Alban Nikolai Herbst / Alexander v. Ribbentrop

e
Marlboro, Prosastücke, 1981 Die Verwirrung des Gemüts, Roman, 1983 Die blutige Trauer des Buchhalters Michael Dolfinger, Lamento/Roman, 1986 Die Orgelpfeifen von Flandern, Novelle, 1993, 2001 Wolpertinger oder Das Blau, Roman, 1993, 2000 Eine Sizillische Reise, Fantastischer Bericht, 1995, 1997 Der Arndt-Komplex, Novellen, 1997 Thetis. Anderswelt, Fantastischer Roman, 1998, (Erster Band der Anderswelt-Trilogie) In New York, Manhattan Roman, 2000 Buenos Aires. Anderswelt, Kybernetischer Roman, 2001, (Zweiter Band der Anderswelt-Trilogie) Inzest oder Die Entstehung der Welt, Der Anfang eines Romanes in Briefen, zus. mit Barbara Bongartz, 2002 Meere, Letzte Fassung 2007. Bei Volltext. Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen, Poetische Features, 2004 Die Niedertracht der Musik, Dreizehn Erzählungen, 2005 Dem Nahsten Orient / Très Proche Orient, Liebesgedichte, 2007 Meere, Letzte Fassung 2007 Aeolia.Gesang / Stromboli. Mit den Bildern von Harald R. Gratz. Limitierte Auflage, 2008 Kybernetischer Realismus, Heidelberger Vorlesungen. Manutius Heidelberg 2008Der Engel Ordnungen, Gedichte. axel dielmann - verlag 2009Selzers Singen, Phantastische Geschichten. Kulturmaschinen 2010 Azreds Buch, Geschichten und Fiktionen. Kulturmaschinen 2010 Das bleibende Thier, Bamberger Elegien. Elfenbein Verlag 2011 Die Fenster von Sainte Chapelle, Reiseerzählung. Kulturmaschinen 2011

 

Unvatertägiges Argo- und GalouyeJournal des Donnerstags, dem 17. Mai 2012. Abends aber doch mit Familie.

10.35 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Dann doch die Einladung I.R.‘s angenommen, um viertel nach acht hier aufgebrochen, dann ging das bis nach ein Uhr nachts; ich lag kurz vor zwei im Bett. Also kam ich erst um halb sieben hoch. Na gut. An Argo, ff: Der Text erwähnte nun schon so mehrfach Dietrich von Bern, daß ich die Sage aus dem Board herunterholte und noch einmal ganz las, mit dem Nachspiel in den Nibelungen, Etzels Saal, das Gemetzel, schließlich Dietrichs seltsam der Himmelfahrt Mohammeds ähnelndes Ende; daß der Rappe Buraq gewesen, wird indes nicht erzählt.
Abermals der Eindruck einer höchst groben Sagenstruktur, grob an Character, grob an Ausarbeitung, imgrunde wird immer nur draufgehauen. Spannend allerdings die Grausamkeit der oft als so zart hintertragenen Krimhild, der späteren Gattin und Rächerin Siegfrieds: hier ist die Rächerin schon als unberührt empfangene Gewaltlust da. Bestellt die Veroneser ein, damit Blut fließe; wer je den Zweikampf gewinnt, bekommt einen Kranz und einen Kuß auf den Mund, von ihr, ja, der Jungfrau. Insgesamt vergibt sie über sechzig solcher Küsse. Dann immerhin doch noch etwas mehr als drei Argo-Seiten von den täglich geforderten vier geschafft; allerdings nun in zeitlicher Drängnis. An die Galouye-Montage werde ich jetzt erst kommen. Das Cello muß bis zum Nachmittag warten, wenn mir ohnedies mein Junge wieder Unterricht gibt. Gemeinsam danach zur Familie hinüber, wo ich den Abend verbringen möchte mit ihm, den Zwillingskindlein, लक्ष्मी. Da sollte die Montage denn mit allen nunmehrigen Einschüben stehen, vielleicht auch schon die Akkordeon-Klänge wenigstens roh untergelegt an den Stellen, die das verlangen.

Till Kreuzer war da, guter Kontakt, und sein Partner von >>>> i.e., so waren denn das Urheberrecht wieder Thema, und seine möglichen Alternativen. Die beiden haben ein Konzept, von dem ich einiges vermute; nur sprechen sie nicht frei darüber. Chili con carne gab‘s, und ich fürchte, wir haben zu dritt eine dreiviertel Flasche >>>> Knockando niedergemacht, die I.R. irgendwann auf den Küchentisch stellte, als wir die Biere bereits mit Eiswürfeln tranken, weil der Kühlschrank geleert war. Klug saß die Übersetzerin dabei, die für >>>> Benjamin Steins Roman „Die Leinwand“ literarische Scoutin in die USA gewesen ist. Dann ging‘s mit politischer Korrektheit spöttisch ein wenig hin und her, in deren, aber, gender-Gestalt. - Guter Abend,. den ich doch eigentlich schwänzen wollte.

Jetzt also an >>>> die Montage. Zum Arbeitsfortschritt vielleicht noch später ein eigener Beitrag. Und am frühen Morgen versicherte mich eine Katze ihrer sich rollenden Lüsternheit.

Poetiken zur Musik. An actmusic.com.

Lieber >>>> Herr G.,
(…) ... zumal, wie Sie wissen werden, ich mich nur selten an journalistische Regeln halte, wenn ich über etwas schreibe. Ich bin de facto auch kein Journalist, sondern Schriftsteller; vieles von dem, was ich zur Musik schreibe, sind deshalb eher poetische Miniaturen zu nennen als wirkliche Kritiken. Das führt immer wieder zu Problemen, aber ich rücke davon nicht ab, da ich jede Kritik zugleich immer auch als eigene literarische Arbeit verstehe, nämlich als künstlerische Positionierung innerhalb der - soweit es sie denn noch gibt - ästhetischen Diskussion. Es ist ganz gut, das zu wissen.
Das erklärt Ihnen sicher auch, weshalb ich Interviews nicht mache. Es gab zweimal Ausnahmen, aber da war ich mit den anderen Künstlern so vertraut, daß wir tatsächlich ein Gespräch führen konnten, bei dem nicht einer den anderen fragte und nicht nur der andere Auskunft gab, etwa seinerzeit mit >>>> Lothar Zagrosek.
Herzlich
ANH

Gehändel für die Spaßgesellschaft, mit großem Jubel affirmiert. Stefan Herheim läßt ihn tändeln, den Xerxes, an der Komischen Oper Berlin.

[Foto im Saal: ANH/iPhone.
Fotografien: >>>> Karl Forster.]
Gleich vorweg: Ich mag keine Kalauer. Ich mag es nicht, wenn ich dazu genötigt werde, etwas in einer unablässigen Folge sogenannter Witze dauerkomisch zu finden. Mir ist es verdächtig, wenn unentwegt gebrüllt wird vor Lachen und auf jeden schließlich nur noch mauen Scherz saalweit applaudiert. Ich mag es auch nicht, wenn geklatscht wird, weil eine Arie sowieso berühmt ist und man sich also nicht blamiert, wenn man da applaudiert: man ist sozusagen auf den Moment schon hingespannt, daß man die Hände innen sich wieder röten lassen kann vermittels ihrer Gegenschläge. Kurz: Allgemeine Bespaßung ist mir verdächtig. Mir wird da unwohl, ich möchte mich zurückziehn. Und rufe aus der Wüste, in der aber nicht ich steh.
Da hat man seine Kategorien zu nennen.
Das Stück >>>> ist selbst schon ausgesprochen heikel, das Libretto wirr, und die Musik von Händel geschrieben, um in London vielleicht doch noch mit italienischer Oper zu reüssieren, ist also darauf angelegt, mit der Schwarte nach dem Publikum zu werfen, das aber heute erst mit Schmatzen und Schlürfen reagiert, so daß ihm der Speichel zu jedem Geklatsch aus den Mundwinkeln rinnt - heute erst, weil dieses auf UnbedingtErfolg-HabenWollen komponierte Stück damals aufgrund einer Modernität verstörte, die wir Heutigen jedoch als modern gar nicht mehr hören und erst recht nicht, eben, als verstörend: was irritierte, ist längst in den Kanon gesunken und vom Historisieren umschlungen und entkräftet worden, marshmallowisiert. Da wäre es ein Abenteuer gewesen, uns neu erleben zu lassen, was es denn war, das damals nicht verstanden werden - objektiv: - konnte; man hätte zu spüren bekommen, vielleicht, wie selbst im scheinbar billigsten Schwank, sofern er Kunst ist, noch jene Spur eines Widerstands steckt, der ihr so oft aus der Form kommt, ja vielleicht hätte das zu einer nächsten ästhetischen und damit auch politischen Erkenntnis geführt, die in dem Schauder steckt, dem gerade die barocken Spiele derart ergeben sind, darinnen durch die weltliche Leidenschaft nahezu immer der Tod blickt und Zerfall & Zersetzung, doch neues Blühen auch.
Einiges davon war ja auch da, gestern abend, bei dieser Premiere. Vieles sogar, vor allem durch das grandiose, wirklich - und durchgehend - grandiose Bühnenbild Heike Scheeles, das im Nebenhin mal eben ein völlig realistisches Szenario entwirft, auf Barockprospekten zwar, aber deswegen ganz besonders, im allegorischen Schein der Bühnenwirklichkeit, geradezu krude realistisch: es klappen sich rechts und links hohe schmale Seitenwändchen vor, hinter denen je, ebenfalls gemalt, der Bühnenvorhang zur Szene weht, sie zu bordüren - Verschachtelungen dessen, was wahr sei, mithin, was aber eben immer nur Spiel, und Spiel im Spiel im Spiel ist - bis zur, dreimal folgenden, völligen Zerstörung. Denn das Gerüst, das die Wirklichkeit ist, ist das eigentliche, bühnenbildnerische, Leitmotiv des Abends. Entsprechend auch die beiden Grundräume der Inszenierung: jeweils sind sie Ateliers. Dazu gehört ferner der Umgang mit den Kostümen. Man wechselt in ihnen die Identität - nur daß sie nur für die Puppen, die die Schauspieler sind, gewechselt werden kann. Ist die Gestaltung groß, wird eine jede zum Körper der Allegorie.
Nicht so, leider, hier: wo alle Puppen bleiben, doch gerade das das Publikum entzückt: Es kommt ja nun ‚nicht darauf an‘, kommt auf gar nichts mehr an als darauf, sich bespaßen zu lassen, gleich, ob da Tränen fließen, an die doch sowieso keiner glaubt; sie fließen allein, damit wir einen nächsten Grund zum Johlen haben. Da wird uns die eigene Uneigentlichkeit, die eine losgelassene Ökonomie als in alles und jedes tauschbare feiert, so sehr zum Selbstbespaßungsgrund, daß es in den Ohren, mit Nietzsche gesprochen, feinerer Geister etwas Wieherndes bekommt, ja in den Ruf der Esel regrediert, die nickend alles bejahen, was ist, iaahen, bis sie schließlich meinen, ganz ebenso singen zu können: „Der Kuckuck sprach: „Das kann ich!“/Und hub gleich an zu schrei'n./|: Ich aber kann es besser! Fiel gleich der Esel ein.“
Politisch gesprochen, ist das reaktionär.
Dem entspricht die Opulenz der Inszenierung, die den Barock pur nachstellt, anstelle ihn in die Moderne zu heben, anstelle seiner permanenten Todesgewißheit angemessene Aktualität zu verleihen, angemessen, weil sie realistisch ist: hier verkommt das Brüchige, mit dem das Bühnenbild umgeht, zur Ruinenschönheit, vor der es sich seufzatmend wohlgehen läßt: auch dies eine kulturhistorische Stanze, die sich, wie Heike Scheele zeigen möchte, durchaus Erkenntniskraft bewahrt hat, wenn Herr Herheim sie denn ließe. Anstelle nämlich die Verstörung zu reinszenieren - wozu es moderner ästhetischer Mittel bedürfte -, die dieses durch und durch wirre bis geradezu absurde Stück seinerzeit hat durchfallen lassen, anstelle die Modernität auszuformen, von der Herheim auch selber spricht - liest man seinen Text im Programmbuch, ist ganz offenbar, wie auf der Höhe des Diskurses er steht -, begeht er den prinzipiellen Fehler, oder begeht ihn um seines Erfolges willen ganz mit der Absicht eines sein Publikum mitinszenierenden Glamour-Verführers - - - den, also, „Fehler“, nicht klarsein zu lassen, wie einstige Gründe der Irritation schließlich entmachtet werden und sich pervertieren zum bloßen Konsumgrund. (Man mache sich, um meinem Einwand zu folgen, einfach nur klar, daß bei den ersten Eisenbahnfahrten, die ungefähr 25 km/h erreichten, die Menschen ob solcher Schnelligkeit sich übergeben mußten; bei Ravels Bolero fiel man in Ohnmacht. Und das Lärmen des Punks, um ein neueres Beispiel zu nehmen, war binnen eines halben Jahrs ins Hörgewöhnen integriert, damit seiner Protestkraft schon verlustig gegangen). Statt dessen wirft uns Herr Herheim mit prächtigsten Kostümen voll und erfreut uns an Asterixiaden, die ihre auf römisch hergemachten Soldaten mit allem Plump des Volkstheaters herumtappern lassen, damit auch richtig albern werde, was schon albern ist. Dann reißt zu allgemeinem Gaudi eine Kanonenkugel, indem sie den ganzen Hintergrundprospekt wegfegt, auch noch ein Riesenloch in die hintre Bühnenwand. Da dampft es dann noch lange dahinter. Jegliches Klischee des Barocks wird bedient, natürlich gibt es Theatergewitter. Und die tatsächlich einmal komische Szene, worin Adalante, sozusagen im aus Eifersucht, aber doch auch innerer zärtlichster Not kondensierten Wutdampf, Todeswaffe um Todeswaffe vorholt, damit die Nebenbuhlerin aus dem Liebeswege schaffen zu lassen, - diese Szene wird derart überwitzelt, daß ich nahe daran war, aufzustehen und das Opernhaus zu verlassen. Da schlug die Uhr längst neun, nach der man das Gelächter wie die Zwischenapplauswogen hatte stellen können. Schließlich mußte Herheim nur noch Andeutungen für seine Witzelungen werfen, daß alles danach schnappte: dankbar, ach, von jedem Gedanken entbunden zu werden, von jedem authentischen Gefühl. Man wollte sich amüsieren, jetzt, so radikal war der Wille, sich endlich mal bespaßen zu lassen in einer Oper, die für ihr kritisches Wagen bekannt ist.
Schon mit den Schafen ging das los, drei Leuten in drei Schafskostümen, davon eines schwarz, ohne daß man wüßte, weshalb. Spielt auch keine Rolle, ist ein Gag wie die Euter waren, an denen ein Popanz herumsuckeln durfte. Weshalb nun an dem, dem des Schwarzen Schafes, das eben einfach nur schwarz war, ist zu fragen müßig. Es kommt nicht drauf an; Herheim hatte den Einfall und Punkt. Man gibt ihm noch die gefälligste Form, so ist das Publikum glücklich. Doch vorher bereits, so ging das los: Die in Wolle verkleideten Leute rufen „Mäh!“, und das von Herheim eingerichtete Libretto läßt einen sagen, haha: „Ach, welch ein Sphärenklang!“ Das ist die Sorte Witz, auf die ein Publikum so steht.
Er hat aber viele Einfälle, der Herr Herheim; andere Regisseure werden ihn darum beneiden; es sind wirklich auch gute darunter - halbgenial geradezu, in einem Spiel mit Kulissenteilen den Namen Xerxes‘ zu „Sex Rex“ zu travestieren - aber wie weiter nun? wo ist der Zusammenhang, ein sinnvoller, zu dieser Inszenierung, bzw. zum Stück? Ja, vollkommen richtig: es wäre ein Ansatz gewesen. Doch Herheim tuckt das an und läßt es wieder fallen, bis sich die auch besten Ideen ästhetisch totgelaufen haben. Es ist ihre Redundanz, was den Erfolg macht, die zumal die Wirrniss des Stücks wiederholt, verdoppelt mithin - wenn denn nicht d o c h, am Ende aber erst dreier ziemlich langer Stunden, im letzten, diesmal aber wirklich großen Bild, ein wenig sich gezeigt hat, was auch mit dem Xerxes wäre möglich gewesen: Wie da der Chor, bereits in Alltagskleidung, von links her auf die Bühne tritt und an die Staffage, die das gesamte Stück gewesen, an die Kulissen und die plötzlich dürftigen Harlekinesken, die Händels Figuren dort sind, heran, die plötzlich hilflos aneinanderrücken und hilflos aufstehen und hilflos ins Publikum schauen, - wie da die Show zusammenfällt, das, in der Tat, ist ein großer Moment des Theaters gewesen.
Er sprang aber nicht über, konnte nicht überspringen, sonst wäre man im Jubel verhaltener gewesen und hätte sich gefragt, wem haben wir geklatscht? Man war schon so sehr nasgeführt, immer rundum in dem Kreis jenes seelenlosen Entertainments, um das es der Ökonomie so getan ist, in die sie sich glatthäutig schmiegen, gutgekleidet und geschmiert, voll zivilisierten Tons und Benimms - was man so kultiviert nennt als Replikant, der man ist. Einen davon konnte man später leibhaftig, auf einer anderen Bühne, erleben. Dazu am Schluß.
Seelenlosigkeit war das Thema des Abends. Es ist die magische Arbeit eines Regisseurs, den als Puppen immer erkennbaren Figuren Person zu geben. Wir wissen, als Zuschauer, stets um den Spiel- und Scheincharacter, ja - aber in dem Moment müssen wir die Figuren g l a u b e n, ihren Leiden und Leidenschaften, ihren Vermessenheiten, Bosheiten, ihrem Haß, ihrer Angst, die ja immer, wenn es Kunst ist, unsere eigene nicht nur karikiert, sondern sie uns verarbeiten läßt - das ist, was in der Kunst Erkenntnis genannt werden kann, kathartisch bewirkt oder über bisweilen scharfe Distanzierung, auch über Absurdität. Wer aber die Figuren eines Stücks diffamiert, diffamiert immer das Publikum mit, und ich meine jetzt nicht die amorphe grölende, vornehm applaudierende oder wie auch immer Geneigtheit und Ungeneigtheit bekundende Masse, sondern die Einzelne, den Einzelnen in ihr, die und der ein anderer sind als in ihrer Addition zu dem „Volk“. Wer die Figuren eines Stückes nicht ernstnimmt, nimmt diese Einzelnen nicht ernst, notwendigerweise, sondern er manipuliert sie, füttert sie, entzieht ihnen Nahrung, läßt sie vorhersagbar lachen, orientiert am kleinsten gemeinsamen Vielen. Genau hier unterscheidet sich Kunst vom Kunstbetrieb, auch wenn sie deren einer Summand ist. Die Verflachung von Ereignis ist der Event, mit welchem Begriff wir künstlerische Ereignisse unterdessen leider benennen; die Verflachung des Witzes der Joke, die von Humor ist der Gag; auch Amusement war einmal tiefer als Gaga gedacht. Herheims Inszenierung geht dem auf den Leim, indem er ihn selbst auf die Bühnenbretter streicht.
Da hatten vor allem die Sänger keinerlei Chance, sich einmal großzusingen. War auch egal. Man klatschte sowieso und sofort. Bereits die Anfangsszene, in der bizarrerweise eine Platane angesungen wird - melodisch ein Plagiat, übrigens, dem dieselben Leute zujubeln, die fürs Urheberrecht sich erstarken.
Wenn etwas aber Pop ist, drückt man die Augen zu; ist aber a u c h egal, denn sie sind blind -, - bereits hier feierte der Ungeist des Travestierens die parodistischen Blüten. Klar ist das absurd, so eine Liebeserklärung an einen Baum, man bringt das nur, weil die Melodie hübsch ist und auch ergreifend gesungen werden kann, aber d a ß die Szene absurd ist, wird für die Ausrede benutzt, daß sie nicht auch für ein Anderes stehen könnte, etwas nämlich, das gerade in seiner Abstrusität nahegehen kann. Sondern uns wird gezeigt: dies ist ein Popanz. Da wird dann j e d e r Popanz. Kein Lied, wie bewegend auch immer gesungen, kann uns da mehr ergreifen, zumal, wenn unter den Sängerinnen und Sängern niemand eine Stimme hat, die das Haus wirklich zum Zittern bringen könnte und uns den Atem stehen ließe, so daß wir nur noch nach Luft schnappen können. Solche singen nicht an diesem Haus; das sind keine Margaret Prices, keine René Kollos, keine Callas‘, Gruberovas, Papes, bei denen es musikalisch schlichtweg egal ist, wie man sie inszenatorisch führt; wir sind da immer benommen, wenn wir hinausgehn. Sondern die sangliche, es ist eine hohe, Kunst d i e s e r Sängerinnen und Sänger liegt anderswo - wie es eben Lied- und Opernsänger gibt und beides zugleich nur selten in selber Klasse zusammengeht, so gibt es für kleinere Häuser, es sind die inszenatorisch flexibleren, Sängerinnen und Sänger, die sich auf leisere Töne spezialisieren, großartig oft in der Intimität ihrer Characterführung; ich denke an >>>> Gun-Brit Barkmin, die an der Komischen Oper einige Male, mir unvergeßlich, sang und eben auch Brigitte Geller, vor allem aber, gestern abend, Julia Giebel und, eine kleine Offenbarung, Katarina Bradić, die alle aber darauf angewiesen sind, daß sie die Regie nicht überschüttet mit ihrem abstrakten „Die Welt ist ein Text“ oder Dauerschenkelklatschen und sie eben nicht, die daran mitunter verzweifeln, in eine Ecke treibt wie >>>> Hans Neuenfels Frau Geller in seiner gräßlicher Traviata, worin diese Sängerin geradezu herzschnürend vergeblich darum rang, daß ihrer Rolle irgend eine Würde blieb. Auch Herr Herheim gestattete den Darstellern nicht, sich großzusingen, wie groß sie immer auch sangen; die Stimmen hatten keine Chance, ihre Seele zu entfalten, einfach, weil sie die von Popanzen blieben und das bleiben auch sollten - und als sie, im Schlußbild, so hilflos werden, plötzlich, zitternd fast, erschütternd, da singen sie eben nicht mehr. Da gerade wäre zu singen der Moment erst gekommen. Das ist eine der schwersten Verfehlungen dieser Inszenierung, ihn nicht schon vorher zu setzen, eine Verfehlung an den Sängern, wie immer man ihnen auch zujubelt nun: Es ist ein falscher Schein. Man ist gut unterhalten worden, Punkt, und kann sich nun, derart gechillt, wieder den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden, die wir „Geld verdienen“ nennen. Ist amüsiert worden, geentertaint & bestätigt im täglichen Korrumpelchen. Daran hat Herheim diese verdammt guten Sänger mitmachen lassen, ein Stückchen an ihrer eigenen Abschaffung wirken. Wenn Oper nämlich dazu dient, dann ist sie in der Tat überflüssig geworden, gesellschaftliches Prassen, wo andere darben. Das kann man wirklich billiger haben, vielleicht nicht ganz so repräsentativ, oder doch, dann freilich, für den eigenen Geldbeutel, teurer. Was draufgelegt werden muß, kommt vom Staat.
Nein, mit diesem Ulksinn geht das nicht. Da werde ich, der Oper liebt, zum Feind der Oper und ihrer Verschleuderung von Geldern fürs Kostüm, für den riesigen dahinterstehenden Apparat von Belegschaft und Technik und Erhalt der Gebäude, in dem sich nichts als reaktionäres Historisieren selber protzend feiert. Vielmehr ist sie, die Oper, sich selber verpflichtet als nach wie vor der umfassendsten Gattung aller Künste Europas. Ich will sie nicht wieder als Garnitur, die sie mal war, auf den Gedecken des sattesten, ödesten Wohlstandes haben, vielleicht mit wieder Ballettchen zwischen den Akten, zu deren zweitem man erst kommt. Es geht mir - ich nenne meine Kriterien - um gesellschaftliche Arbeit, um Intensivierung und Selbsterkenntnis und um Lust anstelle eines, Kichern hier und Juchhu da, unverbindlichen Gaudis, - kurz: um das Pathos, das Mensch aus uns macht.
Ich gehe nicht auf Premierenfeiern, wenn mir eine Inszenierung mißhagt; es anders zu halten, ist unfair gegenüber den Künstlern, die selbstverständlich ihre Arbeit jede/jeder für gut halten und sie dafür auch halten müssen. Ich mag ihnen nicht den Abend verderben, weil auch das wenig menschlich wäre. Denn man wird ja doch gefragt, wie man es gefunden habe.
Gestern abend durchbrach ich, aus privatem Grund, diese meine Haltung. So daß mich mein von der Begeisterung der anderen mitgetragener Freund R. schließlich bat: „Nun red doch nicht so auf uns ein. Uns hat es gefallen, dir nicht. Ist ja nicht schlimm. Aber laß uns unsere Freude.“ Da hatte er recht. Und dennoch war es gut, daß ich diesmal geblieben war, denn nun erlebte ich ein Nachspiel desselben selbsterheiterten, dabei kitschseligen Ungeists, der schon die Aufführung geleitet hatte: die Absage an eine Kritik gesellschaftlicher Zustände, ja deren Affirmation in ihrer replikantesten Form. Die Rede ist von André Schmitz, einem durchaus mächtigen Staatssekretär Berlins. Nachdem nämlich der Hausherr, Andreas Homoki, wie es schöne Sitte ist, die Mitwirkenden des Abends vor reichlich gebliebenem Publikum, das voll in Feierlaune, aufs Podium gerufen hatte und jeder, jedem noch einmal applaudiert war, war ihm Gelegenheit, seinen letzten solchen Auftritt, bevor er das neue Amt >>>> in Zürich antreten wird, mit der besonderen Ehrung einer seiner besten Sängerinnen zu krönen - schöner, wirklich, kann sich ein Intendant von seinem Haus nicht verabschieden. Brigitte Geller wurde in den Rang der Kammersängerin erhoben - zu recht, mit allem Grund, ihr zu danken... nur daß die Ehrung, leider, Homoki nicht selbst vornehmen konnte; dazu war vielmehr der Herr Staatssekretär gekommen. Der, anstelle die gepriesene Frau auch wirklich zu erhöhen, witzelnd und schleimend die mauen Kassen Berlins in seine Jubilation hineinnahm, rechtfertigend, daß eben darum, leider, es „nur“ die Ehrung sei, nicht aber auch ein Geld, das man ihr, Frau Geller, hätte gerne bezahlt, doch halt nicht zahlen könne. Mir verschlug es die Spucke. Man macht das einfach nicht, in öffentliche Ehren Wehmutstropfen fallen zu lassen, zumal, wenn sie nicht vom eigenen Konto bezahlt sind. Statt dessen: Wie doch diese Inszenierung jetzt aus jedem, der noch Barockfreund nicht sei, einen werde haben gemacht, von solcher Opulenz, solcher Vergnüglichkeit. Und daß Frau Geller einen Schweizer Hintergrund habe, fand der Herr Schmitz erwähnenswert, und daß sie, dessen unerachtet, Berlinerin werde bleiben, mit schmalerem, freilich, Salär als er. Natürlich sagte er das nicht. Aber nannte, als er die Verleihungsurkunde, deren Text zu seinem sonstigen Palaver im Widerspruch der Kürze stand, als Unterzeichneten den Regierenden Bürgermeister von Berlin, nicht aber dessen Namen. Das sind so Momente, die mich aufmerken lassen: entweder stimmt‘s nicht mit dem Parkett des Diplomaten, oder es ist eine Botschaft versteckt für, Nietzsche noch einmal, feinere Ohren.
So stand Frau Geller denn da, sie und ihr riesiger Blumenstrauß, erhöht, mit Recht, und erniedrigt zu unrecht durch Mangel an Seele - nicht jeglicher freilich, denn die Kollegen standen bei ihr und ihr Intendant, der wirklich von Herzen dafür dankte, daß es sie in den letzten zehn Jahren gab für sein Haus.
So aufgehuckt die Ambivalanz verließ ich‘s, als die Mitternacht nahte.
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XERXES
Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel
Libretto nach Niccolò Minato und Silvio Stampiglia
Deutsche Übersetzung von Eberhard Schmidt
In einer Einrichtung von Stefan Herheim


Inszenierung ... Stefan Herheim - Bühnenbild ... Heike Scheele
Kostüme ... Gesine Völlm
Dramaturgie ... Alexander Meier-Dörzenbach, Ingo Gerlach
Chöre ... André Kellinghaus - Licht ... Franck Evin
Stella Doufexis - Karolina Gumos - Katarina Bradic
Brigitte Geller - Julia Giebel - Dimitry Ivashchenko
Hagen Matzeit

Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin.
Konrad Junghänel.
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Die nächsten Vorstellungen:
13., 17., 19., 23., 24., 27. Mai.
15., 21., 27. Jun.
05. Jul.
>>>> Karten.

Die Kräfte des Guten: Hans Sommers Orchesterlieder. Eine Entdeckung.

[Geschrieben für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Dort auf der Schallplattenseite erschienen am 14.4.2012.
Hier mit dem ursprünglichen Ende.]
Auf jeden Fall werden Sie Ohren machen! Was diese Compactdisc aus den Lautsprechern tönen lässt, ist von einer so dynamischen, dabei klarsten, wiewohl farbsatten Intensität, dass von einer Referenzaufnahme gesprochen werden muss. Eine künstlerische Meisterleistung der Tontechnik; Herbert Frühbauer und den Münchener msm-Studios ist sie zu danken. Wir waren dergleichen damals, zu LP-Zeiten, von der Deutschen Grammophon gewöhnt, von der Decca und EMI Electrola, die aber heutzutage gern dem regredierten mp3-Ohr eine schnelle Rechnung stellen.
Um so höher ist das kleine Schweizer Label Tudor zu achten, das diese Aufnahme ermöglicht hat: Die Bamberger Symphoniker unter Leitung von Sebastian Weigle haben von dem Braunschweider Komponisten >>>> Hans Sommer die Sappho-Gesänge op.6 sowie die Orchesterlieder nach Goethe und eines nach Felix Dahn von Hans Sommer eingespielt. Die wunderbare Mezzosopranistin Elisabeth Kulman singt, und der Bariton Bo Skovhus intoniert derartig intensiv, dass es an den Deklamationsstil des späten Fischer-Dieskaus erinnert. In dem Lied „Symbolum“ lässt Skovhus seine Stimme fast unmerklich – doch man bekommt dabei Gänsehaut – durch jeden einzelnen Ton wie durch eine Fläche gleiten. Geradezu halluzinativ ist das. Doch verführt dies zugleich dazu, ganz wie es auch technische Realisierung tut, sich in den Klängen nur zu baden. Sind diese Lieder solch ein Vertrauen wert?
Zunächst: Hans Sommer, er lebte von 1837 bis 1922, hat seine spätromantisch schwelgende Klangwelt meisterlich instrumentiert. Das fällt schon ganz zu Anfang auf. Da ist viel Einfluss von Richard Wagner mit herauszuhören, auch von Richard Strauss. Doch ebenso ist Robert Schumann in diesen Kompositionen präsent. Daraus lässt sich eine Suppe schon kochen, eklektizistisch, die schmeckt.
Ein Problem sind, leider, die Texte der sechs Sappho-Lieder. Deretwegen hatte ich mir dieses Album eigentlich besorgt. Dafür kann der Komponist freilich nichts, daß ich, fällt Sapphos Name, immer Luigi Dallapicollas magischen „Cinque frammenti di saffo“ im Ohr habe, in den Nachdichtungen von Salvatore Quasimodo – eine der schönsten Musiken, die ich überhaupt kenne. Man möchte davon gerne mehr. Doch Carmen Sylvas Verse, von Hans Sommer vertont, ernüchtern, weil diese Dichterin mehr mit den Tränendrüsen schrieb als mit einem Federhalter: „Die Lieder verhallen,/die Liebe vergeht,/ Vom Schicksal getragen,/ Die Welle wird Erz,/ Eh‘ die Liebe besteht“ und so weiter. Um über solche Dürftigkeiten möglichst satt hinwegzukommen, werden sie von Sommer orchestral aufgedonnert. Dabei wünschte man sich so sehr, dass er Zeilen wie sein volksliedhaft tönendes „Ich singe der Kraft, die die Erde erhält“ in ihrer schönen Melodik einfach belassen würde. Statt dessen will Sommer noch und noch „Vier Letzte Lieder“ schreiben.
Anders die Goethe-Vertonungen. Hier ist Sommers Klangphantasie in die Feinheiten der Gedichte (weil es sie eben gibt!) eingelassen, muss ihnen nur nachspüren und darf das, weil auf sie Verlass ist. Deshalb gelingen ihm wirkliche Wunderbarkeiten, etwa „An den Mond“, worin man zu den Worten „Fließe, fließe, lieber Fluß!“ tatsächlich das Wasser durch die Bläser springen hört. Und wie berückend singt in „Des Harfners Gesang“ die Flöte! Leider gibt Sommer auch hier seiner Neigung zur Redundanz nach, als müsste er, indem er Endverse wiederholt, etwas noch betonen, das seinen Glanz ganz aus sich selbst holt.
Die Vertonungen der kurzen Gedichte sind darum die nachdrücklichsten, sie wirken nach mehrmaligem Zuhören um so stärker, besonders der fraglose Höhepunkt des Goethe-Zyklus‘, nämlich das berühmte „Wanderers Nachtlied“. Damit schließt die CD. Wie hier die beiden Endverse vertont sind, das werden Sie nicht wieder vergessen: derart ganz geht das „balde...“ in den schweigenden Wald ein. Nur die Harfe, am Ende, hätte Sommer sich sparen können. Erwartungen, die billig sind, soll man nicht bedienen.
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Hans Sommer
>>>> Sapphos Gesänge
Goethe-Lieder
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Elisabeth Kulman, Bo Skovhus.
Bamberger Symphoniker, Sebastian Weigle.
2012 Tudor Recording, Zürich, 7178.
15,99 Euro.

SERKALO

alles was uns angeht ist uns physisch attachiert.
unsere augen sind ein spiegel der welt.
nicht wir sehen mit ihnen - sondern die welt sieht sich in ihnen.
deswegen kommt es darauf an, wohin wir unseren blick wenden.

deswegen sind wir focussiert auf und erregt von der schönheit, der rebellion und dem tod.

Fahrlässigkeit und Geschick ODER Wie man Fehler zum künstlerischen Prinzip macht. Die Erste Montage (Erste Fassung). Die Vorhänge der Wirklichkeit (9). Daniel F. Galouye.

Donnerstag, der 3. Mai:
Einen klassischen Fehler habe ich gestern gemacht; mag sein, es lag an der Zahngeschichte. Klassischer Fehler, meistens, sind Anfängerfehler, zum Beispiel, wenn man an der Börse einen Verkaufsauftrag erhält, aber in der Eile versehentlich das „Buy“ ankreuzt. Macht jeder mal; die „Kunst“ besteht dann darin, sich auf der Affäre möglichst elegant wieder herauszuwinden - was kein Problem ist, wenn der „Irrtum“ gutgehen sollte; verliert man aber dabei, zeigt sich, wer geschickt ist. Das habe selbstverständlich auch ich in der Geschichte meines Lebens stehen, als Anekdote, glücklicherweise; es hätte damals auch eine Katastrophe werden können.
Katastrophe war es auch diesmal nicht, aber kostete sehr viel Zeit. Nämlich waren mir vorgestern nacht beim Abhören der >>>> Probemontage zwei Fehler im Text aufgefallen, die ich unbedingt korrigieren wollte. Zum einen erzählt das Typoskript von einer jungen Frau, die in der Science Galery die Führungen mache; gesprochen wird der Part aber von Barrientos, die eine vortreffliche Sprecherinnenstimme hat, aber keine, die auch nur ungefähr nach Jugend klänge. Also muße das „junge“ herausgeschnitten werden; zum zweiten gibt mein Text an, es sei „vollkommen still, bzw. still wie in einer Kirche“, aber ich lege zugleich eine permanente Geräuschkulisse, nämlich den tatsächlichen O-Ton, darunter, der auszugsweise sogar zu einem akustischen Leitmotiv des Stückes wird. Das widersprach sich.
Soweit okay und soweit auch durch Kürzung und Umstellung innerhalb der Tondatei zu korrigieren. Nur finden sich die Fehler in der durchlaufenden Sprecherdatei des ARD Hauptstadtstudios, und weil ich sie ganz oben als Spur 1 einfach durchlaufen lasse und dann jeweils die Takes schneide, aber als Hauptspur weiter durchgehen lasse, haben die an sich nur kleinen, in Sekunden berechenbaren Korrekturen die gesamte Anlage der Montage zeitlich durcheinandergebracht; Hunderte Tonschnipsel saßen dann unkorrekt, weil die Hauptspur nun immer, wenn ein neuer herausgeschnittener Einsatz kam, an falschen Stellen begann.
Dadurch geriet die gesamte Montage ins Wanken, Zittern, Vibrieren, war teils restlos unverständlich. Dabei hätte ich nur die zwei Passagen, um die es eigentlich ging, kopieren, als getrennte Dateien neu anlegen, dann korrigieren und schließlich an die vorherigen Stellen einfügen müssen. Aber ich dachte einfach nicht dran - und hatte den Salat. Da half es auch nichts, daß ich selbstverständlich die Probemontage getrennt abgespeichert hatte, denn auch sie bezieht sich direkt auf die originalen Tondateien.
Echter Anfängerfehler, ich darf nicht klagen.
Alles, somit, von vorne bis hinten durchgecheckt und noch den kleinsten Tonschnipsel korrigiert - das sind Hunderte unterdessen. Stunden zusätzlicher Arbeit. Doch aber, nun zum Geschick, kam mir genau während und wegen dieser Arbeit die Idee, wie ich Galouyes Roman „Simulacron 3“ für die Akustik sinnlich machen könne: ich ließ nämlich ein paar der Fehler nicht nur stehen, sondern baute jetzt bewußt nach vorne hin weitere solche und auch ganz anders geartete Fehler ein, unterlegte sie jeweils mit einem elektronischen Alarmsignal und mischte insgesamt auf die O-Töbe ab. Schließlich, da war es 22.30 Uhr, seit morgens um neun hatte ich drangesessen mit der Unterbrechung, siehe Arbeitsjournal, durch einen Zahnarzt und einen Kieferchirugen - schließlich also, als ich das Stück zur Nacht parallelsichern ließ, hatte ich insgesamt fünf der neun noch fehlenden Minuten „eingespielt“.

Freitag, der 4. Mai:
Jetzt werde ich das Ergebnis erst einmal in Gänze abhören, vielleicht aber auch vorher noch in die Straßen hinab, um mir die letzten Zufallsstimmen zu holen, die ich nun unbedingt brauche. Die Zeit, befriedigend noch mit Platzhaltern arbeiten zu können, ist bei erreichtem Stand des Hörstücks definitiv vorbei; ich muß allerdings auch noch auf die eingesprochenen An- und Absagen der Redakteurin warten. Erst wenn all das eingefügt worden ist, läßt es sich exakt auf die Sendezeit hin arbeiten.
Zudem will ich heute schon einmal erste Versuche mit Cello und Akkordeon machen, auch wenn ich mir mittlerweile nicht mehr ganz sicher bin, ob das Stück überhaupt Musik, bzw. Außenklänge noch braucht.

20.25 Uhr:
Die Montage ist prinzipiell fertig, auch die noch fehlenden Stimmen sind drin... was dauerte, weil ich heute sehr viele Freiwillige nicht fand, vor allem nicht schnell, und weil dort, wo ich aufnahm, einiger Verkehrslärm herrschte. Also waren die kleinen Tondateien hier noch zu bearbeitet, zu schneiden ja sowieso. Dennoch blieb ich noch runde sieben Minuten unter Soll; ob ich die auffüllen könne, also organisch, etwa mit Cello und Akkordeon, kann ich bis jetzt nicht sagen. Aber ich hatte aus dem Höreindruck heraus eine völlig neue Idee, die eines Epilogs, wie er bei Galouye in seinem letzten Roman auch wirklich steht. An sich brauchte ich, um ihn einzusprechen, noch einmal einen Termin im ARD HS, aber erinnerte mich einer Idee Freund M.‘s: „Probier das mal aus: stell einen Stuhl auf den Tisch und verhänge ihn mit Decken. Innen positionierst du das Mikro und sprichst dann deinen Text in den Stuhl und die Decken hinein. Du wirst staunen.“
In der Tat. Für diesen Epilog ging das prima, woraus ich jetzt schließe, daß ich, wenn ich in Zukunft Rezensionen für den Funk sprechen werde, das genau so tu. Spätestens, wenn man die Sprachaufnahme auf mp3 runterzieht, ist eine Differenz nicht mehr zu hören. (Ja, es fehlt an natürlichem Baß und natürlicher Fülle, vorausgesetzt, man hat sowas in der Stimme auch drin. Für Zweckhörer ist das aber wurscht. Nicht so, selbstverständlich, in Hörspiel und Hörstück, also in künstlerischen Bereichen. Nur daß in diesem Fall jetzt der etwas flachere Ton exakt zu dem paßt, was Galouye in seinem „Regenesis“ genannten Epilog entwickelt.)
Gut, einzweimal hör ich mir das Resultat heute noch an. Morgen früh experimentiere ich dann mal mit den Instrumenten; wie das ausgehen wird, kann ich allerdings nicht sagen. Außerdem fehlt eines eben doch noch: die An- und Absage meiner Redakteurin; beide sollen ins Stück montiert sein. Da muß ich auf die morgige Post oder auf die von Montag warten. Hier, zu Ihrer Erbauung, die Tonschnipselei:
Ich liebe es zu schneiden; perfekte Schnitte - es gibt auch hochinspirierte - können sogar Abfall zu lupenreinen Diamanten schleifen.

Galouye 8 <<<<

Die Probenmontage (Montage I). Die Vorhänge der Wirklichkeit (8). Daniel F. Galouye. Mit einer Verbeugung vor der Stimme Kavita Chohans.

Sehr viel früher, als ich gedacht habe, bin ich mit den Schneidearbeiten gestern fertig geworden; ich schrieb das eben schon >>>> ins Arbeitsjournal. Also legte ich gestern bereits die erste Montage an, entschied mich für elf Spuren: 1) Die >>>> Sprecheraufnahmen aus dem ARD HS, 2) die sogenannten „Zufalls“- also Einzelstimmen, 3) Stimmen-Leitmotive (das sind einzelne Wörter, einzelne Phrase, die durch das Stück gestreut werden), Atmo- und Musikleitmotive, sowie Stimmgeräusche (während der Aufnahme im Prozeß entstandene Seufzer, Lacher, Ächzer, Flüche, Räusperer), 4) Platzhalter (in denen ich selbst, was noch nicht aufgenommen ist, provisorisch einspreche, 5) und 6), alternierend, O-Töne und Atmos, 7) Cello, 8) Akkordeon, 9) Grundatmo (Science Galery des Max Planck Institutes; sie läuft die ganze Stunde durch, wird durch Auf- und Wegdimmen geregelt). Die Spuren 10 und 11 sind Ausweichspuren, falls ich mit kompakteren Überlagerungen arbeiten muß. Auf der 10 laufen derzeit Straßengeräusche von Unter den Linden.
Was ich bereits jetzt erzählen kann, ist, daß die erste Viertelstunde, die bislang „steht“, bereits derart dicht ist, daß ich mir gestern nacht unsicher wurde, ob das Stücke überhaupt noch eine „äußere“ Musik b r a u c h t. Ich habe in den O-Tönen so viele dichte Signale und sie teils auch musikartig bereits einmontiert, daß bisweilen eine enorme Beklemmung entsteht, die Galouyes Texten sehr entspricht - weniger ihren Formen, allerdings, als ihren Inhalten; formal ist er ein naiver Autor, einer halt, der auf Plots schreibt. Diese Naivetät nehme ich heraus, verwandle sie in poetische Mehrdeutigkeit; so tat es auch schon Faßbinder in Welt am Draht, nur er halt mit filmischen Mitteln und viel weitergehend an eine Handlung gebunden als ich, der ich Stimmung, Drohung, Ambivalenzen alleine über die Akustik vermittle.

21.18 Uhr:
Die Probemontage (Rohmontage) steht.
soeben läuft die Sicherung auf der gesonderten Festplatte.
Es ist der ungewöhnliche Fall eingetreten, daß ich zu kurz bin, mit 43‘18‘‘ um knapp zehn Minuten. Ich weiß allerdings, woran es liegt: ich habe nicht mit Musiken gearbeitet, sondern allein mit dem Material bisher. Jetzt gibt mir das die Möglichkeit, viel mehr zu spielen und improvisieren, als ich das bei irgend einem anderen meiner bisherigen Hörstücke konnte; dort war es meistens darum gegangen, irgendwie kürzer zu werden. Zumal bin ich, auch dies ist ungewöhnlich, über einen Monat vor der Sendung mit einer Rohfassung schon fertig. Dennoch will ich nicht lax werden, sindern so tun, als würde bereits in einer Woche gesendet - weil das den nötigen Druck erzeugt, den ich für Arbeiten schätze; es gab auch gegenüber dem schon kürzere, heiklere Termine.
Einmal, zum Abendessen, ganz durchgehört; ein paar wenige Stellen brauchen Modulation, anderen will ich mehr Luft geben; alles ist s e h r dicht im Moment. Das Ende des Stücks - anders, als das Typoskript will, sondern spontan hochgeschossen, die Idee; und so böse logisch ist sie, daß mir selbst beim Abhören etwas schummrig wurde - ist stark hörspielartig, ja plothaft, wird aber über die Absage zurück ins Feature gerafft. Und enorm ist, was meine neuen O-Töne hergeben, wobei ich aber auch auf alte Mitschnitte zurückgegriffen habe: Erstmals machte es sich bezahlt, daß ich in Oper und Konzert Publikum mitschneide, Stimmen der Instrumente, Applaus, und mein Mitschnitt >>>> aus dem Berghain hat mir das Gerede von Menschengruppen gebracht. Eigentlich sollte ich meinen LS11 permanent laufen lassen, wenn ich draußen bin.
Worum es ab morgen geht, ist, den Zerfall, den das Ende des Stückes erzählt, schon vorher immer mal anzudeuten, unmerklich fast, nur spürbar, ungewißhaft, zwittrig, irritierend, ohne daß aber die „Fabel“ leidet. Dazu kam mein Junge mit der Idee, ob ich nicht noch weitere Kinderstimmen nehmen wolle... - Er hat recht. Und ich bräuchte zweidrei Alte. Es schadet gar nichts, manche der „Zufalls“stimmen mehrfach besetzt zu haben und leitmotivisch durch das Stück zu streuen. Aber für heute ist Schluß, morgen geht es weiter.
(Großartig, wirklich großartig Kavita Chohans Stimme: tief, innig, leidenschaftlich, warmherzig, umfassend.. Selbst, wenn sie sich verspricht oder irgend etwas anderes nicht ganz stimmt, weil es „nicht ihr Tag“ gewesen, kann man mit dieser Stimme auf eine Weise technisch umgehen, die nahezu jeden Ausdruck möglich werden läßt. Eigentlich müßte man unentwegt alleine für s i e Hörstücke schreiben. Es ist mir absolut unverständlich, wieso das nicht andere merken und ihre Stimme quasi dauernd buchen. In ihr ist etwas von dem Urtalent der Callas, nein, nicht nur etwas, sondern vieles - aber für die Sprech- und Sprachkultur, nicht für den Gesang.)


Die Vorhänge der Wirklichkeit (6 & 7). Die Schneidetage.


Im Arbeitsjournal >>>> da und >>>> dort.

Tobias Sommer, Dritte Haut.

Über Facebook:Lieber Tobias Sommer,
ich habe >>>> Ihr Buch jetzt innert zweier Abende gelesen, in Gänze, nachdem ich es bereits zuvor einmal halb gelesen hatte, aber unterbrochen worden war. Der Text, den ich allerdings nicht für einen Roman, eher für eine Erzählung halte, hat einen eigenen Sog, etwas Schillerndes, bisweilen gibt es große Sätze darin („...die Generation unserer Erzeuger feiert Eigentum noch“ S. 111/ „...Tage, in denen noch alle schuldenfrei und schuldlos waren“ S. 91); auch über die Geschichte-selbst ließe sich einiges sagen inkl. der angedeuteten „Pointe“ qua Zeitungsmeldung. Doch das bedürfte eines weiten Ausholens und ginge, da mir Bezüge durchaus nicht immer klar sind, ich überdies Schwierigkeiten mit der Perspektive eines geistig Behinderten habe - was an mir liegen kann, nicht an dem Text liegen muß -, - ginge nicht unbedingt zugunsten des Buches aus. In solchen Fällen möchte ich nicht über Texte schreiben, zumal etwas an Ihrer Erzählung mir sehr fremd ist, aber nicht in einer Weise, die mich besonders locken würde, sondern ich bleibe davon ausgeschlossen und mag mir den Zugang auch nicht erkämpfen.
Will sagen, mein Verhältnis zu Ihrem Buch ist ambivalent. Auch das ist keine gute Voraussetzung, um einen Rezensionsplatz zu erstreiten. Das wäre vor allem auch eine Frage der Zeit; wenn ich zu meiner eigentlichen Arbeit Rezensionen übernehme, möchte ich deshalb mit Leidenschaft dabeisein. Dieses wär hier nicht der Fall. Ich muß aber auch zugeben, daß die „Fallhöhe“ enorm war, da ich noch von meiner vorhergehenden Lektüre, Döblins Wallenstein, völlig besetzt bin.
Daß es sich bei „Dritte Haut“ um einen hochartifiziellen, sprich sxhr kunstfertigen und bisweilen eleganten Text handelt, mag ich ebenso wenig verschweigen. Deshalb stelle ich diesen Brief als eine Art Rezension in Die Dschungel, deren Leser so Kenntnis erhalten und gegebenenfalls selbst entscheiden können.
Seien Sie aus Berlin gegrüßt:
ANH
albannikolaiherbst.de

Zweiter Aufnahmetag. Die Vorhänge der Wirklichkeit (5). ARD Haupstadtstudio Berlin.

Die Jungs waren pünktlich hier, meiner sogar einen Tuck früher als Broßmann; ich meinerseits hatte Argo >>>> für heute abgeschlossen und statt zu frühstücken in der Hack-Zentrifuge mir einen halben, fast dreiviertel Liter Milchshake mit einer halben frischen Ananas bereitet und getrunken, am Küchenfenster stehend, hinab auf den zweiten Hinterhof schauend, wo der Flieder zun blühen beginnt. Im Kopf die Szenen noch einmal durchgegangen, dann ging schon die Tür, „zieh gar nicht erst die Schuhe aus, wir radeln gleich los, Sascha steht ganz bestimmt bereits unten.“ So auch war‘s.
Über die Stragarder angeschrägt in die Schönhauser, schon rechts die Kastanie hinab bis zur Tor; darauf; linke Fahrspur gleich und quer durchs hintere Mitte, ganz entlang die Alexanderstraße der neuen Galerien, die oben auf die Oranieburger trifft, und links ab in die untere Friedrichstraße, die dort einmal wild gewesen, unterdessen gezähmt ist. Der Bahnhof schon in Sicht. Über der Brücke gleich rechts die Spree entlang. Und wer geht da, elegant, und zieht den Handkoffer hinter sich. Chohan, schon bereit für eine Wochenendreise; gleich nach der Aufnahme will sie aufbrechen, tut‘s dann auch.
Wir sind ein wenig früh und sitzen noch etwas in der Sonne.
Dann pünktlich ins Studio.
Ein neues Gesicht. Mit vielen Toningenieuren und Technikern habe ich hier schon gearbeitet, mit René Bosem noch nicht. Eine Kulturjournalisten muß noch schnell Bilder, ihrer Tondatei hinterher, an den Südwestfunk Baden Baden senden, „‘tschuldigung, ich brauche die Zeit bis zehn“. „Lassen Sie sich nicht hetzen.“ Aber zur Strafe muß sie mir einen der Sätze ins Band sprechen, die ich von den insgesamt dreizehn „Zufalls“stimmen noch brauche; auch Bosem ist später dran, entweicht mir genau so wenig, wie unten am Eingang Pförtnerin und Pförtner.
*******
Zuerst soll der Junge einmal ganz seine Parts einsprechen.
Für ihn ist alles - noch - ungewohnt; überdies braucht seine helle Stimme ein anderes Mikrophon. Während Bosem es einrichtet geh ich pinkel, um die Toilettenszene aufzunehmen. Klappt alles, ich ‚kann‘ sogar. Prima. Der Wasserhahn noch und dreiviermal die Tür: öffnen, schließen, öffnen. Aber als ich dann wieder in der Arbeitswohnung bin, ist die Szene nicht auf dem Band; möglicherweise habe ich die Pausentaste nicht gelöst. Also morgen noch mal. Dabei war der Ort ideal; eine Kneipe kann ich wegen der ganz anderen Geräusche nicht nehmen, es muß so etwas wie ein öffentliches Gebäude sein. Vielleicht ein Museum, das wäre das von hier aus nächste, jedenfalls am Sonntag. Bis ich alles im Kasten hab, werde ich mit Platzhaltern arbeiten, also die noch fehlenden Zufallsstimmen selbst sprechen, ebenso die Toilettenszene hier bei mir aufnehmen und diese Platzhalter in einer gesonderten Spur in der Montage anlegen, so daß ich sie später austauschen kann.
„Bitte, erst der Junge, dann alle vier Sprecher gleichzeitig, Chohan halblinks - links ist die Herzseite; der Junge in der Mitte, ich selbst halbrechts, Broßmann ganz rechts.“
Bis Seite drei kommen wir, dann ruft mich Bosem in den Regieraum.
„Wir haben ein Geräusch, wenn ich alle vier Mikros gleichzeitig offen lasse.“ Wir fahnden, es ist aber nicht viel Zeit, die zwei Stunden sind eng bemessen. „Sie müssen aber nicht schneiden, das mach ich selbst am Computer.“ Was enorm viel ausmacht, bestimmt die Hälfte der Zeit.
Das Geräusch kommt von der Klimaanlage, ein sehr hohes Pfeifen, unter dem ein bassiges Rauschen liegt. Das Problem hatte ich im ARD HS schon mehrmals; auf hörspielartige Arbeiten ist man hier nicht ausgelegt; aber alle Mitarbeiter an den Aufnahmegeräten sind froh, wenn so etwas einmal kommt, wenn es wirklich um Gehör geht. Unter anderem deshalb liebe ich es, hier aufzunehmen.
Wir sind gegen zehn nach halb zwölf, etwas später, durch, und nehmen sicherheitshalber noch einmal die ersten drei Seiten des Typoskriptes auf. Die Datei wird im ARD-System gespeichert, etwa für ein Vierteljahr; ich selbst bekomme sie auf den Stick.
Chohan bicht auf. Wie jedesmal: Wundervoll als Sprecherin, geradezu perfekt im warmen Timbre ihrer zugleich höchsten Sprechkultur. Alles kommt ganz aus dem Innern; es ist wie ein Zauber.
Broßmann und mein Junge radeln heim.
Ich spaziere noch die gesamten Unter den Linden bis zum Alex, sicherheitshalber, um auf weitere O-Töne zurückgreifen zu können. Oft macht man bei sowas Glücksfänge - wie gestern, als minutenlang das Glockenspiel des Französischen Domes musizierte. Das könnte ein feines akustisches Leitmotiv werden.
Einfach probehalber das Gerät laufen lassen, als ich aufs Rad steige - bis in die Duncker hoch. Viel Gutes wird dabei nicht herausgekommen sein, weil der Wind die Aufnahme stört... aber wer weiß? Ich habe ein riesiges Archiv solcher akustischen Zufallsfunde mittlerweile; auf vorgefertigte Geräusche bin ich so gut wie nicht mehr angewiesen.

Dann hier, am Schreibtisch, als erstes alle Töne auf den Computer überspielt, je kurz hineingehölt und, was sehr wichtig ist, signifikante Namen vergeben, sowie je das Datum an den Namen gefügt. Danach alle Dateien auf einer externen Festplatte doppelgesichert. Während meiner Hörstückproduktionen mach ich das mindestens einmal am Arbeitstagesende, auch wenn es ein bißchen zeitraubend ist.
Zum Schneiden allerdings bin ich heute nicht mehr gekommen.


Galouye 4 <<<<

Erster Aufnahmetag. Die Vorhänge der Wirklichkeit (4). Science Galery, Berlin

[Arbeitswohnung. Sundowner: Ardbeg Alligator.]
Morgens in Mitte. Viel ruhiger als erwartet im Aufnahmeort; die Tür zum Gendarmenmarkt stand auf, so daß aber Verkehrslärm in den Showroom fest beherrschend eindrang. Ich nahm dennoch Töne, etwa zwanzig Minuten am Stück, die ich später geschnitten unterlegen werde.
Kurze Absprache mit der jungen Frau am Empfang; auch davon könnte einiges verwendbar sein. Bislang habe ich die Aufnahmen nicht abgehört, nur mal reingehört. - Eigentlich war die Idee, daß sehr viele Besucher anwesend sind, während wir, also sie, Barrientos, die Szene sprechen/spricht; es blieb aber fast leer. Dreivier Leute tröpfelten rein, dazu im Hintergrund das hohle Rauschen und bisweilen eine Avatarstimme, die Installationen erklärt. Die kam mir sehr zupaß.
Vierfünfmal alle Passagen gesprochen, schließlich auch laut und ungewzungen. Vorher hatte mich die „Wachhabende“ angesprochen, gefragt, was ich vorhätte, um eine Kopie des Hörstücks gebeten. Klar, bekommt sie. Nebenan das moderne GlasStahlGebäude der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften; es führt eine kleine Tür von Max Planck dort hinein: mehrfach ihr Öffnen und Schließen auf Band, auch jemanden, die die Treppe hinaufgeht.
Alles, sehr wahrscheinlich, brauchbar.
Auch Außenaufnahmen gemacht.
Man wird jemand anderes, wenn man nicht nicht nur, aber vorwiegend über die Ohren wahrnimmt: der sonst lästigste Lärm wird Errlebnis, bekommt Fülle, Tiefe, Geheimnisse auch. Ich bin dann ein bißchen autistisch; ein sehr ähnliches Grundgefühl, wie ich es letztes Jahr beim Tauchen hatte, unter Wasser. Es läßt sich auch nicht eigentlich mit anderen kommunizieren, weil man keine willentliche Störung in die Hörerlebnisse bringen will.
Nachdem Barrientos fort war, noch einmal ums Karree geschritten, Behrensstraße, Friedrichstraße, Unter den Linden. Auch das aufgenommen. Was ich erreichen will, ist, die hohe Künstlichkeit in Dokumentation zu verankern, so daß das ganze Stücke stark realistisch akzentuiert ist; da ist besonders für ein Sujet reizvoll, das auch dann nach wie vor als „Science Fiction“ gilt, wenn vieles von dem, was Galouyes Literatur erzählt, beinah schon Wirklichkeit geworden ist. Erkenntnistheoretisch spannend dabei ist die auch in anderer Science Fiction zu erkennende Renaissance des Platonismus: die Idee als das Wirkliche realisiert sich im Primat des Beswußtseins anstelle eines der materiellen Objektivität.

Nachmittags kam Broßmann, um seinen Part durchzusprechen. Ich ließ ihn und meinen Jungen wechselsprechen, das funktionierte so làlà. Wir zogen dann ins Beaker‘s runter, während mein Sohn Cello übte. „Wie lege ich dieses an, wie lege ich jenes an?“ Dort sachlich, Nachrichtensprecher, hier szenisch, spielen, „sei aufgeregter, ergriffener“. Daß man, was ich mit diesem Stück wieder schaffe, ein „Feature“ nicht eigentlich mehr nennen kann, ist klar. Es ist aber auch kein Hörspiel, sondern bewegt sich ständig an den Grenzen der Kategorien; soll aber spanend sein. Mal sehen.

Mit wurde über den Tag auch das Verfahren deutlich, das ich für die Klanggestaltung anwenden will. Also: Der Text wird in richtiger Reihenfolge montiert, als Tondatei. Dann höre ich ihn ab, und setze mich ans Cello dabei. Während er läuft, improvisiere ich vor dem Mikrophon auf dem Instrument. Die Wavedatei wird dann unter die Sprechermontage gelegt, ein nächstes Mal wird gemischt; wieder geht die Datei in den Player, wird wieder gespielt, während ich nun aber das Akkordeon nehme. In Echtzeit lege ich auch diese so entstandene Tondatei unter die Montage. Jetzt wähle ich, was als Klang gut ist und fülle nachher mit immer neuen Cello-/Akkordeongängen Leerstellen auf. Das Akkordeon wird mir vor allem für die Herstellung von Raum dienen, untere Register, denke ich mal, besonders. Noch, denke ich, geht es nicht um Musik. Die wird es erst in einem späteren Hörstück werden.

Morgen die professionellen Aufnahmen im ARD-Hauptstadtstudio. Danach werden mir nur noch paar Einzelstimmen fehlen, Zufallsstimmen, die ich, wie >>>> im Ricarda-Junge-Hörstück, wo das aber das tragende Prinzip war, irgendwelche Menschen sprechen lasse, denen ich auf der Straße, im Café oder sonstwo begegne, vielleicht auch morgen in der ARD-direkt. Das sind Sekundentakes, nicht mehr.
Und ich muß einmal aufs Pissoir, pinkeln, Hände waschen, die Türen dazu. Gehört ins Stück. Meine Idee ist, daß all sowas den Realismus verstärkt. Theorie: Der ästhetische Realismus ist kein Realismus, sondern ganz besonders hergestellt. Diese Kritik läuft unter all meinen Arbeiten immer mit. Es ist eine am Dokument-selbst. Nach wie vor.
[Poetologie.]
Galouye 3 <<<<

Der Jesuit ODER Döblins Großinquisitor. Wallenstein (3).

“Weißt du, Kind, was Jesus gesagt hat. Du mußt es dir merken. ‚Weide die Schafe‘; er hat es zu Petrus gesagt. Ist ein Schaf ein vernünftiges Tier? Das mußt du dich fragen. Ein großer Mann, der unserer gesegneten Gesellschaft angehörte, hat viel darüber nachgedacht. Jesus hat nichts von sich gegeben, as belanglos wäre. Die Schafe sind unvernünftige Tiere, sie sind vielleicht die unvernünftigsten. Sie haben Triebe und Begierden und weiter nichts. Du siehst, wie Jesus von den Menschen gedacht hat und welche Aufgabe er der Heiligen Kirche zuerteilte. Wir sollen sie führen und weiden, wir wollen wissen, wen wir vor uns haben; wir sollen also keine Leithammel sein. Petrus nahm den Hirtenstab und übte das Hirtenamt. Weißt du, mein Kind, wer wohl als Leithammel zu betrachten ist?“ „Nein, Ehrwürden.“ „Nun“, er flüsterte, „wir sind ja nicht weit vom Schuß. Es sind die Fürsten, Könige und Kaiser. Sie sind der Kirche danach untertan, ja eigentlich ihr Eigentum; denn was kann der Herde besser geschehen, als daß der sachkundige Hirt sie besitzt. Aber es ist eine Verwirrung eingetreten, die Gewalt triumphiert; kaum daß sich unser Heiliger Vater in seinem Leben gegen die wildgewordenen Lämmer behaupten kann. Ach, wir haben noch viel Arbeit vor uns, mein Kind. Frei dich deiner jungen Knochen.“
Als der Alte seufzte, meinte der andre leise: „Lange bleibt der Kaiser aus.“ „Wir werden warten“, seufzte der Alte. Nach einer Weile: „Ein sonderbarer Schlag Mensch, ein Fürst. Sie sind etwas für sich. Das Volk spürt es. Als Priester wirst du deine besondere Meinung über sie haben, Kind. Sie sind fast die schlimmsten der Unvernünftigen. Es ist gewiß, daß die Menschen von Natur frei sind. Ist ja doch jedes Lamm und Schaf, jeder Hund frei; er kann laufen, wohin er will. Und der Hirsch, die Wanze, der Floh. Warum nicht der Mensch? Frei bleibt der Hirsch aber nur, solange es keinen - Jäger gibt. Eine Muskete überredet den Hirsch, seine Freiheit aufzugeben, eine Muskete hat große Überzeugungskraft. Was die Könige Herzöge und Grafen in ihren Ländern tun, ist von dieser Art. Das wirst du einsehen. Wenn ich einen Hirsch einsperre, so übe ich damit kein Recht, sondern eine große Geschicklichkeit.“ „Warum läßt Gott dies zu?“ „Du bist nicht töricht, mein Kind. Gott ist noch nicht an der Reihe. Weil die Fürsten die Gewalt haben, glauben sie die Vernunft, den göttlichen Gedanken entbehren zu können. Niemand ist so Verwirrungen ausgesetzt wie ein Fürst. Sie verlieren den Boden unter ihren Füßen und rennen ins Leere. Ihre Völker können sie mit sich ziehen. Wir müssen uns der Fürsten bemächtigen, und wenn uns das nicht gelingt, der Völker. Wir dürfen nicht nachgeben und vor nichts zurückschrecken. Nur die Heilige Kirche wird die Menschheit von dem Abgrund zurückhalten.“
Vor einem hohen Wandbild blieben sie verschnaufend stehen; auf dem Schoß der blaumanteligen Jungfrau spielte das Kind mit einem goldenen Buch. Sie stockerten weiter. Der Alte wies rückwärts mit dem Daumen auf das Bild: „Das Buch. Das Buch. Damit glauben nun unsre Schäflein zu haben, was sie brauchen. Jetzt sind sie die Herren. Wer lesen kann, hat Zugang zu Gott.“ „Das ist ja Ketzerei.“ „Nun, hast du einmal nachgedacht darüber, wer schuld ist an der Ketzerei? Luther? Huß? Ei was. Sie sind Betrogene. Es sind alberne flache Köpfe; es reicht bei ihnen nicht zu einem Betrug. Das Buch. Was war Sünde, uns ist es längst klar, die Schrift Laien preiszugeben, sie überhaupt schreiben zu lehren. Die heiligen Worte heilig zu halten, wäre wichtiger als alles andere gewesen. Die heiligen Worte hätten von Papst zu Papst mündlich überliefert werden müssen, und niemand hätte von ihnen hören dürfen, als die der Papst heranzog. Von diesem Baum der Erkennt­nis können einfache Menschen nicht essen.Nun ist das Unheil geschehen, und was ist die Folge? Die Massenketzerei. Sie fußen auf der Bibel. Hast du das einmal gehört von den Prädikanten: auf der Bibel? Diesen Tonfall? Das klingt so stolz, als wenn einer sagt: das hat Lamez gelehrt, das hat Vitelleschi gefordert. Sie können, mein Sohn, ebenso sagen, sie fußen auf der Natur, der Tierwelt, den Sternen, auf den Kristallen, den Meerfischen, dem Schindanger. Denn was ist gesagt mit: Bibel? Ein Manuskript voll von Sätzen, von Silben, Buchstaben, Schriftzeichen, hebräisch griechisch lateinisch. Meine Augen gleiten darüber hinweg, ich finde dieses Wort, jenes, zähle zusammen l-o-g-o-s, es gehört schon ein Entschluß dazu, logos zu sagen. Ich steige, kaum ich meine Augen bewege, ins Geistige - die geschriebene Bibel verschwindet. Mein Geist herrscht.“ „Ehrwürden hält nichts von der Heiligen Schrift?“ „Die Heilige Schrift nichts? Freilich. Wenn du stark bist und nicht erschrickst, Kind: sie ist in gewisser Hinsicht nichts.“ „In gewisser Hinsicht?“ „Eine Papiersammlung, ha, du brauchst nur einen Indianer fragen, ob ich nicht recht habe. Jeder Vogel wird es dir bestätigen. Male die Buchstaben der Bibel auf eine Sammlung Lebkuchen, gieße sie mit weißem Zucker genau nach dem Urtext; du wirst eine Kuh als natürliche Autorität hinzuziehen - sie soll dir sagen, ob das die Bibel oder Lebkuchen ist. Sie frißt das ganze Paket auf und du darfst dann kein Wunder von dem Tierdarm erwarten; was die Kuh später von sich gibt, ist ein Kuhfladen wie jeder andere. Verzeih - ja, du lachst, Kind - ich will nur sagen, diese lutherische Kuh hat brav gehandelt, aber sie ist auch trotz des lutherischen Bekenntnisses unsre gute Kuh geblieben.“ „Ich verstehe.“ „Und machen wir erst diesen Schritt, so machen wir alle. Dieser Buchstabenglaube, sag ich dir, ist ein Rückfall ins Judentum. Weh dem, der glaubt, weil er zwei Füße hat, er könne auch alleine aufstehen. Unser Glaube hat Freiheit, der Heilige Geist hat die Evangelien diktiert, er ist mit dem Papst. Nur mit dem Heiligen Geist ist die Freiheit. Wir werden ernstlich einmal darangehen müssen, der Kirche und dem Papst die Bibel wieder zu erobern; wir müssen die Schafe vor dem Wahnsinn und dem Tod schützen.“
Gänge, Türen, Treppen,. Sie stiegen ernst über die Holzdiele. Hinter den Fenstern des Erdgeschosses saßen sie, blickten in den Wald hinaus. Sie warteten, Ein Diener brachte ein niedriges Tischchen mit Äpfeln und Zuckerwasser. Der Novize öffnete vor dem Priester ein Fenster. Erfrischende Luftströme.

Alfred Döblin, Wallenstein >>>> S. 695 ff.
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Wallenstein 2 <<<<

Wie Tilly stirbt. Wallenstein (2).

Der Kaplan rief: „Maria!“ Tilly sah entsetzt, wie er die Lippen bewegte.
Furchtbare Hammerhiebe aus den Wolken. Mit jedem Hieb zuckte er zusammen. Den Atem benehmend; er war der Amboß. Was sagte der Kaplan. Er mußte wissen, was der Kaplan sagte.
Dumpf wetternd, zermalmend, niederklafternd.
Niederklafternd.
Zusammengezogen lag er, auf die Seite gestoßen.
Verröchelte, die Arme schützend vor der Brust.
Da löste sich das Gespensterheer von dem warmen blutsickernden kleinen Körper. Zappelnde Rümpfe der gemetzelten Türken Franzosen Pfälzer, die jaulenden hängenden zertetenen Hunde, kletternden Pferde, die mit den Hufen an sich hielten. Zwischen ihnen gezogen matt, noch naß, seine eigene erstickte Seele.
Verknäult flogen sie, unaufhörlich rufend, durch die verschneite Luft, ihrem dunklen Ort zu.

Alfred Döblin, Wallenstein >>>> S. 571.
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Wallenstein 1 <<<<

Der Skandal. Argo.Anderswelt. (275).


Argo-TS 452.

Voraussetzungen.

Haben die Künste auch. Sie spreizen sich nicht, sondern geben sich hin. Nachdem sie uns gefordert haben zu ihrer eigenen Satisfaktion.
Was sich andient, ist keine Kunst.

(DXXVII).

Abu Ghuraib - Anderswelt. Zum Realismuskonzept der Romanserie. Argo.Anderswelt. (274).


Argo-Ergänzungsseite zu 438

So daß Kumani wie das Greenhorn, das er war, ausgequetscht wurde. Ellie Hertzfelds Geheimnis behielt er aber für sich, doch nannte ihren Namen, weshalb ihm Willis, mit einem Mal heftig, über den Mund fuhr: „Na-willst du?!!“ Er mochte die hohe Prostituierte, schon immer, bewunderte sie sogar ein wenig - wie jemanden Unerreichbares; dabei hätte er für sie das Geld schon gehabt. Doch er mochte sie nicht kaufen, bzw. mieten, blieb lieber von Zeit zu Zeit ihr Fahrer. Sie rief ja immer ihn, wenn sie einen brauchte. Auch das mochte er nicht gefährden. Was er nun aber gar nicht ertragen hätte, wäre eine üble Nachrede gewesen über sie, schon gar nicht im SANGUE. Da kam ihm bereits die Nennung ihres Namens, in diesem Pfuhl, blasphemisch vor.
Aber die beiden Trinker hatten aufgemerkt, Broglier eines plötzlichen Mitleids wegen, das allerdings, sich identifizierend, ihn selber meinte, Kignčrs aber wegen des ungewöhnlichen Namens. „Wie heißt sie?“ fragte er, und sein rot Verschwiemtes, selbst sein Lallen schienen momenthaft zu schwinden, wenigstens zur Folie eingeflacht zu sein, auf dem sein Interesse flackerte. „Wie“, wiederholte er, „heißt sie?“ „Deidameia.... eigentlich ja Ellie, aber...“ „Junge!“ So abermals Willis. Kumani sah jetzt ihn an: „Aber du kennst sie doch.“ Ja eben. Erklärend, Willis, zu Kignčrs und Broglier: „Er meint das Boudoir.“ Kignčrs kannte kein Boudoir, doch Deidameia, das hatte er schon einmal gehört - nicht aber hier, nicht in Colón, nicht in Palermo, sondern früher, im Osten, zweidreimal während des Kriegs, als Oberst Skamanders Eliten gegen die Frauenstädte operierten, deren Widerstand nicht nur dem AUFBAU OST! im Weg stand, sondern es gab Indizien dafür, daß in ihnen die Myrmidonen an der Waffe ausgebildet wurden, bevor man sie als Schläfer in den Westen schickte. Da war, irgendwann, dieser mythische Name gefallen. Die Frauen hießen dort alle so griechisch, jedenfalls hochtrabend wie aus Sagen, doch Deidameia, offenbar, war in Kignčrs vielleicht haften geblieben, weil die befragten Frauen solch eine Achtung in den Stimmen gehabt hatten, nicht nur Respekt, sondern auch Liebe. - Von ‚Befragung‘ zu sprechen, ist selbstverständlich euphemistisch. In Skamanders Lagern nahm man den gefangenen Frauen die Würde. Stundenlang standen sie nackt, mußten sich, auf eine Kiste gestellt, vor den Augen der Söldner entleeren. Man ließ sie ihre Tampons kauen, schlucken, zerbrach sie in Abu Ghuraib. Dann redeten die meisten. Dort war dieser Name gefallen, Kignčrs erinnerte sich. „Deidameia?“ fragte er. Es war furchtbar gewesen, er hatte nur noch davongewollt, zurück an die furchtbare Front. - Abu Ghuraib hatte er sich nie verziehen, nicht, daß er nicht aufgestanden war. Daß er gehorcht hatte. Abu Ghuraib hatte nicht nur die Frauen gebrochen, sondern sie, die Söldner, genau so.
Willis, in dem was alarmiert war, beschwichtigte: „Ellie is ne Nette.“ „... sie nennt sich nur Deidameia“, setzte Kumani seinen Satz fort. Außerdem hatte er gemerkt, daß er vielleicht doch schon zu viel erzählt hatte, unversehens und ohne Absicht ihr Verräter würde. „Das ist sowas wie ein Traum“, sagte er, „um sich eine Bedeutung zu geben.“ Aber er saß zwischen den drei Männern wie ein Junge da, der sich verplappert hat, ausgesetzt dem zunehmend wachen Blick Kignčrs‘, einem indes, seltsam, der nicht forschte, nein, nicht ‚befragte‘, sondern aus all dem Schlamm, faulendem, getrocknetem, in den er ersäuft war, löste sich etwas, schälte sich heraus und stieg auf, das das Glimmen einer Hoffnung hatte, die wir längst nicht mehr haben; ausgerechnet in einem Moment kehrt sie zu uns zurück, der sie für immer ausgelöscht hatte. Wie wir glaubten. Da geht sie auf als ein Licht. Es war rein unnötig, es zu beschatten, um die freundliche Prostituierte zu schützen: so, wie Willis sich zwischen sie und das Licht schob, um Kignčrs‘ vermeintlich bohrenden Blicke von ihr abzuhalten. Der alte Söldner hatte vielmehr das Bedürfnis und den Willen, etwas wieder gutzumachen. Nur war er sich dessen nicht bewußt; alles lief ohne Sprache in ihm ab und formierte sich ganz am Grund des Tümpels, zu dem der Alkohol und die Verzweiflung seine Seele hatten werden lassen.
Wiederum Broglier, anders als sein Saufkumpan, fing zu verstehen an, daß Kumani einer war, der das Zeug zum nächsten Leidgenossen hatte. Noch einer, dachte er, dem sein Leben bald das ihm Liebstes nähme. Deshalb wurde er jetzt ein bißchen weniger abweisend und begann, sich ebenfalls dafür zu interessieren, was diesen schönen jungen Mann sich offenbar mißbraucht vorkommen ließ. Indessen Willis, den Dollys II wegen das schlechte Gewissen weiterquälte, die er doch nur ebenso hatte vor weiterem Leid bewahren wollen, wie den Freund von ihm erlösen, seinen kompakten Leib vor Ellie Hertzfeld gepflanzt hielt, sie, die Abwesende, im Rücken, das Gesicht dem Söldner zugewendet, so trotzig entschlossen, sie vor ihm abzuschirmen. Er breitete sogar die Arme aus.
„Du kennst sie?“ fragte ihn Broglier.
Er habe sie ein paarmal gefahren.
„Wo ist denn dieses Boudoir?“ fragte Kignčrs. Er sähe sich das gerne einmal an.

Argo-Ergänzungsseite zu 439

und ewigkeiten steigen auf in einem augenblick

when perception is abundant
and speech so insufficient

the moment is approaching
to promise everything.

Laib.


Schöpfung & Kultur.
Täler erkennen in den Bergen.
Darunter Seen, vielleicht.
Ein Satellitenfoto.

Malaria. Döblins Wallenstein (1).

Aus seinem Bau, um den herum er mit Schonung fraß, stöberte das bayrische Heer den Bastard von Mansfeld. Von da strömte ihm, wegweisend, pestilenzialischer Geruch entgegen. Eine Seuche war in den Lagern der Beidhaus ausgebrochen, hatte sich mit Werbern Furien Streifkorps beutemachenden Tummlern blitzartig durch die Wälder und Berge verbreitet, zuckte unter Bauern und Knechte, gepanzerte Kürisser Musketenträger. Aus den Tümpeln stieg die Brut der Mücken und Stechfliegen. Unter der schilfdurchstochenen Oberfläche der Wasser, dicht am Spiegel, hingen die Millionen Larven wie herrenlose Naturtrümmer, gleichmäßig Luft saugend durch ihre kleinen Atemröhren. Dick schwoll ihr Kopf an, hob sich über den Spiegel, die Schale zitterte, knisterte, spannte sich, riß über der Schläfe, seitlich; langsam drängte sich das lange, junge Gebilde durch, eingelegt Fühler Glieder Flügel, rastete, sich spreizend, auf einem Blatt der Wasserlinse, hing flügelspannend großbeinig an einer Schilfscheide. Surrte in der Dämmerung aus. Die Luft mit Zirpen und feinem hohen Singen durchadernd. Spürsame suchende Mücke mit schwankendem Ringelleib, vor sich zwischen hauchartigen Fühlern gerade ausgestemmt den langen Stechrüssel, der wie ein Spieß steif auf dem Köpfchen wuchs, vor dem Prellbock des klobigen Brustwürfels. Das trug sich tausendfach, zehntausendfach, millionenfach durch die Abendluft mit gläsernen Flügelchen. Setzte sich an den Mund, an die Stirn, auf die Hand, die >>>> ein Brot brach, an den Hals, zwischen den geschnittenen Bart des Kornetts und Rittmeisters und die venezianischen Kragen. Riß sich einer, vom Pferde springend, schweißbegossen das Wams auf, kühle Luft gegen nasse Brust gehen zu lassen, so krallte sich das kleine Flügelwesen ungesehen an die warme Haut, sog ein Tröpfchen Blut, speichelte im Biß ein Tröpfchen Gift ein. Dann konnten die Soldaten auf ihre Jagd gehen, die Leute an Torsäulen und Brunnen aufhenken, das Vieh forttreiben, gewaltig prassen -, inzwischen liefen die Fieber durch ihre Körper, Abend um Abend, verwandelten ihr Blut in einen tropischen Sumpf, Kornetts mochten brüllen, den sauren Wein dieses Jahres in Kannen schlucken, gefahrdrohend auf ihren Gäulen vor hundert Mann durch die stillen schornsteindampfenden Dörfer segeln, Leder vor der Brust, dichtmachende Papiere um den Hals, breitbackig und heiß auf den übersättigten Tieren: es vibrierte in den Knien, der Koller mußte herunter, die Waden waren schwach, vor den Augen flimmerten Regenbogen; das Frieren und Zähneklappern fing an, die Nacht lag man im Heu, im Bett, drohte heiser, als wäre nichts, und tags darauf war man schwächer, von Ritt zu Ritt gespenstischer. Und das fiel über die Obersten, die Pikeniere wie über die Huren und ihre Weibel. Die Seuche tötete nicht viele. Wen sie befiel, den machte sie schwach und noch rasender, als er schon war. Wer starb, verweste, wo er fiel. Gelb, schwach lachend ging man umeinander in der Hitze.
>>>> S. 92/93.
<
>>>> Wallenstein 2

Die Vorhänge der Wirklichkeit (3). Daniel F. Galouye. Aus dem Entwurf des Typoskripts, noch ohne Sprecherzuordnung.

(...)
Off:
Bequeme Sessel zählten zur Einrichtung, und Fresken, die die Saiten des Heimwehs strichen, zierten die Wände.

Darüber O-Ton: Straßenszene. Den Spaziergang machen und aufnehmen! Dazu Sprecher (Erzähler):

Ein Spaziergang in Berlin-Mitte. Unter den Linden. Staatsoper. Gegenüber die Käthe-Kollwitz-Wache Bebelplatz und Humbold-Universität. Hoch auf dem Sockel Rauchs Alter Fritz auf dem Pferd, in der Bronze frisch restauriert. Schon die Showrooms von Bentley Rolls Royce. Gegenüber das The Westin Grand. Dann - wir biegen in die südliche Friedrichstraße - einmal ums Karrée, das nicht sündliche, leider, und nochmal links bis zum Gendamenmarkt. Diagonal darüber auf das SERG zu, die „Stiftung für elektronische Reizung des Gehirns“, worin mit dem Persönlichkeitsaustausch, heißt es, experimentiert wird. Milieusimulator. Simulektronik. Ein Ableger Max Plancks: Tochter-Institut.

Es handelte sich um eine Institution, die die Interessen von allem und allen vertrat, überall, durch alle Zeiten, durch allen Raum. (…) In der Abteilung „Sicherheit“ checkte Hawthorn gerade die Leute von der Nachtschicht ab. Viele der Männer waren noch nicht voll in das Geheimnis der Stiftung eingeweiht. Das einzige, was sie wußten, war, daß ihre Aufgabe darin bestand, unauffälligen Schutz für eine wichtige Person zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Irgendwann später würden sie die volle Wahrheit erfahren. Und von da an würden sie nur noch zwei Dinge kennen: Furcht und Schrecken.

Er hatte nichts als eine leere Stille im Krankenzimmer hinterlassen, gestört allein von raschelnden Vorhängen, die in der Brise vom Golf die Muster des Sonnenlichts am Boden tanzen ließen.

aus dem Off darüber (O-Ton hörbar gedimmt):
Die Vorhänge der Wirklichkeit. Ein phantastisches Hörstück über das Werk Daniel Francis Galuoyes. Von Alban Nikolai Herbst.

O-Ton wieder aufdimmen.

Die hohen Scheiben locken, rechts und links daneben Cafés, gegenüber, uns im Rücken, das Konzerthaus. Erste Stühle und Tische stehen schon draußen, wie wir im Vorbeigehen sahen. Von der nahen Lappenschleuse ahnen die Touristen nichts.

Off:
Er tritt ein.

O-Ton: das Innere des Showrooms. Begrüßung und Frage der Hostess: „Was wünschen Sie?“ Je nachdem. Aufnahme machen.

Selbstverständlich wird die junge Dame (beschreiben!) nicht konkret, sondern erzählt nur allgemein, an was hier gearbeitet wird. Etwa, daß in einer künstlichen Computerwelt, die sehr an Second World erinnert, aber deren Geschöpfe sich als richtige Menschen fühlen, sowohl Marktumfragen durchgeführt wie Krisenszenarien inszeniert würden, deren wichtigstes, sagt sie, derzeit die globale Erderwämung sei. In einer der Welten stehe bereits Hamburg unter Wasser. Ja, das sei öffentlich, man könne sich das auf dem Screen ansehen, der die Daten des Rechners in Bilder übersetze – ein wenig, sagt sie, seien die noch ruckhaft: wie zu Anfang des Kinos,

Aber das ist lustig, wenn die ertrinken.

Zwar farbig, doch noch ohne Ton.

Wir arbeiten daran. - Wenn Sie mir jetzt bitte folgen möchten?

Unterdessen haben sich genügend Schauwillige, darunter auch hereinverirrte Touristen, zusammengefunden. Einzelführungen gibt es nicht. Oder nur dann, denke ich mir, wenn jemand gute Beziehungen hat. Ich möchte aber schon nicht, daß man mitbekommt, wie ich hier akustisch spioniere.

Wir sind mittlerweile zu genauen Prognosen fähig, wann der Katastrophenfall für welche Stadt der Ebene eintreten wird.

Sie nutzen den Rechner auch für demoskopische Zwecke?

Sie räuspert sich - jedenfalls gibt sie keine Antwort.

Im Parteienauftrag?

Ich insistiere besser nicht. Wir kommen an einer Reihe verschlossener Türen vorbei. Es ist vollkommen still, einzig wir Besucher sprechen, doch auch dies nur gedämpft. Ein wenig kommt man sich wie in einer Kirche vor, jedenfalls einem geheiligten Raum. Keinem von uns, das ist zu spüren, ist das angenehm, auch der jungen Dame nicht, die uns führt und immer mal wieder versucht, einen Witz zu plazieren oder sonst etwas zu sagen, daß der Situation die Schwere nimmt.

Sie sind sich sicher, daß es draußen noch die Welt gibt?

Sollen Angebot und Nachfrage[“, antwortet sie, „]während der kosmischen Expansion ausgeglichen bleiben, dann müssen neu entdeckte Kulturen in den Produktionsprozeß mit eingegliedert werden.(...) >>>> Galouye 3
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