Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e   Marlboro. Prosastücke, Postskriptum Hannover 1981   Die Verwirrung des Gemüts. Roman, List München 1983    Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger. Lamento/Roman, Herodot Göttingen 1986; Ausgabe Zweiter Hand: Dielmann 2000   Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2001   Wolpertinger oder Das Blau. Roman, Dielmann Frankfurtmain 1993, dtv München 2000   Eine Sizilische Reise, Fantastischer Bericht, Diemann Frankfurtmain 1995, dtv München 1997   Der Arndt-Komplex. Novellen, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1997   Thetis. Anderswelt. Fantastischer Roman, Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1998 (Erster Band der Anderswelt-Trilogie)   In New York. Manhattan Roman, Schöffling Frankfurtmain 2000   Buenos Aires. Anderswelt. Kybernetischer Roman, Berlin Verlag Berlin 2001 (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie)   Inzest oder Die Entstehung der Welt. Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, Schreibheft Essen 2002   Meere. Roman, Marebuch Hamburg 2003 (Verbotene Fassung)   Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen. Poetische Features, Elfenbein Berlin 2004   Die Niedertracht der Musik. Dreizehn Erzählungen, tisch7 Köln 2005   Dem Nahsten Orient/Très Proche Orient. Liebesgedichte, deutsch und französisch, Dielmann Frankfurtmain 2007
Meere. Roman, Letzte Fassung. Gesamtabdruck bei Volltext, Wien 2007.    Meere. Roman, „Persische Fassung“, Dielmann Frankfurtmain 2007    Aeolia.Gesang. Gedichtzyklus, mit den Stromboli-Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage ohne ISBN, Galerie Jesse Bielefeld 2008   Kybernetischer Realismus. Heidelberger Vorlesungen, Manutius Heidelberg 2008   Der Engel Ordnungen. Gedichte. Dielmann Frankfurtmain 2009   Selzers Singen. Phantastische Geschichten, Kulturmaschinen Berlin 2010   Azreds Buch. Geschichten und Fiktionen, Kulturmaschinen Berlin 2010   Das bleibende Thier. Bamberger Elegien, Elfenbein Verlag Berlin 2011   Die Fenster von Sainte Chapelle. Reiseerzählung, Kulturmaschinen Berlin 2011   Kleine Theorie des Literarischen Bloggens. ETKBooks Bern 2011   Schöne Literatur muß grausam sein. Aufsätze und Reden I, Kulturmaschinen Berlin 2012   Isabella Maria Vergana. Erzählung. Verlag Die Dschungel in der Kindle-Edition Berlin 2013   Der Gräfenberg-Club. Sonderausgabe. Literaturquickie Hamburg 2013   Argo.Anderswelt. Epischer Roman, Elfenbein Berlin 2013 (Dritter Band der Anderswelt-Trilogie)   James Joyce: Giacomo Joyce. Mit den Übertragungen von Helmut Schulze und Alban Nikolai Herbst, etkBooks Bern 2013

Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. mare 2015.
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„Diktatur der (Massen)Meinung“. DER ENTGEGNUNGEN ERSTER TEIL. Im Arbeitsjournal der ersten halben Mittwochsnacht des 10. Februars 2016.


[Roter Tisch, 9.30 Uhr
Erst aber nachts eingestellt]

Das ist geradezu unheimlich.
Ciane, SMS

Treffender läßt sich nicht formulieren, was in den letzten beiden Tagen >>>> hier in Der Dschungel, aber kurz auch >>>> bei amazon abging; die hämische Leser„meinung“ wurde unterdessen gelöscht, typischerweise >>>> gleich mir angelastet, diese Löschung vorgenommen zu haben. Was, wie ich drauf auch geantwortet habe, gar nicht geht; nicht einmal der Verlag könnte so etwas bewirken. Statt dessen, wie ich heute früh einer befreundeten Vertriebsfrau schrieb:
Es kamen dem "Rezensenten" offenbar zu viele Gegenkommentare, und er begriff sein Eigentor, drehte es dann in Der Dschungel in ein Tor gegen mich um, indem er behauptete, ich selbst hätte den Leserkommentar gelöscht. Auch wenn das offensichtlicher Unfug ist, bleibt von sowas immer etwas hängen.
Genauso wird momentan agiert; es sind gezielte Denunziationen. Ich bin sie seit Jahren gewöhnt (was den Umgang damit nicht leichter, eher noch schwieriger und belastender macht).
Ich habe mich jetzt drangesetzt, einen Text über „Meinungen“ (fast immer anonyme, klar) als neue Verkaufstools zu schreiben; letztlich zeigt sich die „Stimmung“ am Markt auf diese Weise selbst; ökonomietheoretisch: Die Konsumenten ersparen den Firmen die Kosten für Erhebungen über ihr Kaufverhalten, erleichtern ihnen also die Anstrengung des Kalkulierens. Eigentlich ist das spannend, diese sich mehr und mehr perfektionierende Festsetzung des Kapitalismus zu beobachten, wär man halt nicht grad Kollateralopfer selbst. Die „Quote“, auf die die Öffentlichen Sendeanstalten so starren, ist unterdessen in die Köpfe der Leute gepflanzt: selbst (oder sogar gerade) jener, die sich „fortschrittlich“ dünken.
Es geht hier also um ein zutiefst politisches Geschehen. Das Buch selbst ist nur ein Anlaß.
Auf einem Symposion vor ein paar Jahtren, auf dem es unter anderem um moralisches Handeln ging, rief Maxim Biller aus: „Was moralisch ist, fühle ich!“ Woraufhin ich entgegnete, nun ja, das fühle im Mittelwesten der USA ein jeder Weißer auch, der Schwarze für minderwertig erachte. Gefühle, gerade auch „moralische“, haben wir alle. Woher sie stammen, ist die Frage, welches ihre Gründe sind.
Wie diese Gefühle nun aber, so auch die „Meinungen“. Indem Meinung zur öffentlichen, das heißt publizierten Äußerung wird und von autoritären, bzw. machtvollen Organen getragen, wird sie in einer ganz anderen, einer gefährlicheren Weise Verkaufstool als es jemals Kritiken von Berufskritikern waren, die sich in der Kunstgeschichte doch nur ebenfalls allzuoft irrten, nicht selten zum auch existentiellen Elend der Künstler(innen). Eine Meinung zu haben, impliziert nicht das Recht zu ihrer hervorgehobenen Äußerung; hier stößt „Demokratie“ an ihre Grenzen und übertritt sie. Die nicht zu begründende und nicht begründete Meinung der Vielen, unabhängig von auch nur (Herzens)Bildung, wird zur Diktatur: Marktdiktatur.
Es ist zudem ein Irrtum anzunehmen, solche Meinungen bildeten sich „von sich aus“. Ihnen gehen Prägungen voraus, ihnen gehen Manipulationen voraus, hinter denen sehr wohl massive Interessen stehen, die wiederum diese Meinungen erst gefärbt haben. Daß in diesen Kontext der sogenannte Pop gehört, versteht sich von selbst, der die gemeinte Dynamik sogar schon in seinem Namen trägt: eine Popularität, die über das Phänomen selbst, als einer Form von Kunst und/oder Kunsthandwerk, weit hinausgeht, nämlich Lebensstil und vor allem Mode mitumfaßt und damit gleich weitere Segmente der Ökonomie finanziert. Keine noch so elitäre Kunstauffassung war jemals derart totalitär und damit doktrinär, und zwar auch dann, wenn sich die Pop-Künstler von Doktrinärem und Totalitärem gerade absetzen wollten. Im Pop wurde der Widerstand zur politischen Affirmation umgeglättet. Daß die GIs, als sie den Frauen von My Lai die Handgranaten in die Mösen preßten, dabei Bob Dylan sangen, ist „nur“ einer der perversesten Ausdrücke des von mir gemeinten Vorgangs.
Der sich seit Jahren immer wieder gegen mich formierende Unwille, der nun schon wie Haß aussieht, ist darin begründet, daß ich solche Zusammenhänge benenne. Aber die Leute sind vom Pop geprägt, er ist ihnen Heimat, und greift ihn jemand an, streicht er ihnen die Jugend durch. Das ist das eigentliche Skandalon, für das meine Arbeiten stehen, für das aber, offenbar, mehr noch meine Person steht. Dabei ist ohne das Pathos, das man mir vorwirft und das ich vertrete, diese Art Heimat selbst gar nicht möglich. Ja in jedem Fußballstadion brandet einem vor allem Pathos entgegen und johlt, wie man‘s aus den fürchterlichsten politischen Zeiten kennt. Leonard Cohan, Paolo Conte, Madonna, egal, auf welcher künstlerischen oder nur unterhaltenden Höhe, sie alle sind von Pathos extrem voll; es gab auch das harte widerständige Pathos der Stones. Nur die Literatur, sagen wir exakter: Dichtung, habe davon frei zu sein.
Und ich wiederhole mich: Es ist ein deutsches Phänomen, von jenen bewirkt und mit Tabu belegt, die selbst allen Dreck am Karren hatten, etwa Walter Jens. Deren Diktum wird bis heute treu exekutiert. Interessant auch, daß man ausgerechnet mir „Bauchnabelschau“ vorwirft und das nicht etwa durch die Personen und Themen begründet, sondern durch meinen literarischen Stil. Alles klinge immer nach mir, was, selbst wenn es wahr wäre (was es nicht ist), gegen eine Dichtung gar nichts sagte. Wir erkennen, hören wir eine Komposition, sofort, ob es Beethoven ist oder Ravel, ob Händel oder Bach, ob Mahler oder Strauss, ob eben Cohan oder Wecker oder, sagen wir, ABBA – na, bei denen wohl weniger. Und wir erkennen sofort einen Text von Kafka, Th.Mann, Pynchon, Nabokov, Broch, um von Döblin ganz zu schweigen. Eine Handschrift zu haben (maniera) ist gradezu ein Gütezeichen von Kunst gewesen, seit je, ob in der Bildenden, der Klingenden, der Erzählenden. Mir gegenüber wird es zu einem Makel verdreht – wie alles verdreht wird, nur damit ich endlich schweige, möglichst gleich ganz weg bin und nicht mehr störe. Denn wo alles sich einrichtet und ungern dran Fragen stellen lassen will, richte ich mich nicht ein, sondern setze mich aus. Gibt es einen zweiten wie mich, eine zweite, die s i c h – ohne daß eine Macht hinter ihnen stünde, sei es der SPIEGEL, sei es die FAZ, oder irgend eine andere autoritäre Sicherheit – derart beschimpfen und diskriminieren ließe, wie‘s mir nun abermals geschehen ist und geschieht – der und/oder die so etwas stehen ließe? - Ja, bisweilen lösche ich etwas, habe es gelöscht, impulsiv, bisweilen aus Wut, bisweilen aus Verzweiflung - doch im Verhältnis zu dem, was ich stehen lasse, sind das Fürzchen.
Was ich verlange, ist ja gar nicht, daß man meine Bücher mag; was ich verlange, ist die Anerkennung dessen, daß ich mein Handwerk verstehe – ob ich es für etwas einsetze, das die Leute wollen oder nicht. Denn tatsächlich will ich Pathos, ein gutes aber; es „passiert“ mir nicht.
Und dazu auch: Die Dschungel ist ein Kunstprojekt, das zugleich Zeitdokument ist: Wie hier vorgegangen wird, schreibt mit und hält fest: Material nicht nur für meine Arbeiten, sondern für künftige politische Sozialstudien auch, sicherlich ebenfalls für die psychologischen Wissenschaften. Ich muß dafür inkauf nehmen, daß mir dies alles existentiell schadet, auch meine Position in meinen Verlagen schwächt, die doch von Umsatz ebenso abhängig sind wie ich selbst es bin. Ich bin für sie ein riskanter Posten. Aber dieses Kunstprojekt ist da und zutiefst meines, und ich habe es immer politisch verstanden. Damit ist es eine, für mich, künstlerische Verpflichtung, auch wenn ich unter ihr heftig – das ist kein Gemeinplatz – leide, immer wieder, oft tagelang außer mir bin vor Verletztheit, ratlos bin gegenüber dem, was auf mich einprasselt, hilflos bin, heule, schreie, die Wände hochgehe, auch wenn ich selbst bisweilen zum Spiegel der Wut werde und dann meinerseits haßgeladen bin. All dies ist ein, und die Löwin hat mich gestern mehrmals mahnend daran erinnert, Teil meiner Künstlerexistenz, einer, die sich austragen und immer wieder ihre Form finden und in die Form zurückfinden muß.
Ich habe den Leuten überhaupt nichts getan, bin nur ich und schreibe, so gut oder schlecht ich es vermag. Hielte ich es für schlecht oder auch nur Mittelmaß, ich würde es nicht veröffentlichen. Wenn ich‘s aber veröffentliche – und auch Verlage tun es ja und gewiß nicht, weil sie sich Reichtümer versprechen –, dann aber kann ich doch auch klar sagen, daß ich es nicht für Mittelmaß halte. Was ist daran so schlimm? Jedem Autohersteller erlaubt man, seine Produkte als überragende herauszustellen, jeder Bäcker darf schreiben, hier schmeckt‘s immer lecker. Wer seine Brötchen nicht mag, muß sie ja nicht essen.
Wenn ich, übrigens, ein Buch nicht mag, dann lege ich es beiseite; warum, wenn nicht aus politischem Grund oder weil ich davon lebe, soll ich mir da die Mühe machen, meine Meinung kundzutun? Deshalb ist an solchen Meinungspublikationen tatsächlich die Motivation interessant, zumal in meinem Fall, in dem es nahezu immer auf Persönliches herausläuft. Das Irrationale daran ist interessant: daß eigentlich etwas anderes, etwas Unsichtbares verhandelt wird, das sichtbar auch nicht werden soll. Zurecht deshalb Cianes Bemerkung, das Geschehen sei unheimlich - ein Wort, das in seiner durch die Vorsilbe bezeichneten Verneinung sein Gegenteil meint. Hierzu paßt die gewählte Anonymität der Vorgänge wie die >>>> Bocca di leone an den Dogenpalast:



***

(Zweiter Teil morgen - wann aber, kann ich jetzt nicht sagen. Aus privaten Gründen, die hier nicht hingehören, habe ich heute zwar noch weitergeschrieben, aber das zu Sagende nicht zuendebringen können, und ich will es morgen noch ergänzen, ohne aber auch da absehen zu können, wieviel Zeit eine andere Verpflichtung mir dafür erlaubt.
ANH
[Im Landhaus, 23.45 Uhr])

„...eine Art weltferne Demut“: Der Bücherblogger liest Traumschiff.


>>>> D o r t :

Zu Love von Gaspar Noé.

>>>> D o r t.


Noé, Love, Schlußbild
(Sowie >>>> da.)

ANHs Traumschiff. Verlegt von mare in Hamburg.



Foto und Fotografie des Buchumschlages
(copyright): >>>> Jan Windszus


Alban Nikolai Herbst
Traumschiff
Roman


mare


320 Seiten.
Gebunden mit Schutzumschlag.
Lesebändchen.
22 Euro.


Adrians Geburtstag, beider stolzer Eltern op.1 Nr. 16.


Deshalb hier kein Eintrag heute, sondern nur ein Bild:



[An der Wand im Hintergrund der junge Mann mit sechs.
Zwischen den beiden die Zwillingsgeschwister.]

Hirnform (2), auf Bilder Alfred Ehrhardts. Entwurf ff.

(...)
/ - - | /               
               Wir sind wie | aus|geschnittene Folien,
Klebung sind wir | nur auf Papier | papieren ersteint zu
Holz und | sind wie der Zufluß, ab|getrennt von dem Fjord.
Eingesperrt in uns selbst | stehen wir vor | im Unendlichen
Zentralperspektivisch sich schneidenden Wegen
Unter dem Links-, und dem Rechtsmond dann,
Wenn wir ihn fliehend im Rücken | haben: | Drauf
Sieht sie, die Maske, leer | hinab und | auf das speiende Feuer,
Das uns befreit vom Un|wesentlichen Ge-
Dichtetes schwitzt nicht | Stil ist aseptischer
Rahmen wie Jüngers gefrorener Schlamm, in
Den wir nicht ein|sinken Käl|te des Geistes,
Gegenwarts|inne unberührt immrig | Ge-
Stalten des Monds und der Gitter | Auf|lösung in
Wellener|
                       (ach, daß ich schliefe!)
             -starrung Ideen von | Reinheit & Wesen
(...)

Hirnform. Aus dem Entwurf eines Langgedichts auf Bilder Alfred Ehrhardts (1).

(...)
Wie‘s sich sogar in die Wolken erhebt als Struk-
Turen oben und | unten zähe opakes Liquid
In den Sedimenten einge- | wie wartendes Hirn |
Lagertes Un|vergessen | im | Eisvogel über den Krusten
- ach, daß ich schlafen könnte!
- ach, daß ich wär | nur die Balance sich
Drehender Scheiben arithmetischen Mittels,
Nicht so ein leidendes Tier, das sich in Kunst-
Griffen verbirgt, dürftig vor | Nöten nicht | und
Morgen schon un|ewig Stirn und Gestirne –
Fenster, gespatelt, Drahtnetze wie | gegen Fliegen
In jeder Wand ein Universum beständiger, ahne ich,
Formungen, die wir als sicher erkennen in jedem
Quadrat|meter | Watt | Repetition vom Interesse gelösten
Wohlgefallens | das selbst das Tote als Formspiel
Und als Varianten begreift | jenseits der Schmerzen, der
Blutroten Ströme zwischen dem Gitter und Gitter | ein
Flacher, in Grün, Streifen von Land | Rot sonst und
Wüste und abermals Meerstrang, der un|gerührt
Gitter und Kreuze vereinigt die | Kreuzigungen,
Abgeschnitten von Leibern, Wimpern zu Fühlern
Ist das ein Kahn, darauf wir über|setzen?
Ist das ein Fisch, der schon im Netz?
Sag!sägte die Flosse es, s a g! | durch | in unserer Tief-,
Werden die Blasen in -seenacht, sag mir! zu Sternen?
(...)

Das Finanzamt will mich pfänden


Hic ego qui iaceo tenerorum lusor amorum
Ingenio perii, Naso poeta, meo.


Das Finanzamt will mich pfänden – ich darf
über Zahlungen aber, die vom Sozialamt eventuelle
kommen, doch kommen da keine, verfügen,
sofern ich binnen zwei Wochen eine spezielle

Epistula ex Ponto verfaßte; dem Antrag
anliegen solle, was er nicht spezifizieren wolle,
da allgemein keine Regeln ableitbar seien,
schreibt mir Herr O - und besonders

zu eilen sei mir geboten, sonst drohten
meinem sowieso schon, ihr Idioten,
aufgekündigten Konto in Rom | Zwangsmaßnahmen
und meiner persönlichen Habe;

man schickte dafür die römische Schabe
mit Rutenbund und Beil zu mir her
an das tomische Meer meines Darbens,
um meinen hüttrigen Sehnsuchtsdom | durchzukramen

mit ihrem lahmen Liktorenglied:
Da zieht sie aus den Laden
zu ihrem faden Lächeln Papyr für Papyr,
herfür - mir zwar sehr zu Schaden, doch

sie sieht, die falbe Schabe, noch
ihr selbst zur schalen, schaben Pein,
auch in d i e s e s Lied hinein -

Bösgedichtchen Nr. 2

Und hab ich Dich gefangen,
tu ich Dir alles an,
was nur ein böser Mann
der schönen Beute antun kann

- versprach er, und er steckte,
bevor er es befleckte,
die ganze Hand ins unbedeckte
ihm hingegebene Erbangen

Sich preßt‘s ihm zu
Er wühlt es um,
dreht ihm die schrei‘nde Seele rum,
bis die erschlafft und sich zur Ruh

allein noch seinem Willen zu
all‘ Will‘ und Woll‘n laßt hangen




Hommage an Harry Oberländer.


Meine Damen und Herren,

da ich von den Autorinnen und Autoren, die heute hergekommen sind, als erster sprechen darf, möchte ich allem anderen voran den Dichter Harry Oberländer ehren, einen Dichter der stillen Vergessenheiten, vergessener stiller Geschichten, vergessener Landschaften und Häuser und ihrer vergessenen Bewohner, in Stille gestorbener teils, teils johlend oder gemütslos ermordeter, sei es von Krankheiten, sei es von gleichfalls vergessenen Menschen, sei es auf, um es so kalt zu nennen, wie es war, industrielle Art und Weise -

also den Dichter ehren, den ich lese, wenn ich >>>> „Chronos krumlov“ lese, was ich heute fast den ganzen Tag über tat,

denn so ehren wir Dichter am meisten, sogar vielleicht nur, wenn wir, die anderen Dichter, sie in dem ehren, worin sie eigentlich sind, in ihren Themen und Formen, nicht aber in ihren Funktionen, die wie ihr Leib hinwegsinken werden; jene aber bleiben, wie Chronos krumlov bleibt, die Zeit des Städtchen Český Krumlov, Krumau zu deutsch, oder Krummau, nämlich „krumme Au“, erbildet auf einem in einer Moldauschlinge gelegenen und vormals mithin, wie wir dem Namen anhören können, periodisch überfluteten Flecken in Böhmen. Diesem hat Harry Oberländer seinen nach dem Städtchen benannten neuen Gedichtband gewidmet,

einem, entnehmen wir dem Buch, Zeitloch des Stillstands, das uns in die Vergangenheit saugt, die Kontinuität zu sein scheint, auch wenn sich die Stadt dagegen auflehnen möchte: Wie hilflos wirkt doch gegenüber Oberländers Poesie der Titel, den sie 2013 einer Landesausstellung gab: „Hopfen, Salz und Cyberspace“.

Dagegen spricht der Dichter ein:

nachts ist die moldau schwarz

in stummen straßen leere stunden
die stadt, die narben, winkel, wunden
laut leben in den tag die armen leute
der dieb, der tod, holt sich die beute

lackiertes wasser glatt wie harz



Doch ein anderes Gedicht Harry Oberländers möchte mein Festgruß ehren, und zwar so, wie ein Komponist Kollegen ehrt – vermittels eigener Variationen auf eines seiner, Oberländers, Themen, und es lautet:

Thema

wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht. in der dämmerung
reduzierte das licht seine konturen.
es alterte mit dem abend schwand es

wir sahen es beide mit eigenen augen
und sprachen und sahen und waren selbst

das junge, das alte gesicht, das vergehen
jenseits der strömung im moldaugeklipp



Variation 1

Wir sahen am Ufer ein Stück Stein
Es ließ es das Halblicht vage ein Kind
und uns die alten Eltern sein

die unter der Strömung, die da lind
über die Klippe flutete,
in ihm erkannten, was sie sind.

Da blutete der Abend auf uns nieder
und wieder, in einer linden Schnelle,
nahm‘s uns im Dämmern fort,

und sich aus Welle, Zeit und Ort.



Variation 2

Im Moldaugeklipp
unter den Strudeln
darinnen Fischlein trudeln
kurz ein Gesicht

im Wurzelgelipp
Aus Stein und Wasser und Zeit
schaut eine fernste Vergangenheit
Erst ein Gesicht, schon ein Geripp‘ -

Liebste, du erkennst uns nicht?


Variation 3


Die Dämmerung, am Flußrain, fiel
Kaum ein Hauch war in den Wipfeln
Auf den Gipfeln letztes Licht

Drunter stieg kühl ein Dunst an das Ufer
Drunter verschwamm ein Gespenstergesicht
Warte nur, Geliebte, balde

waren auch wir beide nicht



Variation 4


wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht in der dämmerung

es sah uns an und wollte sein
und war‘s

und ward‘s und schwand
Wir standen lang noch Hand in Hand



Thema


wir sahen ein gesicht im stein,
ein kindergesicht. in der dämmerung

reduzierte das licht seine konturen.
es alterte mit dem abend schwand es

wir sahen es beide mit eigenen augen
und sprachen und sahen und waren selbst

das junge, das alte gesicht, das vergehen
jenseits der strömung im moldaugeklipp




___________________________________________
[ANH,
gehalten am 18. Dezember 2015 in Frankfurt am Main
zur Verabschiedung Harry Oberländers als Leiter des
>>>> Hessischen Literaturforums im Mousonturm]</sub

Bei Keith Jarrett, als er 1996 für allezeit in Napoli spielt.

Da warst du schon sechs Jahre tot.
Du warst ein Ungelebter.
Bebt er für, Vater, dich?

Summt er in sich?
Als seufzte versunken
in seinen Noten deine Not,

in seinen leisen Fingersätzen,
Dir sei ein Sohn ertrunken,
und bitterlich.

Kannst du ihn, Vater, weinen hören?
Dann hörst du mich.


Erschienen in:

>>>> Bestellen
(Erste, des Entwurfs, Veröffentlichung in Der Dschungel: 30. August 2008)

The Box

Sie stand noch an der Box
Es ging zu schnell und doch nicht schnell genug
Sie federte schon weg, als er sie an sich riss
Ihr rechtes Ohr vorübergehend zwischen seinen Zähnen.

Sie machte sich los und rannte die Treppe hinauf
Schmückte die Schläfen sich mit den Blüten des süßduftenden Majorans
Nahm den Schleier der Braut und kam her
Den weißen Kuss zwischen den roten Lippen.

TRAUER FÜR PARIS

Kein Arbeitsjournal.
Kein Eintrag.
Dschungelstille über den weiteren Tag.

ANH,
8.38 Uhr.
(Ich mag jetzt auch die morgige Veranstaltung in Braunschweig nicht ankündigen. Sehen Sie einfach rechts auf die "Ereignisse"-Liste).


„So hat sich der Kapitalismus in ein kriminelles System verwandelt.“

Thorsten Wiesmann >>>> in der Berliner Gazette. (Höchst erhellend der Gedanke, z.B., daß >>>> die meisten Flüchtlinge, die nach Europa strömen, recht eigentlich Klimaflüchtlinge sind - also Menschen, die vor der Klimaveränderung fliehen müssen, die maßgeblich die aufgesuchten Länder zu verantworten haben.) L e s e n!

ANH
16 Uhr


Zum 100. Tag: ANH spricht M e e r e (2003/2008). 1.






aus:
       
Alban Nikolai Herbst
Meere


Roman
mare 2003
Axel Dielmann Verlag („Persische Fassung“) 2008

[>>>> Bestellen.]

 

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