Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Bis Okt. 2017 verboten)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007    Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.

Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013    Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Seit Okt. 2017 wieder frei)

James Joyce, Chamber Music/Kammermusik. Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH, Arco Wien/Wuppertal 2017/18
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Immer läuft unten etwas durch.

Das Arbeitsjournal des 20. Februars: >>>> Dort.

Das Arbeitsjournal des 19. Februars.

>>>>Dort.

Wo Rettung zu sein scheint. Das Arbeitsjournal des 18. Februars.


>>>Dort.

Antonello, Geschlechter, Äquivalenz. Mit Radio France contemporaine.

Im neuen Arbeitsjournal, dem des heutigen Tages, >>> dort.

DIE DSCHUNGEL AB HEUTE BEI WORDPRESS & STEIN.

Bitte notieren Sie sich >>>> die neue URL.


https://dschungel-anderswelt.de


Ich bitte um Verständnis dafür, daß sich registrierte Kommentator:inn:en und Beiträger:innen dort neu registrieren müssen; selbstverständlich können Sie Ihre gewohnten Anonyma auch dort verwenden. Die nunmehr „alte” Dschungel wird bis zum 31. Mai noch erreichbar bleiben, schon weil einiges in der „neuen” nachjustiert werden muß. Dieser Prozeß wird Zeit in Anspruch nehmen; auch sind wir uns noch nicht völlig drüber im klaren, ob es bei dem jetzt gewählten, an dieses vorherige angelehnten Aussehen bleibt; mit sogenannten Themes wird einstweilen noch herumgespielt.

ANH

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Die Dschungel ward und wird verpflanzt. Neue Website und URL. Das letzte Arbeitsjournal h i e r. Geschrieben am Sonntag, den 11. Februar 2018.


[Arbeitswohnung, 7.22 Uhr]
Lange, sehr lange wurde ich schon gewarnt, nicht nur durch Nachlässigkeiten meines Webloghosters Twoday in der Weiterentwicklung, bzw. Instandhaltung der evolierenden Technologie (etwa wurden Twoday-Blogs schon lange nicht mehr von Google erfaßt), sondern vor allem durch Freunde, >>>> Benjamin Stein allen voran. Gestern nun las ich das und wandte mich sofort an ihn, zumal er den „Umzug” seines >>>> Turmseglers schon vor längerer Zeit vorgenommen und da eben mir das gleiche empfohlen hatte, sogar mit dem Angebot, ich dürfe seinen Webspace nutzen. Aber dieser sein Umzug zog sich hin, war kompliziert und komplex --- wie denn, dachte ich, gelänge dergleichen bei einem Rhizom wie Der Dschungel? Völlig unmöglich, dachte ich, Wochen, ja Monate der Arbeit! - eine Zeit, die ich definitiv frei zur Verfügung nicht habe.

Nun, es gelang, gelang sogar vergleichsweise schnell: >>>> DIE Neue DSCHUNGEL. ANDERSWELT

Möglich allerdings ward dies vor allem durch die Hilfe eines von >>> In a neon wilderness entwickelten Exportprogramms, das >>>> dort kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Dafür auch an dieser Stelle einen riesigen Dank. „Man müßte ihm die Füße küssen!” rief Stein in einer Email an mich. Er hat das Programm noch ein wenig feinjustiert und die Tweaks der Neonwildnis auch übermittelt, ebenfalls zur allgemeinen kostenlosen Nutzung.

Alte Bäume verpflanzt man nicht, heißt es, schon gar nicht einen ganzen Wald, ja Urwald. Daß es in diesem Fall gelang, zeigt vielleicht ein wenig, es sei mit dem Altern nun doch so weit noch nicht. Deshalb rufen wir nach wir vor aus:

Die Dschungel lebt: Wohl dem, der Dschungel birgt!

***


Ich beschließe diesen letzten Eintrag in der alten Twoday-Dschungel mit dem Gedicht von Rudyard Kipling, mit dem im Ventôse des Jahres 1985 des allen Vorlauf anhub, vor also zweiunddreißig Jahren:

Dschungelblätter 1 (1985):


und danke Twoday für dreizehn Jahre Beistand, besonders >>>> Dieter Rappold, der mir auf >>>> Oliver Gassners Intervention von Anfang an zur Seite stand. Ohne diese beiden hätte es Die Dschungel wahrscheinlich so nie gegeben.

ANH, Berlin
11. Februar 2018

Meines Sohnes erster Rap-„Release”: B L Ü T E N S T A U B . Von Dazou & Cazo.



Adrians Erstrelease BLÜTENSTAUB LOGO

>>>> D o r t


III, 361 - Immer unvorbereitet

Eigentlich wollte ich eine Begebenheit beschreiben, die mich damals in Berlin davon abstehen ließ, weiterhin die Seminare im Institut für vergleichende Literaturwissenschaft vor allem bei Hamacher zu besuchen. Es betrifft einen Abend mit einer Kommilitonin, die mir während einem der Seminare einen Pfennig als Glückspfennig vor mich hingelegt. Es kam dann zu einer Kneipenrunde in Kreuzberg 36. Und zu den Mechanismen, die ich schon auf dem Dorf eingelernt, wenn irgendwo ein Schützenfest oder ein Schwofabend war. Der Alkohol als Voraussetzung. Nö, nichts metoo-Verdächtiges, da keine Machtverhältnisse vorhanden, sondern nur Ohnmachtsverhältnisse. Nur Peinlichkeiten.
Aber die Einzelheiten, die mir dieser Tage ständig durch den Kopf gehen, sind nicht geeignet, wiedergegeben zu werden. Muß ich schon für mich behalten. Zudem war ich damals tatsächlich psychisch angeknackst, irgendwann dann der Gang zur Psychobetreuung der TU (?). Und besuchte bald überhaupt nichts mehr. Verdingte mich stattdessen bei meinem nunmehr von der FU entlassenen Italienisch-Dozenten, ihm als sozusagen Tippse und Vorübersetzer zu dienen. Gegen Schwarzgeld. War natürlich keine Zukunft.
Insofern ein immer wiederkehrendes Reflektieren über das, was Studium eigentlich bedeutet hat. Eigentlich nur die Auseinandersetzung mit sich selbst in der Unfähigkeit, sich den Sprachduktus des Akademischen anzueignen, auch wenn mir im ersten Seminar zum ‘Herzog Ernst’ das Nachplappern sehr gut gelang bei einem mündlichen Referat. Erst sehr viel später lernte ich Mandeville kennen, der heute wieder auftauchte, als ich anfing ‘The Antipodes’ von Brome zu lesen. Den Band kaufte ich damals in der Habelschwerdter Allee nicht weit von der Rostlaube zum einen wegen der Antipoden (Neuseeland-Phantasien damals) und zum andern wegen des Nachnamens, der dem Namen des Ortes homophon, dessen acht Kilometer entfernte Badeanstalt ich oft und gern aufsuchte, fleißig auf die Pedalen des Fahrrads tretend. Oft zu dritt oder zu viert.
Das Vorwort belehrt mich, es sei ungefähr in dem Sinne aufgeführt worden, den Zuschauern nach einer der schwersten Pestzeiten in London, die mehr als ein Jahr gedauert, das Publikum in einem gewissen Sinne psychologisch wieder aufzupäppeln. 83 gekauft und seither nicht gelesen.
Im Gefolge waren dann eher wichtig die Bekanntschaften, die ich auf diesem Weg machte.
Die dann schon eher prägten.
Lebe insofern in diesen Reflektionen, während der Tabaccaio tatsächlich vorzuhaben scheint, seinen Laden anderen Leuten zu übergeben. Es riecht mittlerweile nach Parfümerie-Artikeln. Er zwar immer noch präsent, aber eher nebenbei. Und vorgestern gleich drei neue Gesichter hinter dem Tresen. Wodurch der Umstand wegfällt, daß ich schlicht erscheine, um zu erhalten, was ich brauche. Ich muß es nunmehr mit genauen Worten beschreiben.
Aber mit genauen Worten zu beschreiben, was man braucht, ist eine Unmöglichkeit, die sich lediglich umschreiben läßt mit dem Erschrecken vor dem Wiedererkennen von Leuten auf den üblichen Wegen, die man intus hat, und denen man einem Kennenlernen einen unverbindlichen Gruß voranstellt, um ihm zu entgehen.
Das Gestrüpp im offenen Gesicht, hinter dem man sich verbirgt. Mein Lachen gestern, als ich den Tabaccaio-Laden verließ. Alle sagten “ciao”, nur Walter sagte sehr förmlich “buona sera”. Ich dreht mich zu ihm um und sagte ebenso förmlich “buona sera”. Er kehrte zurück ins Unformelle und Unförmliche des “ciao”. Mir nur scheu in die Augen schauend.
Warum, weiß ich schon. Er hat sich unter mir eingekauft, wo anfangs eine Tischlerei gewesen. Hatte versucht, von meinem Wasseranschluss zu profitieren. Neulich die Frage, ob ich Fernsehanschluß hätte. Und die Andeutung, mir aufs Dach zu steigen, um die Antenne anzuzapfen. Die zwar da ist, aber von mir nicht genutzt wird. Nichts von alledem passierte.
Und Schlagfertigkeit war noch nie meine Stärke.

III,360 <<<<

Daß wir A n g s t haben sollen.



Hieran ist n i c h t s lächerlich, sondern alles alarmierend. Ideologisch gewitzte Dummheit gewinnt, kurz: der Gender-Mainstream der Macht:

Kunst kommt nicht von korrekt, >>>> NZZ, 7.2.2018

Wann, endlich, wachen die Künstler:innen auf, und die Männer? Deren Unkultur des Kuschens dienert sich der Konsenzgesellschaft an: der Lenkbarkeit von Replikanten.

P.S.: Auch #MeToo ist in diesem Zusammenhang mitzulesen.

Ach, Kinder zu begehren! Carlixto Bieitos Inszenierung der Gezeichneten von Schreker unter Soltesz an der Komischen Oper Berlin.


((Geschrieben für >>>> faustkultur;
dort erschienen am 28. Januar 2018.
Fotos: Iko Freese /
>>>> drama-berlin.de]



Gezeichnete 1/>
Alviano Salvago liebt insgeheim Kinder, und zwar genauso und weil er selbst im Innern Kind geblieben ist. Dieser Interpretationsansatz bestimmt >>>> Carlixto Bieitos Inszenierung durch und durch. Er läßt sich gewiß kritisieren, dazu später, ist in sich indes nicht nur konsequent, sondern hat in der Musik-selbst ihren Grund. Bereits in der Ouvertüre gibt es – nach dem elegischen, filmmusikweiten Hauptthema – sozusagen hüpfende Motive mit so hellen Einsprengseln, daß sehr wohl an Kinder gedacht werden kann; dem entspricht durchaus das ebenfalls elegische Regressive, das von der – im Programmheft „hypertroph” genannten – Instrumentierungsmonumentalität nur scheinbar verdeckt wird; noch weniger verdecken es die Anklängen an die Schlagermusiken des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist ja der Schlager-an-sich regressiv. Um zeitgenössisch zu sein, mache man sich bitte klar, daß er seinerzeit die Rolle spielte, die der heutige Mainstream geerbt und perfektioniert hat. So mußte Michael Jackson sterben, ohne je erwachsene Reife erlangt zu haben (und wir kennen seine Neigung zu eben Kindern selbst); übrigens mimte gern auch David Bowie gern in diesem heiklen Umfeld.
Bei Schreker selbst ist Salvago ein wegen seiner Verwachsenheit gemiedener, vor allem auch von Frauen gemiedener Mann, der seinen Reichtum dafür verwendet, sich einen konkreten Wunscherfüllungsraum zu schaffen, ein phantastisches Refugium, das er „Elysium” nennt und in das er seine befreundeten Männerbekannten einlädt, die es hinter Salvagos Rücken auch weidlich nutzen – will sagen, sie entführen junge Frauen aus der Stadt, um sie auf der Lustinsel teils zu verführen, teils roh zu mißbrauchen. Dabei werden gewissenlos soziale Notlagen ausgenutzt. Diesem in die Renaissance zurückverlagerten Motiv entspricht die gesellschaftliche Wiener Realität der Schrekerzeit: An die 2 % der damaligen Bevölkerung habe, schreibt Simon Berger, von der Prostitution gelebt. Das Exlosive in Schrekers Oper rührte nun daher, daß Sexualität als Thema zugleich tabu war. Zwischen inflationärem Geschehen und Tabuisierung besteht der bekannte, ein höchst enger, Zusammenhang.
Genau das macht diese Oper nun aber gerade in Bieitos Sicht extrem aktuell, zumal er die pädophile, sagen wir, Neigung durchaus nicht denunziert. Denunziert wird ihre mißbräuchliche Umsetzung. Damit ist Bieito sehr viel weiter als die über das Thema gegenwärtig oft hysterisch geführten „Diskussionen”. Nie geht Bieito der gebotenen „political correctness” auf den tabuisierenden Leim. Allerdings fällt er ihr anderswo anheim.
Wie auch immer, zwei Akte lang sehen wir permanente Rückprojektionen von Bildern mißbrauchter, meist auch gewalttätig geschändeter Kinder und Jugendlicher und müssen uns schließlich noch dem Umstand aussetzen, daß nahezu alle Schänder – Verbrecher mithin – ungestraft davonkommen, während derjenige irre wird, der statt der Realisierung seiner „perversen” Sehnsüchte sie in ein eigenes Alice in Wonderland sublimiert hat, in sein Spielland Pinocchios oder in die, bei dem freilich dunkel drohende, Märchenwelt Hans Christian Andersens. Nur der brutale Tamare fällt einem Anfall der ihrerseits mißbauchten Carlotta zum... nein, nicht zum Opfer, sondern bekommt, was ihm zusteht – eine Kehre, übrigens, die Schrekers Textbuch nicht vorsieht.
Fraglich ist allerdings, ob, wie Bieito will, Salvagos Verwachsenheit eben das Begehren nach Kindern schon sei; er metaphorisiert die Neigung, sie personifizierend, als „Krüppel”. Das ist insofern problematisch, als all die anderen Männer, die tatsächliche Mißbraucher sind, „unverwachsen” dargestellt sind. Folgt man nun Bieitos Idee konsequent, wäre die Verwachsenheit eben der Ausdruck des Umstands, daß Salvago seiner Neigung nicht nachgeht, sondern sie in den phantastischen Raum seines Elysiums träumend hineinprojeziert. Hier wird Bieitos Grundgedanke objektiv gefährlich.
Er gerät noch an einer anderen, der wesentlichen Wendung der Oper ins Stolpern. Denn es ist so gar nicht nachvollziehbar, weshalb Salvago – als ein unreif Begehrender - von einer Frau becirct werden kann, von der Malerin Carlotta nämlich, die alles andere als Mädchen, geschweige denn ein Bub ist. Schon ihr erster Auftritt führt das deutlich vor, wenn die Finger ihrer rechten Hand über den Hosenschlitz eines Mannes - ich glaube, es war Tamares – halbspöttisch gleiten. Was sie und Salvago verbindet, ist somit allein beider Manko; auch in Bieitos Sicht bleibt es bei Carlotta der körperliche ihres Herzfehlers.
Allerdings findet sie, indem sie den „Verwachsenen” malt, einen Zugang in seine Welt. Inszenatorisch haut sie in die Pappwand, vor der nahe am Publikum die beiden ersten Akte gespielt werden, ein Loch in Form des Körpers des Gemalten: dies das Gemälde eben. Durch dieses klettern dann beide ins Elysium hinein, womit das Ende ihrer Beziehung eingeläutet ist: Carlotta hat ihren „Gegenstand” erfaßt. Indem die künstlerische Herausforderung bewältigt und ihre Formung vollendet ist, verliert Salvago das Interesse der Künstlerin. Gleichsam nebenbei erzählt Bieito, darin Schreker ganz gleich, eine durchaus allgemeine Tragik des Verhältnisses von „normalen” Menschen zu Künstler:inne:n.

Gezeichnete 2

Wer erwartet hatte, der als „Skandel”regisseur berühmt gewordene wie berüchtigte Bieito würde Schrekers sehr oft als „schwül” denunzierte Musik und das erotisch enorm aufgeladene durchaus symbolistische Fin-de-Siècle-Sujet inszenatorisch noch besondere >>>> Treibhaus blüten treiben lassen, sieht sich diesmal freilich getäuscht. Ganz im Gegenteil fährt Bieito jedenfalls die ersten beiden Akte geradezu puristisch auf ein Kammerspiel zurück, das indessen weniger ein solches als mehr ein brechtsches Lehrstück ist. Demgemäß gibt es ein schon von der so nahe am Orchestergraben die Szene beherrschenden, fast nur als Leinwand für die Rückprojektionen dienenden Trennwand erzwungenes „Singen von der Rampe herab”, oft direkt face to face ins Publikum hinein – sehr viel mehr jedenfalls, als daß die Darsteller miteinander agieren würden. Vielmehr agieren sie mit uns. Damit wird alles Geschehen zum theoretischen Diskurs: Es wird reflektiert, nicht erzählt. Ich war ans therapeutische Nachstellen psychischer Dynamiken erinnert, für die ihrerseits die herbeigeschafften Kinderspielzeugrequisiten rein stellvertretende Funktion haben.
Unterlaufen, bzw. überhöhlt wird dies allein von der gleichzeitig durchsichtigen und doch derart expressiv gestalteten Musik, daß ich bei der Ouvertüre viele Momente lang denken mußte, der Klang komme nicht nur aus dem Orchestergraben, sondern werde auch durch höher positionierte Lautsprecher übertragen. Ganz sicher, ob dem so war, bin ich mir bis jetzt nicht. Der Eindruck war jedenfalls frappant: Hier wurde tatsächlich die Projektions- zur Filmleinwand – für mich fast der stärkste Effekt dieser Aufführung.
„Ja, Filmmusik, das stimmt – aber ohne Bilder?” nölte in der Pause ein Zuschauer vom Fach. Er kritisierte etwas, dessen Funktion er zugleich doch erfaßt hatte. Gewissermaßen hat Bieito jeden möglichen Vorwurf einer geilen, nämlich indirekt affirmativen Inszenierung pädophiler Fantasien von vornherein desinfiziert. Das Problem ist nur, daß man es merkt und als spürbare Absicht übelnimmt. Allerdings läßt sich wegen Bieitos Purismus ebensowenig behaupten, er habe sich, die Nase voll im Trend, auf den Rücken des moralischen, bzw. moralistischen Mainstreams gesetzt. Nur daß der Lehrstückcharakter jede Ergriffenheit, so auch jedes MitLeiden und damit alles verwehrt, was Schrekers Musik unter die Haut gehen ließe. Anstatt also Salvagos Neigungen uns mitempfinden zu lassen und dadurch eine sinnliche Vorstellung seiner tatsächlichen Tragik zu vermitteln, bedient Bieito – unwillentlich, ja wider Willen – die Denkverbote zur Pädophilie, nämlich indem er uns nur denken läßt. So stützt noch der schrekersche, aufgetrieben ästhetizistische Raum die psychische Abwehr: Seltsam fühllos bleiben wir nach dem letzten Fallen des Vorhangs zurück.
Freilich, der Purismus wird mit dem dritten Akt aufgebrochen: Die Projektionswand fährt nach hinten, und es baut sich ein so funktionales, so wenig plüschiges Elysium auf, wie man von Bordellen der vorigen Zwanzigerjahre erwarten würde (wir leben heute ja wieder in solchen). Statt dessen blicken wir in architektisch kalten Aufbauprotz. In den zieht Carlotta, die Salvagos Pater-Pan-Gemüt begriffen hat und ihrerseits aber von Tamare mißbraucht wird, einen riesigen Stofftierteddy, legt sich auf ihn drauf und vögelt ihn gestisch – als verspräche auch ihr sich das Heil nur noch durch Regression. Für mich war dies, gerade in dieser auch dargestellten Verzweiflung, die einzige wirklich nahe Szene des Abends, beklemmend nah, furchtbar nah. Dann bricht sie, Carlotta, neu aus, indem sie Tamare ersticht. Es ist dies ein wirklicher Befreiungsakt, der jede Regression durchstreicht: insofern gute Utopie. Daß freilich Genua, der Spielort der Oper, Salvagos Elysium schließen läßt, deckt über die unheilvollen Geschehen erneut das Biedermeiertuch des Schweigens, ohne daß ihre Ursachen auch nur irgend aufgehoben würden.

Gezeichnete 4 Windszus
Fotografie: >>>> Jan Windszus

Innig im Leib bleiben mir, bis jetzt, die verlorenen Blicke Peter Hoares, der den Salvago spielt und singt; auch Carlotta, als er ihr begegnet, sieht er wie eine Fee aus Märchen an und kann entsprechend später nicht begreifen, daß sie ihn nach dem Wunder ihrer Zuwendung wieder von sich wegstößt. Wiederum ihre Tragik ist es – das zeigte bereits ihr Auftritt im ersten Bild – , daß sie erotisch eben nicht vom Mannskind Salvago angezogen ist, nicht über ihn als künstlerisches Sujet hinaus, sondern von dem Machtmann Tamare. Außerdem hätte eine für Salvago anziehende Mädchenhaftigkeit den von Schreker vorgesehenen Sopran gebraucht; Ausrine Stundyte singt aber eher – überdies vor allem anfangs stark tremolierend – im Mezzobereich. Zeitweise fühlte ich mich an Deborah Polaski erinnert. Das läßt die Figur älter wirken, als es Frau Stundytes tatsächliche Erscheinung ist. Sie fängt dies allerdings mit enorm präsentem Figurenspiel auf. Doch würde auch dieses eher auf ein reifes denn kindliches Begehren wirken. Kurz, für Salvago hat sie schlichtweg zu viel Sex, den Bieito sie auch einfordern läßt, siehe Bild 1. Hingegen die übrigen Personen bleiben – lehrstückgemäß – Stellvertreterfiguren, die auch immer Stellvertreterkinder in der Zange haben. Allein noch Michael Nagys, also Tamares, sehr ausgestellter Machismo fällt da so denkfern vitalistisch heraus, daß wir den Eindruck haben könnten, es habe ihm einigen Spaß bereitet, solch „männliche” Sau mal rauszulassen.

Gezeichnete 3

Allerdings der eigentliche Star dieser Aufführung ist das Orchester der Komischen Oper Berlin. Was es unter Stefan Soltesz Leistung aus sich herausholt, ob nun mit oder ohne Lautsprecher, muß sich keine Sekunde lang hinter Barenboims gleich benachbarter Staatskapelle verstecken. Schrekers instrumentale Überblendtechnik jagt einem fast erschreckend in und um die Ohren; der zähe Kitsch seiner Schlageranleihen wird wirklich ästhetizistisch scharf, und die Momente puccinischer Parallelführungen heben sich fast bildlich hervor. Das ist ganz enorm. Und wenn es denn stimmt, daß Wagner das Orchester die Seelenvorgänge seiner Figuren erzählen läßt, so in ihm Schreker die eigentliche Szene – eben die Bilder, die der nölende Opernbesucher bei Bieito vermißt hat. Im Spiel des Orchesters hätte er sie finden können, und gegenwärtiger, als es irgendein Blockbuster aus welcher Traumfabrik auch immer vermöchte.

Schreker Portrait


Franz Schreker
DIE GEZEICHNETEN

Oper in drei Akten.
Dichtung vom Komponisten.

Inszenierung Calixto Bieito – Bild Rebecca Ringst – Kostüme Ingo Krügler
Dramaturgie Simon Berger – Chöre David Cavelius – Licht Franck Evin – Video
Sarah Derendinger


Joachim Goltz, Michael Nagy, Jens Larsen, Ausrine Stundyte,
Peter Hoare, Adrian Strooper, Ivan Turšić, Tom Erik Lie, Johnathan McCullough,
Önay Köse, Samuli Taskinen, Katarzyna Włodarczyk, Christiane Oertel, Christoph Späth, Mirka Wagner, Emil Ławecki
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Vocalconsort Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin
Stefan Soltesz


Die nächsten Vorstellungen:
Sa 10. & So 18. Feb.,
Mi 11. März

>>>> Karten

III, 360 - … und immer noch keine Musik, aber das wird sich gleich ändern

Hat der Tabaccaio jetzt etwa einen Lehrling? Er selbst telefonierte, am Lottospieltresen stehend, hinterm Haupttresen stand aber ein junger Mann, sichtlich darum bemüht, Ordnung zu bringen in sein Hinterm-Tresen-Sein. Nie zuvor gesehen. Ob er neu sei, fragte ich, was er bejahte. Auf dem Heimweg fiel mir ein, daß die Frage eigentlich ziemlich zweideutig war, denn sie lautete ja “sei nuovo?”, die aber auch so verstanden werden konnte: “sei ‘n’ovo?” Was nichts anderes bedeutet als: “Bist du ein Ei?”
Denn er war ziemlich kahl geschoren. Ich habe seit Tagen Ähnliches vor, wahrscheinlich deshalb mein nach Innen gerichtetes Kalauern. Immerhin ist der Weihnachtsmannbart ab. Mehr zu sagen, traut sich mein Anstand nicht.
Es sei denn, er hat vor, seinen Laden zu übergeben. Denn in den letzten Jahren fiel einiges fort von seinen Tätigkeiten. Man konnte noch seine Strom-, Gas-, Telefonrechnungen dort bezahlen. Überm Haupttresen hingen massenweise Rubbellose. Jetzt nichts mehr. Außer den Zigaretten und Zigarren usw. bleibt noch das Lotto, drei Slotmachines und Kleinkram wie etwa Glühbirnen, Knabberkram und Coca, Fanta, Bierdosen.
Merkwürdig ist, daß nicht wie sonst am Ende der Woche die Wochendverderber mit Arbeiten sich meldeten mit Deadline “Anfang der Woche”. Auch, daß eine Agentur mir an Sylvester einen Betrag überwies (jedenfalls kam die Gutschrift am 2. Januar), der sich aus der letzten Rechnung von 2016 und der letzten von 2017 summierte. Dazwischen liegen immer noch über zehntausend Euronen. Vielleicht höre ich ja deshalb an den letzten Abenden verdächtig oft die ‘Police’.
Kraus selbst hat keine Schuld daran. Auch wenn er heute von der neuen Strafprocessordnung sprach, die in Oesterreich 1899 in kraft trat und den Advocatengaunern ein Dorn im Auge gewesen. Er ist so pillchenweise eine hübsche Lektüre. So langsam lernt man ihn kennen, seinen Stil, der immer höflich ist, immer wohlinformiert, aber niemals hofiert. Was ihn echauffiert, läßt ihn ein eiskaltes Resümee darüber schreiben. Wilhelm Liebknecht über die Dreyfus-Affaire: Analyse pur.
Einen Tag später. Schon wieder derselbe “Lehrling” beim Tabaccaio, aber abermals in seiner Gegenwart. Ich nutzte die Regenpause, wie auch gestern schon. Zumal gestern regnete, hagelte und donnerte es. Wasser mußte aufgewischt werden unter einem der Fenster, die nach Westen gehen. Überwand mich, mußte mich überwinden, die gestern gekaufte Gasflasche in den Hof zu schleppen. Damit sie griffbereit ist.
Nach wie vor troglodytenhaftes Beimirsein. Da nur eine Arbeit zu tun ist, die nicht allzulang ist und erst für den achten fertig sein muß, treib’ ich das am Vormittag neben der Lektüre voran, am Nachmittag kümmert er sich um seine eigene Produktion, d.h. er sichtet, richtet ein. Aber was da heruntergeladen wurde von seinem Blog, ergab ein Worddokument von über 2000 Seiten. Und so stecke ich vorerst im zweiten Jahr.
Dann in der Küche mit dem Holzofen. Restlektüre mit Kleists Briefen, heute schon bei Wieland, und Wilhelmine ist nicht mehr up to date, dafür umso mehr Ulrike, seine Schwester. Beginn eines neuen Projekts aus dem Französischen (meint aber nicht Kleist, sondern ihn bzw. mich). Er kann das Übersetzen nicht sein lassen, weil ihm so ganz die poetische Ader abhanden gekommen für Eigenes (damit Sie wissen, was ich insgesamt meine, klicken Sie unten auf “Bruno Lampe”, ganz oben das neue Projekt, ohne daß ich jetzt mit einzelnen und speziellen html-Codes herumfummele).
Konsequenz der derzeit gewollten Asozialität: kein Clooney-Film gestern, keine Versammlung des Vereins, der hinter dem Bioladen steht, was mich herzlich gelangweilt und den ganzen Nachmittag unproduktiv verschlungen hätte, keine Liedermachervorstellung am Nachmittag, kein Film heute abend, et demain, wer weiß.
Analog zu dem Hypochonder, von dem es heißt, auch ein solcher könne mal krank werden, behaupte ich also, auch das Leben eines Asozialen kann durchaus spannend sein.
Denn das Leben hat doch immer nichts Erhabneres, als nur dieses, daß man es erhaben wegwerfen kann. Kleist an Ulrike, 1. Mai 1802 “Auf der Aarinsel bei Thun”. Aber keine Sorge, es heißt gleich weiter: Mit einem Worte, diese außerordentlichen Verhältnisse thun mir erstaunlich wohl, u. ich bin von allem Gemeinen so entwöhnt, daß ich gar nicht mehr hinüber mögte an die andern Ufer, wenn Ihr nicht da wohntet.

III,359 <<<<

Harzreise im Winter. Kleine Poetiken (5): Johann Wolfgang von Goethe.


Dem Geier gleich,
Der, auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend,
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.

...

Aber abseits, wer ist’s?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach, wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ward?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ung’nügender Selbstsucht

...

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst


Die >>>> Harzreise im Winter ist eines der längeren Gedichte Goethes, ich stelle es hier gekürzt ein, was unstatthaft ist, - statthaft aber wiederum doch, als dies, mit Man Ray gesprochen, die Schale nicht größer sein läßt als die Banane, kurz: Ich habe Ehrfurcht vor dieser Lyrik. Nicht nur daß sie mir, dem Außenseiter, in meinen späten Jugendjahren, besonders in der ebenfalls partiell von Brahms vertonten Version, oft Trost gewesen ist, ohne mir Selbstmitleid zu gestatten, denn „Mit dem tausendfarbigen Morgen / Lachst du ins Herz ihm!“. Sondern mit allerhöchstem poetischen Geschick reißt Goethe in das harmonische Weltbild, das, stellvertretend für die Deutsche Klassik, ganz besonders er vertrat, mit eigener Hand ein Loch, das die Romantik dann zur Grube aufgestemmt hat, in dessen Tiefen sie zu Mineralien und IchKernen vordrang, um sie ins Laboratorium von Existenzphilosophie und Psychonalyse zu schleppen. Für mich steht „Die Harzreise am Winter“ am Anfang der modernen, der ambivalenten Literatur. Sie erschreibt den Übergang einer in Gottes Hand liegenden, objektiven harmonia mundi – „Denn ein Gott hat / Jedem seine Bahn/vorgezeichnet“ – in die Zerrissenheit skeptischer, subjektiver Multiperspektivität. Im Grunde, so sehr Goethe auch immer noch die Balance aufrechtzuerhalten versucht - „Und Altar des lieblichsten Danks / Wird ihm des gefürchteten Gipfels/Schneebehangener Scheitel“ -, macht die Harzreise Schluß mit Gott. Sie ist Johann Wolfgang von Goethes Steppenwolf: „Ach, wer heilet die Schmerzen des / Dem Balsam zu Gift ward? / Der sich Menschenhaß / Aus der Fülle der Liebe trank?“ Abseits richtet dieses Gedicht den Blick, wo im Gebüsch ein Ausgestoßener Leidender steht, der in die heitere Welt nicht mehr hineingehört. „Ist auf deinem Psalter, / Vater der Liebe, ein Ton / Seinem Ohre vernehmlich“?
Das KunstStück der Harzreise beruht aber nicht auf dem Unheil, das sie benennt – man kann bereits von Psychodynamik sprechen: „Erst verachtet, nun ein Verächter / Zehrt er heimlich auf / Seinen eignen Wert / in ung’nügender Selbstsucht“ -, sondern in der Eingangsstrophe. Denn zwar wie ein Vogel auf seinen Fittichen kreisend frei in der Luft „Schwebe mein Lied“. Doch sind es nicht Falke Bussard Adler, die Goethe benennt, sondern der Geier: homo homini lupus schaut der ganz so nach Beute, wie die Jäger es tun, von denen das Gedicht später erzählt. Achten Sie auf die fast Homer geschuldete Wortwahl und wie hier bereits der Nietzsche des moralfreien Übermenschen vorausgenommen wird: „Mit jugendlichem Übermut / Fröhlicher Mordsucht“. Und noch diese Parallele – Jäger und Raubvogel - ist ambivalent, denn selbstverständlich schaut der Geier nach Aas, so daß bereits in der Eingangsstrophe ein fast zynischer, gänzlich ungoethescher Pessimismus schwingt, so sehr der Dichter die Jäger auch immer rechtfertigen will, „Späte Rächer des Unbills, / Dem schon Jahre vergeblich / Wehrte mit Knütteln der Bauer“. – Aber abseits, was ist’s? Da steht einer, der in die mordfröhliche Bande nicht mehr gehört, steht abseits und schaut dem lärmigen Treiben zu und hört die Hunde das Wild verbellen, Jagdhörner schallen, den hetzenden Nüsternatem der Pferde – und wendet sich um, schlägt sich zurück in den Pfad... ja man möchte meinen, er selbst sei das Wild... und „Hinter ihm schlagen die Büsche zusammen“. Und dann kommt der tröstendste, der wunderbarste, allerklassischste Satz dieses Gedichts: „Das Gras steht wieder auf“. Steht auf wie ein Vorhang fällt, um den Gejagten zu verbergen. Oder steht auf, weil alles Leid ein Ende hat. Und dennoch ist es die Öde, die den Einsamen verschlingt; der Trost besteht sowohl zu Recht, wie er doch lügt. Das bleibt. Das ist so wenig wegzudichten wie, daß die „Winterströme stürzen vom Felsen / In seine Psalmen“, Schönheit und Elend dicht aneinander, beide sind wahr und bedingen sich, mundus non harmonia est. So daß, wenn Goethe seinen Text dennoch in die Apotheose führt und IHn „Geheimnisvoll offenbar / Über der erstaunten Welt“ aus eben den Wolken auf die „Reiche und Herrlichkeit“ blicken läßt, auf denen der Geier kreist, der Gedanke sich einschleicht, GOtt sehe „mit unerforschtem Busen“ aus dessen, aus den Augen eines, der nach Aas schaut. - Es muß sehr kalt gewesen sein in jenem Winter im Harz.

Dem Geier gleich,
Der, auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend,
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.

...

Aber abseits, wer ist’s?
Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
Hinter ihm schlagen
Die Sträuche zusammen,
Das Gras steht wieder auf,
Die Öde verschlingt ihn.

Ach, wer heilet die Schmerzen
Des, dem Balsam zu Gift ard?
Der sich Menschenhaß
Aus der Fülle der Liebe trank?
Erst verachtet, nun ein Verächter
Zehrt er heimlich auf
Seinen eignen Wert
In ung’nügender Selbstsucht

...

Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reiche und Herrlichkeit
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.

Passer, venir ODER Die Volljährigkeit. Für Adrian Ranjit Singh v. Ribbentrop. Statt eines Arbeitsjournals am Dienstag, den 30. Januar 2018.


1999 Ultra

[Arbeitswohnung, 8.39 Uhr
Richard Strauss, Die Ägyptische Helena]

Bei der Familie bin ich nun schon gewesen, früh um sieben, damit auch die Zwillingskinder noch da waren, bevor sie los zur Schule mußten. Der Sohn, grippal seit gestern angeschlagen, wird heute daheim bleiben, damit er abends für seine große Party auch fit ist, die in einem angesagten Berliner Club stattfinden wird. An die achtzig Gäste werden erwartet, möglicherweise mehr.

Nun ist er volljährig.

Welch seltsames Gefühl! „Ich schwanke zwischen Stolz, Gerührtsein und Erschrecken”, schrieb ich gestern nach Wien, und meine Lektorin antwortete: „wenn sich das Alter über die Zeit stülpt, einem bewusst wird, was es heißt: gehen, kommen, passer, venir …” Zwar ist es wahr, daß wir erst wirklich erwachsen werden, wenn unsere Eltern für immer gegangen sind, aber dies ist eine Erfahrung des bereits sehr lange selbstverantwortlichen Menschen; zwischen ihm, bzw. ihr und dem eigenen Ende steht dann nämlich keine Person mehr, der wir entstammen. Aber erwachsen und volljährig zu sein, also in die Selbstverantwortung tatsächlich einzutreten, sind etwas wesenhaft Verschiedenes. Wirkliche Reife erlangen wir wahrscheinlich nur – allein.

Wie war denn ich, als ich achtzehn wurde? Seltsam, ich habe keinerlei Erinnerung, weiß nur noch, daß ich miterlebt habe, wie der Eintritt der Volljährigkeit von einundzwanzig auf achtzehn gesenkt wurde; ich war einer der ersten „Nutznießer” des neuen Gesetzes. Aber da war ich schon nicht mehr daheim, war vom ersten, dem Braunschweiger, Gymnasium geworfen worden, vom zweiten, dem Syker, feuerte man mich zwei Jahre später, und ich floh von meinem Vater nach Bremen, wo ich die Lehre bei den Kulenkampffs begann. Es gibt aus dieser Zeit keine Bilder, doch von vorher. Und ich vergleiche:

2017
Adrian v.R. mit siebzehn
ANH ca 1972
Alexander v.R. mit siebzehn (ANH gab es noch nicht)

In mir war damals alles Aufbruch. Daß ich Schriftsteller werden wollte, wußte ich schon genauso, wie heute mein Sohn weiß, er will Musiker werden. Längst waren schon meine ersten Erzählungen und sogar ein Roman geschrieben; von ihm seinerseits liegen erste Musiken vor: Er vertont Raps und findet dabei höchst ungewöhnliche Wege, etwa indem er sein Cello mitverwendet. Ich stand und er steht noch vor dem Abi. Anders als er indes war ich sozial nicht integriert; ihm ist es erspart geblieben, ein Außenseiter zu sein – etwas, vor dem er ganz sicher nicht von mir, sondern von seiner Mutter geschützt worden ist. Wir Eltern haben uns auf eine im Wortsinn wunderbare Weise ergänzt; >>> das Chaos , das wir zwei miteinander veranstaltet haben, ist da ganz egal gewesen.

Und jetzt denke ich zurück, „passer, venir”, führe mir den kleinen Jungen wieder vor Augen, wie ich mich um ihn legte, wenn wir einschliefen in der Väter-WG, denke an die >>>> „AZWSB”, die mich so lange begleitet hat, bis wir Eltern wieder zusammenkamen, und die >>>> Einschulung meines Jungen, es war die erste gewaltige >>>> Argozeit, waren die ersten Dschungeljahre, noch waren nicht einmal die >>>> Bamberger Elegien geschrieben, die als Hexameter-Etuden für den Epilog von Argo dienen sollten; daß sie etwas Eigenständiges wurden, war mir noch gar nicht bewußt.
Ich denke an die Auseinandersetzungen mit dem Lee/hrpersonal des Schliemanngymnasiums, in deren Folge der Junge auf die Waldorfschule kam, denke an die Geburt der Zwillingskinder zur Jahreswende 2006/07, als der noch Kleine und ich jeden Tag mehrmals in die Charité radelten, wie wir dort unten vor der Klinik die Silvesterraketen loszischen ließen (eine wäre fast durch eines der oberen Fenster gerast), denke an seine ersten Cellostunden und das fast durchweg innige Verhältnis, das er fast immer, bevor seine Eltern wieder zusammen und nachdem sie abermals getrennt waren, zu meinen Geliebten aufgebaut hat, die fast durchweg daran litten, daß ich stets sehr deutlich machte, wer des Jungen Mama war (und nach wie vor ist und bleibt), denke daran, wie unmöglich es für alle meine nachherigen Partnerinnen war, mit mir wirklich eine Beziehung zu führen, weil es da immer etwas gab, an das sie nicht reichten, nicht reichten konnten, von dem sie ausgeschlossen waren; wie ich hörte, ging es den Partnern der Mutter nicht anders.
Ich denke an die Reisen mit dem Jungen, sehr oft nach Italien, meist nach Italien, das Entstehen, er war dabei, des >>>> Strombolizyklus‛ und wie oft wir nachher an Stränden aus dem Sand Vulkane gebaut, die wirklich rauchen konnten; denke an sein erstes Treffen mit >>>> parallalie, bei parallalie, der damals noch in Montecastrilli wohnte, noch verheiratet war; denke an unsere Neapelbesuche und daß er wie ich diese Stadt liebt; denke auch an seinen Freischwimmer zurück, den er mit fünf gemacht; denke an seine frühe Judo- und ein paar Monate lang auch Fußballzeit („Ich will aber nicht tun, was ein Trainer sagt!” Seine tief eingewurzelte Abneigung gegen Befehle. „Dann wirst du dich, Junior, entscheiden müssen.”); denke an all die gemeinsamen Weihnachtsfeste und daß er heute den Baum so schmückt, wie‛s ihn geprägt hat; denke an seine innige Liebe zu seinen beiden Geschwistern und ihre innige Liebe zu ihm (einen großen Bruder zu haben!); denke an unsere vielen Konzert- und auch Opernbesuche und wie er einmal im Großen Saal der Philharmonie, nachdem das Orchester geendet hatte, nach vorne stürmte und aufs Podium kletterte, um, als die Musiker sich verbeugten, sich mitzuverbeugen – und welch ein begeistertes Lachen den ganzen riesigen Raum da erfüllte. Ich denke daran, wie oft er beim öffentlichen Cellovorspiel, für das er gar nicht genug geübt hatte, den Bogen ansetzte und welch ein T o n plötzlich im Raum stand, einer, der sich über die fehlende Technik gänzlich erhob; denke daran, wie wir Eltern ihm Fahrrad zu fahren beibrachten, allabendlich hinaus und mindestens einmal ums Karrée; denke an seine Liebe zu Bananensaft („Wenn du noch viel davon trinkst, wirst du Banane mal selbst...”); denke an seine ziemlich schreckliche >>>> Yugi-oh-Zeit: Es war seine erste wirkliche S u c h t. Wir mußten ihm die Karten entziehen; dies war es tatsächlich: Entzug. Ich denke an seine Star-Wars-Bausätze von Lego; es dürften über die Jahre mehr als einhundert gewesen sein, die er ganz alleine zusammensetzte, schon mit sieben die für Zwölfjährige, konzentriert bastelnd, immer erfolgreich, auch wenn es Stunden dauerte. Ich denke an seine Laserschwerter.
Ich denke an den ersten Einfluß, den die Mode auf ihn hatte: Chucks. Mir gefiel das nicht, aber es war seins, nicht meins. Ich entsinne mich stundenlangen Vorlesens; er war vier, als ich ihm den kompletten Herrn der Ringe vortrug. Seine Mutter tat‛s ähnlich, wir wählten nur verschiedene Bücher. Ich erinnere mich unserer Filmabende, „Männerabend” nannten wir sie. Die ersten Serien, Primeval etwa, die Schatzinselverfilmung (die er sich neulich noch einmal begeistert angesehen hat) >>>> mit dem von Ivor Dean geradezu göttlich dargestellten John Silver, erinnere mich unserer langen Gespräche, darunter Dialoge, die ich, wie >>>> Die Nichtgeborenen, nachher aufgeschrieben und teils in Der Dschungel eingestellt habe, erinnere mich, daß der Charme dieses Jungen und auch noch der des jungen Mannes fast jede und jeden ergriff, die mit ihm in Kontakt kamen, und der nur dort nicht erfahren werden konnte, wo es ein Machtgefälle gab und er gehorchen sollte. Da wurde und wird er nach wie vor biestig. Daß mir das sehr gefällt und er es merkt, macht es ihm diesbezüglich nicht leichter: Auch er trägt an dem Willen zur Freiheit. So, wie er auf meine – durchaus heftigen – Vorhaltungen, er lerne zu wenig, vor einiger Zeit gesagt hat: „Aber Pa, ist das jetzt nicht a u c h eine Zeit, in der ich lebe?” Ja Göttin, was antwortet man(n) da? Ich konnte ihm nur zustimmen. Alles andere wäre mir selbst in die Taschen gelogen. In der Tat, wir leben nicht für morgen, sondern leben heute, nur heute; die Zukunft ist ein Konstrukt.

Was soll ich noch sagen? Ich habe Vertrauen in ihn wie ich Vertrauen in Fügungen habe, unerwartete Geschehen, Wendungen, die sich wirklich nicht planen lassen. Wäre ich nicht vom Gymnasium gefeuert worden und hätte notgedrungenermaßen eine Lehre gemacht – niemals hätte ich die Begegnung mit der Unwahrscheinlichkeit eines Berufsschul(!)lehrers gemacht, der in den Kreis von Stockhausen, Vostell und Otte gehörte und mich dort eingeführt hat, und sehr wahrscheinlich hätte mir, wie meine Anwaltslehrherren taten, niemand geraten, das Abendgymnasium zu absolvieren, wo ich dann Martin Korol kennenlernte, meinen Deutschlehrer, der in den Kreis um Carola Bloch, Ernst Blochs Witwe, gehörte. Ich wäre auch kaum mit der Oper in Kontakt gekommen, hätte nicht den grandiosen Tristan in Bremen gesehen und Hermann Michael, den Dirigenten, kennengelernt, der meine erste längere Novelle las; ebenso wenig wäre ich von dem alten Manfred Hausmann zu einem Gespräch geladen worden, in dem er mir die wichtigste Lehre meines Autorenlebens gab: „Sie können ein Geheimnis nicht konstruieren, können es nicht behaupten. Sondern es muß sein. Erst dann dürfen Sie wagen, es zu beschreiben.” Das strahlend weiße Haus an der Unterweser hing voller Becker-Modersohns.
Ich wäre wahrscheinlich nicht nach Frankfurtmain gegangen, hätte Do nicht kennengelernt und wäre also von der Psychoanalyse unberührt geblieben. Ich hätte Paulus Böhmer nicht kennengelernt. Der Wolpertinger wäre nie geschrieben worden, ohne welches Buch ich nicht nach Berlin gekommen und also auch लक्ष्मी nicht begegnet wäre - Deiner Mutter, mein Sohn.
Der Flügelschlag eines Schmetterlings, Sohn, ist entscheidend, nicht das Befolgen von Regeln und schon gar nicht das Sichfügen in vorgebaute Bahnen, ob wir sie nun Abitur nennen und Studium oder was auch immer. Hab einfach – aber Du hast es ja längst – Vertrauen in Dich und die Welt


sagt Dir
Dein Vater

der nun zum letzten Mal schreibt, was er so g e r n e sagte, wenn er Dich ansprach - Junior:

pankowbad6 210805

*

Nun ist auch dieses Wort vorbei. Denn seit heute – um exakt zu sein: seit heute um 6.55 Uhr – bist Du auch rechtlich ein

M  a  n  n.


 



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