Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013
________________________________


 

HochMut

- Du läufst immer zu Hochform auf, wenn Du glaubst, Deine Vernichtung stünde unmittelbar bevor, sage ich.
Er lacht auf: - Ich fühl’ mich alles andere als in Hochform, ich krieg’ ja nichts hin.
Doch. Kriegst alles hin, was dein Fieber füttert.
Keine Wadenwickel für den Helden. Nicht von mir. Lieber werf’ ich ein Scheit ins Feuer, hab’ fürs Sedieren nichts übrig, Beschwichtigung, da steckt schon der Wicht drin, ich glaub’ denen, die sich versteigen, oben im Berg.
(Solang sie –
doch das Wort mag ich nicht sagen aussprechen.)

Sag nicht deins, sag seins, Löwin,
sag: Liebhe
Schau, wie seins alles braucht
Und deins keins.


Seltsam, seine Briefe: wie Doping. (Ups, das wird ihm nicht gefallen) Wer sie sich einverleibt, rennt schneller, wer Doping hasst, muss vielleicht kotzen.
(Also gut, dann Götterspeise)
Es gibt übrigens keine Passiven hier. Wir sind, was wir sein wollen. Kein Schutzraum, keine Opfer, kein Schuldgefühl. Alles ist sofort frei gegeben, auf selbst die kleinste Fühlung fällt ein Licht.
Es ist angerichtet. Darin nicht Kunst zu sehen ist statthaft, zeugt aber von steriler Gesinnung: Wenn einer erleuchtet ist, geht man doch nicht in den Schatten.

Niemand verdient. Sich Liebe. Zieht ab, was Ihr erwirkt hättet, erschrieben, errungen, bewiesen und erkoren,
(ereifert)
streift den Samt von den Händen und die Jahre aus dem Fell (Verdammt, Dein Brustfell, wie mir das fehlt)
Was dann i s t: d a s nimmt sich die Liebhe.

Wenn sie kann.

Fünfter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 5).

„Tu ti prendi la mia vita“: Vielleicht darf man, wie ich tat, nicht geben. Nicht einer solchen Frau.

Er quält mich, Nahste, dieser Gedanke: daß ich zu viel gab – nicht weil ich geizig werden wollte, sondern weil sich „zu viel“ von Dir nicht annehmen ließ; weniger, gar nichts, du Ferne, wäre Dir womöglich näher gewesen, vertrauter, auch verläßlicher. Denn mit dem Schmerz umzugehen, hast Du von klein auf gelernt. Er gehört vielleicht in Dein Muster. Das ist der Grund, dessenthalben die Lydierin sich zurückzieht. Wir könnten, Geliebte, es sie sogar ausdrücken lassen, ‘s ist ja nur ein Roman.
Romane dürfen wahr sein.

Laß uns über die Szene nachdenken, Herz, Du in Triest und ich hier (oft, wenn ich „Herz“ schreibe, meine ich „Möse“, als aber Herz):

Arbeitswohnung, den 22. November 2014,
sonntagmorgens, 8.11Uhr.
Holmboe, Dreizehntes Streichquartett,

wobei Du heute in Triest doch nicht sein wirst, noch nicht, nicht jetzt schon, es sei denn, Ihr wäret - schmerzhaftes Ihr! (aber Dir nicht nur als schmerzlos, sondern glückprall gewünscht) - nachts bereits zurückgefahren. Dann hätte es einen Streit gegeben, wieder einmal, stell ich mir vor. Liebe, schriebst Du in einem Brief, sei tatsächlich vielleicht Projektion - was aber, fragtest Du, und ich hörte Dich in den Wörtern, die Du hinschriebst, weinen, - was aber, wenn die Projektionsfläche fehle? nicht mehr da sei? sich aufgezehrt habe? - Geliebte, sieh doch mich an! Ich habe weniger Fläche als Du. Andererseits ist vielleicht, nicht einmal mehr die Leinwand zu haben, vielmehr gar nichts zu haben als die Leere einer verflüchtigten Vorstellung, für Projektionen sehr viel geeigneter. Meinst Du das? Oh glaub das nicht! Hast Du eine Ahnung von diesem Streit! Völlig unerwartet, rein aus dem wirklich Netten eines gemeinsamen Abends bricht er heraus. Die Lydierin hat wirkliches Feuer!
„Weshalb verletzt du mich nicht?!“ schreit sie Lenz an. „Weshalb bist du nie grob, schlägst nicht mal zu?! Ein solches Arschloch, das seiner Frau nicht wehtun kann! Kapierst du denn nicht, wie schwach mich das macht?“
Er starrt sie an, begreift nicht. Eben noch hatte sie zärtlich eine Hand um seinen Hinterkopf gelegt, er hat das immer geliebt, sich immer da hineingeschmiegt, und sie liebte, daß sie seinen Schädel spürte, sein knochiges Klares... aber nein, mein Herz, ich verwechsle schon wieder ihn mit mir; i c h bin der mit der Glatze, er hat noch volles, hat ein dunkelbraunes leicht gelocktes Haar, langgezogene Locken, die sich nur kräuseln, wenn es draußen feucht ist, regnet, nieselt. Und abermals verwechsle ich, seines nun mit dem Deinen. Sicher bin ich mir nur, daß Lenz eine Brille trägt, überaus stylish, nach wie vor, ich denk mal: zwei Dioptrien minus, allenfalls zweieinhalb. Seht man dem Mann ins Gesicht, verzerrt es das Glas an den Rändern nur kaum. Weitsichtigkeit wäre schlimmer – (was ein Satz! Lies ihn mal nicht als ein gemeintes Konkretes). Noch hat Lenz jedenfalls etwas von einem Model. Das wird er von nun an verlieren.
Sie zittert vor Wut. „Was bist du für ein Mann?! Daß du mich nicht siehst?!“
Ja, was s o l l er denn sehen? Daß sie Verletzungen b r a u c h t? Wofür, wofür?
Und außerdem, er h a t sie doch verletzt, zwei oder drei Monate früher. Als er sie nicht heiraten wollte oder es nicht zu wollen schien. Jedenfalls war er der Frage ausgewichen, erst, indem er sie nie stellte, dann, als er der Lydierin keine Antwort gab. Sie beharrte auch nicht, bekam einen bitteren, sekundenlang, Zug auf die Lippen: ein Wehen nur von Vorgewitter, das auch vorüberziehen kann. Man sieht zum Himmel und hofft, daß er hält. (Er hätte auch noch gar nicht neu heiraten können; er war es schließlich noch, verheiratet. Aber das ist Rationalisierung.)
Weshalb hatte er geschwiegen? Du hast, Geliebte, recht, daß das erklärt werden muß. Da Lenz nicht ich ist, völlig anders ist als ich (für einen Roman notwendigerweise), können meine Argumente, sie sind stark, nicht seine sein. Vielleicht hielt ihn auch da schon die Wut ab, die sie, die Lydierin, hatte, ihre Bitternis eben, weil er es nicht selbst angesprochen hatte. Diese Wut war langsam gestiegen, hatte sich aus einer Art Enttäuschung herausgedreht und nun, in diesem Schrei nach Verletzung, freigekommen.
Er schwieg also. Über Tage, übrigens, nach ihrer Frage. So verwirrt gewesen muß er sein. Vor den Kopf geschlagen. Oder hatte er einfach nicht begriffen? den Laut der Wörter nicht auf ihr Gemeintes zurückführen können? Vielleicht ahnte er aber, daß, sie diese Frage stellen zu lassen, so lange abgewartet, ihr das Bedürfnis nicht angesehen, abgespürt, aus ihrem Mund geatmet zu haben, für sie bereits eine Demütigung war. Da wollte sie nun, daß er ihr entsprach und, wenn er sie schon verletzte, es auch richtig tat und vor allem: wiederholend.
Verstehst Du, Innigste, worum es hier geht, was hier wirkt? Die Frau braucht doch eine Struktur, auf die Verlaß ist, für die sie vielleicht über ihre bald, sagen wir, vier Jahrzehnte Handlungs-, wenigstens Haltungsmuster entwickelt hat, um mit ihnen – verläßlich, das ist wichtig – umzugehen. Jemand wie Lenz kann das nicht wissen. Er denkt: Tue ich ihr gut, ist‘s gut. Nein, Irrtum, furchtbarer Irrtum. Die Lydierin hat sich aus der Verletzheit geformt und sich dennoch - das magst Du für ein Wunder halten, aber es ist für diese hochsensible Frau geradezu Bedingung ihres Selbst - jede nur denkbare Verletzbarkeit erhalten. Sie braucht sie, neue und immer wieder neue Verletzungen, um als Verletzte weiterzubestehen. Gern spricht sie von ihrem Humor. Der eben ist es tatsächlich, was sie aus jeder nächsten Verletzung destilliert. Eine Meisterin ist sie darin. Würde sie bitter, alles fiele ihr zusammen. Deshalb wird sie nach den Verletzungen nur immer noch sensibler. Während, wenn man sie dauernd trägt, sie abstumpfen würde. Heiterkeit, schreibt Goethe, wirkt auf dunklem Grund.
Den zeigt sie ihm, aber er versteht nicht. Deshalb beginnt schon hier die Trennung. Es kann sein, daß, ihr eine Ohrfeige zu geben, in dem Moment geholfen hätte. Die Seelenverletzungen körperlich machen, damit man sie sich anschauen kann – erst einmal wenigstens das. Fakt bleibt, Lenz ist zu gut, zu gut geworden, für diese Frau. Bevor er sie zum ersten Mal ansah und sie ihn, war er das nicht gewesen. Darin liegt die Tragik.

Schönste, laß uns das leise besprechen; ich läge b e i, Du a n mir, duftend: noch feucht, noch feucht! ja naß, und die Lydierin erzählte; auch Lenz erzählte, so, wie wir uns wirklich (was ist das, w a r das: wirklich?) voneinander erzählt haben, Du mehr von Dir als ich von mir, doch das war gut. Wie ich aufstehe, Elbin, für die Musik, aber immer wieder auf Dich schaue, mich immer wieder zurückdrehe, weil ich es einfach nicht fassen kann, daß Du da liegst. Wie ich morgens, wenn Du noch schliefst, einfach nur vor der Couch stand und Dir zusah beim Schlafen. Daß es das g a b! Es war ein solches Glück. Und schlugst Du die Augen auf und sahst mich, das erste, wirklich, was geschah, war Dein Lächeln. Als könntest Du es genau so wenig fassen: aufgehoben zu sein, derart, an jedem nächsten Morgen wieder, empfangen zu werden. Du bist für mich ein Wunder, sagte ich, und Du sagtest, du für mich auch.
>>>> Vorbei.

Deshalb laß uns zurück in den gestrigen Abend,. Du erinnerst Dich? Lenz, nach seinem alleinen Abendessen, steht in der offenen Tür seiner Blockhütte. Es ist dunkel und naß. Er hört den Wald. Wobei das mit der Blockhütte wohl ein wenig zu viel D.H.Lawrence ist, an den ich da aber denken muß. Vielleicht wird das so auch nie werden, vielleicht denkt Lenz sich das nur aus, daß er am Wald wohnt. Er kann aber tatsächlich nicht mehr richtig unterscheiden. Jedenfalls dreht er sich um und zieht die Tür hinter sich zu (während er zum Beispiel am Fenster steht und auf die Düsseldorfer Kö, in „Wahrheit“, hinaussieht oder auf die Frankfurtmainer, hintere allerdings, Zeil oder auf die Berliner Gdansker Straße; vielleicht guckt er auch in den Wiener Prater: Ich bin mir unschlüssig nach wie vor. Der Prater hätte einiges für sich, schon wegen all der Nässe, wegen der Klammheit.)
Auf dem Tisch steht noch das benutzte Gedeck, vom Salat sind wenige feine Zwiebelringe und geröstete Nüsse übrig, die sich mit Restöl füllen; die hat er übrig gelassen, war sehr schnell satt. - Er nimmt einen Cigarillo, setzt sich, schiebt den Teller von sich, langt nach dem Aschenbecher. Daß Lenz raucht, ist neu. Er fing damit an, als die Lydierin ging. Seine Lunge ist daran, daß sie ging, noch nicht gewöhnt. Deshalb hustet er immer ein wenig beim ersten, zweiten Zug. Er lauscht seinem Rauchen. Es brennt eine Stehlampe schräg gegenüber nahe einer der beide hohen Lautsprecherboxen. Und ich erinnere mich, bereits einmal ein Wunder erlebt zu haben, ein anderes als Dich, wie Du daliegst und schläfst, eine, was mich anfangs irritierte, Maske über den Augen, weil Du kein Licht im Schlaf verträgst. Aber Du mußt sie nur heben und lächelst, ja vorher schon, ich erinnere mich, werde das Bild kaum mehr verlieren. Nun schreib ich es zu Literatur.
Also das andere Wunder, auf das Lenz hofft. Nein, er gibt sich das nicht zu, sondern sagt sich eben: Vorbei. Will damit leben. Will es nicht. Muß damit leben, und darum will er‘s trotzdem. Merkst Du, Süße, so Herbe, jetzt, wie ich sogar die Widersprüche, Lenzens, aber unser aller, organisch zu formen versuche? Selbstverständlich die der Lydierin auch. Sie ist ja nicht minder geworfen als er. Es geht ums Verstehen.
Das andere Wunder.
Nein, Geliebte, ich meine grad mal nicht Dein Ohr. Ausnahmsweise. Ich lächle. „Gibt es irgend eine Frau“, fragtest Du, „die sich deinem Blick entziehen kann?“ Dabei war es doch so, daß ich mich Deinem nicht entziehen konnte. Ich geb zu, auch nicht wollte, nicht den Bruchteil einer Sekunde „lang“. Und hast Dir selbst die Antwort gegeben. Mindestens eine konnte es: Du. (Es konnten das sehr viel mehr Frauen, in meinem Leben.)
Ich meine: daß sie wiederkommt, zurückkommt. Sich in den Flieger setzt und plötzlich vor Lenzens Tür steht. Klingelt. Er öffnet. Vielleicht klopft sie auch, und er öffnet. Dann steht sie da. „Da bin ich wieder“, sagt sie. Ein weiteres halbes Jahr ist vergangen, vielleicht sogar ein ganzes. Sie erklärt sich nicht, jedenfalls noch nicht. Nicht in dieser Situation. Hält nur ihren Blick in seinem, er den seinen in ihrem. Stummheitsrausch und Stummheitsrauschen. „Da bin ich wieder.“ Kein Wort m e h r.
So habe ich es einmal erlebt. Darum kann ich das beschreiben. Man verliert ein solches Erscheinen nicht. Aber damals, anders als jetzt Lenz, hatte ich so etwas nicht einmal gehofft. Wirklich nicht, Geliebte. Wie hätte das auch sein können? Do war es gewesen, damals, mit der ich dann insgesamt sechzehn Jahre zusammen war, inklusive aber dieser Zeit von Trennung. Sie war zu ihrem Freund zurückgekehrt. Da habe ich mich ins Auto gesetzt, damals ein Renault, war gegenüber die Straße langsam rückwärts gefahren, einhundert, zweihundert Meter. Dann habe ich den ersten, zweiten, dritten Gang eingelegt und das Gaspedal durchgedrückt. Der Wagen knallte gegen die Hauswand, ich flog durch die Scheibe, stand benommen auf, ohne irgend einen Kratzer. Das Auto ein einziger Totalschaden, mindestens ein Drittel kürzer, die Motorhaube ein einziger zusammengepreßter Balg. überall Splitter. Und ich. Kein Blut, keine Wunde, nichts. Nur ein bißchen Benommenheit.
Aber nicht das war das Wunder. Schon gar nicht, daß man mich zwangsverbrachte, zwei Wochen geschlossene Psychiatrie. Do kam fast jeden Tag hin, um mich zu besuchen, blieb in ihrem Entschluß aber eisern, ließ sich nicht erpressen. Ein Selbstmordversuch, nun ja. Das Thema hat sich mit damals, ich bin da sechsundzwanzig gewesen, erledigt. - Zu dem Wunder nun, von dem ich Dir, Elbin, erzählen möchte, kam es erst viel später, ein, glaube ich, Dreivierteljahr nach diesen Ereignissen. Nachdem ich wieder „freigelassen“ worden war, gab es zwischen ihr, also Do, und mir weitere Kontakte n i c h t mehr. Sie mied mich, mied meine Depression, aus der ich mich vermittels exakter Tagesabläufe herauszustemmen unternahm, die ich je abends streng planend entwarf. Eine mütterliche Freundin stand mir bei. Langsam, sehr langsam, anfangs völlig unfähig, etwas anderes zu tun als dazuliegen. Aber ich kam heraus, wurde heller, leuchtete wieder. Stand dann da als (fast) der, der ich vorher gewesen.
Da klingelte es. „Da bin ich wieder.“ Wörtlich. Ohne erst mal eine Erklärung. Es war für sie auch gar kein Raum.
Ich glaube nicht, daß ich damals geweint habe. Die Frau hat gelächelt, das allerdings weiß ich. Keine zwei Minuten später lagen wir im Bett.
So etwas ist es, was Lenz sich nun vorstellt, vorsichtig aber - das Bild ist, Geliebte, gefährdet und reißt leicht. Wenn es nur Bild ist. (Auch diese Szene wird mitten im Roman erzählt, während sich die eigentliche Liebesgeschichte immer noch steigert und steigert. Um zu gestalten, greife ich, auf was den sonst?, auf mein Leben zurück. >>>> „Alles ist Material“. Manches wird es Jahrzehnte erst später und schläft dann dem eben Neugeschehenen bei: und >>>> sie erkannten einander.)

(10.22 Uhr.)
Neige Dich, neige Dich, neige ich mich. Wir, Geliebte, uns zu. Nur in Gedanken, noch einmal, und wieder. Immer immer wieder. Ich will von Deiner Möse sprechen. Nicht Deiner, Du weißt doch, der Lydierin aber. Sehr zart. Mösen unterscheiden sich voneinander wie Schwänze. Da Du Vergleiche, literarische, ablehnst, kann ich nur beschreiben. Die Färbung, das Wehen, ja, W e h e n der inneren Schamlippen, die Hautlamellen sind. Wie die Lydierin auslief, als sie das erste Mal lag. Wie Lenz sich zwischen diesen Lippen verlor und alles, alles trinken wollte. „Du hättest auch lospinkeln können“, schrieb ich Dir später, worauf Du schon nicht mehr reagiert hast. „Ich kann nicht annehmen, bitte verzeih“: Erneut und erneut liest Lenz den letzten Satz in Skype. (Der Cigarillo ist beinahe aufgeraucht. Der Mann hat sich einen Wein geöffnet, trinkt im halben Dunklen bedächtig. Vor ihm rauscht die Laptopkühlung, draußen rauscht der Regen wieder – nein, nicht hier in Berlin. Hier ziehen zwar Wolken, sogar ziemlich schnell, aber es war auch schon Sonne.)

Ich will jetzt das Ciabatta kneten. Abends werd ich bei Broßmann, dem Freund, sein, der Geburtstag hatte. Dazwischen zum Training. Wer nicht den Körper verliert, behält sich. - Und Du, meine Sìdhe? Wirst Du heute laufen? Denkst Du, Herz, manchmal an mich? Tu es nicht, bitte! Ich möchte nicht, daß Du zerreißt. Tu ti prendi la tua vita.

Alban
*

(16.37 Uhr,
Espresso,
Boris Blacher, Erstes Klavierkonzert.)

Heut hab ich aber viel gebacken; ich mußte, liebste Elbin, den sozusagen unendlichen Grundteig in den Kühlschrank stellen, denn sieh einmal, wie das Ciabatta geg a n g e n ist:



Da werde ich, so allein, T a g e dran zu essen haben. (Selten gehört, Boris Blacher; ich sollte das ändern; es ist eine sehr sehr schöne, ruhige Musik; bei diesem ersten Klavierkonzert bin ich leicht an Ravels G-Dur erinnert). - Gut, ich werde den Teig vierteln, je rollen, zwei Rollen einfrieren und von den beiden anderen, die ich morgen backen werde, ein Ciabatta verschenken, vielleicht wieder an Amélie, oder an wer immer sonst den Finger hebt und ein Lächeln für mich hat.
Ich konnte das nie, Geliebte, „sparsam“ sein; alles, bei mir, kommt aus der Fülle und wird zu ihr, füllt sie noch mehr. So bin ich auch, wenn ich gebe. Womit wir wieder bei oben wären. Es ist aber zu früh, das zu vertiefen; es darf ein Keil zwischen der Lydierin und Lenz noch nicht sein, wenn ihre Geschichte sich entwickeln soll.
Beim Training habe ich weiter über sie nachgedacht, eine Wüstenszene fiel mir ein. Auch zu dieser aber später. Interessant ist, daß sich meine wehe Achillessehne zu richten scheint, seit ich wieder regelmäßig zum Sport gehe. Kann es, Elbin, sein, daß der Körper auch hier genau weiß, was zu tun ist? Wenn man ihn achtet? Daß er dann Heilungskräfte mobilisiert, ganz aus sich selbst? So daß die meisten unserer Arztbesuche überflüssig wären, beharrten wir nicht so auf dem – oder glaubten, darauf beharren zu müssen -, was Adorno „falsches Leben“ nannte? Es kann sein, daß Lenz dies begreift, vielleicht sogar schneller als die Lydierin, und deshalb ist es, welch ein Paradox!, für beide schon zu spät -.
Ich hab es gestern angedeutet, die Löwin brachte mich darauf: daß die Zeit- und also Entwicklungslinien der Menschen differieren. Ich muß nur abermals aufpassen, Lenz und mich nicht zu verwechseln; ich bin im meisten schnell. Auch Peter Gogolin, als ich damals den Artikel über ihn schrieb, seufzte hier am Mitteltisch, den Du gut kennst, fast in Erschöpfung auf: „... daß die Menschen immer so langsam sind!“ Ich hätte einmal gesagt, erinnerte mich gestern >>>> Anna Häusler in Skype, ich sei ein Durchlauferhitzer. „Du bist ein Katalysator“, schreib sie weiter und erklärte: „Chemisch triggert ein Katalysator eine Reaktion oder beschleunigt sie, geht aber immer unverändert wieder aus ihr hervor.“ Sie möge den Gedanken, daß es auch mich nicht groß verändere, doch immer etwas Neues entstehe. Nun, das Neue, Schönste, mag auch ich; daß ich mich nicht veränderte, indessen nichjt so arg. Ich müßte sonst selbst eine Idee sein, ein bereits Vorsublimierter. Vielleicht ist ein Aspekt dieser Briefe auch der, daß ich mich dagegen wehre, verillusioniert zu werden. Lach mich nicht aus, weil das so trotzig klingt, bitte. (Manchmal bin ich‘s aber, trotzig. Dann werd selbst ich zum Kind. Dazu wieder Melusine – die Freundin, von der ich Dir schrieb, sie habe mir geschrieben: „Der Verkehr des Autors mit den Müttern setzt voraus, dass der Autor nicht mehr selbst gebären will. Das Werk kann kein Ersatz sein für ein Kind.“ Und also fragt sie richtig, was der Autor wolle, wenn er mit der Gebärfähigkeit der Mütter nicht länger konkurriere? „Leben schreiben“, gibt sie selbst mir zur Antwort.
Dennoch, wohl auch gerade deshalb, werde ich auf unser Kind, also den Roman, noch einmal zurückkommen müssen. Dir erklären, weshalb er kein Ersatz ist, noch je einer sein könnte. Nur nicht mehr heute, verzeih. Ich muß mich nämlich umziehen. Um sechs soll ich bei Broßmann sein.) 

Wieder außerhalb der Klammer, aber, umarme ich, Ersehnte, Dich. (Auch zu dem, was hierunter in den Kommentaren vor sich ging, schreibe ich Dir morgen.)

Oberon.
*

Happy, happy,

happy. Bin ich. Jawoll! Weil du heute vor X Jahren das Licht der Welt erblickt hast. Mann mit dem feuerroten Haar und dem geilsten, dichtesten, männlichen, blondroten Bartwuchs, den ich jemals gesehen habe. Du bist wirklich aus ihrem Wasser gestiegen. Gleich neben dem Eingang zur Unterwelt, ohne daran zu sterben. Sehe ich ja immer, wenn ich dich sehe, wie es blau unter deiner schneeweißen Haut schimmert. Schützenmann. Bowman: denke an die Form deines Hinterns. Verzeih mir! Ich starre jedes Mal.

Für dich schleppe ich noch hundert Kartons, vollgepackt mit Büchern, die Treppen herauf und runter. Die Heidelberger Bibliothek hast du doch längst durch. Was weißt du nicht?

Wärst du ein Whiskey, ich würde mir kräftig einschenken! Und ich verspreche dir, Junge, du wirst mit den Jahren noch immer schöner werden. Bist so eine Sorte Mann. Bist ein Kühleborn. Ein Wasserweibkenner wie kein anderer. Wachs in den Ohren hast du nicht mehr nötig. Verstehst sofort, warum Eine stehen bleibt und lauscht, wenn sie es hinter einer hohen Mauer plätschern hört. Du trägst und erträgst mich. Warst der einzige, den ich damals zu mir lassen konnte, mich in diesem Zustand zu sehen. Halb im Himmel war ich schon. Auch heute noch baust du mich auf, bringst mich in Sekunden zum Lächeln. Das ist keine Floskel! Das ist eine Form von Freundschaft, wie ich sie noch nie hatte. Ich würde raus auf´s Feld gehen, riskieren zu sterben für dich, wenn es nötig wäre. Nimm´s hin, dass ich das schreibe!

Du bist ein Lebensverstärker für mich. In: High Definition. High Volume. Könnte ich, ich würde mich an dich anschließen. Wie in Cronenbergs eXistenZ. Dann hätte ich immer eine Verbindung zu deinem Hafen.


Alles Gute zum Geburtstag,

deine Ogerin im Elfenkostüm … ( … die sich auf ihre alten Tage freut, sie mit dir gemeinsam im >>>Altersheim zu verbringen.)

Vierter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 4).

Ist es, Sìdhe, ein Zeichen,
Arbeitswohnung, den 22. November 2014,
Sonnabend, 6.21 Uhr,
Tippett, A Midsummer Marriage (ff),

daß seit unserem letzten Gespräch, da Du Dich trenntest, Facetime nicht mehr funktioniert, das unser tägliches Anschauen war, denn dies erst machte es uns über die Entfernung möglich? Wirklich, Geliebte, bei niemandem, mit keiner mehr und keinem, genau seit unserm allerletzten Blicken. Schon da hat sich die Technik aber gesperrt, Du weißt, wie oft wir's versuchten. Bis wir es aufgaben schließlich. So sehr krümmte vor unserm Ende sogar sie sich, die Technik; ich stehe nicht alleine: Selbst sie vermißt uns nach wie vor. Spürt sie, es sei eine Art, die in uns geworden wäre, nun für immer ausgestorben? - all den ausgerotteten Tierarten nach und denen, die es bald nicht mehr gibt, und den vergessenen Pflanzen? Und deshalb versagt sie, die Technik, oder leidet, auf ihre Weise protestierend, mit Ausfällen? Doch unserer Art war sogar Lebzeit verwehrt, wir durften nicht mehr als ein wenig von ihr kosten. Du mochtest das sehr, als Du hierwarst, doch dann, in der Ferne wieder, schriebst Du nach zwei Tagen des beinahe Schweigens, daß Du nicht annehmen könnest.
Das, noch immer, kann Lenz nicht verstehen. Wieso die Lydierin ging. Gab er nicht alles? Aber „ich kann nicht annehmen“ und „bitte verzeih.“
Die Szene findet ein Jahr später statt, in Hamburg vielleicht oder in Graz, vielleicht auch in Zürich; über die realen Orte bin ich mir, außer für Triest, noch unklar. Und natürlich - natürlich! - Lydien. Immerhin hatten sie, diese beiden Liebenden, mehr Zeit für sich als wir. Ihnen darf ich sie geben, hätte sie auch uns gegeben – sogar als ein, wieder einmal, Versteckter, der ich niemals sein mochte in meinem Bedürfnis nach Öffnung und freiem Gesicht. - Dennoch, auch eine längere Zeit war für die Lydierin und Lenz nicht genug. Weil nahezu alle großen mythischen Lieben mit dem Tod enden. Merkst Du, Sìdhe, wie wir wieder beim Tristan sind? Was wäre aus Cavaradossi und Tosca geworden, was wird – einige Jahre später hingeschaut – aus Sophie und Quinquin geworden sein, als Ehepaar, ja, was aus, vereinigt, >>>> Maria und Tony, deren alltägliche Lebensumstände härter als die der Capulets und Montagues sind? „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“, in immerwährendem Glück? in allmählich werdender, wie meine Brieffreundin es präferiert, Ergebung?
Aber ein Jahr doch, Geliebte, immerhin!
(Wenigstens doch das!)
(Nein. Es würde der Schmerz nur so viel größer werden dann.)
(Größer, Geliebte? Das geht nicht. Nicht nach diesem Blicken. Nach einfacher, normalisierter Verliebtheit vielleicht, nach dem aber nicht -)

In dreißig Minuten vor einer Woche hob Dein Flieger ab, genau jetzt, vor einer Woche, sehe ich Dich noch hinterm Sicherheitscheck, war eine Stunde später hier und fiel in die, aus der ich nicht mehr komme, >>>> Leere. Und habe so geweint. Als hätt ich, Herz, schon gewußt. Aber nur mein Körper wußte. Unsere Körper, immer, sind schneller. - Weißt Du, was mich, da der unmittelbare Schmerz sich allmählich aushalten läßt, denn er ist erschöpft und braucht eine gedämpfte Ruhe, sich selbst, ganz ohne Medikamente, sedierend: Endorphine - weißt Du, was mich derzeit fast – stille aber, wie gesagt – mehr quält als das Ende? Daß ich nicht weiß, wie es um Dein Husten bestellt ist, das fast unsere ganze Zeit begleitet hat, das Du nicht loswurdest nach unser ersten, Du erinnerst Dich, durchschrittenen Nacht. Wie es regnete da! Ich weiß jeden Tritt in dem Park, dann auf den vor Nacht und Nässe glänzenden Pflastersteinen. Und schließlich Dein winkender Arm, aus dem hinteren, rechts, Taxifenster. Da hast Du Dir diese Erkältung geholt, die zunehmend schwerer wurde, weil Du mich, so verstehe ich das, nicht einfach mehr hinaushusten konntest. Ich habe gesagt, wenn Du herkommst, wird die Bronchitis vergehen. Und so war es. Nun weiß ich nicht, ob sie wieder da ist. Und unmittelbar, bevor Du fortflogst wieder, das Fieberbläschen wieder, schon die Warnung. Du mußtest zum HNO, als Du wieder zurückwarst. Von dem kamst Du zurück und schriebst „ich kann nicht annehmen, bitte verzeih“. Und ich weiß nicht, wie es Dir geht, kann mich nicht kümmern, auch nicht mehr mit Blicken. Was uns vorher half, immer. Jede Traurigkeit drehte ich sanft in Dein Lächeln, dann Lachen. Jedes Mal. Jetzt würde es Facetime, selbst wenn wir‘s versuchten, nicht mehr gestatten. So viel Wahrheit, Geliebte, ist in der Technik. Schon im >>>> Wolpertinger wurde gedacht, daß all die Geister Europas hinein in sie müßten. Haben sie‘s also geschafft? Und kehren sich nun wider uns? Vielleicht ist es das. Wenn jemand sieht und nicht springt. Wenn alles offen daliegt, doch wir wehren es ab. Darum wehren auch sie ab. Facetime geht alleine deshalb nicht mehr. Schließlich bleibt uns nur noch, einen Roman daraus zu machen, der zugleich Erinnerung ist und aber wenigstens doch ein Mögliches als Fantasie gestaltet, das nicht wir selbst erleben, sondern Lenz und die Lydierin nun. Es sei ein bißchen unheimlich, sagte am Telefon gestern die Löwin, wie plötzlich sich das wirklich gestalte, bereits im gestrigen Brief, was ich angekündigt habe.
Sie, Du wirst es vielleicht gesehen haben, hat sich, die Löwin, genommen, was ich Dir anbot: ebenfalls in Der Dschungel zu schreiben. >>>> Sie tut es zurecht und mit Recht, hätte es jederzeit vorher tun können, hat ja alle Befugnisse (bisweilen schaute sie als Administratorin auf diese Seiten und löschte, wenn auf mich ein Angriff mal wieder zu arg war). Nun kann ich mein Angebot, Dir, nur wiederholen. Ich wiederhole es hiermit. Wir fingen die Wirklichkeit ein, jede und jeder die ihre wie ich die meine, und gäben ihr gemeinsam künstlerische Form. So, in der Netzwelt, hätte es das vorher niemals gegeben: das Futur II im Konjunktiv, würde es das vorher nicht gegeben haben. Auch dies ist freilich Literatur. - Du könntest es, hast die Sprache, hast ungemeine Poesie... - aber ich weiß ja, weiß! Du k a n n s t es nicht tun. Was für eine Trennung wär das, die sich derart bände? über noch diese Briefe hinaus, die wie Lassos geschwungen und ausgeworfen werden, aber ohne daß etwas ist, das sich noch einfangen ließe, oder, mir lieber, wie Bolas.

Moment, ich mach mir den zweiten Latte maachiato, nehme den zweiten Cigarillo. (Sei ruhig, Herz, ruhig: gestern habe ich mich nicht mehr betrunken, ging nur beizeiten zu Bett, weil ich spürte, da dringt was herauf. Davor besser die Flucht in den Schlaf.)

(7.52 Uhr.)
Ich habe die Musik ausgehen lassen. Sie ist zu aufgeregt, mir, zu repräsentierend: nicht e i n Mal Happy he. Auch das hätt ich Dir so gerne vorgespielt, wie so viel anderes noch, wofür unser ganzes Leben nicht ausgereicht hätte. Ich hätte Dir alles zu Füßen gelegt und meinen Kopf gebeugt. Jetzt hebe ich ihn, nicht annehmen können, in den Roman: bitte verzeih. (Hab bei Youtube geschaut; es gibt von Happy he keine angemessene Aufnahme; die innigste habe nur ich, offenbar, wie von der Winterreise auch, Oliver Widmer: auch sie existiert nun o h n e uns weiter, einsam, wie es mir entspricht, unhappy he). Aber wie schnell Du aus der Kleidung herauswarst, als wir das erste Mal lagen! Erinnerst Dich, wie ich‘s nachher beschrieb, für eine, vielleicht zwei Minuten in Dir gewesen? Dann gedacht, nein, du willst nicht überwältigen. Wie Dir doch jede Pore rief nach Berührung. Meine Eichel, glühend, eine Lampe, leuchtete Dich aus und schaute nur, schaute, bewegungslos, und staunte, angelegt oben fast an der Wurzel der Schaft unter dem Bogen der Pforte, darüber Deines, organischer Lichtpunkt. - Nein, ich habe den Brief nicht wiedergelesen, immer noch nicht. Ich kann nicht, Geliebte, bin noch nicht bereit, Dich als Material zu nehmen, so sehr ich will und muß. Die Lydierin ist eine andre. Schon die Szene, die ich gestern entwarf, ist voller Fremdheit. Was täte eine Elbin wie Du in einem Konferenzraum? Ich wiederholte Basic Instinct, seinen, nun ja, Geist, der meinem Perversen entspricht, es anspricht, aber mit Dir gar nichts zu tun hat. Dennoch wußte Lenz schon eine Stunde nachher nicht mehr, welche Haarfarbe die Lydierin hatte. Immer dieser erste Satz, wie ein Loup, wie ein Ohrwurm der Verhängnis.
Wie kommt die Frau in diesen Raum? Da bereits beginnt das Märchenhafte, das aber etwas ist, wiederum, d a s Dir entspricht. Romy Schneider, die erwachsene, hat so etwas darstellen können, w a r es, beinahe immer. Du hast ihren Blick, das wissende Aufschaun, sogar Eure Stimmen tremolieren ähnlich. Es ist die gleiche Verwundbarkeit, auch das gleiche Verwundetsein und ganz derselbe, dabei, Stolz. Ich habe mich darin verloren, bin es, verloren, noch immer. Puste leis, spürst es?, von Deiner rechten Schulter hoch über Deinen Hals hin, bis dort, wo der feine Unterkiefer am Gelenk sitzt, direkt unterm Ohr.
Dein Ohr.
Eines.
Das zweite.
Muscheln.
Unhappy he.

Ach, nun hab ich‘s, Elbin, doch gefunden, hatte es ja bereits einmal >>>> in Die Dschungel hineingetan. Höre jetzt hin, aber schließe die Augen; es stören die Bilder. Höre ab Minute 1 (ich h ö r e Dich hören):

„Ich höre Dich hören“: und weiß nicht einmal, ob Du hier liest, weiß so gar nichts mehr von Dir. Ob Du noch hustest, ob Du viel weinst oder strahlst, jetzt, da ich von Dir abfiel wie ein getrockneter Schlamm. Und w e i l ich.
„where, when he dies,
his tomb might be a bush
where harmless robin dwells
with gentle trush;
happe were he!“
Ich sehe die beiden in den Berg steigen, Lenz und die Sìdhe, unter ihnen Lydien gebreitet. Er ist, was er nie war, Mann geworden, fern von allem business, das er von sich abwarf. Imgrunde ist er bereit, Bauer zu werden, so, wie heute ich wieder backen werde, das nächste >>>> Christophsbrot. Der Freund wird mich schmähen, doch ich probiere herum. Hefe, las ich, verhindere die Entstehung ungewollter Bakterien, man solle dem Sauerteig deshalb etwas hinzugeben, nicht für die Gärung. Ich beschäftige mich, seit Du wegbist, immer wieder mit Brot. Mir kommt das sinnvoller vor, nicht nur sinnlicher, als fast alles andere, das ich in meinem Leben getan. Basal werden. Es hat, Geliebte, zudem etwas Therapeutisches, Heilendes. Erdenliebe, da Du in der Luft bist, zerblasen, Schimäre, verweht. Der Brotteig als Leben, das ich formen darf. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, Deinen Namen zu backen, jeden Buchstaben einzeln. Dann könnte ich Dich essen, später, wenn alles nach Dir riecht, gehoben aus dem Backofen, duftendes Du. Dich in mir aufnehmen, innen. Du gingest, was Du schon bist, nun aber konkret, in jede meiner Adern über. Vielleicht heilt das die vom Geschältwordensein so furchtbar wunden Organe, baut sie, sie um ihr Verlorenes ergänzend, neu auf. Weiß ich‘s? Weißt d u‘s? - „auch ich werde dich nicht hängen lassen“, schrieb Deine letzte SMS. Doch das mußt Du, es geht gar nicht anders, unverbunden, wie wir jetzt sind: Hang down your head, Tom Dooley, hang down your head and cry. - Wieso wird die Lydierin Lenz hängen lassen? Ich weiß es noch nicht. Fällt vielleicht Dir etwas ein? Er ist ja verheiratet, nicht etwa sie.
Etwas Religiöses vielleicht, Lydien hat viel Arabisches. Ihre, der Sìdhe, Familie läßt es nicht zu, wie bei den Capulets und Montagues. Vielleicht ist Lenz sogar, deshalb, gefährdet, und sie will ihn schützen. Er ist so wehrlos in seiner Liebe. Auch hat er schon binnen kurzem alles verloren, wäre in seiner Geöffnetheit gar nicht mehr fähig, ihr Auskommen zu sichern, kann es schon nicht mehr für sich selbst. Zuhause (Zürich, München, Bern?) hat seine Frau einen Prozeß angestrengt, den er zwar nicht verlieren müßte, aber er stellt sich ihm nicht, er ist ihm egal. Schon das erste Versäumisurteil. Heinz Bennent und Nasrin. Lenz verfällt der Lydierin so sehr, daß er zu einfachsten Alltagshandlungen unfähig wird, nicht bäuerischen, die wären ihm nah, sondern solchen der entfremdeten Zivilisation. Psychogramm einer Abhängigkeit aus tatsächlicher Liebe. Wir brechen den Leib Christi und essen ihn. Lenz ißt den Leib seiner Frau.
Über solch eine Liebe hat Günter Steffens einen der größten Romane geschrieben, die es in deutscher Sprache gibt: >>>> Die Annäherung an das Glück:
Darin stirbt die Frau, und ihr Mann imaginiert sie. Steffens folgendes Buch, „Der Rest“, erzählt das Ende - seines, das seinem wirklichen Ende entspricht. Er vegetiert nur noch, verläßt die Wohnung nicht mehr, vermüllt und verkommt, geht ein wie eine Pflanze, die ausdorrt. Ein furchtbares Buch. Es gelingt ihm nicht, was mit Nasrin Heinz Bennent gelang. Hang down your head and cry: Er versucht es auch gar nicht. Bennent hingegen, wenn man ihn ansprach, konnte lächeln, denn war dieses Lächeln, umfassend.
Vielleicht ist das auch für den Roman ein sogar klügeres und gütigeres Ende, nicht Steffens‘, sondern eben Bennents, indem sich im Roman-selbst wiederholt, was sein Einlaß und Wollen: Dich zu bewahren. Eben n i c h t zu akzeptieren, daß Du gingst, sondern Dich als eine Bleibende zu erschaffen. Dich zu bewahren in Lenz. Da mußt Du, Geliebte, gar nicht mehr da sein. Pragmatiker werden von Realitätsleugnung sprechen. Nun ja, wenn sie sich überlisten läßt damit, daß wir eine andere Realität in sie schieben, ist das vielleicht nicht ungeschickt.

So wenig wie Lenz der Prozeß interessiert mich derweil, daß immer noch nicht der Vertrag vorliegt, Du weißt schon, für das neue Hörstück. Das einzige, was mich dran fuchsig macht, das Geld ist mir egal, fast, ist, daß ich das Studio nicht bestellen, also nach wie vor nicht den Aufnahmetermin für Sprecherinnen und Sprecher terminieren kann. Ich weiß gar nicht mehr, wie das gehen soll, daß die Sendung im Januar ausgestrahlt werden wird. Schleunigst, schleunigst muß sich das klären. Aber ich bin unfähig zu handeln, vergesse dauernd, was ansteht in der Welt, für mich. Die Löwin spricht von einer Ausnahmesituation. Eisenhauer, abermals aus der Türkei, SMSte: „Du mußt dich nicht grämen, daß du lieben kannst wie kaum ein zweiter.“ Es ist eitel von mir, das einzustellen, zu zitieren. Aber der Satz hat von mir, Herz, etwas erfaßt. Darum, wenn ich nicht enden will wie Steffens, werde ich nachher aufsaugen müssen, schon der Kohleofen macht viel Schmutz. Und werde mich rasieren und, dies mehr als alles, kleiden müssen, bewußt, um nicht die Form zu verlieren. Ich habe einen Roman zu schreiben, einen wahrscheinlich letzten Liebesroman, meinen letzten. Die Lydierin und Lenz, die Sìdhe und der Faun. Vielleicht, daß ich den amerinischen Freund wieder anrufen werde: Darf ich kommen, um abermals bei Dir zu schreiben? Dann setzte ich mich und schriebe, wie Das Traumschiff, alles in einem Rutsch runter. Vielleicht bedeutete das das Ende dieser Briefe, vielleicht aber nicht, sondern sie verfaßten sich begleitend und auch nachher weiter: das Arbeitsjournal als ein Gespräch, wie einseitig es immer auch sei, wie auch immer ins Imaginäre. Und dennoch mit meiner Frau.

(9.37 Uhr.)
Hatte eben einen weiteren Gedanken.
Vielleicht muß das Buch ganz anders heißen, zum Beispiel „Die lydische Sìdhe“. Daran macht mir nämlich die Vorstellung Freude, daß Du in ihm schließlich auch als Dein wirkliches Du erhalten bliebest. Denn eines Tages werden Germanisten, Literaturwissenschaftler, wer immer, sich auf unsere Spuren setzen und herausbekommen, wer diese Nadja war, die meine, nicht >>>>> Bretons. Und dann wirst Du mit mir, da sind wir alle längst tot, in den Literaturgeschichten stehen: neben und bei mir. - Ja, diese Idee beglückt mich: vor allem das nicht-Eitle an ihr. (Alles, momentan, bist weiterhin Du. Ich komm zu gar nichts anderem. Die Hirnmaschine läuft - aber rund, nicht etwa heiß. Ein Kolbenfresser ist deshalb kaum zu erwarten. Also fürchte Dich nicht, hab um mich keine Bange, ich probiere nur aus. Alles ist tiefes, rundes, kraftvolles Röhren. Und wie das beschleunigt! - Du magst schöne Autos, so wird‘s Dir gefallen, das Bild.)

Wenn ich nur hören könnte, wie es Dir geht! Skype, ständig, ist bei mir offen. Aber heute, ich weiß das, fährst Du weg, da wirst Du ans Netz nicht kommen. Bist vielleicht schon gar gar nicht mehr dort in Deinem, fast wär‘s auch meines geworden, Triest. Ich hatte bereits nach einer Wohnung geschaut. Nein, das hat Lenz getan.

Es geschieht fast Ungeheuerliches: was die Trennung in mir lostritt. Wovon ich geglaubt hatte, mich längst damit befriedet zu haben. Ich hätte vorgestern nacht eine halbe Stunde lang geheult, am Telefon. So hat es die Löwin erzählt; ich selbst wußte gestern morgen nichts mehr davon: Filmriß, wie man sagt. Ich hätte getobt, um mich geschlagen, verbal. Dann geweint. Sie sei so hilflos gewesen. Sie mußte mir alles erzählen, gestern, ein Spießrutenlaufen, federn, >>>> schreibt sie, und teeren. Fließt von „federn“ phonetisch zu „Feen“, womit sie die Mövenart auf S. Helena meint, von der Lanmeister derart berückt ist. Und ist schon bei D i r, Fee und Federn. Solch Leid hab ich ihr beigebracht. Fast ist es, als wäre Deines auf uns in dem Moment übergegangen, hätte auf uns sich ausgestrahlt, also auf mich und meine, zu denen Du nicht mehr gehörst, mir Nahen, in dem wir, Du und ich, uns erstmals angesehen haben. Wäre es nun wenigstens aus Dir hinaus! Hättest, mein Schicksal, Ruhe nun wenigstens Du!
„Meine Fee“: Jetzt aber erst, da Du in Triest gerade ankommst, vor genau einer Woche. Davor, selbst im eben erst nun sich versagenden Facetime, warst Du für mich leiblich, nicht Projektion, nicht Schimäre - vielmehr ganz konkret Frau, nur nicht die werdende meine. Und warst es d o c h. Niemand wird mir das nehmen. Verzweifeln, vielleicht, wird nur Lenz.

Alban
*


(17.20 Uhr.)
Ich bekomme wirklich, Geliebte, nichts zuwege derzeit. Immerhin, geduscht und gekleidet bin ich jetzt. Einen Moment lang, als ich aus der Dusche trat, zögerte ich, in die arabischen Hausschuh zu schlüpfen, die zuletzt Du getragen hast, barfuß zumal. Daß ich Socken trage, kommt mir deswegen entweihend vor. Doch ich habe mich mit Deinem Handtuch abgetrocknet, das ich Dir gab, gleich, als Du herkamst. Und auf dem Mitteltisch stehen noch immer die Blumen, die ich besorgt, damit Du Dich von allem Anfang an wohlfühlen konntest. - Was habe ich, erinnre Dich, ich hab es gesagt, gebangt, was Du s ä h e s t! Alles Ich ist hier offenbar, das getriebene, das gelehrte, das obszöne perverse, das innige, kämpferische, verzweifelte und das verlassene auch. Spreizstange, Halsreif, selbstgeschnittene Gerten. Währungen, kleine Steine von Vulkanen, Datteln aus Palermo. Und die Bilder. Nichts tat ich weg, habe gewollt, daß Du willst, wenn Du willst, was Du willst.
Ist es wichtig, daß ich etwas zuwege bringe?
Doch, das Brot habe ich geformt, Dein Name steht oben auf dem Laib. Deshalb fotografier ich den nicht; andere sollen den Namen nicht lesen. Es ist nur ein kleines Brot, werd nicht unruhig bitte; in einem Tag ist es gegessen. (Über den Hut, den ich seither nicht mehr tragen kann, weil Du ihn getragen, will ich ein Gedicht schreiben, und über den Mantel; auch ihn zieh ich derzeit nicht an. Aber irgendwann werde ich die Bettwäsche wechseln müssen. Ich fürcht mich schon heute davor.

Auch mein Parfum, das ich liebe, auch weil es einzig an mir ist, mochte ich nicht auflegen. Hab drum zu dem einer alten Geliebten gegriffen. Ich erzählte Dir ja, daß ich, wenn etwas wirklich tiefging, die Parfums dieser Tiefen bewahre und trage bisweilen. Es ist dies wohl eine Art, post amorem, Treue und hat viel mit Dankbarkeit zu tun: daß ich diesen Frauen sein durfte. Nun werd ich mir Deines besorgen, ich kenn es. Verwend ich es aber, dann ist das Vorbei auch im Duft, wie ein Siegel.)

Ich will mich, Geliebte, an einem Ciabatta versuchen, anderes arbeiten kann ich eh nicht. Den Teig ansetzen, backen erst übermorgen, er soll noch nach dem Vorteig achtzehn Stunden ruhen. (Keine Brot-, auch keine Knetmaschine, sondern alles mit den Händen. Ich möchte auch keine Fernheizung haben, der Kohleofen paßt ebenso zu mir, wie daß ich mit Gas koche. Es gehe alles organisch ineinander, so körperlich also wie möglich.)

A.
*


(20.34 Uhr.)
Was aber ebenfalls wehtut (ich merk es, Geliebte, erst jetzt, hab es vor Dir nicht gewußt): alleine zu essen, für sich ganz alleine.


[Gekocht zu haben für sich, sogar einen Salat für sich bereitet.
Nur gegessen, keine Musik dazu gehört.
Gekaut und ins Rauschen von draußen gelauscht.]

Nichts sei entschieden, die Zeit nur verschieden.
(Glauben können: diese Szene nicht am Beginn des Romans, sondern unversehens inmitten. Lenz legt das Besteck ab, geht noch einmal vor seine Blockholztür. Schon seit Stunden ist es dunkel. Er sieht ihn nicht mehr, aber hört ihn, den Wald. Vor ihm ungefähr die Wiese. Es duftet nach Nässe aus ihr.
Die Elben sind in den Hügeln, haben zu empfindliche, für den fast späten November, Mitsommerflügel. Lenz wächst kein Huf mehr.)
*


GrundStein


Ich kann Es nicht tun jetzt, sagst Du, du wärest nicht gemeint.
Ich lass mich nicht abtreiben, sage ich. Nicht von Dir. Väter können das nicht.


Ich beanspruche dieses Revier.
Die Jahre, Ausbrüche, Deutungen sind mein; wer nimmt, dem gehören sie. Nicht als Enteignung, Leugnung, Anverwandlung, einfach die:
dröhnende Wucht des Eigenen im EntZweiten.
(Gong.)
.
.
.
(Drei Zeilen für die Narration freigehalten)
((Drei werden nicht reichen, Löwin))
(((Ich weiß)))

„Statthalter“ seien wir, sagten wir.
(Für die den Mut nicht hätten?) ( Du zitierst (mich) (zu) knapp; meine Kraft kommt nicht aus Überhebung )

Unter jedem der Worte, die Du aufhebst, um Statt zu halten
wohnt jemand, der kein Haus mehr hätte, nähm er Dein Handeln beim Wort

Wer den Grundstein hebt, legt ihn nicht mehr zurück.
Doch wen schert schon Auslegung. Ich bin hier: Fühlen heißt Füllen; die Luft über dem Grund gehört allen, meinen hast Du verwendet benutzt und ich Deinen und alle mit Steinen und alle unter ihnen sind gültig.
Wer meinen will, hebt sich, wer nicht gemeint sein will, sucht Unterschlupf.

Resümier uns nicht, sage ich.
Es gilt nur, was vom Ersten Blick an i s t, sagst Du.
Die Frau wählt, d i e F r a u will das Kind. Von. Mir. Nichts, das wächst, gilt je so viel wie sehen und - wissen. Du aber hast mich gewählt mit Konditionen.
Die verändern sich, sage ich.
Die verändern sich nie mehr, behauptest Du.
Ich schweige dann. Kategorien sind Dynamit: nur zum Sprengen gut. Ich lebe in Zuständen.

(Ich sehe Dich, textete ich in den Berg hinein vor (so wenigen erst?) Tagen, in Dein und Euer Verschlungensein),
und später schrieb auch ich Briefe. Ich warf sie in die
Hohe Stadt
ein, in der Du singst.
Tagsüber bekam ich nur ein hauchdünnes Blatt durch, nachts waren es mehr.

Teeren und Federn
Tee und Federn
Fee und Federn:

Der kleinen Löwin Singsang im Dunkeln.

Ach, Kind, was tust du denn da? Darfst doch wüten

Dritter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 3).

Sag, Geliebte,
Arbeitswohnung, den 21. November 2014
9. 21 Uhr,

kann man das sagen, daß wir niemals den Tristan bekommen hätten, hätten Wesendonck und Wagner ihre Liebe ausleben können? Daß also das Kunstwerk, ein höchstes, von der Versagung ausgehen muß, notwendigerweise, weil die gesamte Energie, die es schafft und dann ausströmt, sich andernfalls in der Wirklichkeit verströmt hätte, eben verströmt wurde, sich entropisch für jede spätere Zeit verlierend? Vielleicht werden ja deshalb die auf Dauer gerichteten Institutionen, etwa der Ehe, aber auch jede andere Art intensiver Beziehung, irgendwann schal, uns, unter unsren doch immer noch greifenden, wohl auch greifen wollenden Händen. Schließlich befriedet es sich zu einem, sagen wir, sentimentalen, sagen wir, beruhigten Einverständnis? Ich habe keine Ahnung.
„Greifen wollenden“, „wollenden“ - Du hast das Wollen „kindlich“ genannt, dachtest, glaube ich, an aufgestampfte Füßchen, nicht an das Eiserne, das sich durchsetzt; es setzt sich schließlich auch die Befriedung durch, eine Art Aussöhnung, die an Höhen und Tiefen so lange geschmirgelt hat, bis sie zu Handschmeichlern geworden sind, an denen die altgewordenen Seelen der Paare sich wärmen. Und stirbt der eine Partner, stirbt ihm der andre sofort hinterher. Alleine dann kann ich sie glauben.
Oh, Du Elbin, was habe ich gestern wieder getrunken! offenbar; ich weiß nicht einmal mehr, wann ich vor lauter Trinken ins Bett ging, und verfehle nun dauernd die Tasten: Schriebe ich mit dem Füller oder dem von mir bevorzugten Bleistift, entstünden sich schlängelnde Zeile. Man kann aber meine Schrift ja ohnedies nicht lesen, oder nur wenige können es; interessanterweise kann es mein Sohn, kann‘s fast auf Anhieb immer („Anhieb“, schon wieder: was für ein Wort! auf etwas schlagen.) Auch das aber war ich stets geneigt, für ein Symbolisches zu nehmen.- Oh, der Raki! Auf den lief es gestern beim Maghrebiner hinaus, spät und immer später abends, bis Amélie mehrmals wiederholte, sie wolle ein Kind von mir. Und ich verneinte, schon fast grausam. Woraufhin sie bat, „aber wenigstens bei der Geburt sind Sie dabei“. Dazu sagte ich Ja, aber auch: Nur wenn der Vater es nicht will. „Wer soll dieser Vater schon sein?“ fragte sie, so daß wir abermals über mythische Kinder sprachen, die ich, Geliebte, als jene verstehe, die gewollt sind, ohne daß irgendwer nach Grund und Zeit gefragt hat. Wie wir uns ansahn und wußten. Im bürgerlichen Sinn „paßt“ dann gar nichts, keinerlei Planung ist im Spiel. „Merkt das später ein Kind?“ „Es sind die“, sagte ich, „die zeitlebens einen Weihnachtsbaum über dem Kopf haben. Daran merken sie es, an ihrer inneren Sicherheit. Die anderen merken es nicht, nicht, was ihnen fehlt. Sie haben ja keinen Vergleich, und die Lust, daß sie leben, ist immer noch sehr viel größer, als das Leid wäre, lebten sie nicht. Glücklich, sehr glücklich können deshalb auch sie sein und werden, selbstverständlich.“ - Mythische Kinder: Wenn beide Eltern, ohne auf die „richtigen“ Umstände zu sehen, wollten und konnten und taten. Es gibt nie ein „richtig“ und „falsch“, nur den Moment. Er liegt bereits im ersten Ansehn. Wir wissen und folgen. Alles übrige ist Abwehr.
Ich sei ein, hat mir die Freundin geschrieben, Verunglückter; schon vor mehr als zwei Jahrzehnten, da sie mir zum ersten Mal begegnet, sei das zu sehen gewesen; da war mir ein eigenes Kind noch nicht auf dem Schirm. Und sie legte, in einem zweiten Brief, nach: „Du aber warst, als ich Dich kennenlernte, schon ein Gezeichneter.“ Nein, ich selbst bin keines, nicht ein mythisches Kind. Doch wurde, indem ich Dich ansah, zu einem, nicht wirklich Kind, nein, - aber die fehlende Seite, des mythischen Vaters, hatte sich um es ergänzt. Nun ist es wieder abgeschlagen, abgeschält, wie man Schichten von etwas, mit einem Messer, von einer Fläche schneidet. Es fehlt nicht ein Arm, nicht ein Bein, das ließe sich verschmerzen, sondern es fehlt ein Teil dieses Arms, dieses Beines, des Bauches, von fast jedem Organ fehlen mehrere Streifen, doch eben nur so viel, daß der Körper weiterhin gut funktioniert. Nun schreib ich die fehlenden Streifen wieder hinzu: die Fleischlappen der Selbsterfindung. Ich war und bin ein Meister darin. Ohne das ist all meine Dichtung nicht zu verstehen.
Gibst mir Dein Ohr? - Welches? - Das linke.
Zart mit der Zunge den Dämmchen nachfahren, langsam, aber so tief es hineingeht. Chakras.
Dies sind die Möglichkeiten, die Lenz zum ersten Mal erlebt. Symbolische Berührungen, die zugleich völlig konkret sind. Ich schrieb Dir von >>>> Don Juan de Marco, seine Zungengeste zwischen dem Zeige- und dem Mittelfinger der Frau bis zur Wurzel. Erinnerst Du Dich? Nein, ich habe den Brief noch immer nicht wiedergelesen, keinen der Briefe. Wenn er, der junge wahnhafte Mensch, sie erreicht, zuckt sie, die Frau, wie bei intimster Berührung, doch o h n e das „wie“ - ich weiß ja, weiß, Du hast eine Aversion gegen die, in der Sprache, Vergleiche. Denn tatsächlich, es ist. Er, der Vergleich, abstrahiert. Was bedeutet, daß er diskriminiert. Jeder. Vielmehr hat Don Juan in vollkommener Öffentlichkeit, doch ohne, daß irgend jemand verpeint war, die Clitoris liebkost. Wie, sag mir, Du meine Sehnsucht, soll ich Lenz dies beibringen? Wie kann es kommen, daß er‘s plötzlich weiß? Was hat da in ihm so viele Jahre geschlafen? Denn als eine Knospe muß es in ihm schon gewartet haben. Der Blick als ein Kuß auf die Lippen Schneewittchens – was um so seltsamer ist, weil er ja Mann ist, sich jedenfalls für einen hält: mit all dem nach außen entfalteten Protz. Und nun, unter diesem Blick, nicht so klein, nein, falsches Wort, sondern gewordener Wer. Und welch ein Rauschgift, d a ß es Rauschgift! wenn der Entzug folgt. Denn das tut er, er folgt, er beschließt unausweichlich, und am Ende bleibt Lenz umfassend allein. Er hätte sich vorher nicht vorstellen können, daß es solch eine Einsamkeit g i b t. Daß ein Mensch halbiert sein kann und dennoch weiterlebt. Ich schrieb es schon gestern: ein Freitod schließt sich aus. „Nicht entsagen, sondern sich ergeben“, schrieb mir die Freundin. Ich lese die beiden Briefe wieder und wieder. Vielleicht wird Lenz es dann können, sich ergeben. Das wird uns unterscheiden, ich kann es n i c h t. Will es auch nicht. Lieber „fallen“ - ehrenhaft (verzeih das militärisch-krieghafte, konservative Wort; es paßt). Lenz ist eine Figur: an ihm also kann ich es zulassen lassen, vielleicht auch einfach nur „ausprobieren“. Vieles, das ich niederschrieb, wurde später wahr. Das ist, Du Schöne, ein bißchen unheimlich; Positivisten würden von self-fulfilling prophecies sprechen. Wir norden uns ein, vielleicht, wir Dichter.
Ach, gib‘s mir noch einmal, das andere aber. - Bitte? - Dein Ohr.

Noch duftet das Hemdchen, aber der Duft wird schon schwach. Ich weiß nicht, wie ihn halten, bewahren. Jetzt muß ich das Leben verraten, indem ich ihn schaffe als eine Idee, Dich als die meine. Woraus die Lydierin wird, nicht aber Du wirst. Der große Liebesroman als Bezeugung der Verunglücktheit – schon >>>> Meere ist das gewesen. (Gib es mir, gib‘s mir. Irene hat Zärtlichkeiten dort nie gemocht.) Ist es so, also, daß aus der Erfüllung Romane nie kommen, nur aus der Versagung? Weil die gelebte, durchgelebte Freude und Lust die Energien v e r s t r ö m e n, die, so, gespeichert werden gar nicht mehr können? Weil für ein anderes kein Raum ist als für das Nu? So daß wir, lesen wir ihn, den Liebesroman, i m m e r verunglückten Boden betreten? Und wenn >>>> ein solches Gedicht gelingt, bedeutet das schon in Wahrheit das Ende? Schrieb ich, indem ich Verse auf Dich schrieb, selbst unser Ende herbei? Weil ich – gelästert habe, entweiht? Denn sind es nicht eben diese Gedichte gewesen, derethalber, unversehens für uns beide, Du vor die Wahl gestellt wurdest, die gegen mich ausfiel? Abermals: Struktur der Tragödie. Nicht ohne Komik, wenn man es aus der Distanz betrachtet. „Du minnst um mich – ein einziges Lied“: Ich höre den Ton Deiner, als sie das aussprach, Stimme. Und zuckte schon da. Du weißt, wie sofort ich versuchte, die in der Minne schwingende Entsagung hinwegzuargumentieren. Indem Du es sagtest, war sie indes schon gesetzt. Wir mögen ahnen, spüren, ja, doch wissen tun wir so etwas immer erst nachher.
Genau dieser Bruch wird eine Schlüsselstelle im Roman sein, sein Scharnier geradezu, an dem er sich zuklappt. Umgekehrtes SichErkennen, erinner Dich, >>>> Ἀναγνώρισις: das Erkennen nun wieder verlieren

--- noch aber flüstr‘ ich Dein Ohr in Dein Ohr, hauche: der Lydierin unterstes Offen, darüber der leicht gespaltene, feuchte, hellrot pulsierende Kern.

Alban
(Ich werd‘ jetzt schwimmen gehen.)

*

(14.45 Uhr,
Tippett, A Midsummer Marriage.)

So bin ich Minnesänger nun geworden. Wurde es mit dem Verzicht, erst da wohl. Ich sing der Welt meine Lieb‘ - ihr, nicht Dir, die Du vielleicht den Klang nimmst, den meine Liebkosungen haben, nicht aber sie länger selbst. Nun werden sie Preisen: Ich preise Dein Ohr, um das ich mich, so klein denn doch geworden, lege; preise unter Deinen Lidern die feinen Fältchen, in die sich, ungewöhnlich zart für sie, zärtlich, ja, die Zeit schon eingezeichnet hat; preise die je halbe Pfeilform Deiner Zehenbögen und die Kehre, in die sich leicht ihre äußeren Nagelflachs biegen. Ich preise Deine Schlüsselbeine und ihre Mulde inmitten, preise Deinen schmalen Bauch und links und rechts die Beckenschaufeln, die der Haut ihre federnde Spannung verleihen, und die Ballhalbs Deiner Hinterbacken, zu denen sich Arsch gar nicht sagen läßt, so gerundet sind sie, derart Skulptur, so gar nicht weiblich eigentlich, jungenhaft eher, ohne den je senkrechten Einschnitt nämlich zwischen ihnen und den Schenkeln. Wie ich in Dein Ohr versinke, sinke ich auch ins sich verengende Gesäßtal – und wieder reichen die Wörter nicht hin.
So schwamm ich meine anderthalb Stunden, beileibe nicht der schnellste Schwimmer, aber der, der es am längsten blieb. Es war angenehm, nicht nur, weil ich unentwegt formulierte, sondern zugleich spüren konnte und dieses Spüren sehr genoß, wie meine Bewegungen die an den harten Trainingstagen oft unnatürlich vereinzelt beanspruchten Muskeln entspannten, gleichsam ihre Fasern zurechtmodellierten, ganz so, wie jemand ein Bettzeug glattstreicht, nachdem es ausgeschüttelt und wieder gelegt worden ist. Schwimmen ist, um doch einmal einen der von mir gemiedenen US-Amerikanismen zu verwenden, Bodyshaping. Es paßt, dieses Wort, weil es auf eine feine, dabei nicht ungrausame Weise auf das Messer anspielt, von dem ich oben schrieb. Der Körper wird geschält, das Wasser schnitzt ihn zurecht. Man kann das spüren, ähnlich einer Übung in Selbsthypnosetechnik: konzentriere dich auf das Fließen deines Bluts, beginnend beim Herzen bis zu den Füßen hinunter und auf der anderen Körperseite wieder herauf. Darin Geübte, Geliebte, empfinden in beinah jeder Ader tatsächlich das Fließen, in beinah jeder Vene.
Ich störte die Schnellschwimmer, einer drängte mich dauernd weg, meine Melancholie weg, von der sich seine Sprints gebremst fühlten. Später sah ich ihn mir unter der Dusche an, dachte, wozu mag der Bauch ihm dienen? aus seinem völlig überwachsenen, buschigen dunklen Schamhaar hing lang, wie ein Zipfelmützenschlauch, die Vorhaut heraus. Unübereingestimmt die ganze Erscheinung. Ein sehr leichter Ekel überkam mich, der zudem von sich selbst und von mir distanziert war.
Beobachtungen also wieder, anstelle daß ich weiterpreise. „Glaubst du vielleicht, glaubt ein Verstecktes in dir nicht doch, in irgend einem Winkel“, hat mich die Löwin gefragt, „mit diesen Briefen sie wiederzugewinnen?“ „Nein“, habe ich geantwortet, „eher wird das Gegenteil geschehen: immer noch weitere Entfernung. Wobei ich nicht einmal weiß, ob sie sie liest. Doch so benutzt zu werden, wird sie als Übergriff erleben, auch wenn niemand weiß oder nur die ohnedies Eingeweihten wissen, wer sie ist. Zum anderen, indem ich sie umerfinde, erhöhe ich sie dermaßen, daß kein lebender Mensch ihr, der nun zur Lydierin werdenden, entsprechen kann, selbst wenn er wollte. Dies ist nicht einzuholen, auch von ihr nicht.“
Es sei denn.
Es sei denn, was?
Ich umkreise, Herz, den Begriff „Erleuchtung“. Immer und immer wieder, in unserem UnsAngesehenHaben. Da ist für gar nichts andres Raum, weil er derart weit ist, daß ich mich winzig fühle. Also stell ihn Dir vor, den vor allem der Repräsentation dienenden, kalte Macht atmenden Geschäftssaal, in dem die beiden, Lenz und die Lydierin, einander erstmals begegnen. Die eine Wandseite ist durchgezogenes hohes Fenster, das in die Wüste blicken läßt. Denn Lydien (ich bestehe auf dem „d“) hat eine solche. (Sitara Lenz? die Lydierin Sitara?) Wälder hat Lydien aber auch, und Gebirge mit Schnee. Wir wollten, Innigste, doch bald schon in den Berg steigen, gemeinsam, ich muß das wieder möglich machen. Ich wollte uns das Brot am Gipfel brechen, hatte mir das ausbedungen: als weitere Liebkosung, die sich an die Nährung lehnt. Deshalb wird Lydien ein genau so wenig mögliches Land sein, wie wir Wir geworden sind, das Wir uns bleiben konnte.
Unter unseren Füße ist ein leidlich blauer Teppichboden ausgelegt. Inmitten darauf, viele silberne Messingbeine, die geschwungene Doppelbank des Konferenztischs aus hellem lasierten Holz. Einander gegenüber die Parteien, die Vertrag schließen wollen. Auf Messingstühlen mit schwarzen Sitz- und Rückenpolstern. Vor den Parteien sind die Verträge ausgelegt, je in schwarzen, nun aufgeklappten Ledermappen. Selbstverständlich wird auf Englisch verhandelt, in diesem orientalischen Englisch, das die Wachsamkeit müde machen kann wie Weihrauch.
Lenz ist nervös, aber darf das nicht zeigen, weiß es, lächelt in gespielter, nicht unüberheblicher Laxheit. Da tritt die Lydierin herein, ihm im Rücken. Dennoch spürt er sie, sofort. Sie geht um den Tisch herum, setzt sich ihm genau gegenüber. Er hebt den Blick, sie den ihren in seinen. Der Konferenzsaal fällt von ihnen beiden weg, die hohen langen Scheiben fallen, selbst der Tisch fällt. Es fallen die Stühle. Der Boden versinkt. Daß die beiden nicht mit versinken, liegt an ihrem Blicken, es hält sie ineinander fest. Die Verhandlung wird nun automatisch geführt; imgrunde weiß er nicht, was er sagt. Es sagt aus ihm, wie man auf Fragen Antwort gibt, die man nicht gehört hat; man antwortet aus Konvention.
So der Beginn. Nachher konnte Lenz sich nicht erinnern, ob sie blondes oder dunkles Haar gehabt hat. Schon eine Stunde später nicht mehr, als er allein in sein Hotel zurückgekehrt war. Er nahm sich vor, darauf zu achten, ganz besonders zu achten, wenn sie einander zum zweiten Mal begegnen würden. Am Abend, auf dem Empfang in der Botschaft. (Kurz nach der Verhandlung, als sie auf den Abschluß alle angestoßen hatten, war ihr ein Glas zu Boden gefallen und zersprungen. Er hatte die Scherben aufgesammelt. Es gibt davon ein Bild. Ich lege es Dir bei. Die Lydierin selbst, ausgerechnet, hat es - mit seinem iPhone! - aufgenommen. Wie ging das? Hat er es ihr gegeben? Weshalb? Doch deshalb scheint es mir nun, im nachhinein, so, als wäre unsere ganze Geschichte, Ersehnte, darin schon enthalten:

)

Wissen, wie Du schmeckst.


(Derelve IV)
Du sagtest Du sagtest
Du sagte ich sagtest Du

nahmst meine Zehen zwischen die Lippen
strich meine Zunge Deine Sohlen entlang

bog sich Dein Leib
saugt‘ ich mich an den Ballen fest

saugtest die Eichel unter den Gaumen
saugt‘ ich Dein ganzes Geschlecht in den Mund

und trank
und gäb Dir zu trinken, einander zu nähren

glitt mein rechter Daumen in Deine Rosette
widerstandslos bis an die Gründe

der Seele, unserer,
beinah ganz heran:

So ruhten aneinander die Stirnen,
verwuchsen in den Nasenwurzeln

Legst mir die Hand auf den Schwanz
Kann nimmer anders schlafen.

Sternenwürmer ODER Die Kontemplation. Von Friedrich (3).

Kontemplation als Voraussetzung eines jeglichen Philosophierens ist an langwährende äußere und innere Zustände der Ruhe gebunden, am eine Ruhe, wir Demokrit sie verstand: der Seelenzustand, der durch keinerlei Affekte und Begierden erregt wird, vielmehr daliegt wie das von keinem Lufthauch bewegte Meer. Vor allem aber ist Philosophieren an ein Denkvermögen gebunden, das den Gang der Sterne nicht außer acht lassen muß, während es das Kriechen der Würmer bedenkt.
Friedrich >>>> bei Horst Stern, S. 148/149.
Von Friedrich (2) <<<<

Eine akustische Kreuzfahrt. Ein Schriftsteller-Tagebuch mit Tönen, 5: Aus dem Typoskript der vierten Fassung.

(...)

Sprecher 1 Lanmeister mag nichts mehr festhalten. Weder fotografiert er, noch nimmt er Töne auf wie ich.

Sprecherin 2 Des Windes.

Sprecherin 1 Der Meere.

O-Ton: Stimmen.

Sprecher 1 Ob er wohl zwischen denen sitzt? Ist es der dort vielleicht? Nein, viel zu kantig. Lustig, das schüttere, dennoch lange graue Haar, wie es vom Wind aufgeweht wird. Sieht davon aus wie ein Punker.

Sprecherin 1 Seine Augen irrten über dem Wasser dahin. Höher stieg die Sonne und höher.

Sprecherin 2 Die See ward blau.

Sprecher 1 Wir werden sprechen, er und ich, wie von einer Welt in die andre. Wenn wir uns treffen.

Sprecherin 1 So hoben sich die Wellen und fielen wieder ruhig. So hob sich das Schiff zu den Seiten und fiel mit ihnen hin. - Dies war der erste Tag, an dem er nichts tat, als zu schauen.

Atmo: Meeresgeräusche vom Bootsdeck aus.

Sprecher 2 Den Wellen zusehen, den Farben, Bewegungen, deren Gestalten in mich dringen wie Klänge: wuchtige, feine, sirrende, klatschende zuweilen, gegen den Bug.

Atmo weg.

Sprecherin 1 Am Vorderdeck wurde der Rost von den Kabelrollen geschliffen. Drei Arbeiter in Blaumann warteten den Außenborder des Beiboots. Emsig fragten Kellnerinnen hier, Kellner dort. Jeder in geschäftigster Arbeit

Sprecher 1 Sie lächeln immer.

Sprecherin 1 Erstmals spürte er, wie dahinter, darunter eine geschlossene Welt lag, eine zweite Welt in der Welt. Zwei strikt getrennte Organismen, deren einer aber den anderen nährt, wofür der vorher bezahlt hat.

Sprecherin 2 Die Passagier- und die Crewwelt, ihrerseits diese in eine Service-und Mannschaftswelt geteilt,

Sprecherin 1 mit den Passagieren verbunden im Lächeln der Zuvorkommenheit.

Sprecherin 2 Zwei Tage vergingen, schon drei.

O-Ton-Atmo: Einige Zeit für sich, ohne Sprechereinschübe.

Sprecherin 1 Herrn Lanmeister war er noch immer nicht begegnet.

(...)

Eine akustische Kreuzfahrt (4) <<<<

Augen.

(Derelve II).
Nie hab ich so schwarze Augen gesehen
unter den Oberlidern
nie solch ruhenden Schwung zweier Brauen

die mir die Dämme bauen
mich über den Wimpern zu halten
wenn mich die darunter stehen

der warmen, stillen Wassergestalten
Iriden in ihr dunkles Fluidern
hineinziehen und spalten

in rechts und links ein halbes Herz
um auf meinen ganzen Schmerz
Gewißsein zu erwidern

Geschichtskunst. Von Friedrich (1). Bei Horst Stern.

Im übrigen meine ich, daß die Geschichtsschreibung keine Wissenschaft ist. Sie ist, wie die Theologie, eine Kunsthervorbringung in der Exegese alter Texte.

Friedrich II, horror et stupor mundi,
nach >>>> Stern, Mann aus Apulien, S. 9.

Sehnen.

(Derelve I).
Je solches Blicken gesehen
Je von der Bahn dieser Nase gerutscht
Auf der Krone dieser Lippen gesessen
von da den Flug verfolgt

über ihm, bis er fällt
So geht sie durch ihn
füllt ihn und leert ihn
Kokoschka

: der lächerliche Mann
vergaß, was er ist
derart erhoben
im, wenn sie schauen

gemeinsamen Staunen
Trägt und weiß nicht
wie noch er tragen

ohne kann

Netzzock. MMS24.info/International Billing Service, Haferkamp 2, 22081 Hamburg.

Rg. RA-001415/RA-0001480

Sehr geehrte Damen und Herren,

unter den im Betreff genannten Rechnungsnummern habe ich von Ihnen postalisch zwei Rechnungen über jeweils 84 Euro zugesandt bekommen, deren Grundlage ich hiermit bestreite.

Einmal abgesehen davon, daß es sich beide Male um denselben Vorgang handelt, der dann also doppelt abgerechnet würde, ist er an sich substanzlos. Ich erhielt auf meine Mobilnummer *** eine SMS von einer Telefonnummer, der nicht angesehen werden konnte, daß sie nicht zu meinem Bekannten- und Geschäftskreis gehört, nämlich von 0157-83875512. Als die SMS einging, fragte ich, ebenfalls per SMS, sofort zurück, wer mir dies gesendet habe. Darauf erhielt ich keine Antwort und ging auf die in der SMS genannte Site, um mir die Sendung anzusehen. Dazu mußte ich mich anmelden, was normalen Registrierungsvorgängen entspricht. Von einem kostenpflichtigen Zugang war auf der Site keine ersichtliche Rede, obendrein von einem im Betrag derart übersteigerten. Was ich nun zu sehen bekam, war ein pornographischer, obendrein ziemlich öder Film, an dem ich absolut kein Interesse hatte. Schärfere sind kostenfrei im Netz ohne jeden Aufwand zu kriegen. So buchte ich die Angelegenheit als Spam ab, hatte aber auch keine Lust, mich weiter darum zu kümmern.
Jetzt sieht die Sache freilich anders aus, und ich werde gegebenenfalls Strafanzeige stellen. Weder aus der mir zugestellten SMS noch aus der Site www.mms24.info ließ sich in auch nur irgend einer Weise vorherersehen, welch eine Art "Sendung" da an mich gegangen war. Im übrigen pflege ich prinzipiell auch für realen Sex nicht zu zahlen; weshalb sollte ich es für virtuellen tun?

Wenn Sie die Strafanzeige vermeiden wollen, teilen Sie mir umgehend mit, daß Sie diese Email erhalten haben und Ihre "Forderung" damit gegenstandslos ist.

Ohne jede Hochachtung:
ANH
(Alban Nikolai Herbst)

P.S.: Ich habe den in Rede stehenden SMS-Vorgang für den Prozeßfall archiviert.

...

Ich bin, um in ein Wildes zu gehen,
mir unbewusst geworden. Schreite
von mir weg im Wärmestrom.

Mit jedem Traum.
Tag für Tag.


By passion the world is bound, by passion too it is released.
(The Hevajra Tantra)

J

Slowing J was a racist,
slumming down
a hopeless drug.

James Joyce, Chamber Music. In neuen Nachdichtungen von Helmut Schulze und ANH. Chamber Music (20): Das zwanzigste Gedicht. (Entwürfe).


XX.

In the dark pine-wood
I would we lay,
In deep cool shadow
At noon of day.

How sweet to lie there,
Sweet to kiss,
Where the great pine-forest
Enaisled is!

Thy kiss descending
Sweeter were
With a soft tumult
Of thy hair.

O unto the pine-wood
At noon of day
Come with me now,
Sweet love, away.




Chamber Music 19 <<<<

Die Fenster von Sainte Chapelle.


Kulturmaschinen Berlin
Paperback, 180 Seiten
14,80 Euro
ISBN-10: 3940274348
ISBN-13: 978-3940274342



Bestellen bei >>>> Amazon.
 

twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this page (summary)

xml version of this page (with comments)

powered by Antville powered by Helma

kostenloser Counter

blogoscoop Who links to my website? Backlinks to my website?

>>>> CCleaner