwa in der Mitte, rechte Seite, kurz über der Leerzeile, die zwei Abschnitte trennt. Der Satz, den ich gerade vorzutragen angefangen hatte, ließ sich nicht beenden, ich erkannte die Wörter einfach nicht mehr und versuchte, sie mit denen des Folgesatzes zu kombinieren, um wenigstens dieses Kapitel zu einem sinnvollen Ende zu bringen. Es ging nicht. Ich entschuldigte mich. Nein nein, sagten einige, es ist das alles doch sehr schön. Ist doch nicht schlimm. Aber ich sah, wie sich andere Schüler unter die Tischplatten duckten, als wenn sie sich in Deckung bringen müßten. Oder waren sie eingeschlafen?
Ich warf einen Blick zu dem Lehrer, der ganz hinten saß, neben der Tür, der mir sehr vertraut war, möglicherweise mein Freund Ch. Immerhin ließ sich etwas sehen, wenn ich mich von meinem Buch abwandte. Nahm ich es aber erneut in den Blick, fingen die Sätze abermals zu verschwimmen an, ja nun, von rechts her, schob sich eine schwarze Fläche vor meine Augen, erst vor das rechte, dann vor das linke. Ich werde blind, dachte ich. Wenn ich aus diesem Buch noch weiter vortrage, werde ich erblinden.
So gab ich auf. Alle klatschten.,
Ich ging langsam zu dem Lehrer hinüber, der aufgestanden war. „Was ist denn gewesen?“ Ich versuchte zu erklären, fand aber die richtige Wörter nicht, wurde leiser, verstummte nun auch. Da kamen einzelne Schülerinnen und Schüler zu uns beiden her, bedankten sich noch einmal für die schöne Lesung und drückten mir Geldstücke in die Hand, versteckt, mal ein 1-Euro-, seltener ein 2-Euro-Stück, was den Eindruck eines Backschischs vermittelte, das sie mir aus Mitleid gaben. Davon wachte ich auf.

Noosphäre. Von Schirmbeck (2).

So sehen wir die drei großen Phasen: erstens die rein biologische Phase, die durch die blinden Werkzeuge der Mutation und natürlichen Auslese wirkte: zweitens die psycho-soziale Phase, in der wir heute noch stehen; drittens die zukünftige kombinierte Phase, die sich möglicherweise sowohl psycho-sozial als auch wieder biologisch-genetisch vollzieht, weil in dieser Phase die erforschten genetischen Mechanismen in den Dienst einer bewußt gesteuerten psycho-sozialen Entwicklung treten.

Schirmbeck, Das Schöne in einer entsinnlichten Welt

Schirmbecks Vermächtnis. Von Schirmbeck 1.

Denn Mathematik ist Sprache, entsinnlichte, zeichenhaft-schattenhafte, zu äußerster Genauigkeit und Stringenz verdichtete Sprache zwar, aber immerhin eine Sprache, deren logische Struktur ihre Herkunft aus der indogermanischen Sprachgruppe nicht verheimlichen kann. Die Anwendung dieser Sprache hat unsere Welt in den letzten vierhundert Jahren stärker verändert als alle Umwälzungen in der vorhergehenden Million Jahren das vermochten. Die Dichter aber haben von dieser Sprache bis heute keine Kenntnis genommen. (…) Wenn aber die Wissenschaft aufgrund ihrer Sprache neue Dimensionen des Wirklichen erschlossen hat, dann kann der Dichter, wenn das Weltganze in seinem Werk zur Sprache kommen soll, nicht gleichgültig danebenstehen und so tun, als ginge diese Grenzerweiterung ihn nichts an.

Heinrich Schirmbeck, Die Formel und die Sinnlichkeit, 1964

Weiß die Päonie,

liegt rosa aber ein Blatt
bei ihrer Vase.

For James Salter

flames of reality
roses of no return

„Studie in Endbraun“: Aus der Ersten Fassung.

(...)

Und vor zwei Stunden schwammen zwei Fische aus dem Fischbild heraus, kleine blaugrüne Fische. Ich saß in dem alten Sessel, den Monsieur Clarens hat uns hochwuchten lassen, nicht er selbst tat's, sondern Philippe, ein Junge aus der Nachbarschaft. Mara brachte ihn neulich mit, er half ihr mit den Tüten. Als ich ihm ins Gesicht sah, protestierte ich nicht, wurde nicht wütend, machte der Frau keine Vorhaltungen. Denn so tief die Augen in den Höhlen! tief wie in unsrem Verschlag. Dabei ist er keine elf oder zwölf Jahre alt. Dennoch trägt sein Gesicht die Züge eines sehr alten Mannes. Der Junge blieb auch nur kurz. Man muß hoffen, daß er sich draußen über uns nicht verplappert.
Und dann sah ich, wie die beiden Fische, die sehr ruhig, sogar ein wenig neugierig durch den ganzen Raum schwammen, einfach weiterschwammen: erst zum Tisch, dann durch eine Stuhllehne zur Kommode, auf der die flache zweiflammige Kochstelle steht und wo sich noch immer Geschirr stapelt, von dort wiederum zu Maras Arbeitstischchen mit den Kunstharzen und Acrylen bei den rohen Bechern und Tellern. Ohne mich rühren zu können, sah ich ihnen zu. Es war, als würden die Fischklein alles beschnuppern, was ihnen und ihrem Element unbekannt war, bevor sie nicht nur aufstiegen, sondern abermals die Richtung wechselten, um zu der Wolldecke hinzuschwimmen, die dämpfungshalber und gegen den Luftzug vor die Lattentür gehängt ist, hinter der es hinaus und hinunter in die Freiheit geht und in der plötzlich, die Decke mit einer Hand zur Seite raffend, der Junge wieder stand. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Auch war er alleine gekommen, Mara war nicht bei ihm.
Er stand nur da und sah mich an. Ich konnte mich immer noch nicht rühren.
Hallo, sagte er, und die beiden Fische schwammen in eines seiner Augen hinein, das linke.

(...)

ANH, Studie in Endbraun (auf Bilder >>>> Felix Nußbaums)

SENTENCES. Die fünf Sinne:

Ich bin, ich existiere in dieser gemischten Kontingenz, die für Veränderung sorgt durch den Gewittersturm des anderen, durch die Möglichkeit seiner Existenz. Wir bringen uns wechselseitig aus dem Gleichgewicht, machen uns unser Dasein gegenseitig riskant.
Wo das Gemisch den Gipfel seiner Sättigung erreicht, ist die Ekstase der Existenz eine Summe, die ihre Möglichkeit der Kontingenz des anderen verdankt. Meine Kontingenz ermöglicht dem anderen dieselbe Begegnung. Weiße Summe aller Farben, sternförmiges Zentrum aller Fäden.

Michel Serres.

Siehe den Tagsaum.

Über des Morgens Brücke
schreitet ein Schatten.

SENTENCES. Die fünf Sinne:

Die Maler verkaufen ihre Haut, Modelle vermieten die ihre, die Welt gibt ihre Häute her, ich habe die meinige nicht gerettet, da ist sie. Abgezogen, imprimiert, triefend von Sinn, oft Schweißtuch, zuweilen glücklich.
>>>Michel Serres.

...

Du kannst ihn mir nicht geben.
Deinen Atem.
Ich kann nicht atmen durch dich.

Du kannst ihn mir nur nehmen.
Ich atme nur durch mich.


Ihn dir zu nehmen. Das hatte sie sich damals oft vorgestellt und welche Kraft es wohl braucht. Du würdest sie sofort haben. Um dich zu wehren. Aber willst du das überhaupt? Willst du das wirklich? Das hätte sie dich gefragt und deine Antwort auch gelten lassen. Aber wie hättest du in diesem Moment noch darüber nachdenken, gar eine Entscheidung für die Deinen treffen können? Das wäre gar nicht möglich gewesen. Du hättest es nicht gekonnt. Dein Körper hätte sich einfach nur gewehrt.

Doch woher würde ihre kommen?

Wie würde sich das anfühlen in den eigenen Händen? Mit voller Seele eine andere Seele aus einem Körper zu treiben. Dieses Bewusstsein rettete ihr das Leben. Sie konnte darüber nachdenken. Hatte sich entschieden. Ohne dass du davon wusstest, es wahrgenommen hast, es überhaupt konntest.

Du würdest das vermutlich verstehen, heute, denn er hatte sich einfach nur gewehrt, ohne sich jemals wieder irren zu können. Dein Körper. Das rettete dir während du schiedst noch einmal das Leben und wie du auf es blicktest, durch dieses noch so junge, unbedarfte, das da wurde durch dich.

Gib Deine Hände.

Auf der Decke die Finger.
Kein Hauch ist im Raum.

Michel Serres. Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische.

Ich danke dir sehr für dieses Buch. Ich liebe es schon jetzt. Habe es noch im Zug aufgeschlagen. Bin bis Seite 29 gekommen. 2tes Kapitel. Nicht darüber hinaus, weil ich einzelne Textpassagen immer wieder las und lese. Schleppe es mit mir herum. Kritzele darin herum.

Wir hatten nie etwas anderes als das Duell, den Dualismus, die Perversität kennengelernt, lächerliche Liebhaber, grausam und in Eile. Ich umarme dich. Nein, meine Seele fliegt nicht um dieses zarte Netz herum, das wir beide um die Berührung spannen. Nein, das ist weder meine Seele noch die deine. Nein, das ist weder so einfach noch so grausam. Nein, ich mache dich nicht zum Objekt, ich lasse dich nicht zu Eis erstarren, ich binde dich nicht an mich, ich vergewaltige dich nicht, und ich behandele dich nicht wie der unsägliche Marquis. Noch auch erwarte ich, dass du seine Nachfolge antrittst.

Der Unsägliche? -Doch, kann man ruhig machen, seinen Namen aussprechen.

Unsäglich ist ja nur die eindimensionale Begriffsableitung des Sadismus. Der hat ja nicht nur einen Masochismus und Sadismus und die gegenseitige Wechselwirkung beschrieben sondern noch was anderes gemacht. Ganz plakativ Körper gegen Kopf anrennen lassen. Orgie gegen Disziplinierung. Ausschweifung gegen Strukturierung. Und umgekehrt. Und das auch nicht in Rollenverteilung. Sondern beides in eins konzentriert. Im Einzelnen.

Ich verbinde das mit eher skurrilen bis hin zu unfreiwillig komischen Bildern. Liegt natürlich an der Nichtteilnehmerperspektive die ich habe, weil ich mir es als Leser gerade einmal vorstelle. So wie er sie eben sich hat in Reihe stellen lassen, wie an einer Kasse im Supermarkt. Alle nackt: Frau hinter Mann hinter Frau hinter Frau hinter Mann hinter Mann… Egal! Und jeder irgendwas von sich im Anderen stecken.

Aber interessanterweise das ganze „Konstrukt“ in dieser Choreographie haltend, als wäre die gesamte Schlange Mensch ein dauerhaft erigierter Schwanz. Wahrscheinlich stand er sogar kurz da und hat darüber lachen müssen. Bei all dem Ernst. Das macht seine Denke doch sehr interessant, das unfreiwillig komisch Skurrile ist für mich sogar eine weitere Komponente die ergänzend hinzukommt. Da klingelt der Marquis bei mir durch. Wer würde da schon teilnehmen wollen? Du nicht. Ich nicht. Und doch, ist ja nur ein Stellvertreterbild, machen´ s alle mehr oder weniger im Alltag unter der, falls sie noch da ist, Wahrnehmung einer Unterwerfung eines Apparaten (der sicher nicht erigiert ist / sein kann). Alle leidlich stöhnend. Jammernd überall. Über dies oder das. Egal wo man ist. Das mache ich auch für mich geltend. Denn wer jammert, der sollte hinschmeißen, lässt sich nichts ändern. Oder weiter an der Schraube drehen. Doch wer weiterhin hinnimmt, hat den Mund zu halten. Klingt hart, sehe ich aber mittlerweile so.

De Sade hat nicht rumgemacht mit Ich und Du. Für mich war das auch ein Soziologe. Und solange er nicht im Kittchen oder im sog. Irrenhaus war, was ja irgendwie das Gleiche war zu der Zeit, war er auch noch in dieser Hinsicht Pädagoge für Adulte. In Gruppen hat er die durchgewunken. Ob sie nun was damit anfangen konnten oder nicht. Und dass der Mann natürlich jenseits von meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen war, ist klar. In seiner Wahrnehmungsextreme, die versucht hat all das zu umspannen. Der hat seine Höllenkreise durchlaufen. Ganz sicher mehrere in seinem Fall. Ist auch besser! Von einem in den nächsten. In keinem hängen zu bleiben. Sich loslassen um hineinzufallen, um sich dann in diesem wieder loszulassen. Draußen und Drinnen. Drinnen und Draußen. Wo bin ich? Entscheidungen. Sonst bist du im Limbus. Wer guckt da noch nach Rechts und Links, nach den Nachbarn!? Ich würde es nicht tun. Die kann man ohnehin nicht als Begleiter mitnehmen. Das wäre grob fahrlässig. Nicht den Nachbarstellvertreterpappmann, nicht die Masse. Es sei denn, dein Nachbar / deine Nachbarin ist der Teufel in Person. Dann schon. Das war ihm wohl auch klar. Ansonsten nur den Einzelnen. Immer nur sich. Denn rein als Soziologe kannst du es nur monströs demonstrieren.

So fällt mir auch Kurt Tucholsky ein und was er über Manns Untertan schrieb: Dieses Buch ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Rohheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolgsanbeterei und seiner namenlosen Zivilfeigheit.

Habe meine Abiklausur über den Untertan geschrieben, musst du wissen. Verlange Einsicht. Was da wohl so steht?

Ich freue mich auf deine Antwort. Ich liebe Angebote. Sie zu machen, sie anzunehmen. Mehr kann man nicht tun, oder!?

Zartheit. Dezentheit. Auch das sind Extreme. Feinste. Keine leichten Leichtigkeiten. Aber die wundervollsten. Alles ist immer Durchdringung, Vermengung. Von Subjekt und Objekt. Eben, da muss man vom Soziologen wieder wegkommen. 1 Semester Soziologie. Das war nix für mich!

De Sade hat den Menschen ausgezogen. Tucholsky, in dieser einen Erzählung, (wie heißt sie noch? Werde sie lesen.) dagegen …, ja was: zärtlich entkleidet? Oder gar zärtlich angezogen?

Sag´ schon! Was? Was? Was? Ich geh´ dich an! Ichgehdichaninteresse. Bin Stürmer! Weil ich den Anderen vor die Brust schlagen muss. Kann gar nicht anders.

Denn der erste Satz allein: Feuer im Schiff bedeutet höchste Gefahr; es treibt dich hinaus. Den verstehe ich auch auf eine zweite sehr positive Weise.
 

twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner